Impuls zum Gründonnerstag (1. April) - Gedanken zu Apg 4,32-35
Beim Auszug aus Ägypten beginnt eine neue Zeitrechnung, das Geburtsfest Israels. In den Familiengemeinschaften soll ein Mahl der Eile gehalten werden. Es ist Pessach – Vorübergang des Herrn, mit seinen lichten und finsteren Seiten. Die Befreiung hat ihren Preis. Wer anderen den Tod zudachte, ist selbst des Todes. Das nächtliche Unheil soll jedoch an Israel vorüberziehen. Wo das Blutzeichen sichtbar ist, kann kein weiteres Blut vergossen werden. Die Nacht des Auszugs bringt die End-Scheidung zwischen Israel und Ägypten. Das Fest der Befreiung sollen die Befreiten in allen kommenden Generationen feiern. Die Erinnerung an das Ende von Knechtschaft und Entfremdung soll die Hoffnung auf eine kommende endgültige Erlösung wachhalten. Hirtenfest und Bauernfest werden verbunden. Das Lammopfer im Frühjahr war wie das Essen der ungesäuerten Brote eine Art Natursakrament. Es wird nun zum Erinnerungszeichen für etwas Neues und Unvorhersehbares. Unheimliche, lebensbedrohliche Kräfte werden gebannt. Das gemeinsame Mahl ist ein Zeichen der Einswerdung. Das Frühlings- und Schöpfungsfest wird im Exodus zum Geschichtsfest. Durch das Wiederauflebenlassen in jedem Jahr werden die Menschen aller Zeiten hineingenommen in das Geschehen der Befreiungsnacht. Jeder soll sich selbst begreifen lernen als Teil des Volkes, das der Herr in die Freiheit berufen und hinausgeführt hat. Der endgültige Auszug aus Ägypten ist nicht nur die politische Befreiung von einem Tyrannen, sondern ein Wandel des Lebens mit dem Ziel der erneuerten Gottesbeziehung. Das Pessachfest bezeugt die bleibende Erwartung, dass der Herr immer wieder, wie einst in Ägypten, zugunsten der Seinen einschreiten wird. Das Gedenken ist nicht eine rückwärtsgewandte Vergangenheitsbetrachtung, sondern dient dazu, den Glauben an den Befreiergott zu bewahren und zu mehren. Aus der heilvollen Vergangenheit erwachsen Perspektiven für die Gegenwart und die erhoffte Zukunft. Im Gedenken wird die erinnerte Realität vergegenwärtigt und aktualisiert: „Das ist heute!“ Das Pessach ist eine Einladung zur immer neuen Glaubensfeier. Wenn Gott einmal die Menschen befreit hat, kann er das immer wieder tun.Die Flucht einer kleinen Gruppe ehemaliger Sklaven aus dem Land der Unterdrücker ist weltgeschichtlich völlig belanglos, doch für Israels Geschichte und Glauben von fundamentaler Bedeutung. Im Pessachfest begeht Israel die Feier seiner besonderen Erwählung und bekennt sich zu seinem Gott, der Befreiung und neue Beheimatung schenkt, der an Israel ein solch hohes Interesse zeigt wie an einem Familienmitglied.Am Gründonnerstag wie zu Ostern erinnert sich die Kirche besonders daran, dass sie nicht aus dem Nichts geworden ist, sondern auf dem Glauben Israels basiert. Dass sie genauso eine Glaubensgemeinschaft des Aufbruchs ist, immer auf dem Weg von der Unfreiheit in die Freiheit Gottes.
Daniel Hörnemann
Impuls zum Palmsonntag (28. März) - Gedanken zu Mk 11, 1-10
Es gibt eine Reihe biblischer Ermahnungen zur Demut. Dabei ist mit Demut kein schwaches Selbstwertgefühl oder gar Unterwürfigkeit gemeint. C. S. Lewis bemerkte einmal: „Demut bedeutet nicht, gering über sich zu denken, sondern weniger an sich zu denken“. Die Prozession am Palmsonntag (die wir allerdings heuer nicht feiern konnten) wird oft als eine Art „Siegeszug“ bezeichnet. Warum war der Einzug Jesu in Jerusalem provokativ? Dabei dürfte ein kleiner Esel eine große Rolle gespielt haben: Nach Ansicht einiger Gelehrter zogen Könige einst auf diese Weise in Jerusalem ein, um ihre Regierungszeit zu beginnen. Der bescheidene Esel signalisierte die Demut und den guten Willen des Königs gegenüber dem Volk, das er regieren wollte. Jesus kannte zweifellos die einschlägigen Stellen aus der Schrift, die in Zusammenhang damit stehen. Auch war er mit Sicherheit nicht „demütig“ in der Weise, wie es die Hohepriester, Schriftgelehrten und einige der Pharisäer von ihm forderten. Während seiner letzten Tage steckte hinter jeder seiner Handlungen eine Art „erhabener Trotz“. Den Schlussakt setzt Jesus in Jerusalem, indem er den Fehdehandschuh hinwirft als eine bewusste Aufforderung an die Behörden, ihr Schlimmstes zu tun. Was können wir aus den Worten und Taten Jesu über Demut lernen? War Jesus demütig vor Gott? – Ja, das war er mit Sicherheit, sonst hätte er den Himmel nicht verlassen, um die Weltbühne zu betreten. War er demütig vor seinen Feinden? – Das wohl kaum! Es kann Zeiten geben, in denen die Erfüllung unseres christlichen Zeugnisses darin besteht, sich den Erwartungen anderer zu widersetzen. Wahre Demut ist keine Sanftmut. Es ist auch nicht Mangel an Mut, wenn Mut erforderlich ist, sondern selbstloser Gehorsam gegenüber Gott. Wahre Demut im biblischen Sinne kann hin und wieder bedeuten, Autoritäten herauszufordern, für Prinzipien einzustehen und für andere Verantwortung zu übernehmen. Und das bedeutet unter Umständen, sich couragiert selbst in die erste Reihe zu stellen, wenn es für den Dienst erforderlich ist, zu dem uns Gott gerufen hat. Am Ende aber, wenn wir wirklich demütig sind, unterwerfen wir uns dem Willen Gottes, so wie es Jesus getan hat, als er sich entäußerte und kurz vor seinem Tod am Kreuz im Garten von Gethsemane den bitteren Kelch des Leidens angenommen hat. Jesus hat sich weder selbst erhöht noch hat er sich geweigert, erhöht zu werden. Er hat sich völlig dem Willen seines Vaters ergeben.
Athanasius Wedon
Impuls zum 4. Fastensonntag (14. März) - Gedanken zu Joh 3, 14-21
Das Evangelium ist ein kleiner Ausschnitt aus einem nächtlichen Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus. Ein einflussreicher Pharisäer war Nikodemus, er hatte etwas zu verlieren. Daher schleicht er sich des Nachts zu Jesus und stellt ihm seine theologischen Fragen. Irritiert ist er, weil er Jesus, seinen Gesprächspartner, nicht richtig einordnen kann.
Er passt einfach in keine Schublade. Er teilt Jesus sein theologisches Wissen mit und das, was er über ihn gehört hat: Ein von Gott gekommener Lehrer, der Zeichen tut und mit dem Gott ist. Eine Frage stellt er nicht, er präsentiert sich als Wissender. Nur keine Schwäche zugeben, er ist ja schließlich ein angesehener Theologe. Nun, das Gespräch verläuft nicht wunschgemäß. Es geht gründlich daneben. Auf das Kundtun seines theologischen Wissens antwortet Jesus ebenfalls mit einem theologischen Lehrsatz. Er eröffnet damit das Thema der Neugeburt, die notwendig ist, um in das Reich Gottes zu gelangen: Es geht um Umkehr. Aber Nikodemus ist so verkopft, dass er alles viel zu ernst und auch noch wörtlich nimmt. Er versteht gar nichts. Also kommt das, was zu erwarten war: Eine lange theologische Rede Jesu, in der er versucht, die Neugeburt zu erklären. Und damit alles noch komplizierter macht. Leider gibt uns Johannes keinen Einblick in die Gefühlslage der beiden Gesprächspartner. Wir können sie nur erahnen. Da reden zwei aneinander vorbei und bewegen sich intellektuell auf theologischen Höhenflügen. Das geht auch noch ein drittes Mal so. Die Nachfragen des Nikodemus werden immer kürzer, die Antworten Jesu immer länger. Einfach misslungen. So sollte es nicht sein, wenn man so wichtige Themen erklärt. Also versuchen wir, die Worte Jesu einfach zu übersetzen: Es geht Jesus um das ewige Leben. Leben ist im Johannesevangelium wichtig; es endet nicht mit dem biologischen Tod. Es geht um Rettung jedes Einzelnen. Und genau das ist die Aufgabe Jesu. Darum ist er in die Welt gekommen. Er will retten und nicht richten. Die wichtigste Voraussetzung ist der Glaube. Keiner soll verloren gehen. Jeden möchte er gewinnen. Aber jeder kann selbst entscheiden, ob er/sie sich für diese großartige Zusage entscheidet, oder ob er – mit den Worten des Johannes – im Dunkeln bleiben möchte. Es gibt nur ein Entweder – Oder: Licht oder Finsternis, ewiges Leben oder Gericht. Eigentlich ist es ganz einfach und die Entscheidung müsste klar sein. Aber: Ist Ihnen das wichtig? Glauben Sie an ein ewiges Leben? Glauben Sie daran, dass der Alltag in dieser Welt nicht alles ist? Wenn ja: Ändert das Ihre Lebensgestaltung? Wenn nein: Was hält Sie davon ab, sich Jesus ganz anzuvertrauen?
Alois Balint
Impuls zum 3. Fastensonntag (7. März) - Gedanken zu Joh 2, 13-25
So ein Wutausbruch hinterlässt in der Regel Eindruck – vor allem, wenn man ihn gerade nicht erwartet. Es ist gut, dass es auch über Jesus die Geschichte von so einem Wutausbruch gibt – wie auch immer sie sich zugetragen haben mag. Offensichtlich war die Überlieferung von der sogenannten Tempelreinigung so wertvoll, dass man diese Erzählung unbedingt zum Kern der Botschaft Jesu dazurechnete. Es ist gut, dass wir Jesus in dieser Erzählung einmal wütend erleben dürfen, zornig, als einer, der sich für einen Moment nicht unter Kontrolle hat. Das hinterlässt Eindruck, bei den Menschen damals, aber vielleicht auch bei uns heute. Wie passt das zu den Bildern, mit denen Jesus sonst beschrieben und dargestellt wird: als Lehrer, Prediger, Freund oder Meister, immer freundlich und sanftmütig und vor allem beherrscht? Die Geschichte von der Tempelreinigung zeigt uns eine ganz wichtige Seite von Jesus. Jesus – ganz Mensch – teilt in dieser Szene mit den Menschen, was ihm wichtig ist, wovon er zutiefst überzeugt ist. Er verbirgt sich nicht vor den anderen mit dem, was er denkt, und vor allem nicht mit dem, was er fühlt. In diesem einen unkontrollierten Moment schafft Jesus eine Nähe, die er mit keinem Gleichnis, mit keiner Predigt erreichen könnte. Dieser zornige, grobe Jesus berührt die Menschen: Er verstört sie, bringt sie aus dem Takt, aber er berührt sie und kommt ihnen nahe. Doch was ist der Grund für diesen Wutausbruch Jesu, der uns beeindruckt? Vielleicht werden wir, wenn wir diese Erzählung hören, zu Zeugen eines Kulturwandels. Jesus stellt durch sein Verhalten den damaligen Tempelkult in Frage, genauer gesagt die Rahmenbedingungen für diesen Kult. Aus allem wird Geld gemacht. Die Pilger können die Opfertiere nicht von weit her mitbringen, weil sie dann vielleicht Schaden nehmen und nicht mehr makellos wären, somit schafft man einen Markt möglichst nahe am Zentrum des Tempels in den Vorhallen. Und weil man dort mit römischem Geld nicht zahlen kann, finden sich zahlreiche Geldwechsler dort, die mit einem guten Aufpreis die Münzen aus aller Welt in tempelfähiges Geld wechseln, mit dem die Pilger dann die Opfertiere kaufen können. Aus einem religiösen Bedürfnis wird ein Geschäft gemacht und dieses Geschäft wird in den Bereich des Heiligen hineingezogen. Hier findet eine Entfremdung zwischen Gott und Menschen statt: Der Zugang zu Gott – zum Heiligen – wird geschäftsmäßig geregelt und damit in letzter Konsequenz verstellt. Das spürt Jesus und es macht ihn so wütend, dass es aus ihm herausbricht. Ein Ziel seines Wutausbruchs könnte es gewesen sein, diese Entfremdung zu entlarven und Gott und Menschen einander wieder näherzubringen. Anselm Grün bezieht aber diese Szene auf uns: „Unser Leib gleicht oft einer Markthalle. Da gibt es lärmende Händler und schreiende Geldwechsler. Diese stehen für den inneren Lärm unserer Gedanken. Dann gibt es die Rinder, Schafe und Tauben. Rinder sind ein Bild für das Triebhafte in uns, die Schafe für das Oberflächliche, die Tauben für die hin und her flatternden Gedanken. – Die Fastenzeit will anleiten, unser inneres Haus zu reinigen. (aus „Fasten, der Weg nach innen“) Mit dem Zorn der Liebe will Jesus auch mich wecken: In dir, guter Mensch, ist zu viel los! Du bist unaufgeräumt. Wir sind alle von Ihm heute gefragt: Was gehört nicht hierher? Was muss raus? Welche Gewohnheiten verbauen – so schön und nützlich sie vielleicht waren und sind –, den Zugang zu dem, dem ich gehöre? Mein Inneres kann eine Begegnungsstätte mit Gott werden! Wir sind keine systemrelevante Institution, sondern Tempel des Heiligen Geistes. Er ist das Allerheiligste in Person, der eintritt unter mein Dach, der in mir Schwerstarbeit verrichtet. In mir will er das Überflüssige ausräumen, damit ich die Augen und Ohren freibekomme für seine leise Nähe.
Alois Balint
Impuls zum 2. Fastensonntag (28. Februar) - Gedanken zu Mk 9, 2-10
Ich habe mich gefragt, ob man dem Evangelium von der Verklärung die Überschrift geben könnte: Was muss man tun, damit man Freunde nicht verliert? Die Gefahr bestand ja durchaus, denn Jesus war mit seinen Jüngern auf einem Weg, von dem die Jünger am liebsten nichts hören wollten. Dieser Weg nach Jerusalem war für sie keine Frohbotschaft. Jesus hatte von Ablehnung, Verurteilung, Leiden und Tod, aber dann Auferstehung gesprochen. Auferstehung war das Entscheidende. Aber das konnten sich die Menschen damals und auch die Jünger gar nicht vorstellen. Leiden und Tod haben sie gekannt, und das hätte man am liebsten vermieden. Und darum ist der Apostel Petrus absolut nicht einverstanden, wenn Jesus von Leiden und Tod spricht. Eine solche Katastrophe macht doch keinen Sinn.Was kann so ein Ereignis wie die Verklärung Jesu in einer solchen Krisensituation bedeuten? Von den Ikonenmalern der Ostkirche ist bekannt, dass sie am häufigsten das Bild der Verklärung malen. Sie sagen: Da zeigt Jesus sich in der Herrlichkeit des Auferstandenen. Das könnte also bedeuten, Jesus will seinen Jüngern zeigen, dass der Weg nach Jerusalem nicht im Tod endet, sondern in der Herrlichkeit der Auferstehung. Das könnte sie motivieren, mit ihm auf dem unerfreulichen Weg zu bleiben. Aber da bleiben dann doch einige Fragen, wenn man genauer auf die Worte des Evangelisten Markus hört. Jesus nimmt nicht alle Jünger mit auf den Berg, obwohl doch alle einen solchen Lichtblick hätten gebrauchen können. Markus sagt eigens: Nur diese drei. Und dann schaut man natürlich näher hin, wer diese drei sind und warum gerade diese drei. Hat Jesus eine Elite mitgenommen? Waren die andern nicht in der Lage, ein solches Ereignis richtig zu verstehen und zu deuten? Wenn man auf den Plan des Petrus hört, der Hütten bauen will, dann klingt das ja nicht gerade nach großem Verständnis. Wahrscheinlich war jeder Kommentar zum Weg nach Jerusalem ungeeignet. Sinnvoll war nur das Hören auf Jesus, den Gott als seinen geliebten Sohn bezeichnet, der weiß, was er tut und warum er so handelt. Aber die Verklärung hat die Jünger nicht vor dem Weglaufen im Leiden Jesu bewahrt. Und wenn man auf den Hinweis Jesu achtet, war die Verklärung nicht für die unmittelbare Verkündigung gedacht. Wahrscheinlich hätte niemand etwas damit anfangen können. Die Lösung für alles würde die Auferstehung sein. Und davon hatte noch keiner eine Ahnung. Man fragte sich, was das denn sei. Und was das mit Kreuz und Leiden zu tun ha
ben könnte.Diese Frage lässt mich an den Isenheimer Altar denken. In ergreifender Weise hat Matthias Grünewald Leiden, Tod, Auferstehung und Herrlichkeit gestaltet. Sein Werk war für Menschen gedacht, die von Leid betroffen waren. Zu ihrer Therapie gehörte es, den leidenden Christus zu betrachten und hindurchzuschauen in die Herrlichkeit seiner Auferstehung. Denn jetzt war die Auferstehung nicht mehr Utopie, sondern Wirklichkeit des Glaubens. Und Herrlichkeit war Zukunft, aber nicht am Leiden vorbei.
Alois Balint
Impuls zum 1. Fastensonntag (21. Februar) - Gedanken zu Gen 9, 8-15
„Ich bin es.“ So beginnt Gott in der Bibel seine Rede an Noah und seine Söhne. Wenn Gott so beginnt, dann offenbart er auch ein Stück von seinem Wesen. Das kennt man von der Dornbuschgeschichte. Es bedeutet: „Schaut her! So bin ich!" Gott zeigt sich am Ende der biblischen Urgeschichte als der, der die Menschen nicht mehr bestrafen, sondern mit ihnen verbunden bleiben will. So schließt er mit dieser neuen Menschheit – bestehend aus Noahs Familie – einen Bund für alle Zeiten. Diesem Bund wohnt ein großer Ernst inne, denn mehrfach betont Gott in seiner Rede das Miteinander von ihm, dem Schöpfer, mit seiner Schöpfung: Mit euch, ihr Menschen, mit allen bei euch, allen Lebewesen, mit allen, die nach euch kommen werden. Und so umfassend dieser Bund mit allen Lebewesen ist, so klar schließt er alle vergangenen Handlungen Gottes nun kategorisch aus: „Nie wieder“ soll es eine solche Vernichtung wie in der Sintflut geben. Fast meint man, Gott habe mit der von ihm geschaffenen Welt einen Lernprozess durchgemacht: Die große Sünde der Menschen, die Gott festgestellt hatte, lässt sich nicht (noch einmal) mit Sintflut bekämpfen. Als Zeichen für diesen Bund mit den Menschen setzt Gott den Regenbogen. Und dieser lässt sich direkt dreifach deuten, dass Gott es ernst meint und die Menschen in diesem Bund mitverpflichtet. Erstens lässt sich der Regenbogen im Sinne altorientalischer Religionen als Bogen eines kriegerischen Gottes deuten, der nun aber niedergelegt ist. Mit der Sehne zur Erde, dem Bogen in den Wolken ist er ein Zeichen des Waffenstillstands, des Friedens. Zweitens ist der Regenbogen – wie in vielen Religionen über die ganze Welt hin – Zeichen der Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Menschen und Gott. Gott handelt nicht einseitig von oben herab, sondern will Bewegung zwischen Himmel und Erde, will Verbindung, Kommunikation, Liebe. Eine umfassende Bestrafung aller Menschen ist nicht in seinem Sinn. Drittens ist der Regenbogen früher wie heute in Flaggen, Bildern und Symbolen ein Sinnbild für die Zusammengehörigkeit der Menschen geworden. Zusammengenommen bedeutet dies, dass Gott nie den Tod der Menschen will, auch wenn sie gegen seinen Willen handeln. Er will vielmehr mit ihnen verbunden sein, er will ihre Verschiedenartigkeit und ihren je eigenen Weg zu ihm, ihre je eigene Form der Zuneigung zu ihm. Und dieser Bund zwischen Gott und Menschen ist dann auch Urbild und Vorbild für die Gemeinschaft der Menschen untereinander: „Nie wieder“ sollen sich Menschen gegenseitig vernichten, weil sie ihren Willen bei den anderen nicht durchsetzen können. Vielmehr sollen sie in Verbindung bleiben, ihre Verschiedenartigkeit aushalten und sich in Liebe begegnen können. Dafür stand der Regenbogen zu Noahs Zeiten. Und dafür steht er noch heute.
Alois Balint
Die Geschichte des Phönix
»Es gibt einen Vogel in Indien, genannt Phönix. Alle 500 Jahre fliegt er zu den Bäumen des Libanon und füllt seine Flügel mit Duftstoffen. Dann steigt er auf den Altar, entzündet dort das Holz und verbrennt sich selbst. Am Tag darauf findet sich in der Asche ein kleines Lebewesen. Am zweiten Tag zeigt sich dieses als Jungtier und am dritten Tag als ausgewachsener Vogel, der in seine Heimat zurück fliegt.«
Diese Legende vom Phönix steht in einem sehr alten christlichen Buch über die Natur. Es bietet auch eine Deutung des fabelhaften Wesens: »Dieser Phönix ist ein Sinnbild für unseren Erlöser Jesus Christus«, heißt es dort. »Denn auch dieser kam vom Himmel herab.« Das Schicksal des Phönix erinnert an das Sterben Jesu. Wie der Phönix auf dem Altar vergeht und nach drei Tagen wiederbelebt wird, so verging Jesus am Kreuz und erstand am dritten Tag zu neuem Leben. Auf dieses Geheimnis bereiten wir uns in dieser vorösterlichen Zeit vor.
Die Geschichte vom Phönix passt, finde ich, sehr schön in die Fastenzeit. Wie dieser seltsame Vogel, so haben auch wir die Gelegenheit, uns in diesen 40 Tagen zu erneuern. Einige Bedingungen für eine solche Erneuerung lassen sich aus der Fabel herauslesen: Unser Neuanfang muss erstens freiwillig geschehen. Wir müssen selbst die Notwendigkeit erkennen und uns aufschwingen, etwas in unserem Leben neu zu gestalten. Sodann muss etwas Altes vergehen und zu Asche werden: eine schlechte Angewohnheit, eine alte Geschichte, die uns nachhängt, oder eine falsche Ausrichtung unseres Lebens. Für den Neustart braucht es drittens Zeit und Geduld; es geht nicht von heute auf morgen. Es braucht dafür vielleicht drei Tage, vielleicht auch die vierzig Tage der heute beginnenden Buß- und Fastenzeit. Und schließlich soll dieser Erneuerungsprozess mit Würde und Wohlgeruch vonstattengehen. Wir sollen in unserer Umkehr nicht Trübsal blasen, sondern es frisch und positiv anpacken, sagt uns schon der Evangelist Matthäus. Nutzen wir diese Zeit, die Gott uns eröffnet. Nicht, um grundlos abzuheben, sondern um leichter weiter zu leben, befreit von manchem Ballast.
Der Phönix fliegt nach seiner Erneuerung in die Heimat zurück, erzählt die Fabel. Ein Neuanfang muss nicht in eine ganz andere Welt und in ein fremdes Leben führen. Die Kunst besteht darin, erneuert in das eigene Leben zurückzukehren.
Elisabeth Humpert
Aschermittwoch (17. Februar) – Gedanken zu Mt 6, 1–6.16–18
Vor einem Jahr haben wir die Ostervorbereitung mit der Ausgangssperre wirklich wie in der Wüste anfangen müssen. Leider hat sich die Lage bis jetzt noch immer nicht verbessert. Erstaunlicherweise ist aber der alte Sinnspruch „Sehen und gesehen werden“ noch immer gültig. Sogar die ständige Online-Präsenz verstärkt diese Lebensweise noch. Viele machen sich abhängig von der Anzahl ihrer Follower, von Likes und der Zahl der täglichen Klicks und Emails. Auch das religiöse Leben macht nicht Halt vor dieser Tendenz. Sehen und Gesehen werden ist eine Haltung, die sich auch bei Frömmigkeitsübungen aller Art erkennen lässt. Wer schaut inbrünstiger aus, wer faltet besonders andächtig seine Hände, wer guckt wohin … In Erinnerung geblieben ist ein Gespräch mit einer Gemeindegruppe, die ihre jährliche Wallfahrt organisierte. Da sie bereits alle Orte in der Nähe in ihrem Jahresprogramm besucht hatte, wurde ich um Rat gefragt. Die Antwort: „Waren Sie schon einmal beim lieben Gott zur Wallfahrt?“ hätte ich gerne gegeben.
Die Gratwanderung ist schmal: Pietät, also Frömmigkeit braucht Riten, Rituale, Programme und Strukturen.
Es besteht schnell die Gefahr, in ein oberflächliches Absolvieren abzudriften oder schlimmstenfalls in einen zur Schau gestellten Glauben, der wie ein Mantel übergezogen wird und nicht wirklich wärmt. Und wir alle kennen beide Formen von Frömmigkeit in unserem Leben.
Die Bergpredigt, aus der das heutige Evangelium stammt, rüttelt uns zu Beginn der Fastenzeit auf, die eigene Frömmigkeit zu überdenken und zu ordnen. Radikal sind die Forderungen Jesu und daher sehr anschaulich. Jeder veräußerlichte Kult wird kritisiert. Frömmigkeit bekommt ein leises, unsichtbares und diskretes Gesicht: Wer Almosen gibt, soll darüber schweigen. Gutes Tun und nicht darüber reden. Wer betet, soll dies in seiner Gebetskammer tun. Beten und nicht Gebete sprechen. Wer fastet, soll nicht finster dreinschauen. Fasten und Freude ausstrahlen – trotz knurrendem Magen. Gar nicht so einfach. Es geht um die Motivation, um das, was sich tief im Herzen verborgen abspielt: Warum geben Sie Almosen? Wegen der steuerlichen Vorteile? Oder weil Sie barmherzig sind mit Menschen, deren Not Sie anrührt? Die Sie nachts nicht schlafen lassen? Warum beten Sie? Weil Sie es von Kindesbeinen an gelernt haben und es einfach zum Alltag dazu gehört? Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Aber wie steht es mit Ihrer Gottesbeziehung wirklich? Ist diese lebendig? Und warum fasten Sie überhaupt? Weil Sie nach der Weihnachtszeit immer noch Übergewicht haben oder es medizinisch angeraten ist? Auch das sind keine schlechten Gründe. Aber fasten Sie auch, um Ihre Sehnsucht nach Gott tiefer zu spüren? Die Corona-Pandemie, die unsere Welt fest im Griff hat, kann uns lehren, den Blick mehr nach innen zu werfen. Der Blick wird auf das Wesentliche gelenkt. Viele räumen in ihrer Wohnung auf, bleiben eher zuhause, anstatt auf Reisen zu gehen. Ob diese Menschen auch bei sich selbst daheim sind? Ob sie auch in ihrer Seele aufräumen und mit ihrem Glauben ernst machen?
Die Fastenzeit ist eine Art „Quarantäne mit Gott“ und Einladung, mehr innen aufzuräumen und weniger draußen zu leben! Ohne religiösen Exhibitionismus, bescheiden und ehrlich wünsche ich uns allen, dass das Aschenkreuz uns innerlich von Gott „tätowieren“ lässt und uns wahrhaft unter die Haut geht!