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Im Jahreskreis 2024

34. Sonntag im Jahreskreis (24.11) - Christkönigfest, Gedanken zu Joh 18,33-37

Alle Predigen Jesu fangen höchstwahrscheinlich mit einem Satz an, mit fünf Worten: „Das Reich Gottes ist nahe“. So präzise brachte er es auf den Punkt. Das ist das Samenkorn, das in die Jahrhunderte hinein aufging und zum vielgestalten Baum heranwuchs, der sich Kirche nennt. Stürme zerrten daran. Aus den verschiedensten Wurzelsträngen sprossen Sondertriebe. Mancher Ast zerstarb ins Altern und in den Tod hinein. Doch immer wieder gab es neue Triebe, neue Äste, Blüten, Früchte, deswegen sind wir heute hier. Am Ende des Kirchenjahres feiern wir den Anfang der Botschaft von damals: das Reich Gottes ist nahe, um ihn ins Heute und Morgen hinein zu fördern. Wir schauen den Reichtum an, der aus den ersten fünf Worten gewachsen ist. Sie sind zu Büchern und Bibliotheken, zu theologischen Einzeldisziplinen und zu großen Lehrgebäuden angeschwollen. Der Wanderprediger von damals, der ohne ein festes Zuhause war, darf sich heute als Hausherr von Pfarr-, Abtei- und Domkirchen, ja sogar als Herr von päpstlichen Basiliken verstehen. Er kann auf eine großartige Geschichte in seinem Namen zurückblicken, und zugleich auf sehr üble Geschichten, für die sein Name missbraucht wurde. Die Scherben, die der Kirche heute um die Ohren fliegen, sind nicht die ersten, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Vielleicht müsste man das so Sicherheit-verheißende Wort Jesu: Du bist Petrus der Fels …, generell umdenken: Du bist Petrus der Zerbrechliche, und auf diesem Scherbenhaufen will ich meine Reich-Gottes-Gemeinde bauen. Dank dessen sind wir heute hier. Aus meinen Studienjahren ist mir das Wort eines Professors in Erinnerung geblieben, der Garibaldi, den Zerstörer des Kirchenstaates und Einiger des neuen Italiens als größten Wohltäter der Kirche im 19. Jahrhundert bezeichnete. Meinem Unverständnis entgegnete er: Garibaldi hat die Kirche damals aus dem goldenen Käfig der Macht befreit und ihr so den Weg in ihren geistlichen Ursprung neu geebnet. Ein hartes, aber wahres Wort, das auch weiterhin für heute gilt. Darf man die Offenlegung der Missbrauchsskandale und die mutigen Wortmeldungen der Opfer vielleicht in ähnlicher Sicht als Geschenk Gottes an seine Kirche heute deuten? Als Ruf in die Umkehr zu den einfachen Worten des Anfangs: Das Reich Gottes ist nahe! Brauchen wir überhaupt noch eine Kirche? Ja, ich denke schon: damit wir eben diese Worte nicht vergessen; wir brauchen eine kniende, keine herrschende Kirche. Zurückkehrend zu den heutigen Schriftlesungen: Zunächst einmal hat mich stutzig gemacht, mit welcher Kürze sich das Wort Gottes heute begnügt. Alle zusammen zählen kaum über 200 Wörter. Es ist, als wollte Gott uns auffordern: Redet nicht einfach so herum und drumherum. Entdeckt den Mitte-Punkt für das Gelingen des Lebens. Und bringt euer Leben auf den Punkt. Der Punkt des Evangeliums könnte sein: Der Mensch, du, Mensch gehst nicht in der Welt auf, sodass du dich gedankenlos und bedenkenlos durch sie hindurch genießen darfst. Du stehst in einer Verantwortung gegenüber einem anderen. Du kommst von woanders her und gehst woanders hin. Das ist vielleicht die Wahrheit, die Pilatus sucht. Das ruhige Bekenntnis Jesu, verwirrt den Gubernator. Es beunruhigt und verunsichert ihn. Er scheint die Frage nach seiner eigenen Authentizität zu hören, aber er stellt sich ihr nicht. Er verweigert sich ihr und geht nicht darauf ein. Ich könnte mir den Mund zerreißen über Pilatus, den Funktionär der Macht oder sogar Sympathie zeigen für diesen „erfrischend undogmatischen“ Liberalen, für den die Wahrheit relativ ist und der nicht versteht, dass vor ihm der Weg, die Wahrheit und das Leben steht. Ich will ehrlich sein mit mir selbst. Ich bin auch gefährdet, ein Pilatus-Typ zu sein. Wer sich auf dessen Seite schlägt, geht auf Nummer sicher. In diesem Prozess stehe auch ich. Wieso? Hier ist warum: Geht mir auf, dass die Wahrheit keine abstrakte Sache oder ein Lehrsatz ist, sondern eine Person, die Jesus heißt, in dem alles zusammenläuft? Die Wahrheit ist dieses winzige Gesicht, auf dem Gottes Glanz liegt. Diese Wahrheit bleibt, auch wenn unsere (Kirchen-)Jahre kommen und gehen; es ist eine königliche Macht, die mich trägt, wenn ich im Tod zu versinken drohe. Ich werde das vielleicht so wenig wie Pilatus verstehen. Darum muss uns der Herr noch manche Jahre, Kirchenjahre schenken, dass wir Ihn verstehen. Hoffentlich schenkt er mir solche Begegnungen, wo die Wahrheit auf dem Spiel steht; nicht nur bequem in der Kommunion, sondern wenn er mich als Zeugen der Wahrheit braucht. Lasst uns also heute die eine Wahrheit feiern, die sich für den „Königsweg“ der Hingabe entscheidet, den König, der sich nun hineinkniet in eine winzige Scheibe Brot und der leise um mein gebeugtes Knie bittet. Indem wir diese Frohe Botschaft heute hören, tritt der Jesus von damals uns heute gegenüber. Er lädt uns ein: Nehmt dieses Bekenntnis auf und vergisst nicht in meiner Nachfolge, was die größte Sünde des Menschen sein kann: Dass er vergisst, dass er ein Königskind ist.

Alois Balint
33. Sonntag im Jahreskreis (17.11) - Gedanken zu Mk 13,24-32

Mini-Austin, das sympathische englische Kleinauto wurde vor vielen Jahren vom BMW-Konzern gekauft. BMW bewarb seine Kleinwagenmodellreihe Mini mit dem Slogan: „Normal is never amazing.“ Zu Deutsch: Normal ist nie erstaunlich. Im dazugehörenden Werbespot sah man zuerst Menschen, die ihren Alltag leben: sie stehen auf, frühstücken, gehen zur Arbeit. Dann fährt der Mini vor. Und wir sehen Menschen, die Musikern auf einer Bühne zujubeln, aus dem Häuschen sind. Die Botschaft ist klar: Alltag ist Einerlei, immer dasselbe, manchmal beschwerlich. Viele wünschen sich Abwechslung, wollen ins Erstaunen versetzt werden, etwas erleben. BMW versprach genau das, der- oder demjenigen, der einen Mini fährt. Normal und alltäglich ist out! Unsere Medien bedienen unseren Wunsch nach Abwechslung auch in einer anderen Hinsicht. Schlimme Nachrichten werden leider ausgiebig präsentiert: Der Wirbelsturm Sandy, die Eurokrise samt ihren Auswirkungen, die Bürgerkriege, der Klimawandel. Es gibt in uns eine Faszination für Katastrophen. Neugierig und gebannt schauen wir hin. Die Medienleute wissen das genau und lassen uns daher meist ungeniert hinschauen. Was wird aus dieser Welt? Was bringt uns die Zukunft? Diese Fragen haben Menschen zu allen Zeiten interessiert und manchmal auch sorgenvoll gestellt. Das gilt auch für die Zeit, in der die Bibel verfasst worden ist. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer gab den Menschen damals Anlass einerseits mit Angst und Sorge in die Zukunft zu schauen. War das erst der Anfang? Kommt bald das Ende der Welt? Beides, Befürchtung, Sorge und Hoffnung durchzieht die Gerichtsworte Jesu im heutigen Evangelium. So, wie es jetzt ist, soll es nicht weitergehen. Der Webeslogan unserer Tage klingt auf. Gott möge etwas Erstaunliches tun! „Normal is never amazing.“ Jesus ist aber kein Gerichtsprediger. Nur eines der 16 Kapitel des Markusevangeliums enthält Worte Jesu zum Gericht. Aus diesem Kapitel ist unser heutiges Evangelium entnommen. Jesus verkündet Gottes Nähe im Hier und Jetzt, nicht erst für den letzten, den sogenannten Jüngsten Tag. Und daher findet sich auch in Jesu Gerichtsworten eine Spur dieser Frohen Botschaft. Der Satz im Evangelium, der Jesu Frohe Botschaft aufklingen lässt, lautete so: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen! Dieses Wort sagt, worum es geht: Jesu Wort bleibt. Es ist sein Wort, in dem uns Gott nahekommt und nahe bleibt. Keine Katastrophe, kein Unglück, nicht einmal die Zerstörung von Himmel und Erde ändern daran etwas. Mögen selbst Himmel und Erde irgendwann einmal nicht mehr sein, Gott ist da für Euch. Euer Herz ängstige sich nicht, sagt Jesus mehrmals im Evangelium. Es gibt auch einen Satz, der immer wieder gerne bei „frommen“ Kaffeekränzchen gesagt wird: Not lehrt beten. Wenn die Katastrophe kommt, werden die Menschen sehen, dass sie Gott doch brauchen. Mit der Botschaft Jesu hat diese Kaffeekränzchenweisheit nichts zu tun, genauso wenig, wie der Werbespruch für den neuen Mini: Normal ist nie erstaunlich. Im Gegenteil: L’extraordinaire de l’ordinaire (das Außergewöhnliche des Gewöhnlichen) hatte Hl. Thérèse von Lisieux gesagt. Das Einerlei des Alltags, das Normale ist durchwirkt von Gottes Nähe. Das ist das Erstaunliche, das Jesus entdeckt und erfahren hat. Man kann den Alltag, das Normale als ein notwendiges Übel des Lebens auffassen. Alltag gehört halt dazu. Aber leben, das tue ich am Wochenende, auf Festen, in der Freizeit, im Urlaub, oder gar erst im Himmel. Jesu Erfahrung von Gottes Nähe nimmt den Alltag ganz anders wahr und will uns sensibel machen: Es ist eben der Alltag, der uns ungeheuer viele Augenblicke, Begegnungen, Eindrücke schenkt, die uns des Lebens froh werden lassen können. Jesus will, dass wir genauer hinsehen. Die Bibel nennt Gott den Freund, den Liebhaber des Lebens. Und daher gilt: Gott ist denen nahe, die ihren Alltag annehmen und mitten darin des Lebens froh werden. Ja, liebe Gemeinde, echte Lebensfreude ehrt Gott. Nicht der Mini garantiert uns Abwechslung und Lebensfreude, sondern der bewusste, Blick auf jeden Moment unseres „stinknormalen“ Lebens. Denn der Alltag, das Normale und nicht erst der Jüngste Tag ist durchwirkt von Gottes Nähe.

Alois Balint
 
32. Sonntag im Jahreskreis (10.11) - Gedanken zu Mk 12,38-44

Wir würden es uns verbieten, wenn uns jemand beim Kollektieren zuguck oder nachher auf die Finger schaut, ob und welche Münze ich im „Klingelbeutel“ versenke. Das geht keinen anderen etwas an. Man schaut anderen Menschen beim Spenden nicht zu; das ist ein intimer Moment. Der Big-Brother-Blick einer alles überwachenden Organisation ist eine erschreckende Vorstellung. Das übergroße Gottesauge, das uns bis in die geheimen Winkel des Lebens verfolgt, hat manche Christen vergiftet und innerlich verfolgt. Und doch: Wir sind von Jesu barmherzigem Blick umfangen, wir ruhen in seinem Augapfel. Und nicht nur der November ist die Zeit, sich daran zu erinnern, dass alles auf diese letztgültige Begegnung hinausläuft. Er ist es, der über mich das Urteil fällt. Gott sei Dank ER und nicht meinesgleichen! Sein Lob, sein Tadel, seine Anerkennung zählen. Nichts geht verloren, nichts ist umsonst getan, weil er es wahrnimmt, weil er die schönsten Augenblicke meines Lebens bewahrt und vor dem Vergessen rettet. Weil er mich ansieht, bin ich angesehen. Weil er mich kennt, erfahre ich Anerkennung. Woher weiß ich das? Weil uns das heutige Evangelium diese Grundwahrheit unseres Glaubens verdichtet und uns in ein wunderliches Gegenüber einbezieht. Wir bekommen mit, was Jesu Augen erblicken. Er sitzt im Tempel, wohl in der offenen Tür zum „Vorhof der Frauen“. In der „Schatzkammer“ dort befanden sich Opferstöcke: 13 posaunenförmige Kästen. Daneben standen Priester, denen man die Höhe der Spende und den Spendenzweck nannte und die die Gaben der Spender entgegennahmen. Der dreizehnte „Gotteskasten“ (Luther) war für freiwillige Spenden gedacht. Inmitten des Gewusels der mehr oder weniger frommen Pilger taucht eine namenlose arme Witwe auf, die Unscheinbarkeit in Person. Um ihr Opfer wird der Priester kein Aufhebens machen. Und doch: Das Markusevangelium übergeht diese Episode nicht, die aufmerksamen Blicke Jesu auf die Hände und das Herz dieser einen. Er allein bekommt das Ungewöhnliche mit: Da geschieht ein Wunder, das seinesgleichen sucht im Neuen Testament. Die Frau kramt zwei Kupfermünzen (gewissermaßen zwei Cent) hervor. Mehr hat sie nicht, auch nicht weniger. Sie gibt in diesem Augenblick das Ganze, sie verausgabt sich und wird danach völlig mittellos dastehen. Bewusst vollzieht sie diese Spendenaktion; sie ist nicht nur Empfängerin von Wohltaten und Almosen; sie will es sich nicht nehmen lassen, selbst zu spenden. Sie ist nicht auf Lob und Anerkennung aus und will sich nicht in ihrer Wohltätigkeit sonnen. Sie gibt mehr als eine „milde Gabe“. Sie spendet ganz ohne Berechnung und Absicht, grundlos, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Alles geschieht verborgen – gäbe es nicht die wachen, staunenden Augen Jesu Christi. Er ist ihr Gegenüber, so wie er jetzt unser Gegenüber ist. Ist das Tempelopfer dieser Frau „für einen guten Zweck“? Sie spendiert alles, was sie besitzt, dem Tempel, seinem kostspieligen Kult, dem fragwürdigen Betrieb und der aufwendigen Priesterorganisation. Sie spendet also nur indirekt „Gott“ eine Gabe. Vergessen wir nicht, dass doch Jesus kurz darauf diesem Tempel das Ende ankündigt und die Priester dort seine Todfeinde sein werden. Er lässt diese leichtfertige Tat der Armen zu, er fällt ihr nicht in den Arm, er sucht auch nicht das Gespräch mit ihr. Er sieht es mit an, wie sie sich hilfsbedürftig macht. Sie wirft die Münzen ein und verschwindet und taucht nie mehr in der Jesusgeschichte auf. Diese eine unterschätzte Geste, dieses Übermaß an Hin-Gabe, macht sie unsterblich. DAR SIN CONTAR „Geben, ohne zu zählen“, sagt Ignatius von Loyola. Jesu Blick hat nichts mit dem sog. Big Brother zu tun, ganz im Gegenteil: Sein Blick ist voller Güte und er spricht diese unbekannte wunderbare arme alte Frau selig und heilig zugleich. Bitte verstehen mich nicht falsch, ich möchte heute nicht für eine außergewöhnliche Spendenaktion werben und Sie irgendwie zu mehr Großzügigkeit motivieren. Ich möchte Sie, mich und uns alle erinnern, dass wir diesen Blick Jesu jeden Tag suchen müssen. Er ist da wo die Liebe und wo der Glaube einen Unterschied machen. Ist immer nur ein Gebet weit entfernt.

Alois Balint
31. Sonntag im Jahreskreis (03.11) - Gedanken zu Mt 12,28-34

Gottes Wort an diesem Novembersonntag in der Lesung und im Evangelium quillt über vom Wörtchen Liebe. Eine Liebesreligion wird uns nahegelegt. Gott bittet um meine Liebesantwort, unsere Liebeslieder. Ja, wir können uns darauf verständigen: damit ist der Lebensnerv unseres Glaubens getroffen. Eine Seelenkraft wird uns nahegelegt, die den ganzen Menschen beansprucht; keine romantische Gefühlsduselei, keine kurze emotionale Aufwallung. Auch wenn Gott Liebe will, möchte ich doch um Schonzeit bitten für das Wörtchen „Liebe“. „Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben meine Zier“ (GL 358), dichtet ein überschwänglicher Mystiker. Das können wir vielleicht gerne mitsingen, aber können wir das auch nachempfinden? Ehrlicher wäre zu sagen: Gott, ich will lieben und kann es oft so wenig. Was liebe ich, wenn ich behaupte: Ich liebe Gott? In der Kirche will ich Gott lieben, aber draußen geht’s liebloser zu. Gottesliebe ist eine Regung, die vielleicht nur große Gottesliebende „beherrschen“, diese Lebenskunst, die den Novemberheiligen wie Hubertus, Martin und Elisabeth in Fleisch und Blut übergegangen ist. Aber meine Gottesliebe ist arm und abstrakt. Gott, du Unsichtbarer, ich will Dich ja lieben, aber… muss mich bereits anstrengen, an Dich zu glauben. Und nun verlangst Du eifersüchtig, Dich ganz allein zu lieben!? Ich weiß gar nicht, ob ich jemals in meinem Leben Gott geliebt habe wie einen geliebten Menschen oder so manche Alltagsgötter, zu denen ich ein inniges Verhältnis pflege … Vielleicht fliehe ich in den Glauben, weil ich zu wenig liebe. Wie kann man den Unfassbaren, dieses alles versengende Feuer, diese blendende Lichtquelle, die Gott ist lieben? Kann ich zu ihm ein maßlos leidenschaftliches Liebesverhältnis pflegen, ihn fast erotisch begehren wie die Mystiker? (z.B. Johannes vom Kreuz) Wie können wir den lieben, der uns oft nicht einfach nur „lieb“ begegnet, sondern so rätselhaft und fragwürdig wird? Unter uns heute Morgen sind Zeitgenossen, die aufrichtig sagen: Du fehlst uns, lieber fremder Gott! Auch meine Gottesliebe hängt von der Tagesstimmung und der Lebenssituation ab. An einem Tag liegt sie mir näher, am anderen Tag geht mir kein liebes Wort zu Gott über die Lippen. Und jetzt, wo uns der nasskalte November-Blues zu schaffen macht oder an Tagen voller Hiobsbotschaften (Krebsdiagnose, Tod, usw.)… da klingt das Wort von der Gottesliebe schal. Zu oft vollmundig behaupte auch ich in Sonntagsreden: Ich liebe Gott. Zu viel versprochen! Vielleicht sollten wir das abgegriffene Wörtchen „Liebe“ sparsamer verwenden. Buddhismus kennt das Wort nicht und will es auch heute nicht übersetzten. In Asien wird über „karuna“ gesprochen: Mitgefühl, Mitleid. Warum ist das so? Wahrscheinlich, weil „Liebe“ ein zerbeultes Wort ist, mit dem man im Christentum immer irgendwie richtig liegt; leider ein Containerwort, das alles und nichts bedeutet, das in aller Munde ist. Der Salzburger Theologe Gottfried Bachl nannte es ein Wort, das an seiner Beliebtheit zu sterben droht, ein Zuckerwort wie ein Lutschbonbon, das den Geschmack des Glaubens verdirbt. Oh ja, das Wort ist furchtbar abgenützt, wir werden davon überfüttert. „Liebe ist nicht nur ein Wort“ (GL DA), auch nicht nur ein anderes Wort für Mitmenschlichkeit. Gott allein ist Liebe – und Gott bittet um Liebe! Es ist ein Wunder, wenn diese Liebe geschieht. Sie ist nicht einfach menschenmöglich. Unser Herz ist ja endlich, irgendwie angeknackst. Ich liebe selten aus ganzem Herzen und bin froh, wenn ich es halbherzig tue. Früher sprach man gerne von „Ganzhingabe“ an Gott. Solche Forderungen und Beschwörungen wirken weltfremd. Keiner von uns ist Virtuose der Gottesliebe. Von Zeit zu Zeit sollten wir das Superwort Liebe umgehen und eher bescheidenere Gefühle predigen. Vielleicht kann ich es ehrlich so ausdrücken: ich bin fasziniert von Gott, ich bin neugierig auf ihn, ich brauche ihn, staune über ihn, erschrecke vor ihm, ich will aufmerksam sein für ihn; weil Gott nicht einfach nur „lieb“ ist. Er erfüllt nicht alle meine Bedürfnisse und heißesten Wünsche. Die Bibel zeigt ihn uns als verletzlich, hat komischerweise Vorlieben für ein bestimmtes Volk, ist wie ein Bettler, der um meine Zuneigung bittet, auf meine stockende Antwort, meine Verlässlichkeit wartet… vielleicht von mir enttäuscht ist, weil ich ihm Liebeskummer mache ... Liebe Gemeinde! Ein Leben lang stellt sich uns die Frage, wie die aufs Ganze gehende Bitte Gottes um Liebe realisierbar ist, wenn Er uns gegenüber so unsichtbar bleibt. Es gehört zum Großen, „mit aller Vernunft“, mit meiner ganzen Kraft/meinem ganzen „Vermögen“ den zu lieben, der dich und mich liebt, wie wir sind: Fehlbar, manchmal unausstehlich, angeknackst, aber liebenswert. Manchmal kann ich mich selbst nicht lieben, geschweige denn Gott und den nervigen Nächsten. Dann vergesse ich, dass ich von Liebe umgeben bin, von dem, der mein Leben will und mich Unansehnlichen durch seinen Liebesblick schön macht. Gerne zitiere ich bei Traupredigten den Satz: „Einen Menschen lieben, heißt von einem Rätsel wachgehalten werden“. Die heutige Lesung ist ein Weckruf, die leise Bitte des rätselhaften Gottes: Schenkt mir eure liebe Aufmerksamkeit. Umarmt mich mit euren Gebeten. Ich drücke euch an mein Herz, auch wenn euer Herz so halbherzig liebt.

Alois Balint
Allerseelen (02.11) - Communio Sanctorum

Von meinem Vater habe ich gelernt, wie wichtig die Spaziergänge sind. Lange habe ich nicht verstanden, warum er so gern mit meiner Mutter eine kleine Promenade auf den Friedhof gemacht hat. Vielleicht, weil es dort immer still und hier in Deutschland die Gräber sehr schön gepflegt sind. Inzwischen ist er verstorben und wo immer sich die Gelegenheit ergibt, gehe ich auch eine Runde über den Friedhof. Betrachte die Namen, nehme wahr, wie die Steine gestaltet sind, lese die Grabinschriften, die Worte, die Verstorbenen mit auf den Weg gegeben wurden. Einmal stieß ich während so eines Spaziergangs auf einen Grabstein ohne Namen. Nur auf der Rückseite ein komisches Gedicht: „Lila ein Schwein saß still auf einem Baum / Und wiegte sich auf zweifelbaren Ästen. / Wir sahens beide, und auf wenigem Raum. / So, manchmal, heilt die Nacht des Tags Gebresten.“ Ich habe es nicht kapiert. Eine kleine Suche im Internet reichte, um herauszufinden, was es mit diesen geheimnisvollen Zeilen auf sich hatte. Ich fand heraus, dass der Lyriker Rainer Kirsch sich diese Grabstelle gesichert und den Stein samt Grabspruch darauf gestellt hat. Inzwischen ist er auch gestorben, Aber könnten Sie sich vorstellen, sich zu Lebzeiten selbst schon eine Grabstelle zu sichern? Sich Gedanken zu machen über Lage und Aussehen, einen Stein auszusuchen und anbringen zu lassen und evtl. sogar eine Inschrift, egal welche? Oder wäre Ihnen solches Einlassen auf den eigenen Tod zu viel, zu früh, zu verstörend? Mir scheint es, dass immer weniger Menschen einen sicheren Ort haben, wo sie einmal beerdigt sein werden. Unsere moderne Lebenswelt kennt den häufigen Ortswechsel, immer weniger Menschen wohnen beständig an einem Ort. Wie viele lebten früher in Dörfern, die sie ihr Lebtag nicht verließen, diese wussten immer, dass sie einmal auf dem Friedhof rund um die Kirche in der Dorfmitte begraben sein würden. Anfang November denken viele, dass es doch kein Leben ist, schon immer so an den Tod zu denken. Aber vielleicht ist gar nicht der Gedanke an den Tod das Beklemmende als vielmehr die Angst vor der Verlorenheit, dem Dunkel, dem Nichts, dem Vergessen – werden? Vielleicht hat dieser Dichter ja deshalb nicht solche Angst vor dem Tod, weil der Tod für ihn der große Schrecken gar nicht ist? Aber wie geht das? Tod ohne Schrecken? Für den Dichter ist es vielleicht diese Erfahrung, die er in die Worte kleidet: „So, manchmal, heilt die Nacht des Tags Gebresten.“ Sie kennen doch alle den Spruch angesichts eines Problems, einer komplizierten Aufgabe: „Da muss ich jetzt erst mal eine Nacht drüber schlafen!“ Und siehe, nicht selten sieht die Welt am Morgen ganz anders aus, die kreisenden Gedanken, die einen gestern noch verrückt machten, haben sich beruhigt, und auf einmal zeichnet sich ein gangbarer Weg für das Problem ab - über Nacht. Und was ist der Tod anderes als eine lange Nacht? Warum sollte nicht auch er gar nicht nur Dunkel und Verderben bringen, sondern … Klarheit, Licht und Heilung …? Die Bibel spricht selten vom Lachen. Nie wird überliefert, dass Jesus Menschen neue Zuversicht geschenkt hätte dadurch, dass er ihnen einen Witz oder eine lustige Geschichte erzählt hätte. Im Neuen Testament gibt es genau eine einzige Stelle, wo vom Lachen die Rede ist, in der Bergpredigt, und zwar in der Überlieferung des Lukas. Da wo Matthäus verkündet: Selig der Trauernden, denn sie werden getröstet werden, formuliert Lukas näher am Menschen und seinen Gefühlen: Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen! (Lk 6,21) Noch tiefer ist das Zitat vom AT. Da sagt Gott beim Prophet Jesaja: „Fürchte dich nicht, ich kenne dich bei deinem Name!“ (Jes 43,1) ER, Gott (nicht irgendeiner) kennt und erkennt mich! Bei einer Gemeindefahrt nach Polen waren wir auch beim Gnadenbild der Gottesmutter von Tschenstochau. Das Bild der Maria mit Kind ist eine flache bemalte Ikone. Allerdings sieht man in der Kapelle nicht das ganze Bild. Vor dem Bild sind ein wertvolles Kleid mit eingewebten Schmuckstücken und Kronen für Mutter und Kind angebracht. Man sieht wie durch Fensteröffnungen nur die Hände und das Gesicht Marias und des Kindes. Am Anfang war ich ein bisschen enttäuscht. Aber danach habe ich gedacht: Am Gesicht erkennt man eigentlich wer ein Mensch ist. Das Gesicht ist wie ein Fenster zum Inneren des Menschen. Mit dem Gesicht – und auch mit den Händen kommen wir in Kontakt mit der Welt. Wir gewinnen im Schauen, Riechen und Schmecken Eindrücke, nehmen durch Essen und Trinken die Welt in uns auf. Das Gesicht ist die wichtigste Kontaktfläche nach außen und mit dem Gesicht drücken wir viele unserer Gefühle aus – unmittelbar aber manchmal auch gespielt. Vorgestern und gestern (und vielleicht auch heute und nachher) besuchen Menschen die Gräber der Toten. Mit den Jahren verblasst die Erinnerung an die Menschen, die im Tod von uns gegangen sind. Es bleibt der Name – aber vielleicht wenn wir uns bemühen – auch die Erinnerung an das Gesicht der Verstorbenen. Das Gesicht ist einmalig – anders als der Name. In ihm sind eingeschrieben das Wesen des Menschen, aber auch seine Lebensgeschichte: ein entspanntes Lächeln oder eine ernste Miene, vielleicht Falten auf Stirn und Wangen, gezeichnet durch Sorgen und Schwierigkeiten, Augen, die Güte und Gelassenheit, aber auch Verschlagenheit oder Verschlossenheit ausstrahlen können und vieles mehr. Vielleicht können Sie heute oder in den nächsten Tagen versuchen Gesichter zu erinnern – und wertschätzend und wohlwollend noch einmal geistig ins Angesicht verstorbener Menschen zu schauen. Wir geben so unseren Toten Ansehen. „Dass Sie Dich schauen von Angesicht zu Angesicht“. So beten wir bei der Messe, im Hochgebet für unsere Verstorbenen. Das ist Bild für Begegnung Gottes mit uns Menschen. Gott nimmt unser Gesicht wahr. Er liest unsere Lebensgeschichte – er schaut unser Wesen – mit Wohlwollen und Güte. So angeschaut – werden unsere Gesichtszüge sich entspannen und lösen. In den Gottesdiensten werden wir  die Namen derer aussprechen, die wir in den letzten Monaten auf den letzten irdischen Weg begleitet haben. Weil wir an die „communio sanctorum“ glauben (die heilige Gemeinschaft zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Seite der Kirche seit Jahrhunderten), möchte ich Sie alle einladen, nach jedem Namen mit „gegenwärtig“ zu antworten.

Alois Balint
Allerheiligen (01.11) - Spektralfarben des göttlichen Lichts

Tag für Tag gibt uns die Kirche die Möglichkeit, in Gemeinschaft mit den Heiligen voranzugehen. Hans Urs von Balthasar schrieb, dass die Heiligen der wichtigste Kommentar zum Evangelium seien, sozusagen dessen Verwirklichung im Alltag, und dass sie uns somit wirklich den Zugang zu Jesus eröffneten. Der französische Schriftsteller Jean Guitton beschrieb sie als die »Spektralfarben des Lichtes«, denn mit den ihnen jeweils eigenen Farbtönen und Akzentuierungen spiegeln sie das Licht der Heiligkeit Gottes wider. Wie wichtig und fruchtbringend ist es daher, die Kenntnis und Verehrung der Heiligen zu pflegen. Die Heiligkeit ist ein Angebot, das an alle gerichtet ist. Natürlich sind nicht alle Heiligen gleich, denn sie sind ja, wie ich bereits gesagt habe, das Spektrum des göttlichen Lichts. Und nicht notwendigerweise sind die großen Heiligen immer jene, die außergewöhnliche Charismen besitzen. Es gibt nämlich auch sehr viele, deren Namen Gott allein kennt, da sie auf Erden dem Anschein nach ein ganz normales Leben geführt haben. Und eben diese »normalen« Heiligen sind jene Heiligen, die Gott für gewöhnlich will. Ihr Vorbild bezeugt, dass man nur dann, wenn man mit dem Herrn in Verbindung bleibt, von seinem Frieden und seiner Freude erfüllt wird und dazu fähig wird, überall Ruhe, Hoffnung und Optimismus zu verbreiten. Gerade in Anbetracht der Verschiedenheit ihrer Charismen bemerkt Bernanos – ein großer französischer Schriftsteller, der immer von der Idee der Heiligen fasziniert war und viele von ihnen in seinen Romanen zitierte –, dass »jedes Heiligenleben wie eine neue Frühjahrsblüte ist«. Möge dies auch für uns so sein! Lassen wir uns von der übernatürlichen Faszination der Heiligkeit anziehen!

Benedikt XVI. in der Generalaudienz am 20. August 2008
30. Sonntag im Jahreskreis (27.10) - Gedanken zu Mk 10,46-53

An diesem Wochenende wird überall in unseren Kirchen den Tag der „Weltmission“ gefeiert. Meistens mit einer Kollekte und eventuell ein paar Worten über die Weltkirche. „Mission“ ist kein gängiges pastorales Leitwort. Vielleicht kennen Sie die Filmen mit dem Titel „Mission Impossible“ und Sie sagen dazu „Nein, danke!“ Manche schämen sich dieses vermeintlichen Relikts aus grauer Kolonialzeit. Andere ahnen, dass in Wahrheit wir uns in einer missionarischen Situation befinden und – wie uns Soziologen sagen – die „unbekirchten Menschen“ (unchurched people) die Mehrheit stellen. Der eigene Glaube wurde routiniert und lustlos, freudlos lebe ich ihn. Plausibel scheinen lieber Entwicklungshilfe und Dialog, vielleicht Rekrutierungsstrategien und Werbestrategien zur Gewinnung neuer Gemeindemitglieder. Welches Bild sollte das müde gewordene Christentum plakatieren, welches Logo sich wählen, um missionarischen Erfolg zu haben? Als ich nach Deutschland kam, habe ich an Weihnachten 2007 an allen Krippen in Hohenzollern eine seltsame kleine Figur entdeckt: Das schwarze (Heiden-)Kind taucht in der Erinnerung der Älteren auf, das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Kirchen bettelnd stand, artig nickte, sein Köpfchen mit krausem Haar senkte und sich somit bedankte für die Geldmünze, die ein großzügiger weißer Spender in diese Missionssparbüchse warf; ein farbiges Püppchen, das weiße Bild vom schwarzen Menschen, dem wir den christlichen Glauben schulden; ein Bild auch für die ungesunde Verquickung von politischer Macht und christlicher Mission, von westlichem Imperialismus und gönnerhaften Gesten. Gott sei Dank, es gibt so eine Figur nicht mehr in unseren Krippen. Doch es wäre fatal, wenn wir das Kind mit dem Bade ausschütten würden und wir buchstäblich den Geist aufgäben, wenn wir auf das Hinüberreichen der Wahrheit Gottes verzichten würden, wenn Christentum eine verschwiegene „Geheimmission“ würde, die den Glauben wie eine geheime PIN-Nummer für sich behielte. Das heutige Evangelium böte ein gutes Motto für den Weltmissionssonntag: „Augenöffner gesucht!“ Sehen will ich! Neues sehen, ein Gesicht sehen, das mir Aufmerksamkeit und Ansehen schenkt. Bartimäus ist ein solcher Mensch, an dem Jesus nicht spurlos und tatenlos vorübergeht. Jesus missioniert die Augen des Blinden. Barti­mäus bettelt um mehr Licht. Er möchte „wieder“(!) sehen. Und Jesus wird zum Heiland, nicht zur guten Zauberfee, nicht zum Zauberonkel, der im Vorbeigehen ein spektakuläres Augenwunder hervorruft. Solche Momente, in denen uns die Augen aufgehen, braucht der Glaube, damit er missionarisch wirkt: die Wiederentdeckung des Staunens, das Herzklopfen der „ersten Liebe“, das Gespür, dass wir Zeugen des Evangeliums den Suchenden auf Augenhöhe begegnen und sie nicht überrumpeln. Da berühren sich auf offener Straße Himmel und Erde. Ein Mensch bittet um Klarheit. Und Jesus sucht Begegnung mit ihm; ganz ohne Hintergedanken und Gewinnabsichten. Passen wir auf ein paar Details auf: Dass Bartimäus seinen alten Mantel zurücklässt, aufspringt, diesem Sohn Davids folgt, Jericho verlässt, den steilen Weg durch die furchtbare judäische Wüste hinauf nach Jerusalem in die Hauptstadt, das ist die freie Entscheidung des Geheilten. Er wird wie Jesus ein Festpilger und – vielleicht – ein Nachfolger dieses Arztes seiner Augen bis hin zum Kreuz. Bartimäus hat Ungeheures erlebt. Der Glaube war ein Notschrei und bekam für ihn in der Begegnung mit Jesus ein Gesicht. Ihm wurde „Christus vor die Augen gemalt“ (vgl. Eph 3,1). Doch Jüngerschaft ist keine Bedingung, sondern freudiger und freier Entschluss, eine unfassbare Entdeckung. Dieses „ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert“ (Friedrich Nietzsche) auch an uns vorbei. Vielleicht haben wir uns an das Evangelium zu sehr gewöhnt. Dieses Geheimnis will ausgeplaudert werden. Es ist keine blasse Idee, kein uraltes Märchen, sondern eine nie alternde Neuigkeit, eine lebendige Person, eine Liebe, die nicht blind, sondern sehend macht.

Alois Balint
29. Sonntag im Jahreskreis (20.10) . Gedanken zu Mk 10,42-45

Alle finden die Frage von Johannes und Jakobus: „Meister, wäre es möglich, einen bevorzugten Platz zu bekommen?“, peinlich. Sie bleibt aber. Welchen Platz bevorzugen Sie im Kirchenraum? Das Kirchstuhlrecht ist Gott sei Dank abgeschafft, auch wenn „Alteingesessene“ ihre Stammplätze behaupten und ihre Lieblingskirchenbänkle manchmal wie Platzhirsche verteidigen. Andere sind lieber „Hinterbänkler“. Wer darf sitzen, wer muss stehen? In vielen Restaurants wird man platziert und muss vorlieb nehmen mit dem Katzentisch in der dunklen Ecke, wo die Küchendünste wehen und das WC nicht weit ist. 1956 kam es zu einem Konflikt im US-amerikanischen Montgomery. Weil ein Weißer keinen Sitzplatz fand, sollten vier Schwarze ihre Plätze in einem Linienbus räumen. Rosa Parks, eine Schwarze, weigerte sich, wurde festgenommen und rief einen 381 Tage währenden Bus-Boykott der Schwarzen von Montgomery hervor; damit begann die große Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA und der Anfang vom Ende der Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehr. Können Sie sich vorstellen? Nur vor 60 Jahren gab es rassistische Gesetze nicht nur in Südafrika, sondern in der sog. größten Demokratie der Welt… Spuren davon gibt es leider auch heute, in Indien, in Israel, usw. Bei uns mag es nicht so schlimm sein, die Frage aber bleibt: Wer darf neben wem Platz nehmen? Wer darf bei einem Fest symbolträchtig die Hauptpersonen einrahmen? Der Mensch ist ein „homo sedens“. Wir alle machen unsere Sitzerfahrungen und man überlegt sitzend, was man besitzen und besetzen möchte. Die Sitzordnung ist nicht nur bei Staatsbanketten, sondern auch vor Familienfesten ein diffiziles Thema. Manche Platzanweiser sind nicht zu beneiden, sie geraten buchstäblich zwischen alle Stühle. Wie ist das in der Kirche? Ob ich will oder nicht: In vielen Altarräumen ist der „Häuptlingsthron“ des Liturgen herausgehoben und zentral, spiegelt also durchaus ein nicht unproblematisches „Machtgefälle“ wider. Bei der Olympiade gibt es die Dreierkonstellation. Silber und Bronze ordnen sich unter und finden sich wieder neben und unter dem Goldm-edaillengewinner. Die Bibel sagt uns aber: Bei euch soll es anders sein. Die Nachfolge Jesu ist kein Stühlerücken und kein Spiel à la „Die Reise nach Jerusalem“, kein Drängeln karriere-bewusster apostolischer Alpha-Tiere und deren Fürsprecher um die frühzeitige Reservierung erfolg-versprechender Ministerplätze, um Positionen für Höflinge im Reich Gottes. Jesus sagt: Leute! Gewöhnt auch dieses kindische Gerangel, diese albernen Erwachsenenspiele ab! Agiert nicht im Handlungsfeld ehrgeiziger Aufsteiger-typen und des brutalen Ellenbogen-einsatzes. Jesus unterbricht meinen tief sitzenden Drang nach oben und die latente Frage, was mir eigentlich der Glaube und das Engagement in der Gemeinde einbringen, ob sich das am Ende in besseren Beziehungen mit „dem da oben“ auszahlt? Ich laufe auch Gefahr, geistlich genauso zu reagieren wie die Söhne von Zebedäus aus dem heutigen Evangelium. Gerne möchte ich an geistlichen „Machtzentren“, in Freiburg, Rom, Lourdes (Fatima und Medjugorje), an Wallfahrtsorten, nahe dabei sein, möglichst das Heilige berühren. Am Ende entscheidet jedoch ein anderer Platzanweiser als unsereins. Dann dürfen wir hoffen, dass jede und jeder einen Platz ganz nahe am Herzen Gottes hat. Konzentrieren wir uns darauf, in diesem Sinne „nahe“ beim Herrn zu sein! Am Ende thront am Kreuz „neben“ Christus die kleine Gemeinde zweier Verbrecher, der eine umkehrend, der andere sich verweigernd. Näher bei ihm war keiner sonst.

Alois Balint
28. Sonntag im Jahreskreis (13.10) - Gedanken zu Mk 10,17-30

Das heutige Evangelium erzählt uns von einer merkwürdigen Begegnung: ein unbekannter Mann rennt, eilt zu Jesus (so steht es bei Mt 5). In hohem Tempo geht also ein Sympathisant auf Jesus zu und hält sich nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln und Grußformeln auf. Er fällt mit der Tür ins Haus und überfällt Jesus mit der Frage aller Fragen: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben erwerbe?“ Was soll ich tun, um selig zu werden? Gib mir einen Rat, ich will was an mir tun! Eine wunderbare Frage, die einen Menschen zu Jesus treibt, doch darf ich unterstellen, dass uns diese Frage nicht bedrängt? Wir haben vermutlich andere Fragen auf dem Herzen. Die Frage dieses aufrichtigen Menschen ist fremd; er kommt mit guten Vorsätzen, einer überdurchschnittlich frommen Lebensführung auf den Lippen! Was will man mehr?! Viel zu selten werden mir solche denkwürdigen Fragen gestellt. Die Begegnung mit solchen suchenden Zeitgenossen wären Sternstunden der Seelsorge: Unruhige Herzen; Menschen, die ihre Sehnsucht offenlegen. Manche haben sich solche Fragen abgewöhnt. Oft verbergen sie sich in anderen Fragen. Fragen im Herbst des Jahres und des Lebens von Zeitgenossen, denen auf einmal aufgeht, dass sie noch gar nicht zu leben begonnen haben. Auch die Frage: Was bringt mir mein Christsein, dieser Kirchgang, mein Einsatz für die Gemeinde? Manche fragen sich in der Mitte ihres Lebens: Ist das wirklich alles? Läuft mein Leben ins Leere? Was muss ich tun, damit mein Leben Profil gewinnt? Fragen, die wir eher in Krisenzeiten stellen oder hören. Der Mann, der vor Jesus mit dieser Frage kniet, stellt diese Frage, obwohl er, äußerlich betrachtet, in keiner Krise steckt. Er ist reich. Er weiß, was sich gehört, er ist moralisch integer, hat sich nichts vorzuwerfen, ist vermutlich ein guter, frommer Mensch. Und er weiß: Geld ist nicht alles. Doch gerade in seiner Gottgläubigkeit ist ihm sein Leben zum Problem geworden. Viele fragen: Was muss ich noch alles tun? Kircheninsider fragen: Wie können wir was aus der Kirche machen, eine lebendige Gemeinde aufbauen? Was habe ich nicht alles getan und versucht! Wer eine solche Frage stellt, scheint die besten Voraussetzungen mitzubringen, in die Nachfolge Jesu einzutreten. „Nachfolge Jesu:“ Was für ein steiles Wort! Ich würde lieber sagen: Jesus, sei nicht so ungemütlich! Die hoffnungsvolle Begegnung mit ihm endet im Evangelium so traurig und beinahe demotivierend: dieser begeisterungsfähige ‚Jemand‘ geht nicht etwa auf Distanz zur Jüngerschar und ‚Kirche‘, sondern auf Abstand zu Gott!!! Traurig und enttäuscht tritt einer ab. Als ich vor 5 Jahren nach Kehl kam, trat jemand nicht nur von dem PGR, sondern auch aus der Kirche aus. Ganz nette, fromme Person. Da habe ich etwas kapiert: Die Sache Jesu braucht Begeisterte. Ernüchtert muss ich einsehen, dass auch Jesus gescheitert ist! Ihm misslingt etwas, er kann auch dich und mich nicht zwingen und zum Mitgehen verpflichten. Der unbekannte, junge Mann spricht mir aus dem Herzen: Du, Rabbi Jesus, bist zu hoch für mich! Ich würde ja mit dir ziehen, aber ich möchte auch gerne das behalten, was mir unendlich wichtig geworden ist. Ich möchte dir nachfolgen, aber weiterhin etwas von meinem alten Leben ins neue Leben retten, ein wenig um so manches goldene Kälbchen tanzen. Ja, ich schleppe vieles mit mir herum und reise nicht „mit leichtem Gepäck“ durchs Leben. Ich möchte es mir, ehrlich gesagt, einfach machen mit dir, Jesus! Sowohl – als auch, die Kompromisse, ohne die man nicht durchkommt im Leben, das Schielen auf meine Habe, etwas Konsum und Erfolg, Sicherheit und Bequemlichkeit, Rücklagen und Sicherungsbedürfnisse … Jesus, du bist zu hoch für mich! Ich armer Reicher stehe vor dem armen Jesus und müsste eingestehen: Ich bin zu unbeweglich für den Messias, der nicht meinen Vorstellungen entspricht. Wir, die wir diesen Sonntag feiern und im Gottesdienst auf Jesus zugehen, sind auch Gefragte. Wie Kamele vor dem Nadelöhr geraten wir vor das Nadelöhr, das Jesus selbst ist; wir bekommen die Härte Jesu zu spüren und sollten das Entsetzen der Jünger nachempfinden. Doch das Nadelöhr ist in Wahrheit ein Schatz, eine Perle. Bitten wir um den Übermut des Glaubens, diesen Schatz zu entdecken und diese Perle zu erwerben! Lassen wir uns hineinverwickeln in diesen Augenblick, in die Begegnung mit dem, der mich anschaut und der mir nachschaut, wenn ich wie dieser junge Mann weggehe! Vielleicht müssen auch wir uns die Traurigkeit eingestehen, unserem Herrn nicht gewachsen zu sein. Solch eine Traurigkeit kann der Beginn der Bekehrung sein. Wagen wir es, zumindest sonntags ernste und existentielle Fragen zu stellen, wie die nach dem „ewigen Leben“, das aus Gottes Hand kommt. Dafür kann ich nichts tun, einfach nur ein Habenichts sein, mir den Augenblick der Liebe Jesu gefallen lassen und die leere Hand zur Schale formen, damit der arme Jesus mich reich macht mit seiner Armut, d.h. mit seiner Gnade.

Alois Balint
27. Sonntag im Jahreskreis (06.10) - Erntedankfest

Das Fest kommt aus einer Zeit, in der der Großteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Anfang des 19. Jahrhunderts waren es in Deutschland noch 38 %. Jedes Überleben war vom Ausgang der Ernte abhängig und guter Grund, im Herbst voll Dankbarkeit Gott dafür zu danken. Nun sind nur noch ca 2 % landwirtschaftlich aktiv. Und die Arbeit hat sich vollkommen verändert. Gegen regnerisches Heuwetter gibt es Trocknungsanlagen und Silos. Gegen Schadinsekten Pestizide und sogar auf steilen Berghängen hört man Maschinen dröhnen. Also was sollen 98 % der Erwerbstätigen an Erntedank feiern? Zuerst einmal sollten sie den 2 % von Herzen dankbar sein, die noch die Mühen auf sich nehmen, Lebensmittel zu produzieren. Für Viehbetriebe bedeutet das, 365 Tage, 24 Stunden,verfügbar zu sein. Und zwar alle Generationen, die am Hof leben. Und es gibt Bauern auf der anderen Seite des Planeten, denen wir die Arbeit für unseren Kaffee, die Schokolade, u.v.m. verdanken. Eigentlich würde jede Banane vor dem Essen einen Moment der Besinnung verdienen, mit einem Dank an die unbekannten Hände, die sie gepflanzt und geerntet haben. Viel mehr als in der Landwirtschaft gibt es heute Menschen, die oft ganz klein im eigenen Umfeld gärtnern. Das bezeichne ich nicht als Arbeit, sondern „Training für das Paradies“. Für sie habe ich folgendes Gartensegensgebet verfasst: Schöpfer der Welt:

Mein Garten/mein Balkon

ist ein Teil des Paradieses,

das Du jedem Menschen auf der Welt wünschst.

Bitte segne ihn,

so dass alle himmlischen und irdischen Kräfte

zum Wohl von Menschen und Natur

zusammenarbeiten. Amen.

 

Elisabeth Ziegler-Durgegger
 
26. Sonntag im Jahreskreis (29.09) - Gedanken zu Mk 9,38-48

Das Evangelium vom „fremden Exorzisten“ und dem duldsamen Jesus thematisiert das Thema Toleranz und Intoleranz in der Kirche, die Gefahr kirchlicher Unduldsamkeit, Überheblichkeit und Monopolbildung, die Angst mancher Amtsträger vor Einflussverlust, den engherzigen Habitus des „Nur wir“, des dualistischen Schwarz-Weiß-Denkens, das keine fließenden Übergänge und Grautöne zulässt. Ein latenter „Ekklesiolozentrismus“ (Gottfried Bachl) würde die Kirche als Establishment und Institution mitsamt ihrer Ordnungen und Verwaltung, Strukturen und Vorschriften an die Stelle des Wirkens Gottes rücken. „Kirche, nimm dich nicht so wichtig“, könnte man in Abwandlung eines Spruchs von Papst Johannes XXIII. der Institution Kirche raten. Eine heilsame Selbstrelativierung steht der Kirche gut zu Gesicht, zumal wir bedenken müssen, wie viel „Ärgernis“, Unerträgliches innerhalb der Kirchenmauern geschah und wie geistlich gespaltene Kirchenleute ihre Macht und Überlegenheit missbrauchten, Schutzbefohlene zu missbrauchen, die wenig Angesehenen zu missachten und damit auch zum „Glaubensabfall“ zu treiben. Jesus und seine Wunder dürfen nicht in den Schatten der Kirche geraten. So wichtig es ist, dass wir Christen deutlich erkennbar sind; wir sollten nicht das Wirken Gottes an der Peripherie der Kirche und auch jenseits von ihr unterschätzen oder Randchristen als „Halb­christen“, als „Teilzeitchristen“‘, als „geteilte“ Christen schlechtreden. Nehmen wir mit wacher Aufmerksamkeit und dankbarem Blick Menschen wahr, in deren Herzen die Gnade Gottes unsichtbar wirkt. Freuen wir uns an dem, was außerhalb der Gemeinde Jesu Christi geschieht, und erinnern wir uns an die, die uns dort in vielen lieben Gesten das lebensnotwendige „Glas Wasser“ gereicht haben.

 
Kurt Josef Wecker
25. Sonntag im Jahreskreis (22.09) - Gedanken zu Mk 9,30-37

Ich bin nicht sehr stolz darauf, aber an der Uni nannten wir es „Gesichtsmassage“. Kurz vor der Prüfung war es wichtig, sich dem Professor zu zeigen. Also ging man in die Vorlesung und setzte sich in die erste Reihe. Blickte den Professor unverwandt an und bewegte von Zeit zu Zeit verständnisvoll nickend den Kopf. Das war das Wichtigste. Ob man zuhörte, oder woran man dachte dabei, war egal. „Du hörst mir ja gar nicht richtig zu!“ Das kennen Sie. Sie erzählen etwas und haben plötzlich das Gefühl, ihr Gegenüber ist mit den Gedanken ganz woanders, schaut einer anderen Frau hinterher, ist schon beim nächsten Termin oder in der Zeitung. Oder eine andere Szene: Familienspaziergang am Rheinufer. Die Kleine entdeckt einen ihr wunderbar erscheinenden Vogel, will unbedingt, dass Papa und Mama auch hinschauen. Aber Papa wirft Stöckchen mit dem Hund, Mama scrollt auf dem Handy herum. „Ihr hört mir ja gar nicht richtig zu!“ Im heutigen Evangelium wird berichtet, dass Jesus über seinen Weg nach Jerusalem spricht; es geht nicht darum „na ja, jetzt besuchen wir nochmals die Hauptstadt“, sondern davon, dass er getötet und auferstehen werde! Zugegeben, für die Jünger war das eine nicht leicht verstehbare Aussage. Waren sie verunsichert? Von wegen. Es stellt sich raus: „Ihr habt mir ja gar nicht richtig zugehört!“ In der Tat hatten sie nämlich darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei“. Es ist eine sehr interessante Szene. Wenn die oder der, über den eine Gruppe von Menschen spricht oder wie man so schön sagt, sich das Maul zerreißt, plötzlich dazukommt, dann herrscht von jetzt auf gleich betretenes Schweigen. Die Lästerer fühlen sich ertappt. Nach dem peinlichen Schweigen der Jünger, das Jesus nicht zum Anlass nimmt zu schimpfen oder Vorwürfe zu machen, heißt es im Text: Jesus rief die Zwölf zu sich. Die Zwölf, das sind die Apostel. Ihre Gemeinschaft bildet die Urkirche. Sie stellen die Kirche als Ganzes dar. Daher erwähnt der Evangelist diese Zahl an dieser Stelle ausdrücklich. Das Evangelium meint also uns! Wir sind Kirche. Mit uns ist Jesus unterwegs. Worüber redet die Kirche? Sehr viel über Strukturen, Logistik, Management. Schauen wir aber den Wirklichkeiten ins Auge? In ein paar Tagen beginnt die Bischofssynode im Rom. Alle Bischofskonferenzen der Welt schicken ihre Bischöfe, es könnte ein kleines 3. Vatikanum sein. Von der Tagesordnung wurden aber schon problematische Themen entfernt. Wir sind alle gespannt, worüber diskutiert wird und noch interessanter werden die Ergebnisse sein. Schade, dass keine Kinder und Jugendlichen eingeladen sind. Das könnte mehr als das Image der Kirche ändern. Jesus setzt ein Zeichen, das auch menschlich anrührt. Er holt ein Kind herbei und schließt dieses kleine, schutzbedürftige Wesen in seine Arme. Kinder hatten zur Zeit Jesu nicht viel zu melden. In der Gesellschaft standen sie auf dem letzten Platz. Jesus macht das Kleine groß! Das ist das genaue Gegenbild zu dem, was seine Jünger auf dem Weg gemacht haben und was auch die Kirche leider weitermacht. „Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund“, sagt der Volksmund. Worüber redet Ihr miteinander? Jesu Frage hat etwas Unangenehmes auch für uns heute. Sie lädt ein, nachdenklich zu werden und uns Gottes Auftrag wieder mehr oder neu zu Herzen zu nehmen. Das heutige Evangelium werde ich zum Schluss in einem Satz zusammenfassen: Werdet wie die Kinder, spielfreudig und irrtumsfroh, anstatt ängstlich und risikolos; staunend und fragend, anstatt zu meinen, alles zu wissen; zu Gott aufschauend, anstatt auf die Menschen herabzusehen, damit die Kirche endlich Kirche wird.

Alois Balint
 
24. Sonntag im Jahreskreis (15.09) - Fest "Mariä Schmerzen"

Ich gestehe meine bisherige Unwissenheit über die Hintergründe dieses Festes. Auch, dass es von der ersten Idee dazu im Jahr 1423 bis zur offiziellen Einführung für die ganze Kirche über 300 Jahre dauerte. Die Beschränkung dabei auf nur 7 Schmerzen Marias, wird dem Leben der Mutter Jesu bestimmt nicht gerecht. 1. Spruch Simeons, 2. Flucht nach Ägypten, 3. dreitägiger Verlust des Jesusknaben in Jerusalem, 4. Kreuzweg Jesu, 5. Kreuzigung Jesu, 6. Kreuzabnahme, 7. Grablegung Jesu. Ich würde noch viele andere ergänzen. Beginnend mit der Verkündigung eines Engels an sie in sehr jungen Jahren, dass sie Gottes Sohn in die Welt bringen soll. Es muss für sie ein großer Schock gewesen sein, voll von Angst vor der Reaktion der Umgebung und ihres Verlobten. Sie hatte Glück, dass er auf seine Träume hörte. Dann die Schwangerschaft und Geburt unter denkbar ungünstigen Umständen. Ganz anders als unsere stimmungsvollen Weihnachtsfeste zeigen. Das Magnifikat wird wohl erst lange danach gesprochen worden sein. Auch der Satz von Jesus „wer ist meine Mutter“ wird ihr tief im Herz weh getan haben, weil sie sich einfach Sorgen um ihren Sohn machen musste, der so gar nicht das Leben eines jungen Mannes dieser Zeit führte. Keinen Tag konnte sie sicher sein, dass er nicht verfolgt, oder wenigstens ausgelacht wird. Auch dass ihre Schmerzen mit der Grablegung beendet waren, glaube ich nicht. Nicht einmal die Auferstehung des Sohnes wird sie davon befreit haben, denn die Geschichte ging ja weiter. Unter anderem mit der bald einsetzenden Verfolgung seiner Anhänger. Wir wissen heute wie lange schwer traumatische Erlebnisse Menschen belasten. Und auch, wenn Maria bestimmt durch ihren Glauben ein starkes Fundament im Leben hatte, wird sie die Bilder ihres Sohnes am Kreuz nie ganz vergessen haben. Also wird nur Gott die Zahl der Stunden voll Schmerzen kennen. Ob die 7 Freuden Marias, die im Mittelalter formuliert wurden, die Waage ausgleichen konnten? Wohl erst ihre Aufnahme in den Himmel.

Elisabeth Ziegler-Duregger
 
23. Sonntag im Jahreskreis (08.09) - Gedanken zu Mk 7,31-37

Ein paar Jahre nach der Wende habe ich wieder die Ostseeküste besucht, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Ich wollte sehen, wie sich die Sachen geändert haben. Einiges hat sich geändert, nicht unbedingt in die gute Richtung. Allerdings: die Redefreiheit war da, und das war schon wichtig. Ich ging ins Touristenbüro und erkundigte mich nach katholischen Gottesdiensten. Der Mann schaute mich entgeistert an und sagte: „Ich kann Ihnen nicht antworten, hier sind wir alle Heiden“. Inzwischen ist es fast überall so. Wir leben eigentlich in einer neuheidnischen Umgebung. Engagierten und manchmal frustrierten Christen sei zum Trost gesagt: Auch Jesus musste sich zeitweise aus seiner religiösen Heimat zurückziehen und eine andere Luft atmen. Das erleben wir im heutigen Evangelium. Der Mann im Evangelium, der Jesus begegnet, ist taub und stumm. Jesus geht mit dem Mann ins Private und heilt ihn (für uns heute auf eine eher unappetitliche Weise, Speichel auf die Zunge) steckt ihm die Finger in die Ohren. Er beseitigt das, was das Gehör dieses Menschen verstopft. Ausnahmsweise gibt es heute in diesem kleinen Bericht viele, seltene Einzelheiten, z. B. dass Jesus seufzt. Es ist ein Laut des Mitfühlens. Vielleicht ahnt Jesus, was alles diese Änderung mit sich bringt. Kommunikation ist keine Einbandstraße. Letztlich ist dieser Mann wieder mit seinen Sinnen in der Welt und bei den Menschen. Die Kommunikation hat begonnen zu stimmen, denn ein noch größeres Wunder kommt erst noch. Die Kunde von Jesus und dem, was er getan hat, macht die Runde. Das geht von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr. Eine gute Nachricht verbreitet sich. Da tut es gut hinzuhören. Das ist besser als die schlechten Nachrichten, die auf uns tagtäglich in den Medien einprasseln und uns von den Mitmenschen zugetragen werden. Und das ist das wahre Wunder dieser Geschichte. Menschen wenden sich endlich den guten Nachrichten zu. Und dieses Wunder, liebe Gemeinde, kann auch bei uns, in uns geschehen. Wie genau? Indem wir verstärkt auf das Gute achten, das da ist und geschieht. Indem wir den guten Worten und Nachrichten mehr Raum geben. „Er hat alles gut gemacht“, steht in der Bibel. In diesem Satz klingt die Geschichte von der Erschaffung der Welt an, und diese Schöpfung geschieht weiter. Den Spuren des Guten, des Schönen nachzugehen, die in dieser Welt gelegt sind, und von ihnen zu reden, das ist unser Auftrag als glaubende Menschen. Es gibt ein Wort auf Deutsch, das ich liebe: Ohrwurm, eine Melodie die uns berührt und uns froh stimmt. Wir haben wirklich gehört. Und manchmal beginnen wir diese Melodie selbst zu summen oder zu singen. Wir wollen die gute Stimmung weitergeben, sie verbreiten, sie vielleicht anderen zu Gehör bringen. Es ist nicht alles gut in der Welt. Aber Jesus fordert uns auf, besonders auf das Gute zu achten, es herauszustellen und darin das Versprechen Gottes zu entdecken: Gott wird alles gut machen. Papst Franziskus wünscht sich von seiner Kirche, dass all ihr Tun und all ihre Strukturen einen missionarischen Schwung bekommen. Dazu brauchen wir nicht draußen in der Fußgängerzone stehen und predigen (wie früher die Zeuge Jehovas). Es kommt auf wache Augen an, die wahrnehmen, was bei unseren Zeitgenossen an menschlicher Substanz, aber auch an Sehnsucht und Not da ist. Dabei sollten wir Zeugen sein, die vorleben, dass der Glaube allem wahrhaft Menschlichen Tiefe, Geduld, Stetigkeit, Wärme und Barmherzigkeit einhaucht. Gerade in neuheidnischer Umgebung überzeugt der Glaube nur, wenn er dem Leben mehr Glanz verleiht und es so steigert. Als Christen mit klarem Profil und offenem Geist sollten wir dialogisch und einladend vom Glauben als Lebensmodell reden. Und wir sollten es jedoch nicht nur beim Reden belassen. Als engagiert Handelnde können wir staunenswerte Zeichen der Hoffnung setzen. Man könnte sie auch Wunder nennen. Das wäre Mission heute.

Alois Balint
 
22. Sonntag im Jahreskreis (01.09) - Schutzengelsonntag

Die Engel sind überall. In jedem Souvenier-Geschäft, in Filmen und Büchern, auf T-Shirts und als Schlüsselanhänger. Man kann sich „Engelrufer“ als Schmuckstück um den Hals hängen, es gibt sogar große Kongresse zum Thema mit teuren Eintrittskarten. Und das regelmäßige „Engelmagazin“ kann man sich um 3,99 aufs Handy herunterladen. Engel sind ein gutes Geschäft geworden. Immer mehr Menschen schildern allerdings in den Sozialen Medien auch ihre Begegnungen mit ihnen. Je weniger die Menschen den sichtbaren Kirchen vertrauen, desto mehr scheinen sie den unsichtbaren Kräften des Himmels näher kommen zu wollen. Das Urteil darüber überlasse ich Gott. Aber ein „sichtbarer Engel“ hat sich auch mir gezeigt. Über dem nahen Friedhof, im Oktober 2012 während eines Begräbnisses. Dass ich ihn gesehen habe, „verdanke“ ich einem schmutzigen Teppich. Ich wollte vor der Haustüre den Staub ausschütteln und hörte die Glocken der Pfarrkirche läuten. Begraben wurde gerade ein 17 Jahre alter Bursch, der am selben Baum Selbstmord verübt hatte, wie sein Bruder ein paar Jahre vor ihm. Und am Himmel, genau über Kirche und Friedhof stand diese Wolke. Es wurde nur ein schnelles Handyfoto unter ungünstigem Blickwinkel, aber sie war nur so lange zu sehen, wie die Begräbnisglocken geläutet haben. Meine Gedanken zum Bild auf einer später gedruckten Karte formulierte ich so:

Engel des Trostes,

Botschaft in Wolkenschrift

an einem weiten Himmel,

wer hat dich geschrieben?

War es wirklich nur der Wind?

Dieser besondere Engel hat die Familie und Schulfreunde sehr getröstet. Und ich bin dem „Zufall“ sehr dankbar, dass ich ihn mit eigenen Augen sehen konnte und mit der Kamera beweisen. In Zeiten von neuester KI-Fotosoftware, die fast alles erschaffen kann, würde man mir vielleicht nicht einmal mehr glauben, dass diese Wolke genauso am Himmel stand. Aber war es wirklich nur der Wind, der sie genau dort so geformt hat?  Jeder kann dieses Foto gerne für die Seelsorge nutzen. Auch gedruckte Karten sende ich auf Wunsch zu. info@ziegler-duregger.com

Elisabeth Ziegler-Duregger
 
21. Sonntag im Jahreskreis (25.08) - Bleiben oder austreten?

Beim Referendum vom 23. Juni 2016 stimmten 51,89 % der Wähler für den Austritt Großbritanniens aus der EU, 48,11 % waren dagegen. Die Argumente, mit denen man damals die Wähler vom Brexit überzeugt hat, sind längst widerlegt; aber dann werden eben einfach neue Gründe nachgeschoben: „To leave and to leave again“, das Weggehen um des Weggehens willen, ist ein Artikel in einer politischen Zeitschrift treffend überschrieben. So wie die Briten dauerhaft aus der EU raus sind, so sind jene, die Jesus den Rücken kehren, ein für alle Mal weg. „Wat fott is, is fott“, heißt eine Kölner Redensart. In den Jahren 2020 bis 2022 blieben viele Kirchen wegen Corona leer. Und danach haben sie sich nur zögerlich wieder gefüllt. Viele bleiben einfach weg und kommen nicht zurück. Der Lockdown war eine prophetische Warnung. Das ist eine erschreckende Vision für ein Europa ohne Kirche und Christentum. Was passiert, wenn es uns nicht gelingt, das Christsein neu zu beleben? Keiner glaubt für sich allein. Glaube braucht Gemeinschaft. Die Leute, die sagen, mein individueller Glaube hat nichts mit der Zugehörigkeit zu einer Institution zu tun; ich kann auch außerhalb der Kirche wunderbar Christ sein, sind gesellschaftlich längst widerlegt. Wenn die Kirche in der Öffentlichkeit verschwindet, dann hat auch der Glaube des Einzelnen keine Heimat und keinen Halt mehr. Alle, die in unserer Zeit eine Kirche verlassen, haben dieselbe Entscheidung getroffen, wie es manche Jünger zur Zeit Jesu getan haben. Es war ihnen unerträglich, was er von ihnen zu denken gefordert hat. So viele scheinen auch heute überfordert. Von ganz banalen Gründen wir Kirchenbeiträge abgesehen, wird es die spürbare Distanz zwischen Alltag und Glauben sein, die Menschen zum Weggehen motiviert. Unsere technische Welt ist so weit weg von einem „frommen“ Lebensstil und manche kirchlichen Forderungen so unverständlich, dass nur die Flucht als Ausweg scheint. Aber wohin gehen die Menschen dann? Diese Fragen haben sich schon die Jünger gestellt, die geblieben sind. Was wäre die Alternative zur Nachfolge Jesu? Natürlich kann man seine Lebenszeit mit anderen Dingen füllen. Fußball schauen scheint auch dazu zu gehören, wie man an den häufigen Übertragungen im Fernsehen sieht. Wobei ich vermute, dass am Ende mehr Frust oder sogar Geldverlust bei Wetteinsätzen zurückbleiben. Es geht um den Focus, den wir wählen. Gemeinsam Sport machen oder ansehen schenkt sicher auch viel interessante Stunden. Aber es sollte nicht das alleinige Zentrum des Lebens werden. Manche, die auf kriminellen Wegen ganz weit von der Nachfolge Jesu entfernt sind, müssten am dringendsten wieder eine andere Richtung lernen. Es wäre schön, wenn man Engel bitten könnte, sich ihnen entgegen zu stellen, wo andere Menschen schon die Hoffnung aufgegeben haben. Wo Eltern hilflos mitansehen müssen, wie viele falsche Entscheidungen Jugendliche fällen. Es würde oft ein „Wunderbrot des Lebens“ brauchen und einen „Zaubertrank der Umkehr“, wo Worte versagen. Vielleicht haben die Worte Jesu einige Jünger überfordert, weil sie sich nicht die Zeit und Mühe gemacht haben, länger mit ihm darüber zu reden. Ihm ihre Zweifel zu erklären und nicht einfach zu gehen. Das nehme ich für mich jetzt als Impuls, mit jenen Menschen öfter zu reden, die die Kirchen verlassen haben oder diesen Schritt überlegen.

Alois Balint
20. Sonntag im Jahreskreis (18.08) - Kirchenmusik

Seit dem Begräbnis meines 18-jährigen Bruders vor bald 50 Jahren habe ich Angst vor bestimmten Formen der Musik in der Kirche. Manche Töne spürte ich wie ein Messer mitten ins Herz. Seit dieser Erfahrung versuche ich gutmeinenden Chorleitern und Organisten die Gefühle von trauernden Angehörigen zu erklären. Inzwischen kann ich meine damaligen Empfindungen, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern. Musik ist Wellenenergie und besteht aus verschiedenen Frequenzen, auf die jede einzelne Zelle unseres Körpers positiv oder negativ reagiert. Neueste Forschungen haben bewiesen, dass unerwartete Klangbilder sogar Ängste auslösen können. Von einem Studienkollegen, der Musiktherapeuten ausbildet, weiß ich, dass die richtige Art von Musik sogar Komapatienten wieder ins Bewusstsein zurück holen kann. Das bedeutet, dass der Körper selbst dann reagiert, wenn der Geist nicht aktiv ist. Dieser Studienkollege hat auch lange die hunderte Jahre alte Tradition der orientalischen Heilmusik beforscht, in der es für jedes Organ eigene Tonleitern gibt. Neben Ärzten waren daher in den Krankenhäusern dieser Zeit immer auch Musiker tätig. Zurzeit scheint sich die kirchenmusikalische Ausbildung auf hoch komplexe Melodien zu fokussieren. Und ich bewundere das ehrenamtliche Engagement der Chöre sehr. Aber trotzdem reagiert mein Körper auf die gefühlten Disharmonien mit Stress, den ich dann sogar von der Messe mit nach Hause nehme. Es dauert immer eine Weile, bis meine Stimmung wieder zum Sonntagsgefühl zurückkehrt. Aus vielen Gesprächen mit anderen Kirchenbesuchern weiß ich, dass ich nicht allein bin mit der besonderen Empfindlichkeit bei nicht harmonischen Liedern oder Orgelstücken. Als einfache Messbesucherin kann ich die professionellen Musikerinnen und Musiker nur bitten, mir mit für sie vielleicht „langweiligen harmonischen Stücken“, und sinnvollen Texten, Kraft für den Alltag, mit den vielfältigen Herausforderungen, zu schenken. Viele Menschen ohne kirchenmusikalisch geschulte Ohren werden es ihnen danken.

Elisabeth Ziegler-Duregger
19. Sonntag im Jahreskreis (11.08) - F. Kafkas 100. Todesjahr

1924 gedenken wir des 100. Todestages von Franz Kafka. Zwei späte Texte von ihm berühren sich mit biblischen Stellen, die die Speisemetaphorik und den Verweischarakter irdischer Speisen aufgreifen (1 Kön 19,8; Mt 4,2; Joh 6,48). Als in Kafkas 1922 entstandener Erzählung „Ein Hungerkünstler“ ein Aufseher den längst vergessenen Hungerkünstler aus dem verfaulten Stroh des Käfigs aufstöbern lässt, antwortet dieser auf die Frage, warum er nicht aufhören kann, über die biblischen 40 Tage hinaus zu hungern: „Weil ich die Speise nicht finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.“ Der Hungerkünstler suchte eine auf Erden nicht auffindbare, ominöse Speise. Er hungert nach Wahrheit, Reinheit, Freiheit. In der Regel essen wir uns am Hiesigen satt. Wir sind auf das Sichtbare, Greifbare und Ober-flächliche aus. Doch dieses geistige Fast-Food sättigt nicht. Dieser asketische Artist will sich mit seinem „Schauhungern“, einem Spektakel vor Vergnügungssüchtigen in einem Käfig, zu Tode hungern. Irgendwann einmal klingt jedoch das Interesse an diesem Hungerkünstler ab, der Reiz verfliegt, man murrt, die Gaffer vergessen ihn in dem fauligen Stroh. Ein vitaler Panther wird einmal diesen Sonderling ersetzen. In Kafkas kleiner Erzählung der „Der Aufbruch“ (1921) bricht jemand zu einer Reise auf und weigert sich, einen Eßvorrat mitzunehmen. „Zum Glück ist es ja eine wahrhaft ungeheure Reise“. „Kein Essvorrat kann mich retten“. In beiden Erzählungen fällt das darin artikulierte Ungenügen an irdisch-empirischen Speisen auf und die Suche nach einer himmlischen Speise, der Drang nach einem unfassbaren, unbestimmten Essen. Nur jenseitig ließe sich das Verlangen nach dem Unendlichen stillen. „Weg von hier – das ist mein Ziel…“ Kafka sagt einmal: „Die Tatsache, dass es nichts anderes gibt als eine geistige Welt, nimmt uns die Hoffnung und gibt uns die Gewissheit.“ Lassen wir uns auf „Lebensmittel“ ein, die mehr sind als schnelle Sattmacher und Durstlöscher, mehr als „kleine Fluchten“ in die Selbstbefriedigung, sondern nahrhaftes Schwarzbrot, Trost im Leiden, Seelennahrung.

Kurt Josef Wecker
18. Sonntag im Jahreskreis (04.08) - Gedanken zu Eph 4,17.20-24

„Alles neu macht der Mai“, sagt man. „Ich brauche mal wieder etwas Neues“, heißt es in unserem Alltag. Immer wieder Neues wird uns auf verschiedenen Wegen von der Werbung angepriesen. Wenn wir nicht gerade Antiquitäten schätzen, übt etwas Neues einen besonderen Reiz auf uns aus. Die meisten sind vermutlich recht stolz auf ein neues Auto. Manchmal brauchen wir aber auch wirklich etwas Neues, weil das Alte kaputt gegangen oder renovierungsbedürftig geworden ist. Dann muss etwa eine neue Waschmaschine gekauft werden oder ein Zimmer neu tapeziert oder ganz neugestaltet werden. „Neue Männer braucht das Land“, sang in den 1980-iger Jahren die Westberliner Liedermacherin Ina Deter provokativ in einem ihrer bekanntesten Songs. Zu Zeiten, in denen es den Menschen in unserem Land nicht so gut ging, mussten die jüngeren Kinder oft die Kleider ihrer älteren Geschwister auftragen. Etwas Neues gab es selten, und wenn ja, war die Freude groß. Heute muss es spätestens alle zwei Jahre ein neues Handy sein, ein neues Smartphone, ein neues iPhone. Ach, das ist doch schon alt, das ist doch veraltet, sagen Jugendliche untereinander; bei ihren Eltern oder Großeltern reden sie oft davon, dass man heute vieles nicht mehr so macht, wie sie es gewohnt waren und sind. Die Zeiten ändern sich. Manchmal fühlt man sich wie in einem Hamsterrad, weil man hinter den vielen Neuerungen und Updates kaum noch hinterherkommt. Hamsterrad, denn es muss immer etwas Neues sein, immer etwas Anderes und oft immer mehr: mehr Wachstum, egal wie und egal wohin, fast auf Teufel komm heraus – und dann kommt er gleichsam heraus und es wird ziemlich ungemütlich. Manchmal spüren wir, dass es so geht nicht weitergehen kann mit unserem Leben. Wir merken, unsere Strategie des „Immer besser“, „immer schneller“, „immer leistungsfähiger“ kommt an ein Ende, besser gesagt, sie ist schon ans Ende gekommen. Die vielfältigen Krisen, in die wir hineingeraten sind, sprechen eine eindeutige Sprache, allen voran die globale Klimakrise und die Krisen in den Gesellschaften und zwischen den Gesellschaften auf unserem Erdball. Wir spüren, das bisherige alte Denken richtet uns zugrunde und hat vieles schon zugrunde gerichtet. Der Epheserbrief mahnt: Legt den alten Menschen des früheren Lebenswandels ab, der sich in den Begierden des Trugs zugrunde richtet. Lange Jahre haben die Menschen in unserer Gesellschaft hart gearbeitet, damit es die Kinder einmal besser haben. Das hat ihnen Zuversicht und Hoffnung gegeben. Diese Hoffnung hat sich verbraucht. Zurückgeblieben sind Unsicherheit, Zukunftsangst, oft Neid und bisweilen auch Depression. In einem solchen Klima werden Menschen aggressiv. Schuldige an der Misere werden gesucht und vermeintlich auch gefunden. Ein solches Klima spaltet die Gesellschaft. Wir merken, dass Menschen immer aggressiver werden und sich einem Dialog verschließen. Es braucht offensichtlich ein neues Denken, ein neues geistreiches Denken, das das Alte nicht immer wiederholt. Aufmerken, aufhören mit alten Denkmustern und Neues wagen, ist gefragt, aufeinander achten und aufeinander hören. Die Salzburger Hochschulwochen standen 2023 unter dem Thema: „Reduktion! Warum wir mehr Weniger brauchen.“ Im Epheserbrief ist auch uns Menschen des 21. Jahrhunderts heute gesagt: Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Gerechtigkeit: wir sind eigeladen, einander und der Welt, in der wir leben, gerecht zu werden. Dann kann vieles heil werden und vielleicht erahnen wir dann auch etwas von der Heiligkeit jedes Menschen und der ganzen Schöpfung. Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, wussten schon am Beginn des 19. Jahrhunderts die indigenen Völker Nordamerikas und versuchten, den weißen Mann so zu lehren. In unserer Zeit der vielfältigen Krisen braucht es offensichtlich ein neues und anderes Denken, ein Denken und Handeln, das einen anderen Geist atmet, einen Geist, der neues und anderes Leben möglich macht, einen Geist, der heil macht und Heiles erhält, vielleicht Heiligen Geist, Gottes Geist. Denn neues hoffnungs- und zukunftsvolles volles Denken und Handeln gelingt wohl nur in der Kraft und mit dem Mut des Geistes Gottes. Vom Renovieren war die Rede. Renovieren kommt aus dem Lateinischen. Renovare heißt erneuern. Komm, Heiliger Geist, beten Christinnen und Christen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern (lateinisch: veni, sancte spiritues, et renovabis faciem terrae). Du Heiliger Geist Gottes, du kannst und wirst uns helfen, unser Denken zu erneuern. Öffne die Herzen aller Menschen und erneuere ihr Denken. Geist Gottes, mit dir ist es möglich, unser Leben und unsere Welt zu renovieren. Solche Erneuerung ist, wir merken es heute mehr denn je, dringend notwendig.

Heinz-Willi Rivert
17. Sonntag im Jahreskreis (28.07) - Gedanken zu Joh 6,1-15

Wir brauchen mehr Brotverteilung auf der Welt. Es muss gar nicht mehr werden, damit alle Menschen satt werden. Wir müssen es nur viel besser verteilen. Das fängt bei der jährlichen Zucchini-Schwemme im eigenen Garten an und betrifft natürlich alle Supermärkte und Lebensmittelproduzenten. Wie Jesus können wir damit beginnen, dass wir das vorhandene Essen segnen. Mein Mittagsgebet lautet seit einigen Jahren: „Gott, bitte segne heute alles, was die Menschen auf dem Planeten Erde essen!“ Die Wirkung dieser Bitte könnte einerseits sein, dass jene, die bisher unter Hunger leiden, lernen, sich besser selbst zu versorgen. Dank dem Internet kann man überall die weltweit besten Gartenmethoden sehen, sogar mit einfachsten Mitteln. Vielleicht hilft das Gebet auch jenen Reichen weiter zu denken, für die nur das Beste gerade gut genug ist. Vielleicht sehen sie zufällig einen Film über die Produktionsmethoden für ihre Schokolade, die Abholzung des Regenwaldes für Palmöl und das Aussterben von Fischarten für ihren Kaviar. Immer mehr Esser erkennen, wie das, was sie essen, zu den Problemen auf der Erde beiträgt. Die zwei Fische und 5 Brote, in den Händen von Jesus, hatten vorher bestimmt keinen Schaden in der Region angerichtet. Die Boote der Jünger wurden noch mit menschlichen Kräften gerudert. Nun sind es Fangflotten, die alles zerstören, was ihnen begegnet. Ich liebe es, jede Woche am Markt jener Frau in die Augen zu sehen, die mein Brot bäckt und mich bei ihr zu bedanken. Sie schenkt ihre Lebenszeit her für meinen Genuss. Und ich ehre sie durch einen gerechten Lohn, der höher ist als das, was sie sich zu verlangen traut. Niemals kann sie mit den hochtechnisierten Bäckereien preislich mithalten, die „seelenloses Gebäck“ massenweise in die Geschäfte liefern, von dem dann wieder ein erheblicher Teil in der Mülltonne landet. Oder im Brennofen zur Wärmegewinnung. Welch eine Sünde! Wir müssen wieder lernen, mit nur 2 Fischen und 5 Broten genug für alle zu haben. Und das beginnt mit Segnen.

 
Elisabeth Ziegler-Duregger
 
16. Sonntag im Jahreskreis (21.07) - Gedanken zu Mk 6,30-34

Das heutige Evangelium ist mehr als eine der Episoden aus dem Leben Jesu. Es ist nicht einmal erbaulich. Das Mitleid unseres Herrn gilt genauso der Kirche von heute. Er liebt sie, hat sie selbst gegründet. Er ist der gute Hirte, nicht der sog. „Oberhirt“ in Freiburg oder Rom. Er will von uns als der gute Hirte erkannt und angenommen werden. Wir können nicht tiefer fallen, in welcher vertrackten Lebenssituation wir auch stecken mögen, als in seine Hand. Er kennt uns alle, jeden Einzelnen, beim Namen und will uns helfen als Heiland, als Arzt unseres Lebens. Es ist deshalb so tröstlich, von ihm den Ruf in die Einsamkeit zu spüren, damit wir mit ihm alleine sein können. Wie oft hat es den Anschein, dass der Urlaub, wie eine Flucht vor dem Alltag wirkt? Je weiter weg von zuhause, so meinen viele, desto größer die Erholung. Das ist ein Trugschluss. Was bringt ein All-inclusive-Urlaub, wenn ich auf der malerischen Karibik-Insel nicht weiß, was ich in der Stille und mit meinem Alleinsein anfangen soll? Die frohe Botschaft des Sonntagsevangeliums liegt in dem Angebot, unsere freie Zeit, für die manche vielleicht richtig kämpfen müssen, gefüllt zu wissen mit der Gegenwart, der liebevollen Anwesenheit unseres Herrn. Gott sei Dank ist es ja schon zu beobachten, dass Christenmenschen, die über das Jahr kaum Zeit finden, in die Kirche zu gehen, in ihren Ferien durchaus ihren Fuß in die eine oder andere Kirche setzen. Kunst und Architektur mancher Kirchen mögen Magneten dafür sein, aber bestimmt ist da auch die Sehnsucht im Spiel, mit dem Herrgott mal wieder Zwiesprache zu halten, eine Ruhe zu finden, die von seiner Gegenwart und seinem Zuspruch gefüllt ist, die uns dann zur echten Kraftquelle für gute Entscheidungen werden können. Für diejenigen die denken, dass sie kleine Oasen der Stille nie brauchen, habe ich eine alte Geschichte: Es wird erzählt, dass der alte Apostel Johannes gern mit seinem zahmen Rebhuhn spielte. Eines Tages kam ein Jäger zu ihm. Er wunderte sich, dass Johannes, ein so angesehener, heiliger Apostel, spielte. Er hätte doch in der Zeit viel Gutes und Wichtiges tun können. Deshalb fragte er: „Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?“ Johannes schaute ihn verwundert an. Warum sollte er nicht spielen? Dann sagte er zu ihm: „Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?“ „Das darf man nicht“, gab der Jäger zur Antwort. „Der Bogen würde seine Spannkraft verlieren, wenn er immer gespannt wäre. Wenn ich dann einen Pfeil abschießen wollte, hätte er keine Kraft mehr.“ Johannes antwortete: „So wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so musst du dich selbst auch immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspanne und einfach spiele, dann habe ich keine Kraft mehr für eine große Anspannung, dann fehlt mir die Kraft, das zu tun, was notwendig ist und den ganzen Einsatz meiner Kräfte fordert.“ Ich glaube, jeder von uns kennt Menschen und wohl auch Seiten an sich selbst, die an einen überzogenen Bogen erinnern, Situationen, in denen ich überspannt bin. Was passiert dann? Ich jedenfalls beobachte an mir selbst:

• Ich habe im entscheidenden Moment keine Kraft.

• Der Pfeil „trägt die Schuld“, dass ich das Ziel nicht treffe. Ich jedenfalls verschulde es auf keinen Fall.

• Ich schieße planlos mit meinen Aktionen und Bemühungen herum und weiß eigentlich gar nicht, was ich da tue. Denn überall etwas anzufangen, heißt oft, nirgends ganz sein.

Wenn Sie zur Kommunion kommen, können Sie vielleicht auch das Bild von der sogenannten Johannesminne kurz betrachten: der Apostel Johannes lehnt seinen Kopf an die Brust Christi. Diese Christus-Johannes-Gruppe (vermutlich vom Meister Heinrich von Konstanz um 1310 geschaffen; heute im Bode-Museum) ist ein seit der Gotik bekanntes Motiv der christlichen Ikonografie. Sie entwickelte sich aus der biblischen Erzählung, Johannes, der „Lieblingsjünger“ Jesu, habe beim letzten Abendmahl an der Brust Christi geruht (Joh 13,23-25). Wenn Sie mit den 700 Jahre alten Figuren nichts anfangen können, denken Sie bitte nochmals an die Worte der Geschichte: „So wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so musst du dich selbst auch immer wieder entspannen und erholen“. Und es stimmt: Diese Worte sind nicht Ausdruck von Faulheit oder Lustlosigkeit an der Arbeit, sondern gewachsen aufgrund jahrhundertealter Lebenserfahrung. Diese Worte des Apostels Johannes sind eine Weiterführung seines Meisters Jesus, der heute im Evangelium sagt: Kommt mit an einen einsamen Ort, und ruht ein wenig aus. Ich wünsche uns allen das rechte Maß ...

• zwischen Arbeit und Erholung,

• zwischen Geben und Nehmen,

• zwischen Handeln und Geschehen lassen.

 
Alois Balint

 

15. Sonntag im Jahreskreis (14.07) - Gedanken zu Mk 6,7-13 

„Kein Brot, kein Geld, kein zweites Hemd…“ Wer kommt schon so abgerissen daher, wie es heute im Evangelium geschildert wird? Das tun selbst die radikalsten Jesus-Freaks und Ordensleute nicht. Schauen wir auf die inhaltliche Seite, was weitergegeben werden soll. Das Evangelium sagt: heilen und unreine Geister austreiben. Das eine besorgen die Ärzte, das andere überlassen wir den Psychiatern. Fehlanzeige auch hier! Bleibt eigentlich nur, die Menschen zur Umkehr zu rufen. Doch den Leuten immer nur sagen, was nicht okay ist bei ihnen, ist nicht gerade erfolgversprechend, oder? Sollte das, was Jesus wollte, nicht die Frohe Botschaft sein, die die Jünger weitertragen sollten? Fangen wir bei der seltsamen Ausrüstung an: Den Wanderstab braucht man nicht nur zum Wandern, sondern auch, um sich gegen Räuber oder wilde Tiere zu verteidigen. Ansonsten gehen die Apostel nur mit dem Allernötigsten los. Vor allem haben sie nichts, um Geld oder Vorräte zu horten. Was sagt das aus? Jesus legt seinen Leuten ans Herz: Bringt euch selbst – und sonst nichts! DU bist die Botschaft! In unsere heutige Sprache übersetzt: Der Grundimpuls Jesu für die Weitergabe der Botschaft heißt: Sei authentisch! „Sei, was du bist! Gib, was du hast!“ Man kann sich hinter Titeln verschanzen, in Kleidern verstecken und nach außen Fassaden aufbauen. Jesu Herzensanliegen ist: Rede in allem von deinem Innersten! Sei ehrlich! Bringe dich selbst als Mensch und Christ, in dem die Frohe Botschaft lebt! Das müsste reichen. Eine zweite Beobachtung: Jesus sendet die Apostel in Zweiergruppen. Er schickt sie nicht auf die Marktplätze, auch nicht in die Synagogen. In die Häuser sollen sie gehen. Dorthin, wo sich das normale Leben abspielt. Das ist ein waghalsiges Unternehmen: sich ohne alles auf den Weg machen und anklopfen. Da gehört schon Mut dazu. Die Hausbewohner werden sofort sehen, was für ein seltsamer Typ vor ihrer Türe steht. Er hat keine Vorratstasche, kann also kein Bettler sein. Er sieht auch nicht unbedingt wie ein Landstreicher aus. Wenn dann die Frage kommt, warum tust du das, ist schon die Brücke geschlagen, um vom Reich Gottes zu reden. Christliche Sendung ist bis heute: Gemeinschaft bilden, wo Menschen in Familien, in Vereinen, in Gruppen, am Arbeitsplatz leben. Dort etwas spürbar machen von einem neuen Miteinander. Eine dritte Beobachtung: Jesus schickt die Apostel auf den WEG. Begebt euch auf Wanderschaft, sagt er. Das gilt über alle Zeiten hinweg. Der christliche Glaube ist ein Weg. Manche meinen, die christliche Wahrheit sei fest und unveränderlich. Die Lehre müsse nur in die Köpfe eingespeist werden. Nein! Das Christentum ist die Geschichte eines Lebenden, der im Auf und Ab der Geschichte mitgeht. Auf dem Weg sein heißt auch, nicht alles von vornherein selbst wissen, sondern mit und von anderen das Leben lernen. Stellen Sie sich einmal vor, heute würden Christen so dialogisch-offen mit anderen umgehen! Dieser sperrige Text des heutigen Evangeliums hat auch heute Wesentliches zu sagen. Jesu Missionskonzept war trotz des Misserfolgs im Heimatland aufs Ganze sehr erfolgreich. Nach gut zweihundert Jahren war vermutlich ein Drittel der Bevölkerung des Römischen Reiches christlich trotz aller Verfolgungen.  Der große Theologe Origenes fragte sich in dieser Zeit, wie es kam, dass Menschen sich aus ihrer angestammten Religion herausgelöst und sich einer neuen Glaubensgemeinschaft angeschlossen hatten. Seine Antwort ist in einem Wort zusammengefasst: Es war ein Wunder. Stellen Sie sich vor, alle Christen würden dem nachleben, was Jesus im heutigen Evangelium den Aposteln programmatisch mit auf den Weg gibt: Alle wären authentisch, wären Menschen, die sich in Gottvertrauen und Liebe hineingeben in die Beziehung mit anderen! Da würde in Familien und Gruppen, da würde weltweit ein neuer Geist um sich greifen! Es wäre der Anfang einer verwandelten Welt! Das war der Traum Jesu. Diese alte, fremd anmutende Aussendungsrede des heutigen Evangeliums passt auch in unsere Zeit. Jesus ermutigt uns, dass wir uns selbst geben, dass wir uns hineingeben in Beziehungen, dass wir uns mit anderen auf den Weg begeben und uns ihm und seinem Ruf übergeben. Dann wären wir Boten der Freude wie Jesus selbst! Denn Ignatius von Loyola hatte Recht als er sagte: „Keiner von uns ahnt, was Gott aus ihm machen würde, wenn wir uns ihm ganz überließen!“

 
Alois Balint
14. Sonntag im Jahreskreis (07.07) - Gedanken zu Mk 6,1-6

Früher hieß es: „Schuster bleib bei deinen Leisten.“ Will sagen: Misch dich nicht in Dinge, von denen du nichts verstehst. Jesus war kein Schuster, aber Zimmermannssohn, also sollte er ihnen nichts erzählen vom Himmel, von Gott und der Welt, von Schuld und Vergebung, von Frieden und Versöhnung, vor allem nicht „daheim“ in Nazareth. Also sollte er ihnen wegbleiben mit Wundern, Zeichen und all dem Zeug. Heute heißt es: Wir brauchen die Hauptschule, weil die Menschen verschieden sind, weil sie verschieden begabt sind, die einen haben es im Kopf, die dürfen aufs Gymnasium, die anderen haben es in den Händen, für die reicht die Hauptschule.  Bloß: Woher wissen wir das eigentlich? Wer kann schon sagen, ob ein 8-jähriger, eine 10-jährige es einmal eher mit dem Kopf oder mit den Händen haben wird? Ganz abgesehen davon, dass heute auch die mit den Händen schon ganz schön viel im Köpfchen brauchen. Na ja, wir machen es wie die Bürger Nazareths: Was soll ein Zimmermann schon hervorbringen als einen Zimmermann? Ein Zimmermann bringt doch keinen Theologen hervor, keinen Arzt, keinen Kaufmann, keinen Therapeuten, ganz gewiss keinen Gottessohn. Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab –genau wie wir den Glauben ablehnen, der Sohn eines Arbeiters könnte Chefarzt werden, die Tochter einer Putzfrau Rechtsanwältin, der türkische Junge Deutschlehrer, das kasachische Mädchen Ingenieurin, der Sohn kongolesischer Flüchtlinge Polizeihauptkommissar, der mongoloide Sohn der Nachbarin selbstständig und selbstbewusst. Sie nahmen Anstoß. Wir nehmen Anstoß. Sie glaubten fest, wir glauben fest, dass wir vor allem durch unsere Herkunft bestimmt werden. Aber: Stammen wir denn nicht – vor aller irdischen Abkunft – zuerst und vor allem von Gott? Dann aber sind in uns nie nur Vater und Mutter, dann ist immer auch Göttliches in uns, in allen; keine, keiner, in dem nichts Göttliches ist. Gott legt uns nicht fest. Gott nagelt keinen fest auf Herkunft und Hauptschule.  Der Messias Gottes ist der Sohn eines Zimmermanns! Ist bei so einem Gott nicht alles möglich? Hören wir auf mit dem Genörgel, mit dem Anstoßnehmen! Freuen wir uns an jedem Talent, das sich unter uns zeigt, bei Sohn oder Tochter von wem auch immer.  Gönnen wir einander jede Stärke, die eine oder einer in sich entdeckt. Trauen wir einander – immer! – Großes zu, Gott tut es auch!

Alois Balint
13. Sonntag im Jahreskreis (30.06) - Gedanken zu Mk 5,21-43

Dieses Evangelium hat viele faszinierende Facetten. Heilung allein durch das Berühren eines Kleides und immer spüre ich die Zärtlichkeit in Jesu Stimme beim „Talita kum“. Es kann nur eine Einladung zum Leben sein, kein Befehl. Aber Jesus ist kein „Heilungsautomat“, wie es wirklich schon „Segensautomaten“ gibt. Nicht damals und nicht heute. Was in von ihm Berührten geschieht, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Ich kenne eine Frau, die seit sehr vielen Jahren durchgehend krank an Körper und Seele ist. Weder moderne Medizin, Naturheilverfahren, psychologische Unterstützung und Medikamente konnten daran irgendetwas ändern. Auch meine Gebete scheinen keine Verbesserung zu bewirken. Eine andere Bekannte erlitt genau zu der Zeit einen Schlaganfall, als ihr Mann geplant hatte, sie zu verlassen und er so zu ihrer Pflege bei ihr bleiben musste. Hätte Jesus sie heilen können? Um den Preis der Einsamkeit, wenn die Trennung dann doch erfolgt wäre? Aber ich erinnere mich dankbar an die Wirkung von vielen Gebeten eines ganzen Dorfes zu ihm, für einen jungen Mann. Er war als Zimmermann 14 Meter vom Dach eines Schlosses in eine Kalkgrube gestürzt und sich dabei so schwer verletzt, dass lange unsicher war, ob und wie er überleben wird. Beide Beine mussten amputiert werden, im Kopf wurde eine Platte anstelle des Knochens eingesetzt; und es blieben vielerlei Einschränkungen und Behinderungen. Es muss wohl so sein, dass Jesus ihn jeden Tag mit unglaublicher körperlicher und mentaler Kraft erfüllt, sodass er inzwischen wieder mit Freude Skisport betreibt und lächelnd sagt: „Es geht mir gut“. Ein Vorbild für seine Freunde. Es dauert täglich nur ein paar Sekunden, mir vorzustellen, wie durch die Hände von Jesus, Gottes Liebe in die Körper von jedem Einzelnen auf dem Planeten fließt. Wirklich in jeden, nicht nur den Guten. Denn gerade die anderen, denke ich, brauchen eine Heilung des Herzens und der Gedanken am dringendsten. Ich kann nur beten, dass sie es annehmen können. Und mich selbst dafür immer mehr öffnen.

Elisabeth Ziegler-Duregger
12. Sonntag im Jahreskreis (23.06) - Gedanken zu Mk 4,35-41

Willkommen im Sommer! Willkommen auf dem Zenit des Jahres! Wärmer wird’s vielleicht noch, aber nicht heller. Das war die erste Halbzeit. Der Schöpfer gibt der Sonne quasi leise den Befehl: Wende dich, lasse es auf der Südhalbkugel wieder heller werden! Das ist die eine Seite der Schöpfung; sie verläuft unmerklich, geht buchstäblich über unsere Köpfe hinweg, undramatisch. Auf die Schöpfung ist Verlass. Es ist Sommer, und es wird Winter. Lange Sommertage wie bei uns hat Jesus nicht gekannt. Im Nahen Osten wird es früh und rasch dämmrig, die Nacht fällt auch im Sommer rasch ein. Die Sommersonnenwende geschieht leise. Aber es gibt auch die andere Seite der Schöpfung, Die Schöpfung, die „dazwischen“ kommt, als eine unberechenbare Bedrohung, als Chaos, als Aufruhr in der bedrohlichen Natur, mit der Wucht der Woge. Ein ruhiger See, der urplötzlich zur Wasserhölle wird; Fallwinde vom Hermon und Stürme auf dem aufgewühlten See von Tiberias. Eine filmreiche Szene wird uns heute vor Augen gestellt. In diese dramatische Szene werden wir hineingezogen. Wir im Kirchenschiff sind nicht Augenzeugen, die aus sicherer Entfernung einem drohenden Schiffbruch zusehen. Wir sind an Bord dieses Schiffes, das sich Gemeinde nennt, auch wenn wir von Haus aus weder Matrosen noch Fischer sind, auch wenn wir sicher und trocken auf Kirchenbänken sitzen und festen Boden unter den Füßen haben. Könnte es sein, dass heute Zeitgenossen auf das „Schifflein Petri“ schauen wie Zuschauer einem Beinahe-Schiffbruch zusehen? Viele auch „unbeteiligte Zuschauer“ fragen sich: Geht die Kirche baden? Befindet sie sich am „toten Punkt“, wie Kardinal Marx einmal drastisch formulierte? Das gegenwärtige Kirchendrama, die Kirchennot ist nicht zu verdrängen. Die Zeichen stehen auf Sturm. Ausschau wird gehalten nach dem Retter, nach rettenden Einfällen und Auswegen. Das Boot läuft voll Wasser – und das Kirchenschiff wird immer leerer. Kirche im Gegenwind. Ihr steckt das Unwetter (des Missbrauchs in ihren Reihen) in den Knochen, sie steht im stürmischen Gegenwind, klammert sich vielleicht panisch an manches Alte wie die Jünger an den Bug des Schiffes oder an den Steuerbalken, der ihr zu entgleiten droht. Eine steuerlose Kirche? Zu vieles erodiert in ihr in kürzester Zeit. Sie leidet unter Mangelerscheinungen und droht, funktionsunfähig zu werden, in unseren Breiten vom Kurs abzukommen und zu kentern. Resignation macht sich breit, die nackte Angst, der pure Selbsterhaltungstrieb. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, wirkt wie eine „tote Christenheit“, die er „aus dem Schlaf der Sicherheit“ wecken müsste (vgl. Gotteslob 481,2), ein Haufen, der lieber im sicheren Hafen bleibt. Kirche bin ich. In dieser Krise mangelt es mir an Glauben, wie dieser seltsamen Gesellschaft Jesu auf dem Boot, das wie eine Nussschale auf dem See schwankt. Eine Kirche, die in der Sorge um ihre Selbsterhaltung um ihren Schlaf gebracht wird. Wirkt die Kirche wie die panische Jüngerschar in dieser Krise wie eine Ertrinkende, gepackt von einer Heidenangst. Unsicherheit über die eigene Zukunft kann leicht in Angst und dann in Panik umschlagen. Hat die Kirche in Seenot noch die Kraft, einen „Notruf“ abzusetzen? An wen? Wie wird Gott seine kenternde Kirche retten? Ich hoffe, ich male nicht zu düster. Halten wir dieses Bild des heutigen Evangeliums aus, wie ein Gleichnis unserer Situation. Die Jünger mitten im Lärm der Elemente, mitten in der Angst vor dem Untergang im Todeswasser. Nehme ich wahr, dass er da ist, wach, realpräsent, treu an unserer Seite? Oder handle ich nach der Devise: Vielleicht ist die Zeit vorbei, in der die Kirche Jesu Gegenwart sucht und Wunder verlangt, weil sie stumm geworden ist. Dann bleibt nur der altkluge Rat: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott? Ich mache gerne ein Nickerchen im Hochgeschwindigkeitszug oder im Flugzeug über den Wolken und staune dabei über meine Gelassenheit. Wie kannst du jetzt schlafen? Doch ich vertraue den Lokführern, den Piloten, der Technik. Mitten in der Gefahr macht Jesus ein Nickerchen. Das ist mehr als Erschöpfungsschlaf nach einem langen Tag voller Predigten und Wunder. So gelassen schlafen kann nur der, der sich in Gottes Händen weiß. Und doch: Sie regt uns auf, diese befremdliche Seelenruhe des Heilands und seine regungslose Passivität, wo andere in Todesgefahr sind. Kann er das zulassen? Warum greift er nicht endlich ein? Vergessen wir nicht: Jesus hatte die Jünger zur Überfahrt veranlasst, er müsste also auch nun die Verantwortung übernehmen. In der Gottesdienststunde sitzen wir alle im Kirchenschiff. Jetzt wäre die Zeit und die Stunde, einen Notruf abzusetzen, ihn zu wecken und um sein Machtwort zu bitten. Wir brauchen Gebetsworte, die wie ein Weckruf klingen. Er hätte damals vermutlich weitergeschlafen; doch er lässt sich wecken! Manchmal habe ich den Eindruck, wir Kirchenleute verdrängten unsere große Angst durch ein Mehr an Aktivitäten, sind wie Verirrte, die im dunklen Wald singen und ihre „Heidenangst“ verdrängen. Haben wir noch diesen senfkornkleinen Glauben, dass er da ist? Und finden wir Gebetsworte, die dringend wie ein Weckruf klingen? Oder glauben wir, dass er uns mit uns alleine lässt? Entdeckt ihn unter euch! Er ist mitten drin in der Nussschale der Kirche. Der schlafende Jesus ist unsere Hoffnung. Die heilige Teresia von Lisieux pflegte die Andacht zum schlafenden Christus; sie hält diesen machtlosen Jesus aus. Genügt mir der schlafende Jesus in meiner Nähe, in meiner Lebensnot? Reicht es mir zu wissen, dass er mit uns im Lebensboot sitzt? Sein verborgenes Dabeisein muss uns reichen. Dass ER jetzt da ist, übersehbar, beinahe ohnmächtig, tatenlos, vielleicht irgendwo schlafend hier im Kirchenschiff, das ist die Verheißung! Wir können nicht erwarten, dass er lauthals meine Lebensstürme in Stille wandelt. Sein gelassenes Dabeisein ist alles! Ich wünsche uns, dass wir ihn im Boot unseres Lebens anwesend spüren, und sei es wie schlafend, als der, der mich unmerklich trägt und lautlos mein Begleiter ist, in guten wie in schlechten Tagen. In Lebenszeiten mit ruhigem Wellengang vergesse ich ihn, lasse ihn in Ruhe; denn da scheint es auch ohne ihn ganz gut zu laufen. Wir schreien nach ihm, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht und mein Leben „Schiffbruch“ zu erleiden droht. Halte ich diesen schlafenden Jesus aus, diesen stillen Christus inmitten des brüllenden Sturms, auch wenn er meine Gebete zunächst nicht erhört und keine Wunder wirkt? Halten wir seine lautlose Präsenz aus, wie Pilger, die im Blick auf die „Pietà“, auf den im Todesschlaf im Schoß der Mutter ruhenden Jesus Trost zu erfahren. Und wecken, stören wir ihn mit unseren Gebeten. „Kirche am Nullpunkt“? Vielleicht. Aber es gibt in allen Untergangsängsten die „Gnade des Nullpunktes“, die Stunde des Weckrufs, des Gebets.

 
Kurt Josef Wecker
11. Sonntag im Jahreskreis (16.06) - Gedanken zu Mk 4,26-34

 „Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten“, so haben wir es eben im Evangelium gehört. Jesus spricht so, dass seine Zuhörer das Gesagte aufnehmen können – genau darum geht es bei Gleichnissen wie denen des heutigen Evangeliums: um Plausibilität, um das unmittelbare Einleuchten des Erzählten. Möglichst nah an der Erfahrung der Leute, möglichst gut vorstellbar soll das sein, was beschrieben wird, damit etwas anderes, Unvorstellbares greifbar wird, zumindest erahnt werden kann. Das ist der biblische Sinn einer Parabel. Kinder kennen schon das Wort „Parabel“, weil sie vielleicht an die runde Schüssel für den Satelliten-Empfang denken. In der Mathematik haben wir alle gelernt, dass die Parabel eine lange Kurve, bogenförmige Linie ist die, wenn nach oben geöffnet von oben kommt, tief runter geht und sich wieder hochhebt; Gottes Wort kommt von oben tief in unsere Menschlichkeit und hebt uns hoch, genauso wie unser Aufruf in der Präfation: Sursum corda, erhebet die Herzen! Schauen wir uns näher nur das erste der beiden Gleichnisse an: Es bemüht sich auf wunderbar poetische Weise darum, Plausibilität, Nachvollziehbarkeit des Gesagten herzustellen: Der Mann, der Samen auf seinen Acker sät, „schläft und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht wie“ (4,27). Zwei interessante Aspekte stecken in dieser Beschreibung. Der erste: Längst nicht der ganze Wachstumsprozess ist sichtbar. Dieses Gleichnis ist ein Aufruf gegen Ungeduld und Skepsis, für Vertrauen. Das Reich Gottes kommt, auch wenn es bisher kaum sichtbar ist. Der Prophet Jesaja formuliert diesen Gedanken an anderer Stelle in unserer Bibel so: „Siehe“, spricht Gott, „nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,19). Nein, ich merke es nicht, möchte ich rufen, angesichts von Gewalt und Hunger, Umweltzerstörung und Hass. Insofern endet hier für viele von uns vielleicht schon das unmittelbar Einleuchtende, Plausible des Gleichnisses und die Herausforderung durch den Text beginnt: Denn allen, die dazu neigen, den guten Anfang, den eigenen Fortschritt oder die langsame Entwicklung nicht zu sehen, die – vielleicht mit Recht – das Schlimmste befürchten und die Welt in einer Abwärtsspirale sehen, hält das Gleichnis unbeirrbar entgegen: Unter der Erde, auch wo du es nicht siehst, wird Saat zum Halm und Halm zum Korn, läuft eine Entwicklung zum Guten, so gewiss wie der Tag auf die Nacht folgt und das Aufstehen auf den Schlaf. Die erste Herausforderung unseres Gleichnisses ist also die Herausforderung, vertrauen zu sollen, wo es so wenig Anlass dazu gibt. Die Challenge durch das Gleichnis geht noch weiter: Ganz deutlich stellt unser Text heraus, dass das Wachsen der Saat ein Prozess ist, der ohne das Zutun des Sämanns abläuft: „der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht wie“ (27), so heißt es in unserem Text. Der Mann im Gleichnis jätet nicht, düngt nicht und bewässert nicht. Was immer er vorher noch tun könnte, um den Wachstumsprozess zu unterstützen, mag wichtig und hilfreich sein, aber letztlich passiert das Entscheidende ohne sein Zutun, die Erde bringt von selbst ihre Frucht“. In seinem Nichtstun steckt damit noch etwas anderes als Vertrauen: Demut. Die Einsicht, nicht alles selbst reißen zu können. Das Zugeständnis, dass Aktivität manchmal in Aktionismus verfällt. Das Einverstandensein damit, nicht über alles die Kontrolle behalten zu können. Die Bereitschaft, nicht nur in Machbarkeitskategorien zu denken. Es gibt andere Gleichnisse in der Bibel, die unsere eigene Klugheit und unser eigenes Zutun zu dem, was Jesus „das Reich Gottes“ nennt, einfordern, z. B. das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen und das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt 25). In den heutigen Wachstumsgleichnissen gibt es eine ganz andere Zielaussage. Wo andere Texte zum aktiven Handeln aufrütteln wollen, stellen unsere Texte heute eine Anforderung, die nicht weniger schwer umzusetzen ist: Zweifel und Skepsis mit Vertrauen aufzuwiegen, damit sie nicht zu Verzweiflung werden; und, genauso wichtig: die Grenze des aus eigener Kraft Machbaren zu entdecken und zu respektieren. Beides gemeinsam bedeutet nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine große Entlastung: Ich darf vertrauen, dass etwas Gutes kommt, und ich muss es nicht allein zuwege bringen.  Niemand aber sagt, dass es einfach wäre. Ganz im Gegenteil: Wer heute in der Pastoral arbeitet, hat nicht die Gelassenheit eines Sämanns, auf die Ernte zu warten. Die nackten Fakten der Statistiken und Umfragen sprechen dagegen. Ebenso der Erfolgsdruck. Aber wie reagieren? Noch mehr Aktivitäten? Noch mehr Debatten? Noch mehr Umstrukturierungen, die unendlich viel Energie binden und Menschen eher abschrecken? Was bedeutet es, heute in einer säkularen und pluralistischen Gesellschaft, in einer zunehmenden Diasporasituation, in der sich Menschen ihren individuellen Glauben selbst zimmern, Glauben zu säen? Vielleicht hilft es, sich auf das zu besinnen, was das Reich Gottes ausmacht und zur Kernverkündigung Jesu gehört. Darüber hat prophetisch ein moderner Märtyrer gesprochen: Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador, ermordet von der Militärdiktatur während einer Messe 1980: „Wir sind Diener, keine Erlöser. Es hilft, dann und wann zurückzutreten und die Dinge aus der Entfernung zu betrachten. Das Reich Gottes ist nicht nur jenseits unserer Bemühungen. Es ist auch jenseits unseres Sehvermögens. Wir vollbringen in unserer Lebenszeit lediglich einen winzigen Bruchteil jenes großartigen Unternehmens, das Gottes Werk ist. Nichts, was wir tun, ist vollkommen. Dies ist eine andere Weise zu sagen, dass das Reich Gottes je über uns hinausgeht. Kein Vortrag sagt alles, was gesagt werden könnte. Kein Gebet drückt vollständig unseren Glauben aus. Kein Pastoralbesuch bringt die Ganzheit. Kein Programm führt die Sendung der Kirche zu Ende. Keine Zielsetzung beinhaltet alles und jedes. Dies ist unsere Situation. Wir bringen das Saatgut in die Erde, das eines Tages aufbrechen und wachsen wird. Wir begießen die Keime, die schon gepflanzt sind in der Gewissheit, dass sie eine weitere Verheißung in sich bergen. Wir bauen Fundamente, die auf weiteren Ausbau angelegt sind. Wir können nicht alles tun. Es ist ein befreiendes Gefühl, wenn uns dies zu Bewusstsein kommt. Es macht uns fähig, etwas zu tun und es sehr gut zu tun. Es mag unvollkommen sein, aber es ist ein Beginn, ein Schritt auf dem Weg, eine Gelegenheit für Gottes Gnade, ins Spiel zu kommen und den Rest zu tun. Wir mögen nie das Endergebnis zu sehen bekommen, doch das ist der Unterschied zwischen Baumeister und Arbeiter. Wir sind Arbeiter, keine Baumeister. Wir sind Diener, keine Erlöser. Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht allein gehört.“

 
Alois Balint
10. Sonntag im Jahreskreis (09.06) - Gedanken zu Mk 3,20-35

Das heutige Evangelium lädt uns ein, das Thema „Familie“ ein bisschen zu untersuchen. Oft gehörte Sprüche alt gewordener Eltern: Es ist schön, wenn mich die Kinder besuchen; es ist genauso schön, wenn sie wieder gehen. Großmutter, Großvater sein macht richtig Spaß, denn für die Erziehung der Enkel habe ich keine Verantwortung. Sobald es schwierig mit ihnen wird, gebe ich sie den Eltern zurück. Viele Menschen fühlen sich nach wie vor in einer Familie beheimatet oder sehnen sich nach ihr. Aber sie wissen genau: Familie schenkt nicht nur Freude. Familie ist auch Last. Blutsverwandtschaft verbindet, Blutsverwandtschaft spaltet. Das hat sogar Jesus spüren müssen. Die Apostelarbeit in der Menschenmenge beschäftigte ihn und die Jünger so, dass sie nicht einmal Zeit zum Essen fanden. Deshalb wollte die Familie Jesu ihn aus der krank machenden Tretmühle herausholen. „Er wird verrückt. Wir müssen ihn zur Vernunft bringen, er soll einmal ausspannen, sonst dreht er noch durch.“ Sind inzwischen, 2000 Jahre später, die Familienverhältnisse besser geworden? Nicht unbedingt. Zwei Millionen Frauen oder Männer ziehen in unserem Land ihre Kinder alleine groß. Drei Millionen Menschen leben in nichtehelichen Lebensgemeinschaften zusammen. Hunderttausende Ehen und Familien brechen jährlich auseinander. Kinder zu bekommen, ist ein Armutsrisiko geworden. Das sind Fakten, an denen man am Sonntag der Hl. Familie nicht vorbeikommt. Die Familie hat im Leben der Kirche einen ganz hohen Stellenwert. Das Ideal einer „heilen Familie“ ist lange sehr hochgehalten worden. Die Kirche stemmt sich gerade in Familienfragen gegen viele neue Entwicklungen, tut sich mit ihnen schwer. Hängt sie da einem Traum nach, der sich längst als Utopie erwiesen hat? Was denken da die Partner, die miteinander im Clinch liegen: die Eltern, die nicht mehr wissen, wie sie mit ihren heranwachsenden Kindern umgehen sollen, oder die Altgewordenen, deren Enkelkinder sich beim Weihnachtsbesuch mehr fürs Smartphone interessieren als für den Opa oder die Oma? Gott sei Dank gibt es auch die andere Seite, immer noch. Die Freude der Großeltern über den ersten Enkel, das Leuchten in den Augen, wenn sie von ihm erzählen. Oder: Eine junge unheilbar erkrankte Frau. Fast jeden Tag war ihre Schwester bei ihr. Sie sprachen über alles, und sie kamen sich so nah wie nie im Leben zuvor. Es waren glückliche Stunden mitten in der Qual, eine Freude mitten im Leid. Oder: Der Vater, der seine drei Kinder nach der schmerzlichen Trennung von seiner Frau allein großzieht, ein Leben mit großen Einschränkungen, oft genug Stress pur, der nicht mehr viel übrig ließ an Kraft und Energie. Aber man kann spüren, wie stolz er auf seine Kinder ist (und ein wenig auch auf sich). Nein, sie ist wirklich nicht rosig, die Lage vieler Familien. Und doch leuchtet immer wieder etwas auf in ihnen, das zum Kostbarsten gehört in unserer Welt: Menschen, unterschiedlichen Geschlechts und Alters, unterschiedlicher Herkunft und Prägung, manchmal auch unterschiedlicher Nation und Religion, leben da auf engstem Raum miteinander. Sie lieben sich, sie streiten sich auch, sie lachen miteinander und weinen, sie verletzen und heilen sich gegenseitig, sie stehen gemeinsam im Kampf des Lebens und erleben dabei Sieg und Niederlage. Sie helfen einander und nutzen manchmal einander aus, sie teilen Freud und Leid. Und wenn es hart auf hart kommt, kann man sich auf sie am ehesten verlassen. Sie teilen das Leben, wie es kommt und ist. Familie ist ein Schmelztiegel des Lebens. Wo sonst wird das Leben ähnlich intensiv erfahren, erlitten und errungen? Familie hat eine große Leuchtkraft, und dieses Licht leuchtet in so vielen Farben, wie es Menschen gibt. Meine Lieblingsgeschichte zum Thema Familie – eine wahre Geschichte: Ein junger Mann von zwanzig Jahren hatte seine Eltern schwer beleidigt und ihren guten Ruf beschädigt. Der Vater, ein Bauer, sagte zum Sohn: Lass dich hier nie mehr blicken! Und wage es nicht, mein Haus je wieder zu betreten! So stark war der Bruch, und der Sohn ging weg, den Tod in der Seele, so zog er davon. Wochen später wurde ihm erst voll bewusst, was er da angerichtet hatte, und er sagte sich: „Ich bin wirklich ein Schuft. Ich muss nach Hause und meine Eltern um Verzeihung bitten!“ Aber er hatte solche Angst, dass sein Vater ihn im hohen Bogen hinauswarf, und so schrieb er ihm einen Brief: „Papa, wirklich, ich habe solchen Mist gebaut, ich versteh mich selber nicht. Ich bitte euch um Verzeihung. Ich möchte so gern zu euch zurück nach Hause, aber ich habe solche Angst, dass du bei deinem Nein bleibst. Wenn du mir verzeihen kannst, dann häng ein weißes Tuch in den Apfelbaum vor eurem Haus – in den letzten Baum der Allee vor eurem Haus.“ Und zu seinem besten Freund sagte der Junge: „Ich bitte dich, begleite mich dorthin. Ich fahre, und 500 Meter vorm Haus übernimmst du das Steuer, und ich sitze neben dir und schließe die Augen. Du fährst die Apfelbaumallee herunter und hältst. Und wenn ich dann das weiße Tuch sehe, stürze ich ins Haus. Wenn kein Tuch da ist, fahren wir weiter, und ich werde nicht mehr zurückkehren!“ Gesagt, getan. Der Wagen rollt durch die Allee auf den letzten Baum zu. Und der Sohn, mit geschlossenen Augen, fragt den Freund: „Nun sag, hängt da das weiße Tuch im Baum?“ Und der Freund antwortet: „Nein, mein Lieber, kein Tuch im letzten Baum ... aber Hunderte davon, längs der ganzen Allee!“ So kann es in Familien zugehen: Streit und Konflikt bis zum Geht-nicht-mehr, und dann: Versöhnung! So sorgenvoll uns vieles stimmen mag, so unverkennbar strahlt uns auch heute das Licht aus vielen Farben entgegen: In der Treue und Liebe vieler Eheleute, die mit ihren Kindern in verlässlicher Gemeinschaft zusammenstehen. In der Tapferkeit, mit der sich Alleinerziehende den Herausforderungen stellen. In der Freiheit und Achtung voreinander, die das Zusammenleben vieler Partnerschaften prägt. In der ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst bei Menschen, deren Beziehung gescheitert ist. Gottes Geist weht, wo er will, und sein Licht leuchtet auch auf aus den zerbrochenen und unvollendeten Formen unseres Lebens. Sein Licht leuchtet uns überall dort entgegen, wo Menschen gut und aufmerksam miteinander umgehen. Denn: Wo Güte und Liebe, da wohnt Gott. Gott schenke und erhalte unseren Familien dieses Licht in allen seinen Farben.

 
Alois Balint
9. Sonntag im Jahreskreis (02.06) - Gedanken zu Mk 2,23-3,6

Wenn Sie die Zeitungen lesen, werden Sie eine überbordende Fülle von Aktions- oder Anlasstagen entdecken. Manche interessant, manche kurios, manche vermutlich mehr als überflüssig. Und dazwischen immer wieder das eine oder andere echte Schätzchen, auf das die Welt vielleicht gewartet hat. Der „Sag-etwas-Nettes-Tag“ am 1. Juni zum Beispiel, oder der „Internationale Weltfahrradtag“ am 3. Juni. Und genau zwischen diesen beiden Anlässen begeht man am 2. Juni in den USA den „National Leave the Office Early Day“. Keine Sorge: Fällt der 2. Juni auf einen arbeitsfreien Tag, wird er am nächsten regulären Werktag nachgeholt. Die Idee zu diesem Tag geht auf Laura Stack zurück, eine Produktivitätscoach. Und so ist es vielleicht nicht überraschend, dass es beim „Leave the Office Early Day“ nicht ums Blaumachen geht, sondern um Produktivitätssteigerung: Jeder Einzelne – oder auch das Team – soll das Tagespensum besser organisieren oder schneller erledigen. Also Arbeitszeit einsparen, um früher als üblich Feierabend zu machen. Freizeit als Belohnung für Effizienz. Und hier liegt der gravierende Unterschied zum Sabbatgebot, an das Mose das Volk im Lesungstext erinnert. Nicht Effizienz steht hier im Hintergrund, sondern Freiheit! „Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich dein Gott von dort herausgeführt hat.“ Das Sabbatgebot lässt sich nicht verkürzen heutzutage auf die Sonntagspflicht im Sinne des Kirchgangs. Es ist kein biblisch vorgedachter „Leave the Office Early Day.“ Und es ist auch nicht die kleine Auszeit – sondern vielmehr die große innerliche Freiheit. Heute, der 9. Sonntag im Jahreskreis, ist ein eher „seltener Gast“ im Kirchenjahr, in den letzten rund zwanzig Jahren kam er nur zweimal zur Geltung. Mit dem 9. Sonntag im Jahreskreis beginnt die Reihe der Sonntage im Jahreskreis, die in diesem Jahr ungewöhnlich lang ist. Sie umfasst ziemlich genau sechs Monate – es ist ein Glücksfall, dass am Beginn dieser langen Reihe von Sonntagen der Sonntag steht, der sich auch mit der Bedeutung des Sonntags beschäftigt. Gucken wir gemeinsam ein bisschen aufmerksamer, was der „Tag des Herrn“ für uns bedeutet. Der Sonntag gehört zur DNA des christlichen Glaubens. Seit über 1.700 Jahren. Seit Kaiser Konstantin den Sonntag im Jahr 321 per Edikt als arbeitsfrei erklärt hat. Ich habe mal im Religionsunterricht gefragt: Warum feiern wir Christen Sonntag, und nicht Freitag wie die Muslime oder Samstag wie die Juden? Warum Sonntag? Erstaunlicherweise konnte mir niemand die Antwort geben; nicht einmal die Religionslehrer: Weil Jesus an einem Sonntag auferstanden ist. Deshalb ist dieser Tag Christen besonders wichtig. Ist er das? Ist er das noch? Darüber ließe sich sicherlich vieles sagen, ich möchte Sie nur auf einen kleinen Akzent hinweisen, vielleicht bleibt er Ihnen über den Sonntag hinaus in dieser Woche im Gedächtnis. Wenn wir uns gegenseitig ein „Schönes Wochenende“ wünschen – am Freitagnachmittag, in der Schule, am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen, dann ist dieser freundliche Gruß aus christlicher Sicht nur halb richtig. Denn korrekt müsste der Wunsch lauten: „Ein schönes Wochenende“ UND „einen gesegneten Wochenbeginn“. Denn für den Christen ist der Sonntag der erste Tag der Woche („feria prima“ wie die Römer in der Zeit der Antike ihn genannt haben) anders als es heute in Deutschland geregelt ist. In unserem Land gilt seit dem 1. Januar 1976 die DIN 1355-1, verabschiedet vom Deutschen Institut für Normung, die den Montag als ersten Wochentag festlegt. Vorher galt die DIN 1355 von 1943, die den Sonntag als Wochenbeginn vorsah. International wird der Montag als Wochenanfang durch die ISO 8601 festgelegt – verabschiedet durch die Internationale Organisation für Normung 1975. Das hört sich schon ziemlich skurril und bürokratisch an – und ist es überhaupt wichtig, an welchem Tag die Woche beginnt? Ich glaube, dass es so ist, weil sich, wenn wir den Sonntag bewusst als ersten Tag der Woche wahrnehmen, unsere Einstellung und unser Empfinden ändern. Wenn wir die Woche mit der Feier der Auferstehung Jesu und mit dem Gottesdienst beginnen, kann das die folgenden Tage auch prägen! Alles geschieht im Wissen um und im Licht von Gottes Gnade und Liebe. Wenn wir die Woche mit einem Ruhetag beginnen, kann uns das vor Augen halten, dass die Arbeit nicht das Wichtigste im Leben ist. Der Sonntag soll den Takt unseres Lebens angeben, nicht der Montag. Dafür ist es aber notwendig, dass der Sonntag seinen besonderen Charakter als Ruhetag behält oder wieder zurückgewinnt. In den letzten Jahren ist er immer weiter ausgehöhlt worden, weil in immer mehr Branchen Sonntagsarbeit stattfindet und zugleich die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage zugenommen hat (sehr schlechtes Beispiel ist unser Nachbarland). Die „Europäische Sonntagsallianz“, ein Zusammenschluss von kirchlichen, religiösen und gewerkschaftlichen Gruppierungen, setzt sich dagegen für einen grundsätzlich arbeitsfreien Sonntag ein. Dieses Vorhaben kann jede und jeder unterstützen, indem der Sonntag geheiligt wird. All das mag interessant sein, aber jemand könnte auch denken: Naja, was hat das alles mit dem heutigen Evangelium zu tun? Mich berührt ein Satz ganz besonders: „Jesus ist voll Zorn und Trauer“. Selten ist in der Bibel so deutlich von Emotionen Jesu die Rede, noch dazu von eher schwierigen. Jesus ist zornig über seine Gesprächspartner, die Pharisäer. Jesus wird traurig über das verstockte Herz der Juden, d.h. er ist verletzt, betroffen und enttäuscht. Wie gut, dass Jesus kein „unbewegter Beweger“ ist, wie sich die Theologie über längere Zeit Gott vorgestellt hat. Nein, er lässt sich bewegen und an diesem Punkt kann er sogar über seinen Schatten springen: Er verheddert sich nicht in den Kontroversen mit den Pharisäern; sondern er verliert den Mann mit der gelähmten Hand nicht aus den Augen. Trotz Zorn und Trauer wendet sich Jesus dem zu, der noch Erwartungen und Sehnsucht hat. Und nicht nur das: Er lädt den Mann ein, sich in die Mitte zu stellen und die Hand auszustrecken. Und er heilt ihn. Ich möchte von Jesus lernen, auf meine Emotionen zu hören – ob sie nun „schön“ sind oder nicht. Ich möchte auch von Jesus lernen, das, was wirklich wichtig ist, in die Mitte zu stellen. Und ich möchte von Jesus lernen, Erwartungen und Sehnsüchte sehr ernst zu nehmen. So wie den Sonntag, den Tag des Herrn, für einen gesegneten Wochenbeginn.

 
Alois Balint
 
Fronleichnam (30.05) - Gedanken zu Mk 14,12-26

Das Fronleichnamsfest hat sich gewandelt wie die Welt, in der wir leben. Manche trauern der alten Festlichkeit nach. Ich kann das gut verstehen. Doch wir wollen unseren Glauben feiern mitten in unserer heutigen Welt, nicht in der gestrigen. Manche können mit diesem Fest und seiner Tradition nichts mehr anfangen. Auch ich habe meine Schwierigkeiten mit diesem Fest und suche einen Weg, wie ich es ehrlich feiern kann. Der Abschnitt aus dem Markusevangelium hilft mir dabei. Das letzte Abendmahl Jesu, dessen wir heute gedenken, das wir mit ihm feiern wollen, lag zwischen dem Jubel des Palmsonntags und dem Leid des Kreuzwegs. Früher war das Fronleichnamsfest wohl näher dem Palmsonntag, heute näher dem Karfreitag. Der Blick auf unsere Welt lässt uns den Atem stocken: so viel Krieg, Terror, Elend, Leid und Gewalt, so viel sinnlos vergossenes Blut, Reichtum auf Kosten der Armen, Arbeitslosigkeit und wachsende Not auch bei uns, dann die Fragen und Zweifel, die Angst in meinem eigenen Herzen. Da ist nicht Platz für lauten Jubel und triumphalistisches Gehabe der Kirche. Aber da ist Platz für Jesus, der dem Abendmahl und allem, was darauf folgen sollte, nicht ausweicht, der es mitträgt, entschlossen, wenn auch nicht ohne Angst. Der sich nicht in die Resignation, nicht in Hass und Gewalt treiben lässt. Er fasst seine ganze Liebe zu den Menschen in diesem Mahl zusammen, das er mit seinen Jüngern feiert. Es ist das Paschamahl, das erinnert an den Auszug der Juden aus der Sklaverei Ägyptens. Es ist das Mahl der Befreiung für alle Unterdrückten - auch heute. Es ist das Mahl des Bundes, für dessen Erneuerung er sein Leben hingegeben, sein Blut vergossen hat. So wird er auch uns nicht fallen lassen. Es ist das Mahl, das er den Reichen und Frommen zum Trotz mit den Armen und Kleinen, den Zöllnern und Sündern gehalten hat, um ihnen zu zeigen, dass Gott neue Gemeinschaft mit ihnen will. Viele Armen und Kleine sehen darin ein Zeichen ihrer Hoffnung auf Leben und Zukunft. Mit ihnen dürfen auch wir uns eingeladen wissen. Es ist das Mahl Jesu mit seinen Jüngern, den kleingläubigen und feigen, die ihn auf dem Kreuzweg verlassen. So dürfen auch wir mit unseren Fragen und Zweifeln, mit unserem vielleicht zögernd gewordenen Glauben hinzutreten. Dieses Mahl ist nicht die Belohnung für die Frommen und Guten,sondern Mahl der Stärkung für alle, die sonst unterwegs zu erliegen drohen. So kann es auch unser Mahl werden. Wir feiern dieses Mahl in der Öffentlichkeit unserer Stadt, weil wir das, was alle Menschen angeht, nicht hinter Kirchenmauern verstecken dürfen. Wir feiern es über die Grenzen unserer Gemeinde hinweg, das wird sichtbar in den mitfeiernden Gläubigen und Priestern aus Frankreich, weil es uns mit allen zusammenschließt, die auf dieser Welt die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Wenn wir das verwandelte Brot in der Monstranz gleich zu unserer Kirche tragen, dann machen wir damit unseren Glauben deutlich, dass unsere Welt und unsere Straßen nicht gottverlassen sind. Wir leben nicht mehr in einer christlichen Gesellschaft. Unsere Welt ist weltlich geworden. In dieser Welt sind wir unterwegs und bekennen unseren Glauben, demütig, voll Vertrauen, dass der Herr mit uns unterwegs ist. Fronleichnamsfest drückt aus: Vor den Augen der Welt und mit offenen Augen für die Not in dieser Welt folgen wir Jesus und seinem Leben. Denn wir selber leben von seiner Hingabe für uns. Da ist Grund genug, zu feiern und zu danken.

 

Alfred Pummer
Dreifaltigkeitssonntag (26.05) - Wegweisung zum Hochfest

Unsere Dreifaltigkeitslehre ist ein kompliziertes Konzept für das Gespräch mit Mitgliedern anderer Religionen. Sie denken meistens, dass wir von drei Göttern reden. Am Ende sollten die unterschiedlichen Gottesbilder im Gefühl wieder zusammenkommen. Aber genau das ist das Problem, dass die (drei) „Bilder“ solche Gefühle überhaupt erst erzeugen. Die gesamte Bandbreite von großer Angst vor Gott bis zu tiefer Liebe – alle diese Varianten sind möglich.

Wer ist eigentlich der/die/das Höchste unter ihnen:

• der Heilige Geist, aus dessen Gedanke alles entsteht;

• Gott Vater, dessen Schöpferkraft alles umsetzt;

• oder Jesus, der die Verbindung zwischen beiden und uns Menschen ist?

Es gibt vielleicht nur zwei Möglichkeiten, mit den unterschiedlichen Vorstellungen von Gott und von der Welt umzugehen:

1. Alle Menschen zu einer einheitlichen Vorstellung zu „missionieren“.

2. Alle Menschen achten die unterschiedlichen Vorstellungen und Zugänge und fühlen sich durch von der eigenen Sichtweise abweichende Vorstellungen weder bedroht noch gestört.

Ich bin überzeugt, dass Gott die 2. Variante bevorzugt. Vor allem, weil wir alle nur über sehr begrenzte Geistesfähigkeiten verfügen und damit Bescheidenheit und Demut angesagt wäre.

Es liegt in der Natur der Sache, dass keine einfache, gemeinsame Gottesvorstellung möglich ist. Verschiedenheit ist Gottes „Methode“, einen schönen Planeten zu schaffen. Vielfalt ist seine Handschrift, vom Mikro bis zum Makrokosmos. Wir hätten niemals auch nur annähernd für alle Facetten Gottes in unserem Hirn Platz. Oft sind wir schon von den dreien, die uns mehr oder weniger vertraut sind, überfordert. Im Wettstreit zwischen Alltag und theologischen Theorien setzt sich bei mir der Alltag durch. Und ganz einfache Denkstrukturen erleichtern mir das Leben zusätzlich.

Ich vertraue darauf, dass meine Gebete von allen „Seiten“ („Facetten“) Gottes gleichzeitig gehört werden. Vielleicht antwortet ER/SIE unterschiedlich – im wahrsten Sinne des Wortes „vielfältig“ – darauf. Etwa so: Vom Heiligen Geist erhalte ich die Idee zur Lösung eines Problems, von Gott die Schöpferkraft und von Jesus die Orientierung auf bedingungslose Liebe.

Vieles findet sich auch in den „99 schönsten Namen Gottes“ des Islam. Um die Ängste zu besiegen, müssen wir uns einfach gegenseitig oft zuhören beim Erzählen ... von Gott.

 

Elisabeth Ziegler-Duregger

6. Sonntag im Jahreskreis (11.02) - Fastnachtsonntag

Am Fastnacht-Sonntag erwarten viele eine Büttenpredigt oder mindestens etwas Witziges. Darf man so etwas in der Liturgie?  Die Ernsthaftigkeit der Liturgie, des gottesdienstlichen Feierns, hat ihre Begründung in ihrem Wesen: Das würdige Feiern von Gottesdiensten aller Art, nicht nur der Messfeiern, verbindet Gott und Mensch und spricht, wenn man so will, Gott und Mensch in ihrer Ganzheit an. Beim Menschen heißt das, dass Verstand und Gefühl, Hirn und Herz, seine Seele wie auch seine Körperlichkeit hineingenommen werden in die Liturgie. Deswegen können wir sagen: OK, „lustig sein“ gehört auch dazu. Es mag wahr sein, aber ist nicht Ziel und Pflicht der Kirche Leute zu belustigen. Kirche „überlebt“ durch den Heiligen Geist, der sich in ihren Grundvollzügen zeigt: Wird Nächstenliebe (Diakonia) nicht mehr mit ihrem Glaubensgrund verbunden, ist sie „nett und schön“, aber nicht mehr christlich verortet. Ich weiß nicht warum: Wir haben über die vergangenen Jahrzehnte eine einzigartige Wendung in der Theologie genommen, die den Menschen in das Zentrum stellt. „Christus gestern. Christus heute. Christus in Ewigkeit“ – schöner Slogan…das ist aber in diesem Sinn kein politisch korrekter Titel für Katholikentage mehr, oder was meinen Sie? „Zukunft hat der Mensch des Friedens“, so ist der diesjährige Katholikentag in Erfurt (29.05 – 2.06. 2024) überschrieben. Dieses Psalmenwort (Ps 37) ist tief und sehr gut gewählt und wird in eine friedlose Welt gesprochen. Ich lade Sie ein: Lesen Sie aber auch den ganzen Psalm 37, dort finden Sie zahlreiche Verse, welche die Verbindung zwischen Mensch und Gott ansprechen, z.B. hier: „Wenn ein Mensch seinen Weg zielstrebig gehen kann, dann verdankt er das dem Herrn, der ihn liebt“ (Ps 37,23). Noch einmal: Zentrales Thema muss Gott sein, lassen wir die Hauptsache, Hauptsache bleiben. Kehren wir aber zu unserer Frage zurück: Darf in der Liturgie Lustiges vorkommen? Es erinnert an die Frage in Umberto Ecos Buch „Der Name der Rose“, ob Jesus gelacht habe oder nicht. Es würde etwas Wesentliches der menschlichen Natur ausgeschlossen, wenn man Humor weglassen würde. Freilich sind Ironie und nicht ernstgemeinte Beiträge nicht jedem zugänglich, Sarkasmus und Zynismus haben darüber hinaus verletzende Komponenten. Das widerspricht dem christlichen Grundauftrag des Stärkens und Aufbauens – auch in der Liturgie. Gott erhöht den Menschen und holt ihn in seine Nähe, nicht um ihn zu verletzen oder zu vernichten, sondern um ihn wiederherzustellen. Lächeln, Lachen, Klatschen, Freude – all das sind Formen des „Erhebet die Herzen“ (nicht die einzigen natürlich)! In deutschsprachigen Gemeinden sind wir meist weit davon entfernt, etwas „auf die leichte Schulter“ zu nehmen. Oft genug spiegelt – angesprochen auf die Stimmungslage in der Kirche – eine bierernste Grundverfassung das, was die Herzen der Gläubigen schwer macht. In diesem Sinn darf und soll Platz sein in der Liturgie, das Herz leichter werden zu lassen. Hier spielt aber noch eine Frage eine entscheidende Rolle: Glauben wir, dass Gott wirksam ist? Und wenn ja: Auch außerhalb der für ihn terminierten Zeit eines Tages bzw. Sonntag einmal pro Woche? Ist Ihnen nun das Lachen vergangen? Ich hoffe nicht. Fröhliche – erlöste – Menschen sollen wir augenscheinlich sein, dann sind wir Zeugen in der Welt. Am Ende unserer irdischen Lebensreise erhoffen wir uns den Zustand der ungebrochenen Glückseligkeit, den wir Himmel nennen. Es wäre seltsam, wenn wir auf dem Weg dorthin nicht Glücksmomente, Freude und Fröhlichsein erleben und miteinander teilen sollten. Im christlichen Grundvollzug der Liturgie ist diese Kreativität zu prüfen, inwieweit sie auch gerade zum Lob Gottes oder alleinig zur Freude der Menschen eingebracht wird. Beides gehört ja zusammen. Dann könnte die Begegnung zwischen einem Mediziner und einem Pfarrer doch etwas Realistisches haben, wenn der Arzt den Pfarrer bittet: Bewahren Sie mich davor, dass ich in die Hölle komme! Und der Pfarrer augenzwinkernd antwortet: Bewahren Sie mich erstmal davor, dass ich in den Himmel komme!  Ja, liebe Gemeinde, selbstverständlich dürfen und sogar sollen wir mal auch fröhlich sein, das soll so laufen wie auf den französischen Flaschen geschrieben steht „consommez avec modération“, mit Vorsicht konsumieren, das heißt mit Maß und Dezenz. Hellau!

 Alois Balint
5. Sonntag im Jahreskreis (04.02) - Gedanken zu Mk 1,29-39

Ein bisschen in Fastnachts-Stimmung habe ich für Sie einen blöden Witz. Ein Witz nach dem Evangelium ist immer blöd. Wahrscheinlich ist er auch bekannt: Warum hat Simon-Petrus Jesus verraten? Weil er seine Schweigermutter geheilt hat … Das Evangelium erzählt uns aber, dass Petrus und Jesus und noch einige dazu plötzlich dastehen und essen wollen. Die Gastfreundschaft im Nahen Osten ist wichtig wie der Sauerstoff. Wir kennen nicht alle Details, aber es scheint eine typische Männer-Geschichte zu sein: Sie haben nichts mitgebracht oder sind nicht fähig, diesmal etwas schnell vorzubereiten. Selbstverständlich müsste etwas passieren: Die Schwiegermutter, die hohes Fieber hatte, wird geheilt; und nachher diente sie ihnen. Kaum ist sie aus dem Bett, kocht sie schon für mindestens 5 hungrige Männer, für Jesus und seine Jünger, darunter den Schwiegersohn. Kocht und bedient und trägt auf – und hat auf einmal wieder Kraft dazu. Eine feministische Bibelauslegerin löckt wider den Stachel und lässt die Schwiegermutter sagen: „Ich sehe schon, ihr wollt, dass ich aufstehe und mich hinter den Kochtopf stelle. Aber ich werde euch lehren, Frauen als Dienstboten zu behandeln! Ich bleibe lieber im Bett!“ Da ging die Sonne unter, und alle mussten an jenem Abend aus Konservendosen essen. Nein, so ging es bestimmt nicht zu bei Jesu Hausbesuch. Schließlich war ja auch noch die Frau des Simon Petrus da. Nur an dieser Stelle in der Bibel erfährt man, dass Petrus, der spätere erste Papst, verheiratet war. Und die anderen Jünger wohl auch. Und man fragt sich, wie die das gleichzeitig leben konnten: ihr Apostelsein („Geht hinaus in alle Welt!“) und ihre Ehe, inklusive Schwiegermutter. Merkwürdig: Über diese Frauen sind viele Witze im Umlauf. Über Schwiegerväter allerdings kein einziger! Es gibt das Klischee: Schwiegermütter seien drachenartige Wesen, mischten sich ein in die jungen Ehen der Söhne und Töchter, mit misstrauischen Argusaugen überwachten, kontrollierten, kommentierten sie alles, nichts sei ihnen gut genug! Es wird nicht miterzählt, dass Schwiegermütter auf die Kinder aufpassen, immer wieder aushelfen und oft ziemlich unentbehrlich sind. Und dass ihre Augen nicht nur misstrauisch, sondern sehr liebevoll gucken können. Zurück zu Simon Petrus und seiner Schwiegermutter. Hatten die ein entspanntes Verhältnis? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ihre Tochter, die Frau des Petrus, wird vielleicht der Mutter in den Ohren gelegen haben: „Hat Simon vergessen, dass er Familie hat? Ständig ist er weg. Kaum noch bei den Booten am See. Kaum noch bei uns zuhause. Immer hinter diesem Jesus her. Der macht sie alle verrückt mit seinen Reden vom Reich Gottes! Der setzt ihnen Flöhe ins Ohr. Und Simon kriegt nicht mehr mit, dass die Vorratskammern zu Hause fast leer sind und wir ohne meine Webarbeiten pleite wären!“ Ein Groll kocht hoch in der Frau, und die Mutter kocht mit. Und Jesus – der wird so langsam zur Reizfigur. Nun kommt Jesus in diesen Tagen vorbei in Kafarnaum, mit seinen Jüngern. Er macht dort Station und Besuche. Die Schwiegermutter flüchtet sich ins Fieber. So drückt sich ihre Aversion gegen Jesus aus. Der macht uns alle krank, denkt sie, mit seinen Träumen und Visionen. Der bringt unsere Familie durcheinander. Und dann kommt es ganz, ganz anders! Wenn Jesus kommt, ändert sich alles. Eine frustrierte Schwiegermutter findet aus ihrem Groll heraus – und wird gesund. Jesus macht nicht krank, sondern heil. Wie das? Der Jesus vom Hörensagen tritt ihr erstmals vor Augen. Er erscheint ihr wohl so, wie es der Musiker Peter Janssens in einem jetzt schon fast alten Lied ausdrückt – die ersten Strophen davon:

  1. Eines Tages kam einer, der hatte einen Zauber in seiner Stimme, eine Wärme in seinen Worten, einen Charme in seiner Botschaft.

  2. Eines Tages kam einer, der hatte eine Freude in seinen Augen, eine Freiheit in seinem Handeln, eine Zukunft in seinen Zeichen.

  3. Eines Tages kam einer, der hatte eine Hoffnung in seinen Wundern, eine Kraft in seinem Wesen, eine Offenheit in seinem Herzen. Usw.
    (Liederbuch „Kreuzungen“ N° 107)

Die Schwiegermutter ist dem Jesus dann wahrscheinlich nicht gefolgt, sie ist zu Hause geblieben. Aber sie kann jetzt wohl wirklich verstehen, was ihren Schwiegersohn umtreibt und bewegt. Kafarnaum kann ihn nicht mehr halten, die Weite Gottes wird jetzt sein Zuhause. Eine Berufung durch Gott, eine Aufgabe! Das ist sein Dienst: Petrus zu werden, ein Fels, auf den sich aufbauen lässt. Und die Schwiegermutter fängt sicher auf ihre Weise auch an „zu dienen“, da zu sein für andere, über den Familienkreis hinaus. Über Kochtöpfen und Gemüse-schneiden wächst ein großer Dienst, der die Menschen zusammenhält. Wie allerdings die Vorratskammern im Hause Simon wieder voll wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Eine Sache ist aber sicher, denn so steht es in der Bibel: Es war voll Gnade und Wahrheit!

Alois Balint
4. Sonntag im Jahreskreis (28.01) - Gedanken zu 1 Kor 7,32-35

Es führt kein Weg daran vorbei: Der heutige Lesungstext passt nicht wirklich in unsere Zeit. Vor einer Woche hatte ich ein kleines Gespräch mit der Person, die den Lektorendienst übernommen hat. Wir waren schnell einig: heute lassen wir die 2. Lesung weg; es stand drin: „wer eine Frau hat, soll sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine; die Zeit ist kurz, usw.“ Ich habe den Mut (und eigentlich die Pflicht) diesen Ausschnitt aus dem ersten Korintherbrief weiter lesen zu lassen. Heute geht es heftig weiter: Besser unverheiratet als verheiratet – egal ob als Mann oder Frau. Denn wer verheiratet ist, muss sich mehr um den anderen sorgen als um Gott. Sind Sie Single? – Dann herzlichen Glückwunsch! Sie haben fette Pluspunkte bei Gott gewonnen, zumindest, wenn man Paulus wörtlich nimmt: Verheiratete hätten keine Zeit für Gott. Der Blick in die heutige Realität zeigt aber, dass bekennende Singles nicht zwingend die besseren Christinnen und Christen sind: Mindestens genauso oft denken sie zu allererst an sich selbst, wollen sich selbst verwirklichen und haben was Besseres vor, als an Gott zu denken. Hier kann man nicht pauschalisieren. Ist Paulus also widerlegt in seinen antiquierten und engstirnigen Ansichten? Machen wir hier einen Schnitt, nähern wir uns dem Thema von einer anderen Seite: Verlassen wir doch einfach mal unsere Kirchenbänke und gehen raus! – selbstverständlich gedanklich. Sie können sogar die Augen schließen. Begeben Sie sich auf die Straße, auf Ihren Nachhauseweg. Sie begegnen Menschen, die Sie kennen. Nach einem freundlichen Grußwort sprechen Sie vielleicht eine Einladung aus, mit in die Kirche, in unseren Gottesdienst zu kommen. Was passiert? Jetzt geht’s los: Sie erfahren eventuell Ablehnung, böse Kommentare, verlegene Ausreden. Oder sogar Überraschung, vielleicht sogar die Freude darüber, dass Kirche unmittelbar auf Menschen zugeht? Denn SIE sind jetzt plötzlich Kirche, ein Teil von dem, was Kirche ausmacht. Sie sind jetzt – ob Mann, Frau, verheiratet oder nicht, Kind, Jugendlicher – Botschafter, Einlader, Gastgeber, Türöffner, Spender, Schüler der Liebe Gottes. Das nenne ich mal Multitasking, genauer gesagt: christliches Multitasking! Und was hat nun dieser Exkurs mit Paulus zu tun? Der berühmte Apostel scheint auf den ersten Blick ja ein erklärter Gegner des Multitaskings zu sein, wenn er sagt: Verheiratete haben nur Augen und Zeit für sich, da bleibt nichts übrig für Gott. Er hätte auch sagen können: Eltern haben nur Sinn für ihre Kinder und deren Erziehung, oder – noch mehr ins Heute gesprochen – Berufstätige denken immer nur an den Job. Was Paulus hier etwas einseitig exemplarisch verdeutlichen will, ist – wie ich denke –, dass sich der Mensch auf nur eine Sache konzentriert: darauf, seinem Schöpfer, Gott allein zu dienen. So weit, so gut. Aber jetzt kommt es auf das WIE an! Wie kann/muss ich Gott dienen? Mich auf Gott, meinen Schöpfer zu konzentrieren, das geht sogar nur mit christlichem Multitasking: In meiner, auch tätigen, Liebe zu mir selbst und zu meinem Nächsten; indem ich mit den Menschen, die mich umgeben – Familie, Bekannten, Nachbarn, Kollegen, – ins Gespräch komme über Gott und seine Liebe zu uns und diese Liebe weitergebe. Dabei ist es natürlich egal, ob ich verheiratet bin oder Single, Mann oder Frau. Was ich tue, darf nur nicht zum Selbstzweck verkommen. So betrachtet ist das, was Paulus sagt, zwar ein sehr verengendes, irreführendes und unglückliches Beispiel, aber keine Fessel, sondern ein Wegweiser. Sind Sie verheiratet? – Dann herzlichen Glückwunsch! Sie haben auch fette Pluspunkte bei Gott gewonnen, zumindest, wenn Sie Ihre Ehe in der Liebe Gottes leben.

 Alois Balint
3. Sonntag im Jahreskreis (21.01) - Hug Day

Was haben der italienische zeitgenössische Künstler Cesare Catania, der Fußballtrainer Jürgen Klopp und der ehemalige US‐Präsident Barack Obama gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Und doch: Sie sind zu den „am meisten zu knuddelnden Personen“ gewählt worden: Obama 2009, Klopp 2017, Catania 2023. Vielleicht fragen Sie sich, was dieses spezielle Wissen hier zu suchen hat? Nun, Heiligengedenktage und kirchliche Feste gibt es in großer Zahl. Darüber hinaus erfreuen sich aber auch weltliche Gedenktage einer wachsenden Beliebtheit. Prominente Beispiele sind Halloween (31. Oktober), der Black Friday (Freitag nach Thanksgiving,  und – halten Sie sich fest – der Weltknuddel‐ oder Weltkuscheltag am 21. Januar. Das „Halten Sie sich fest“ meinte der Begründer dieses Tages schon ziemlich real: Der US‐Pastor Kevin Zaborney führte diesen Tag ein und legte ihn bewusst auf die Mitte zwischen Weihnachten und Valentinstag (14.02). Dann, wenn sozusagen der „Halt“ von Weihnachten verschwunden und das „Sich‐Halten“ der Verliebten noch nicht spürbar ist, sollen freundschaftliche Umarmungen helfen. Der „International Hug Day“, der Tag der Umarmung/des Knuddelns/des Kuschelns, fand interessanterweise schnell Verbreitung – nicht nur in den USA, sondern weltweit. Und natürlich fand er auch seine Persiflage: Das unangekündigte Umarmen von wildfremden Personen störte am 21. Januar immer wieder das, was der Begründer Zaborney eigentlich wollte: den nächsten Angehörigen und Vertrauten näher kommen. Für den Menschen in seiner leiblichen Verfasstheit sind Umarmungen hilfreich und bedeutsam. Berühren und Berührtwerden gelten seit biblischen Tagen buchstäblich als wunderbar und notwendig. Keine Angst: Sie müssen den Welt‐Umarmungs‐Tag nicht in der Liturgie umsetzen. Der freundliche Friedensgruß durch Handschlag (oder mindestens in Corona‐Zeiten durch nettes Zunicken) muss nicht am 21. Januar Umarmungen weichen. Vielleicht kennen Sie ja auch Ihren Nachbarn, Ihre Nachbarin in der Kirchenbank nicht, die mit Ihnen jetzt Gottesdienst feiert. Und vielleicht will er/sie ja auch lieber etwas zum Evangelium, oder zur Tagesheiligen Agnes hören und nicht gleich die Welt umarmen. 

Drei Gedanken nehme ich persönlich aber mit.Erstens: Es gibt den Einen, der die Welt umarmt und weiterhin liebevoll hält. Ihm dürfen wir in den Armen liegen, ihm dürfen wir sogar in die Hände fallen – und es wird gut ausgehen für uns Menschen. Zweitens: Hand aufs Herz: Wie sehr feiern wir eigentlich Gottesdienst „ohne Rücksicht“? Sehen (und ich meine hier ein tieferes „Sehen“!) wir unseren mitfeiernden Nachbarn denn? Nehmen wir über die Zeit in der Kirche denn im „Gottesdienst des Alltags“ unsere nächsten Verwandten und Familienangehörigen in ihren Nöten wahr und nehmen uns ihrer an? Drittens: Der Sprung von kirchlicher Liturgie in weltliche Rituale hat ein großes Gefälle. Gottesdienst und menschliche Umarmung sind zwei Welten. Aber es gibt Brücken. Und diese Brücken sind wir Menschen. Gott zu lieben, den Nächsten zu lieben wie sich selbst – das ist nicht nur etwas für den „Hug Day“, für den Gedenktag der heiligen Agnes, des heiligen Meinrad und des Weltkuscheltages. Es ist und bleibt gelebter Glaube.

 Alois Balint