Taufe des Herrn (08.01.)
Es ist zwar nur eine Redewendung, aber sie hat es in sich: Wenn eine politische Reform auf den Weg gebracht wird, ein innovatives Projekt startet oder eine Einrichtung feierlich eröffnet wird, dann wird etwas „aus der Taufe gehoben“. Auch wenn diese Redewendung oft nicht religiös gemeint ist, ihre Wurzeln liegen in der Taufpraxis der Kirche. Die Taufliturgie sagt sogar sehr schön: Wenn ein Mensch getauft wird, geschieht ein Wunder. Ist uns bewusst, welch großartiges Wunder in unserer Gemeinde geschieht, wenn ein Mensch getauft wird? Für mich ist das erste Wunder, dass sie heute da sind, in Zeiten wo Leute scharenweise die Kirche verlassen! Wir brauchen noch sehr viele Wunder. Der Wechsel des Jahres fiel in eine Zeit voller Krisen. Wir wissen um die Klimaveränderungen, um Corona und die Folgen, um die Energiekrise, um die Kriege in der Welt, um zunehmende soziale Spannungen. Im neuen Jahr haben wir es wieder mit den alten Problemen zu tun. Das Fest der Taufe des Herrn kommt da gerade recht. An der Taufe Jesu im Jordan wird deutlich, wie ein guter Start aussehen kann im Leben: den Blick auf Gott gerichtet, einen geöffneten Himmel über uns und im Herzen und mit gutem, heiligem und heilmachendem Geist. Dann bleiben wir nicht schon direkt am Anfang wieder stecken im Schlamm und Schlammassel des Altbekannten. Christen taufen, nicht weil Jesus selbst getauft hätte, sondern weil er getauft worden ist. Am Fest der Taufe des Herrn erinnern wir uns an Jesu Taufe im Jordan, aber auch an unsere eigene Taufe. In der Taufe werden wir nämlich Christus gleichgestaltet. Das Worte Taufe (baptizein) bedeutet eintauchen: in diesem Sakrament bin ich in Christus eingesenkt, ihm will ich fortan leben. Christsein ist also kein Selbstzweck, sondern leben für Gott, heilsam für die Menschen und in der Welt. Bei der Taufe im Jordan öffnete sich der Himmel, und eine Stimme aus dem Himmel war zu hören: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ – Das hat auch eine Bedeutung für mein christliches Leben: Auch bei meiner eigenen Taufe sprach Gott im Sakrament: Ich habe an dir Wohlgefallen gefunden. Ich erfreue mich an dir. Du bist kein Produkt des Zufalls, keine Laune der Natur. Du darfst dir meiner Nähe sicher sein. Das ist das Urwort des Wohlgefallens: „Du bist geliebt!“ Damit will Gott uns helfen, auch den Unworten des Lebens standzuhalten. Vielleicht sind es angstmachende Worte aus Kinder‐ und Jugendtagen. Vielleicht klingen die einen oder anderen noch heute in uns nach oder haben sogar heute noch lähmende Wirkung: „Aus dir wird eh nichts!“, „Was soll aus dir schon werden?“, „Du taugst zu nichts!“ „Du bist doch an allem schuld!“, oder gar: „Du wärest am besten gar nicht geboren!“ – Immer wieder sind wir gefordert, das Wort Gottes aus dem Wortgewirr des Lebens herauszufiltern. Denn dieses kann uns aufbauen. Es fordert uns auf, das Ja zu uns selbst und zu dieser Welt immer wieder zu erneuern. Liebe Gemeinde! Wir sind alle getauft; und Getaufte tragen ein Gesicht der Liebe in sich. Das gilt für Sie wie für mich. Wagen wir es, einander dieses Gesicht auch zu zeigen. Es wird unserer Welt ein wenig mehr Frieden schenken und sogar ein Wunder produzieren: dass wir uns nicht schämen, dass wir getaufte Christen sind!
Alois Balint
Epiphanias - Erscheinung des Herrn (06.01.)
Mit den weitgereisten Weisen, da kommen wir an. Oder besser gesagt: Da kämen wir an, wenn wir doch nur solche leidenschaftlichen Wanderer wären! Wenn ich mich doch nur wie sie ein Geheimnis aus der Ruhe bringen könnte! Wenn mein Glaube doch nur so frisch wäre und nicht nadeln würde wie die Tannenbäume! Wenn ich doch hier präsent wäre mit ‚brennendem Herzen‘ und nicht ausgebrannt oder gar mit erkaltetem Herzen! Will ich wirklich dahin, wohin es die Weisen aus dem Osten zieht? Will ich mich unter die Augen dieses Kindes wagen, mich einfach nur anblicken lassen von Ihm, Anbetung feiern? Diese paganen Gottsucher kommen wohl aus dem Fernen Osten. Wo komme ich heute her? Hat mich etwas Unerklärliches wie ein fremder Stern angelockt? Und was habe ich dabei? Große Geschenke für dieses sprechende Geheimnis habe ich nicht zu bieten; ich bringe eher Leere mit: leere Hände, tastende Hände, stolpernde Schritte, unruhig suchende Blicke. Mitgebracht habe ich höchstens schwere Gedanken und die kühne Hoffnung, diese Last hier in dieser Stunde loszuwerden … Jetzt ist die Zeit und die Stunde, dass uns die Augen aufgehen und wir begreifen: Wir gehören dazu, zur Familie dieses Kindes. Um dieses späte Weihnachten zu feiern, müssten wir einen Schmerz spüren: den Schmerz der Sehnsucht, die Unruhe pilgernder Menschen – und die Fantasie des Glaubens, im Gewöhnlichen den Himmel zu entdecken, die Freude am Suchspiel und die Hoffnung, glückliche Finder zu werden.
Kurt Josef Wecker
Weihnachtsfest - Gedanken zu Lk 2,1-14
Das Evangelium lässt in der Weihnachtsnacht Engel und himmlische Heerscharen auftreten, die Gott loben und singen: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe“ und das haben wir auch im „Gloria“ gebetet und gesungen. Schön und gut, aber auch…irritierend. Die Situation, die die Hirten vorfinden ist eigentlich sehr ernüchternd. Die Lage wirkt eher traurig: wenig Licht, kein mächtiger Fürst, keine Herrschaft, keine Herrlichkeit und schon gar kein Gott in der Höhe! Die Situation sprengt die gewohnten Vorstellungen des Höchsten. Den Retter, den Messias, den Emmanuel – den Gott bei uns –, finden die Hirten als Kindlein in Windeln gewickelt, am Boden einer Futterkrippe liegend vor, ausgesetzt und ausgegrenzt, verletzlich und auf Zuwendung angewiesen. Die Blickrichtung ist wichtig: Sie müssen also nicht hochschauen, sondern, ganz im Gegenteil, müssen sie ihren Blick senken und auf den schauen, der am Boden liegt. Was bedeutet das? Gott tritt ganz ohne Privilegien in unsere Welt ein: kein Hofzeremoniell, keine Arroganz, kein herablassendes Gehabe inszenierter Herrlichkeit. Seine Herrlichkeit ist die unbedingte, bedingungslose und unverdiente Treue zur Schöpfung, zu uns Menschen und zu den Tiefen unserer Existenz. Oh ja, und? Das haben wir so oft gehört (so denken viele). Es reicht vielleicht nicht genug zu wiederholen: Keine Religion der Welt verkündet so etwas! Gott wird Mensch. Für alle andere Religionen ist das kein Gott. Und eben das bricht mit fragwürdigen Vorstellungen eines Gottes, der als Souverän rigide über die Einhaltung seiner Gesetze wacht und sie notfalls auch mit Macht gegen alle Widerstände durchsetzt. Während die Logik des Gesetzes über Polizei, Gerichte und Gefängnisse verfügt, hat die Logik geschenkter Gerechtigkeit nichts als sich selbst zu bieten. DAS ist das Besondere im Christentum und das haben leider auch die Christen nicht immer verstanden. Es ist auch nicht einfach zu verstehen, denn das ist eine sog. Theologie der Schwachheit.Das schwache und hilfsbedürftige Menschenkind im Stall von Bethlehem stellt die Art und Weise in Frage, wie wir über Gott denken und sprechen. Vielleicht haben wir in Liturgie und Verkündigung allzu oft einseitig das Bild eines Gottes in der Höhe bemüht, eines Gottes, der erhaben über allen Dingen schwebt, fern in seiner Perfektion und Stärke. Vielleicht deswegen hat auch die Kirche mit ihrer Schar von Theologen gnadenlos einen barmherzigen Umgang mit der Schwachheit der Menschen vergessen. Die weihnachtliche Entdeckung der Schwachheit Gottes könnte eine Brücke schlagen zur Erfahrung der vielen, die am Boden liegen und auf die man herabschaut, auf die vielen, die ausgesetzt sind und ausgegrenzt werden.Und nicht zuletzt kann uns die weihnachtliche Entdeckung der Schwachheit Gottes ermöglichen, barmherziger mit unserer eigenen Schwachheit umzugehen, da wir gewiss sein können, dass unser Retter in die Tiefen unserer menschlichen Existenz hineingeboren wurde. So gesehen wird das „Gloria“ das wir singen und beten nicht irritierend, sondern ein wunderbares Bekenntnis: Ehre sei Gott in der Höhe, der heruntergekommen ist auch bis in meine Tiefe. So weiß ich, dass es erfülltes Leben gibt, trotz vieler unerfüllter Wünsche. Und ich weiß auch, dass Weihnachten uns alle wirklich und zutiefst entspannen will. Für Gott bin ich o.k. Gloria in excelsis Deo, Ehre sei Gott der uns annimmt, wie wir sind. Und Frieden auf Erden den Menschen, die miteinander in der Familie, auf der Straße, in der Kirche, sogar an der Supermarktkasse unter seinem Wohlgefallen sind.
Alois Balint