34. Sonntag im Jahreskreis (26.11) - Gedanken zum Christkönigsfest
Anfang Mai dieses Jahres wurde der britische Thronfolger Charles in London ganz offiziell von Justin Welby, dem Erzbischof von Canterbury, mit viel ‚Pomp and Circumstance‘ zum König gekrönt. Abermillionen von Menschen nahmen Anteil daran: sei es als geladener Gast in der Westminster Abbey, an den aufgestellten Bildschirmen auf der Straße oder einfach nur am Fernsehen daheim. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die Krönung im Grunde ein höchst religiös-spiritueller Akt war, der in den Rahmen eines christlichen Gottesdienstes eingebettet wurde. Durchaus etwas, was ansonsten in der säkularen Welt kaum noch auf Interesse stößt. Was daher viele wohl auch nicht ahnten: Die Salbung des neuen Königs gehört dabei zu den wichtigsten und heiligsten Ritualen und knüpft sehr bewusst an biblische Zeugnisse an. Schon damals wurden Propheten und Könige gesalbt. Damit wurde ihnen eine Autorität zugesagt, die sie weise und klug zum Wohle aller einsetzen sollten. Etwas, was wohl auch dem britischen Monarchen zu leben aufgegeben ist. Im Gegensatz zu vielen Schaulustigen unserer Tage wollen Christenmenschen nicht nur als passive Zuschauer bei königlichen Krönungszeremonien dabei sein. Vielmehr orientieren sie sich in ihrem Leben an ihrem eigenen König, an Jesus Christus. Wenn sie diesen Gesalbten Gottes feiern und ehren, dann erinnern sie sich daran, wie er aus seiner königlichen Würde heraus da war für die Menschen seiner Zeit: Der gesalbte Gottes, der in seinem irdischen Leben um einiges bescheidener auftrat als manch gekröntes Haupt unserer Tage, hatte einen Blick für die am Rande stehenden Menschen und bot den von der Gesellschaft Ausgeschlossenen seine Freundschaft an. Dadurch gab er ihnen ihre eigene Würde zurück. Natürlich dürfen wir bewundernd zuschauen, wenn ein König auch heute noch mit viel ‚Pomp and Circumstance‘ gekrönt wird. Wir können uns aber auch dankbar unserer eigenen Königswürde bewusst werden und sie aktiv einsetzen zum Wohle jener Menschen, mit denen wir das Leben teilen. So, wie es Christus getan hat. Das Christkönigsfest kann uns dazu neuerlich ermutigen.
Norbert Cuypers
33. Sonntag im Jahreskreis (19.11) - Gedanken zu Mt 25,14-30
Jedem gerechtigkeitsliebenden Menschen muss das heutige Evangelium unangenehm aufstoßen. Vor allem der letzte Absatz – „Wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“ – gehört zu den schwierigsten Sätzen der Bibel und klingt, wenn man ihn isoliert betrachtet, geradezu unchristlich. Zwar sagen uns die Exegeten, dass dieser Absatz ein späterer Zusatz ist, der nicht zum ursprünglichen Gleichnis gehört, aber das macht es nur wenig besser: Sollen denn die Reichen auf der Erde immer reicher werden und die Armen immer ärmer? Wir wissen, dass es dieses Problem in der Weltwirtschaft tatsächlich gibt, aber soll das tatsächlich auch im Reich Gottes so sein? Hält es Gott mit den Reichen und Erfolgsverwöhnten, mit den Talentierten und Begabten; und straft er die Zukurzgekommenen, Minderbegabten, Ängstlichen und Schwachen?Wir sehen: Es muss etwas anderes sein, was hinter diesem Gleichnis steckt. Die Talente können hier nicht materielle Dinge meinen, sondern sind ein Bild für das Geschenk Gottes an uns, die Talente, die er jedem/r in die Wiege gelegt hat. Die irrsinnig hohe Summe – ein Talent Silber entsprach 6000 Denaren, ein Denar dem Tagesbedarf einer Familie, also das Gehalt von über 16 Jahren – will nur nochmal das unglaublich hohe Gut verdeutlichen, das Gott uns anvertraut hat. Ich habe eine Idee: Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir statt der Talente die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe einsetzen. Zunächst einmal sagt das Gleichnis dann nämlich, dass jedem Menschen Talente im Sinne von Tugenden und positiven Anlagen von Gott gegeben sind, die es zu entfalten gilt. Wenn ich diese Tugenden mit Blick auf andere Menschen einsetze, dann werde ich selbst letztendlich viel mehr davon haben, als wenn ich sparsam mit ihnen umgehe. Es geht um den Reichtum, der wächst, wenn man ihn einsetzt. Wenn ich selbst meinen Glauben weitergebe, werde ich in meinem eigenen Glauben bestärkt werden; wenn ich selbst Liebe schenke, werde ich Liebe erfahren; wenn ich selbst Hoffnung verbreite und zu einem Hoffnungszeichen für andere werde, kommt auch dies irgendwann zu mir zurück, denn die Hoffnung anderer kann für mich einmal lebensnotwendig sein, wenn ich selbst am Boden liege. Aber nicht nur im Leben des Einzelnen, auch im Leben der Gemeinde kann jeder Dienst, von Ministrant/in über die Katechetin bis zum Pfarrer, ein Dienst in Glauben, Hoffnung und Liebe sein. Wer bereit ist, in dieser Weise in der Gemeinde seine Talente einzubringen, wird von Gott mit neuen Gaben wie Freude, Dankbarkeit und Zufriedenheit beschenkt werden. Wie vielfältig sind die Talente in der Gemeinde! Es gibt Menschen, die durch die Organisation von Feiern und Festen für eine fröhliche Stimmung sorgen; es gibt andere, die handwerklich oder gestalterisch begabt sind; wieder andere haben eine große Empathie, um zu Kranken zu gehen und ihnen Trost zuzusprechen. Die Liste ließe sich verlängern. Der französische Schriftsteller Georges Bernanos (+1948) bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Das Leben lehrt mich, dass in dieser Welt niemand getröstet wird, der nicht selbst vorher Trost gespendet hat, dass niemand Freude findet, der nicht selbst Freude geschenkt hat. Unter uns Menschen gibt es nur Austausch; Dieu seul donne vraiment, Gott allein schenkt wirklich, er allein.“ So hat also jeder sein Talent zum Austausch, ein Talent, das er einbringen und wiedergewinnen kann. Deshalb wird der nichtsnutzige Knecht gescholten: In seiner Ängstlichkeit und seinem Sicherheitsdenken („Was ich hab‘, das hab‘ ich.“) hat er auch seinen Glauben, seine Hoffnung und seine Liebe für sich allein behalten. Damit hat er sich sein eigenes Grab geschaufelt, ja er hat sich mitsamt seinen Hoffnungen begraben. Wenn er doch nur den Keim, den göttlichen Funken, den Gott in sein Herz gelegt hat, zur Entfaltung und zum Auflodern gebracht hätte, hätte er den Reichtum des Glaubens erfahren. So aber hat er gezeigt, dass Gott in seinem Leben eigentlich keine Rolle mehr spielt, oder nur noch eine negative und bedrohliche: „Ich wusste, dass du ein strenger Mensch bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast“.Ein solches Gottesbild lähmt und verängstigt, Jesus Christus hingegen lädt uns ein, etwas im positiven Sinn zu riskieren, indem wir uns selbst hingeben, um uns so erst ganz zu gewinnen. Wir sind eingeladen, als Christen auf diese Weise zu leben. Nicht die Probleme, sondern der Reichtum des Glaubens sollte uns leiten. Nicht die Angst darf uns lähmen, sondern die Freude soll uns ermutigen. Von daher gewinnt der so schwierige Schlussabsatz wieder seinen Sinn: Wenn du aus deinem Glauben heraus handelst und andere Herzen entflammst, wirst du selbst erfahren, wie reich uns Gott immer wieder neu beschenkt. So ruft uns das Gleichnis auf, aus unserem Glauben heraus zu handeln und unsere Talente für andere einzusetzen. Dabei dürfen wir darauf vertrauen – das zeigt die Gleichbehandlung der beiden Diener, die fünf bzw. zwei Talente bekommen haben –, dass Gott nicht auf das Ergebnis schaut, nicht auf die Summe des Erreichten, sondern darauf, ob wir es überhaupt versucht haben.
Alois Balint
32. Sonntag im Jahreskreis (12.11) - Gedanken zu Mt 25,1-13
Zu spät. Die Tür des Zuges ist geschlossen, die Anstrengung hat nichts mehr genützt. Der Zug ist abgefahren. Er setzt sich nur langsam in Bewegung. Einzelne Fenster mit Leuten ziehen vorbei, dann ganze Wagen, immer schneller. Eigentlich sollte ich auch drin sein. Zu spät! Ich bleibe außer Puste am Bahnsteig zurück. Gut, es fährt wieder einer, aber ich werde nicht mehr rechtzeitig da sein. Sie alle kennen das: Wegen irgendeiner Kleinigkeit zu spät. Man macht sich Vorwürfe. Oder jemand anderer ist schuld. Man schimpft und wettert, ist böse auf sich selbst oder auf die anderen. Aber es hilft nichts. Der Zug ist abgefahren. Die unachtsamen Jungfrauen im Gleichnis des heutigen Evangeliums verpassen den Hochzeitszug. Als sie schließlich beim Hochzeitshaus eintreffen, sind sie ausgesperrt. Das Tor ist verriegelt, das Fest findet ohne sie statt. Durch ihre Unachtsamkeit und ihren Leichtsinn verpassen sie das Fest. So wird das Gleichnis zu einem anschaulichen Beispiel für die Mahnung von Michael Gorbatschow an die damalige DDR-Führung in der Wendezeit: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Dieses Wort mahnt schließlich auch uns alle, den Ruf der Stunde nicht zu überhören und die Zeichen der Zeit nicht zu übersehen. Jesus wählt das Beispiel eines orientalischen Hochzeitszuges, um zu erklären, wie wir uns das Kommen des Gottesreiches vorstellen sollen. Die Zuhörer damals verstanden sofort, was er damit sagen wollte. Das Reich Gottes ist wie ein schönes Hochzeitsfest. Es hat mit Liebe und Freude zu tun, und je mehr sich mitfreuen und mitfeiern, umso schöner ist es. Auf den Bräutigam, mit dem das Fest beginnen wird, warten zehn Jungfrauen, fünf klug und fünf törichte. Alle zehn warten und warten - und schlafen dabei ein. Das ist jedoch gar nicht schlimm. Sie müssen sich nicht angestrengt und krampfhaft wachhalten. In diesem Gleichnis geht es nicht weniger um die Wachsamkeit, sondern um die Klugheit der fünf klugen Jungfrauen. Worin besteht ihre Klugheit? Sie haben vorgesorgt, dass ihre Krüge gefüllt sind mit Öl für ihre Lampen. Dieses Öl wurde schon vielfach gedeutet. Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus z.B. schreibt: es sei „der Eifer im Almosengeben und in der Nächstenliebe“. Für Augustinus ist dieses Öl die Freude, die man in sich, in seinem Herzen trägt. Martin Luther deutete das Öl in den Krügen als die Kraft des Glaubens. Wieder andere sehen in diesem Öl die gesammelten Werke christlichen Lebens. Wir können es auch so formulieren: Das Öl in den Krügen ist all das, wodurch wir Licht in die Welt gebracht haben und in die Welt bringen. Im Gleichnis fordern die törichten Jungfrauen: Gebt uns von eurem Öl. Doch das geht beim besten Willen nicht, wenn das gesammelte Öl im Krug ein Bild für die tätige Nächstenliebe ist, für Freude im Herzen und Kraft des Glaubens, für all das, wodurch wir Licht in die Welt gebracht haben. Dieser persönliche Lebens-Schatz, das was uns zutiefst ausmacht, ist nicht teilbar. Denn letztlich steht jeder Mensch für sich und trägt für sich die Verantwortung. Vom Hochzeitsfest als Bild der Liebe her ist deutlich geworden, warum die fünf törichten Jungfrauen ausgeschlossen bleiben. Sie haben sich nicht darum gekümmert, dass in ihren (Lebens-)Lampen genügend Öl ist. Sie haben ihrer Liebe nicht genügend Nahrung gegeben, mehr auf sich geschaut. Deswegen fehlt die Freude. Eine Hochzeit aber, bei der sich die Gäste nicht freuen, ist unvorstellbar. Damit sind wir bei der Frage der Lebensrelevanz des Gleichnisses. Wenn die Ewigkeit Gottes wie eine Hochzeit, ein Fest mit Musik und Tanz, Freude, gutem Essen und Trinken ist, dann darf daran teilnehmen, wer Liebe, Freude, Glaube und Hoffnung mitbringt, wer mit liebendem, brennendem Herzen durch die Welt gegangen ist. So kommt unser Alltag in den Blick, ist doch das Hier und Heute der Ort, an dem dieses Öl gesammelt wird. Was können wir tun, damit der Herr, wenn er kommt, zu uns nicht diese harten Worte sagen muss: „Ich kenne euch nicht“!? Wo können wir Jesus heute schon begegnen, seine Nähe suchen, um ihn kennenzulernen? Die Antwort ist einfach: In der Stille des Gebetes, in der Betrachtung seines Wortes, im Empfang der Sakramente, in der Begegnung mit den Schwachen und Notleidenden, die auf meine Hilfe warten! Durch diese und viele andere Punkte sammeln wir das Öl in unseren Lebenslampen, damit wir dem Bräutigam mit brennenden Lampen (= liebenden Herzen) entgegenziehen können. Denn wenn wir schon hier seine Nähe und Gegenwart suchen, werden wir beim Beginn der ewigen Hochzeit keinem Unbekannten begegnen!
Karl Zirmer
31. Sonntag im Jahreskreis (05.11) - Gedanken zu Mt 25,1-12
Wir erleben nicht selten, dass Menschen uns etwas vorspielen, was sie in Wirklichkeit gar nicht sind. Damit wollen sie ihre Überlegenheit beweisen, um Anerkennung und Wertschätzung zu erhalten. Hinter solchen Ansprüchen verbirgt sich meist die Angst, die eigene Position zu verlieren und dann völlig hilflos und schwach dazustehen. Leider sind solche Verhaltensweisen auch unter Christen nicht selten. Mitunter tun wir uns schwer mit den Worten Jesu, die er uns in der heutigen Frohbotschaft nahelegt, nämlich dass wir alle Kinder des himmlischen Vaters sind und daher Glaubensgeschwister. So ist es nicht verwunderlich, dass wir als Kirche oft unglaubwürdig wirken. In der Frohbotschaft des heutigen Sonntages zeigt uns Jesus, dass wir es gar nicht nötig haben, nach Macht und Einfluss zu streben. Wir haben es auch nicht nötig, uns groß aufzuspielen. Denn wer überzeugt ist, dass er von Gott angenommen und geliebt wird; wer darauf vertrauen kann, dass dieser liebende Gott ihn im Leben hält; wer darauf bauen kann, dass Gott in jeder Lebenssituation zu ihm steht, der braucht nicht zu fürchten, dass er durch den Verlust einer hohen Stellung hilflos und verloren sein wird. Von dieser existenziellen Angst will uns Jesus befreien und zugleich die Kraft schenken, geschwisterlich aufeinander zuzugehen. Wenn wir diese Botschaft Jesu ernst nehmen, dann werden wir eine geschwisterliche Kirche sein, in der sich alle als Schwestern und Brüder begegnen. Wenn wir diese Botschaft Jesu ernst nehmen, werden wir eine angstfreie Kirche sein, die von Besorgnis befreit und den frohen Zugang zum Glauben und zum Leben schenkt. Wenn wir diese Botschaft Jesu ernst nehmen, dann werden wir eine dienende Kirche sein, die niemanden im Stich lässt. Eine „Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“, sagt zutreffend ein Denker unserer Zeit (Bischof Jacques Gaillot +). Eine Kirche aber, die sich von Machtgier befreien kann und zu dienen bereit ist, wird zu einer glaubwürdigen Kirche, zu einer Kirche, die zum Glauben und zum Leben führt.
Anton-Joseph Ilk
02.11 Allerseelen
Vielleicht klingt ein bisschen skurril, aber ich liebe die Friedhöfe in Deutschland. Im Gegenteil zu anderen Ländern sind hier die Friedhöfe viel grüner und sehr gepflegt. Auf unseren Friedhöfen können wir manchmal auf vielen Grabsteinen prägnante und ansprechende Inschriften lesen. Oft sind diese Inschriften in ihrer Aussage derart ausdrucksstark und inspirierend, dass sie die Vorbeigehenden nicht nur ansprechen, sondern sogar zu tieferem Nachdenken bringen. Zu solchen anregenden Grabsentenzen zählen sicherlich die folgenden Worte, die ich auf dem alten Stadtfriedhof in Offenburg gelesen habe: „Der siebente Tag hat einen Morgen, aber keinen Abend.“ Dieser Satz ist eine Art Kurzkommentar zum Bericht über die Erschaffung der Welt im Buch Genesis. Nur in der Beschreibung des letzten Tages ist keine Rede vom Abend, was klar darauf hindeutet, dass dieser Tag für Gott kein Ende hat und damit die Ewigkeit symbolisiert. Ich hoffe sehr, dass es auch für uns eine hoffnungsvolle Botschaft ist, die uns sagt, dass es eine Wirklichkeit gibt, die ewig dauert! Es ist ein Verlangen, das mit der menschlichen Natur stark verbunden zu sein scheint. Die Menschen empfinden es seit eh und je, und zwar auch diejenigen, die nicht unbedingt an ein Leben mit Gott nach dem Tod glauben. In der Antike drückte der römische Dichter Horaz jenes Verlangen mit seiner berühmten Sentenz aus: Non omnis moriar („Nicht ganz werde ich sterben“) Dies setzt jedoch ein tiefes Vertrauen in eine gewisse Kontinuität des Lebens des Menschen nach dem Tode voraus und drückt die Überzeugung darüber aus, dass man den nachkommenden Generationen etwas Nachhaltiges weitergeben könne. In diesem Sinne erinnern wir uns, wenn wir heute unserer lieben Heimgegangenen gedenken und sie Gott im Gebet anvertrauen, mit Dankbarkeit für alles, womit sie uns beschenkt haben. Wir denken an die guten Begegnungen mit ihnen wie auch an ihre guten Werke und sind ihnen und dem Herrgott für diese dankbar. Wir danken Gott „für das Gute und Schöne, das wir durch die Verstorbenen erfahren durften“ (wie wir im Gebet bei der Beerdigung es immer hören). Zurückkehrend zum Zitat aus dem Buch Genesis „der siebente Tag hat keinen Abend“, möchte Ihnen noch einen Gedanken von dem großen Kirchenlehrer Aurelius Augustinus weitergeben: „Wenn du nach der Erschaffung deiner Werke, (guter Gott…) am siebenten Tage (…) ruhtest, so verkündet uns die Stimme deines Wortes, dass auch wir, wenn unsere Werke vollendet sind (…) am Sabbat des ewigen Lebens ruhen sollen in dir.“ Möge diese ewige Ruhe unseren lieben Verstorbenen und allen, die an die Auferstehung Jesu Christi glauben, zuteilwerden.
Alois Balint
01.11 Allerheiligen-Fest - Goldene Narben
In Japan gibt es eine uralte Kunstrichtung, die aus der Not eine Tugend gemacht hat. Sie wird Kintsugi genannt, was man ungefähr mit „Goldflicken“ übersetzen kann. Kostbares Porzellan, das zu Bruch gegangen ist, wird nicht einfach im Mülleimer entsorgt. Mit einer Mischung aus Lack und Goldstaub werden die Bruchstücke vielmehr wieder zusammengefügt. Der augenscheinliche Makel des Materials wird dabei also nicht versteckt, ganz im Gegenteil: Er wird vielmehr ein sichtbarer Teil der Geschichte des Objekts, der zu seiner Schönheit beiträgt.
Ob der aus Frankreich stammende und vor genau 400 Jahren geborene Blaise Pascal die Kunst des Kintsugi kannte, weiß ich nicht. Wohl kaum. Und doch fühle ich mich in diesem Zusammenhang an eines seiner bekannt gewordenen Zitate erinnert: „Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen.“ Genau das haben meiner Ansicht nach jene Frauen und Männer getan, die wir als Heilige verehren: Sie alle waren sich ihrer menschlichen Schwächen bewusst. An ihren Brüchen hätten sie verzweifeln können. Aber sie alle vertrauten wohl auch Gott, dem „himmlischen Kintsugi-Künstler“, der ihre menschliche Zerbrechlichkeit, ihre Brüche in der Biografie, ihre Wunden, die das Leben ihnen geschlagen hat, mit dem Lack seiner Barmherzigkeit und dem Goldstaub seiner unendlichen Liebe kunstvoll zusammenfügen konnte. Sie konnten ihm ihre Schwächen hinhalten, weil sie die Verheißung ernst nahmen, die in Psalm 51 so wunderschön zum Ausdruck kommt: „Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.“
So, und nur so, davon bin ich überzeugt, entsteht Heil, Heilung und damit Heiligkeit auch für unser Leben heute. Es geht weniger um das Bemühen um ein makelloses Leben oder um eine moralisch reine Weste im christlichen Leben, als vielmehr um die Bereitschaft, sich dem Heiland in aller menschlichen Begrenztheit zuzumuten und sich von ihm Heil und Heilung schenken zu lassen. Daran dürfen wir uns erinnern, wenn wir uns das nächste Mal im Leben zerbrechlich fühlen.
Norbert Cuypers
30. Sonntag im Jahreskreis (29.10) - Sozusagen grundlos vergnügt
Jetzt ist es also wieder so weit: Zeitumstellung auf Winterzeit. Für viele digitalisiert, ergo sie tun selber nichts (es wird nicht mal mehr am Rädchen gedreht). Wenn das mal so einfach wäre mit unserer Lebenszeit: Wir würden uns die Sommerzeit nicht nehmen lassen und daran festhalten, dass der Sommer Gottes naht und wir viel zu lachen und Gott wenig zum weinen hat. (Zeitansage à la Dorothee Sölle, loben ohne lügen, Berlin 2000) Wir würden die Zeit umstellen auf mehr Zeit für mich, zum Innehalten, mich besinnen, leicht sein … Zeitumstellung auf Gotteszeit – das natürlich auch. Nein, nicht einfach Zeit für Gott, obwohl das auch schon klasse wäre. Gotteszeit, das ist Zeit, „heilig zu sein, wie er heilig ist, barmherzig zu sein, gerecht zu sein…“ Da bricht gleich eine ganze neue Zeit an. Und da wäre nichts mehr zurückzustellen! Ganz sicher nicht! Zeitumstellung auf Zeit für die Menschen, die alten Eltern, die Nachbarn, ein Ehrenamt … Auch gut und nötig! Zeitumstellung: Nein, man kann die Zeit nicht wirklich umstellen! Und die Zeitenwenden zeigen meistens doch, dass sich die Problemlagen nur verschieben lassen, aber keineswegs vollständig verschwinden. Wir müssen uns die Zeit nehmen, die in Gottes Händen steht, um dann das Zeitliche getrost segnen zu können. Lasst uns damit anfangen, den Anker in unserer Zeit zu entdecken und uns Ankerzeiten zu nehmen. Dann können wir mit Mascha Kaleko singen, dass wir uns aller Zeit und Wetter erfreuen und – weil wir uns selber lieben – den Nächsten lieben: „SOZUSAGEN GRUNDLOS VERGNÜGT“
Ida Lamp
29. Sonntag im Jahreskreis (22.10) - Gedanken zu Mt 22,15-21
Wer zu allem Ja und Amen sagt, ist nach landläufiger Meinung ein armer Tropf. Jemand, der keinen eigenen Willen hat, kein Standing, keine innere Freiheit. Trotzdem haben gerade die allermeisten wieder bedenkenlos „Amen“ gesagt, als vor der Lesung das Tagesgebet gesprochen wurde. Dabei muss man, wenn man ehrlich ist, durchaus eingestehen, dass es das Gebet wirklich in sich hat. Hören wir nochmal hin: Allmächtiger Gott, du bist unser Herr und Gebieter. Mach unseren Willen bereit, deinen Weisungen zu folgen, und gib uns ein Herz, das dir aufrichtig dient. Darum bitten wir durch Jesus Christus. Wir sollten uns den Text genauer anschauen. Zunächst haben wir festgestellt, dass Gott unser Herr und Gebieter ist, das ist in einem Sonntagsgottesdienst zunächst keine spektakuläre Einsicht. Aber dann haben wir darum gebeten, dass wir seinen Weisungen folgen und ein Herz haben, was ihm aufrichtig dient. Das sind wirklich starke Bitten und eine echte Herausforderung. Was heißt es denn, „ein aufrichtiges Herz“ zu haben? Das schmeckt nach Ehrlichkeit, nach Bescheidenheit. Ein aufrichtiges Herz ist eines, das nicht zu viele Worte macht. Ein aufrichtiges Herz lebt, was es begriffen hat, von Gott, von Jesus, vom Wort Gottes. Und dieses aufrichtige Herz ist ein Gottesgeschenk. Wir können es nicht selber machen, aber wir müssen es pflegen. Müssen uns öffnen für die Verwandlung des Herzens. Für die Menschen der Zeit Jesu war das Herz mehr als nur ein lebenswichtiges Organ, mehr als nur der Muskel, den wir unbedingt zum Leben brauchen. Das Herz stand für den ganzen Menschen, für alles, was ihn ausmacht und prägt. Wer zum Willen Gottes Ja und Amen sagt und bereit ist, das umzusetzen, dessen Leben wird sich nachhaltig verändern, erhält eine neue Prägung. Im Evangelium bringt Jesus das mit einem knappen Satz sehr deutlich auf den Punkt: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Mt 22,21). Vorausgegangen ist diesem Satz ein Versuch der Pharisäer, Jesus in die Falle zu locken. Auf dieses Spiel lässt er sich nicht ein, sondern gibt eine Antwort, die sie einerseits kleinlaut werden lässt und andererseits einen tiefen Sinn offenbart. Entscheidend ist nämlich der zweite Teil des Satzes, der Gehorsam Gott gegenüber. Hier schließt sich der Kreis zum Tagesgebet, in dem wir um die Fähigkeit gebeten haben, den Willen Gottes zu tun. Wer dazu aus freiem Herzen Ja und Amen sagt, ist kein armer Tropf, sondern wirklich frei und auf dem Weg des Evangeliums. Die Frohe Botschaft wurde nicht nur als Wort der Gemeinde übermittelt, sondern „mit Kraft und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewissheit“ (1 Thess 1,5b). Wer dieser Botschaft folgt, verwirklicht Glaube, Liebe und Hoffnung im Alltag. Diese drei göttlichen Tugenden sind Anzeichen für das Wirken des Geistes Gottes, in der Kirche, in unserer Gemeinde im Leben eines und einer jeden Einzelnen von uns. Seien wir dazu bereit und bitten wir Gott immer wieder darum, dass wir seinen Willen erkennen und in unserem Leben umsetzen.
Christoph Heinemann
28. Sonntag im Jahreskreis (15.10) - Gedanken zu Mt 22,1-14
Das Evangelium dieses Sonntags erzählt uns von einem Hochzeitsbankett, von einer großen Feier. Wurden Sie schon einmal zu einer Hochzeit eingeladen? Es macht Freude und obendrein gibt es ein tolles Essen! Die Hochzeit, von der das heutige Evangelium spricht, ist jedoch „besonders“: Hier ist Gott, dargestellt durch einen König, der zur Hochzeit seines Sohnes einlädt, in der man sich leicht Jesus vorstellen kann. Das Gleichnis spricht zu uns daher vom Reich Gottes als einem Hochzeitsfest, einer Feier, bei der alles im Überfluss vorhanden ist, vor allem ist Gottes Liebe zu uns im Überfluss vorhanden. Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben, aber wir reden nie über die Braut. Bei unseren Hochzeiten hingegen ist es das Hauptthema: das Kleid, das Make-up, die Frisur... Hier sind jedoch die Gäste das Hauptthema. Doch wer sind die Gäste? Wir sind es! Wir sind diejenigen, die der Herr sucht und einlädt. Er möchte mit uns eine Liebesgeschichte aufbauen. Heiraten bedeutet, dass Sie für immer mit Ihrem geliebten Menschen in Gemeinschaft bleiben möchten. Das ist es, was Gott will: in Einheit mit uns sein. Unsere Beziehung zu Gott ist daher nicht die eines Dieners zu seinem Herrn, sondern die eines Ehemanns zu seiner Frau, eine Beziehung, die aus Lebensgemeinschaft, einer Beziehung des Dialogs, der Vergebung und des Vertrauens besteht. Sagst du Jesus, dass du ihn liebst? Es ist wichtig! Sagen Sie den Menschen, die Ihnen nahestehen, dass Sie sie lieben? „Es sagen“, hilft, dass Liebe wächst, macht sie immer wahrer, bis man sein Leben hingibt ... nicht körperlich, sondern durch kleine Opfer, Verzicht, kleine Gesten der Liebe, die verstehen, dass die Liebe für andere das Schönste ist, was es gibt, das auch der Herr uns gegeben hat. Um auf das Gleichnis zurückzukommen: Wir sind die Lieben, die Hochzeitsgäste und haben jeden Tag die Möglichkeit, dieser Einladung zu folgen. Aber es besteht eine große Gefahr: Wir können ablehnen. Haben Sie jemals „Nein“ zu einer Einladung eines Ihrer Freunde gesagt? Vielleicht ja, wenn Sie krank waren ... aber nicht aus anderen, trivialeren Gründen, denke ich ... Stellen Sie sich vor, Sie würden einem Freund sagen, dass Sie Wichtigeres zu tun haben? Dann denkt er, dass diese Freundschaft nicht echt war! Im Evangelium sind die Gäste an der Einladung nicht interessiert, weil sie ihre Berufe gewählt haben, die sie für wichtiger und sicherer halten. Kurz gesagt, sie sind nicht an einer Hochzeit interessiert, sie sind nicht an Liebe interessiert, sie sind nicht daran interessiert, etwas von sich selbst (z. B. Zeit oder Engagement) zurückzugeben. Sie denken nur an sich selbst und wenn man nur an sich selbst denkt, wird man nervös, zurückgezogen, manchmal sogar gemein. Haben Sie gehört, was die Gäste im Gleichnis tun? Sie beleidigen und töten sogar diejenigen, die sie einladen ... Sie ziehen ihr kleines ICH Gott vor. Wie oft entscheiden wir uns auch für unser SELBST statt für GOTT? Wir tun es jedes Mal, wenn wir uns nicht für die Liebe entscheiden ... und ich spreche nicht von großen Dingen, sondern von kleinen Gesten gegenüber unseren Lieben, Kameraden, Freunden, Großeltern ... Um auf das Gleichnis zurückzukommen: Was hätten Sie getan, wenn die Gäste nicht gekommen wären? Ich glaube, ich hätte sie „auf die Weide geschickt“ und sie in Ruhe gelassen. Aber Gott tut dies nicht, weil er das Gegenteil von Egoismus ist: Angesichts all der Ablehnungen, die er weiterhin hervorruft, verschiebt er die Feier nicht, im Gegenteil, er bezieht andere mit ein, er antwortet mit immer mehr Liebe. Darüber hinaus gibt es in diesem Gleichnis etwas, das mich immer erstaunt hat: die Tatsache, dass der Gast nicht ein Hochzeitsgewand trägt. Warum trägt dieser Gast es nicht? Der König geht daher den Teilnehmern entgegen, nennt diesen Mann ohne Kostüm einen „Freund“ und fragt ihn, warum er keins habe, doch er schweigt und wird ausgewiesen. Wissen Sie, Gott spricht nicht und schaut nicht auf die äußere Kleidung... Er schaut unter die Jacke, unter den Pullover, unter das T-Shirt! Er schaut auf das Herz; es ist unsere wahre Kleidung. Wie ist dein Herz gekleidet? Wenn es mit Gleichgültigkeit, Müdigkeit, Langeweile, Launen, Egoismus, Eifersucht bekleidet ist, dann ist es nackt wie ein kalter Stein ... Deshalb sagt der heilige Paulus: „Wir sind mit Christus bekleidet“, mit unserem täglichen Gewand ist genau Jesus gemeint, der kein Kleid ist, das wir an- oder ausziehen können. Nein! Es ist die gleiche Identität wie Christus: mit Christus vereint bis wir mit ihm eins sind. Wann haben wir alle die gleiche Identität wie Christus erhalten, das weiße Gewand? Am Tag unserer Taufe: Hier ist unser Hochzeitskleid. Natürlich ist es nicht selbstverständlich, dass es immer weiß bleibt... oft können wir es mit kleinen Flecken verschmutzen, die unsere Sünden sind. Wie können wir es also wieder weiß machen? Gehen Sie und empfangen Sie die Vergebung des Herrn ohne Angst durch das Sakrament der Versöhnung: Dies ist der notwendige Schritt, um den Hochzeitssaal zu betreten und die Feier der Liebe mit ihm zu erleben.
Franck Guichard
27. Sonntag im Jahreskreis (08.10) - Gedanken zu Mt 21,33-42
Die Deutschen gelten als Nation der Schrebergärtner. Oft kann man ganze Kleingarten-Kolonien sehen, mit ihren ganz eigenen Gesetzen und Regeln, in denen von der Höhe der Hecke und des Zauns bis zu dem, was gepflanzt werden darf und was nicht, alles haarklein geregelt ist. Es gibt daher dieses Klischee von den kleinbürgerlichen Schrebergärtnern, die sich ständig mit dem Nachbarn in den Haaren liegen, weil die Hecke zu sehr über den Zaun wächst, zu hoch ist und so weiter. Es ist das Image vom spießigen Kleingärtner, der eben nicht wirklich in der Lage ist, über den eigenen Zaun hinaus zu blicken, der nur sich und seinen Garten, seinen Nutzen sieht. Das stimmt aber nicht immer. Wie bei allen Klischees tut man sicher den allermeisten Hobby-Kleingärtnern sehr Unrecht mit solchen Pauschalurteilen. Aber dieses Klischee erinnert mich schon ein wenig an die Weinbergpächter im Gleichnis des heutigen Evangeliums. Ein Weinberg wird verpachtet. Aber der Konflikt schaukelt sich so hoch, dass am Ende der Sohn des Besitzers umgebracht wird. Letztlich nur deshalb, weil die Pächter nur sich und den eigenen Nutzen sehen und nicht bereit sind, über den eigenen Zaun hinauszuschauen. Wem erzählt Jesus dieses Gleichnis? Den Hohenpriestern und Ältesten, also der religiösen Elite seiner Tage. Er will ihnen mit diesem Gleichnis deutlich machen, dass Religion, d.h. der Bund mit Gott sehr toll, aber kein Selbstzweck ist, keine Auszeichnung, sondern auch eine Verpflichtung bedeutet. Es darf nicht darum gehen, nur die eigene Gemeinschaft und ihre Bedürfnisse, ihren Erfolg zum Maßstab des Handelns zu machen oder an die erste Stelle zu setzen. „Make our Church great again!“ hat bei uns, Gott sei Dank, noch keiner gesagt. Es geht überhaupt nicht darum, dass die Gemeinschaft immer reicher und einflussreicher werden soll um jeden Preis, sondern es geht darum, Früchte zu bringen, die allen zugutekommen sollen. Das ist die simple Botschaft dieses Gleichnisses. Aber bringen wir wirklich die erwarteten Früchte? Ich habe manchmal Angst, dass unsere Perspektive, der der Elite Israels gleicht. Wir schauen ängstlich auf uns als Kirche, nehmen wahr, wie alles immer weniger wird: weniger Gläubige, weniger Kirchenbesucher, weniger Jugend, weniger Priester. Und wir fragen uns, was wir tun können, damit es wieder besser wird. OK, es ist berechtigt, aber dabei beschäftigen wir uns meistens nur noch mit uns selbst, tun alles, um möglichst wieder mehr Früchte für uns zu erwirtschaften, und vergessen, wie einst die Hohepriester, dass es unsere erste Aufgabe als Kirche ist, für die anderen da zu sein, für die Welt draußen, jenseits des Weinbergs. Es ist vielleicht gefährlich, was ich jetzt sage, ich hoffe aber, dass Sie mich richtig verstehen werden: Die Kirche ist kein Selbstzweck; nirgends hat Jesus uns den Auftrag erteilt: Schaut zu, dass die Kirchensteuer-Einnahmen immer stimmen! Er hat uns den Auftrag erteilt, in die Welt hinauszugehen und allen zu verkünden: Das Reich Gottes ist euch nahegekommen! Und zwar besonders den Benachteiligten und den Schwachen. Darum also muss es uns gehen: Einsatz für die Menschen, für die Welt. Einsatz für Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung, gegen Armut. Ansonsten was für einen Gott beten wir an?Der berühmte Theologe Karl Rahner soll ja mal gesagt haben: „Gott sei Dank gibt es den nicht, den sich 90 Prozent der Deutschen unter Gott vorstellen.“ Anders gesagt: An unserem Gottesbild müssen wir jeden Tag fleißig polieren und arbeiten. Ich muss ehrlich sagen: Mich erschrecken auch die radikalen Worte Jesu im heutigen Gleichnis. Sie wollen uns aber provozieren und wachrütteln: Wir dürfen uns nicht selbstzufrieden darauf ausruhen, dass wir Gottes Volk sind. Das Gleichnis will uns sagen, dass wir nur dann richtige Pächter sind, wenn wir die erwarteten Früchte bringen. Schön und gut, wird vielleicht jemand sagen, kannst du aber nicht ein konkretes Beispiel geben, was sind diese biblischen Früchte? Ansonsten bleibt alles zu abstrakt. Das schönste Beispiel gibt uns der Apostel Paulus selbst in der heutigen Lesung: Er fängt ein bisschen schräg an: „Sorgt euch um nichts, ...!“ – Na, der ist ja lustig, dieser Paulus! Der hat sich wohl noch nie Gedanken um seine Rente gemacht oder um den Weltfrieden oder auch nur um die Frage, wie man in einer zerstrittenen Nachbarschaft wieder zurechtkommt. Aber nachher schildert er die wunderschöne Liste dieser Früchte der Menschlichkeit: Wahrhaft, edel, recht, liebenswert, ansprechend sollen wir sein, tugendhaft und lobenswert. Klingt toll! Ich weiß nicht mal, ob das überhaupt menschenmöglich ist, so zu sein. Gucken wir aber was uns Menschen denn trotzdem möglich ist? Und was ist vielleicht nur uns Menschen möglich unter allen Geschöpfen auf Erden? Johann Wolfgang von Goethe fand ja auch, dass der Mensch edel, hilfreich und gut sein solle. Aber warum eigentlich? Genauer hingeguckt schreibt Goethe in den ersten Strophen seines Gedichtes, das übrigens „Das Göttliche“ heißt:„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!Denn das allein unterscheidet ihn Von allen Wesen, die wir kennen.“ Soweit das Zitat. Hochinteressant, hier sind endlich die Früchte: Tugenden also sind es, die uns zu Menschen machen, die uns von allen anderen Wesen unterscheiden. Und in diesen Tugenden verweisen wir sogar auf höhere Wesen, auf das Göttliche. Wir können Gott selbst nicht sehen, anfassen schon gar nicht – nur erahnen können wir das Himmlische. Und diese Ahnung wird stärker durch jedes gute Beispiel, durch jede gute Tat, die wir erleben. Durch menschliches Beispiel lernen wir, an Gott zu glauben. Im Moment findet man im Internet eine Geschichte, die der amerikanischen Anthropologin Margaret Mead (+1978) zugeschrieben wird: Es geht um die Frage, woran man die Anfänge menschlicher Zivilisation erkennen kann. An Werkzeugen vielleicht? An Techniken zur Jagd oder zum Ackerbau? Oder an Kunst? An Bauwerken? Nein: An einem gebrochenen und wieder geheilten Oberschenkelknochen. Wer sich ein Bein bricht, ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Im Tierreich ist ein gebrochenes Bein meist ein Todesurteil: Wer nicht mehr laufen kann, wird leichte Beute oder verhungert. Menschliche Zivilisation beginnt, wo wir dem etwas entgegenzusetzen haben, wo wir uns umeinander kümmern, wo wir die Schwachen tragen, schützen, versorgen, gesundpflegen. Das ist Menschlichkeit. Leider ist Menschlichkeit auch vieles andere: Krieg und Unterdrückung, Gewalt und Umweltzerstörung in einem Ausmaß, das im Tierreich nicht denkbar ist. Auch dazu sind nur wir Menschen fähig.Was für Menschen also wollen wir sein, wo sind unsere Früchte? Selbstverständlich ist das nicht nur die schöne Deko am Erntedankaltar gewesen. Wenn wir den Frieden wollen, von dem die hl. Schrift spricht, dann geht das nur, wenn wir einander ernst nehmen, wenn wir anständig miteinander umgehen, wenn nicht alle nur den eigenen Vorteil im Blick haben. Um den Frieden zu wahren, müssen wir uns umeinander kümmern. Wir müssen die Schwachen schützen und verteidigen. Wir müssen Gerechtigkeit suchen und zum Verzeihen bereit sein. Wir müssen die Bedürfnisse und die Rechte anderer im Blick haben, nicht nur unsere eigenen. Wenn wir so leben, macht das einen riesigen Unterschied. In unserer direkten Umgebung, in der Welt und auch in anderen Menschen. Denn Goethe hat Recht: Jede gute Tat verweist auf das Gute an sich, auf das Höhere, das Himmlische, das Göttliche. Gottes Reich nimmt Form an durch unser Handeln. Und das ist keine Einbahnstraße: Gott hilft uns dabei! GOTT sei Dank!
Alois Balint
26. Sonntag im Jahreskreis (01.10) - Gedanken zu Mt 21,28-32
Jesu Sympathie gilt dem Neinsager im Evangelium. Denn der ist mutig, mutiger als sein Bruder. Dieser verspricht das Blaue vom Himmel, während er insgeheim längst entschlossen ist, nichts wahrzumachen. Anders der Neinsager: Er ist aufrichtiger – und er wagt mehr. Er weigert sich, Zustimmung zu heucheln. Schließlich ist er sogar souverän genug, sein anfängliches Nein zu widerrufen. Darüber verliert er aber kein Wort. Sein Handeln spricht für sich.Mut zur Wahrheit! Ein Freund mir erzählte vor kurzem, dass er schon als Kind gelogen hat. Erbost gab sein Vater ihm eine Strafarbeit. Einige -zig Male musste er diesen Satz aufschreiben: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!“ Diese Erziehungsmaßnahme in den 60-siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – ja, sie passte zu ihrer Zeit. Auch ich erinnere mich daran. Aber nicht mit Groll. Keiner hat darunter wirklich gelitten. Im Gegenteil. Die Strafarbeit hat vielmehr entlastet. Der Freund erzählte weiter: „Na ja, ich schrieb und schrieb, so konnte ich selbst aktiv dazu beitragen, dass der Fehltritt ausgebügelt wurde, hoffentlich bald vergessen war. Am nächsten Tag hätte ich mich noch wundern können – aber das ist mir damals noch nicht eingefallen. Mir, dem Lügner von gestern, begegnete man nämlich nicht, wie das Sprichwort es angedroht hatte. Nach meinem Fehltritt stand ich nicht da als jemand, dem grundsätzlich nicht mehr zu trauen ist.“ Ich bin diesem alten Freund sehr dankbar für seine ehrliche Worte. Sicher war darin auch die große Amnestie am Werk, die ständig von Gott ausgeht. Die Welt ist ja von Gott. Und deshalb ist das Ganze unserer Wirklichkeit umfangen, getragen, unvorstellbar weitherzig, von einem „Ja“, das wirklich „Ja“ ist. Nur ein „Ja“? Das wäre zu wenig. Es ist DAS „JA“ per excellence, fest verwurzelt in Gottes Liebe und Treue. Das „Ja“ des Vaters im Himmel begegnet uns in seiner ganzen Größe und Schönheit in der Schöpfung. Sie führt ständig aus, was sie verspricht. Schauen wir uns da an: Der Löwenzahn blüht, das Pferd wiehert – immer aufrichtig, ohne jede Verstellung. Wie vertrauenswürdig ist das Wasser! Wenn ich zum Schwimmen gehe, muss ich mich nicht vergewissern: Gestern trug das Wasser noch – hat es sich das vielleicht inzwischen anders überlegt? Und wenn ich heute Wasser trinke, muss mich dann die Frage beunruhigen: Passen sie wohl noch zueinander, mein Körper und diese Flüssigkeit? Oder galt das zwar gestern, mittlerweile aber nicht mehr?Nein, das Wasser bleibt sich selbst treu. Es hat nicht gelogen und wird nie lügen. Der Mensch wohl. Er könnte es lassen, hat aber oft etwas anderes im Sinn.Wenn wir das Wasser verschmutzen und verderben, muss es das zunächst einmal über sich ergehen lassen. Erstaunlich bereitwillig beginnt es aber gleich damit, den Schaden zu beheben. Auch in seiner unvorstellbaren Fähigkeit, zur Reinheit zurückzukehren, erweist sich: Freundlich ist das Wasser, so begegnet es allen Geschöpfen, sogar uns – auch wenn wir der Wahrheit Gewalt antun, bis sich die Balken biegen. Wir gehören zur Gemeinschaft Jesu, weil sie uns guttut. In ihr finden wir Kraft, Heil, können zur Wahrheit kommen. Wir sind Christen, damit unser Ja ein Ja wird und unser Nein ein Nein. Auch wenn leider, wie die erste Lesung sagt, Gerechte ihr rechtschaffenes Leben aufgeben und Unrecht tun (Ez 18,26) – auch das Erschrecken darüber appelliert an uns, will uns aufmerksam machen auf die mögliche Umkehr. Jochen Klepper schrieb im Jahr 1937 ein Gedicht, das zugleich – oder zuerst – ein Gebet ist. Es wendet sich an Gott, spricht ihn so an: „Der du die Zeit in Händen hast“ (GL 257). Er, der die Zeit in Händen hat. Er, der um Anfang, Ziel und Mitte weiß – die Sehnsucht nach ihm bringt uns hier zusammen. Auch diese Sehnsucht gibt es ja nur, weil unser Dasein aus der Quelle von Gottes Liebe hervorgegangen ist und weiter hervorsprudelt.
Alois Balint
25. Sonntag im Jahreskreis (24.09) - Gedanken zu Mt 20,1-16
Dieses Evangelium geht uns unter die Haut. Wir Menschen fürchten nichts mehr, als scheinbar ungerecht behandelt zu werden. Das soll das Himmelreich sein, dass alle gleich viel bekommen? Auch jene, die nur wenig geleistet haben? Das kann Jesus einfach nicht von uns fordern. Ich kann es mir nur so erklären, dass gar nicht weniger als ein Denar als Lohn möglich ist. Es gibt kein halbes Himmelreich für jene, die später dort eintreten. Oder gar nur 10 Prozent davon für die Letzten. Und auch wenn wir 8 Stunden länger dafür arbeiten, ist es immer noch ein Geschenk und nicht unser Verdienst. Die himmlische Mathematik ist anders. Da gibt es nicht 1 + 1 = 2. Und das ist gut so. Denn trotz aller Bemühungen könnten wir uns die Liebe Gottes nicht erkaufen. Die Antwort eines Arbeiters auf die Frage, warum sie noch am Platz herumlungern, zeigt ein Problem auf. Es hat ihnen niemand vorher Arbeit angeboten. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie noch nicht tätig waren. Sie haben nicht faul in der Hängematte gelegen. Ein großer Vorwurf, der bei uns oft Asylwerbern gemacht wird. Aber die Realität ist, dass ihnen niemand erlaubt, zu arbeiten. Dieses Gleichnis schenkt mir die Erkenntnis, dass wir viel öfter Menschen fragen sollten, ob sie uns bei etwas Gutem für die Welt helfen möchten. Auch wenn wir nicht das ganze Himmelreich als Lohn versprechen können, Dank und Anerkennung ist ihnen sicher. Und zu einem Fest, sobald sich der Erfolg einstellt, würde ich alle einladen. Jene der ersten Stunde und jene, die erst ganz am Ende geholfen haben. Manche Menschen haben keine guten Voraussetzungen, richtige Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Bei manchen versperren Ideologien den Blick auf einen besseren Weg. Bei denen würde es mir besonders schwerfallen, sie z.B. um Hilfe für Flüchtlinge zu fragen. Aber genau das scheint mir der Auftrag Christi zu sein. Ob sie die Arbeit gleich annehmen oder es viel Überredung braucht, hat keine Auswirkung auf den Lohn am Ende ihres Lebens. Die Arbeit für das Reich Gottes trägt die Bezahlung schon in sich. Alles, was wir mit Liebe tun, macht uns glücklich. Wer nichts tun darf oder kann, ist arm dran. Untätig sein zu müssen ist sogar eine Strafform unserer Justiz. Es vermittelt das Gefühl, nichts wert zu sein. Also fragen wir so viele wie möglich, ob sie mit uns „im Weinberg“ arbeiten möchten. Der Lohn des Himmels ist ihnen gewiss.
Elisabeth Ziegler-Duregger
24. Sonntag im Jahreskreis (17.09) - Gedanken zu Mt 18,21-35
Es wundert mich sehr, dass Jesus uns diese Botschaft extra ans Herz legen musste. Es wäre doch selbstverständlich, dass wir Erbarmen haben. Ja, sogar auch dann, wenn wir diese bewusste Erfahrung vorher nicht gemacht haben. Im Grunde müsste dazu das Wunder reichen, dass wir auf der Welt sind. Dass wir aus dem scheinbaren Nichts kommend die Tür zur Erde öffnen konnten. Bis wir endlich erwachsen sind, haben die allermeisten von uns schon so unendlich viel an Erbarmen erfahren, dass es für viele Jahre reicht. Eltern und Verwandte, die sich unserer Hilflosigkeit als Kind erbarmt haben, Lehrer, die sich unserer Unwissenheit und Lernfreude angenommen haben. Wir sind von früh bis spät von Fürsorge, Zuwendung und Geduld umgeben. Sogar der neue König von England braucht viele Formen von Barmherzigkeit.Es wäre gut, mit viel Erbarmen schon in der Jugend zu reagieren, weil wir fast sicher im Alter darauf angewiesen sein werden. Oder andere nicht zu unbarmherzig zu kritisieren, wenn wir anders behandelt werden möchten. Diese „goldene Regel“ kennt man in fast jeder Glaubenstradition.Wir brauchen Erbarmen und müssen es verschenken, weil wir unvollkommen sind. Auch beim besten guten Willen können wir nicht alles richtig machen. Wir kommen nicht als Hellseher auf die Welt, die jeden heimlichen Wunsch erfüllen können. Und wir sagen manchmal verletzende Dinge, ohne uns dessen klar zu sein.Es passieren kleinere und größere Fehler während der Lebensjahre, auch „Sünden“ genannt. Würde Gott jede davon zählen, wer könnte dann bestehen.Besonders im Islam setzen die Gläubigen große Hoffnung auf das Erbarmen Gottes, das ihnen zugesagt wird.Ein schwieriges Feld ist das Erbarmen mit sich selbst. Auch wenn andere uns schon längst verziehen haben, können wir es nicht. Ich spüre das beim Gedanken, wie oft ich meine inzwischen verstorbene Mutter enttäuscht habe. Als Bergbewohnerin sehe ich es wie einen gut gefüllten Rucksack voll Erbarmen, als Geschenk von ihr, aus dem ich nun großzügig davon austeilen kann. Ja es scheint, dass sie ihn immer wieder ganz auffüllt, damit ich nie zu wenig davon habe. Danke irdische Mama, danke himmlischer Vater für dieses großes Geschenk.
Elisabeth Ziegler-Duregger
23. Sonntag im Jahreskreis (10.09) - Gedanken zu Mt 18,15-20
Das heutige Evangelium gehört zur sogenannten „Gemeindeordnung“; und es ist ein heikles Thema, das da angeschnitten wird: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht“. Was ist zu tun, wenn ein Mitchrist auf Abwege gerät und sich in Schuld verstrickt?Unsere normale Reaktion ist sehr zwiespältig: Auf der einen Seite scheint das „Kritisieren“ für viele eine Lieblingsbeschäftigung, geradezu ein Hobby zu sein. Auf der anderen Seite aber sagen wir: Man soll sich in die Angelegenheiten anderer nicht einmischen. Der andere ist ein erwachsener Mensch, er muss wissen, was er tut, er ist alt genug, er ist selber verantwortlich - also halten wir uns lieber fein heraus. Man will ja nicht in eine unangenehme Situation hineingeraten.Gott aber sagt: „Wenn du den Schuldigen nicht warnst, dann fordere ich von dir Rechenschaft.“ So haben wir es in der Lesung aus Ezechiel gehört. Ganz gewiss, jeder wird für sein Verhalten geradestehen müssen, aber es ist unsere Pflicht, unserem Mitmenschen, der sich verirrt hat, den rechten Weg zu weisen („zu – recht – zu - weisen“).So auch im Evangelium: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm hin und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Unter vier Augen mit dem Bruder, mit der Schwester, mit dem anderen Menschen reden, das wäre der erste und wichtigste Schritt. Wie schnell und wie leicht reden wir über die Fehler der anderen. Aber zu ihnen hingehen...? Das kann unsagbar schwer sein. Und dennoch verlangt es Gott von uns.Jesus sagt: „Geh zu ihm hin!“ Aber kanzle ihn nicht von oben herab, brich nicht den Stab über ihn, sondern weise ihn zurecht unter vier Augen! Bedenke, es ist deine Schwester, dein Bruder! Sie und er, du und jeder andere, ihr seid Kinder des einen Vaters; keiner von euch ist vollkommen, und keiner ist schon oben am Ziel; vielmehr seid ihr miteinander unterwegs, und es ist eure Pflicht als Weg- Gefährten, einer dem anderen den rechten Weg zu zeigen, wenn er sich verirrt hat. Geh zu ihm hin. Sprich mit ihm. Vielleicht haben wir solches Sprechen gar nicht gelernt. Wir können sehr wohl über die Schuld von anderen herziehen, aber nicht mit ihnen darüber sprechen. Dieses Sprechen setzt ein intensives Zuhören voraus. Der andere muss spüren, dass wir es gut mit ihm meinen, dass wir ihm helfen wollen, diskret, ohne großes Aufheben davon zu machen. Wir wissen doch immer schon, was wir von anderen erwarten, wenn wir selbst in der Patsche sitzen.Das Gespräch unter vier Augen gibt dem anderen die Chance, leichter einen Fehler einzugestehen, eine Aussöhnung wird möglich. Wäre das nicht segensreich für manche Partnerschaft oder Ehe, für manche Freundschaft, für manche Beziehung in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde!Als zweiten Schritt empfiehlt Jesus ein Schlichtungsgespräch mit zwei Zeugen. Es kann manchmal hilfreich sein, jemanden dazu zunehmen bei einem schwierigen Gespräch, jemand, der vielleicht die passenderen Worte findet und auf jeden Fall auch schweigen kann. Erst wenn diese Bemühungen nicht erfolgreich sind, kommt als dritter Schritt die Öffentlichkeit hinzu: „Sag es der Gemeinde!“Jesus geht es nicht um das Aufdecken der Verfehlung an sich, es geht ihm nur um den Bruder/die Schwester. Er will nicht, dass auch nur einer verloren geht. Denn jeder ist es wert zurückgewonnen zu werden!Trotzdem kann es passieren, dass einer sich verschließt und nicht auf andere hören will. Da hilft alles gute Zureden nichts. Dann ist es wichtig, dass wir auf den Schluss des Evangeliums hören: „Alles, was zwei von euch einmütig erbitten, wird ihnen von meinem Vater im Himmel gewährt.“ Es gibt Situationen im Leben, wo nichts mehr „geht“, wo nur noch das fürbittende Gebet „geht“. Wenn alles Zurechtweisen und Zureden und alle brüderliche Hilfe nichts hilft, dann bleibt dieses eine, dass wir füreinander beten, dass einer den anderen trägt mit seinem Gebet.So sprechen wir im Schuldbekenntnis: „Darum bitte ich euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.“ Ja, wir brauchen dieses Gebet, sonst können wirauf unserem Lebensweg nicht bestehen.
Karl Zirmer
22. Sonntag im Jahreskreis (03.09) - Gedanken zu Röm 12,1-2
Es ist die Ermahnung des Petrus aus dem heutigen Evangelium (Mt 16,21–27), die aufhorchen lässt. Jesus tadelt ihn mit den Worten: „Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Dabei hat Petrus doch gar nichts Böses getan. Petrus hat lediglich zum Ausdruck gebracht, was er in Bezug auf die Person Jesus tief in sich fühlte und was er sich in Bezug auf das Reich Gottes wünscht. Bei Gott aber scheinen die Uhren anders zu gehen. Da steht primär nicht zur Debatte, was wir wollen und denken, sondern was der Wille Gottes ist. Diesen göttlichen Willen gilt es ein Leben lang zu ergründen. Nicht umsonst beten wir im Vaterunser immer wieder: „Dein Wille geschehe!“ – und zwar nicht erst „im Himmel“, sondern schon jetzt, hier „auf Erden“. Glauben wir doch, dass wir als gläubige Menschen erst dann dem Leben einen Sinn geben, wenn wir Gottes Willen tun. Darum ging es auch in der zweiten Lesung aus dem Römerbrief. Dort beschreibt Paulus für eine erste Generation von Christen, die mehrheitlich nicht mehr in der jüdischen Tradition stand und somit keine religiöse Vorbildung hatte, was eine angebrachte christliche Haltung ist. Glaube kann keine Nebensache sein, keine Privatangelegenheit. Der Glaube an Jesus Christus muss das Leben prägen und verändern. Paulus spricht daher explizit von einer „Erneuerung des Denkens“. Als Christen waren wir immer schon Kinder unserer Zeit. Im Sinn haben, was Gott will, und nicht das, was die Menschen wollen, war noch nie einfach. Das ist bis heute so und wird wohl immer so bleiben. Gewissen Tendenzen des Zeitgeists zu widerstehen, sich gedanklich gegen die Mehrheitsmeinung der Mitmenschen zu stellen, kostet Überwindung. Veränderung bedarf also immer auch der emotionalen Kraft. Dazu kommt für uns als Christen ja dann auch noch die Einsicht, dass wir als Kinder Gottes nicht nur Teil der göttlichen Heilsgeschichte sind, sondern als Kinder unserer Zeit eben auch, gewollt oder ungewollt, Anteil haben an den vielen Unheilsgeschichten unserer Welt. Wenn es um Veränderung geht, weiß Paulus nach seiner radikalen Bekehrung sehr gut, wovon er spricht. Er benutzt daher das starke Wort „Opfer“. Er fordert ohne Umschweife: Bringt „eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer dar“. Es geht also um das ganze Leben, nicht nur um einen gedanklichen Teilaspekt. Gleichzeitig versichert uns Paulus schon in der Einleitung seiner Ermahnung, dass wir bei der Bemühung um Veränderung nicht alleingelassen werden. Er verweist auf die „Kraft der Barmherzigkeit Gottes“, mit der uns Gott selbst in unserem Bemühen entgegenkommt. Die konkrete Anweisung des Völkerapostels lautet: „Gleicht euch nicht dieser Welt an.“ Das ist ein großes Opfer. Konkret kann das heißen, dass ich ggf. lernen muss, nein zu sagen. Ich kann möglicherweise nicht mehr überall dabei sein und nicht alles und jedes mitmachen. Nicht auffallen wollen, nicht anders sein wollen, nicht widersprechen wollen usw. verbietet sich, wenn es um die eigenen Überzeugungen des Glaubens geht. Mit wem ich Umgang pflege und mit wem nicht, kann zur Glaubenssache werden. Die Liste dessen, was für einen gläubigen Menschen zu tun oder zu lassen ist, ließe sich zweifelsohne noch lange fortführen. Im Blick auf den Willen Gottes die Denkweise zu ändern, bedeutet letztlich, den Mut aufzubringen, mich an der Haltung Jesu zu orientieren. Dazu aber muss ich die Haltung Jesu nicht nur genau studieren. Im Sein und Wirken seiner Person muss ich mehr und mehr lernen, Gott zu vertrauen. Auch das ist heute ein Opfer. Kostet es doch Zeit der Nachdenklichkeit, des Gebets und der Besinnung. Aber Vorsicht! Das „Gleicht euch nicht dieser Welt an“ heißt nicht, dass wir vor der Welt fliehen sollen. Christen sind ja gerade zum Heil der Welt bestellt. Der Rückzug in ein katholisches Ghetto wäre fatal. Zum Opfer gehört also auch die Schulung des sozialen Auges. Sehe ich, um welche Menschen sich unsere Gesellschaft nicht mehr genug kümmert? Nehme ich den Hilferuf der Armen wahr, die oft in unserer Gesellschaft gar nicht mehr so einfach zu identifizieren sind? Vermittle ich im Streit? Bin ich barmherzig mit meinem Nächsten, den ich mir in der Regel ja nicht aussuchen kann? Mein Opfer, mich nicht der Welt anzugleichen, steht also in striktem Zusammenhang mit der Hingabe an eben diese Welt. Nur so macht ein christliches Opfer Sinn. Die Hingabe Jesu an die Welt und damit auch in unser ganz persönliches Leben hinein feiern wir sakramental-zeichenhaft in jeder hl. Messe. In der Eucharistiefeier, die wir hin und wieder ja noch Messopfer nennen, bringen wir zunächst Brot und Wein zum Altar. In Erinnerung an Jesu letztes Abendmahl bringt der Priester diese einfachen Gaben Gott dar. In Erinnerung an Gottes Heilstaten betet er dann zu Gottes Heiligem Geist. Durch das Geistwirken wird das gegenwärtig, was damals geschehen ist: Brot und Wein werden zum lebendigen Leib und Blut Christi. In der Kommunion wird Christus dann in uns lebendig. Das Opfer Christi vollzieht sich in uns. Gott gibt sich hin zum Heil der Welt. Sein Opfer wird dann gegenwärtig durch unser Opfer, das Gottes Heilswirken weiterhin in dieser Welt fortführt, ganz persönlich durch dich und mich.
Thomas Klosterkamp
21. Sonntag im Jahreskreis (27.08) - Gedanken zu Mt 16,13-20
Unseren Ehrennamen „Christen“ haben wir vom Messiastitel, mit dem Petrus auf die Frage nach der Identität Jesu antwortet: „Du bist Christus.“ Die Klärung, wer dieser Messias ist, ist höchst wichtig für uns. Wir haben uns an das Vokabular Christus, Christ, Christsein, Christentum, christlich gewöhnt. Aber welchen Sinn hat das Wort Messias ursprünglich im Mund des Petrus? Das hebräische maschiach, das aramäische meschiah, das griechische christós kommen als Terminus im Alten Testament nicht vor. Die Vorstellung eines neuen Gesalbten wie David oder wie die Propheten hat sich erst nach-biblisch entwickelt. Die Erwartung zur Zeit Jesu richtet sich auf einen politischen Befreiermessias, der notfalls mit Gewalt die Herrschaft Gottes gegen seine Feinde durchsetzt. Heute suchen wir als Christen unseren Platz in der modernen Medien- und Leistungsgesellschaft. Unsere Welt wimmelt von Messiasgestalten. Es gibt den Politmessias, den Fußballmessias, den Diätmessias, den Kochmessias, den Modemessias, den Rockmessias. Der Starkult bei Film und Fernsehen, in Sport, Mode und Werbung hat extreme Formen angenommen. Wir Christen brauchen andere Menschen und uns gegenseitig nicht mit messianischen Erwartungen zu überfordern. „Die Kirche hat schon ihren Messias“, sagt Ambrosius und er hat ganz recht!
Alois Balint
20. Sonntag im Jahreskreis (20.08) - Gedanken zu Mt 15,21-28
Betrachten wir zunächst den Schauplatz unserer Geschichte: Jesus hat Galiläa, ein überwiegend nichtjüdisches Gebiet, verlassen und ist nach Tyrus und Sidon gereist. Tyrus und Sidon sind noch heidnischer als Galiläa. Vermutlich hat Jesus sich in diese Gegend zurückgezogen, um den Nachstellungen seiner Feinde auszuweichen. Dass irgendwelche Pharisäer aus Jerusalem in diese Gegend kommen werden, um Jesus anzuklagen, ist eher unwahrscheinlich. Eine kanaanäische Frau, deren Tochter von einem Dämon besessen ist, nähert sich Jesus. Für den gläubigen Juden sind die Kanaaniter Heiden. Im Deuteronomium befahl Gott den Israeliten, die Kanaaniter zu vernichten, damit sich ihr sündiger Götzendienst nicht auf Israel ausbreitete. Folglich betrachteten die Juden die Kanaaniter als Feinde. Wenn wir damals dabei gewesen wären, hätten wir uns nicht gewundert, dass Jesus und seine Jünger so ablehnend reagieren. Aber wir haben verschiedentlich gesehen, dass Jesus nicht als der typische Lehrer Israels auftritt. Er hat sich niemandem verweigert, der in seiner Not um Hilfe flehte. Die Jünger bemerken, wie Jesus schweigt und sind irritiert. Wir können uns vorstellen, dass jemand, der ständig um Hilfe ruft, Unbehagen auslöst und eine Szene provoziert. Die Worte, die aus Jesu Mund kommen, erklären seine Mission. Er gibt mit drastischen Worten zu verstehen, dass die Zeit für die Heiden noch nicht gekommen ist. Sein Hauptaugenmerk gilt dem auserwählten Volk, den Juden. Dann erst wird er sich den Heiden zuwenden. Es steht zu erwarten, dass die Frau nun aufgibt. Doch ihr zweiter Versuch, Jesu Hilfe zu erlangen, ist noch beeindruckender als der erste. Beim ersten Versuch war sie bereit, sich demütigen zu lassen, indem sie als Kanaaniterin den Juden Jesus um Hilfe rief. Sie nannte ihn sogar Sohn Davids. Beim zweiten Versuch ist ihre Antwort unbezahlbar. Sie argumentiert nicht mit den Wahrheiten Jesu. Sie sagt nicht: “Wir sind doch alle Kinder Gottes.“ Sie sagt auch nicht: “Wie kannst du es wagen, mich einen Hund zu nennen!“ Sie lässt sich nicht beleidigen. Stattdessen greift sie das Bild vom Hund auf. Sie sagt: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ (Mt 15,27). Jesus spricht es laut aus, wie groß der Glaube der Frau ist, so dass es alle hören können. Dann heilt er ihre Tochter. Sie bekommt die Krümel des Segens, um die sie bittet. Damit erweist sich Jesus einmal mehr als der barmherzige Messias, den Matthäus in seinem Evangelium durchgehend verkündet.
Athanasius Wedon
Mariä Himmelfahrt (15.08) - Gedanken zu Lk 1,39-56
Das Fest des heutigen Tages stammt aus Zeiten, in denen wir Christen mit der Ostkirche noch eins waren. Es hieß Entschlafung Mariens. Bald nach dem Konzil von Ephesus vierhunderteinunddreißig, auf dem Maria der Titel „Mutter Gottes“ zugesprochen wurde, feierte man in der Ostkirche ab dem sechsten und in der römischen Kirche seit dem siebten Jahrhundert am fünfzehnten August die "Entschlafung Mariens". Der Kirchenvater Johannes Damaszenus schreibt aus jener Zeit: „Heute wurde die heilige Jungfrau, ein lebendiger Himmel, aufgenommen in das Himmelszelt. Denn wie konnte jene den Tod schauen, aus der das wahre Leben ausgeströmt ist? Wie hätte auch die Unterwelt sie aufnehmen können, wie hätte Verwesung ihren Körper erfassen können, in dem das Leben selber gewohnt hat?“ Aus dem Fest der Entschlafung Mariens wurde der heutige Festtag, die „Aufnahme Mariens in den Himmel“, nicht wie es im allgemeinen Sprachgebrauch heißt: "Mariä Himmelfahrt", denn Maria fährt nicht aus eigener Kraft in den Himmel auf, sondern wird von Jesus aufgenommen. Daher heißt der offizielle Name des Festes ,,Aufnahme Marias in den Himmel". In der Schrift steht darüber nichts." Doch die Kirchenväter, der ersten Jahrhunderte sprechen vielfach darüber. Gott schuf Maria, um Mutter und Wohnstatt seines Sohnes zu werden. So gestaltete er den Menschen in seiner schönsten Gestalt, besonders begnadet: ohne die Schrammen und Makel der Ur-Sünde, die unbefleckte Jungfrau. Ihr "Beitrag" war das Ja zum Wirken Gottes an Ihr. Sie hat sie sich nicht irreleiten lassen. Sie blieb auf Gott ausgerichtet, Sie war immer oben, wenn auch im Kampf um den Glauben in furchtbarer Not, besonders unter dem Kreuz. Da verwirklichte sie ihre Berufung in der reinsten und tiefsten Hingabe an Gott, als sie ihren Sohn verlor. Wo der Glaube und die Liebe ganz rein und vollkommen werden, ganz Hingabe, da verwandelt Gott den Menschen. Gott verwandelt in Maria nicht nur den inneren Menschen, den Geist allein, nein, er wandelt auch den Leib, der den Erlöser getragen hat. Sie ist verklärt wie Jesus, mit Geist und Leib. Im Tod findet Maria mit Seele und Leib ihre Heimat im Himmel. Und wie Jesus mit Leib und Seele verklärt und auferstanden ist, so auch Maria, seine Mutter. Auch wir werden auferstehen. Nicht nur unser Geist, auch unser Leib. Durch die Taufe sind wir gnadenhaft ins neue österliche Leben hineinversetzt. Auch unser Leib besitzt den Keim der künftigen Auferstehung. Trotz unserer Sünden. Maria setzt alles dran, dass auch wir den Weg nach Oben schaffen. Der Hl. Pfarrer von Ars hatte einen verständlichen Vergleich. Er sagte: „Der Mensch ist für den Himmel geschaffen. Der Satan hat die Leiter zerbrochen, die dorthin führte. Unser Herr hat uns mit seinem Leiden eine neue gemacht... Die allerseligste Jungfrau steht oben an der Leiter und hält sie mit beiden Händen fest" Ein schönes und tröstendes Bild! Auch uns hält Maria einmal die Leiter hin, da kann sonst niemand, auch nicht die Hölle dran. Aus der Sünde kann der Mensch durch Jesu Gnade und Mariens Hilfe errettet und heil werden. Wenn uns einmal das letzte Stündlein schlägt, ist Maria da. Wie Christus, wie Maria, werden auch wir entschlafen, verwandelt und mit Leib und Seele aufgenommen in den Himmel. Erst dann kommt unser Menschsein ans Ziel: wir werden – wie Christus – neue, vergöttlichte Menschen. Wir werden die sein, die Gott schon sah, als er uns ins Leben rief auf diese Erde, vollendet als ganze Menschen, in Christus, mit Maria.
Stefan Mate
19. Sonntag im Jahreskreis (13.08) - Stärker als eine Bergkathedrale
Am 13. August 1951 wird der US amerikanische Musiker Dan Fogelberg geboren. Zu seinen bekanntesten Songs zählt das wunderschöne Liebeslied „Longer“, das er im Dezember 1979 veröffentlicht. „Länger als Fische im Ozean sind, höher als je ein Vogel geflogen ist, länger als die Sterne oben am Himmel sind, stärker als irgendein Berg, der wie eine Kathedrale da steht, …, tiefer als ein Urwald sein kann, liebe ich dich.“ Im selben Jahr, 1979, am 28. Geburtstag von Dan Fogelberg nimmt die von Rupert Neudeck gegründete Organisation Cap Anamur die ersten vietnamesischen boat people auf. Es ist der Beginn einer 7-jährigen Rettungsaktion, bei der über 11.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken und dem Hungertod gerettet werden. Bereits ein Jahr zuvor erschütterten Bilder von 2500 Flüchtlingen auf dem Frachter „Hai Hong“ die Welt. Zwei Monate irrten diese „boat people“ unter unsäglichen Bedingungen auf offener See, weil kein Land dieses Schiff an Land lassen wollte. Vor Weihnachten sagte der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht dann spontan die Aufnahme von 1000 dieser Flüchtlinge zu. Er begründet diese „Amtsanmaßung“ damit, dass sein Herz ihm damals gesagt habe, „dass einer anfangen sollte zu helfen in der Hoffnung, dass dann auch andere helfen“. Und tatsächlich organisierte der Westen in den folgenden Jahren Hilfe und gewährte vielen Flüchtlingen die Einreise. Deutschland nahm rund 35000 Vietnamesen auf. 2015 trifft Angela Merkel eine ähnliche Entscheidung im Namen der Menschlichkeit und folgt ihrem Herzen. Eine Entscheidung, die ihr viel Kritik einbrachte. Natürlich ist es wichtig, nicht nur zu sagen: „Wir schaffen das“ sondern auch zu überlegen, wie wir es schaffen können. Auch die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die damit verbunden sind, Wohnraum, Kita Plätze, Schulen, müssen benannt werden. Es gilt, die Ängste und Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, sich aber dennoch nicht von der Angst leiten zu lassen.Wer das christliche Abendland ins Feld führt, kann sich nur von der Liebe und vom Herzen leiten lassen. Wenn die Liebe – von Mensch zu Mensch und von Gott zu Mensch – stärker als eine Bergkathedrale ist und länger besteht als die Sterne am Himmel, dann wird diese Liebe zusammen mit einem klaren Verstand auch aus einer großen Herausforderung etwas Positives gestalten. Von den vietnamesischen boat people spricht heute niemand mehr als Problem. Die meisten Flüchtlinge aus dem Jahr 2015 sind dank der großartigern ehrenamtlichen Unterstützung heute in Arbeit und eine Bereicherung für dieses Land. Und auch die Cap Anamour macht bis heute von vielen unbemerkt eine wertvolle Arbeit bei der medizinische Versorgung in den Krisengebieten an Land, zusammen mit der einheimischen Bevölkerung. Das kommt auch uns zugute.
18. Sonntag im Jahreskreis (06.08) - Verklärung des Herrn
Von Jesus haben wir heute im Evangelium von der Verklärung gehört. Auch hier lässt die unmittelbare Begegnung mit Gott Jesus in einem anderen Licht erscheinen. Von ihm, Jesus, dem Christus, wird geoffenbart: Dieser ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Auch die drei Jünger auf dem Berg der Verklärung fürchten sich sehr, doch Jesus fasst sie an und sagt zu ihnen: Steht auf und fürchtet euch nicht. Danach beginnt der Abstieg vom Berg der Verklärung. Erst mit Ostern wird das Geschehen der Verklärung vollständig verstanden werden können. Fürchtet euch nicht! Vor Gott brauche ich keine unnötige Furcht zu haben und ich muss auch nicht katzbuckeln. Außerdem hilft Furcht nicht, um in den Niederungen des Alltags zurechtzukommen. Da braucht es vielmehr den aufrechten Gang und den Mut, die Kraft und den Durchblick, die ich in der Begegnung mit Gott bekomme. Die Orte, an denen ich Durchblick bekomme und Weitblick gewinne, sind für mich Orte der Verklärung, an denen etwas von den Tiefendimensionen des Lebens aufscheint und durchbricht. Für Christen ist diese Tiefendimension des Lebens Gott und der Glanz von Ostern. Alles Böse, Dunkle, Gemeine und Todbringende ist schon überwunden, seine Macht ist schon gebrochen. Der Gott der Liebe, der Barmherzigkeit und des Lebens ist Herr der Welt und behält das letzte Wort. Wenn es gut geht, können wir in der Zeit der großen Ferien Abstand gewinnen vom Alltag. Wenn es gut geht, haben wir schöne Erlebnisse in den Ferien, die ihr Licht auf unseren Alltag werfen. Wenn es gut geht, bekommen wir neuen Durchblick und können unseren Alltag wieder froher und mutiger angehen. Wenn es gut geht, dann sind Ferien wie ein Berg der Verklärung, auf dem uns Neues aufgeht, über mich selbst, über meine Familie, über Menschen, mit denen ich im Streit liege. Wenn es gut geht, konnte ich in der Natur, in mir selbst und in anderen Menschen etwas Gott erahnen. Wenn es gut geht, ist neu etwas von dem Glanz von Ostern in meinem Leben aufgegangen und durchgebrochen. Hoffentlich haben mir die Begegnungen so gut getan, dass ich neu etwas von der Gegenwart Gottes in allem, was lebt und geschieht, erahnen konnte. Das gibt neuen Mut und neue Kraft, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen. Ich wünsche uns, dass wir neu und stärker etwas von der Gegenwart Gottes und vom Osterlicht ausstrahlen können, dass man es uns ansehen kann.
Heinz-Willi Rivert
17. Sonntag im Jahreskreis (30.07) - Gedanken zu Mt 13,44-52
Als Kind war ich ein ausgesprochener Bücherwurm, vor allem süchtig nach Abenteuerliteratur. Karl May gehörte zu meinen Lieblingsautoren. Durch das massenhafte Verschlingen solch einschlägiger Literatur wurde meine Phantasie derart angeregt, so dass ich mir selbst abenteuerliche Geschichten auszudenken begann. Und irgendwann vermischte sich in meinem Kopf Phantasie und Realität so stark, dass ich manchmal Schwierigkeiten hatte, eines vom anderen zu unterscheiden. In vielen dieser Hirngespinste ging es auch um das Suchen und Entdeckung verborgener Schätze. Dadurch, dass ich in der ich in meiner kindlichen Phantasie auf abenteuerliche Weise in den Besitz großer Reichtümer gelangte, kam ich mir als etwas Besonderes vor, als Held, der von allen bewundert und respektiert wurde. Derartige Vorstellungen genoss ich damals als Kind in vollen Zügen. Diese kindisch-naiven Vorstellungen sind, Gott sei Dank, längst ausgeträumt. Trotzdem bin ich froh, sie gehabt zu haben. Sie gehören meiner Entwicklung und meiner Vergangenheit an. Was letztlich aber geblieben ist, ist der Schatz im Acker, von dem Jesus im heutigen Evangelium spricht, Sinnbild für unser eigenes Leben, der Boden der Realität, auf dem sich unser Alltag abspielt. Ein solcher Acker kann steinig, lehmig, hart, matschig aber auch locker und fruchtbar sein. Er kann auch Geheimnisse verbergen auch wenn an der Oberfläche zunächst nichts darauf hindeutet. Ein solcher Schatz lässt sich erst dann finden und bergen, wenn wir den Acker bearbeiten und nicht einfach brach liegen lassen. Denn Schätze liegen tiefer. So wie der Schatz im Acker verborgen, so hält sich auch Gott verborgen im Acker unseres Lebens und Alltags. Nichts deutet unmittelbar auf ihn hin. Er lässt sich nicht unmittelbar erkennen und begreifen. Unser Alltag ist oft oberflächlich und nüchtern, er spricht nicht von Gott, sondern von den kleinen und großen Sorgen und Problemen, Ängsten und Schicksalsschlägen. Ein Ärgernis für uns Christen, dass Gott nicht so klar, eindeutig und offensichtlich in Erscheinung tritt. Ein leiser, verborgener Gott, der weder medien- noch werbewirksam sich zu vermarkten weiß. Mit so einem Gott kann die Welt heute kaum noch was anfangen. Was nicht blaut ist und sich schrill zeigt wird nicht wahrgenommen, existiert einfach nicht. Ein eigensinniger Gott, der zu keiner Imagekorrektur bereit ist, und scheinbar nicht kapiert hat, dass man weder in einem Stall geboren werden darf, noch mit Sündern am gleichen Tisch sitzen sollte, und schon gar nicht als Versagen am Kreuz sterben darf um gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung zu erlangen. Gott steht nicht im Rampenlicht, in einer Reihe mit den Großen und Mächtigen dieser Welt. Das ist klar. Und trotzdem, so sagt uns das heutige Gleichnis im Evangelium; Gott ist immer da, zwar verborgen, wie ein Schatz im oft steinigen und unwegsamen Ackerboden unseres Lebens. Man muss sich nur die Mühe machen nach ihm zu suchen. Daher führt uns gerade die Annahme und Bejahung unserer Alltagswirklichkeit hin zu diesem verborgenen Schatz unseres Daseins. Kein fernes, weltfremdes, abgehobenes Himmelreich, sonders ein ganz bodenständiges, irdisches und realitätsverbundenes Leben lassen uns den verborgenen göttlichen Schatz erschließen. So können es die kleinen, oft unscheinbaren Dinge und Ereignisse des Lebens sein die auf Gott hindeuten und hinweisen. Sogenannte Alltagswunder, die nur darauf warten von uns entdeckt und erkannt zu werden. Die Schönheit einer Blume, ein Sonnenaufgang, der Anblick einer wundervollen Berglandschaft, die Weite des Meeres, das leichte Säuseln des Windes über ein Weizenfeld, ein reifer, sommerschwerer Apfel, das Lächeln eines Kindes, eine in Liebe und Anteilnahme entgegengestreckte Hand, ein aufmerksames Ohr oder ein gutes Wort. Darin erahnen und begreifen wir den verborgenen göttlichen Schatz, dadurch erschließt sich der göttliche Schatz im Acker meines Lebens und offenbaren sich die kostbaren Perlen der Gegenwart Gottes. Und noch eine wichtige und folgenschwere Erkenntnis tut sich uns auf; nicht nur in unserem eigenen Leben, in unserem Acker, sondern auch im Leben eines jeden Menschen, eines jeden von uns, schlummert solch ein Schatz, wartet eine göttliche Perle. Auch im Ärmsten und Geringsten, im Unscheinbarsten, in dem so ganz anderen. Auch in jenen, die uns auf den ersten Blick weder sympathisch noch liebenswert erscheinen. Solange wir die Entdeckung und Freilegung dieser Schätze, durch allzu oberflächliche Wahrnehmung, kleinliche Einwände und egoistische Bedenken sowohl in uns als auch in unserem Nächsten verhindern, solange bleibt Gott ein unbedeutender, lebensunwichtiger Wurmfortsatz, nicht aber das Leben selbst Vom Bauer und vom Kaufmann heißt es im heutigen Evangelium, dass sie den wahren Wert des Schatzes erkannt haben und darum aufs Ganze gegangen sind. Voller Freude über den entdeckten Schatz haben sie alles verkauft um ihn zu erwerben. Uns fällt es oft schwer Nägel mit Köpfen zu machen. Wir sind unschlüssig und bleiben allzu gern beim Alten und Vertrauten, auch wenn wir wissen, dass uns diese Einstellung niemals weiterbringt. Warum den Spatz aus der Hand für die Taube auf dem Dach hergeben? Doch wer in das Himmelreich Eingang finden will, der muss sich dafür entscheiden Es sind und konsequent alles dafür tun. Möge uns der lebendige Geist Gottes den Mut und die Kraft schenken, den Pflug unseres Alltags auf Tiefgang einzustellen damit wir fündig werden können und den wahren Schatz des Reiches Gottes schon im Hier und Jetzt zu entdecken. Das wünsche ich mir und einem jeden von uns: Das Reich Gottes zu entdecken und anzunehmen.
Johann Loch
16. Sonntag im Jahreskreis (23.07) - Gedanken zu Mt 13,24-30
In dieser warmen Jahreszeit möchten wir sicher nicht an Arbeit denken. Egal ob bei Regen oder Sonnenschein, sogar eine Kirchenbank ist dieser Tage sicher bequemer, als auf offenem Feld zu sein. Warum stehen im heutigen Evangelium die Früchte des Feldes so sehr im Vordergrund? Wir stehen in einer Zwischenzeit. Die Sommerferien sind immer auch eine Zeit der Weichenstellung, für die Kinder einerseits, die sich auf ein neues Schuljahr vorbereiten, in dem sich ihr Leben sicher in mancher Weise ändern wird, für die Erwachsenen andererseits, für die eine gefühlte Halbzeit des Jahres gekommen ist, eine kurze Pause bevor es weiter geht. In der gleichen Situation ist auch der Besitzer des Feldes im Gleichnis, der Weizen ist gesät, noch ist die Zeit der Ernte nicht da, eigentlich müsste er sich im Moment um dieses Feld nicht kümmern. Da kommt die Hiobsbotschaft: Unkraut auf dem Feld! Der Besitzer wird aus seiner Zwischenzeit herausgerissen, muss eine Entscheidung treffen, doch entgegen dem ersten Impuls seiner Diener wird keine sofortige Lösung verlangt. Er setzt auf das Warten: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“, lautet seine zentrale Botschaft. Zeit und Geduld sollen die Menschen aufbringen, wenn es um die Sache Gottes geht. Und beides haben wir ... nicht! Stattdessen richten wir uns so ein, dass viele Dinge des täglichen Lebens schnell und automatisch funktionieren. Und wie wär’s mit einem Turbo-Kindergarten, einer Turbo-Grundschule, einem Turbo-Abi? Wenn wir die Gesetze des Wachstums und der zeitgemäßen Entfaltung nicht beachten, wird’s unmenschlich. Eine Pflanze wächst nicht schneller, wenn man an ihr zieht. Auch Düngung ist im Vergleich dazu nur ein kleiner Trick. Jesus, der Meister schlechthin, öffnet mit seinen Gleichnissen unseren Blick für das Ganze! Er eröffnet unserem Schauen einen großen und weiten Zusammenhang, darin bekommen unsere Fehler und Unvollkommenheiten ihren Platz; darin bekommt sogar das Böse vorübergehend seinen Platz, bis es mit der Zeit überwunden sein wird. Erst zur rechten Zeit, wenn die Ernte „da sein“ wird, will Gott selbst für die entsprechende erneute Trennung sorgen. So lange müssen wir eben „das Unkraut“ sehen können. Wir können uns daranmachen und sind ermutigt, mit unseren Schwächen hauszuhalten und mit unseren Stärken zu arbeiten – und wer weiß, eventuell entwickelt sich unsere Schwäche zu unserer größten Stärke! Nicht nur am Ende eines Schuljahres, sondern am Ende eines jeden Lernprozesses entlastet uns Jesus mit seinen Gleichnissen: Wir sollen eben nicht aufgrund vorschneller, sondern aufgrund „reiflicher Überlegung“ handeln und das Unsere tun mit bestem Wissen und Gewissen. Das Eigentliche aber bewirkt Gott. Er schenkt uns dazu seinen Heiligen Geist, der uns zur Unterscheidung befähigt. Zum Beispiel gibt es das Unkraut im moralischen Sinn – denken wir an negative Verhaltensweisen. Im botanischen und ökologischen Sinn gibt es im eigentlichen Sinne dagegen gar kein Unkraut; im Gegenteil: Es wächst überall, damit auch jede Ödfläche besiedelt ist. Es ist eine Frage des Blickwinkels, ob eine Pflanze bereichert, veredelt oder als Störenfried empfunden wird. Und dieser Blickwinkel rückt die so Urteilenden ins Blickfeld. Fazit: Es kommt auf den Kontext – auf‘s Ganze – an. Eine an sich richtige Handlung, nämlich Unkraut zu jäten, ist, wenn sie zum falschen Zeitpunkt erfolgt, falsch. Es lohnt sich ökologisch auch immer die Frage: Für wen ist das „Unkraut“?! Wen stört es? Wer steht hinter dieser Wertung? Strapazieren wir das Gleichnis gleich noch einmal: Wenn „Unkraut“ auf menschliches Verhalten bezogen wird. Wo und wann müssen, sollten wir „jäten“? Welches Unkraut, das uns in den Bann zieht, wird, kann sich später (noch) als wertvoll erweisen? Sind wir mit unserer Einschätzung zu schnell? Zu übereilt, zu egoistisch, zu sehr selbstbezogen? Wo sind wir – vor allem bei uns selbst – zu zögerlich, zu unentschlossen? Bitten wir also immer wieder neu Gott, den Herrn der Welt, um die Weisheit, das Unsrige zu tun zur rechten Zeit. Im Übrigen lohnt sich in der Urlaubszeit der Blick in den blauen Horizont: Alles ist umfangen von einer Liebe, die alles durchträgt. Diese Einsicht zu unser aller Entlastung wünsche ich Ihnen und uns allen.
Alois Balint
15. Sonntag im Jahreskreis (16.07) - Gedanken zu Mt 13,1-23
Die erste Botschaft, die das Gleichnis vom Sämann für uns bereithält, ist diese: Auch Gottes Wort kann scheitern! Gottes Wort wird als Saat in die Welt gesät, aber diese Saat kann verloren gehen, kann zertreten und unter Dornen erstickt werden. Auch das Wort Gottes findet taube Ohren und harte Herzen. Jesus ist auf Verständnislosigkeit, Gleichgültigkeit, Ablehnung, ja sogar auf offenen Hass gestoßen. Auch Gottes Wort kann scheitern! Wir nehmen daran Anstoß und fragen: Müsste nicht Gottes Wort fruchtbarer, Gottes Macht bezwingender, Gottes Licht leuchtender und überwältigender sein in dieser Welt? Eine Antwort darauf könnte heißen: Unser Gott ist ein Gott der Freiheit. Seine Art ist es, nicht die Menschen zu überwältigen. Seine Art ist das freie Angebot: er zwingt nicht, sondern er bietet an, er lädt uns ein, er ruft zur freien Entscheidung. Gott will nicht Knechte, sondern Freunde. Dass auch Jesus nicht überall Glauben fand, kann für uns auch ein Trost sein! Wir sollen uns nicht resigniert zurückziehen, wenn wir erleben, dass Anstrengungen vergeblich und erfolglos waren. Wir werden nicht nach unserem Erfolg gefragt, sondern nach unserer Ausdauer bei der Aussaat und nach unserer Geduld, in der sich die Echtheit unserer Liebe erweist. „Ein Sämann ging auf’ s Feld, um zu säen“, mehr ist von uns nicht gefordert. Der Herr hat uns nicht den Erfolgsmanager als Vorbild gegeben, sondern den Sämann. Der weiß, dass ein guter Teil seiner Arbeit umsonst ist, er weiß um Unkraut und Dornen, um Dürre und Nässe und trotzdem sät er jedes Jahr unverdrossen in der festen Hoffnung auf die Ernte.
Die zweite Botschaft, die uns das Gleichnis vom Sämann vermitteln will, lautet: Trotz aller Misserfolge, trotz aller Ablehnung erreicht Gottes Wort letztlich doch sein Ziel: Ein Teil der Körner fällt auf gutem Boden und da geht die Saat auf: dreißigfach, sechzigfach, hundertfach. „Die Saat geht auf und bringt Frucht! Darauf dürft ihr euch verlassen!“ Das ist Jesu Antwort auf die enttäuschenden Erfahrungen, dass auch sein Wort nicht überall Glauben findet. Es ist zugleich seine Einladung an uns, unseren Dienst geduldig zu tun, mit langem Atem, mit der Kraft, auch Enttäuschungen auszuhalten, ohne daran zu verzweifeln oder zu verbittern, ohne uns selbst oder die anderen aufzugeben. Sicher müssen wir uns immer wieder fragen, ob wir es denn richtig und gut machen, ob wir glaubwürdig sind, ob wir das, was wir glauben auch zu leben versuchen. Aber wir sind nicht besser oder klüger als Jesus selbst. Auch er musste Enttäuschung hinnehmen, ist auf Widerstände gestoßen, hat Gleichgültigkeit und Ablehnung erfahren. Er will uns aber ermutigen: wir sollen nicht aus dem Blick verlieren, dass ein Teil der Körner auf gutem Boden fällt, aufgeht und Frucht bringen wird. Vielleicht geht die Frucht schon heute auf, vielleicht auch erst in vielen Jahren. Vielleicht geht da überraschend etwas auf, wo wir nichts erwartet haben. Anderes verkümmert, wo wir meinten, es seien alle Voraussetzungen zum Gelingen da. Wann und wo die Frucht aufgeht- das lass Gottes Sorge sein! Dass sie aufgeht- darauf könnt ihr euch verlassen! Wir sollen nicht dauernd enttäuscht sein über die, die wegbleiben, wir sollen uns freuen über die, die noch da sind. In unserer säkularen Zeit ist es doch nicht überraschend, dass viele wegbleiben, es ist überraschend, dass viele dennoch dabeibleiben. Darüber dürfen wir staunen und uns miteinander daran freuen! Wann und wo die Frucht aufgeht- das lass Gottes Sorge sein! Dass sie aufgeht- darauf können wir uns verlassen! Die wenigen Körner, die reiche Frucht bringen, können das ersetzen und ausgleichen, was nicht aufgegangen ist. Es kommt nicht darauf an, wie viel Menschen sich zum christlichen Glauben bekennen; es kommt eher darauf an, dass diejenigen, die glauben, ihren Glauben überzeugend leben. Es kommt nicht nur darauf an, wie gut die Gottesdienste besucht sind; es kommt eher darauf an, dass diejenigen, die den Gottesdienst mitfeiern, sich verändern lassen vom Wort des Evangeliums und reiche Frucht bringen. Das Gleichnis vom Sämann lädt ein, die Zuversicht neu zu entdecken- die Zuversicht, dass es eine Ernte geben wird, die Zuversicht, dass mein Tun, mein Säen, nicht umsonst ist. Es lädt ein, eine großzügige Gelassenheit neu zu entdecken: das Ergebnis meiner Aussaat, die Ernte hängt nicht nur von mir ab. Einmal wird es gelingen- überzeugend, kraftvoll, jede Vorstellung übersteigend- und darauf kommt es an.
Wer so sät, erntet Zuversicht schon im Säen.
Wer so sät, findet den langen Atem.
Wer so sät, kann sich freuen über das nicht geahnte,
nicht erwartete Ergebnis.
Zuversicht ist das Stichwort, nicht Effektivität.
Karl Zirmer
14. Sonntag im Jahreskreis (09.07) - Gedanken zu Mt 11,25-30
Sommerzeit, Ferienzeit, Zeit für Lockerungsübungen. Wir suchen Entlastung, geschenkte freie Zeit für Atempausen, zum Genuss von Räumen des Aufatmens, des Abladen-Könnens, der Entspannung. Alles „Müssen“, all die Welten voller Druck wollen wir hinter uns lassen. Angesichts der Strapazen des Arbeitslebens sehnen wir uns nach Worten, Orten und Zeiten, die uns guttun, nach Räumen, in denen wir nichts tun müssen, auch nicht einmal „beten müssen“. Kirchen sind keine Bedingungsorte. Wir haben den sonntäglichen Herrentag, zum Lastenwechsel nötig. Jesus räumt uns einen Zeitraum ein, um zu entdecken, dass wir „leichter“ werden dürfen und Ballast abwerfen können. Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“. Wie bitte? Wie kann ein Joch überhaupt leicht sein? Das ist wieder ein Text zu dem den modernen Menschen die passenden Bilder im Kopf fehlen. Nicht einmal mehr Kinder von Bauern können Ihnen erklären, was ein Joch bedeutet. In Zeiten von immer größeren Traktoren. Auch die Worte „Last“ und „leicht“ schließen sich aus, von ihrer Bedeutung her. Eine Freundin aus Afrika hat mir erzählt, dass sie die Heiligen Messen in unserer Kultur fast nicht aushält. Keine Spur von Freude, kein Hauch von Fröhlichkeit. Alle scheinen wirklich unter schweren Belastungen zu leiden, wenn man in die Gesichter schaut. OK, es ist anders, wenn ich die irdische Last einer Krankheit zu tragen hätte. Aber so traurig wie viele in den Kirchen aussehen, ist das Leben im sicheren, sozial abgesicherten Europa wirklich nicht. Im Vergleich zu den Problemen, unter denen viele Menschen in Afrika oder sonst wo leiden. „Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Für Martin Luther ist dieser Satz das Schlüsselwort Jesu. Für Sören Kierkegaard, den großen dänischen Denker und Gottsucher, ist das die zentralste Aussage Jesu. Wie kein anderes Wort fasse es zusammen, wer Jesus für uns ist. Viele, die diese Worte hören „Kommt her, ihr schwer vom Leben Geschlagenen, ihr „geistlich Armen“, ihr Atemlosen!“, spüren endlich: da ist etwas für mich, ich bin damit gemeint! Dem, der so wirbt, sollten die Herzen zufliegen; da ist Einer, der „sympathisch rüberkommt“, der es ernst meint. Es ergeht eine Einladung zum österlichen Tag der offenen Tür, nicht nur an mich, sondern an alle. Werden überhaupt so viele kommen oder ist der Kreis derer, die etwas von ihm wollen, inzwischen so überschaubar wie unsere Gottesdienstgemeinde? Diese verlockenden Worte, die man nicht alle Tage zu hören bekommt, verheißen Seelenruhe, keine Friedhofsruhe. Was heißt eigentlich „Ruhe“? Das hört sich fad an für erlebnishungrige Urlauber, die sich ganz im Gegenteil ins Getümmel, in die totale Zerstreuung stürzen. Kann Jesus also landen mit Worten, die uns entgegenkommen wie eine Umarmung? Worte ohne Hintergedanken, ohne den Druck der Modalverben „müssen“ und „sollen“. Nichts wird von mir verlangt, allein, dass ich mich Jesus annähere und dieser seltsamen Einladung traue. Die meisten von uns wären heute nicht hier, wenn sie nicht eine Sehnsucht spürten nach ein bisschen Gegen-Welt, nach Tempowechsel, Orten des Schweigen-Dürfens, einer Auszeit. Die meisten von uns, ob sie nun den Urlaub noch vor sich oder bereits hinter sich haben, sind mehr oder weniger außer Atem; sie kommen nicht mit leichtem Rucksack, sondern mit schwerem Gepäck aus dem üblichen Alltagsstress. Viele sind beladen mit „Alltags-Smog“, der den Blick verstellt und die Luft zum Atmen nimmt. Oh ja, liebe Schwestern und Brüder, der alte Text Jesu ist für mich und Dich gemeint, für den Zeitgenossen, der „reif für die Insel“ ist, fix und fertig, beladen und erschöpft, ausgepowert und überlastet. Ich glaube, dass solche Leute nun unter uns sitzen. Sie haben ihr unsichtbares Päckchen zu tragen. Viele schleppen sich ab an der Last der Vergangenheit, ihres Alters, der immer neuen Erwartungen, des Leistungsdrucks. Sie haben es nicht leicht mit sich selbst; die Schwerkraft zieht sie runter: oder die Belastung, nichts tun zu können angesichts fremder Not. Lastenfrei kommen die wenigsten durchs Leben. Unter uns werden bedrückte Menschen sitzen, die sagen: Erzähl was du willst, ich komme nicht mehr zu Ruhe; mal sehen, wie ich die Nacht ohne Tabletten überstehen werde. Daher die ganz wichtige Frage: Erleichtert der Glaube an den Heiland wirklich die Last des Lebens, macht er mich glücklicher? Oder gibt es auch die Last der Religion? Macht das Glauben das Leben noch anstrengender? Vollmundig wird gerne behauptet: Auf dem Weg zu Gott werden wir leichter, gesünder und ruhiger, überwinden wir geistlich die Schwerkraft, sehen wir erlöster aus. Stimmt das? Scharenweise verlassen die Leute die Kirche. Es gab Zeiten, da wurden die Sonntagspflicht und Sonntagsruhe unbarmherzig wie ein starres Gesetz eingebläut. Oder wir Verkünder der Botschaft werden wie eingebildete Besserwisser, selbstgerechte Moralapostel und abschreckende Lastenaufleger erlebt, die die Seelen mit „falschen“ Gottesbildern vergiften. So hat es auch Jesus den Schriftgelehrten vorgeworfen, dass sie anderen immer neu Lasten aufbürden. Auf einmal kommt im Mund Jesu ein komisches Wort: Das Joch. Man kannte es in der Vergangenheit, diesen Holzbalken aus zwei spiegelgleichen Hälften, der dem Ochsen in der Landwirtschaft auf den Hals gebunden wurde, damit der Zug gezogen und die Tiere lenkbar waren. Zuweilen sieht man sie in Bayern und Österreich bei festlichen Umzügen. „Mein Joch ist leicht“, tröstet Jesus. Wir könnten einwenden: Hab ich’s mir doch gedacht, dass der Lockruf des Heilands noch nicht alles war. Fordert er Demut, Askese, Fasten, Gesetzesgehorsam? Jesus erhofft etwas von Menschen, die in seine Nähe kommen. Mit Bonhoeffer gesprochen, können wir sagen, dass die Gnade nicht „billig“ ist. Es verlangt die Übernahme des Lebenskonzeptes Jesu. Wir nennen es „Nachfolge“. Er zwingt mir das Joch der Nachfolge nicht auf. In der Nachfolge Jesu werde ich nicht zum Ochsen, zum Arbeitstier, zum Stimmvieh. Kann es das geben, eine leichte Last, ein sanftes Joch? Wir bringen nicht nur Lasten mit, sondern uns wurde ein Joch, manchen sogar mehrere „Joche“ auferlegt. Darum sind mir Bilder von Ochsenpaaren sympathisch, die gemeinsam ihr Tagewerk verrichten. „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ sagt Paulus (Gal 6,2) Jetzt kommt die Offenbarung: Jesus bietet sich als Mitträger an. Bilden wir mit ihm eine „Seilschaft“. Lasst uns gemeinsam den Pflug ziehen. So wie Simon von Cyrene Jesus half, den Kreuzesbalken zu tragen. Jesus nimmt mir das Joch und auch die Lebenslast nicht ab. Viel wäre gewonnen, wenn uns der Glaube hilft, an den mittragenden Christus zu glauben. Genießen wir diesen Sonntag – und Jesus, den menschgewordenen Sabbat, den Ort der Ruhe. Ich wünsche uns, dass wir hier endlich Lasten ablegen, Entlastung, Ruhe finden – in Jesus, dem Lasten-Mitträger!
Alois Balint
13. Sonntag im Jahreskreis (02.07) - Gedanken zu Mt 10,37-42
Das heutige Evangelium ist eine Herausforderung. Wenigstens gibt es nicht die Gefahr, gemütlich einzuschlafen... Ja, Jesus provoziert mit semitischen Übertreibungen und manchmal ist das sehr gut so! „Du kannst dir nicht ein Leben lang die Türen alle offen halten“, so beginnt ein Text von Paul Roth. Wer Gutes tun und in seinem Leben viel leisten will, muss sich deshalb vor Verzettelung hüten. Es kommt deshalb darauf an, dass ich alle Kräfte auf das vor mir liegende Ziel ausrichte und alle anderen Interessen diesem Ziel unterordne. Das gilt für alle Lebensbereiche und damit auch für den religiösen Weg eines Menschen. Auch die Bedeutung der Gemeinschaft ist für das Erreichen eines Zieles nicht zu unterschätzen. Der heilige Vinzenz Pallotti bemerkte einmal: “Das Gute, das vereinzelt getan wird, ist für gewöhnlich spärlich, unsicher und von kurzer Dauer, und selbst die hochherzigsten Bemühungen Einzelner führen zu nichts Großem, wenn sie nicht vereint und auf ein gemeinsames Ziel hingeordnet sind.“ Das sollte uns mit dem Blick auf die kirchliche Gemeinschaft, die sicher überhaupt nicht perfekt ist, doch zu denken geben. Ist die Entscheidung für einen Kirchenaustritt wirklich der Weisheit letzter Schluss? Eltern, die ihr Kind erst einmal nicht taufen lassen möchten, begründen dies gern mit einer Offenheit des religiösen Weges für ihr Kind. Dass diese Entscheidung aber eher die Gleichgültigkeit fördert, wird leider oft übersehen. Denn sich wirklich für oder gegen etwas entscheiden kann einer nur, wenn er die Sache, um die es sich dreht, sehr gut kennt. Bis zu einer wirklich begründeten Entscheidung für den Glauben ist deshalb von einem längeren Weg auszugehen. Auch für Heilige gilt das “Gesetz des Weges“. Der Blick auf ihr Leben beweist es: Sie mussten sich oft genug gegen die eigene Familie oder ihre Umgebung durchsetzen. Denken wir nur an die heilige Elisabeth von Thüringen oder Franz von Assisi, die sich gegen den Willen ihrer engsten Verwandten für den Weg mit Jesus entschieden haben. Jesus wollte die Menschen zu einer Glaubensentscheidung führen. Seine Worte und sein Anspruch sind sicher manchmal provozierend, hart und kompromisslos. Aber sie dürfen auch nicht mit irgendwelchen Ausflüchten oder Relativismen abgeschwächt werden. Andererseits vollzieht sich die Nachfolge Jesu nicht allein in außergewöhnlichen Situationen und Lebensumständen, sondern eben im Alltag. Und dieser Alltag weist mir beispielsweise eben nicht jeden Tag ein neues und großes Kreuz zum Tragen zu. Im Alltag stehe ich nicht jeden Tag vor der Entscheidung, entweder Jesus oder Vater und Mutter, Sohn und Tochter mehr zu lieben. Im Alltag habe ich eher die kleinen und unscheinbaren Kreuze zu tragen – das ist sicher auch oft schwer genug. Ja, im Alltag sind die kleinen Entscheidungen häufiger als die großen familien- und weltbewegenden Entscheidungen. Sich „in allem“ (Ignatius von Loyola) für den Weg Jesu und damit für Gott zu entscheiden – das ist Tag für Tag im Leben wichtig. Auch wenn das Wort vom Kreuz uns oft ein Rätsel bleibt, wenn uns dieses „Kreuzworträtsel“ ein Leben lang begleiten wird und auch wenn wir die Herausforderung des Kreuzes nur bruchstückhaft einlösen – ich glaube, wir können es trotzdem spüren und ahnen, dass dieses Kreuz das große Pluszeichen in unserem Leben ist, weil es das Scheitern nicht verschweigt und trotzdem darüber hinausblicken lässt. Danke Jesus, dass Du uns nicht nur provozierst, sondern uns auch treu begleitest!
Alois Balint
12. Sonntag im Jahreskreis (25.06) - Gedanken zu Mt 10,26-33
Was Jesus uns im Dunkeln anvertraut, sollen wir bei Licht weitersagen. Was er uns ins Ohr flüstert, sollen wir von den Dächern rufen. Bei welchem Netzwerk sind sie angemeldet: Facebook, Twitter, Whatsapp, Insta ...? Man ist auf diesen Kanälen mit Millionen von Menschen verbunden. Dass muss man bedenken – sonst geht es schief. Das erging einer Schülerin aus Hamburg so. Sie wollte mit ihren Freundinnen in ihren 16. Geburtstag hineinfeiern. Sie postete die Einladung im Internet. Jeder kann kommen, sollte aber vorher Bescheid sagen. Sie ging davon aus, dass diese Einladung nur ihre Freundinnen lesen konnten. Aber sie hatte einen Fehler gemacht und so alle Benutzerinnen und Benutzer dieses Netzwerks eingeladen. Sie bekam innerhalb kürzester Zeit 15.000 Zusagen auf ihre Einladung. Ihr Vater sagte die Party in der Hamburger Morgenpost ab, benachrichtigte die Polizei und einen privaten Sicherheitsdienst. Social Media machen tatsächlich möglich, was Jesus sagt. Was ich im Finstern sage, sage du es im Licht. Was ich dir ins Ohr sage, rufe es von den Dächern. Sie machen es möglich – aber wir haben davor Angst, uns zu bekennen, erst recht in großen anonymen Gruppen – und vermutlich zu Recht. Was Jesus uns anvertraut, sagen wir nicht weiter. Wir haben Angst. Angst davor, uns zu bekennen. Bekennen heißt ja, deutlich zu machen, warum ich so handle und nicht anders. Anderen Menschen Gutes zu gönnen, kann ja unterschiedliche Gründe haben. Für Christen ist es – theologisch gesprochen – die Gottesebenbildlichkeit. In jedem Menschen erkennen wir den Schöpfer aller Dinge – auch in uns selbst. Das ist großartig und wunderbar. Wir erkennen, dass wir Menschen durch Gott alle zusammengehören – Brüder und Schwestern sind. Das treibt uns Christen an, uns um das Wohlergehen der anderen zu bemühen. Oder sollte es zumindest. Die, die sich dazu bekennen, werden aber weniger. Heute muss man sich dafür rechtfertigen, anderen Gutes zu tun. Während jeder, der an sich denkt, dafür grenzloses Verständnis bekommt. Wer sagt, ich denke an die anderen, wird verständnislos angesehen. Warum? Mit einem klaren Bekenntnis gerät man in Gefahr – wie mit einer Einladung über einen Messanger. Es ist ja nicht so, dass irgendjemand hinterfragt, wieso sagen alle bzw. so unendlich viele zu – die wissen doch, dass sie nicht gemeint sind. Doch das war ja der Reiz – den Fehler dieses Mädchens auszunutzen, sie bloßzustellen, oder wenn man so will: ihre „Dummheit“ zu feiern. Das Fürchten immer mehr Menschen, die sich bekennen – dazu, in wessen Auftrag sie Gutes tun wollen, und dazu, welche Fehler sie machen. Die ersten Christen haben mit Mut bekannt, dass sie Christus folgten – allen Angriffen zum Spott. Luther und den Protestanten erging es noch einmal ähnlich. Seitdem hat vielleicht das Bekennen und mit Sicherheit das Bekenntnis an Bedeutung verloren. Wir rufen nicht mehr von den Dächern, was Christus uns eingeflüstert hat, oder? Wir haben Angst. Angst vor der Masse. Jesus hat es gesagt und er sagt es auch heute noch: „Habt keine Angst vor Menschen. Es wird ohnehin alles bekannt werden, was ihr glaubt im Leben und im Sterben.“ Es gibt unzählige Gelegenheiten, zu denen wir überprüfen, ob mit unserem Bekenntnis noch alles in Ordnung ist – lassen wir es uns besser noch einmal gesagt sein: „Habt keine Angst.“ Bekennt euch zu Christus – nicht, indem ihr immerzu von ihm redet, sondern dass ihr ihn erkennt, wenn das Leben neu beginnt. Zum Beispiel im Krankenhaus nach einer schwierigen Operation oder nach einem Unfall. Wenn einem das Leben neu geschenkt wird. Wenn Geld und Karriere unwichtig werden, weil das Wichtigste ist, seinen Ehemann zu umarmen. Bekennt euch zur Christus am Kinderbett, wenn ihr erklärt, dass die Oma im Himmel ist, und dass Gott die Kinder lieb hat, auch wenn sie manchmal böse sind und die Teddys anderer Kinder verstecken. Bekennt euch zu Christus auf dem Parkplatz vor dem Aldi oder wo auch immer ein Gespräch ein offenes Ohr verlangt. Bekennt euch zu Christus am Küchentisch, an dem das Tischgebet gesprochen wird. Ein Hausfrauenroman von Erma Bombeck heißt: „Nur der Pudding hört mein Seufzen“. Stimmt nicht. Der Herrgott hört es auch. Bekennt euch zu Christus in seiner Kirche, unter seinem Wort und an seinem Tisch. Das hier ist Gottes soziales Netzwerk – seine Einladung gilt allen und er sagt die Party nicht ab und engagiert keinen Sicherheitsdienst. Gott sei Dank!
Bernd Niss
11. Sonntag im Jahreskreis (18.06) - Gedanken zu Mt 9,36-10,8
Wann haben Sie den Ruf Jesu vernommen? Gibt es so etwas wie einen heiligen Moment, von dem Sie sagen können: Da habe ich seine Stimme gehört, die mich beim Namen gerufen hat? Viele Menschen denken, Gott ruft Heilige, denen gibt er besondere Aufträge, aber mich doch nicht. Stimmt das? Es kann doch auch ganz anders sein. Es gab und gibt Leute, die sich als areligiös bezeichnen und plötzlich eine Stimme in sich hören, die sie unbedingt angeht und herauslockt aus ihrem bisherigen Leben. Der jungen Französin Madeleine Delbrêl (1904–1964) ist solches widerfahren. Von Gottes Charme überwältigt, wurde sie, die überzeugte Atheistin, zur Mystikerin der Straße. Sie ließ sich zur Sozialarbeiterin ausbilden und bezeugte Gottes Gegenwart in ihrem sozial-politischen Engagement, teilte ihr Leben mit gesellschaftlich Benachteiligten in Ivry, einem Vorort von Paris. „Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe“: Delbrêls poetische Formulierung dessen, worauf es im Leben eines jeden Menschen ankommt, kann auch für uns wegweisend sein. Wenn Taufe für uns nicht nur eine Urkunde auf Papier bedeutet, sondern wir Gott die Liebe glauben, mit der er uns liebt, dann wird der Impuls, diese Liebe weiterzuschenken, immer stärker. „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“, sagte Jesus damals zu den Jüngern. Kann ein Herz Ohren haben? Rein organisch gesehen natürlich nicht. Aber jedenfalls reicht das äußere Ohr nicht, um den Ruf Gottes zu hören. Es braucht eine Wahrnehmung im Innersten des Menschen, und ein einmaliges Hinhören reicht nicht aus. Jesu Mitleid mit den vielen Menschen, die müde und erschöpft waren, wie Schafe, die keine Hirten haben, klingt höchst aktuell. In den letzten Jahren haben sich viele offizielle Hirten gerade nicht als solche erwiesen, die Glaubwürdigkeit der Kirche leidet mehr und mehr. Zudem bekommen die Menschen den Mangel an Hirten deutlich zu spüren, die pastoralen Räume werden ständig vergrößert. Große Abstände bergen die Gefahr, dass die einzelnen Menschen immer leichter aus dem Blick geraten. Gottes Liebe ist treu und grenzenlos, doch der Mensch, der von ihm gerufen wird, hat sich je neu zu bewähren. Berufung kann auch scheitern, Gott kann auch missbraucht werden als Platzhalter für Machtgier und persönliche Eitelkeit. Ob jemand ein Hirt, eine Hirtin für andere ist, entscheidet sich einzig am brennenden Herzen. Damit das Zusammenleben in den Familien und in unserer Gesellschaft gelingt, braucht es Interesse füreinander, Anteilnahme aneinander, menschliche Wärme. Wenn jeder nur sein Ding durchzieht, nicht bereit ist, Mitverantwortung zu übernehmen für das Gelingen des Ganzen, dann leidet die Qualität jeder Arbeit, und in der Folge die Menschen, die von ihr profitieren sollen. Wen Jesus ruft, der hat die Aufgabe, bleibend auf Empfang zu sein und freudig aus der Fülle dessen weiterzugeben, was er oder sie selbst geschenkt bekam.
Alois Balint
10. Sonntag im Jahreskreis (11.06) - Gedanken zu Hos 6,3-6
Vielleicht war der Satz von der heutigen Lesung aus dem Buch Hosea unauffällig: „Lasst uns nach der Erkenntnis des Herrn jagen!“ Komisch: Warum „jagen“? Es ist aber eigentlich eine tolle, direkte Sprache: Von wegen hier rumsitzen, die Beine übereinanderschlagen und mal mehr oder weniger gespannt darauf warten, was mir in dieser Sonntagsmesse geboten wird, was der Organist spielt, was der Prediger mir da jetzt erklären möchte. Eben gegen so eine Haltung hat der Prophet Hosea im 7. Jahrhundert vor Christus gekämpft: Gegen den Götzendienst. Echte Liebe der Menschen will er als Antwort auf die Gottesliebe.Was hier von uns erwartet wird, bedarf des ehrlichen Wollens, der rechten Vorbereitung und einer angemessenen Einstimmung. Ein Jäger hat normalerweise für seine besondere Leidenschaft eine gründliche Ausbildung zu absolvieren, die ihn mit der Natur der Pflanzen und der Tiere vertraut macht. Er muss zudem die Gesetze kennen, in deren Rahmen er geordnet agieren kann. Er braucht eine passende Ausrüstung von der Kleidung bis zu den Waffen, die er einsetzen möchte. Wer sich – um im Bild zu bleiben – auf die Fährte Gottes begibt, sollte sich darauf einstellen und entsprechend vorbereiten. Wenn es um das heilige Gut unseres Glaubens geht, ist es zwar schön, wenn uns die Bilder des Glaubens in unserem Gefühl ansprechen, aber das reicht nicht. Die Aussagen des Glaubens ordnet und erklärt die Theologie. Wenn wir von „mündigen Laien“ in der Kirche sprechen, dann ist Voraussetzung dafür ein gewisses Basiswissen, das uns zunächst im Katechismus vermittelt wird (auch wenn wir heutzutage dieses Wort nicht so gern hören). Die Worte des Propheten Hosea klingen sehr poetisch und naturverbunden, er drückt in Bildern aus, wie sich Gott uns Menschen nähert: „Er kommt zu uns sicher wie das Morgenrot, er kommt zu uns wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt“ (Hos 6,3b). So weit, so gut. – Doch Efraim und Juda leben, so Hoseas Beobachtung über die damalige Gesellschaft, als würde sie das herzlich wenig interessieren. Liebe wird schon praktiziert, aber oberflächlich und flüchtig wie eine Wolke am Morgen, wie der Tau, der bald vergeht. Wie reagiert Gott darauf? Hosea wechselt spürbar den Ton und verkündet Gott als den, der auf die Menschen durch Propheten einschlägt, der sie sogar durch sein machtvolles Wort umgebracht hat. – Kein Trostwort für uns, keine Frage! Weil das noch nicht reicht, gibt Hosea diesen leidenschaftlichen Eifer in drastischer Weise weiter. Oh, das war aber vor fast 3 Tausend Jahren…Was glauben wir, mit welchen Mitteln unser Gott heutzutage auf unsere Lauheit und mangelnde Glaubwürdigkeit reagieren wird? Sind das, was Kirche und wir mit ihr, dieser Welt zu bieten haben, nicht auch „Wolken am Morgen“ und „Tau, der bald vergeht“? Wie steht es um unsere Überzeugungskraft? Erscheint das, was Kirche an glaubwürdigem Zeugnis und missionarischer Überzeugungskraft zu bieten hat, nicht eigentlich mickrig und erbärmlich? Alle reden nur über blöde oder faule Pfarrer und Bischöfe. Wann wagen wir auch über die Gläubigen zu reden? Einen Gott, der verärgert dreinschlägt, den möchten wir uns gar nicht vorstellen. Er hätte freilich mit der Liebe, die in Jesus Christus Mensch geworden ist, auch wirklich herzlich wenig zu tun.Ich wage zu behaupten, dass die alten Worte vom Prophet Hosea hochaktuell sind. Was vermag der Prophetentext der Lesung uns heute zu sagen? Äußerliche Geschäftigkeit reicht für ein überzeugendes Glaubensleben ebenso wenig wie die bloße Mitgliedschaft in welcher Kirchengemeinschaft auch immer. Taufschein und Kirchensteuer sind nicht überflüssig, aber sie reichen nicht. Freilich gehören zu einem glaubwürdigen Lebenszeugnis auch persönliche Opfer. Oh, das ist ein gefährliches Wort. Ich kenne aber kein besseres. Opfer, die Gott und dem Nächsten zuliebe gebracht werden, bringen die Bereitschaft zur Hingabe zum Ausdruck. Gott ist nicht unser Geschäftspartner! Ausgangspunkt und letztlich maßgebendes Beispiel der religiösen Opferbereitschaft ist das Opfer, das Jesus Christus am Kreuz für uns Menschen dargebracht hat. Die Ganzhingabe durch seinen Tod ist Ausdruck der grenzenlosen Liebe, die Gott uns geschenkt hat. Sie vollzieht sich in jedem heiligen Messopfer unblutig neu. Die heilige Messe ist das Opfer, das die alttestamentarischen kultischen Opfer ablöst und übersteigt, sie vollzieht und feiert das Opfer schlechthin aus Liebe zu uns Menschen. Schön und gut. Aber was heißt das nochmal für mich konkret heute? „Barmherzigkeit will ich, nicht Tempel-Opfer“ sagt Gott durch den Mund des Propheten. Erlauben Sie mir zum Schluss „Barmherzigkeit konkret“ zu buchstabieren: - Die schnippische Bemerkung, die mir auf der Zunge liegt, runterschlucken – wem wäre damit gedient?-Öfter mal denken: Jeder macht es, so gut er kann.- Der Verkäuferin im Supermarkt, die sich vertippt und eine lange Schlange verursacht hat, freundlich und verständnisvoll zulächeln.
-Dem Partner, der heute sehr müde ist, etwas abnehmen, was eigentlich seine Aufgabe wäre.- Einhalt gebieten, wenn sich die Kinder über die Klamotten eines Mitschülers lustig machen.- Am Abend den Tag, der so unproduktiv war und an dem ich so gut wie nichts zustande gebracht habe, in Gottes Hand legen und glauben, dass er mit Liebe darauf schaut. Lasst uns in diesem Sinne das, was wir von der Barmherzigkeit Gottes verstehen, in unserem Leben konkret umsetzen.
Alois Balint
Fronleichnam (08.06) - Hochfest des Leibes und Blutes Christi
Das Fest des Leibes und des Blutes des Herren ist uns Anlass zu einer frommen Andacht zum wichtigsten Sakrament, das Jesus uns hinterlassen hat, der Eucharistie. Die Eucharistie ist die größte Gabe Jesu an die Kirche! Dieses Fest führt uns zurück zum Gründonnerstag, zum Letzten Abendmahl, in dem die Eucharistie wurzelt, und zum neuen Gebot der brüderlichen Liebe " Da Er die Seinen, die in der Welt waren, geliebt hatte, so liebte Er sie bis zum Äußersten " (Joh 13, 1) Jedes Mal, wenn wir an der Messe teilhaben, jedes Mal, wenn wir in Lob und Gebet vor dem Altar stehen, werden wir aufgerufen, uns die zentrale Bedeutung der Eucharistie, ihren unersetzbaren Wert für das Leben und den Weg der Kirche für unser christliches Leben vor Augen zu führen. Ohne die Eucharistie kann keine Kirche bestehen, ohne Kirche kann keine eucharistische Feier stattfinden. In der ersten Lesung hören wir, dass Moses das Volk Israel ermahnt, den langen Weg nie zu vergessen, den Gott es durch die Wüste geführt hat, es mit Manna ernährte, mit dem Wasser aus dem Felsen labte. Ohne das Manna und das Wasser aus dem Stein hätte Israel nicht überlebt, es wäre nie im Gelobten Land angekommen. Aber auch wir, das Volk Gottes, wir Pilger auf dem Weg zum Himmelreich, werden von Gott ernährt und gelabt, nicht durch Manna, nicht durch Felsenwasser, sondern durch den Leib und das Blut Seines Sohnes. Jesus selbst weist in der Synagoge von Kafarnaum, nach der wunderbaren Speisung der Fünftausend, auf das Manna als Zeichen Seines Leibes hin (Joh 6, 49-50) und spricht eindringliche Worte aus, um uns die Notwendigkeit klarzumachen, in Seinem Fleisch und in Seinem Blut zu kommunizieren. "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn einer von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben, und das Brot, das ich geben werde, ist Mein Fleisch für das Leben der Welt. Wer Mein Fleisch isst und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm ". Beim Letzten Abendmahl drücken die Worte Christi klar Seine Gabe aus " Er nahm das Brot, sagte Dank, brach es und gab es ihnen, und sagte: " Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zur Erinnerung an Mich." Dann nahm Er ebenso den Kelch und sagte: " Dieser Kelch ist der neue Bund, begründet in Meinem Blut, das für euch vergossen wird". (Lk 22, 19-20) Hören wir gut zu! “ Dies ist Mein Leib, der euch hingegeben wird. Dies ist Mein Blut, das für euch vergossen wird. ” Die Anwesenheit Jesu in der Eucharistie ist nicht nur die Anwesenheit des Wieder- Auferstandenen, wie Er sich den Aposteln im Versammlungsraum und am See Genezareth gezeigt hat. Nein! In der Eucharistie ist Jesus anwesend als Zeichen Seiner Gabe von Sich selbst. Das Opfer aus Liebe, das Er am Kreuz brachte, ist jetzt seine ewige Haltung bei Seinem Vater. Aus dieser Haltung heraus wird Er anwesend in der Eucharistie, wird zum Brot, das uns ernährt und verwandelt. Der katholische Schriftsteller Julien Green empörte sich über die Gleichgültigkeit von zahlreichen Christen bei der Sonntagsmesse: "Glaubt ihr aber wirklich, dass in jeder Eucharistie Jesus anwesend ist, der aus reiner Liebe Sein Leben für euch hergibt? Wenn ihr das glaubt, warum verlasst ihr die Kirche, nachdem ihr der Messe beigewohnt habt, so gleichgültig?" Das sind Fragen, die uns darüber nachdenken lassen, was wir in der Messe erleben. Das bedeutet, dass es schier unmöglich ist, unser christliches Leben in einem ernsten, treuen, engagierten Geist zu leben, ohne eine lebendige, innige Anteilnahme an der Sonntagseucharistie. Sonst würden wir anämische, laue Christen, verwelkte fruchtlose Äste. Ohne regelmäßige rege Anteilnahme an der Eucharistie kann es keine tiefe innige Beziehung zum Herrn, dem wahren Weinstock, geben, da gibt es kein wirklich engagiertes Christenleben. Im Sakrament der Eucharistie hat uns Jesus eine geistige Gabe hinterlassen. " Ich habe euch so sehr geliebt, dass ich euch mein Leben gegeben habe. Wenn ihr meine Jünger sein wollt, sollt ihr dasselbe auch tun, einander lieben in derselben Art ". Dazu schreibt der Apostel Paulus: "Weil es nur ein einziges Brot gibt, sind wir, auch wenn wir viele sind, doch ein einziger Leib, denn wir nehmen alle Anteil an einem einzigen Brot ". Paulus meint, dass wir an der Kommunion mit Gott durch den Opferleib Christi nicht teilhaben können, wenn wir die Kommunion mit dem Bruder, der der Leib Christi ist, nicht teilen wollen. Die Eucharistie und die brüderliche Liebe sind miteinander verbunden, und können unmöglich im Leben der Kirche, der christlichen Gemeinden, des einzelnen Gläubigen getrennt werden. Lassen wir uns also durch die Eucharistie ernähren und verwandeln, das Sakrament, das uns als Gläubige und Jünger Christi auf unserem Weg zum Glauben, zur Hoffnung und Liebe so wunderbar stärkt und unterstützt. Möge diese Eucharistie für uns eine innige wahre Begegnung mit unserem Herren sein, möge sie eine Quelle von Liebe und Segen in unserem Leben werden.
Franck Guichard
Dreifaltigkeitssonntag (04.06) - Gedanken zu 2 Kor 13,11-13
Lieber Paulus, danke für deinen Brief. Wir lesen ihn immer wieder vor und lassen uns von deinen Worten stärken. Deine Mahnungen und Segenswünsche haben mir gut getan. Du weißt ja, wie schwierig es ist. Immer wieder treibt es uns auseinander in verschiedene Gruppierungen. Deine Worte sind eine Erinnerung an das, was wirklich wichtig ist für jeden einzelnen von uns und für unsere Gemeinschaft. Du mahnst uns zur Freude. Ohne Freude bleibt Vieles, was wir tun, so atemlos, so angestrengt. Und ich lese aus Deinen Worten „Freut euch“ auch eine Mahnung zu Dankbarkeit. Freut euch an allem, was Gott euch schenkt. Nichts ist selbstverständlich. Das tägliche Brot. Ein Dach über dem Kopf. Gemeinschaft im Glauben. Die Menschen, die zu uns gehören. Nichts ist selbstverständlich. Du mahnst uns, Ordnung zu halten und Frieden untereinander zu haben. Du weißt ja, dass wir darin nicht so gut sind. Die verschiedenen theologischen Positionen sorgen für Streit und trennen uns. Viel leidenschaftliche Rechthaberei ist dabei. Und dann fehlt uns die Kraft, die Differenzen zu überbrücken. Ja, wir grüßen einander mit dem üblichen Kuss. Nicht immer ist das ein Zeichen von Verbundenheit. Es ist wie der Handschlag natürlich eine konventionelle Geste. Aber doch eine Geste, die uns verbindet. Die eine Brücke baut. Danke für die Grüße aus deiner Gemeinde, von den Heiligen bei dir an uns heilige Brüder und Schwestern. Wir sind alle ja nur heilig, weil der Gott, an den wir glauben, heilig ist. Wir dürfen alle zu ihm gehören. Ich wünsche mir, dass Gott uns in seine Heiligkeit hineinnimmt wie in einen schützenden Mantel. Aber ich weiß auch, dass wir immer wieder herausfallen und schuldig werden. Deshalb sind wir so sehr angewiesen auf Gnade und Liebe. Anfang-Mitte-Ende. Glaube-Liebe-Hoffnung. Dreierkombinationen. Mir scheint, du denkst gerne in Dreierkombinationen, lieber Paulus! Glaube – Liebe – Hoffnung. Die Liebe ist die Größte. Und hier: Die Gnade Jesu. Die Liebe Gottes. Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Das sind drei Lebensmittel, finde ich. Ohne die es nicht möglich ist, in Gemeinschaft zu leben. Mittel zum Leben. Oder anders gesagt: Die Quellen, aus denen wir leben: Wir leben ja alle aus der Gnade. Gnaden-los (so ganz ohne Gnade) wären wir verloren. Und unsere Gemeinschaft braucht einen Geist, der verbindet, was trennt, der Verständigung ermöglicht. Gott hat uns ja die Sprache geschenkt, aber manchmal scheint es mir, als ob alle Worte nicht wirklich dazu verhelfen, dass wir einander verstehen. Ehrlich gesagt, verstehe ich auch nicht immer alles, was du uns schreibst. Aber diese Segenswünsche von dir, die haben mich tief berührt. Du wünschst uns, was wir wirklich brauchen. Die Liebe ist doch auch hier die Größte, weil Gottes Liebe jedem von uns das Leben schenkt, uns hält und trägt und am Ende ist es immer noch die Liebe, die uns mit offenen Armen empfängt. Ob du das wohl so gedacht hast? Wir müssen uns ja nur vorstellen wie es ohne diese drei wäre …ohne Gnade, ohne Liebe, ohne den Geist der Gemeinschaft. Keine Vergebung. Keine Barmherzigkeit und Verbundenheit. Es ist so bedrückend, wie erbittert sich gerade religiöse Gruppen bekämpfen. Mit welchen schrecklichen Folgen. Gnade? Liebe und Gemeinschaft? Wir merken doch immer wieder, wir können das nicht machen, wir können es nicht zwingen. Gnade nicht, Liebe nicht und Gemeinschaft nicht. Wir können darum bitten. Du bittest für uns darum und ich danke dir dafür. Am Ende ist es Gott, der uns das alles schenkt. Oder der uns warten lässt auf dieses Geschenk. Oder nehmen wir das Geschenk nicht dankbar an? Erkennen wir es gar nicht, wenn wir es bekommen? Da möchte ich gerne noch weiter darüber nachdenken. Und genauer hinschauen und hinhören – wo sind Gnade, Liebe und Gemeinschaft unter uns. Wo sind Gnade, Liebe und Gemeinschaft in meinem Leben. Ich sende dir herzliche Grüße, auch von der ganzen Gemeinde, die Grüße aller Heiligen. Wir bitten auch für dich, lieber Paulus und alle, die mit dir sind: Möge die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes mit euch sein, unter euch wohnen, euch verbinden und stärken und reichlich geschenkt werden. Alle Tage bis an der Welt Ende.
Barbara Friedrich
7. Sonntag im Jahreskreis (19.02 Fastnachtsonntag) - Gedanken zu Mt 5,38-48
Hallo, ihr, ja, all ihr Lieben!
„In der Schule wird geschrieben,
in der Schule wird gelacht,
bis der Lehrer bitsch-batsch macht.
“Ihr alle kennt wohl diesen Spruch,
er steht ja nicht im Lesebuch,
doch jeder hier auf dieser Erd’
hat ihn ganz sicher schon gehört.
Warum ich jetzt ihn tue kund
in dieser frohen Morgenstund’?
Ich musst’ an meine Schulzeit denken
–damals noch in alten Bänken -
,als die Lehrer – zickezacke –
uns noch hauten auf die Backe.
Einmal hat’s mich auch erwischt,
als des Lehrers Hand gezischt
auf meine beiden Wangen ging.
Das war ein ziemlich schmerzlich Ding!
Was hatt’ ich Schlimmes angestellt?
War es denn ne Sach’ von Welt?
O, nein, ihr Lieben, wirklich nicht,
jedenfalls aus meiner Sicht.
Ich hatte nur – Gott sei’s geklagt –
einmal nicht „Grüß Gott“ gesagt
zu Lehrers Frau, o jemine,
und schon tat meine Backe weh!
Ihr werdet fragen: „Na, warum
treibt ihn jetzt diese Sache um?“
Der Grund hierfür, der ist ganz klar:
Weil im Evangelium die Rede war
von Jesus, der uns allen sagt
–ein Wort, das kräftig in mir nagt:
„Wenn einer schlägt dein’ rechte Wange,
so sei es dir mitnichten bange,
halt’ ihm auch deine linke hin,
dann lebst du nach dem rechten Sinn!“
O Jesus, das sind schwere Worte!
Ich weiß: Von dieser herben Sorte
hast du noch mehr im Arsenal,
das ist fürwahr ein schwerer Fall!
Auch soll ich meine Feinde lieben
und für sie Zuneigung üben.
Auch beten solle ich für sie
–o Jesus, da geh ich in die Knie! –
Das sind nun wirklich harte Brocken,
da möchte man nicht grad frohlocken!
Ich denk’ du hast dafür ’nen Grund,
so meine ich in dieser Stund’.
Du sagst uns, warum solche Sachen
wie Feindeslieb’ wir sollen machen.
Der Grund hierfür, das ist ganz klar,
und ich spüre, das ist wahr:
Weil Gott es ganz genau so tut
–das gibt mir wieder neuen Mut!
Er lässt die liebe Sonne scheinen
und auch die Wolken manchmal weinen
über alle Menschen – welches Licht!
–ob sie Gerechte sind, ob nicht,
ob fromm sie sind, ob ungerecht,
ob gut sie sind, ja, oder schlecht.
Gott liebt uns alle innig sehr.
Was wollen wir denn nun noch mehr!
Wenn Gott uns alle so sehr liebt,
es keine Ausred’ für uns gibt.
Auch wenn es nicht auf Anhieb klappt,
man immer mal daneben tappt,
so lohnt sich’s doch, es zu probieren
und keinesfalls den Mut verlieren.
Dann werden wir – und das macht Sinn
klar gehen zum Reich Gottes hin.
Gott wird uns beisteh’n sicher gern,
so sagt uns ja das Wort des Herrn.
Nun habt ihr zugehört geduldig,
doch bin ich euch noch etwas schuldig:
Vom Lehrer sprach ich, der mich schlug
das war ganz sicher nicht sehr klug.
Doch ist es her nun schon ganz lange,
dass er mich haute auf die Wange.
Viel Jahre später – das ist wahr –,
als ich schon längst ein Pfarrer war,
da bat er mich aus ganzem Herzen
–und ich tu jetzt gar nicht scherzen:
–„Könntest du, das wär ganz toll
–bei uns sind 50 Jahre voll,
bei meiner Frau und auch bei mir –
Goldene Hochzeit feiern wir!
Könntest du die Mess’ uns halten
und das Kirchenfest gestalten?“
„Ja, gern, Herr Lehrer, mach ich! Klar!
Ich tu es gern und das ist wahr!“
Ich dachte kurz nur, gar nicht lange,
an die Ohrfeig’ auf die Wange,
nur kurz kam mir da in den Sinn
„Halt ihm auch die linke hin.“
Es war ein wunderschönes Fest,
wie kaum zuvor es war gewest.
Ich dacht’ für mich: O welche Macht
hat Jesu Wort uns da gebracht!
Das ist Frohbotschaft, rein und klar,
ist das nicht einfach wunderbar?
Deshalb sag ich, ihr Herrn, ihr Damen
mit euch nur noch von Herzen: „Amen!“
Norbert Dilger
6. Sonntag im Jahreskreis (12.02) - Gedanken zu Mt 5,17-37
Was fällt ihnen zum Wort Wurzelbehandlung ein? Ein schmerzvoller Termin beim Zahnarzt? Die Behandlung eines Übels von der Wurzel her? Was ist für Sie das Gegenteil von Wurzelbehandlung? Einen kranken Zahn weiß zu polieren, damit er strahlt und gesund aussieht? Die schnelle Behandlung eines Übels, ohne näher hinzuschauen? Ich möchte das heutige Evangelium mit einer Einladung an uns vergleichen, so manche Wurzelbehandlung zu wagen und nicht sofort wegzuschauen oder sich mit schnellen Lösungen zufrieden zu geben. Um dies etwas zu verdeutlichen, möchte ich beim Bild des Lebensbaumes bleiben und im Blick auf die gesamte Bergpredigt – das heutige Evangelium ist ein Teil davon – gemeinsam folgendes überleben: Eine gute Wurzel gibt Halt und Standfestigkeit. Wer verwurzelt ist, braucht nicht ständig die Angst zu haben, umzufallen oder weggeblasen zu werden. Die Antwort, worin die Wurzeln unserer Würde liegen, ist in der Bergpredigt ganz klar: Es sind die Bibelworte vom letzten Sonntag: „Du bist das Licht der Welt! Du bist das Salz der Erde!“ (Mt 5,13-16) Dies ist eine große Zusage Jesu, ein Riesenvorschuss an Vertrauen. Wohl gemerkt: Es heißt „Du bist das Licht der Welt! Du bist das Salz der Erde!“ und nicht nur „Du sollst das Licht der Welt und das Salz der Erde sein!“ Diese Wurzel gibt unserem Leben Halt und Würde unabhängig von Alter, Schönheit, Leistung oder Erfolg. Die Nahrung für unseren Lebensbaum kommt nicht von unserer Leistung. Die Nahrung kommt nicht vom Applaus der anderen. Auch nicht von der Liebe jener Personen, die uns am wichtigsten sind. Dies alles ist viel, aber noch nicht alles und erweist sich leider in großen Krisenzeiten nicht als stabil genug. Die Bergpredigt sagt schon am Beginn ganz klar: Die Nahrung und Begründung für unsere unendliche Würde liegt im Handeln Gottes und Jesu. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ (Mt 5,17) In Jesu Lebensprogramm wird der Traum Gottes von der Welt und vom vollen Menschsein Wirklichkeit. Er bringt es zur Erfüllung. Oder ganz salopp gesagt: Wir brauchen uns nicht mehr selbst zu erlösen, weil wir durch ihn bereits erlöst sind. Und das Handeln Gottes? Die Seligpreisungen, mit denen die Bergpredigt beginnt, betonen, dass das Entscheidende durch Gott geschieht.
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Gott schenkt das Himmelreich und deswegen können Menschen ganz schlicht und arm auf ihn vertrauen. Selig die Armen vor Gott!
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Gott tröstet und ist der letzte Trost und deswegen können es Menschen wagen, mit anderen zu trauern. Selig die Trauernden!
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Gott gibt Nahrung für Leib und Seele und deswegen müssen Menschen ihren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit nicht aufgeben.
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Gott schenkt Erbarmen, deshalb können Menschen wirklich und wahrhaft barmherzig sein. Selig die Barmherzigen!
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Gott macht uns zu Kindern Gottes und zum Licht der Erde und Salz der Welt von Anfang an, deshalb können Menschen Frieden stiften, ohne selbst ständig im Mittelpunkt stehen zu müssen. Selig die Frieden stiften!
Wie gelingt eine Wurzelbehandlung, wenn unser Lebensbaum schwach ist? Das ist das Thema im heutigen Evangelium. Hier geht es nicht um lieblich süße Wellness-Stunden, sondern auch um schmerzhafte Therapien mit viel Ausdauer. Es geht um kleine Schritte, auch um die Erfahrung, dass Rückfälle nicht ausgeschlossen sind. Die Themen sind topaktuell und betreffen uns alle: Versöhnung, das Ringen um die Liebe zum Ehepartner, der Umgang mit schwierigen Menschen – und ab und zu sind wir damit selbst gemeint – oder Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit …
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Achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte.
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Achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten.
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Achte auf deine Taten, denn sie werden deine Gewohnheiten.
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Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
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Achte auf deinen Charakter, denn er wird zu deinem Schicksal. (jüdischer Talmud)
Ich frage mich manchmal: Warum scheuen wir die Wurzelbehandlung? Natürlich weil sie weh tut. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass wir uns vor der Wurzelbehandlung drücken, weil wir unsere Wurzeln nicht spüren und diesen nicht vertrauen und uns dann denken: Es hat eh keinen Sinn, hier dran zu bleiben.
Wie erkenne ich einen gesunden Lebensbaum?
Dies wird im Evangelium in zwei Wochen beschrieben (Mt 6,19-7,11). Jene Menschen, die gut verwurzelt sind und von Gott her leben, sind innerlich frei: Sie definieren sich nicht nur über ihren Besitz. Sie nehmen die Sorgen ernst, aber sind in ihren Sorgen nicht gefesselt – das ist ein großer Unterschied. Sie kennen die Würde des Menschen und müssen sich nicht dadurch profilieren, dass sie über andere schimpfen. Sie haben ein tiefes Vertrauen in Gott und in die Menschen.
Franz Troyer
5. Sonntag im Jahreskreis (05.02) - Gedanken zu 1 Kor 2,1-5
Etwa mit Anfang vierzig war der Apostel Paulus auf dem Höhepunkt seines Wirkens. Er reiste durch die heutigen Länder Türkei und Griechenland, um fremden Menschen die guten Nachrichten von Jesus zu verkündigen und christliche Gemeinden zu gründen. Auch die Gemeinde in der Weltstadt Korinth hörte gerne auf ihn. Er besuchte sie, feierte mit ihnen Gottesdienste und die Eucharistie, sprach mit Ältesten oder setzte sie als Gemeindeleiter ein. Wenn er wieder abgereist war, fühlten sich die Gemeinden erbaut und fröhlich. Jedenfalls eine gewisse Zeit. Später kamen ihnen dann wieder Zweifel an der Botschaft von Jesus. Das Leben wurde nicht zuckrig durch die neue Lehre. Dann schrieben die Gemeinden einen Brief an den Apostel und fragten ihn um Rat. Etwa so: Warum musste Jesus sterben? Er war doch der König der Liebe. Warum hat Gott das zugelassen? Auf die Fragen musste Paulus antworten. Aus der heutigen Lesung wissen wir, warum Paulus zittert, sogar bebt. Offen bekennt er seine Schwächen. Die haben einen Grund: Es ist für Menschen nicht zu verstehen, warum Gott so handelt, wie er handelt. Es ist für uns Christen immer wieder eine bohrende Frage, warum der König der Liebe diesen bitteren Tod sterben musste – und Gott das nicht verhindert. Und wenn ein Mensch wie Paulus davon überzeugt ist, dass der Tod Jesu richtig ist, dies aber anderen dann kaum erklären kann, kann er schon mal zittern und beben. Aber zugleich sagen: Ich, Paulus, will nicht gelehrt daherreden, sondern euch, meine Lieben, nur diese eine Wahrheit sagen: Gottes Geheimnis ist das Kreuz. Der König der Liebe stirbt am Kreuz, weil Hingabe die größte Liebe ist. Der König der Liebe ist darum der König der Hingabe. Hier sollten wir jetzt einmal tief Luft holen und unsere Gedanken sammeln. Liebe ist Hingabe, ja. Manchmal. Liebe ist Rausch und Alltag - und Langeweile vielleicht manchmal auch. Aber in ihrem Wesen ist Liebe Hingabe; sogar dann, wenn vieles dagegen spricht. Wer wirklich liebt, kann auch mal auf sich und sein Wollen verzichten zugunsten eines oder einer anderen. Wir wissen oder haben gehört, wozu Menschen fähig sind, die einen anderen Menschen lieben: ihr Kind oder einen Partner, eine Partnerin; oder die Eltern. Sie können auf sich verzichten um anderer willen. Das darf niemand auf Dauer tun, aber manchmal eben doch. Jesus hat nicht dauernd auf sich verzichtet, wie wir wissen. Er hat getan, wozu er sich berufen wusste. Aber in den entscheidenden Momenten am Gründonnerstag und Karfreitag hat er geahnt, dass es jetzt nicht um seinen Willen geht, sondern um den Willen Gottes. Wir dürfen annehmen, dass Jesus an diesen Tagen Gott nicht verstanden hat. Aber er hat etwas gefühlt: Jetzt geht es nicht um mich, sondern um den Willen Gottes. Der König der Hingabe gibt sich dem Willen Gottes hin. Indem er das tut, macht er alle unsere Sinne frei, um zu erkennen: Gottes Geheimnis ist nun das Kreuz. Das müssen wir nicht verstehen. Ich meine das ernst. Wir können das mit unseren vertrauten Werkzeugen des Verstandes nicht fassen. Für uns ist Gott nicht logisch. Für die Liebe aber schon. Denn was wir mit dem Verstand nicht fassen können, das versteht die Liebe. Liebe ist ein höheres Verstehen. Wenn damals das Kreuz Jesu die höchste Form der Hingabe an den Willen Gottes ist, dann ist für uns Menschen die Liebe die höchste Hingabe an den Willen Gottes. Manchmal – und ich betone: manchmal – setzen Menschen ihr eigenes Wollen außer Kraft um eines oder einer anderen willen. Dann haben sie eigentlich weder Zeit noch Lust noch Kraft, meinen sie – und tun es trotzdem; mit ihrer Zeit, einer gewissen Tapferkeit und kleinen Kräften. Sie pflegen andere oder verschenken etwas oder opfern sich auf für eine gute Idee. Und erinnern so daran: Gottes Geheimnis, das Kreuz, leuchtet in unserer alltäglichen Liebe; in unserer Fürsorge ebenso wie in unserem Mitfühlen mit anderen. Wer das tut oder erlebt, fühlt, was der Verstand nicht begreifen kann: In jeder Liebe ist Gott. Und in einer gelegentlichen Hingabe ist die Liebe vollkommen. Sie ist die Kraft Gottes in unserem Leben.
Michael Becker
4. Sonntag im Jahreskreis (29.01) - Gedanken zu Mt 5,1-12
Was ist das schönste deutsche Wort? Es gab Anfang des Jahrtausends einen Wettbewerb des Deutschen Sprachrates und des Goethe-Instituts zu genau dieser Frage. Für die Entscheidung der Jury war nicht ausschlaggebend, wie oft ein Begriff eingereicht, sondern wie sein Vorschlag begründet wurde. Gewonnen hat erstaunlicherweise das Wort „Habseligkeiten“. Nicht weil es unübersetzbar ist. Die Konkurrenz war übrigens groß. Auf dem zweiten Platz landete die „Geborgenheit“, den dritten Platz belegte das Wort „lieben“.„Habseligkeiten“ hat gewonnen, weil es, so die Begründung, zwei ganz unterschiedliche Pole in sich vereine: Auf der einen Seite das Haben, den Besitz, den sich ein Mensch erarbeite und den er erreichen könne. Auf der anderen Seite umfasse der Begriff auch die Seligkeit als ein für uns unerreichbares, aber immer erstrebtes Ziel. „Habseligkeiten“ sei demnach zu verstehen als eine Mischung aus möglichem und unmöglichem Glück. Stimmt das so? Es ist aber vielleicht ein fragwürdiger Zusammenhang. Ob alle diesen Begriff so verstehen? Viele beziehen ihr Glück ja gerade und ausschließlich aus dem, was sie besitzen. Da kann manchmal zwischen beidem auch ein unseliger Wettbewerb entstehen. Wenn nämlich jemand denkt, dass sein Glück immer größer wird, je mehr er besitzt, dann beginnt ein durchaus stressiger Wettlauf. Das kann man auch verstehen, wenn jemand sagt: „Dafür habe ich lange gearbeitet, gespart. Darauf bin ich jetzt – nach dem Kauf – stolz.“ Es ist dann beides, Ihre Habe und Ihr Glück. Was machen nämlich diejenigen, die nichts haben? Und zwar nicht deshalb, weil sie faul gewesen wären, sondern weil sie Pech hatten, z. B. weil sie entlassen bzw. krank wurden oder einen großen Verlust (z. B. durch den Tod eines geliebten Menschen oder eine Naturkatastrophe wie das Jahrhunderthochwasser im Juli 2021) erlitten haben? Die Verbindung von Haben und Seligkeit ist nicht so glatt, wie es scheint. Sie bringt sogar das Leben ganzer Völker in große Gefahr, weil auch oft genug die Weltpolitik so funktioniert, wie wir etwa jetzt bei der Lage in der Ukraine sehen können. Auch die Ausbeutung der Schätze unseres Planeten setzt nicht selten mit fatalen ökologischen Folgen Haben und Glück in eins.Ist also Haben Seligkeit?
Wie anders und, wir dürfen ruhig sagen, naiv und weltfremd klingt doch das, was uns Jesus heute im Evangelium sagt. Wenn wir ihn nämlich fragen, ob Haben und Seligkeit zusammengehen, antwortet er uns: Nein, die Verlierer im Leben sind selig! Doch damit nicht genug, es geht noch weiter: Jesus stellt neben sie noch eine zweite Gruppe. Es sind die Selbstlosen, die gerade nicht darauf aus sind, etwas aus sich zu machen, sondern die das Wohl der anderen in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen. Er nennt die Barmherzigen, die im Herzen Reinen, Uneigennützigen, die Sanftmütigen und Friedensstifter, die auf Rache und Vergeltung verzichten. Alle Genannten fallen durch das Raster, das Haben und Glück unlösbar verbindet.Niemand sagt, dass es einfach zu verstehen wäre; schlimmer, sehr einfach rutschen wir in falsche Interpretationen. Jesus sagt nicht, dass diese Menschen eben vom Glück, der Seligkeit, ausgeschlossen sind. Ganz im Gegenteil: Im Reich Gottes findet das äußerlich armselige Leben sein höchstes Ziel, Ewigkeit. Ja, ich weiß: Was Jesus in den Seligpreisungen sagt, ist eine echte Provokation unserer Wertvorstellungen. Es ist aber genauso auf den zweiten, tieferen Blick unsere Rettung. Nicht die Verbindung von Haben und Seligkeit ist für Jesus die richtige, weil sie kalt und hart machen kann. Für Jesus zählt die Verbindung von Barmherzigkeit, Herzensreinheit, Friedenswillen und Seligkeit. Wo wir Mensch und Schöpfung nur unter dem Aspekt des Erfolgs, der Leistung und Nützlichkeit beurteilen, stehen wir in der Gefahr, eiskalt und sogar tödlich zu werden.Ja, tatsächlich lehren die Seligpreisungen Jesu ganz andere Wertmaßstäbe. Sie knüpfen an unsere urmenschliche Suche nach dauerhaftem Glück an. Jetz kommt die frohe Botschaft Jesu: Gott schaut in Liebe auf uns, gerade in unserer Schwäche. DIESER göttliche Blick der Liebe ist unsere wahre Habseligkeit. Jesus hat uns in der Bergpredigt und den Seligpreisungen diesen Zuspruch geschenkt und uns zugleich damit das Programm mitgegeben, das uns menschlich sein lässt – um Gottes Willen.
Alois Balint
3. Sonntag im Jahreskreis (22.01) - Sehnsucht nach Licht
Durch das weltberühmte Museum des Louvre in Paris bewegt sich eine eigenartig anmutende Gruppe von Menschen. Langsam, unsicher tastend gehen sie vorwärts, viele halten sich an den Händen. Der Führer dieser Gruppe erklärt mit leiser, eindringlicher Stimme klassische Kunstwerke. Dann fordert er die Teilnehmer auf, die Plastiken zu berühren – etwas ganz Ungewohntes und den Sicherheitsbestimmungen Zuwiderlaufendes. Zaghaft, scheu und doch begierig tasten sich die Hände an die berühmten Kunstwerke heran, und plötzlich verklären sich die Gesichter zu einem Leuchten; ein Glücksgefühl, eine tiefe Freude ist auf ihnen abzulesen. Es handelt sich um eine Gruppe blinder Personen, Menschen, denen das Augenlicht zwar versagt ist, bei denen aber das Licht des Herzens umso heller leuchtet.Dieses innere, tiefere, alles Dunkel erhellende Licht brauchen auch wir Christen, vor allem jetzt, mittendrin in der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Spüren wir heute die Sehnsucht nach Licht? Je heller unsere Straßen werden, je raffinierter unsere Reklamen flimmern, je strahlender die Lichtquellen der Technik und der Wissenschaft leuchten, um so glanzloser werden unsere Herzen, um so dunkler aber sind Traurigkeit und Verbitterung, Angst und Schuld, ein Schwinden der Lebensfreude, seelische und körperliche Krankheiten und Belastungen.Alle Christen sind in dieser Gebetswoche in ökumenischer Verbundenheit aufgerufen, die Stimme des Propheten Jesaja zu hören: „Lernt Gutes zu tun!“ (Jes 1,17) Das kann für uns alle heißen: Seht eure Mitmenschen mit neuen Augen, nicht als Konkurrenten oder gar als Feinde, sondern als Mitarbeiter, Weggenossen und Freunde. Seht euch als Christen nicht in ständiger Angst und Schuld vor Gott, oder umgekehrt, lebt nicht in Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit dahin und denkt an Gott nur im sogenannten „Ernstfall“, sondern verwirklicht als Christen die Haltung der Freude, der Geborgenheit und des Vertrauens. Wisst euch als Kinder eures Vaters, geht euren Weg in seinem Licht!
Alois Balint
2. Sonntag im Jahreskreis (15.01) - Gedanken zu Joh 1,29-34
Johannes der Täufer, der Cousin Jesu, Sohn von Zacharias und Elisabeth, sollte einen besonderen Auftrag in der Heilsgeschichte erfüllen. Das wurde schon vor seiner Geburt deutlich, als Maria ihre schwangere Verwandte Elisabeth besuchte. Früh erkannte Johannes den göttlichen Auftrag an ihn, seine Berufung darin, die Menschen radikal zur Umkehr zu rufen. Was diesen Johannes besonders glaubwürdig machte, war sein authentisches Lebenszeugnis. Der redete nicht nur „frommes Zeug“ daher, der sprach nicht nur über das Himmelreich, sondern verkündete es durch seine eigene absolute Anspruchslosigkeit. Seine Predigt bestimmte auch seinen Lebensinhalt. Wie Johannes sollen wir immer, unermüdlich auf jemand anderen, wichtigeren zeigen, jemand, dem wir nicht einmal wert sind das Wasser zu reichen, oder biblisch gesagt „die Riemen der Sandalen zu lösen“. Von Johannes stammt auch der berühmte Satz, den wir vor der Kommunion bei jeder Messe zitieren: Ecce Agnus Dei, seht das Lamm Gottes! War das nun bloß „großes Kino“, oder bedeutet das mehr für uns? Als authentischer Zeitzeuge des Herrn verdient Johannes der Täufer unsere Aufmerksamkeit. Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage: „Wer ist Jesus Christus für mich?“, gibt er uns bis heute entscheidende Hinweise. Darum ist es so wertvoll, das heutige Evangelium wieder einmal zu hören. Vor allem jetzt, wo das neue Jahr noch jung ist. Nicht nur in der Advents- und Fastenzeit, wo wir oft der Gestalt von Johannes näherkommen. Jesus sagt es selbst nach der Auslieferung des Johannes: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“. Das ist die Kernaussage seiner Predigt. Johannes kann uns davor bewahren, uns selbst zu wichtig zu nehmen. Überheblichkeit hat keinen Platz im Reich Gottes. Johannes ermutigt uns dazu, aufmerksam zu bleiben für die Aufgaben, die uns der Herr gemäß unseren Talenten in seiner Nachfolge zuweist. Das kann geschehen, wenn wir in unserem Alltag nicht aufgehen in dem, was wir für wichtig halten, sondern Ausschau halten nach dem, dem wir uns verdanken, genauso, wie es Johannes bei seiner Reinigungstaufe auch getan hat. Das nährt jedes Mal neu die Hoffnung, dass wir, wenn auch unter den „Kleinsten“, aber letztlich doch ins Himmelreich gelangen, wo alleine die Liebe Gottes uns „größer“ macht.
Alois Balint