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Fastenzeit 2025

18.04.25 - Karfreitag - Gedanken zu Joh 18,1-19,42

In einem Gedicht, das Nelly Sachs nach dem 2. Weltkrieg geschrieben hat, spricht sie über „die Berufung des Herzens, WUNDE zu sein“. Wir kann man so etwas verstehen? Die Berufung des Herzens, Wunde zu sein – ein schwer verständliches Wort. Und doch, jede und jeder von uns kennt die Wunden des Herzens, wir erleiden sie jeden Tag, kleine und große Wunden. Körperwunden. Herzwunden. Ist es eine Berufung, Wunde zu sein? Eine Berufung des Herzens? Es ist sehr schwer, wenn nicht unmöglich, mit einem „ja“ oder “nein“ zu antworten. Schon ein Kind, das sich beim Spielen verletzt hat und mit blutendem Knie nach Hause kommt, muss die grundlegende Erfahrung machen: Ich bin verwundbar. Mein Körper, das geniale Kunstwerk aus Zellen, Organen, Blutbahnen, Muskeln, Sehnen und Nervenzellen, ist angreifbar und ich muss gut auf ihn aufpassen. Meine Seele ist vielleicht noch verletzlicher als mein Körper: Vieles setzt ihr zu: Ängste, Liebeskummer, Verlassenheit, Trauer, Enttäuschungen, Verluste. Aber nicht nur ich allein bin verwundbar, wir sind es alle und wir sind es auch als Gesellschaft, als Kirche, als Menschheit. Mehr noch: Wie wohl zu keiner Zeit vor uns wird uns heute bewusst: sogar unsere Erde ist verwundbar. Am allermeisten aber sind wir in der Liebe verwundbar. Dort, wo wir uns berührbar machen. Wo wir beglückende Begegnung suchen. Dort tut es uns am meisten weh, wenn wir verletzt werden. Gestatten Sie mir noch eine wichtige Frage: Ist es nur Unglück, dass wir verwundbar sind? Ist es nicht auch unsere Chance? Ich möchte um Gottes willen kein gefühlloser, herzloser Apparat sein. Wir wollen es alle: fühlen und empfinden, Freude und Schmerz, Glück und Trauer. wir wollen mitfühlen, trösten, über die Wange eines weinenden Kindes streichen, den Freund am Grab seines Vaters in den Arm nehmen, eine Nacht am Bett einer Sterbenden sitzen. Ist nicht das Mitgefühl eines unserer größten Talente? Ich finde, eine der schönsten Stellen im ganzen Neuen Testament steht in der Johannespassion – wir haben sie eben gelesen: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte Jesus zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,25-27) Wie kann ein Mensch blutüberströmt und schmerzverzerrt in der letzten Stunde seines Lebens um die Zukunft und das Wohl zweier Menschen besorgt sein und sie einander anvertrauen? Es ist dies keine Fußnote in der Bibel. Der Gekreuzigte zeigt, worin die Heilung unserer Wunden besteht: in der Liebe, in der Ganzhingabe. Wir bringen heute am Karfreitag unsere Wunden mit. Die körperlichen Leiden einer angeschlagenen Gesundheit, den Liebeskummer und die Verletzungen in unseren Beziehungen, das Leid unserer Erde, die Not der Menschen in den Kriegsgebieten. Der am Kreuz kennt unsere Wunden. Mehr noch: er trägt sie mit uns. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (sagte Paulus im Röm 6,11). Gewiss fragen wir uns, ob Gott keinen anderen Weg hatte, die Welt zu heilen und uns zu erlösen als diesen grausamen Tod am Kreuz. Gewiss hatte er viele Wege, aber er ging den Weg der Liebe. Er ging den Weg, unsere Wunden auszuhalten und Gewalt in Liebe zu verwandeln. Jesus weicht der Wunde der Menschheit nicht aus, stattdessen macht er sie zu SEINER Wunde und hält sie aus. Vielleicht wird unsere Welt ein Stück besser und heiler, wenn wir aus dem Modus des Klagens und Anklagens herausfinden in den Modus des Mitfühlens und Mittragens. Ein Anfang mag darin liegen, dass wir in den Großen Fürbitten heute am Karfreitag unsere Wunden und die Wunden der Welt vor Gott bringen. Wir bitten den gekreuzigten Jesus, uns zu helfen, unsere Charismen neu zu entdecken und zu leben: die Charismen des Mitdenkens, Mitleidens, Mitfühlens und Mittragens. Unter dem Altar, liebe Gemeinde, steht heute ein Kreuz, das hinter einer Weltkugel befestigt ist. Als einmal eine Schulklasse die Kirche besuchte, fragte ein Junge die Lehrerin ganz ernsthaft: „Was bedeutet denn das Pluszeichen da über der Kugel?“ Der kleine Mathematiker hat nicht geahnt, was für ein theologisches Lehrstück in seiner Frage steckte. Lasst uns heute das Kreuz als ein Pluszeichen für die Welt für uns alle verstehen.

Alois Balint
17.05.25 - Gründonnerstag - Gedanken zu Joh 13,1-15

Jesus tut das Falsche! Das macht ihn anscheinend aus.  Und – damit überrascht er seine Jünger, zu allen Zeiten. Jesus isst in den falschen Häusern: Er sitzt mit Sündern an einem Tisch. Jesus umgibt sich mit den falschen Leuten, nämlich mit Zöllnern, einer Ehebrecherin, Dirnen und Aussätzigen. Jesus wählt die falschen Leute aus, einen Petrus, der ihn verleugnet, einen Judas, der ihn verrät, mit Jüngern, die ihm davonlaufen, wenn er sie braucht.  Und Jesus heilt am falschen Tag, nämlich am Sabbat. Macht Jesus alles falsch? Hat er keine Strategie? Ja, Jesus hat eine Strategie, die Strategie der Liebe.  Die Strategie, uns Menschen ernst zu nehmen, mit unserem Leben. Jesus tut genau das Richtige. Er ist so überraschend, wie unser Gott überraschend ist. Jesus tut das, was im gegenwärtigen Augenblick Gott von ihm fordert.  Jesus nimmt keine Rücksicht auf die Pharisäer, die ihn gerne so gehabt hätten, wie sie waren.  Jesus nimmt keine Rücksicht auf die Erwartung der Frommen, sondern er agiert so überraschend, dass er Widerspruch erzeugt. Jesus lässt sich nicht zähmen durch die Menschen, ihren Erwartungen und Ansprüche. Jesus macht das, was Gott im gegenwärtigen Augenblick ihm eingibt. Darum ist es richtig, dass er mit den Sündern isst, denn da passen sie und ich gut an den Tisch. Darum ist es richtig, dass er denen Zuneigung schenkt, die viele mit Verachtung strafen. Obwohl sie manchmal gar nicht besser sind. Darum wählt er diese Jünger aus, damit wir uns mitten unter Petrus und Magdalena mit unserer Berufung wohl fühlen und unserer Geschichte daheim fühlen dürfen. Auch uns ist es manchmal zum Davonlaufen, mit all dem, was uns zurzeit zugemutet wird. Aber Jesus packt uns an den Füßen und bittet kniend vor uns: Bleibe! Gehe mit mir! der ich dich erwählt habe, mein Jünger zu sein.  Darum wasche ich dir die Füße, damit Dir meine Liebe zu Herzen gehe. Jesus tut das, was Gott will im gegenwärtigen Augenblick! Das ist seine Strategie! Jesus tut damals das Falsche, in den Augen vieler seiner Zeitgenossen.  Jesus macht es richtig, das kündet uns das Evangelium. Tue das, was Gott von dir will, im gegenwärtigen Augenblick und sei wach dafür, wo Dir Gott begegnet. Darum werden uns heute Abend die Füße gewaschen.  Damit wir unsere Schritte lenken auf den Weg der Nachfolge Jesu! Darum feiern wir sein Mahl, damit uns sein Wort, Gott in Brot und Wein, uns die Augen dafür öffnen, wo wir im gegenwärtigen Augenblick durch unser Leben Gott begegnen.

Josef Hell 
13.04.25 - Palmsonntag - Gedanken zu Lk 19,28-40

Im Evangelium des Palmsonntags ist die Rede über einen Esel. Über ihn möchte ich gern jetzt ein bisschen reden. „Du Esel“ sagt man manchmal zu Menschen, die man für dumm hält oder die sich ausnutzen lassen. Aber Esel sind überhaupt nicht dumm. Etliche ihrer Eigenschaften machen sich die Menschen zunutze: Sie sind leistungsfähig und belastbar. Sie können schwere Lasten tragen, sind zäh und geduldig. Ein Esel kann gehen, wo Pferde oder Kamele nicht vorankommen. Er steigt sicher auf engen Gebirgspfaden, durchwatet Schlamm und Morast, ist widerstandsfähig gegen Insekten und Schädlinge. Vielleicht deswegen kommen in der Bibel wiederholt Esel vor: Sie tragen Auserwählte Gottes: den Propheten Bileam, die Könige Saul und David und andere Persönlichkeiten. Ein Esel war der Legende nach Reittier der Heiligen Familie und Zeuge der Geburt Christi. Und schließlich darf er den Messias, den König des Friedens, nach Jerusalem tragen. Ich möchte Sie zu einer einfachen Betrachtung zum Esel einladen. Am Palmsonntag ist er uns heute wichtig.  Ein Mensch, der auf dem Esel sitzt, ist auf Augenhöhe mit mir. Auf einem Pferd oder Kamel wäre er viel höher, ich müsste zu ihm hochsehen. Der Reiter auf dem Esel ist neben mir. Er schaut nicht von oben herab. Er sieht nicht herunter auf mich. Er sieht mir ins Gesicht. Und ich kann ihm in die Augen schauen. Das war sicher auch die Absicht Jesu. Er wollte auf Augenhöhe mit den Menschen sein, wollte ihnen ins Gesicht sehen. Ob der Esel, auf dem Jesus ritt, einen Namen hatte? Ich meine, er müsste eigentlich „Christoph“ heißen, denn übersetzt bedeutet das auf Griechisch „Christusträger“. Das ist auch unsere Aufgabe: Christus zu tragen, ihn zu den Leuten zu bringen, mitten in unsere Welt, in unseren Alltag. Manchmal ist das harte Eselsarbeit – gewiss. Wir haben im Evangelium den Satz gehört „Der Herr braucht ihn“; das sagt Jesus nicht nur über den Esel, sondern über jede und jeden von uns. Keiner ist zu gering, als dass Jesus ihn nicht brauchen könnte. Jesus braucht Menschen, die seine gute Botschaft weitertragen. Er braucht Menschen, die ausdauernd und treu sind, die nicht stehen bleiben, wenn die Last der Nachfolge drückt. „Lass mich dein Esel sein, Christus!“, betete Dom Helder Camara, ein Bischof im Norden Brasiliens, als er vor jungen Menschen sprechen sollte, die hohe Erwartungen an ihn hatten. „Lass mich dein Esel sein, Christus, auf dem du zu all diesen Menschen kommst.“ Deswegen vom Esel, wollen wir heute lernen: Ein Esel lässt sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Wir bitten: Herr, schenke uns Geduld unseren Mitmenschen gegenüber, auch wenn es oft schwerfällt. Der Esel hat ausgeprägte Ohren. Wir bitten: Herr, öffne uns die Ohren, dass wir die Not unserer Mitmenschen vernehmen, ihre Sprachlosigkeit verstehen und deine Botschaft an uns erkennen. Der Esel äußert sich meist durch I-A-Rufe. Wir bitten: Herr, lass uns aus dem Eselslaut ein „Ja“ erkennen. Lass uns konsequent und freudig „Ja“ sagen, wenn du uns rufst. Der Esel muss für viele Redensarten herhalten. Wir bitten: Herr, gib uns den Mut, als „Esel“ zu gelten, wenn wir für Schwache Partei ergreifen und deine oft unbequeme Wahrheit sagen. Der Esel ist ein Tragtier; er trug Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem. Wir bitten: Herr, lass uns Träger und Vermittler deines Wortes sein. Lass uns den Glauben an dich und deine Güte in die Welt hinaustragen, heute und bis in Deine Ewigkeit!

Alois Balint
06.04.25 - 5. Fastensonntag - Gedanken zu Joh 8,1-11

Was haben Cäsar, Katharina die Große, John F. Kennedy, Marilyn Monroe und der Fußballer Frank Ribéry gemeinsam? Sie alle hatten Affären und haben ihre Ehepartner oder -partnerinnen betrogen. Fremdgehen ist wohl so alt wie die Menschheit. Fast immer gibt es eine Vorgeschichte. Der Kontakt zum anderen bahnt sich an.. „Es ist ja nichts passiert“, sagt man sich anfangs. Später versucht man, das Verhältnis geheim zu halten. Und doch kommt es fast immer ans Licht. Langeweile und Unzufriedenheit in der Ehe und nicht gestillte Bedürfnisse tragen dazu bei, dass Mann oder Frau sich in eine Affäre stürzt. Viele sind dann hin- und hergerissen zwischen alter und neuer Beziehung, wollen den bisherigen Partner nicht verletzen, finden aber auch nicht die Kraft, den Geliebten zu verlassen. Von all dem steht aber nichts im Evangelium. Die Schriftgelehrten und Pharisäer schleppen eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt wurde. Für die religiöse Obrigkeit ist hier alles ganz einfach. Fast hat man den Eindruck, sie sind froh, dass sie die Frau aufgreifen konnten. Um die Frau geht es ihnen nicht wirklich. War sie unglücklich in ihrer Ehe? Oder wurde sie vielmehr von einem Fremden bedrängt oder missbraucht? Merkwürdig auch, dass zu einem Ehebruch ja eindeutig zwei Menschen gehören, von einem Mann hier aber keine Rede ist. Die Schriftgelehrten berufen sich zwar auf das Gesetz des Mose, zitieren aber nur die halbe Wahrheit. Die Thora sieht nämlich bei Ehebruch die Todesstrafe von Frau UND Mann vor. Jetzt stellen sie Jesus vor ein Dilemma. Was er sagt, kann nur falsch sein. Wenn er jetzt der Todesstrafe zustimmt, macht er sich selbst unglaubwürdig und verrät den Kern seiner Botschaft. Verteidigt er dagegen die Frau, stellt er sich gegen das Gesetz. Und was macht Jesus? Am Anfang nichts. Der Sohn Gottes weiß, dass das Leben nicht einfach schwarz oder weiß ist. „Entweder–oder“ hilft nicht immer weiter. Jesus bückt sich und schreibt mit dem Finger etwas in den Sand. So cool muss man auch erst mal sein! Was soll diese Geste ausdrücken? Vielleicht will er andeuten: so vergänglich wie etwas, das man in den Sand schreibt, so vergänglich sind eure Vorschriften. Vielleicht will er auch erst mal Zeit gewinnen und seinen Gegenübern die Möglichkeit geben, zur Besinnung zu kommen. Mit der Aufforderung „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie!“ spielt Jesus den Ball zurück. Und tatsächlich macht dieser Satz Eindruck. Jeder der Anwesenden spürt: in meinem Leben läuft auch nicht alles fehlerfrei. Auch ich habe meine dunklen Seiten. Wer bin ich, dass ich über das Leben eines anderen den Stab brechen kann? Ich finde faszinierend, wie einer nach dem anderen wortlos weggeht. Noch faszinierender: wie Jesus sich dann der Frau zuwendet. „Auch ich verurteile dich nicht“ – was für ein befreiender Satz! Zur damaligen Zeit wurde Ehebruch in fast allen Kulturen und Religionen geahndet. In Deutschland verschwand der Paragraf, der Ehebruch verurteilte, erst 1969 aus dem Strafgesetzbuch. „Ich verurteile dich nicht“ – das heißt nicht: es ist egal, was du tust. „Geh und sündige nicht mehr“ – gehört auch zu seiner Aussage. „Ich verurteile dich nicht“, sagt Jesus auch zu jedem und jeder von uns. Welche Entlastung, das zu hören! Jesus nimmt uns an, jeden Menschen, so wie er oder sie ist, mit allem Gefühlschaos und komplizierten Beziehungen. Mit unserer Vergangenheit und dem, was uns geprägt und oft auch verletzt hat. Es gibt heutzutage so viele verurteilende Stimmen. Boulevardzeitung und Klassenchat, Instagram und die Kollegen bei der Arbeit, Daumen hoch, Daumen runter – alles wird schnell geliked oder wütend kommentiert. Nicht so Jesus. Er verurteilt nicht, richtet auf. Er sieht den ganzen Menschen, nicht eine einzelne Handlung. Und er möchte, dass wir auch so miteinander umgehen. Uns steht es nicht zu, den Stab über jemanden zu brechen. Kritik soll geäußert und Unrecht benannt werden, aber wir haben uns nicht als Richter über unsere Mitmenschen aufzuspielen. Richten wird allein Gott – nach Maßstäben, die nicht unbedingt deckungsgleich mit unseren sind. Passen wir auf wie wichtig das Wort GEH ist: eine ganz neue, befreiende, wunderbare Wendung. In diesem „geh“ ist nichts mehr von „hau ab“, nichts mehr von „verschwinde“. Dieses „geh“ heißt: „lebe frei und selbstbewusst!“, „gehe aufrecht durch dein Leben, denn dazu hat Gott dich geschaffen!“ Achten wir also darauf, dass wir Jesu großes Geschenk an uns Menschen nicht verraten. Achten wir darauf, dass wir das Wort „geh“ stets nur auf eine Weise verwenden, auf die Weise Jesu: als Ermutigung, Befreiung, Aufrichtung, Wertschätzung. Achten wir Jesu Beispiel, mühen wir uns, dass eine jede und ein jeder, die uns begegnen, aus der Begegnung mit uns etwas Positives, Bestärkendes, Hilfreiches mitnimmt. Achten wir darauf, auch Streit und Auseinandersetzungen, die es im Leben, in der Familie und in der Gemeinde ja nun einmal gibt, stets so zu führen, dass am Ende – aller Meinungsverschiedenheiten zum Trotz – immer noch alle aufrechten Gangs nach Hause gehen können.

Alois Balint
30.03.25 - 4. Fastensonntag (Laetare) - Gedanken zu Lk 15,1-32

Die katholische Kirche feiert heuer ein Jubiläumsjahr (auch wenn wir bis jetzt diesbezüglich wenig Werbung gemacht haben und in unseren Gemeinden das wenig bekannt ist). Alle 25 Jahre feiern wir das. Seit wann? Von Anfang an. Ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, dazu fühlte auch Jesus sich gesandt, so hatte er es selbst in der Synagoge seiner Heimatstadt unter Bezugnahme auf den Propheten Jesaja erklärt. Aber schon in Nazareth war er damit nicht so gut angekommen. Er musste erfahren, dass es so einfach nicht ist, eingefahrene Verhältnisse zu ändern. Ja, es ist gar nicht so einfach etwas Neues zu akzeptieren, das „Novum“ ohne weiteres anzunehmen.  Ich merke es selber, je älter man wird, desto mehr sinkt oft die Freude am Neuen und man glaubt nicht mehr recht daran, dass das Neue alles besser macht. Unsere Gesellschaft wird immer älter und wir mit ihr. Dazu ein paar Beispiele: Manches „neue geistliche Liedgut“ ist inzwischen zersungen und ausgeleiert; die Moderne wird von der Postmoderne überholt, die Heilslehren vom neuen Menschen sind Schnee von gestern oder wurden durch die brutale Realität widerlegt. Wie vieles, was einmal brandneu war, ist heute nur noch archäologisch interessant? Das Neue macht vielen unter uns auch Angst: In dieser Welt, die so aus den Fugen geraten ist, hoffen viele auf nicht zu viel Neues. Alles möge beim Alten bleiben. Das Altgewohnte wird zum Rettungsring. Denn Neues verunsichert auch. Deswegen erzählte Jesus seinen Zeitgenossen ein wunderbares Gleichnis. Die Erzählung vom barmherzigen Vater und seinem verlorenen Sohn gehört zu den eindrucksvollsten, bildstärksten Geschichten des Neuen Testamentes. Sie hat außerordentlich schöne, anrührende Passagen, steht aber in einem bitteren Kontext. Denn wie Blei hängt der Geschichte ihr dritter Teil an, jener, welcher von dem älteren Sohn handelt. So sehr der Vater in dieser Geschichte beschrieben wird als liebevoll und vergebungsbereit, so sehr ist sein ältester Sohn gefangen in „political correctness“, übersetzt mit Engherzigkeit und trotziger Unversöhnlichkeit. Und so sehr der Vater auch um seinen Ältesten wirbt, Jesus führt die Geschichte nicht zum Happy End. Er lässt offen, wie sich der Ältere am Ende entscheidet und ob sein Vater ihn für sich gewinnen kann. Ich höre fast die Melancholie seiner Worte: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen…“ Müssen wir? Warum ist das so? Warum sind wir Menschen so? Warum sind wir so leicht so engherzig? Womit wir ja mitten in unserem Heute wären, wo so viele eifersüchtig auf Zuwanderer oder Bürgergeldempfänger schauen, empört auf alle, die in ihren Augen zu viel bekämen…Von „sozialem Sprengstoff“ ist da regelmäßig die Rede. Als ob der Umstand, dass es in unserem Land Arme gibt, sich ändern wird, wenn Europa jetzt 800 Milliarden für Aufrüstung ausgeben will… Ich weiß, es ist eine unnötige Provokation. Jesus macht es besser, er lenkt den Blick nicht auf das, was die Anderen tun und haben, sondern auf Gott. Er will uns zeigen und spüren lassen: Hey Leute, ihr alle seid reich, denn ihr alle seid Kinder Gottes! Und Gott lässt keinen jemals hängen. Er sorgt für uns, er gibt uns, was wir brauchen, und selbst wenn wir Schindluder treiben mit dem, was er uns anvertraute, bleiben wir in seiner Liebe. Hören wir also auf mit dem argwöhnischen Kontrollblick auf die Anderen. Achten wir aufeinander wie Gott auf uns achtet, liebevoll, großzügig, versöhnungsbereit. Es ist alles eine Frage der Sichtweise; oder, wie wir als Christen sagen: Des Glaubens. Gott ist für uns da, heute und immer. Da müssen wir uns doch eigentlich freuen! Bloß: Warum fällt uns das immer so schwer?

 
Alois Balint
23.03.25 - 3. Fastensonntag - Gedanken zu 1 Kor 10,1-12

Paulus schreibt heute kurz und knapp und deutlich: „Wer zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.“ Das ist eine freundliche und ernste Mahnung. Wir sollten sie nicht überhören. Der Jahrhundertmann, von dem ich Ihnen heute erzählen möchte, hat sie nicht überhört. Er ist nüchtern geblieben – und doch gläubig. Es ist der Journalist Georg Stefan Troller. Vielleicht kennen einige noch seinen Namen. Er wurde vor kurzem 103 Jahre alt. Meistens lebt er heute in Frankreich. Geboren aber wurde er 1921 in Österreich. Als es 1938 zum erzwungenen, sog. „Anschluss“ Österreichs an Deutschland kam, floh der Jude Troller nach Frankreich und später in die USA. Dort wurde er zum Wehrdienst eingezogen. Nach dem Krieg wurde Troller Journalist und berühmt durch sehr persönliche Interviews mit Prominenten. Er wollte in den Gesprächen immer das Wesen seiner Gegenüber erkunden, ohne dabei aufdringlich zu werden. Zu seinem 103. Geburtstag gab er ein langes Interview (auf Spiegel.de). Da wurde er auch zum Glück im Leben gefragt:

Herr Troller, gibt es das vollkommene Glück?

„Ich fürchte“, sagte Herr Troller,“ ich glaube nicht mehr daran. Für vollkommenes Glück sind wir nicht geschaffen.“

„Und worin, meinen Sie, bestehen dann vielleicht ‚Teilchen des Glücks‘?“

„Man kann“, sagte Herr Troller, „das größte Glück in der Liebe haben, im Beruf, im Reichtum, in der Familie, im Sport und was weiß ich. Aber alles zusammen scheint mir zu viel verlangt von Gott. Das kann er nicht bieten. Jedenfalls nicht mir.“

In den Antworten des Journalisten klingt Behutsamkeit an, die Vorsicht, von der Paulus schreibt. Georg Stefan Troller widersteht dem Hochmut. Obwohl er alles erreicht hat, mit Preisen buchstäblich überhäuft wurde für seine ganz eigene Art der Gesprächsführung und eine sehr besondere Stimme. Er war seinen Gegenübern nahe, ohne sich ihnen anzubiedern. Je näher er seinen Gegenübern kam, desto behutsamer wurde er. Da horchte man auf im Fernsehen. Zugleich aber spürt er, dass man sich auf sich nichts einbilden darf. Alles ist erst einmal Gabe Gottes, die man sich dann für sich selber ausprägt. Das haben einige nicht verstanden, die mit Gott damals durch die Wüste zogen -– aus Ägypten ins Gelobte Land. Irgendwann im späteren Leben dann vergaßen sie Gott einfach und bildeten sich viel auf sich selber ein. Wir haben das geschafft, sagten sie, wozu brauchen wir denn Gott. Das war dieses Murren, schreibt Paulus; Murren über die Anbetung. Wir sind uns selber genug. Das ist nicht nur heute bei Menschen so, das gab es sogar bei Menschen, die Gott vor Wasser und Wüste gerettet hat. Einige haben vergessen, wem sie ihr Leben verdanken. Gott vergessen ist Hochmut. Oft sind wir nicht so stark, wie wir meinen. Oft brauchen wir Hilfe. Und gestehen es uns nicht ein. Das ist Hochmut. Demut ist der Mut zum Selbstzweifel. Fastenzeit ist Demutszeit. Aber Achtung: Demut ist kein Kriechen im Staub. Es ist auch kein sich Kleinmachen vor Gott. Das will Gott nicht. Aber Selbstzweifel, die will er. Das sind Fragen, die wir an uns selber stellen: Bin ich der oder die, die ich vorgebe zu sein? Selbstzweifel ist kein Kriechen im Staub. Sondern einfach Fragen an mich selber. Fragen, die ich mir auch von den Politikerinnen und Politiker wünsche, die im Wahlkampf stark und selbstbewusst aufgetreten sind. Sind sie sich ihrer selbst wirklich so bewusst? „Wer zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.“ In diese Worte kleidet der Apostel, was wir uns fragen dürfen. Und dann noch die Frage aller Fragen: Wem verdanke ich, was ich bin? Mir selber? Wirklich? Der Liederdichter Paul Gerhardt (1607-1676) hat eine Strophe gedichtet (leider nicht im "Gotteslob", sondern nur im Ev. Gesangbuch 324, Strophe 7), die eine zeitlos wertvolle Antwort gibt auf die Frage, wem ich mich verdanke. Er schreibt: „Ach Herr, mein Gott, das kommt von dir; du, du musst alles tun / du hältst die Wach an unsrer Tür, und lässt uns sicher ruhn.“ Damit ist alles Nötige gesagt. Wer sich gerne auf die eigene Schulter klopft, gebe acht, dass er oder sie nicht fällt. Und wer das vollkommene Glück sucht und erwartet, möge dabei nicht übersehen, was ihm oder ihr an kleinen Glücken schon längst geschenkt worden ist. Wer weiß, dass man sich nicht selber verdankt, wird dankbar. Dafür gibt es die Fastenzeit. Selbstzweifel führen immer zu mehr Dankbarkeit. Wir erkennen, was wir selber nicht geschafft haben – aber was uns dennoch gelang. Wir fühlen, wie viel wir anderen verdanken. Wir spüren, dass uns Selbstzweifel im Leben nicht klein machen, sondern dankbar. Wer so denkt und lebt, wird nicht fallen. Gott erhält uns aufrecht.

Alois Balint
16.03.25 - 2. Fastensonntag - Gedanken zu Lk 9,28-36

Wir gehen auf Ostern zu. Schlaglichtartig blitzt heute im Evangelium auf, worauf schon das ganze Leben und Wirken Jesu und jetzt auch seine Passion führen wird: in die Vollendung in der Herrlichkeit Gottes. Stellvertretend für die ganze Mannschaft dürfen drei Jünger Jesus dabei begleiten: Petrus, Jakobus und Johannes. Ihnen wollen wir uns jetzt anschließen und mit Jesus auf den Berg der Verklärung steigen. Was sich dort ereignet, ist aufregend. Jesus verändert sich und strahlt in Herrlichkeit. Und in gleicher Herrlichkeit erscheinen Mose und Elija. Sie vertreten das Gesetz und die Propheten, also die ganze Schrift des Alten Bundes. Sie sprechen mit Jesus und machen damit klar, dass sich in ihm die alttestamentliche Verheißung erfüllen wird. Und die Jünger? Wir würden erwarten, dass sie in Begeisterung ausbrechen. Aber zunächst lesen wir: Sie sind … eingeschlafen. War der Weg auf den Berg zu anstrengend? Ist der ganze Weg mit Jesus so anstrengend? Gut, sie werden noch rechtzeitig wach, um den letzten Teil dieser außergewöhnlichen Begegnung zu erleben. Mehr aus … Verlegenheit macht Petrus den Vorschlag, hier zu bleiben und drei Hütten zu bauen. Doch dann werden sie mit in die Wolke hineingenommen und hören die Stimme Gottes: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ Und auch hier ist ihre Reaktion ungewöhnlich: Sie schweigen. Ihnen ist wohl die ganze Tragweite dieses Geschehens nicht bewusst. Erst an Pfingsten wird ihnen alles klar werden. Dieselben drei Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes nimmt Jesus später auf einen anderen Berg mit, auf den Ölberg, wo er nicht in himmlischem Glanz strahlt, sondern Todesangst leidet. Und auch da lesen wir staunend: Die Jünger schlafen ein. War das Paschamahl zu üppig? Wird die Nacht zu lang? Gut, sie werden noch rechtzeitig wach, als die Soldaten kommen, um Jesus festzunehmen. Petrus zieht sogar sein Schwert, um Jesus zu verteidigen, was dieser ihm untersagt. Sie können die Passion Jesu nicht verhindern. Petrus geht noch mit bis in den Hof, in dem er schwach wird. Johannes sehen wir dann noch unter dem Kreuz. Ihre Ratlosigkeit wird erst am Ostermorgen gelichtet und an Pfingsten endgültig beseitigt. Nun meine Frage: Sind die drei schlafenden Jünger nicht ein Bild für uns und unsere Kirche? Man könnte manchmal den Eindruck gewinnen, als seien auch wir ziemlich müde und ratlos geworden. Bevor wir diesen Gedanken mit Blick auf die Realität weiterspinnen, sollten wir schauen, was aus den dreien geworden ist. Auf die begeisterte Pfingstpredigt des Petrus hin lassen sich Tausende taufen, er wird zum Fels der Kirche. Johannes schreibt sein Evangelium, in dem er die Botschaft Jesu anschaulich verkündet, und in seiner Offenbarung lässt er uns die Vollendung der Welt schauen. Jakobus wird, so lesen wir in der Apostelgeschichte, als erster der Zwölf in Jerusalem den Märtyrertod für Jesus sterben. Sein Grab in Spanien (in Compostela) ist Zielpunkt der größten Wallfahrtsbewegung der Christenheit. Deshalb ist die Botschaft des heutigen Evangeliums: Ihr Christen, schlaft nicht ein! Wacht auf! Nehmt euch nicht die schlafenden, sondern die pfingstlichen Jünger zum Vorbild! Jesus hat euch auf dem Tabor schon einen Blick in eure Zukunft geschenkt, in seine Verklärung, in die er euch alle einmal mitnehmen will. Lasst euch vom Heiligen Geist anstecken, hört auf die Frohe Botschaft und macht euch auf den Pilgerweg eures Lebens, der in die Herrlichkeit Gottes führen wird!

 
Alois Balint
09.03.25 - 1. Fastensonntag

Fastenhirtenbrief

„Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“ (Röm 10,11) 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wesentliche Schritte sind in den vergangenen Wochen und Monaten in unserer Kirchenentwicklung 2030 vollzogen worden und weitere werden folgen. Ein herzliches Danke allen, die diesen Prozess konstruktiv voranbringen. Doch mit diesem Fastenhirtenbrief möchte ich den Blick nicht auf unsere strukturellen Veränderungen lenken, sondern vielmehr auf ein Thema, das uns verstärkt in unserer zerrissenen und von politischen Verwerfungen geprägten Welt umtreibt. Es ist die Frage nach dem Frieden. Dieser Friede ist dort gefährdet, wo der Mensch den Versuchungen erliegt, die im Evangelium beschrieben sind. Diese Versuchungen begegnen uns ständig, sei es auf politischer, gesellschaftlicher wie auf religiöser Ebene. Sie begegnen uns in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. So die Versuchung, von anderen mehr zu verlangen, als diese zu leisten im Stande sind. Wer kann schon aus Steinen Brot machen? Die Versuchung, Menschen zu verherrlichen, sie zu vergöttern, ihnen schon zu irdischen Lebzeiten Kultstatus zuzubilligen, als ob sie uns die Erfüllung aller Wünsche erwirken könnten. Die Versuchung, das Schicksal herauszufordern, in dem kein Risiko zu groß erscheint, um das eigene Glück zu erreichen. Manchmal mag der hinter uns liegende Wahlkampf uns an solche Versuchungen erinnern. Oder denken wir an Personen, die mit allen Mitteln im Leben vorankommen wollen. Wer diesen oder ähnlichen Versuchungen erliegt, hat vielleicht die Chance, mit Geschick und Durchsetzungsvermögen auf der Karriereleiter aufzusteigen. Doch schafft dies auf Dauer wirklich den Frieden mit sich und den anderen sowie das ganz persönliche Glück? Die Antworten, die Jesus auf diese Versuchungen gibt, weisen in eine andere Richtung. Auf das für uns Menschen unmögliche Wunder, Steine in Brot zu verwandeln, antwortet er, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, sondern von Gottes Wort (Lk 4,4 im Vgl. mit Mt 4,4), das Leben schenkt, Leben über diese Welt hinaus. Statt der Verherrlichung des Bösen geht es einzig und allein um die Anbetung Gottes. Und bei aller Risikofreudigkeit menschlichen Willens bleibt dann doch die vernünftige Abwägung, Gott nicht auf die Probe zu stellen. Kurzum, jedes Mal steht als Antwort auf die jeweilige Versuchung die Beziehung zu Gott. Wenn der Mensch seinen Platz in dieser Welt verantwortlich einnehmen will, so erreicht er dies über die Beziehung zu seinem Gott. Dies ist zugleich der Schlüssel für gelebte menschliche Beziehungen sowie für ein gelungenes, zufriedenes Leben. Daran erinnert uns die Lesung aus dem Buch Deuteronomium. In der Geschichte Israels zeigt sich die göttliche Führung. Diese Führung wird erkannt, anerkannt und in Dankbarkeit für die Ernte in der Anbetung Gottes zum Ausdruck gebracht. In diesem Sinne fordert auch der Römerbrief, sich zur Auferstehung des Herrn zu bekennen. Denn dieses Bekenntnis, dieser Glaube bringt die Rettung. Dieses Bekenntnis hatte sich auch unser neuer Seliger, Max Josef Metzger, zu eigen gemacht. Er mag in seinem menschlichen Verhalten den schon genannten Versuchungen da und dort erlegen sein, gerade was die Forderungen an andere anging, und seine eigene Risikobereitschaft, es von sich wirklich wissen zu wollen. Kompromisse und das Eingehen auf andere waren nicht unbedingt seine Stärke. Forsch, radikal und herausfordernd konnte er sein und sich durchaus in den Vordergrund stellen. Doch reifte im Laufe seines Lebens in ihm der Gedanke und das Bekenntnis, sich ganz in der Beziehung zu Christus verankert zu wissen. „Christus muss König sein!“ wurde so zu seinem zentralen Lebensinhalt. Auf dieser Basis sah er die einzige, wahrhaftige Möglichkeit, den Frieden in der Welt zu erreichen. Die Beziehung zu Christus, der Glaube an diesen König, an diesen Friedensfürsten schafft die Grundvoraussetzung für das Zusammenleben der Völker, schafft Gerechtigkeit und Ausgleich, schafft Frieden. Getragen von diesem Bekenntnis des Römerbriefes, das Max Josef Metzger ganz verinnerlicht hatte, konnte er mit froh leuchtenden Augen in den Tod gehen, wie ein Zeitzeuge berichtet. Doch wie werden wir diesen Frieden erreichen können, nachdem wir uns ja der Realität stellen müssen, dass nicht alle Völker und Kulturen Christus als den alleinigen Friedensbringer anerkennen? Dieses Bekenntnis – „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen“ – ist längst für viele Menschen nicht die alleinige Grundlage für ein Leben in Glück, in Frieden und Zufriedenheit. Da mag ein Blick in die Kriegs- und Krisenregionen dieser Erde schon genügen mit deren Vielfalt von Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen. Nicht weniger bei uns in unserem Land, in dem wir, die wir an Christus glauben, immer mehr zu einer Minderheit werden. Wie kann es dennoch gelingen, ohne unser Bekenntnis aufzugeben, einen Weg zu diesem gemeinsamen Frieden zu finden? In ihrem Wort „Friede diesem Haus“ vom vergangenen Februar 2024 haben die deutschen Bischöfe versucht, eine Antwort darauf zu geben. Wir heben unter anderem hervor, dass Weltfrieden ohne Religionsfrieden nicht vorstellbar ist. „Da die Welt aber Frieden braucht, um die gewaltigen Probleme bewältigen zu können, die vor ihr stehen, braucht sie dringend auch Frieden zwischen den Religionen. Der Hauptbeitrag, den die Religionen, religiöse Gemeinschaften und religiöse Menschen für den Weltfrieden leisten können, besteht darin, ihre eigene Friedfertigkeit wachsen [2] zu lassen und zu pflegen, um gemeinsam der Dynamik der Gewalt zu widerstehen, die sich immer tiefer in unsere Welt hineinfrisst und sie zu zerstören droht.“ (Nr. 69) Zu diesem Konflikt- und Gewaltpotential gehören die Klima- und Wasserfragen, die Nutzung verschiedener anderer Ressourcen und Rohstoffe, die einhergehende Problematik der Welternährung und die Migration aus unterschiedlichsten Beweggründen. Denken wir an den Welthandel insgesamt mit seiner stetigen Gewinnmaximierung sowie an die religiösen und kulturellen Unterschiede. Bei all dem muss es den Religionsgemeinschaften ein Anliegen sein, gemeinsam für die umfassende Würde eines jeden Menschen einzutreten, sich gemeinsam der ethischen Verantwortung bewusst zu sein, die in der von Gott gewollten Schöpfung begründet liegt. Hier zeigt sich u. a. die Bedeutung des interreligiösen Dialogs. Und dieses Zeugnis beginnt ganz praktisch in unseren gelebten Beziehungen. Das wird Beziehungskrisen und Streitereien nicht verhindern. Das löst nicht alle Konflikte und Gegensätzlichkeiten. Zum menschlichen Miteinander gehört der Lernprozess, mit Spannungen und unterschiedlichen Meinungen umzugehen. Aber der Respekt und die Achtung der Würde des anderen wird es nie erlauben, seine Würde in den Schmutz zu ziehen, sie gar zu zerstören, geschweige denn sein Leben zu vernichten. Dort, wo auch eine Versöhnung nicht oder noch nicht erreicht werden kann, mag es helfen, den Abstand so zu wahren, der es Kontrahenten ermöglicht, eigene Wege zu gehen, ohne sich ständig aneinander abarbeiten zu müssen. Auch dies kann der Anfang zu einem Frieden sein, der von Gott ausgeht und der in der Beziehung zu Gott gründet. Die Friedensherrschaft Gottes beginnt immer zunächst bei mir, indem ich mich mit Christus im Herzen dagegenstemme, den genannten Versuchungen zu erliegen. Wo ich bereits erlegen bin, will der Empfang des Bußsakramentes Umkehr und Neuanfang ermöglichen. Nicht zuletzt gehören zu diesem Friedensweg das Gebet und die gelebte Solidarität mit den Benachteiligten unabdingbar dazu. Bei allem Ringen um den rechten Weg zum Frieden, für uns bleibt als Grundlage aller Friedensarbeit die Zusage des Apostels Paulus: „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“

So segne Sie der dreifaltige Gott, + der Vater und der Sohn und der Heilige Geist!

Freiburg im Breisgau, am Fest Kathedra Petri, dem 22. Februar 2025

Ihr

Erzbischof Stephan Burger

 
05.03.25 - Aschermittwoch 

Nach dem Karneval/Fasching werden wir auf den aschgrauen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Nun beginnt es, ernst zu werden, in violett und grau. Die große Fastenzeit, die österliche Bußzeit, die Passionszeit beginnt in Mischfarben. Dies geschieht mitten in der Woche und nicht am Sonntag und da wir sonntags nicht fasten und büßen sollen, fangen wir eben am Mittwoch an. Seit Papst Urban II. und der Synode von Benevent (1091) ist dieser Start ein katholischer Usus. Aschermittwoch fällt heuer in den März, früher dem Kriegsgott Mars geweiht. Auch das ist „Märztheologie“. An die Stelle des Kriegsgottes Mars rückt der Friedensbringer. Christus befriedet hoffentlich mein unfriedliches Herz. Wie sollen wir dieses Projekt an Leib und Seele nennen? Hier ein paar Ideen: „Weniger ist mehr“, „Frühjahrsputz der Seele“? Was steht an? Eine Zeit für Leere, Nüchternheit, die Umkehr aus allen Äußerlichkeiten …? Wird mir die Pflicht zur Enthaltsamkeit nahegelegt? Überfordere ich mich, wenn ich mir Selbstformung, Selbstregulierung, Zeit- und Selbstmanagement, Selbstkon­trolle, Selbstoptimierung und Verfeinerung meines Selbst abverlange? Gönne ich mir etwas mir gut Tuendes? Deutschland hat im Februar gewählt, doch nun haben wir Christen die Wahl. Jetzt ist die Zeit, Entscheidungszeit! Entscheide ich mich zu mehr Mut zur Klarheit, zur „Unterscheidung der Geister“, durchstoße ich den Kokon des schönen Scheins um mich? Habe ich die Kraft zur Annahme meiner Endlichkeit? Das „Memento Mori“ des Aschenkreuzes (vgl. Gen 3,19) weckt mich unsanft; es drückt mich nicht nieder und kann zu tieferer Lebensfreude, zur bewussten Zeitgestaltung führen, zu einem neuen Blick auf das eigene Leben und das Osterleben, das auf uns zu-kommt. Möge uns der heilsame Schock des Aschermittwochs gut tun! Mensch, werde wesentlich und nachdenklich! Nein, ich habe mir das Zeichen der Asche nicht ausgedacht. Die Kirche hat es vor vielen Jahrhunderten als Eingangsmarkierung in die Fastenzeit gewählt. Ohne Gottes Verheißung würde die Asche nur an Erlöschen und Burnout erinnern. Ich weiß: Vielen ist nicht nach diesem Zeichen zumute, angesichts der verbrannten Erde, die Menschen mit ihren Gewalttaten hinterlassen. Nehmen wir die befremdliche Asche trotzdem als ein vorösterliches Zeichen. „Wir sind wie Staub im Universum. Aber wir sind der von Gott geliebte Staub“ (Papst Franziskus, Aschermittwoch 2020) Wir wollen hoffen, dass tief in uns zumindest die Asche der Liebe glüht, die sein Geist wieder anfachen möge. Vor wenigen Wochen bei den Wahlen haben die Deutschen ein Kreuz gemacht auf dem Stimmzettel. Heute macht Gott ein Kreuz, wählt er uns zu Mitarbeitern seines Versöhnungswerkes (2 Kor 5,20); und wir dürfen das Leben wählen (Dtn 30,19). Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei! Wir holen uns nicht nur das Aschenkreuz ab; wir lassen Gedankenmüll und Ballast hier, und sagen „nicht weiter so!“ Und, ganz wichtig: Wir empfangen das Brot des Lebens, in der Asche gebacken. Wir wollen glauben, dass Gott uns den Übergang „vom Staub zum Leben“ (Papst Franziskus) schenkt und uns im 40-tägigen Trainingslager Jesu auf die Aschenbahn, den Nachfolgeweg setzt – Ostern entgegen.

Alois Balint