Impuls zum Christkönigssonntag (20. November) - Gedanken zu Kol 1,12-20
Einen Stimmungsaufheller, so könnte man die Zweite Lesung des heutigen Christkönigssonntags bezeichnen. Und den können wir in dieser dunklen Jahreszeit, in der die Sonne sich in der Regel rarmacht, gut gebrauchen. Kein Medikament, kein Nahrungsergänzungsmittel, sondern ein aufbauendes Wort, das vom Licht spricht. Drum- herum kreisen wie Planeten andere Worte wie „Freude“, „fähig machen“, „der Macht der Finsternis entrissen“. Eine ganze Vorratspackung an wohltuenden Worten, bei denen man natürlich zu Recht fragen darf: Sind das nur Worte? Geht es also nur um Gerede oder – um im Bild der Medizin zu bleiben – um Placebos? Bei denen hilft bekanntlich nur der „Glaube“, d h. die Annahme, ein wirksames Präparat eingenommen zu haben, das aber in Wirklichkeit keine Wirkstoffe enthält. Der uns unbekannte Schreiber des Kolosserbriefes ist sich sicher, dass die Placebos woanders zu suchen sind und der Glaube gerade kein Placebo ist. Der Brief hat ja einen Anlass. Die angeschriebene Gemeinde scheint sich Kräften verdingt zu haben, die in der Lesung als „Macht der Finsternis“ zusammengefasst werden. Was können wir uns darunter vorstellen? Man könnte sagen: Der Kolosserbrief warnt vor den Querdenkern von damals. Sie versuchten den Menschen einzureden, dass ihr Leben fremdbestimmt sei. Die Verschwörungen sah man weniger im menschlichen als im kosmischen Bereich. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass die Welt damals noch kein Dorf war und globale Zusammenhänge zumindest für die Mehrheit eher unbekannt waren. Das einzig Globale, das jeder sah, war der Himmel. Und dort vermutete man entsprechend auch die „Strippen(-zieher) des Unheils“. Um sich solcher Fremdbestimmung zu entziehen, sollte man Gegenmaßnahmen ergreifen. Zum Beispiel wurde eine Abhängigkeit von den Elementen Luft, Wasser, Feuer und Erde vertreten, denen nur mit entsprechenden Riten beizukommen sei. Mit anderen Worten: Die Elemente wurden wie Götter verehrt. Andere schworen auf die Macht der Gestirne. Hier galt es, im eigenen Leben dem Kalender den Vorrang zu geben. Neumond- und Vollmondfest nennt der Kolosserbrief in Kol 2,16 ausdrücklich beim Namen. Schon im Alten Testament galten sie, ähnlich unserem Freitag, wenn er ein Dreizehnter ist, als ein Unglückstag, an dem man besser keine Geschäfte machte. Man muss es sich nur lange genug einreden, dann glaubt man auch daran und verunsichert auch noch andere damit. Im selben Kapitel ist von der Unterwürfigkeit und Verehrung, die man den Engeln erweist, die Rede. Entsprang die Versklavung an die Elemente eher griechischem Denken, hatte der übersteigerte Engelkult seine Wurzeln eher in bestimmten Gruppierungen des Judentums. Hier wusste man genau zu unterscheiden zwischen „Mächten“, „Gewalten“, „Erzengeln“ und anderen Engeln, als hätte jemand einen Blick in den Himmel tun dürfen und erfahren, wer auf welche Weise in der Hierarchie zu hofieren ist. Gerade hier spürt man, wie recht der Autor des Kolosserbriefes hat, wenn er in Kol 2,22 von „menschlichen Satzungen und Lehren“ spricht, denn hier wird nur in den Himmel übertragen, was man auf Erden beeindruckend findet: Hofrituale. Toll finden solche Rituale aber meist nur die, denen sie erwiesen werden, weniger die, die sich darunter beugen müssen. Genau dagegen setzt der Kolosserbrief ein Wort der Aufrichtung, das allen Angesprochenen gleichermaßen gilt, also nicht auf hierarchische Unterscheidung zielt: „Er“ – gemeint ist Gott, der Vater – „hat uns der Macht der Finsternis entrissen“. So haben wir es eben in der Lesung gehört. Die Botschaft lautet also: Wir haben keinen Glauben, der ängstigen will, finstere Mächte stark macht, um dann vor ihnen zu kuschen in der Hoffnung, dass sie uns verschonen. Wir glauben nicht an Fremdbestimmung, sondern an einen Gott, der uns zum Leben bestimmt hat. Und dieses Leben hat eine Perspektive, die über den Tod hinausreicht. Das ist gemeint, wenn die Lesung vom „Anteil am Los der Heiligen, die im Licht sind“ spricht. „Heilige“ sind dabei nicht die besonderen Tugendhelden, gar solche, die ihr Leben besonders asketisch zugebracht haben – auch davon hält der Kolosserbrief laut Kol 2,21 nicht viel –, sondern die, die dem aufrichtenden und die unter Umständen niedergeschlagene Stimmung der Seele aufhellenden Wort Gottes alles zutrauen und sich auf seine Wirkkraft einlassen. Wo das geschieht, beginnt die innere Leuchtkraft des Menschen bereits im Hier und Jetzt aufzuscheinen – in der Art und Weise, wie jemand seine Arbeit verrichtet, mit anderen umgeht, sich nicht von schlechter Stimmung oder noch so berechtigten Ängsten anstecken und kleinhalten lässt. Die aus der Finsternis ins Licht Gerissenen – für den Kolosserbrief sind das alle Getauften – gilt: Sie sind alle von Christus mit der Taufe eingesetzte Königinnen und Könige, sozusagen Christ-Könige.
Gunther Fleischer
Impuls zum 33. Sonntag im Jahreskreis (13. November) - Gedanken zu Lk 21,5-19
Lukas schreibt das Evangelium aus seiner Sicht und mit seiner Sorge. Sorgen begleiten auch unseren Lebensweg wie Sonne und Regen. Junge Eltern sorgen sich um die Geburt eines gesunden Kindes; später darum, dass das Kind gut lernt und sein Leben eigenverantwortlich in die Hände nimmt. Im Erwachsenenalter sorgen wir uns, Tag für Tag, um ein gutes Vorwärtskommen in Familie und Arbeit, um eine Unfall- und pannenfreie Heimkehr von den Straßen. Für bestimmte Risiken und Unsicherheiten, besonders für die Zeit des Alters, treffen wir Vor-Sorge, damit wir, auch als Senioren, unser wirtschaftliches Auskommen behalten und niemandem zur Last fallen. Als Christen sorgen wir uns letztendlich auch um eine gute Sterbestunde. Sorgen gehören zu unserem Leben. Ab wann sorgen wir uns ängstlich? Ängstlich sorgen, im Sinne des heutigen Evangeliums, wir uns immer dann, wenn wir meinen: Das Gelingen hängt einzig von unserer Tüchtigkeit ab. Ängstliche Sorge traut Gott nicht zu, dass er unser Leben mit seinen vielen Risiken in seinen Händen hält. Beim genauen hinsehen, deckt ängstliche Sorge stets mangelndes Gottvertrauen auf, sie zeugen von einem zu kleinen Glauben. Niemand wird behaupten, dass alle Sorgen nebensächlich wären. Auch das wissen wir, mit allen uns einst noch zur Verfügung stehenden Fortschrittmöglichkeiten, bleiben wir nicht Maß und Ziel aller Dinge, sondern Gott ist es der Vollendung schenkt. Zeichen des Endes, in Krieg, in Vernichtung, in Zerstörung, in Verleumdung, in Zeiten der Unruhen, in Krankheit, in der Endlichkeit des irdischen Daseins, sind zu bestimmten Zeiten sehr ausgeprägt zu erleben. Deswegen aber gleich an ein Ende der Welt glauben? Auf die bange Frage der Jünger, ob und wann das Weltende hereinbricht und ob es Anzeichen dafür gibt, erhalten sie von Jesus zur Antwort: »Lasst euch nicht irreführen!« Weder die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, Israels Stolz, bedeuten das Ende; noch sprechen jene, die den Messias-Namen für sich in Anspruch nehmen und die Endzeit als gekommen ausrufen, die Wahrheit. Selbst Krieg und Aufstände, so schrecklich sie sein mögen, sind in Gottes Plan hineingenommen. Und wenn die Jünger um Jesu Namens willen Gewalt und Verfolgung erleiden müssen, dann sollen sie sich noch immer nicht bekümmern. Er selbst wird ihnen vor Gericht die rechten Worte eingeben. Allen, die in der Drangsal standhaft bleiben, wird kein Haar gekrümmt werden. Das Evangelium, ist bei allen schrecklichen Bildern, keine Drohbotschaft, sondern eher ein wirkliches Trostwort für aufgewühlte Zeiten! Seine Worte möchten eher aus einer Gleichgültigkeit und einer falschen Ruhe herausführen. Sein Appell: Seid wachsam, nehmt wahr, was geschieht, aber sorgt euch nicht ängstlich. Seid aufmerksame Menschen, die auf Gott ausgerichtet sind und auf ihn jede Hoffnung setzen. „Sorgt euch nicht ängstlich! Euer Vater im Himmel weiß was ihr braucht“. (vgl. Mt 6,19-34.) Die Botschaft Gottes: dass alles, für die die glauben, auf eine Vollendung hin zuläuft. Als Jünger sind wir nicht der Macht und Willkür der Verfolger preisgegeben. Vielmehr hält Gott in allem seine schützende Hand über seine Getreuen. Dafür verwendet das Evangelium das Bildwort: „Nicht einmal ein Haar wird von eurem Haupt verlorengehen.“ Weder die leidenschaftliche Verfolgung der Gegner noch der Abfall vom Glauben sichern das Leben, sondern einzig die eigene Ausdauer und das Vertrauen in Gottes Fürsorge. „Wer in das Gefängnis soll“, schreibt Johannes als Verfasser des Buches der Offenbarung, „der gehe ins Gefängnis. Wer durch das Schwert sterben soll, der wird mit dem Schwert getötet werden; denn darin zeigt sich das Gottvertrauen der Heiligen“, (Offb 13,10.) Und „jedem Rede und Antwort zu stehen“, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt, ist (1 Petr 3,15), authentisch in einem Leben der Heiligkeit zu leben und treu zu bleiben, da wo sie vielfältig hinterfragt wird. Denn das ist gewiss: Über allem steht die Verheißung, dass die Liebe stärker ist als alles, ja selbst als der Tod, und dass uns von dieser Liebe Christi nichts zu trennen vermag (Röm 8,38f.). Diese Zeugenschaft braucht die Welt. Paulus, der um seines Glaubens Willen, wahrhaftig genug an Verfolgungen erlitten hat, fügt hinzu: „Was immer auch sein mag, Gott lässt den Seinen nichts widerfahren, was ihnen nicht zum Heile dient.“ (Röm 8,28.)
Paul Kollar
Impuls zum 32. Sonntag im Jahreskreis (6. November) - Gedanken zu Lk 20,27-38
Lesen Sie gerne Todesanzeigen? Für mich ist das nicht der interessanteste Teil, ich kenne aber auch ältere Leute, die nur diesen Teil lesen. Jede Samstagsausgabe der Tageszeitung liefert ein breites Spektrum. Und die säkulare Gesellschaft hat ganz neue Formate entwickelt. Wo früher ein Bibelspruch stand, findet sich weltliche Lyrik. Nicht wenige formulieren selbst im Voraus, wie ihr Tod einmal bekannt gegeben werden soll. Manche schockieren ihre Bekannten mit einer brutalen Kurzform: Die Anzeige teilt nur das Datum des Todes mit. Oder noch schlimmer: Auf Wunsch des Verstorbenen finde keine Trauerfeier statt; die Asche sei anonym verstreut worden. Für den Osterglauben eines Christmenschen ist das eine harte Prüfung. Da ist auch kein Trost, dass schon im Neuen Testament selbst die Osterpredigt auf Unverständnis stößt. Paulus bekommt auf dem Athener Areopag zu hören: Auferstehung? Da lachen ja die Hühner. Tote stehen nicht auf. Tot ist tot, totsicher! Nicht anders heute die Erfahrung Jesu. Mit den Pharisäern hat Jesus zwar während seines öffentlichen Wirkens viele hitzige Diskussionen geführt. Aber die Pharisäer, die das heutige Streitgespräch mitkriegen, loben Jesus mit einem Ausruf der Bewunderung: „Meister, du hast gut geantwortet.“ Von ganz anderem Kaliber sind die Sadduzäer: Die aristokratische Partei der Tempelpriester hat für Jesus nur Verachtung. Es gibt keine gemeinsame Gesprächsbasis. Das absurde Beispiel der Frau mit den sieben Männern soll Jesus als naiven Ignoranten entlarven und den Glauben an die Auferstehung als frommes Ammenmärchen bloßstellen. Dieser Zynismus kommt leider gesellschaftsfähig daher. In den Salons der geistigen Eliten gibt er den Ton an. Bis heute. Er hat immer die Lacher auf seiner Seite. Er würde glänzend in die Landschaft von Comedy und Satire in unseren Medien passen und in jeder Talkshow Applaus bekommen. Ja und? Das können wir ignorieren. In Wirklichkeit war er gar nicht so harmlos. Die Sadduzäer paktieren mit den Römern. Der Inhalt der Verkündigung Jesu interessiert sie nicht. Theologische Themen langweilen sie. Auferstehung, ewiges Leben, Engel, Zölibat und ähnlicher Schabernack sind ihnen gleichgültig. Damit kann man vielleicht die frommen Leute auf dem Land für dumm verkaufen; aber Geld lässt sich damit nicht verdienen. Denn die Kasse muss stimmen. Da wird dieser fromme Spinner Jesus auf einmal lästig; seine Lehre gefährdet ja den lukrativen Kult am Tempel. Da ist man nicht zimperlich in der Wahl der Mittel: Für 30 Silberlinge kauft man einen frustrierten Idealisten, den Judas, und wir wissen, was für eine Katastrophe nachher kommt. Wir könnten über so eine alte Geschichte kopfschüttelnd oder schmunzelnd zur Tagesordnung übergehen, wenn es nicht so aktuell wäre. Es ist erschreckend, sich zu vergegenwärtigen: Die Sadduzäer sind die damalige Amtskirche. Ausgerechnet sie sind die Zyniker, die den Glauben der einfachen Menschen verhöhnen. Weil sie gar keinen Glauben hatten. Wie oft habe ich mir diese Frage gestellt über praktizierende Christen und Verantwortliche der Kirche, meine Amtskollegen in der Hierarchie: Glauben sie überhaupt an Gott? Kann es auch eine Art Religiosität ohne Glauben geben?! Die Macht der Sadduzäer scheint ungefährdet. War sie es wirklich? Zwei Generationen nach Jesus, als der Tempel von den Römern am 08.09.70 zerstört wurde, schien der ganze Spuk vorbei. Es steckte nicht viel dahinter. Das rabbinische Judentum, das sich nach der Katastrophe neu formierte, stand in der Tradition der Pharisäer. Die Partei der Sadduzäer verschwand mit einem Schlag von der Bildfläche. Allerdings haben Gespenster ein zähes Leben; die Sadduzäer existieren leider weiter als Mentalität und Lebenshaltung. Als historische Gruppe haben sie im Jahre 70 ausgespielt; aber heute ist die ganze Welt wieder voller Sadduzäer, aufgeklärten Rationalisten, die den Glauben verlachen und die sich dafür bei Bedarf sogar auf das reine Wort der Schrift berufen, die sie sich nach ihrem Gusto zurechtgelegt haben. Die Art, wie Jesus mit ihnen umgeht, ist herzerfrischend. Er schlägt sie mit ihren eigenen Mitteln und weist ihnen nach, dass ihr Gottesbild absurder ist als der konstruierte Fall der Frau mit den sieben Männern. Was kommt nach dem Tod? ist für Jesus keine anthropologische Frage, sondern eine theologische: Gott ist ein Gott des Lebens und ein Gott der Lebenden. In ihm sind alle lebendig. Auferstehung ist nur denkbar als Anteilhabe an der Lebensmacht Gottes. Heute werden wir gefragt: Wie hältst du es mit der Auferstehung? Wie verändert der christliche Osterglaube dein Leben? Wer die Frage nach Gott ausklammert und seine neugierige Nase in waghalsige Jenseitsspekulationen steckt, dem wird gesagt: Thema verfehlt. Wer aus trüben Quellen etwas über Seelenwanderung, Reinkarnation oder Transhumanismus erfahren haben will, dem wird hier der Boden unter den Füßen weggezogen. Jesu Antwort verweist uns in unsere menschlichen Grenzen: Lass das ewige Leben ruhig Gottes Sorge sein. Deine Sache ist es, auf ihn hier zu hoffen; an ihm wird es sein, dort unsere Hoffnung zu erfüllen. Halleluja!
Alois Balint
Impuls zum 31. Sonntag im Jahreskreis (30. Oktober) - Halloween oder "Die Nacht der 1000 Lichter"
Als bei uns vor vielen Jahren „Halloween“ modern wurde, bemühte sich ein diözesaner Jugendbetreuer um eine sinnvolle Alternative. So entwickelte sich die neue Tradition der „Nacht der 1000 Lichter“. Sie spricht am Abend jedes 31. Oktober Hunderte Menschen aller Altersstufen an, viele von ihnen wahrscheinlich keine regelmäßigen Kirchgänger. Mit Jugendlichen wird das Thema des Abends bestimmt. Das zentrale Element sind dabei Tausende kleine Kerzen. Mit ihnen werden Symbole gelegt, Wege vorgegeben, auf denen die Besucher-Innen unterwegs sein können – früher durch Kirche und Kreuzgang des Franziskanerklosters, seit Corona durch den Klostergarten. Einzelne Stationen laden zum Nachdenken und zum aktiven Tun ein und mit offenen Feuern können mit dem Rauch von Kräutern und Weihrauch gute Wünsche in den Himmel steigen. Meistens gibt es ein kleines Geschenk zur bleibenden Erinnerung an den Abend. Beim Thema „Die Farben meines Lebens“ konnte jeder ein großes Plakat mit seiner Farbe schöner machen. Kleine bunte Filzherzen wurden gegen Spenden für Flüchtlingskinder vergeben. Bunte Poster von Jugendlichen säumten die Wege durch den Garten. Im Schein der Kerzen, begleitet von Musik in verschiedenen Stilen, wandern die BesucherInnen still durch die einzelnen Stationen. Jeder in seinem Tempo, allein oder mit Freunden. Am Ende leuchten dann auch ihre Augen. Beim Thema „Himmel auf Erden“ gab es kleine Zauberstäbe, mit denen man ihn „machen kann“. Eine starke Botschaft war das Thema „Licht in der Welt“. Hunderte kleine Zettel mit der Botschaft „Du bist Licht in der Welt“ oder „Ich bin Licht in der Welt“ stecken seit der Nacht in den Brieftaschen der BesucherInnen, als dauernde Erinnerung daran. Vielleicht wird es dieses Jahr der Gedanke des „Segens“ sein, der in mehreren Arten sichtbar, hörbar und fühlbar gemacht werden könnte. Mit Zetteln, auf denen die BesucherInnen für jene Menschen um den Segen des Himmels bitten, die ihnen am Herzen liegen. Dazu passen würde das begeisternde Lied „The Blessing“, das im Internet in Versionen für viele Länder zu finden ist. Eine moderne Form des alten aaronitischen Segens von den Musikern Jose & Furtick. Und wenn die Jugendlichen, die zuerst den Zauber der Lichternacht mitgestalten, anschließend auf eine Halloween-Party gehen, nehmen sie die Frage mit: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Und alle freuen sich schon auf die nächste „Nacht der 1000 Lichter“.
Elisabeth Ziegler-Duregger
Impuls zum 30. Sonntag im Jahreskreis (23. Oktober) - Wer bin ich vor Gott?
Ein Professor hält im Rahmen einer Vorlesung einen nagelneuen 50-Euro-Geldschein hoch und fragt seine Studenten, wer den Schein haben möchte. Alle wollen, alle heben den Arm. Daraufhin zerknüllt der Professor den Geldschein vor aller Augen und stellt erneut die Frage. Wieder melden sich alle Studenten im Saal. Daraufhin nimmt der Professor den Schein, wirft ihn auf den Boden und stampft mit seinen Schuhen darauf. Er hebt den nunmehr schmutzigen und zerknüllten Geldschein auf, hält ihn hoch und fragt wieder, wer denn nun das Geld noch haben möchte. Wieder gehen alle Hände in die Höhe. Der Professor erklärt, was er verdeutlichen wollte: Der inzwischen ramponierte Geldschein hat im Wesentlichen seinen Wert behalten. Das ist allen klar. Eine Parabel für den Selbstwert. Egal, was uns im Leben widerfährt, egal, ob andere auf uns herumtrampeln oder uns durch den Dreck ziehen: Wir haben immer den gleichen Wert, wir behalten unseren Wert. Wir sind immer gleich wertvoll, unabhängig davon, was andere mit uns anstellen! Weil wir vor Gott immer wertvoll sind!
Eine andere Geschichte: Der berühmte Schriftsteller ist erstaunt. Eines Tages bekommt er den Brief einer Tageszeitung. Sehr geehrter Herr, schreibt die englische Zeitung, wir machen eine Umfrage unter Schriftstellern. Bitte beteiligen Sie sich und antworten mit ein paar Zeilen auf die Frage: „Was ist faul an dieser Welt?“ Der Schriftsteller legt den Brief zur Seite. Nach etwa einer halben Stunde setzt er sich an seinen Schreibtisch, nimmt ein Blatt Briefpapier und schreibt seine Antwort an die Zeitung. Er schreibt aber nicht ein paar Zeilen, er schreibt nur ein einziges Wort als Antwort auf diese Frage: „Was ist faul an dieser Welt?“ Er schreibt nur: „Ich“.
Was für eine mutige Antwort. Kein Herumgerede, keine Erklärungen, keine Beschreibung der Weltlage – alles das nicht. Der Schriftsteller berührt den wundesten Punkt, den es gibt: Ich. Ich bin meine Aufgabe. Zuerst muss ich auf mich schauen. Zuerst gebe ich keinem anderen die Schuld oder beschuldige Umstände und Sachzwänge. Zuerst bin ich meine Aufgabe. Und wenn etwas faul ist, suche ich die Gründe nicht woanders, sondern erst mal bei mir. Das ist Buße: auf mich schauen. Mich selbst befragen, bevor ich andere bezichtige. Könnte ich verantwortlich sein? Liegt der Fehler bei mir? Lebe ich, wie Gott es will? Oder lebe ich, wie es mir am besten passt? Wenn ich eine dieser Fragen mit Ja beantworte, habe ich meine Aufgabe. Dann will ich das ändern, will nicht einfach weitermachen, sondern umkehren und mich verbessern. Statt mit dem Finger auf alles und jeden zu zeigen, will ich das Fragezeichen lieber auf mich selber richten: Bin ich so, wie ich sein soll? Trage ich dazu bei, dass in meinem Leben oder in der Welt etwas faul ist?Sich gut zu fühlen, ist zu wenig. Sich immer und überall in Ordnung zu finden auch. Besser ist, sich jeden Tag ehrlich zu fragen: Bin ich Gott auch recht? Hat er seine Freude an mir?
Alois Balint
Impuls zum 29. Sonntag im Jahreskreis (16. Oktober) - Gedanken zu Ex 17,8-13
Ein Kampf liegt vor dem Volk Israel, dessen Ausgang ungewiss ist. Unter der Leitung von Mose und Josua folgt das Volk Israel dem Weg, den Gott ihnen zeigt und der in die Freiheit führt. Und doch ist dieser Weg nicht einfach zu gehen. Immer wieder kämpfen die Israeliten auf die ein oder andere Weise um das Vorankommen. Gegen die Umstände der Wüstenwanderung, gegen ihre eigenen, inneren Mühen, gegen fremde Völker – sie haben einige Kämpfe durchzustehen. Zum Glück ist für uns der Gedanke an eine Schlacht mit Waffengewalt meist fremd und fern und wenn uns Bilder von Kriegsschauplätzen in der Welt erreichen, dann tun wir uns wahrscheinlich schwer damit, Gott auf der einen oder anderen Seite zu vermuten. Im Leben gibt es aber doch immer wieder Situationen, in denen auch wir den einen oder anderen Kampf auszustehen haben. Auch heute kämpft so manch einer mit den Umständen und Widrigkeiten des Lebens, weil die Arbeitsstelle verloren geht, Beziehungen in die Brüche gehen, eine ernsthafte Krankheit diagnostiziert wird. Für das Volk Israel ist klar, dass Gott bei den Kämpfen, die es auszufechten hat, nicht außen vor bleibt. Es vertraut darauf, dass er ihm beisteht, wenn es zu ihm ruft. Mose übernimmt diesen Dienst des Gebetes. Was hier von der Erfahrung der Israeliten erzählt wird, kann uns daran erinnern und dazu ermutigen, ebenso zu Gott zu rufen, wann und wo auch immer wir in unserem Leben für oder gegen irgendetwas zu kämpfen haben.
Der Abschnitt aus dem Buch Exodus sagt aber noch mehr. Wir sehen, dass das Gebet keine einsame und private Angelegenheit ist. Mose betet für das Volk und er tut das nicht alleine, sondern wird von Aaron und Hur unterstützt. In der Geste des Stützens der Arme wird das sogar körperlich sichtbar und das zeigt, dass die notwendige Ausdauer manchmal erst dadurch kommt, dass wir Unterstützung erleben. Wahrscheinlich wäre es auch für uns gut, nicht nur alleine und persönlich zu beten, sondern immer wieder andere mit dazu zu nehmen, jemanden anderen um sein Gebet zu bitten und gemeinsam mit anderen zu beten oder aber anderen das eigene Gebet anzubieten. Auch die Fürbitten im Gottesdienst am Sonntag könnten eigentlich ein Ort sein, an dem in den Anliegen von Menschen aus der Gemeinde gebetet wird. Schließlich sehen wir auch in der Lesung, dass es für das Volk wichtig ist, Mose beim Gebet zu sehen. Das Wissen darum, dass jemand für mich betet, stärkt bereits. Aber dann wird auch noch etwas anderes deutlich. Das Volk Israel vertraut auf Gott und darauf, dass er das Gebet erhört – aber es weiß auch, dass es selbst kämpfen muss. Das Gebet ersetzt nicht das, was wir ganz konkret tun können. Es unterstützt uns, weil Gott uns beisteht, aber das bedeutet nicht, dass nicht auch wir alles tun sollten, was möglich ist, um unsere eigenen Kämpfe zu bewältigen und die der anderen zu unterstützen.
Jens Watteroth
Impuls zum 28. Sonntag im Jahreskreis (9. Oktober) - Gedanken zu 2 Tim 2,8-13
„Das wird Konsequenzen haben!“, sagt der Chef zum Untergebenen, der einen großen Schaden verursacht hat. Unser Tun hat Konsequenzen, ob wir jemanden beleidigen, einen Unfall bauen, durch eine Prüfung fallen, den Partner enttäuschen oder eine Straftat begehen. Es hat Konsequenzen für andere und für uns selbst. Schon Kindern wird das von ihren Eltern bewusst gemacht: „Hört auf zu streiten, sonst gibt es heute keine Bildschirmzeit mehr!“ Der Mensch lernt von klein auf, abzuschätzen, mit welchen Konsequenzen er zu rechnen hat: „Riskiere ich den Ärger mit den Eltern für den kurzfristigen Spaß oder kann ich mich gedulden und eine Belohnung erhoffen?“, „Wenn ich nur 10 km/h schneller fahre, bekomme ich wegen Tachoungenauigkeit und Toleranz wahrscheinlich keinen Strafzettel“, „Wenn ich schön freundlich tue, bekomme ich, was ich will“.
Die vier Wenn-Sätze aus dem 2. Timotheusbrief scheinen auf den ersten Blick auch Überlegungen zu sein, was ich zu erwarten habe, wenn ich mich zu Christus bekenne oder nicht. Liest man den letzten Satz allerdings zuerst, erscheinen die anderen in einem anderen Licht: „Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen“. Dieser Satz zeigt auf, dass egal, was wir tun, das eben keinen Einfluss auf Jesu Treue zu uns hat. Egal, wie viele Fehler und Schwächen und Sünden wir uns erlauben, aus Gottes Liebe können wir nicht herausfallen. Sie ist an keine Bedingung geknüpft. Er liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern schon vorher. Im Evangelium heilt Christus die Aussätzigen, ohne dass sie etwas leisten mussten. Alle sind geheilt, auch wenn nur einer sich bedankt. Diese bedingungslose Liebe hat der heilige Paulus, Autor des Briefes, am eigenen Leib erfahren. Er verfolgt die Christen und begegnet dennoch Christus, zunächst in der Vision vor Damaskus und dann auch in der Liebe der christlichen Gemeinde.
Deswegen hat unser Handeln trotzdem Konsequenzen. Wenn wir Christus verleugnen, also nicht unseren Glauben in Wort und Tat bezeugen, dann wird er uns verleugnen. Wir verzichten dann auf die Möglichkeit, die Kraft des Evangeliums zu erfahren und spüren ein schlechtes Gewissen. Wenn wir standhaft bleiben, werden wir merken, dass wir gewappnet sind gegen äußere Einflüsse. Wir können die eigenen Bedürfnisse und Wünsche beherrschen, anstatt uns von ihnen bestimmen zu lassen. Wenn wir uns sogar so sehr aufgeben, dass wir alles tun für die Ausbreitung der Frohen Botschaft, wie Christus es am Kreuz getan hat, dann erfahren wir, was erfülltes Leben heißt.
Noch einmal: Mit unserer Selbstlosigkeit verdienen wir uns nicht Gottes Liebe. Wir können so nur handeln, wenn wir Gottes Liebe in unserem Leben erkennen und erfahren haben, wie der heilige Paulus. Dann sind hochherzige Verzichte und große Leiden zu ertragen, weil es zur größten Freude wird, wenn andere durch uns Gottes bedingungslose Liebe erfahren und hoffentlich auch erkennen. Dann ist es reine Liebe. Sie erwartet keine Gegenleistung!
Alois Balint
Impuls zum 27. Sonntag im Jahreskreis (2. Oktober) - Gedanken zu Hab 1,2-3;2,2-4
Heute kam einer der so genannten „kleinen“ Propheten zu Wort: Habakuk. „Klein“ nicht wegen mangelnder Bedeutung, sondern aufgrund des Umfangs, gehört diese prophetische Schrift zum so genannten „Zwölfprophetenbuch“ des Alten Testaments. Und auch, wenn wir über die Person des Propheten Habakuk nur sehr wenig wissen, hat seine Botschaft es doch in sich! Denn sie stellt eine Aussage in den Mittelpunkt, die bis heute hochaktuell ist: Das ganze Buch ist eine klare Stellungnahme gegen jede Art von Gewalt, ein leidenschaftlicher Protest gegen die Macht des Bösen. Das wurde schon in den wenigen Versen, die wir heute gehört haben, deutlich. Und ein zweites Merkmal: Das Buch Habakuk ist dialogisch angelegt. Der Prophet befindet sich im Dialog mit Gott – und dabei geht es deutlich zur Sache! Habakuk schreit, fleht, ja rüttelt geradezu an Gottes Thron. Herr, hilf doch! Gewalt, Unterdrückung und Misshandlung überall – und Gott schaut vermeintlich ungerührt zu. Kommt Ihnen das nicht auch bekannt vor? Angesichts der mannigfaltigen globalen Krisen und Herausforderungen weiß man gar nicht, wo man anfangen soll, die Zustände zu beklagen. Der so verzweifelte wie vorwurfsvolle Unterton in Habakuks Worten liegt da nicht fern: „Ich schreie zu dir – aber du hilfst nicht“ (vgl. 1,2b). Und Gott? Habakuk erlebt tatsächlich, dass sein Klagen nicht ungehört bleibt! Wie wunderbar: Der Herr gibt ihm Antwort (vgl. 2,2a)! Aber ob das die Antwort ist, die er sich erhofft hat? Vermutlich auf den ersten Blick eher nicht. Denn man könnte es schon als Vertröstung verstehen, wenn es heißt: „Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst“ (2,3a) und „wenn es sich verzögert, so warte darauf“ (2,3b). Mal ganz ehrlich: Wie soll das gehen? In der größten Not „abwarten und Tee trinken“, bis irgendwann zu einem völlig unkalkulierbaren Zeitpunkt Besserung eintritt? Schwer auszuhalten! Und ich glaube auch nicht, dass das die eigentliche Botschaft ist. Diese liegt vielmehr in der absoluten Gewissheit, dass Gottes guter Wille sich letztlich durchsetzen wird: … „denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus“ (2,3b). Fast wie eine dreifache Beschwörungsformel, um die Macht Gottes zu umschreiben, die letzten Endes stärker sein wird als alle Gewalt und Not, die Menschen in ihrer Gegenwart erleben. Das macht diese immer noch nicht erträglicher. Aber es legitimiert zumindest die Klage darüber und zeigt Gott als ein Gegenüber im Dialog. Wenn es zu schlimm wird, Mensch, erhebe deine Stimme! Klage Gott, was an Gewalt und Unterdrückung, Zwietracht und Streit dein Herz bedrückt. Unrecht bleibt Unrecht, Gewalt ist der falsche Weg! Ja, es erfordert einen langen Atem, die scheinbare Übermacht des Bösen auszuhalten. Aber – und da sind wir dann auch beim heutigen Evangelium (Lk 17,5-10) – selbst das kleinste Fünkchen Hoffnung, selbst das kleinste Senfkorn hat das Potenzial, zu etwas ganz Großem zu werden. Damit tatsächlich wahr werden kann, was Gott uns zugesagt hat, braucht es viel Geduld und Durchhaltevermögen. Aber es kommt, es kommt und bleibt nicht aus!
Alois Balint
Impuls zum 26. Sonntag im Jahreskreis (25. September) - Gedanken zu Lk 16,19-31
Der arme Lazarus heißt heute Hasan und lebt in Syrien. Ein muslimischer Freund hat mich gefragt, was in der Bibel über jene Menschen steht, die Hilfe brauchen und jene, die sie schenken. Meine Antwort, dass wir glauben, dass in jedem Armen auch Christus wohnt und wir gleichsam ihm helfen, hat ihn sehr berührt. Es gibt so starke Kontraste auf diesem Planeten. An einem Fernsehabend kann man einen Bericht über die Müllkinder in Ägypten sehen und anschließend eine Reportage über die teuersten Hotels der Welt. Die meisten von uns in Mitteleuropa befinden sich wahrscheinlich in der relativ bequemen Mitte zwischen diesen Extremen. Die Verdammung von Reichtum sitzt ganz tief in katholisch christlichen Knochen. Auch da hat mir ein muslimischer Teilnehmer am Parlament der Weltreligionen eine neue Erkenntnis geschenkt. Es ging um die Vorstellung von vielen Amerikanern, dass Reichtum ein Zeichen von Gottes besonderer Liebe zu demjenigen wäre. Er hat herzlich gelacht, als ich ihm erzählte, dass wir Katholiken in Europa eher vom genauen Gegenteil überzeugt sind und die Reichen sicher mit dem „Teufel im Bunde“ sein müssen, sonst wären sie nicht reich. Auf jeden Fall hätten sie die Geschichte vom armen Lazarus nicht wirklich verstanden. Viele in der Welt warten darauf, dass das „Fest der Faulenzer“ bald vorbei sein möge. Es wäre eine interessante Rechnung, wie hoch der Kontostand aller Menschen wäre, wenn der Reichtum gerecht auf alle aufgeteilt werden würde. Auch das Geld für Waffen. Würde ich dann noch etwas dazubekommen oder müsste ich etwas abgeben. Für mich gibt es auf jeden Fall zwei Kontobücher, ein sichtbares und ein unsichtbares. Im sichtbaren ist nur Geld vermerkt. Im unsichtbaren stehen neben den gespendeten Summen auch die anderen Freuden, die wir jemanden in Not geschenkt haben. Trauernde getröstet, Einsame besucht, Blumen gepflanzt, damit die Stadt schöner aussieht. So wie jener letzte Gärtner aus Aleppo, der mitten im Krieg gemeinsam mit seinem Sohn auf den Straßen der zerbombten Stadt Rosen gesetzt hat. Er war überzeugt, dass im großen Schrecken, Blumen für ein paar Minuten lang ein Gefühl von Frieden schenken können. Dass gerade er dann durch eine Bombe sterben musste, hat mich tief berührt und zornig gemacht. Und nun wohnt jener muslimische Freund, dem ich von Jesus, der in allen Menschen wohnt, erzählt habe, in der Nähe von Aleppo, in einem Flüchtlingslager, voll mit hungernden Menschen. Er heißt Hasan und pflanzt mit Spendengeld auch Rosen.
Elisabeth Ziegler-Duregger
Impuls zum 25. Sonntag im Jahreskreis (18. September) - Gedanken zu Amos 8,4-7
"Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt / und die Armen im Land unterdrückt. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, / für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides / machen wir zu Geld." (Am 8,4)
Wie konnte der Schreiber des Buches Amos das wissen? Ich traue mich zu wetten, dass die meisten Menschen überzeugt sind, der Text stammt aus unserer Gegenwart. In der Lebensmittel an der Börse gehandelt werden, um noch mehr Geld herauszuschlagen. Wo ein Krieg zusätzlich zu den Waffen mit Weizen geführt wird. Und in der es wahrscheinlich zahlenmäßig so viele Unterdrücker gibt auf der Welt, wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Einfach deshalb, weil es noch nie so viele Menschen gab. Aber es sind nicht nur die „in unseren Augen ganz Bösen“, die sich so verhalten. Leider ist mir bewusst, dass ich zu dieser Zahl dazu gehöre. Jeder kann auf der Webseite slaveryfootprint.org selbst berechnen lassen, wie viele Sklaven für ihn oder sie derzeit arbeiten. Ja, das stimmt leider. Der westliche Lebensstil braucht viele unbekannte Sklaven. Laut der Berechnung auf der Webseite, die mich nach meiner Ernährungsweise (Erntehelfer), der Art des Wohnens (Steinbearbeitung), dem Inhalt des Kleiderschrankes (Baumwollpflücker), meinen sportlichen Hobbies, der Anzahl an Diamanten und Goldschmuck (Kinderabeiter in Minen), und der technischen Ausstattung meines Lebens (seltene Erden) u.a. gefragt hat, arbeiten derzeit ca. 26 Menschen, darunter auch Kinder, für meinen Reichtum. Dabei ist der Schokoladenverbrauch noch gar nicht mitgerechnet, da der Kakao dazu in vielen Ländern von Kindersklaven gepflückt worden ist. Wir haben also nicht nur einen größeren oder kleineren Klima-Fußabdruck, je nachdem wie wir unterwegs sind und heizen, sondern auch einen, der vorrechnet, welche Leistungen ich gerecht bezahle und wo ich Menschen um den Respekt vor ihrer Arbeit betrüge. Um nun nicht nur ein dumpfes Schuldgefühl beim Leser zurückzulassen, möchte ich auch auf die vielen Möglichkeiten hinweisen, immer mehr Schritte in Richtung von Gerechtigkeit auf der Welt zu machen. Zum Teil durch Verzicht von Konsum, durch Bevorzugung der lokalen Produktion, durch das Reparieren von kaputten Geräten und den sorgsamen Umgang mit Geldanlagen u.v.m. Und auch wenn diese Fortschritte uns viel zu langsam scheinen, Gott sieht schon den Tag am Horizont der Zeit, an dem sie überall auf der Welt Wirklichkeit sind. Und er freut sich darauf und über jeden, der einen Teil dazu beiträgt.
Elisabeth Ziegler-Duregger
Impuls zum 24. Sonntag im Jahreskreis (11. September) - Gedanken zu Lk 15,1-10
Zum Auftrag Jesu, der sich in seinen Worten und Taten zeigte, gehörte seine Art, gesellschaftliche Grenzen zu durchbrechen: die Grenzen zwischen Gesunden und Kranken, zwischen Angehörigen des eigenen Volkes und Fremden, die festgefügten Grenzen zwischen Männern und Frauen, zwischen den Guten und den Bösen. Provokativ erzählt das heutige Evangelium von der Gemeinschaft Jesu mit Zöllnern und Sündern; tatsächlich liebte Jesus offenbar die Tischgemeinschaft mit verrufenen Menschen wie ihnen. Daran nahmen die Pharisäer und Schriftgelehrten Anstoß. Ihre Empörung schlug im Laufe der Zeit immer größere Wellen. Sie waren außerstande zu sehen, was Jesus in diesen und anderen von der Gesellschaft Ausgestoßenen sehen konnte: Die Zöllner und Sünder suchten aktiv die Nähe Jesu, sie kamen zu ihm, um ihn zu hören. Da muss es doch eine Sehnsucht gegebenen haben, die sie zu Jesus geführt hat. Ein Gespür dafür, dass vielleicht nicht alles perfekt und richtig ist bei ihnen, dass sie noch mehr aus ihrem Leben machen könnten. Jesus zeigt uns, dass Gott jedem Menschen immer und immer wieder die Gelegenheit zu einem Neuanfang schenkt. Gott nimmt den Menschen ernst, respektiert seine Mündigkeit und Verantwortung für das eigene Tun. Schuld wird nicht kleingeredet, doch niemand muss Gefangener seiner früheren Fehler oder seiner verfehlten Vergangenheit bleiben. Den Kritikern will Jesus Gottes Haltung entgegenhalten, auch den Verlorenen nachzugehen. Gottes Freude ist so groß, sagt er, wie die Freude des Besitzers einer großen Schafherde über ein verloren geglaubtes Schaf, er nimmt es voll Liebe auf die Schultern, trägt es nach Hause, teilt seine Freude mit anderen. Gottes Freude ist auch zu vergleichen, ergänzt Jesus, mit der Freude einer Frau über eine wiedergefundene Münze, die gleich ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammenruft, weil sie nicht alleine bleiben mag mit ihrem Glück. In Gott ist väterliche und mütterliche Liebe und mehr noch als das. Gott sortiert nicht durch, schon gar nicht aus, weil für den Schöpfer jeder Mensch, der nach seinem Bild geschaffen ist, ohne Ausnahme gleich kostbar und wertvoll ist. Auch die kleinste, für andere womöglich nicht erkennbare Bewegung auf ihn zu, nimmt Gott wahr und erwidert sie voller Zärtlichkeit. „Gott hat größere Freude an einem sehnsuchtsvollen Menschenherzen, als je ein Mensch haben kann an blühenden, duftenden Frühlingsblumen.“ Welch schönes Bild aus der Feder von Gertrud von Helfta, einer mittelalterlichen Mystikerin, das uns heutige Menschen sehr direkt anspricht. Wie sehr haben wir alle uns gerade nach den letzten beiden Corona-Wintern an jeder aufblühenden Frühlingsblume erfreuen können! Wie groß erst wäre die Freude Gottes, wenn mehr der wegen ihrer Lebensführung ausgegrenzten Menschen, die voller Sehnsucht auf willkommen heißende Gesten in unseren Gemeinden und Kirchen warten, diese finden würden!
Brigitte Schmidt
Impuls zum 23. Sonntag im Jahreskreis (4. September) - Gedanken zu Weish 9,13-19
„Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen oder wer begreift, was der Herr will?“ Mit dieser Frage beginnt die Lesung aus dem Buch der Weisheit, die wir heute hören. Und dann folgen viele Feststellungen, wie begrenzt die Möglichkeiten des Menschen eigentlich sind, Gott in dieser Hinsicht nahe zu kommen. Unsicher, einfältig, vergänglich und um Irdisches besorgt, so beschreibt der Verfasser des Buches der Weisheit den Verstand des Menschen. Und mit ihm ergründet der Mensch kaum das, was die Erde bewegt, wir finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt – an den Himmel, der hier für den Handlungsbereich Gottes steht, ist dabei erst gar nicht zu denken – er scheint für unseren Verstand verschlossen. Zuerst einmal klingt das nicht wirklich erbaulich. Wie können sie überhaupt zusammenkommen – Mensch und Gott? Es wäre kein Weisheitslehrer, wenn er in dieser aussichtslosen Situation verharren würde. Der Verfasser des Buches führt seine Adressaten und Adressatinnen über den Tiefpunkt der Erkenntnis in eine Wendung: „Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?“ Gottes Plan zu erkennen ist also möglich, wenn Gott dazu die Weisheit und seinen Heiligen Geist gibt.
Gottes Plan und seinen Willen zu erkennen, das geht also nicht nur mit dem Verstand alleine. Es braucht dazu Weisheit und seinen Heiligen Geist. Und damit ist nicht die Weisheit gemeint, die ich mit dem Verstand erlernen, mir erarbeiten kann – es ist die Weisheit, die von Gott herkommt, die mir geschenkt wird – unverfügbar und ohne Anspruch.
Was ist Gottes Plan mit seiner Kirche? Was will Gott mit Blick auf die großen Fragen unserer Zeit?
Mit diesen großen Fragen beschäftigt sich die Kirche auf dem Synodalen Weg – in Deutschland mit breiter Beteiligung von Bischöfen und Kirchenvolk – aber auch in der Weltkirche im Rahmen der Bischofssynode. Die Kirche erkennt, dass sie mit den Fragen dieser Zeit an Grenzen kommt. Emotionen, Verletzungen, Versagen und Ängste, aber auch Hoffnungen, Solidarität, Loyalität und Begeisterung – alles das bewegt viele Menschen in der Kirche derzeit.
Das Wort Gottes heute fordert dazu auf, bei der Suche nach Antworten nicht nur auf den Verstand zu bauen, sondern offen zu bleiben für die Weisheit, die von Gott geschenkt wird, für seinen Heiligen Geist. In ihm können wir, kann die Kirche erkennen, was Gottes Plan ist. Im Heiligen Geist finden wir Antworten.
Wie das gehen kann? Indem wir uns einlassen, auf Gott und auf die anderen, indem wir annehmen, dass uns Gott in ihnen begegnet. Indem wir uns selbst zurücknehmen, unseren Verstand nicht über alles und besonders nicht über Gottes Plan erheben. Dann kommen wir in Tuchfühlung mit dem Heiligen Geist, der uns und seine Kirche auf einen Weg führt, der seinem Plan entspricht.
Stephanie Rieth
Impuls zum 22. Sonntag im Jahreskreis (28. August) - Gedanken zu Lk 14,7-14
Dieses Evangelium ist ein Geschenk. Zeitlos aktuell bis heute. Ich brauche mich nicht zu beteiligen am täglichen Schaulaufen der Reichen, Schönen und Erfolgreichen. Ich muss meine Ängste und Schwächen nicht hinter einer Maske verbergen. Ich bin geliebt und angenommen so, wie ich bin. Ein zutiefst menschlicher Satz. Denn menschlich ist es ja nicht, aus mir ständig mehr zu machen, als ich in Wirklichkeit bin, das macht mich auf Dauer nur krank. Sondern menschlich ist es – auch wenn wir es vielleicht nur selten antreffen – der sein zu dürfen, der ich bin. Und das nicht nur im Urlaub, an fremdem Ort, wo mich niemand kennt, sondern auch am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde. Wenn mich – bildlich gesprochen – ein hinterer Platz glücklich macht, warum mir das Leben mit dem Streben nach dem ersten verderben. Doch ich glaube, das kann ich nur, weil ich mich geliebt weiß, weil der Grund meines Lebens nicht aus mir selbst kommt oder von mir selbst geschaffen wurde, sondern von Gott geschenkt ist. Das ist ein Mehrwert des Glaubens: Ich bin mehr wert, als ich mir selbst oder andere mir zusagen können. Und der andere ist mehr wert. Deshalb darf und will ich mich nicht über ihn stellen. Weil er wie ich im Licht Gottes lebt, brauchen wir uns nicht gegenseitig in den Schatten zu stellen.
Alois Balint
Impuls zum 19. Sonntag im Jahreskreis (7. August) - Zwei Aufgaben in dieser Zeit
Erstens, nicht einschlafen, und das heißt jetzt: Die Erwartung des Herrn nicht einschlafen lassen. Er kommt – wann immer. Und wenn er erst dann kommt, wenn ich gehen muss. Ob ich ihn auf den Wolken des Himmels erwarte oder er mich im Grab. Jedenfalls: Er kommt. Und dann ist die entscheidende Stunde. Der Blick über den Tag hinaus, das ist das, was die Christen aller Zeiten miteinander verbindet. Ein Leben nur im heute, ohne Erwartung, ohne Perspektive, ohne Zukunft, ohne Überlegung, wie es weitergeht, mit der Kirche, mit uns, mit mir: Das würde die Ermahnung dieser Stelle überhören. Ein bisschen wacher sollten die Christen schon sein als sie ohne ihren Herrn wären, ein bisschen treuer und klüger, als sie ohne ihr Evangelium wären.
Und zweitens: Wie geht das konkret? Wie soll man sich diese Treue und diese Klugheit vorstellen? Kurz gesagt: Die Zukunft hat mit den Hausaufgaben der Jetztzeit zu tun. Vielleicht können wir uns noch erinnern an das Kirchenlied, das schon einige Jahre alt ist: „Heute wird getan – oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt.“ Die Zukunft liegt im Heute – und im Heute liegt die Zukunft. Was das konkret bedeutet, das ist von Lebensphase zu Lebensphase verschieden, aber es ist immer konkret. Die Zeit bis 35 hat andere Aufgaben, als die Zeit zwischen 35 und 65. Und das Alter hat wieder einige andere Aufgaben, rechtzeitig zum Doktor und die Medikamente nicht vergessen ... Und jeder hat seine spezifischen Aufgaben, je nach Berufung und Sendung. Eine Frage vielleicht zum Nachdenken: Was möchte ich getan haben, wenn eben diese Lebensphase zu Ende ist, in der ich jetzt stehe? Denn damit kann ich heute anfangen. Und genau danach wird mich dann auch der Herr fragen, wenn es soweit ist.
Alois Balint
Impuls zum 18. Sonntag im Jahreskreis (31. Juli) - Ohne Krimi im Bett: Hl. Ignatius von Loyola
Als Ignatius – von einer Kanonenkugel getroffen – verletzt im Schloss seiner Eltern liegt, hätte er gerne Ritterromane gelesen: Liebesgeschichten, Räuberromane, Erzählungen von Kriegen und Schlägereien, wie er sie selbst erlebt hatte. Doch im ganzen Schloss gibt es nur ein Buch über das Leben Jesu und eine Heiligenlegende. Aus Langeweile beginnt er mit dieser Lektüre – und ist so fasziniert von ihr, dass er sein Leben grundlegend ändert: Aus dem spanischen Edelmann, Frauenhelden und Raufbold Ignatius wird ein ernsthafter Nachfolger Jesu. Er zieht als Bettler durch Spanien, geht als Pilger ins Heilige Land, studiert Theologie in Paris, findet unter seinen Mitstudenten Gleichgesinnte, gründet mit ihnen einen Orden, schreibt ein Exerzitienbuch und tut viel für die Erneuerung der Kirche – zusammen mit seinen Jesuiten. 16 Jahre lang leitet er die „Gesellschaft Jesu“, die sich rasch ausbreitet – bis zu seinem Tod am 31. Juli 1556. „Wir sollen in allen Dingen Gott suchen und finden“ – sein Lebensmotto hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Nach Gott suchen in allen Dingen, in unseren täglichen Aufgaben, in unseren Begegnungen, in den Situationen, mit denen das Leben uns konfrontiert: Das ist bis heute der Auftrag von uns Christen. Wie könnte es in unserer Welt aussehen, wenn viele nicht nur Krimis, Ritterromane und Liebesgeschichten lesen, sondern sich mit dem Leben Jesu und mit Heiligenlegenden beschäftigen würden?
Alois Balint
Impuls zum 17. Sonntag im Jahreskreis (24. Juli) - GAUDETE im Hochsommer
„Joh, is denn heit scho 3. Advent?“ – würde „Kaiser Franz“ (Beckenbauer) wahrscheinlich erstaunt fragen, falls er sich ein wenig im Liturgischen Kalender der Kirche auskennt, und falls er zufällig im Verzeichnis der kuriosen Feiertage aus aller Welt blättert. Da entdeckt er nämlich unter dem Datum des 24. Juli den „Internationalen Tag der Freude“ (International Day of Joy). Wer in welchem Jahr und aus welchem Grund diesen Feiertag ins Leben gerufen hat, weiß heute niemand mehr. Aber wir Christen sollten froh sein, dass wir nicht nur an den traditionellen Freudensonntagen „Gaudete“ und „Laetare“ in der Advents- und Fastenzeit, sondern auch noch im Sommer den Appell des Apostels Paulus hören: „Freut euch ... Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4). Hat doch schon eine Umfrage zur Würzburger Synode (1971 – 1975) festgestellt: „Menschen, die der Kirche nahestehen, sehen weniger glücklich aus. Regelmäßige Kirchgänger wirken eher unfroh und bedrückt. Lebensfreude sucht man bei ihnen vergebens.“ Auch heute wird der Blick auf die Lage der Welt und auf die Situation der Kirche nicht sofort Glücksgefühle in uns auslösen. Und überhaupt: Wie soll man einen solchen Feiertag begehen? Denn sich freuen nach Termin – das geht ja nicht. Freude kann man nicht machen, nicht erzwingen – sie wird uns geschenkt. Das Einzige, was wir tun können: Bedingungen schaffen, dass das Geschenk der Freude bei uns ankommt. Den besten Tipp dazu habe ich beim evangelischen Theologen Karl Barth gefunden: „Sich freuen heißt: Ausschauen nach Gelegenheit zur Dankbarkeit.“ Wer bewusst wahrnimmt, was um ihn herum geschieht; wer wachsam die kleinen und großen Dinge betrachtet, die ihn umgeben; wer seine Tage mit der Einstellung beginnt: Mal sehen, was mich heute erwartet – bei dem wird sich immer wieder Freude einstellen. Wer am 24. Juli ein Übriges tun möchte, könnte im Freundeskreis mit einem Cocktail auf die Gesundheit anstoßen – denn laut den meisten Glücksforschern spielen bei der Lebensfreude die drei G’s Gesundheit, Gemeinschaft und Genuss eine entscheidende Rolle. Und schließlich wird ja heute auch der „Tag des Tequila“ (Tequila Day) gefeiert ...
Wolfgang Raible
Impuls zum 16. Sonntag im Jahreskreis (17. Juli) - Gedanken zu Lk 10,38-42
Ferienzeit und Sommerzeit! Für viele die schönste Zeit. Eine Zeit der Unbeschwertheit. Eine Zeit der Unterbrechung. Mindestens theoretisch. Gerade nach den vergangenen Jahren der Pandemie hungern viele nach einem Tapetenwechsel. Raus, nur raus. Weg, nur weg. Ob er tatsächlich gelingt? Urlaub kann zum Stress werden. Je nachdem, welche Ansprüche und Erwartungen wir an diese Zeit herantragen. Vor diesem Hintergrund scheint das heutige Evangelium den richtigen Impuls zu setzen und in eine gute Richtung zu weisen. Auch im Urlaub gehört die Balance zwischen Aktivsein und Ruhe unbedingt dazu. Nur wem diese Balance gelingt, der kann wieder bei sich selbst ankommen, sich erholen. Diese Balance zwischen Aktion und Kontemplation bestimmt ebenso unser spirituelles Leben und ist von entscheidendem Belang. Sie fördert unsere Gottesbeziehung. Ich bin für die Perikope aus dem Lukasevangelium sehr dankbar. Bei Lukas gibt es ganz besondere Geschichten und Gleichnisse (vom verlorenen Sohn, vom barmherzigen Samariter, Emmausjünger, usw.) Der heutige Abschnitt aus seinem Evangelium ist wieder speziell. Mit dem, was Jesus heute zu Marta sagt, baut er doch so etwas wie ein Schreckgespenst auf für jede tüchtige Hausfrau (und natürlich auch für jeden ebenso tüchtigen Hausmann, die gibt es auch!) Besuche sind nicht einfach, vor allem nicht im Nahen Osten. Am schlimmsten ist es, wenn die Besuche zu lang sind (Benjamin Franklin sagte angeblich: Ein Besuch ist wie ein Fisch, nach 3 Tage beginnt er zu stinken). In der heutigen Szene geht es aber nicht um die Länge, sondern um die Haltung des Gastgebers. Es ist ein umstrittenes Thema und es lohnt hier sicher, auf Einzelheiten zu achten und auch einmal auf den griechischen Urtext dieser Perikope zurückzugreifen. Leider gibt auch die neue dt. Einheitsübersetzung ein Detail nicht ganz korrekt wieder. Aus dem Urtext geht nämlich hervor, dass zunächst auch Marta zu Füßen Jesu saß, um ihm zuzuhören. Anscheinend hält sie es dort nicht aus oder sie wird zumindest durch andere Tätigkeiten abgelenkt. Wir wissen nicht warum. Dass Frauen zu Füßen eines religiösen Lehrers saßen, war eigentlich schon eine Ungeheuerlichkeit. Dieser Platz war Männern vorbehalten. Maria und Marta brechen dieses Tabu. Sicher haben Sie mal das Wort „Upanishaden“ gehört (es gibt 108 alte mystische Bücher, Bestandteil der Veden im Hinduismus) und das Wort bedeutet auf Sanskrit: Vor den Füßen des Meisters zu sitzen und ihm zuzuhören und/oder einen Dialog zu wagen, offen für neue Sichtweisen zu werden. Das ist gar nicht einfach. Es gilt, eine Hemmschwelle zu überwinden, um sich auf derartige Gespräche einzulassen. Ich beobachte zum Beispiel nicht selten folgende Verhaltensweise: Wenn sich ein Gespräch, vielleicht in einer geselligen Runde, einem heiklen Thema nähert, wenn es ans „Eingemachte“ zu gehen droht, dann kommt garantiert von einem der Gesprächsteilnehmer diese Floskel: „Das muss jeder für sich selbst wissen.“ Schön und gut, wenn diese Redensart nicht oft genug das Gegenteil bedeuten würde: Man weiß eigentlich nicht so recht, wo es langgeht, man fühlt sich verunsichert und will sich da nicht auf dünnes Eis begeben. Dann geht man möglichst schnell zu einem harmlosen Thema über oder man flüchtet sich in andere Aktivitäten – aber die Chance, zu einem wirklich existentiell berührenden Austausch der Gedanken und Standpunkte zu kommen, ist damit vertan. Und auch die Möglichkeit, zu einer revidierten und wahrscheinlich besser fundierten eigenen Sichtweise zu kommen. Da gibt Maria eben ein anderes Beispiel. Sie hat den Mut, sich und Jesus einzugestehen, dass sie eben nicht „alles für sich selber weiß“. Sie ist bereit, Konventionen zu durchbrechen, sich erst einmal noch mehr verunsichern zu lassen, um dann neue Sichtweisen und einen gefestigten Standpunkt zu finden. Darin kann sie uns Vorbild sein: sich auf zunächst unbehagliche, aber sicher faszinierende Gespräche über die Grundfragen unseres Lebens einzulassen und dabei seine altvertrauten und halbwegs sicher scheinenden Einstellungen in Frage stellen zu lassen, und dabei einen neuen Standpunkt zu finden.Aus diesem Evangelium heraus haben Heilige die gute Richtung gefunden. Ich denke ans Prinzip vom Hl. Ignatius: contemplatio in actio (eine aktive Kontemplation im alltäglichen Tun), oder die berühmte Regel vom Hl. Benedikt: Ora et labora. Achtung: nicht „labora und ora“, die gute Rheinfolge ist ganz wichtig: Erst beten (denken, überlegen, meditieren) und nur nachher arbeiten. Aber noch einmal zurück zu Marta: Jesus ist sicher weit davon entfernt, das, was sie tut, für grundsätzlich unwichtig zu halten. Für ihren Dienst wird im griechischen Text der Ausdruck „diakonia“ verwendet (Dienst am Nächsten). Und das ist einer der Grundvollzüge kirchlichen Wirkens. Und es ist nicht zu übersehen, dass es auch die Flucht in die umgekehrte Richtung gibt: Von den oft banalen Pflichten des Alltags hin zu Gesprächen, die auch nicht immer weiterführen können und nicht immer der geistlichen Vertiefung dienen können. So besteht der Fehler der Marta sicher nicht in ihrem grundsätzlichen hausfraulichen Fleiß. Ihr Fehler besteht vielmehr darin, dass sie die Gunst der Stunde verkennt. Ein Mensch wie Jesus begegnet einem nicht alle Tage. In dieser Situation hat sich Maria eben wirklich den besseren Teil erwählt. Es gilt für uns, entsprechende Situationen wahrzunehmen, nicht davonzulaufen und in Banalitäten zu flüchten. Es gibt auch in unserem Leben Begegnungen und Gespräche, für die wir durchaus einmal alles stehen und liegen lassen dürfen. Und im Übrigen: Indem wir uns hier zum Gottesdienst versammelt haben, zeigen wir ja, dass es eben auch andere Dinge gibt als die häuslichen Pflichten oder das sonntagmorgens so beliebte Joggen. Wir hoffen, in dieser stillen Stunde, Begegnung zu erleben, Anregungen zu erhalten, die neue Sichtweisen eröffnen und die auch im Alltag uns begleiten sollen. Ein gutes ORA für ein besseres LABORA.
Alois Balint
Impuls zum 15. Sonntag im Jahreskreis (10. Juli) - far niente
Der bekannte New Yorker Karikaturist Bob Mankoff wurde in einem Interview gefragt. „Worin sehen Sie die größte Stärke des Menschen im Vergleich zum Computer?“ Seine Antwort: „Im Nichtstun. Kein Computer wird dazu je in der Lage sein. Wenn eine Maschine nichts tut, ist sie nichts. Wenn wir nichts tun, sind wir zutiefst menschlich. Wir existieren einfach. Das ist doch wunderbar.“ Philosophen, Schriftsteller und Künstler wissen es schon lange, dass Seele und Verstand schöpferische Pausen und genügend Schlaf brauchen. Und einige lie-fern durch ihre Werke den Beweis: „Müßiggang ist aller guten Ideen Anfang.“ Der französische Dichter Saint-Pol-Roux hängte sich vor jedem Mittagsschlaf ein Schild an seine Tür: „Poet bei der Arbeit“. Und der große Humanist Michel de Montaigne ließ sich sogar mitten in der Nacht von seinem Diener wecken, damit er das Vergnügen, wieder einzuschlafen und nicht arbeiten zu müssen, noch einmal richtig genießen konnte. Inzwischen haben auch Mediziner und Neurobiologen auf diesem Gebiet geforscht und bestätigt, wie heilsam es für den menschlichen Organismus ist, wenn wir dösen, träumen oder einfach nur gar nichts tun. Unser Wohlbefinden wird in diesen Phasen gesteigert, unsere Kreativität gefördert, unsere Leistungskraft intensiviert – und in unserem Gehirn wird gründlich aufgeräumt, ohne dass es uns bewusst ist. Wie schwierig es allerdings sein kann, die hohe Kunst des Nichtstuns zu praktizier n, führt uns Loriot in einem köstlichen Sketch vor Augen: „Sie: was machst du da? Er: Nichts ... Sie: Nichts? Wieso nichts? Er: Ich mache nichts ...“ Mit immer neuen Vorschlägen, was er tun könnte, treibt die Frau ihren Mann, der nur ruhig dasitzen möchte, beinahe in den Wahnsinn. Die Ferien, die in diesen Tagen für viele beginnen, wären eine ideale Trainingszeit des Nichtstuns. Zumindest könnten wir damit beginnen, einen Rat des Sozi-ologen Hartmut Rosa zu beherzigen: „Es hilft, sich in den Terminkalender an manchen Tagen groß einzutragen: Nichts.“ Damit wir uns hin und wieder als zutiefst menschlich erleben ...
Wolfgang Raible
Impuls zum 14. Sonntag im Jahreskreis (3. Juli)
Zu allen Zeiten gab es Menschen, die den Mut hatten, es zu tun: Die Frauen Athens z.B. veranstalten wohl das erste „Sit-in“ der Geschichte. Mit einer pazifistisch inspirierten Sitzblockade versperren sie den Zugang zum Parthenon, der Schatzkammer der Stadt, um dem peloponnesischen Krieg die Finanzmittel zu entziehen. In Rom organisieren die Plebejer einen Generalstreik, damit die Patrizier ihnen mehr Rechte gewähren. „Widerstehen“ – dieses Wort ritzt die Hugenottin Marie Durand in einen Mauerstein ihres Gefängnisses, in dem sie unter Ludwig XIV. 38 Jahre lang vergeblich gezwungen wird, ihrem „Irrglauben“ abzuschwören. Im Wissen darum, dass ihnen die Todesstrafe droht, verteilen die Mitglieder der „Weißen Rose“ Flugblätter an der Universität München und rufen zum Widerstand gegen die Nazidiktatur auf. Vor 70 Jahren weigert sich die dunkelhäutige Rosa Parks in den USA, einem Fahrgast mit heller Hautfarbe ihren Sitzplatz im Bus zu überlassen, wie es damals noch gesetzlich geregelt war. Sie wird wegen Ungehorsams verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteilt. Ihre Geschichte verbreitet sich schnell, die Gesetze werden geändert, und heute wird sie als Bürgerrechtlerin geehrt. Malala, ein Mädchen aus Pakistan, schreibt heimlich für einen britischen Sender ein Tagebuch fürs Internet, in dem sie auf die schlimme Situation der Frauen in ihrem Land aufmerksam macht. 2014 bekommt sie als 17-Jährige den Friedensnobelpreis und spricht vor Politikern der UNO. Der 3. Juli wird in jedem Jahr als „Tag des Ungehorsam“ begangen und erinnert an die vielen Menschen, die aus Gewissensgründen bewusst gegen rechtliche Normen verstoßen, durch ihren gewaltlosen Protest Unrechtssituationen verändert und manchmal sogar neue Gesetze auf den Weg gebracht haben. Uns soll dieser Tag anregen, über Sinn und Unsinn von Regeln und Normen nachzudenken, auf Missstände aufmerksam zu machen und auf die öffentliche Meinungsbildung Einfluss zu nehmen.
Wolfgang Raible
Impuls zum 13. Sonntag im Jahreskreis (26. Juni) - Gedanken zu Lk 9,51-62
Wir Menschen haben das tiefe Bedürfnis, jemandem nachzufolgen. Wir brauchen Gruppen, die eine gleiche Meinung vertreten. Das ist inzwischen ein spannender Forschungsbereich der Psychologie geworden.Nachfolgen kann das Leben wesentlich einfacher machen. Es erspart uns viele Einzelentscheidungen. Es ist klar, was wir wann zu tun haben. Ich schreibe hier nicht von erzwungener Gleichschaltung, wie sie immer noch in totalitären Strukturen vorkommt.Jesus hat nicht gekämpft um seine Jünger. Sie sind ihm freiwillig gefolgt. Das bedeutet nicht, dass sie nicht einen hohen Preis dafür zahlen mussten, aber niemand hat sie dazu gezwungen.Jesus hat sie auch nicht überredet, mit ihm zu gehen. Er hat sie überzeugt, ihnen etwas Größeres vor Augen geführt, als sie es in ihrem Leben bis dahin gesehen hatten. Manche werden die Wunder beeindruckt haben, andere das Zutrauen, das er ihnen entgegengebracht hat. Er hat ihnen mit seiner Botschaft den Himmel geöffnet.Wie konnte es geschehen, dass genau die Nachfolge derselben Botschaft, für viele in eine Hölle auf Erden geführt hat. Sie hatte sich ja durch die Jahrhunderte nicht geändert.Im Internet wird die Summe der „Follower“ auf sozialen Plattformen als Gradmesser der Beliebtheit genommen. Es werden auch da Botschaften vermittelt, denen Menschen folgen: Gesundheitsrichtungen, Politiker, Philosophen oder Gartenfreunde. Auch spirituelle Gruppen haben viele „Nachfolger“ der verschiedenen „Gurus“. Es gibt eine unglaubliche Fülle an Einladungen sich anzuschließen.Oft reicht da schon ein zustimmender Klick und man ist dabei. Es muss auch keine besonderen Auswirkungen auf das Leben haben, weil niemand überprüfen kann, was ich wirklich davon umsetze. Ich folge sozusagen anonym nach. Ich muss auch niemanden verlassen dazu. Es bleibt noch ausreichend Zeit meinen Geschäften nachzugehen oder Beziehungen zu pflegen und mit einem Klick, kann ich die Nachfolge auch wieder beenden. Ich weiß nicht, ob Jesus mit derartigen Nachfolgern Freude hätte.Aber so negativ möchte ich es nicht stehen lassen. Denn genau diese „bequeme“ Online-Nachfolge kann auch sehr positive Auswirkungen haben, z.B. die finanzielle Unterstützung von Medizinern, die auf der anderen Seite des Planeten heilen wie die „Ärzte ohne Grenzen“. Es ist auch möglich, sichtbar mit Menschen von allen Kontinenten zur selben Zeit um den Frieden auf der Welt zu beten.Jesus heute nachfolgen kann leichter und schwerer zugleich sein. Es kommt immer noch auf das Herz an, ganz gleich ob online oder offline.
Elisabeth Ziegler-Duregger
Impuls zum 12. Sonntag im Jahreskreis (19. Juni) - Gedanken zu Lk 9,18-24
„Ihr aber, für wen haltet Ihr mich?“ – Könnte es sein, dass Jesus auch von uns, von mir ganz persönlich, eine Antwort auf diese Frage erwartet? Was würden Sie antworten, hier und heute? Sicher ist die Antwort nicht ganz so leicht. Ich weiß selbst nicht, ob ich wie Petrus ohne zu zögern und ohne lange darüber nachzudenken so schnell sagen könnte: „Du bist der Messias Gottes!“ – Immerhin: Sonntag für Sonntag liefern wir ja ein ähnliches Bekenntnis ab, wenn wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprechen. Die Frage ist, ob uns das immer bewusst ist. Wie heißt es da gleich noch? „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn …“ Ist das wirklich meine tiefe, innere Überzeugung? Stehe ich da wirklich dahinter – mit meinem ganzen Leben? Bleibt mein Bekenntnis nicht oft genug ein oberflächliches Lippenbekenntnis, mehr dahergesagt als mit Bedacht und mit innerer Überzeugung gesprochen? Schließlich bringe ich damit ja zum Ausdruck, dass Jesus wirklich der Sohn Gottes ist, der Erlöser, der einzige, der meinem Leben endgültigen Sinn und Halt gibt. – Noch einmal: Ist das wirklich meine tiefe, innere Überzeugung? Und welche Konsequenzen hat das für mein Leben? Lebe ich nicht auch ganz gut, ohne dass Jesus für mich der Mittelpunkt meines Lebens ist? Wer ist dieser Jesus wirklich – mal ganz abgesehen davon, was er mir persönlich bedeutet? Die Zweifel an seiner Person werden wir ja nie ganz los, erhalten sie doch immer wieder neue Nahrung durch die Tatsache, dass ja keineswegs Einigkeit herrscht in der Einschätzung der Person Jesu. Auch heute hören wir ja ganz unterschiedliche Meinungen: Für die einen war Jesus ein Revolutionär, für die anderen so eine Art Therapeut; für wieder andere war er ein großer Menschenfreund, der aber leider an seiner Menschlichkeit gescheitert ist; einer, der Liebe gepredigt und gelebt hat; ein unbequemer Kritiker der oberen Zehntausend und der Führenden des Volkes. Da ließe sich noch vieles aufzählen. Die Vorstellungen von und die Meinungen über Jesus sind sehr vielfältig. Aber gehen die wirklich tief genug? Mitten in diese Vielfalt der Meinungen hinein fragt Jesus: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Und er gibt sich nicht zufrieden mit einer Aufzählung der unterschiedlichen Meinungen und Möglichkeiten. Jesus will unsere eigene, meine eigene Meinung, meine Stellungnahme, mein Bekenntnis: „Du aber, ja genau du, für wen hältst du mich?“ Diese Frage stellt Jesus, auch hier und jetzt: Ihnen, Dir und mir selbst. – Wer ist dieser Jesus für mich? Diese Frage kann ich nur beantworten, wenn ich ihn gesucht habe, ehrlich und aufrichtig, wenn ich mich auf den Weg mache zu ihm. Ihr aber, für wen haltet ihr mich? – Du, für wen hältst du mich? – Wer ist dieser Jesus für mich? Nehmen Sie diese Frage mit in die kommende Woche. Es lohnt sich, ihr nachzugehen, weil sie nicht an der Oberfläche bleibt, sondern in die Tiefe geht.
Siegfried Modenbach
Impuls zum Fronleichnam (16. Juni) - Gedanken zu Lk 9,11-17
Ein wenig erinnert mich das heutige Evangelium an so manche Fernsehbilder, die uns Anfang März aus dem polnisch-ukrainischen Grenzgebiet erreichten. Tausende Menschen waren auf der Flucht und sie mussten mit Nahrung, Medikamenten und vielem mehr versorgt werden. Ohne Frage beschreibt das Evangelium eine ganz andere Ausgangssituation. Die Menschen waren nicht auf der Flucht vor einem Krieg, ganz im Gegenteil, sie haben für einige Stunden ihren Alltag vergessen. Sie haben das, was sie normalerweise tun würden, gelassen, sind zu Jesus hinausgekommen und haben ihm zugehört. Er hat so gesprochen, dass sie ihren Alltag vergessen konnten. Er hat ihnen in seiner Predigt neue Horizonte eröffnet. Aber irgendwann kommt der Abend. Man muss sich trennen, schließlich ist man irgendwo auf freiem Feld, mit vielen Menschen und ohne Versorgungseinrichtungen. An dieser Stelle ähnelt die Situation der Lage an der Grenze vom März des Jahres. Es geht um die Frage, wie man die vielen Menschen von jetzt auf gleich versorgen kann. Die Jünger haben eine schnelle Lösung parat: „Schick die Leute weg“. Doch das ist für Jesus keine Option, deshalb fordert er seine Jünger heraus: „Gebt ihr ihnen zu essen“ (9,13). Was die Jünger sich bei dieser Anordnung gedacht haben, ist nicht überliefert, ihre Antwort zeigt aber, wie schwierig sie die Lage einschätzen: „Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische“ (9,13). Doch diese Ausrede lässt Jesus nicht gelten. Alle sollen versorgt werden und wie wir gehört haben, wurden sie es auch. Wir sind häufig in einer ähnlichen Situation wie die Jünger. Es gibt so viel Not und so viele Aufgaben um uns herum. Wieviel Hunger können wir wirklich stillen durch unsere Spenden und Aktionen? Auch wir haben, um es mit dem Evangelium zu sagen, oft „nur fünf Brote und zwei Fische“. Aber Jesus sagt den Jüngern: Gebt das bisschen, was ihr habt. Gebt und zögert nicht. Nach einem Gebet und dem Segen sollen sie das wenige austeilen, was sie haben. Auch wir sind aufgefordert, einzubringen, was wir haben, was wir können. Wer nur beten kann, soll beten. Wer nur wenig hat, gibt das wenige. Wer wirken kann, der tue es in Verantwortung vor Gott und den Menschen. Als die Flüchtenden aus der Ukraine in Polen, Rumänien und anderen europäischen Ländern ankamen, sind sie auf viel Hilfsbereitschaft gestoßen. Große Hilfsorganisationen, kleine Initiativen und Einzelpersonen haben sie empfangen und unterstützt. Es war ein großartiges Beispiel für Mitmenschlichkeit, Großzügigkeit und Nächstenliebe. Das könnte auch ein Beispiel für viele andere Situationen in unserem Leben sein. Dabei muss die erste Frage nicht sein, ob es genügt. Wage das, was du kannst, sagt Jesus auch zu uns. Brecht das Brot, das ihr habt. Gebt, was ihr könnt. Verschenkt den Menschen eure Kraft. Teilt, was ihr habt und vertraut darauf, dass Gott euch beisteht und das Seine dazugibt. Das verändert die Welt und das verändert auch euch.
Christoph Heinemann
Impuls zum Dreifaltigkeitssonntag (12. Juni)
Es scheint aussichtslos zu sein, „Dreifaltigkeit“ zu erklären. Vielleicht gelingt es mit der Sprache der Kunst, mit dem eindimensionalen Bild von Christus am Kreuz vor Augen. Es zeigt nur die menschliche Ebene: den Mann, den man sehen, berühren und töten kann. Wir erkennen nicht die Quelle dahinter und nicht das Ziel. So wie bei den Grenzen des Farbspektrums für das menschliche Auge. Da sind uns sogar einige Tiere überlegen. Einer der ungewöhnlichsten Versuche, die „Dreifaltigkeit“ vorstellbar zu machen, stammt vom kanadischen Autor William P. Young. 2007 erschien sein Buch „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“, (Originaltitel The Shack) 2017 wurde es verfilmt. Er nimmt die Leser und Seher mit in die tiefe Auseinandersetzung mit den Fragen nach Schuld und Vergebung. Es bleibt unklar, ob die Schilderungen auf persönlichem Erleben gründen oder nur das Ergebnis einer besonders lebendigen Phantasie sind. Unzählige Leser bzw. Zuschauer wurden von der Vorstellung überrascht, dass Gott dem um seine ermordete Tochter trauernden Vater als freundliche Afroamerikanerin erscheint; Jesus offenbart sich – für uns vertraut – als starker Zimmermann und der Heilige Geist als eine hübsche, junge, asiatisch aussehende Frau. Der Erfolg von Buch und Film zeigen die Sehnsucht auch der modernen Menschen, sich diesem Geheimnis zu nähern. Was bedeutet „Dreifaltigkeit“ in Bezug auf die tiefsten Fragen unserer Existenz? Welche Antwort kann Ängste heilen und Mut machen für das Leben mit allen Höhen und Tiefen des Alltags? Wir wissen, „dass bei Gott alle Dinge möglich sind“, also auch die Deutung der Dreifaltigkeit mit Gott als mütterlicher Figur; mit Jesus als Verkörperung von Stärke, Ruhe und Verständnis; mit dem Heiligen Geist im Körper einer Frau. Die Lektüre des Buches macht Mut, aus den gewohnten Bildern von Gott als alter Mann mit weißem Bart, dem Geist als Taube auszubrechen. Sie stärkt den Impuls, sich zu überlegen, wie man selbst die „Dreifaltigkeit“ erlebt. Dabei wird es kein einfaches „richtig“ oder „falsch“ geben. Dazu ist die Frage zu komplex. Jedem und jeder dürfen verschiedene Bilder des Geheimnisses im Herzen entstehen, weil der Kopf das falsche Werkzeug zur Lösung dieser Frage ist. Dessen Wahrnehmungsspektrum ist „einfach zu gering“. Und die Komplexität der Fragestellung überfordert uns so sehr, dass wir andere Sensorien aktivieren müssen – zum Beispiel auch das Herz.
Elisabeth Ziegler-Duregger
Impuls zum 8. Sonntag im Jahreskreis - Fastnachtssonntag (27. Februar) - Gedanken zu Lk 6,39-45
Hier zu Lande an vielen Orten,
gibt's an Fasnacht die Predigt in gereimten Worten.
Mit dem Evangelium vom heutigen Tag
haben wir oft so unsere Plag.
Jesus weiß, wo unsere Schwächen sind,
da sind wir manchmal geradezu blind.
Wie schwer ist etwas einzugestehen,
was wir bei anderen ja viel besser sehen.
Wir sind alles richtige Experten,
wenn's drum geht, andere zu bewerten.
Beim Anderen sehen wir es ganz genau
und fühlen uns besonders schlau.
Doch die eigenen Fehler zu erkennen
und dann auch noch beim Namen nennen,
das fällt uns allen herzlich schwer.
Vielleicht schmerzt es uns auch viel zu sehr!
Vertrauen wir uns Jesus an,
weil er allein uns helfen kann:
er nimmt von uns unsere Schuld
und hat unendliche Geduld.
Bei ihm brauchen wir keinen Heiligenschein,
da dürfen wir froh und dankbar sein.
Und haben wir selber Barmherzigkeit erfahren,
dann ändert sich vielleicht unser Gebaren:
Mit Liebe und Barmherzigkeit die Anderen sehen
und miteinander gute Wege gehen.
Das sind gute Früchte unseres Lebens
und ganz sicher nicht vergebens.
Doch jetzt genug von meinen Reimen
Ich sag es nicht nur im Geheimen:
Auch wenn es keine Fasnacht gibt,
so Gott uns dennoch alle liebt.
Deshalb bleibt alle heiter und froh.
Ich ende nun – Narri Narro!
Elvira Rich-Armas
Impuls zum 7. Sonntag im Jahreskreis (20. Februar)
- Gedanken zu Lk 6, 27-38
Im heutigen Evangelium geht es um ganz zentrale Aussagen der Botschaft Jesu: Wir hören sie in der Version des Evangelisten Lukas, als Teil der Feldrede, wir kennen sie auch als Bergpredigt bei Matthäus. Heute wissen wir: Beide kannten wohl eine Quelle von Worten Jesu und sie haben sie in einen unterschiedlichen Erzählrahmen eingebettet. Während Jesus bei Matthäus auf einen Berg steigt, damit ihn alle gut sehen und hören können, wenn er diese wichtigen Worte spricht, steigt Jesus bei Lukas gerade vom Berg hinunter, mitten in die Menschenmengen hinein, um zu ihnen zu sprechen. In beiden Versionen geht es jedoch darum, dass die Menschen hören und aufnehmen können, was Jesus ihnen zu sagen hat. „Euch, die ihr zuhört, sage ich …“, so leitet Jesus seine Rede im Lukasevangelium ein. Er könnte auch sagen: Ich habe euch etwas zu sagen, das so wichtig für euch ist, dass es euer Leben verändert. Und das tut es tatsächlich. Genaugenommen fordert uns Jesus im heutigen Evangelium auf, Regeln zu brechen – die Regeln des typisch Menschlichen. Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen. Kraftvolle Begriffe gebraucht Jesus da, Begriffe, die für starke Emotionen stehen. Es muss normalerweise viel passieren, bis wir jemanden als Feind bezeichnen. Im Persönlichen liegen da oft viele Erfahrungen von Verletzungen und Kränkungen zugrunde – Jesus veranschaulicht es an Beispielen. Vermutlich fällt Ihnen selbst das ein oder andere Beispiel aus Ihrem Alltag ein – Beispiele, wo mir Unrecht geschieht und wo ich viel lieber zurückschlagen würde, jemandem so richtig die Meinung sagen würde, jemanden gerne fertigmachen würde, weil Zorn und Verletzung in mir so groß sind. Und Jesus hält diesem Zorn und dieser Verletzung etwas entgegen, was über unsere Kraft zu gehen scheint: Lasst euch schlagen, lasst euch das letzte Hemd nehmen, lasst euch beschimpfen. Aber er sagt auch: „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen.“ Wir kennen diesen Gedanken auch als goldene Regel. Damit wird deutlich: Wenn Jesus uns auffordert, die Regeln unseres gewöhnlichen Miteinanders zu brechen, dann gibt er uns zugleich eine neue Regel im Sinne einer Richtschnur für unser Handeln mit: Handle so, wie du selbst gerne behandelt werden willst, dann führt das dazu, dass andere dein Handeln nachahmen; und wenn du so dazu beiträgst, die Gesellschaft zu prägen, kommt es dir am Ende selbst zugute. Eine Herausforderung bleibt ein solches Handeln dennoch. Ein Schlüsselgedanke dazu findet sich am Ende des heutigen Evangeliums: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Die Barmherzigkeit Gottes, die ohne Bedingungen ist, geht unserem Handeln immer voraus und vermag uns womöglich die nötige Kraft zu geben.
Stephanie Rieth
Impuls zum 6. Sonntag im Jahreskreis (13. Februar)
- Gedanken zu 1 Kor 15,12.16-20
Die Eingangsfrage der heutigen Lesung könnte auch in unserer Zeit gestellt worden sein: „Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht?“ (1 Kor 15,12). Laut einer Umfrage unter 1000 deutschen Erwachsenen im Jahr 2017 glauben nur acht Prozent aller Befragten an die Auferstehung der Toten, aber 34 Prozent glauben daran, dass Christus von den Toten auferstanden ist. Eine ähnliche Situation gab es auch in der jungen Gemeinde von Korinth. Die Auferstehung Jesu wurde nicht angezweifelt, aber die leibliche Auferstehung der Toten ganz allgemein in Frage gestellt. Im Brief an die Korinther wird versucht, der Gemeinde vor Ort eine Antwort zu geben. Wohlgemerkt, das Schreiben richtet sich an die Christen von Korinth. Paulus setzt darin die Auferstehung Jesu als gesichert voraus. Er macht zudem deutlich, dass die Auferstehung Christi und die Auferstehung der Toten unbedingt zusammengehören. Die Auferstehung der Toten ist der endzeitliche Sieg Gottes über den Tod. Was am Ostertag begonnen hat, wird zum endgültigen Triumph mit der Auferweckung aller Toten. Christus ist deshalb nicht der einzige, der aufersteht, sondern der „Erste der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20). Ein weiteres kommt für Paulus noch dazu: zu glauben, Gott könne keine Menschen vom Tode auferwecken, hieße, an seiner Allmacht zu zweifeln. Warum aber glauben die Korinther nicht an die Auferstehung der Toten, wenn sie doch die Auferstehung Jesu anerkennen? Etwas salopp gesagt, weil sie der Meinung sind, sie wäre nicht mehr nötig. Sie glauben, schon mit Christus zu herrschen und im Leben alles erreicht zu haben. Paulus hingegen macht deutlich: Die Auferstehung Jesu ist der zentrale Punkt christlichen Glaubens. Wenn nicht mehr an die Auferstehung der Toten geglaubt wird, wird auch die Auferstehung Christi geleugnet. „Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15,16f). Die gesamte Frohe Botschaft und alle Aussagen des christlichen Glaubens machen nur Sinn, wenn sie im Bezug zur Auferstehung stehen. Wenn die Auferstehung nicht real wäre, wären alle anderen Glaubensaussagen inhaltsleer und letztlich ohne Bedeutung. Wie die Gemeinde von Korinth dürfen wir uns heute deshalb von Paulus daran erinnern lassen, dass Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, den Tod besiegt hat und in die Herrlichkeit des Vaters heimgekehrt ist. In diese Herrlichkeit sind wir alle berufen. Als Getaufte sind auch wir für die Auferstehung und das Leben in Gottes Ewigkeit bestimmt. Diese große Verheißung darf uns mit Freude und Hoffnung erfüllen, erinnert uns aber auch daran, dass wir das unsrige beitragen können, wenn wir die Frohe Botschaft ernst nehmen und versuchen, sie nach unseren Möglichkeiten in Familie, Gesellschaft und Gemeinde in die Tat umzusetzen.
Christoph Heinemann
Impuls zum 5. Sonntag im Jahreskreis (6. Februar)
- Gedanken zu Lk 5, 1-11
Der Evangelist Lukas verbindet in dem Abschnitt, den wir aus seinem Evangelium vernommen haben, drei Einzelaspekte zu einem Ganzen. Da sind zunächst jene Worte, die Jesus von einem Boot aus an die vielen Menschen richtet, die sich am Ufer des Sees Genesaret versammelt haben. Sie wollten ihn hören und er stillt ihre Sehnsucht mit dieser ungewöhnlichen Aktion, um sich Zugang zu ihren Herzen zu verschaffen. Dabei sieht Jesus – das ist der zweite Schritt – dem Simon die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, in der ganzen Nacht nichts gefangen zu haben. Er fordert ihn auf, es erneut zu versuchen. Simon antwortet letztlich widerstandslos: „Wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen“. Das Erstaunen über den reichen Fischfang – und das ist der dritte Schritt – lässt Petrus seine Schwachheit erkennen, die schließlich zum Fundament seiner Berufung durch Jesus wird: „Von jetzt an wirst du Menschen fangen“.
Drei kurze Szenen, die von einer göttlichen Pädagogik erfüllt sind. Jesus führt seine Jünger zu der Erfahrung: Wer Jesus glaubt, verliert nie den Mut. Das sehen wir exemplarisch an Petrus. Er lässt sich auf Jesus ein, er vertraut seinem Wort, er ist bereit, auf ihn zu hören und seiner Weisung zu folgen. Sein Vertrauen gegenüber Jesus und sein Glaube eröffnen ihm in der Nacht seines Misserfolgs eine neue Perspektive. Er bleibt nicht in der Dunkelheit seiner Enttäuschung verhaftet, sondern findet durch Jesus einen fruchtbaren Neubeginn. Wir erkennen das vor allem in seiner Anrede. Während er zu Beginn von Jesus als „Meister“ spricht, bekennt er nach dem Fischfang Jesus als „Herr“. Wenn wir diese Haltung des Petrus nicht allein als äußere Zuschauer betrachten, sondern uns in diesen Moment hineinnehmen lassen, dann dürfen auch wir hier für unser Glaubensleben lernen: Hab immer wieder neu den Mut, auf Jesus zu vertrauen! Sei bereit, auf ihn zu hören, dich von ihm führen zu lassen. Und du wirst das Wunder des Glaubens erfahren. Wer Jesus glaubt, verliert nie den Mut.
Doch wir sehen an der Gestalt des Petrus noch ein Zweites. Wer auf Jesus vertraut, sich ihm übereignet, der kann nicht anders, als Menschen davon zu erzählen. Der Mensch, der so mit Jesus verbunden ist, wird zu seinem Boten. Papst Franziskus spricht deshalb davon, dass jeder Christ, der den Namen Jesu trägt, ein Missionar ist, ein Bote des Evangeliums. Doch dies vermag nur der zu tun, der mit Jesus verbunden ist. Der, der ihm glaubt. Der, der ihm vertraut. Der, der bereit ist, sich wie Petrus ihm zu übereignen und auf sein Wort neu zu beginnen. Wer Jesus glaubt, verliert nie den Mut.
Christsein bedeutet demnach: Einssein mit Jesus und Gesandtsein von Jesus. Dabei gilt es, in der eigenen Schwachheit auf die Kraft Jesu zu vertrauen oder wie es der Papst einmal formulierte: „Man muss sein Vertrauen immer mehr in die Macht des göttlichen Erbarmens setzen, das verwandelt und erneuert“. Jesus lädt uns heute von Neuem dazu ein. Folgen wir ihm wie Petrus?
Alois Balint
Impuls zum 4. Sonntag im Jahreskreis (30. Januar)
- Gedanken zu 1 Kor 12,31-13,13
Als Seelsorger ist mir manchmal dieser wunderschöne Lesungstext aus dem ersten Korintherbrief, das „Hohelied der Liebe“, eigentlich ein „Horror“. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Das ist eine unübertroffen starke Meditation über die Liebe, ein Text von unglaublicher Tiefe und Dichte, kein Zweifel. Aber gefühlt 80% der Brautpaare wählen sich unbedingt diesen Text als Lesung aus. Kaum ein Text, über den ich so oft zu predigen habe! Dabei denke ich manchmal: Ob die Brautleute den Text wirklich verstanden haben? Oder ob es nur ein paar schöne, schnulzig klingende Worte sind, die sie ansprechen: „Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem Stand. Die Liebe hört niemals auf!“ Ja, natürlich: ich kann verstehen, dass das die Sehnsucht von Liebenden ist: eine Liebe, die alle Hindernisse einfach überwindet und niemals aufhört. Ist das aber nicht zugleich völlig unrealistisch und lebensfern? Klar, sagt jetzt vielleicht der lang Verheiratete. So verklärt und verträumt kann ja nur ein Zölibatär wie Paulus über die Liebe schreiben, einer, der selbst nie verheiratet war. „Die Liebe ist langmütig, gütig, ereifert sich nicht, bläht sich nicht auf …“ Jeder, der in einer Beziehung lebt und dem diese Beziehung wichtig ist, der weiß: Irgendwann fliegen auch mal die Fetzen; es gibt auch Tage, in denen man den anderen, die andere am liebsten an die Wand klatschen oder auf den Mond schießen würde. Und dann muss man sich wieder neu zusammenraufen, versöhnen. In der Liebe ist nicht einfach alles immer nur rosarot! Liebe ist oft auch anstrengend, verlangt den Partnern einiges ab. Nun kann man dem Apostel Paulus sicher nicht nachsagen, dass er ein Träumer gewesen wäre, einer, der die Welt nur durch die rosarote Brille sieht, wie es vielleicht frisch Verliebte tun. Paulus war durch und durch ein Realist, einer, der mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Wer also diesen Text so liest, als ob da einer vor lauter Schmetterlingen im Bauch meterhoch über dem Boden schwebt: Der hat Paulus gründlich missverstanden. Und vor allem: Der hat den Text nur oberflächlich gelesen. Denn in der Tat finden sich neben den schönen Worten von der Liebe, die allem Stand hält und niemals aufhört, auch sehr nüchterne Worte: dass sich Liebe eben manchmal auch im sich gegenseitig Ertragen zeigt. Nein, Paulus ist kein romantischer Träumer. Er ist einer, der das Leben kennt. Der auch viel Leid, Verfolgung, Missgunst, Eifersucht erlebt und erfahren hat. Paulus weiß, wie die Menschen sind. Den ersten Korintherbrief schreibt Paulus an die von ihm gegründete Gemeinde, weil er gehört hat, dass es dort Spaltungen gibt, heftige Konflikte, Eifersucht, eben all die Menschlichkeit, die Liebe so oft verletzen und zerbrechen lassen. Und ausgerechnet in diesem Brief, in dem er die Gemeinde auch regelrecht in den Senkel stellt, schreibt er diese wunderbaren Worte über die Liebe. Nein, Paulus weiß ganz genau, wie die Menschen ticken. Wenn er also trotz aller Enttäuschungen mit solcher Leidenschaft über die Liebe spricht, dann, weil er weiß, dass es sich bei der Liebe um eine Macht handelt, die größer ist als wir Menschen, größer als unsere Gefühle und Emotionen, größer erst recht als sexuelle Anziehung und Attraktion. All das ist vergänglich. Die Liebe aber bleibt. Woher dieses scheinbar grenzenlose Vertrauen in die Liebe? Weil Liebe für Paulus nichts ist, was wir Menschen machen können. Liebe kann man nicht machen. Man kann sie sich nicht verdienen. Man kann sie nicht erkaufen, verlangen, erzwingen. Liebe ist ein Geschenk, eine „Gnadengabe“, wie Paulus das nennt. Also ein Geschenk, das von Gott kommt. Deswegen ist der Anfang, die Einleitung dieses Hoheliedes der Liebe, so wichtig. Nachdem Paulus der Gemeinde klar gesagt hat, was sich alles ändern muss, wie man als Christ zu leben hat, nachdem er Anweisungen gegeben hat zur Ehe, zu Rechtsstreitigkeiten unter Christen, zu Götzendienst und zur rechten Feier des Herrenmahles, nachdem er also detailliert geschrieben hat, was alles zu tun ist, um Gott zu gefallen, beginnt er jetzt noch einmal neu: „Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, einen alles überragenden Weg“ (1 Kor 12,31): die Liebe! Alle Anstrengungen sind am Ende umsonst ohne die Liebe. Und die Liebe, das ist das entsetzlich Schwere, aber auch die unfassbar tröstliche, erleichternde Botschaft – die Liebe können wir nicht einfach machen. Sie ist ein Geschenk Gottes, eine Gnadengabe. Gott beschenkt uns mit seiner Liebe. Er hat uns zuerst geliebt. Seine Liebe erst versetzt uns in die Lage, auch einander zu lieben. Nirgends liegen Geschenk und Herausforderung, Gabe und Aufgabe so dicht beieinander: Weil Gott uns seine Liebe umsonst, gratis, aus reiner Gnade geschenkt hat, deswegen können, ja müssen wir auch einander lieben, vorbehaltlos, rückhaltlos. Dass das immer leicht sei, Schmetterlinge im Bauch, alles rosarot: das wird nirgends gesagt. Gerade weil Paulus weiß, wie die Menschen sind, weiß er auch, wie schwer die Liebe manchmal sein kann. Eben nicht selten auch ein Ertragen; Liebe braucht Langmut, Geduld, sich Zurücknehmen, nicht den eigenen Vorteil suchen und so fort. Liebe ist eine große Herausforderung, keine Frage. Und doch das, was alles verändert. Jemand kann noch so tolle Begabungen haben, noch so Großartiges leisten, noch so überzeugend reden und auftreten: ohne Liebe ist alles wertlos. Aber umgekehrt: Mit Liebe wird selbst der kleinste, bescheidenste, unscheinbarste Beitrag zu etwas Großartigem. Die Liebe verwandelt die Menschen und macht aus einem Verein der Freunde und Förderer der Botschaft Jesu Gemeinde, Christen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Aufbau von Gottes Reich.
Alois Balint