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Osterzeit 2024

 
Pfingstsonntag (19.05) - Gedanken zu 1 Kor 12,3-13
Welche Frau zieht die Blicke der Männer an? Wer zieht das Auge anderer auf sich? Wo bleiben Schaulustige stehen? Wovon bin ich selbst beeindruckt und hingerissen? – Attraktiv ist vor allem das Überraschende, das Außergewöhnliche, das Auffällige. Unser Auge sucht vor allem das, was hervorsticht, unser Ohr hört vor allem das, was ungewohnt klingt. Denn wir möchten das haben, was nicht jeder hat. Wenn etwas nichts Beson‐ deres ist, spricht es uns in der Regel nicht an. Wie sieht es da mit unseren Gottesdienstfeiern aus? Geht es da nicht recht gewöhnlich zu? Hat deswegen unsere Kirche kaum mehr Anziehungskraft? Natürlich gibt es Ausnahmen: Katholikentage oder Weltjugendtage. Sicherlich gibt es auch herausragende Prediger, die großen Zulauf oder hohe Einschaltquoten erreichen. Aber solche Angebote sind selten. Als Gesamteindruck bleibt: Die Kirche bietet nichts Besonderes. Erlebnisse findet man eher bei einem Rockkonzert. Dennoch gibt es kleine kirchliche Gemeinschaften, etwa amerikanische Freikirchen. Dort sieht es anders aus. Dort wird lange und gefühlvoll gesungen. So manche Teilnehmer erzählen von ihren Gottes‐ oder Heilungs‐erfahrungen. Die Anwesenden fühlen sich vom Heiligen Geist getragen und erfüllt. – Auch in der katholischen Kirche gibt es solche Erfahrungen, zum Beispiel in den charismatischen Bewegungen. Das erinnert uns an die Gemeinde von Korinth, von der wir in der Lesung gehört haben. Diese Gemeinde mit ihren vielen Begabungen ist hoch attraktiv und zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Doch dahinter verbergen sich so manche Probleme. Auch deshalb schreibt Paulus seinen Brief. Die Gefahr liegt darin, dass das Außergewöhnliche zu stark in den Mittelpunkt rückt und damit das Gewöhnliche, das wirklich Wichtige, übersehen lässt. Und dies wirft die Frage auf: Führt das Besondere wirklich zum Zentralen hin oder lenkt es davon ab? Paulus stellt die Doppelfrage: Stammt das Besondere wirklich vom Heiligen Geist? Dient es dem Aufbau der Gemeinde? Nicht nur in der Zeit des Apostels Paulus, sondern auch in den vielen Jahr‐ hunderten unserer Kirchengeschichte haben sich Menschen genau diese Frage gestellt. Und wie lautet deren Antwort?  Der Gemeinde dienen vor allem Begabungen, die gewöhnlich, nicht auffällig sind. Deshalb spricht Paulus auch davon, dass es verschiedene Gnadengaben, verschiedene Dienste, verschiedene Kräfte gibt, die nichts Besonderes sind. Sie sind nicht weniger wert. – Denken wir zum Beispiel an das stille und ausdauernde Gebet von Menschen für andere oder die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst oder den Dienst von Ministranten, Kantoren, Lektoren und Mesnern. Hier merken wir erst, was wirklich fehlt, wenn es nicht mehr da ist.  Wenn in einer Pfarrgemeinde viel los ist, wenn die Gottesdienste an‐ sprechend gestaltet sind und auch sonst viele Veranstaltungen stattfinden, kann das ein Zeichen dafür sein, dass der Geist wirkt oder eben auch nicht. – Und wenn in einer Gemeinde nichts Besonderes geschieht, nichts Ungewöhnliches angeboten werden kann, kann das, muss es aber nicht, ein Zeichen dafür sein, dass der Geist erloschen ist. Es kann aber auch sein, dass er im Verborgenen, im Alltäglichen wirkt und wir seine Gaben nur deswegen nicht sehen, weil wir unseren Blick nur auf das Außergewöhnliche richten. Pfingsten ist das Fest, das uns anregen möchte, uns für Gottes Geist zu öffnen. Die Gaben dieses Geistes zeigen sich in so manchem Außergewöhnlichen, vor allem aber im Gewöhnlichen, Alltäglichen. Pfingsten möchte uns deshalb neu sensibilisieren, zu erkennen, wo Gottes Geist heute wirkt. Lassen wir ihn neu in unser Leben, in die Beratungen unserer Gremien und Gruppierungen, in unsere Kirche hinein, damit er dort das bewirken kann, was für unsere Kirche und in unserer Gemeinde heute not‐ wendig ist.
 
Konrad Bayerle 
 
7. Ostersonntag (12.05) - Gedanken zu Joh 17,11-19 und zum Muttertag
Heute liegt Abschied in der Luft. Wir hören Jesu Abschiedsrede. Ohne komplizierte theologische Auslegung kann man die folgende Zusammenfassung wagen: Eigentlich ist es ganz einfach mit unserem Glauben: Christinnen und Christen sind die, die einander lieben. Möglichst ohne Vorbehalt, ohne Bedingung. Ja, das ist nicht leicht. Viele Menschen tun eine Menge dazu, dass man sie kaum lieben kann. Das ist leider so. Es gibt Menschen, die stehen der Liebe im Weg. So ehrlich sollten wir sein. Jeder und jede von uns kennt Menschen, die keine Liebe verdienen. Angeblich. Das Herausfordernde aber an unserem christlichen Glauben ist, dass gerade die Menschen, die angeblich keine Liebe verdienen, sie besonders nötig haben. Das klingt ein wenig absurd; ist es vielleicht auch – aber dennoch ist es wahr. Die Lieblosen bedürfen der Liebe besonders. Manchmal schaffen wir das, manchmal auch nicht. Das liegt nicht allein in unserer Hand. Hauptsache, wir geben uns Mühe. Und halten die Augen und alle Sinne offen für Menschen, die auf Liebe warten, wie eine trockene Blume auf Wasser wartet, Menschen, die Liebe brauchen, wie die Luft zum Atmen. Lieben heißt, auf Erden wie Gott zu sein. Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns. Und wenn das gelingt, dann ist genau an dieser Stelle der Himmel. Ist das nicht herrlich? Herrlich ist auch, dass wir alle eine Mutter haben oder hatten. Bei ihr haben wir alle gespürt als tropfe etwas Himmel in unser Leben. Der Himmel aus Liebe. Am 12. Mai feiern wir den Muttertag zum 110. Mal. Der Tag zu Ehren der Mutter und der Mutterschaft  begann 1914 in den Vereinigten Staaten. Als Begründerin gilt die Methodistin Anna Marie Jarvis. Sie veranstaltete am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter, ein Memorial Mothers Day Meeting. Im folgenden Jahr wurde auf ihr Drängen hin wiederum am zweiten Mai-Sonntag in der Kirche zu Grafton allen Müttern eine Andacht gewidmet. 500 weiße Nelken ließ sie zum Ausdruck ihrer Liebe zu ihrer verstorbenen Mutter vor der örtlichen Kirche an andere Mütter austeilen. Mrs. Jarvis widmete sich von da an hauptberuflich dem Ziel, einen offiziellen Muttertag zu schaffen. Am 8. Mai 1914 schließlich erließ der US-Kongress die „Joint Resolution Designating the Second Sunday in May as Mother’s Day“: Als Zeichen der Liebe und Verehrung der Mütter solle er am 2. Sonntag im Mai gefeiert werden. In der Muttertagswoche werden nach Angaben der zentralen Markt- und Preisberichtsstelle in Deutschland bis zu 130 Millionen Euro Umsatz mit Schnittblumen erzielt. Für den Blumenhandel sind es die größten Umsätze des Jahres. Ich möchte das aber nicht kaufmännisch betrachten, sondern ganz besonders an alle Frauen und Mütter unserer Zeit denkend.
Wann in der Weltgeschichte wird es sein, dass
• sich alle Mütter auf der Erde zusammenschließen und die Männer davon abhalten, ihre Söhne in einen Krieg zu führen,
• alle Mütter frei von Gewalt in jeder Form leben können,
• keine Mutter mehr mit ihren Kindern in ein anderes Land flüchten muss, um überleben zu können,
• alle Mütter nur mehr das kaufen, was von anderen Müttern unter gerechten und menschenwürdigen Umständen hergestellt, gepflanzt und bearbeitet wurde,
• alle Mütter ihren eigenen Müttern ein glückliches Älterwerden und Sterben ermöglichen, mit achtsamer Begleitung auch in schweren Zeiten,
• alle Mütter an einem heiligen Tag der Woche Zeit zur Erholung finden und ihre Kraftreserven für eine anstrengende Woche aufladen können,
• alle Mütter Mitspracherecht haben, was ihre Kinder, wann, von wem lernen sollen,
• alle Mütter von den Würdenträgern ihrer Glaubensgemeinschaft geachtet und unterstützt werden.
Diese Liste müsste noch um vieles ergänzt werden. Ist das eine unerfüllbare Utopie oder können unsere Gebete am Muttertag dazu beitragen, dass sie Realität werden?
Können Frauen andere Frauen, die nicht Mütter sind, auch in den Kirchen zur Unterstützung der Ziele gewinnen?
Was müssen Männer schon als Kinder darüber hören und von ihren Vätern vorgelebt sehen?
Ich vertraue auf die Kraft der Veränderung, auch wenn vielleicht noch viele Muttertage bis dahin vergehen werden. Und ich tue, was ich kann, dafür. Mit der Hilfe der himmlischen Mutter Maria – für alle Milliarden irdischen Mütter: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.
Der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.
 
Alois Balint
6. Ostersonntag (05.05) - Fest des Heiligen Florian
Bei uns heißen Feuerwehrleute auch „Floriani-Jünger“. Und es gibt Anfang Mai für sie eine eigene Prozession durch die Stadt, ähnlich wie zu Fronleichnam. Diese Tradition wurde laut Überlieferung vor über 400 Jahren begründet. Die Stadt erlebte nämlich seit dem 12. Jahrhundert 15 schwere Brände. Der schlimmste zerstörte im Jahr 1609 114 Wohnhäuser, 70 Futterhäuser und öffentliche Gebäude und tötete 14 Menschen. Bemerkenswert ist, dass er aus Unachtsamkeit ausgerechnet in der Stube des Feuerwächters im Turm der Johanneskirche ausgebrochen war. Zu dieser Zeit gab es keine modernen Feuerlöscher, Drehleitern und Löschhubschrauber. Hilflos mussten die Menschen der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen zusehen. Ihre Lösung war ein Versprechen. Sie würden jedes Jahr „um Floriani“ eine Prozession mit der Monstranz durch die Stadt abhalten. Mit dem Lesen von Evangelien an verschiedenen öffentlichen Orten und der Bitte an Gott und den Heiligen Florian um Schutz vor weiteren Katastrophen. Und es hat gewirkt. Seither ist unsere Stadt von großen Bränden verschont geblieben. Die Prozession aber gibt es immer noch. Die Feuerwehrmänner und -frauen in Galauniform marschieren mit blitzenden Helmen und Musikbegleitung hinter dem Priester durch die Straßen. Die Häuser sind mit Fahnen geschmückt und die Fenster mit Blumengestecken.
Seit über 400 Jahren wird so gebetet, obwohl unsere Feuerwehr inzwischen mit allen technischen Hilfsmitteln ausgerüstet wurde.
Wahrscheinlich ist allen Beteiligten bewusst, dass wir Menschen nicht alles in der Hand haben. Außerdem sind sie in der heutigen Zeit mit so vielen anderen Aufgaben gefordert, dass uns ein Tag des Gebetes guttut. Die meist ehrenamtlich tätigen Feuerwehrleute werden zu jedem schweren Autounfall mit Todesopfern gerufen, müssen Hochwasser und Sturmschäden bekämpfen. Sie sind das Sicherheitsnetz für die Bewohner der Stadt. Und es ist gut, dass sie durch die Gebete selbst, vom Himmel aus, bei allen Aufgaben gesichert werden.
 
Elisabeth Ziegler-Duregger
5. Ostersonntag (28.04) - Gedanken zu Joh 15,1-8
Der Weinstock und die Rebzweige – ein stilles Bild aus den Abschiedsreden Jesu, oberflächlich betrachtet, fast starr und statisch, langweilig, bewegungsarm. Nur mit dem Blick des Glaubens kann man diesem Bild einen Lebensstrom geben. Es handelt sich ja um ein wichtiges Bild, das um mein treues Bleiben wirbt. Wie geht das eigentlich, auch wenn ich kein Biologe weder Winzer bin? Jesus ist der Weinstock. Ich bin die Rebzweige. Graphisch kann ich es mir vorstellen. Biologisch wie geht das genauer? Ich pfropfe mich nicht eigenmächtig an ihn, ich wachse aus ihm heraus. Was für ein Bild! Unsere Sprache ist zu arm, um erfassen zu können, welche Fülle und Lebenskraft in Jesu symbolhaftem Sprechen steckt. Er sah die Weinberge seiner Heimat, betrachtete wie ein Winzermeister und sagt: Ich bin der wahre Weinstock. Diesen Weinstock können wir nicht umschreiten und bewundern wie eine Zierpflanze. Denn an diesem Weinstock hängen wir alle dran. Wir sind drin im Kraftfeld dieses Bildes, leben von dem Energiestrom, der davon ausgeht, hängen daran, wie am Tropf. Wir verschwinden in Ihm nicht wie ein Tropfen im Meer, wir bleiben Rebe, einzigartige Personen, die Frucht bringen allein durch ihn und mit ihm und in ihm. Wenn ich wie eine Rebe dranbleibe, dann muss ich es mir gefallen lassen, beschnitten, gereinigt, gewandelt zu werden. Ansonsten werde ich zu Wildwuchs. Ich kann nicht mir selbst überlassen bleiben. Was ist das Überflüssige und Abgestorbene, das er bei mir wegnehmen müsste? Und welche Nebentriebe müssten weggebrochen werden? Dranbleiben oder nicht bleiben – das ist die Frage. „Dranbleiben“ am Weinstock – das hört sich uncool, lahm, ortsgebunden, undynamisch an, so unaufgeregt ruhig, so wenig ergebnisorientiert. Motiviert mich das: angeschlossen zu sein am Kreislauf des Lebens? Ist eine so penetrante Jesus-Nähe auf Dauer auszuhalten? Ich erliege der Versuchung, mich dem alternativlosen Ruf dieses Evangeliums zu entwinden und das Leben in die eigene Regie zu nehmen. Näher liegt der Appell zu Effizienz und Aktivismus, zum Zappen durch diverse Sendungen und Lebensmöglichkeiten. Man will endlich mal anderes ausprobieren, auf eigene Faust glauben, anderswo Wurzeln schlagen. Jesus sagt: Bleibt bitte! Bleibt dran an mir, bleibt im Ostergeheimnis! Wenn wir um uns hier in der Kirche schauen, kommt unwillkürlich die Frage: Wie viele sind schon gegangen? Und wie oft ertappe ich mich auch bei der Versuchung, innerlich wegzugehen. Es tut weh, dass andere aus unterschiedlichen Gründen nicht geblieben sind. Bleiben – oder gehen, sich trennen, sich neu orientieren, eigene Wege gehen. Diese Entscheidung beschäftigt viele nicht nur in der Kirche, sondern auch in einer Partnerbeziehung, in einem Beruf. Oder ich bleibe nur ‚aus Gewohnheit‘, aus Mangel an Alternativen. Ich erschrecke manchmal, wenn mir aufgeht, wie weit weg ich von ihm lebe, vergesslich, schlafwandlerisch herumtaumelnd. Mir wird eine Kirche fremd, der es christusvergessen nur um das eigene Wachstum, den eigenen Selbsterhalt geht. Ich will wieder Heimweh spüren nach dem, in den ich seit meiner Taufe eingewurzelt bin. Hoffentlich leuchtet ein, dass es sich lohnt, zu bleiben! Bei einer einmal gefällten Entscheidung, bei einem Menschen; auch: sich selbst treu zu bleiben. Wer bleibt, macht gemeinhin keine Schlagzeilen. Nur wer bleibt, kommt weiter. Nur wer eine Rebe unter Reben bleibt – am Lebenskraftstrom des Weinstocks –, der bleibt in Verbindung. Bleibt und werdet! Darum sind wir hier, am Strom des Lebens, und lassen zu, dass der göttliche Weingärtner uns liebevoll behandelt. Gott, lass uns verwurzelte Menschen sein, die in Christus und unter seinem Wort bleiben, in ihm ihre endgültige Bleibe gefunden haben.
 
Alois Balint
4. Ostersonntag (21.04) - Gedanken zu Joh 10,11-18
Alle von uns kennen oder haben zumindest gehört die Worte des berühmten Psalms 23: Der Herr ist mein Hirt. Heutzutage könnte man diesen Text „verheutigen“ up-daten: „Der Herr ist mein Navi: Nichts werd ich verfehlen …“, dichtete Andreas Knapp den Psalm 23 nach. Die Kommunionkinder, mit denen ich darüber sprach, haben dieses Bild sofort verstanden. Navi, Wegweiser, einer, der zum Ziel hinführt. Und dann kamen sie selbst auf andere Bilder: Der Herr ist mein Trainer, mein Coach. Das Bild vom Hirten war zwar verständlich für sie, blieb aber fern – kaum einer von ihnen hatte je mit eigenen Augen eine Schafherde und einen Hirten gesehen.
Ganz anders in biblischen Zeiten. Hirte, das war ein gängiger Beruf. Wahrscheinlich war er nicht sehr angesehen und alles andere als romantisch. Die Hirten waren oft Nomaden, zogen mit ihren Herden herum, von einer Wasserstelle zur anderen, waren bei Wind und Wetter draußen, rochen vermutlich auch etwas streng! Das sesshafte Leben, vor allem das Leben in der Stadt, galt als angenehmer. Aber diese Außenseiterrolle hatte ein enges Verhältnis des Hirten zu seiner Herde zur Folge. Der Hirte trug Verantwortung für sie, er kannte seine Tiere. Sie hörten auf seinen Pfiff, auf seine Stimme. Er sorgte für sie, führte sie an, beschützte sie in Gefahren. Er war für die Herde da, gerade für die Schwachen und die, die nicht mitkamen. Man kann gut verstehen, dass die Bibel das Hirtenbild gerne aufgreift und z.B. auf die Könige Israels anwendet. Die Propheten tun das sehr kritisch: die Könige sind durchweg schlechte Hirten. Ezechiel etwa schreibt sinngemäß: „Diese vermeintlichen Hirten sehen am Schaf nur den Nutzwert, interessieren sich nur für Wolle, Milch und Fleisch. Die Schafe selber sind ihnen egal!“ Er hat Könige im Blick, die die Menschen ausbeuten oder ihnen Kriegsdienste abpressen, doch am Menschen selbst kein Interesse haben. Das ist leider ziemlich aktuell geblieben, diejenigen, die die Macht ergreifen, wollen meistens nur den Nutzwert sehen: Was habe ich davon? Das, sagt die Bibel, ist nicht der Wille Gottes. Das ist nicht sein Modell für ein gerechtes Zusammenleben der Menschen, für eine gute tragfähige Gesellschaft. Und so rückt ein Gegenbild zu den schlechten verantwortungslosen Hirten in den Mittelpunkt: der gute Hirte! Ein neues Leitbild ist entstanden, und es ist ein Leitbild nach dem Bilde Gottes: Er selber ist der gute Hirte. Jahwe – der Gott, der von sich sagt: Ich bin da für euch! Emmanuel, ich lasse euch nicht im Stich! 
Heute ist der Tag der Geistlichen Berufe. Diejenigen, die einen Beruf in der Kirche, in der Seelsorge oder im Kloster anstreben, sind konfrontiert mit solchen großen Ideal-bildern wie dem guten Hirten. Ein Pastor etwa (das heißt ja auf Latein: Hirte) bemüht sich, seinen Beruf als Lebensbeziehung zu Gott und zu den Menschen zu sehen, nicht als Job „auf Zeit“. Aber manchmal seufzt er im Stillen: Das ist alles zehn Nummern zu groß für mich: Tag und Nacht erreichbar, ständig im Dienst, sich ganz und gar aufreiben für die Anderen? Wie kommt mein armseliges Menschsein mit diesem großen Leitbild zusammen? Darf ich wenigstens manchmal ein müder und erschöpfter Hirte sein? Einen ähnlichen „Biss“ durch die Realität muss wohl auch der evangelische Pastor Siegfried Eckert gespürt haben, als er im Blick auf die Herde ein Gebet schrieb: „Christus, guter Hirte, sieh deine Herde an, wie sie nach frischem Wasser sucht und dabei oft nur im Trüben fischt. Sieh an: die Opferlämmer (...) Sieh an: die Unschuldslämmerr.... (...) Sieh an: die schwarzen Schafe (...) Sieh an: die dickköpfigen Böcke, ... Christus, guter Hirte: Kraft und Gnade brauchen alle, die in deiner Kirche wirken. Zuversicht und Mut (...) und: Keiner braucht in deiner Kirche wie ein dummes Schaf behandelt zu werden.“ (aus: Gott in den Ohren liegen, S.69) Ja, so ist die Herde oft, und so sind die Hirten. Selber niemals ideal, tragen sie ihre Grenzen und Schwächen mit sich auf die Weide. Aber sie müssen auch nicht unter dem ständigen Anspruch stehen, ideal und perfekt zu sein. Der Aufblick zu dem einen Hirten Jesus Christus soll nicht Druck machen (du musst auch so sein!), sondern hilft, dass Zuversicht und Mut in uns wachsen. Und die Bereitschaft, sich diesem einen guten Hirten anzuvertrauen – immer wieder neu. Deswegen IHM allein kann auch ich das Pastoren-Amt zubilligen, weil diese Aufgabe umfassender Menschenliebe eine Nummer zu groß ist für einen Amtsträger. Ich habe leider ein schlechtes Namensgedächtnis. Ich kenne zu wenige der mir Anvertrauten mit Namen. Auf mir haftet kaum der „Stallgeruch“ meiner Gemeinde, wie Papst Franziskus verlangt. Ich bete aber ehrlich: Jesus, du guter Hirt, hilf mir, stärke mich: Wäre ich doch auch solch ein einfühlsamer Hirte, der sich von GOTT „hirten“ lässt!
 
Alois Balint
 
 
 
3. Ostersonntag (14.04) - Gedanken zu Lk 24,35-48
Wenn Jesus kommt, dann wird kein altbekannter Kumpel begrüßt; seine Ankunft in der Mitte der Apostel versetzt die Jünger am Ende genauso in Schrecken wie die Weihnachtshirten am Anfang des Evangeliums. Ein wenig Gottesschrecken, Ehrfurcht schadet nicht! Ostern stehen wir nicht unter dem moralischen Druck, erlöster aussehen zu müssen! Er nähert sich den elf Aposteln nicht Schritt für Schritt als geheimnisvoller Fremder an, wie es den beiden Emmausjüngern passierte; er konfrontiert sie ziemlich abrupt mit seiner Präsenz. Wenn er erscheint und die Mitte besetzt, dann wird unsere Kirche quasi aus der Taufe gehoben. Wir lernen es im Frühling, der sich nun leise bemerkbar macht. Das Entscheidende wächst uns lautlos zu, wie das Blütenwunder des Frühjahres. Ostern mit allen Sinnen! Ostern gibt es, zumindest nach Lukas, Ungewöhnliches zu sehen und zu schnuppern. Es riecht nach knusprigem Fisch. Wir sehen den essenden Jesus. Eine Notiz des Evangelisten, die vielen Schriftauslegern eher peinlich ist. Ein bedenkenswerter Moment: der Herr, dem die Kirche etwas reicht, weil er sie darum bittet. Das Schöne an den Erstkommunionfeiern ist ja, dass es für die Kinder etwas zum Sehen, Anfassen und Kosten gibt; keinen toten Reliquienknochen, sondern den eucharistischen Osterleib des Herrn höchstpersönlich. „Du bist so menschlich in unserer Mitte“ (Gotteslob 414,2). Kostet, seht und schmeckt, wie gütig und nahbar der Herr ist! So wie die Jünger im Obergemach dabei sein durften, als er, der Erhöhte, aß, so dürfen wir mit ihm heute sein Osterbrot teilen, in das er auferstanden ist, in das er sich hineingekniet hat. Gebrochen, verwundet, lautlos tritt er in unsere Mitte und zeigt sich darin von seiner, von Gottes bester Seite: als ungeschminkte und essbare Wahrheit. Er sucht heute Staunende, die sich seinen Besuch gefallen lassen und denen er Zeugenschaft zutraut. Diese Zeugen müssen nicht wortgewaltig sein, nicht im Hallelujarausch abheben oder alle Zweifel hinter sich lassen. Nein, staunende Zeugen, die akzeptieren: ER ist anders als Sie und ich! Und gerade deshalb kann er dir und mir näher kommen, als wir uns jemals nahe kommen können. Während ich hier predige und wir uns hier versammeln, beten und singen oder einfach nur präsent sind – da ist er längst unmerklich in unsere Mitte getreten, bringt uns seinen Frieden, bittet um unseren Glauben, unseren Willkommensgruß, unser Credo, das Bekenntnis zu seiner Auferweckung. Ich wünsche uns, dass uns das Wasser im Mund zusammenläuft und wir hungrig werden nach dieser Wahrheit, die Hand und Fuß hat.
 
Kurt Josef Wecker
 
2. Ostersonntag (07.04) - Gedanken zu Joh 20,19-31
„Lebensgefühl Angst“. So lautet der Titel eines Buches, das 2005 erschienen ist. Der Autor, Wolfgang Schmidberger, schreibt, dass 5 % unserer Bevölkerung an einer pathologischen Depression erkrankt ist, die auch behandelt werden muss. Angst ist etwas, das zu unserem Menschsein dazugehört. Sie hat etwas Gutes, denn sie sagt uns zur rechten Zeit, wo Vorsicht geboten ist, wo es gilt, sich zu schützen vor Menschen und Dingen. Heute, in einer Zeit, wo wir über Fernsehen und Internet so viel wissen wie nie zuvor, nimmt die Angst zu. Denn unser Mehrwissen weist auch auf Bedrohungen, Gefahren hin, die den Menschen früher nicht bewusst waren. Wer Angst hat, die tief sitzt, verschließt sich selbst, fühlt sich gefangen, von der Lebendigkeit abgeschnitten. Ja, Angst lähmt. Ich finde, dieser Buchtitel „Lebensgefühl Angst“ beschreibt gut, wie sich auch die Kirche in Europa und in unserem Land anfühlt. Jemand hat mich vor kurzem gefragt: Wie gehen Sie als Priester mit dem offensichtlichen Desinteresse am Glauben und an der Kirche um? Diese berechtigte Frage stellt sich aber nicht nur den Hauptamtlichen, sondern allen, die an der Kirche und am Glauben hängen. Es geht nicht weiter so wie bisher. Da hilft kein deuteln: Wir werden weniger. Und das nährt Ängste und Zweifel auch in uns selbst. Es geht nicht nur um die Frage ob einem Priester, Bischof oder Theologe etwas nicht gut gelungen ist, er hat etwas Falsches gesagt oder getan. Es geht um eine viel tiefere Frage: Ist der Glaube wirklich wichtig, wenn es auch ohne geht?
Das Evangelium, das wir eben gehört haben, beschreibt die Gründung der Kirche. Und, welch Wunder oder auch nicht: Es beginnt mit der Angst und dem Zweifel. Verschlossene Türen, Furcht, ein kleines Häuflein Angsthasen. Die Bibel ist ein ehrliches Buch, das den Menschen kennt. Wir kommen darin vor, auch mit unserem depressiv gestimmten Lebensgefühl in der Kirche von heute. Das Wunderbare ist, dass Jesus in die Mitte kommt. Er lässt sich nicht aufhalten von Gejammer, schlechten Gefühlen und Ängsten. Aber, und das ist ungeheuer wichtig, er kommt nicht, um Vorwürfe zu machen. Jesus hat Verständnis. Und bevor er den Jüngern etwas aufträgt, zeigt er ihnen die Wunden seiner Hände und seiner Seite. Das will sagen: Ich bin auch verletzt worden. Ich kenne das Leiden, die Ungewissheit, die tiefe Sorge um das, was wird. Ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht mehr „ein noch aus“ zu wissen. Auch ich habe geklagt, gejammert, Ängste ausgestanden. Euer Lebensgefühl Angst in der Kirche ist mir nicht fremd. Aber Jesus bleibt dabei nicht stehen. Er fordert seine Jünger damals und uns heute heraus. Macht die Türen auf, überwindet eure Angst und Furcht. Springt über euren Schatten. „Ite missa est“ bedeuet nicht „es ist fertig“, sondern „ihr seid gesendet!“ Es gibt eine Zeit zum Klagen, aber auch eine Zeit, um nach vorne zu schauen. Und die ist gekommen! Lassen wir uns das sagen als Gemeinde von Kehl in diesem Jahr der Veränderungen, des Abschieds und des Neubeginns. Die Bibel ist ehrlich. Sind wir auch ehrlich? Wenn ja, dann müssen wir unbedingt gestehen, dass es in der Kirche nicht mehr so wird wie früher. Volkskirche ist vorbei, Bekenntniskirche soll überleben. Ich nehme einmal ein Beispiel aus unserem Gemeindealltag, das zeigt, wie das gehen könnte und wie es ansatzhaft auch schon einmal gelungen ist. Nächste Woche beginnen die Erstkommunion-Gottesdienste. Wenn Kinder und Eltern, die in der Mitfeier der Gottesdienste nicht geübt sind, mit uns die Messe feiern, gibt es immer Stimmen, die klagen: Die wissen gar nicht, wie man sich in der Kirche benimmt. Die sind zu unandächtig. Die sind respektlos und zu laut. Einige unserer Kirchgänger ziehen daraus die Konsequenz „meine Komfortzone  ist mir lieber“ und bleiben den Familienmessen fern. Verstehen kann ich das nur zu einem Teil. Mir kommt dann immer die Frage: Wollen wir den Glauben weitergeben oder nicht? Und diese Weitergabe des Glaubens ist nicht allein eine priesterliche Aufgabe, sondern auch Ihre: Indem Sie da sind und den Gottesdienst tragen durch ihr Beten und Singen, bezeugen Sie den Menschen, die nur selten kommen, das da am Glauben etwas ist, was für Ihr Leben wichtig ist, das ihnen so viel Freude macht, dass sie oft auch kommen. Sie kommen freiwillig, ich dagegen auch von Berufs wegen. Ihr Zeugnis ist daher wichtiger, auch wenn das beim ersten Hören vielleicht komisch klingen mag. Aber mir ist das sehr ernst. Ich möchte Sie daher bitten, sich nicht zu verschließen, wenn Menschen zu unseren Gottesdiensten kommen, die in religiösen Dingen ungeübt sind. Klagen und unter sich bleiben ist nicht im Sinne Jesu. Er traut uns mehr zu! Und recht hat er! SIE müssen die Zukunft unserer Kirche auch tragen!
Der Autor des Buches „Lebensgefühl Angst“, Wolfgang Schmidberger, schreibt: Die Angst ist da, aber haben will sie eigentlich keiner. Angst vor dem Fremden und dem Neuen werden wir immer in uns spüren. Sie gehört zu uns. Aber gleichzeitig wünschen wir uns, sie loszuwerden. Wie geht das? Indem wir uns ein Herz fassen und uns dem stellen, wovor wir Angst haben, und auf das, was kommt, mit Mut zugehen. Jesus steht uns zur Seite, in der Angst und im Aufbruch. Seine wichtigste Osteraussage lautet: Fürchte dich nicht! Denn die beste Osterpredigt ist ein österlicher Mensch – einer der sich zu neuen Ufern wagt und gegen den Strom der Angst schwimmt.
 
Alois Balint
 
Osternacht (31.03) - Gedanken zu Mk 16,1-7
Das kann schon unter die Haut gehen, wenn die Orgel wieder einsetzt, das Halleluja ertönt, die Glocken festlich läuten! Das ist Ostern! Jubel ohne Ende! Preis dem Todesüberwinder!
 „Er war voll Verwunderung über das, was geschehen war.“
Wir, die wir das Halleluja anstimmen, wenn das Kirchenjahr und der Kalender es vorschreiben, spüren wir eigentlich noch, was Ostern in seinem Ursprung wirklich bedeutet? Die erste Reaktion auf die Osterbotschaft ist Schrecken und Entsetzen! Absolut unerwartet, gegen jede menschliche Erfahrung wird hier verkündet: „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“ Vielleicht können wir uns am besten in jene Frauen am ersten Ostermorgen hineinversetzen, wenn wir uns erinnern, wie es uns selbst erging am offenen Grab, wenn wir noch einmal die Tränen, die Not, den Schmerz, die Trauer nachzuempfinden versuchen. Wo war in dieser Situation unser Osterglaube? Da haben wir nicht das Halleluja angestimmt. Da haben wir wohl erst nach und nach unsere Trauer verarbeiten können und dabei hoffentlich auch Schritt für Schritt den Trost unseres Glaubens erfahren. Genau diesen Weg gehen die Frauen und Männer.
Ihr Glaubensweg beginnt am offenen Grab. Man kann in den Evangelien nachlesen, welch mühsamer Weg dies ist, wie viel Mühe Jesus selbst aufwenden muss, um seine Jüngerinnen und Jünger wirklich zu überzeugen und zum Osterglauben hinzuführen. Diejenigen unter uns, denen es heute Nacht eigentlich nicht zum Jubeln zumute ist, befinden sich also in bester Gesellschaft. Wenn für uns eher noch Karfreitag ist, wenn wir eher resigniert und müde sind, weil z.B. unsere Kinder sich längst vom Osterglauben losgesagt haben, dann sind wir den traurigen Männern und Frauen vom ersten Ostermorgen gar nicht so ferne. Aber wir sprechen und feiern das große „Trotzdem“. Trotz aller lähmenden Erfahrungen, trotz aller Dunkelheiten, die bleiben, feiern wir Ostern. Weil wir darauf vertrauen, dass schließlich auch uns der Auferstandene selbst begegnet und uns die Augen immer mehr öffnet. Ja, wir dürfen feiern und Halleluja singen, denn keiner kann uns einen anderen Weg weisen, der wirklich vom Grab wegführt. Alle anderen Wege enden am Grab – unwiderruflich! So lassen Sie uns weiterfeiern und singen, denn der Herr ist wirklich auferstanden!
 
Alfred Pummer