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Ökumenischer Kehler Adventskalender 2020

9. Dezember  (Theodor Dieter, ev. Kirchengemeinde)

 
Fra Angelico, Verkündigung an Maria, um 1440, Fresko Konvent San Marco, Florenz
 

Fra Angelico stellt uns in seinem Bild vor Augen, wie sich der Engel Gabriel und Maria begegnen: einander vorsichtig zugewandt, mit wachem, offenen Blick und doch, wie die Arme zeigen, auf eine zurück-haltende Weise. Maria schaut nicht erschrocken drein; der Engel wird sein „Fürchte dich nicht!“ schon gesprochen haben und auch: „Du hast Gnade vor Gott gefunden; du wirst die Mutter des Erretters werden!“ Es ist ein Augen-Blick zwischen Maria und dem Engel. Ob Maria jetzt die geheimnisvollen Worte des himmlischen Boten bedenkt, bevor sie ihr Fiat („Mir geschehe, wie du gesagt hast“) spricht?

Später, in ihrem Lobgesang (Magnificat) wird Maria sagen: „Meine Seele erhebt den Herrn, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“ (Lk 1,46.48). Gott hat Maria angesehen. Er hat ihre Niedrigkeit angesehen. Es sind nicht die guten Eigenschaften der Maria, ihre Demut, ihre Frömmigkeit, ihre guten Werke, die Gott bewegen, sie zur Mutter des Retters zu erwählen. Nein, es ist Gottes unergründliche Gnade, die die Niedrigkeit der Maria ansieht. Aber weil Gott Maria ansieht, wird sie erhoben. Was Maria in einmaliger Weise widerfahren ist, ist freilich kennzeichnend für Gottes Umgang mit den Menschen überhaupt. Martin Luther hat das einmal so ausgedrückt: „Die Liebe Gottes findet das Liebenswerte nicht vor, sondern schafft es; die Liebe des Menschen entspringt aus dem Liebenswerten.“ Darum lobt Maria in ihrem Lied nicht sich selbst, sondern Gott, der Großes an ihr getan hat.

Vielleicht kommt ja in dieser Adventszeit auch ein Engel zu uns, der uns in unserer Verworrenheit und Gottesferne zusagt: „Du hast Gnade bei Gott gefunden“. Dann entsteht wie auf dem Bild dieser Augen-Blick des Schweigens, in dem sich entscheidet, ob auch wir unser Fiat, unser Amen zum Wort des Engels sagen.