Fastenzeit 2024
Karfreitag (29.03) - Passion einer Passion
Bei der Passion, der „Leidensgeschichte“, muss ich in diesem Jahr unweigerlich an das Leiden der Menschen in der Heimat Jesu denken. Was verbindet ein paar Gedanken am Karfreitag mit dem Krieg in Israel? Es ist das Stichwort „Passion“! Die Menschen in Israel erleben eine schlimme Passion: die Hamas-Opfer selbst, ihre Angehörigen und Freunde, ja das ganze Land. Aber selbstverständlich auch die Menschen im Gazastreifen erleiden eine schreckliche Passion: unzählige Todesopfer, die Bombardierungen, Flucht und Vertreibung, Hunger und Angst, wegen eines kriminellen Regimes, das kaum jemand auf der Erde wagt beim Namen zu nennen. Passion damals und heute. Warum nur ist das so? Warum all das unermessliche Leid, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht? Bibliotheken sind gefüllt mit Versuchen, diese Frage zu beantworten. Aber sie genügen nicht, so sehr man sich auch bemüht. Auch die Bibel versucht Antworten auf die Frage nach dem Leid. Der Abschnitt aus dem Buch Jesaja gibt keine Antwort. Er beschreibt nur, wie sich der im dritten Lied besungene, geheimnisvolle Gottesknecht verhält, wie er Schmähungen und Schläge aushält. Aber eine Antwort, warum er es aushalten muss, hören wir nicht. Die Liturgie versucht, mit dem Blick auf den Gottesknecht das Schicksal Jesu zu begreifen. Ist es zu begreifen? Im Neuen Testament gibt es verschiedene Versuche, die Passion Jesu, seinen Tod am Kreuz zu verstehen. Eine davon bietet Paulus im Philipperbrief. Der Tod als Folge von Jesu Gehorsam Gott gegenüber. Andere meinen, der Tod Jesu sei ein Opfer. Aber braucht Gott wirklich ein Opfer? Was für eine Vorstellung von einem Gott, der Opfer bräuchte… Wieder andere sprechen von Erlösung. Aber: Erlösung wovon? Waren die Juden damals zur Zeit Jesu nicht fromme Menschen, die die Psalmen beteten, die Wallfahrten nach Jerusalem unternahmen, im Tempel Tiere opferten, die Feste feierten wie das Paschafest? Die Passion Jesu bleibt ein Geheimnis, genauso wie die Erfahrung von Leid, das zu allen Zeiten Menschen anderen Menschen zufügen. Warum und wozu? Und dazu ein Gott, der all das geschehen lässt. Er sei im Leiden gegenwärtig, ist auch ein Versuch, damit klarzukommen. Manchen hilft diese hilflose Antwort. Aber mal ehrlich: Die Frage nach der Passion bleibt offen. Kommt vielleicht eine ausgereifte Antwort eines Tages? Ja, aber sie kommt nur zu den Geduldigen, sagt Rainer Maria Rilke (+1926). Er nennt sie nicht unbedingt „Gläubigen“, sondern „Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit… Man muss Geduld haben. Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“
Alois Balint
Gründonnerstag (28.03) - Gedanken zu Joh 13,1-15
„Ich kann es nicht verstehen.“ höre ich die Menschen sagen. Ich kann es nicht verstehen, warum meine Frau jetzt sterben musste“, sagt der Witwer beim Trauergespräch.
„Ich kann nicht verstehen, warum er mir das antut“, sagt eine Frau, deren Mann aus der gemeinsamen Ehe ausbricht.
„Ich kann nicht verstehen, warum Gott mir diese Krankheit zumutet“, sagt ein Krebspatient.
Welcher Mensch kann auch nur sein eigenes Leben verstehen? Und welcher Gläubige kann Gott verstehen, wenn er einen Blick auf die Welt wirft? Wer von uns könnte den Weg Jesu verstehen?
Wir gedenken in dieser Feier des Beginns seiner letzten und fürchterlichsten Etappe. Nicht verstehen können und keine Antwort zu wissen, gehört in die Mitte unserer Lebenswirklichkeit. Der Glaube hilft uns die Geschichte unserer Welt als sinnvoll zu verstehen, aber er hat auch keine Antwort auf das vielfältige „Warum“ mit dem wir die Geschichte und Ereignisse hilflos kommentieren. Der Glaube hilft uns, dass wir in dem, was unbegreiflich ist, nicht untergehen; dass wir im Unbegreiflichen Halt finden an Gott, der mit uns geht. Als ein Mensch, der nicht versteht, nicht begreift, begegnet uns im heutigen Evangelium Petrus: „Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen“ - sagt Jesus, als Petrus sich weigert, das geschehen zu lassen, was er nicht begreifen kann. An Petrus wird das ganze Dilemma der gläubigen Existenz offenbar: Nicht verstehen können und dennoch geschehen lassen. Keine Antwort zu wissen und dennoch vertrauen. Keinen Sinn zu sehen und dennoch festhalten an der Beziehung zu Gott. Jetzt, wo Jesus den Sklavendienst der Fußwaschung an ihm vollziehen will, wird er mit seinem Schicksal verbunden: dem Dienen, der Hingabe, dem Leiden, aber auch der Erhöhung seines Herrn. Petrus erhält Anteil an Jesus, Anteil an seinem unbegreiflichen Leben und Sterben.
Der Weg Jesu ist unbegreiflich, er wird weder begründet, noch erklärt. Und bis heute hat niemand eine Antwort darauf gefunden, warum Jesus diesen Weg des Leidens und des Todes gegangen ist oder gehen musste. Die Liebe ist immer unbegreiflich. Und die freie Hingabe kann kein Mensch verstehen. Die Liebe schickt sich in einen Weg, den sie nicht selbst gewählt hat, den sie nicht verhindern und aufhalten kann, die Liebe geht mit, auch wenn sie in den Abgrund mitgehen muss. Petrus ist mitgegangen, denn später -sagt Jesus zu ihm- wirst du es begreifen. Wir wissen nicht, wann dieses später gewesen ist. Ob er begriffen hat, als die Tränen ihm wieder die Sicht auf Jesus freigemacht haben; als er am leeren Grab stand; als er dem Auferstandenen aus dem Bot heraus entgegen ging. Wir wissen nicht, wann Petrus das Zeichen der Hingabe begriffen hat. Begreifen des Lebens, der Liebe, des Leidens geschieht, indem wir allmählich ergriffen werden. Im Mitgehen ins Unbegreifliche erschließt sich das Geheimnis.
Wer als Glaubenden zuerst die Antwort haben will, bevor er mitgeht, der wird weder der Wahrheit auf die Spur kommen noch das Geheimnis entdecken.
Wir feiern heute das Abendmahl Jesus und beginnen damit die Feier der heiligen drei Tage. Wir werden in der „Feier der drei österlichen Tage vom Leiden, vom Tod und von dem Auferstehen des Herrn“ nichts begreifen, aber wir werden hineingenommen in das Geheimnis seiner Liebe und erhalten Anteil. Und es ist uns verheißen, dass er mit uns ist, in der Lebenswirklichkeit, die wir nicht verstehen und die wir dennoch geschehen lassen müssen.
Alfred Pummer
Palmsonntag (24.03) - Gedanken zu Mk 11,1-10
Helden reiten Pferde. Das ist nicht erst seit Winnetou oder den Rittern der Tafelrunde so. Wenn auf großen Plätzen Reiterstandbilder stehen, stellen sie garantiert keinen König, Fürsten oder Feldherrn auf einem Esel dar, sondern stets ist ein stolzes Ross der Gefährte. Ein Pferd macht einfach mehr her, ist größer und kräftiger, symbolisiert Ruhm und Überlegenheit. Das hat auch schon der griechische Kriegsgott Ares gewusst, der seinen Streitwagen von Pferden ziehen ließ. Und bei seinen Kollegen ließ Sonnengott Helios sein Himmelsgefährt passenderweise von Schimmeln ziehen, während der Todesgott Hades für seine Zwecke die schwarzen Rappen bevorzugte. Jesus aber zog auf einem Esel nach Jerusalem. Der Eindruck zeugt weniger von Stolz und Erhabenheit, sondern eher von Demut und Nähe. Und ein Esel als Reittier für einen triumphalen Einzug erscheint dann doch eher skurril und ärmlich. Esel sind ja nicht nur kleiner als Pferde, sondern in unserer Sprache ja auch als sprichwörtlich dumm und schrecklich stur verschrien. Warum also der Esel? Nun, einen Esel als Reittier aufzutreiben war zunächst einmal sehr einfach, da er das allgegenwärtige Haus- und Arbeitstier der Menschen in Palästina war. In den biblischen und außerbiblischen Texten wird er viel häufiger als das Pferd oder das Kamel erwähnt. Als Arbeitstier geschätzt, musste er aber auch damals schon als Schimpfwort herhalten. Einen Esel nannte man auch im alten Orient schon einen dummen und überheblichen Menschen. Und ein fauler Kerl war „ein Esel, der sich selbst etwas zum Stolpern wünscht“, damit er bloß nicht arbeiten musste. Dass der Esel überhaupt zu Ehren kommt, ist einigen Stellen im Alten Testament zu verdanken. Absolut einzigartig ist da der sprechende Esel des Sehers Bileam im Buch Numeri. Er sieht den Engel Gottes eher als sein Herr und weicht vor diesem zurück. Als sein Herr Bileam ihn für seinen scheinbaren Ungehorsam schlägt, antwortet er: „Bin ich nicht dein Esel, auf dem du seit eh und je bis heute geritten bist? War es etwa je meine Gewohnheit, mich so gegen dich zu benehmen?“ Nicht nur aufmerksamer als sein Herr ist dieser Esel, er ist auch noch verlässlich und treu ein ganzes Leben lang, wie Bileam dann selber zugeben muss. Diese stille Aufmerksamkeit und Treue des Esels verbindet sich mit der Vorstellung von seiner Friedfertigkeit, denn der Esel ist im Gegensatz zum Pferd ein vor allem häusliches Nutztier und Reittier eines Bauern, das im Krieg NICHT gebraucht wurde. Und an diese berufliche Friedfertigkeit des Esels knüpft die Weissagung über das Kommen des Messias beim Propheten Sacharja an: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ Genau diese Prophezeiung Sacharjas steht im Hintergrund der Szenerie am Palmsonntag. Jesus reitet auf einem jungen Esel in Jerusalem ein und zeigt sich somit allen als der Messias und Friedensfürst. Nie wieder ist dem Esel wohl solche Hochschätzung und Ehre zuteilgeworden. Diese Charakterisierung des Esels als verlässlich und friedlich hat sich aber leider in der weiteren Theologiegeschichte nicht durchgesetzt. Trotz seiner Nützlichkeit, die gelegentlich auch erwähnt wird, fällt die alte Kirche wieder in die klassischen volkstümlichen Klischees zurück, wie sie der Kirchenvater Basilius im 4. Jahrhundert zusammenfasst: Der Esel ist dümmer als das Rind, gefräßig und liebt das Laster. Als unintelligent und triebhaft war er so Sinnbild für ein sündhaftes Leben. Der Theologe Origenes (+253) sah in ihm das unvernünftige Volk, das aber nun durch Jesu Kommen gerettet würde. Das, was den Esel aber im Evangelium vom Palmsonntag auszeichnet, kann man heute ausgerechnet wunderbar in Kinderbüchern wiederfinden. In seiner Geschichte „Der Esel im Gelobten Land“ erzählt Willi Fährmann (+2017), wie ein Esel Jesus von der Krippe bis nach Golgota immer wieder begegnet und trägt und schließlich beim Einzug Jesu in Jerusalem erkennt, wen er fast 33 Jahre begleitet hatte: „Er, der wilde Esel aus Betlehems Bergen, hatte den König der Welt getragen.“ Ist ihm doch egal, ob die anderen Menschen ihn für dumm und störrisch halten. Tatsächlich erscheint der Esel so als nahezu kongenialer Partner Jesu zu Beginn der Karwoche, geht er doch mit Jesus gemeinsam störrisch einen Weg der Torheit auf das Kreuz zu, der sich nur für die, die friedfertig, Jesus treu, und aufmerksam für sein Wirken bleiben, als ein Weg des Sieges über den Tod entpuppen wird. Als hätte der Esel genau verstanden was Albert Einstein viel später gesagt hat: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.“ Wenn wir Jesu Jünger wären und müssten seine Ankunft in der Stadt vorbereiten, welchen Auftrag würde er uns geben? Welches Transportmittel möchte, würde er nutzen? Wo sollten wir ein Mahl für ihn vorbereiten? In den Kirchen? Ich glaube, es braucht niemanden, der Jesus tragen soll, weil er selbst neben jedem Einzelnen mitgeht. Er wird an jedem Tisch von Menschen sitzen, die ihn einladen. Voll Freude auch an einer großen gemeinsamen Tafel, wo in Freundschaft ein echtes Miteinander gefeiert wird. Weil DAS heißt Kommunion, Eucharistie und eben DAS feiern wir auch heute.
Alois Balint
5. Fastensonntag (17.03) - Gedanken zu Hebr 5,7-9
Lasst uns heute nicht das Evangelium, sondern die kurze 2. Lesung näher schauen. Es ist hohe Theologie, in die uns heute die zweite Lesung aus dem Hebräerbrief mitnimmt. Unter der großen Überschrift „Der Sohn als Hohepriester des Neuen Bundes“ reflektiert der unbekannte Autor über die Heilsbedeutung Jesu Christi (früher dachten wir, dass es Paulus der Verfasser wäre). Literarisch kunstvoll gestaltet werden hier Aussagen über das Wesen des Priestertums gemacht, z. B. in der Rede Gott Vaters an den Sohn: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“. Dieses Zitat aus Psalm 110 ist eine bis heute bekannte Formel und verweist auf den „Ur-Priester“ und König Melchisedek, dessen Priestertum als ewig und unveränderlich über das irdische Leben hinaus gilt. Er ist der erste, der nicht Tiere, sondern Brot und Wein geopfert hat. Die Glaubensaussage, die dahintersteckt, lautet, dass Jesus Christus der von Gott Erwählte ist, wenn man es einmal in ganz elementare Worte fassen will. Schön und gut, aber wissen Sie, was mich an der heutigen Lesung fast noch mehr anrührt? Es ist die ganz menschliche Seite ebendieses Gottessohnes, von der hier ebenfalls die Rede ist. Nicht der erhabene Hohepriester, so beeindruckend seine Größe und Macht auch sein mögen, sondern seine ungeschminkte Verzweiflung ist es, die hier ins Wort gebracht wird: „Er hat in den Tagen seines irdischenLebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht“. Schreie und Tränen! Ist es nicht das, was man angesichts der gegenwärtigen Lage auch oft ausstoßen möchte? Die scheinbar unendliche Liste von Kriegen, Naturkatastrophen, Tragödien und Umweltkrisen – ist sie nicht zum Verzweifeln? Man könnte angesichts der nicht enden wollenden Hiobsbotschaften an ihren sprichwörtlich gewordenen Namensgeber denken – den alttestamentlichen Hiob, dem so viel Leid widerfährt. Oft wird er gedeutet als der geduldig Leidende, der alles demütig aus Gottes Hand annimmt, so furchtbar es auch sein mag. Auf den ersten Blick liegt hier eine Parallele zur heutigen Lesung – auch Christus wird zugeschrieben, sein Gehorsam seien der Schlüssel zur Vollendung gewesen. Doch Vorsicht! Es geht – das gilt auch für Hiob – gerade nicht um passiven Kadergehorsam! Lautes Schreien, Tränen und Klage sprechen eine andere Sprache. Für mich heißt das: Unser Gott ist keiner, der ein stummes, duckmäuserisches Leiden fordert. Leiden gehört zum Leben, das gilt selbst für den erwählten Sohn Gottes. Wie er dürfen wir aber unserem Kummer hörbar Ausdruck geben. Gott hält das aus. Und führt gerade die zur Vollendung, die es wagen, ihm ihre Klagen vorzubringen. Und schon wird die hohe Theologie ganz menschlich greifbar. So wie der Hohepriester, der menschgewordene Sohn Gottes selbst.
Alois Balint
4. Fastensonntag (10.03) - Gedanken zu Joh 3,14-21
Wie ein roter Faden zieht sich ein Thema durch die Evangelien der Fastensonntage: Es ist die Auseinandersetzung Jesu mit dem Bösen. Am ersten Fastensonntag haben wir davon gehört, wie Jesus vom Satan in der Wüste in Versuchung geführt wird. Das Evangelium des zweiten Sonntags sagt uns: Alles wird gut werden; das Gute siegt über das Böse. Letzten Sonntag haben wir von der Tempelreinigung gehört: Der böse Mammon darf im Gotteshaus keinen Millimeter Platz haben. Und heute dann ein auf den ersten Blick unbedeutender Abschnitt aus dem Johannesevangelium: Jesus, der auf eine Episode aus dem Buch Numeri verweist: Die Schlange, erhöht über das Volk in der Zeit von Mose, die das Heil bringt und den Tod vertreibt. Warum macht Johannes das? Warum vergleicht er den Menschensohn mit der erhöhten Kupferschlange des Mose aus der Wüstenwanderung? Es geht Johannes um das Motiv der Schlange. Ich muss gestehen, dass ich die Szene mit der (blöden) Schlange lange nicht verstanden und oft vermieden habe darüber zu predigen oder eine Erklärung zu suchen. Ja, ich weiß, es ist nicht die richtige Haltung, daran muss ich noch arbeiten und deswegen möchte ich heute darüber (mutig) reden. Damit begeben wir uns auf biblischen Boden. Denn die Schlange ist ein altes Symbol, das im Lauf der ganzen Geschichte immer wieder auftaucht. Gehen wir diesem Motiv der Schlange einmal nach, um dann dem auf die Spur zu kommen, was uns der Evangelist Johannes mit diesem Hinweis sagen will. Von der Schlange ist schon sehr bald in der Bibel die Rede: In Gen 3,1, also inmitten der Paradieserzählung, taucht sie plötzlich auf. Nirgends wird gesagt, wo sie herkommt. Aber sie wird eigentümlich charakterisiert: Es heißt nämlich, dass sie schlauer ist als alle Tiere des Feldes. Und im weiteren Verlauf der Geschichte zeigt sich, dass die Schlange nicht nur schlau ist, sondern vielmehr hinterlistig. Denn eigentlich hat sie nur ein Ziel: Sie will die ersten Menschen davon überzeugen, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Der Dialog, den die Schlange mit Eva führt, ist durchaus komisch: Denn die Schlange versucht Eva davon zu überzeugen, dass Gott nur ein scheinbar guter Gott ist. Gott ist vielmehr einer, der sich freut am Elend und an der Not der Menschheit. Die Schlange bringt das nicht explizit zum Ausdruck. Aber sie verweist indirekt auf ein solches Gottesbild. Denn sie sagt ja: Gott hat euch einen wunderbaren Paradiesgarten angelegt. Und dennoch hat er euch verboten, vom Baum zu essen. Das ist doch Nonsens! Das zeugt doch nur davon, dass Gott gar nicht will, dass es den Menschen gut geht! Sofort ist Misstrauen gepflanzt in die Gottesbeziehung der ersten Menschen. Genau das ist es, was wir heute manchmal als Ursünde oder Sündenfall bezeichnen: Dass das Gottesbild Risse bekommt und aus dem absoluten Vertrauen dem liebenden Schöpfer gegenüber, ein misstrauisches Verhalten wird – denn vielleicht liebt Gott die Menschen ja gar nicht wirklich. Im gesamten Alten Testament bleibt diese negative Sicht auf die Schlange präsent. Damit sind wir schon mitten in der Erzählung aus dem Numeri-Buch angekommen. Denn auch dort geht es ans Eingemachte: Mitten in der Wüste, mitten auf dem Weg vom Sklavenhaus Ägypten ins Gelobte Land, beginnt die Gottesbeziehung Israels Risse zu bekommen. Plötzlich fragt sich das Volk: Was ist denn, wenn Gott uns nicht wirklich retten wollte? Was ist, wenn Gott nicht gut ist, sondern von Grund auf böse? Und Mose greift in diesem Augenblick zu einem Trick: Er fertigt eine Schlange aus Kupfer, die er an einem Stab befestigt. Jeder, der von einer Schlange gebissen wird und zur Schlange aufblickt, wird gerettet werden. Mit anderen Worten: Wer der Gefahr ins Gesicht schaut, der braucht keine Angst mehr zu haben. Wer vor der Schlange nicht wegläuft, sondern sich ihr aufrecht entgegenstellt, dessen Gottesbeziehung wird nicht wanken. Der Exodus, der Weg in die Freiheit, kann weitergegangen werden. Für den Evangelisten Johannes ist diese Episode interessanterweise ein Vorbild für Jesus Christus: Jeder, der zum Kreuz aufschaut, wird in seinem Leben von der Angst befreit. Die Bosheit der Schlange wird durch die Liebe Christi aufgehoben! Die Schlange will die Gottesbeziehung zerstören, Christus will sie retten. Die Schlange will einengen, Christus will befreien. Die Schlange sät Misstrauen, Christus stiftet wahre Beziehung. Können Sie sich noch erinnern wie das ganze Gespräch angefangen hat? Es war der erste Satz des Evangeliums heute. Der Ansprechpartner Jesu war Nikodemus. Wer kennt diesen Mann, von dessen Namen der Ausdruck „Nikodemusgespräch“ abgeleitet wird? Nun gut, der Name allein spricht für Qualität. Nikodemus ist griechisch und setzt sich aus den Teilen „nike“ (= Sieg) und „demos“ (= Volk) zusammen. Nikodemus heißt somit so viel wie „das Volk hat gesiegt“ oder „Gewinn für die Menschen“. Schön, wenn man von jemandem sagen kann, dass er ein Gewinn für die Menschen ist. Und ich bin sicher, dass Nikodemus die gesamte Symbolhandlung von Mose bis Jesus verstanden hat. Nein, es handelt sich nicht um eine blöde Schlange. In diesem Symbol liegt eine große Zusage:
• Wer auf das Kreuz blickt, erfährt Heil und Heilung in den „Schlangenbissen“ seines Lebens.
• Wer an Jesus glaubt, wird zwar in dieser Welt sterben, aber gewinnt das ewige Leben. Jesus beschreibt die Wirkung seiner Erhöhung kurz vor seinem Tod mit den folgenden Worten: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32)
• Wer auf das Kreuz blickt, erfährt Heil und Heilung in den „Schlangenbissen“ seines Lebens.
• Wer an Jesus glaubt, wird zwar in dieser Welt sterben, aber gewinnt das ewige Leben. Jesus beschreibt die Wirkung seiner Erhöhung kurz vor seinem Tod mit den folgenden Worten: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32)
Zum Schluss möchte ich Ihnen einen kleinen Spickzettel, eine kleine Anleitung für ein sogenanntes Nikodemusgespräch jetzt in der Fastenzeit geben:
- Suche nicht zu sehr das Rampenlicht; suche dir zunächst eine Möglichkeit im Verborgenen.
(Nikodemus suchte Jesus in der Nacht, im Schutz der Dunkelheit auf.)
-Fasse dir ein Herz, sei mutig, überwinde dich.
(Noch hatte er nicht den Mut, sich öffentlich zu Jesus zu bekennen.)
- Folge deinem Gespür, deinem Herzen.
(Er hatte aber den Mut, seinem Gespür zu folgen und damit das Richtige zu tun.
Egal ob am Tag oder in der Nacht, ob Sonntag oder Werktag, nimm dein Gebet ernst, denn so wie G. Bernanos (+1948) sagt: „Einzig das Gebet rechtfertigt unser Dasein!“
Alois Balint
3. Fastensonntag (03.03) - Gedanken zu Joh 2,13-23
Mit dem Evangelium von der sogenannten „Tempelreinigung“ scheinen die beiden großen Kirchen so ihre Schwierigkeiten zu haben. Zumindest legt ein Blick in die Leseordnungen diesen Verdacht nahe. In der katholischen Sonntags-Leseordnung finden sich die Tempelreinigungen der drei Synoptiker Matthäus, Markus und Lukas gar nicht. Die Tempelreinigung des Johannes lediglich am dritten Fastensonntag im Lesejahr B. Nur einmal in drei Jahren wird „der Tempel gereinigt“. Möglich ist das Evangelium noch beim Kirchweihfest, doch ich habe es noch nie erlebt, dass es in einem Gottesdienst zur Kirchweihe gelesen wurde. In der evangelischen Predigttextordnung ist der Befund noch ernüchternder. Dort ist das Evangelium von der Tempelreinigung am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem sogenannten „Israelsonntag“, verortet – jedoch nur in Reihe III, sprich einmal in sechs Jahren. Der Israelsonntag nimmt heute das christlich-jüdische Verhältnis in den Blick, da die Tempelreinigung schlecht zu diesem Thema passt, gibt es nicht wenige Prediger die einen Ausweichtext nehmen. Woher kommt sie wohl, die Zurückhaltung gegenüber diesem Auftreten Jesu? Na ja, es ist verständlich, diesmal entspricht diese Szene nicht unserem Bild von dem lieben Heiland. Jesus wird zum Störenfried, zum aggressiven Provokateur. Er stört die Betriebsabläufe, er inszeniert eine beeindruckende, lebensgefährliche Aktion und zeigt mit heiligem Zorn dem ganzen frommen Tempelbetrieb die rote Karte. Eine unerhörte Begebenheit! Der Tempel von Jerusalem war zur Zeit Jesu mit allen möglichen Sachen gefüllt. Angefüllt wie eine Rumpelkammer. Nicht nur die Geldwechsler hatten ihren Platz, sondern auch andere Gruppen mit ihren Interessen. Da bestand die Gefahr, dass ausgerechnet die ruhige Mitte des Tempels übersehen wurde. Das Allerheiligste war ein leerer Raum, in den nur einmal im Jahr am großen Versöhnungstag ein Priester hineingehen konnte. Das Allerheiligste war bewusst leer gelassen – gespeist aus der Erkenntnis, dass es nicht gelingen kann, Gott angemessen darzustellen. Der leere Raum stand für das unbegreifliche Wunder Gottes. Dieser Raum war durch die Geschäftigkeit rings herum in größter Gefahr, vergessen oder übersehen zu werden. Sie kennen vielleicht die Erfahrung: „Dieses muss ich tun und jenes und jenes sowieso. Alles soll in uns Platz haben. Alles muss wichtig sein und das geht auch noch und jenes sowieso.“ So wird schlussendlich alles gleich unwichtig. Über solche Menschen, die überall sind, nur nicht in sich selbst, meinte Karl Valentin (+1948) ganz treffend: „Ich gehe mich heute besuchen, mal schauen, ob ich daheim bin.“ Für mich ist dies symbolträchtig: Unsere Mitte, wo die Ruhe einkehren will, hat es oft nicht leicht bei so viel Wichtigem ringsherum. Wenn Jesus Ordnung im Tempel macht und viel Überflüssiges hinauswirft, will er uns sagen: - Setz jetzt in der Fastenzeit Schwerpunkte, damit das Wesentliche nicht zu kurz kommt. Wer alles tun will, tut viel zu lange das Falsche. Wer allen alles recht machen will, ist jedem Zuruf ausgeliefert. - Räum nicht nur deine Wohnung vor Ostern auf, sondern entsorge auch einiges aus deinem Inneren! In der Fastenzeit geht es auch um Verzichten. Verzichten ist uns Menschen unangenehm. Wir haben lieber! Aber welchen Wert haben die Dinge noch, wenn wir fast alles haben können? Wer verzichtet, macht sich Gedanken über den Wert der Dinge und spürt, was überflüssig oder manchmal sogar hinderlich ist. Der umstrittene österreichische Dichter Ernst Jandl (+2000) ging früh auf Distanz zur Kirche und ihrem Gott, trat aber nie aus. Gott war einfach da. Der Glaube kam zu Jandl durch Familie und Schule, nicht durch persönliche Annahme und Entscheidung für diesen Gott. In seinen letzten Gedichten nahm sich der Randchrist unter den Schriftstellern die Freiheit, Gott und Glauben wahrzunehmen und zum Ausdruck zu bringen. „Einstens“ war Gott einfach da, „jetzt“ ist er gegenwärtig abwesend, „dann“ in der Zukunft möglich. Gott ist für ihn seltsamerweise bei aller Entfernung immer noch ein Thema. Er spricht ohne religiöses Pathos vom Dasein, Nicht(mehr)-Dasein und Wieder-Dasein Gottes. Wir müssen auch mit unserem Gottesbild und mit der Institution-Kirche ringen, Vieles müssen wir auch entrümpeln. Die Kraft der Hoffnung aber ermöglicht den Umgang mit der Unabsehbarkeit all dessen, was auf den Menschen noch zukommt. Unsere Geschichte ist von Brüchen, von Einbrüchen durch Leid und Tod gekennzeichnet. Die Hoffnung -vergessen wir nicht, sie ist eine Kardinal-Tugend- rechnet mit mehr Möglichkeiten des Menschen, als er selbst momentan an sich wahrnimmt, und mit den noch größeren Möglichkeiten Gottes mit ihm. Der Name Gottes ist nicht „Es wird alles glatt gehen“, sondern „Ich werde mit dir sein.“ Unsere Antwort darauf könnte heute lauten: „Wir sind auch da – für dich.“Alois Balint
Alois Balint
2. Fastensonntag (25.02) - Gedanken zu Mk 9,2-10
Vielleicht kennen Sie diese Situation von eigenen oder Ihnen anvertrauten Kindern: Sie am Abend ins Bett zu bringen, ist nicht immer einfach. Ein Grund dafür mag auch die Angst vor der Dunkelheit sein. In mancher kindlichen Vorstellung lauern dort Ungeheuer und Monster. Mindestens so war das bei mir als Kind. Wenn man dann alleine im Dunkel daliegt, ist das grauenhaft. Wie kann man den Kindern die Angst nehmen? Licht hilft dabei. Viele Eltern lassen nämlich die Tür zum Schlafzimmer der Kinder einen Spalt offen, sodass etwas Licht von außen in den Raum fällt. Das Licht sagt dem Kind: Du bist nicht allein. Und es meint damit auch: Wenn du Angst hast, musst du nur rufen. Dann kommt jemand und hilft dir, zeigt dir seine Nähe. Dunkelheit und Angst hängen eng zusammen, was auch den Erwachsenen bekannt ist. Wer schon einmal alleine nachts im Wald unterwegs war, weiß ein Lied davon zu singen – und tut es dann meistens auch. Das Singen ist ein weiteres Mittel gegen die Angst. Oft beruhigt es darüber hinaus auch, zu den Sternen oder den Häusern am Horizont zu schauen. Dort ist wenigstens ein Lichttupfen, der Hoffnung und Orientierung in der Dunkelheit gibt und die Richtung anzeigt. Wiederum verheißt das Licht, dass wir nicht allein sind, dass jemand in Reich- und Rufweite ist. Ein Licht, das durch den Spalt einer geöffneten Tür in das dunkle Zimmer fällt und Hoffnung schenkt, Nähe verkündet und Rettung ansagt. Das ist ein gutes Bild für die Bedeutung der Verklärung Christi für uns. Am 2. Fastensonntag hören wir in jedem Jahr von ihr, und das nicht zufällig. Gibt es eine Erklärung für Verklärung? Die heutige Szene ist nämlich ein kurzer Moment, in dem die sonst verborgene göttliche Herrlichkeit Jesu seinen Jüngern aufleuchtet. Es wird deutlich, dass Jesus viel mehr ist als nur ein Wanderprediger, der durch die Lande zieht und ein paar Schüler um sich gesammelt hat. Die Verklärung ist deshalb als ein Hinweis auf Größeres zu verstehen, auch wenn der moderne Mensch heutzutage religiös eher unmusikalisch wirkt. Gewissermaßen ist auch diese Eucharistiefeier wie das Erreichen eines Gipfelkreuzes, der Genuss einer schönen Aussicht. Diese fällt uns nicht in den Schoß. Der Kirchgang ist kein Spazierweg „im Frühtau zu Berge“, eher ein mühsamer Aufstieg auf einen Gipfel, den wir vielleicht wie wanderunlustige Kinder eher widerwillig und ohne große Erwartungen hinter uns bringen. Na ja, das was uns hier erwartet, ist nicht spektakulär, versetzt kaum in Ekstase. Und es ist leise und verborgen, ist nicht festzuhalten, auf keine Cloud hochzuladen und auf Instagram abrufbar. Der Gang hin zum Gipfelgeheimnis des Glaubens ist weniger körperliche Anstrengung als vielmehr Seelenarbeit. Auch wenn Wunder wie aus heiterem Himmel geschehen, brauchen sie eine vorbereitete Umgebung, eine gewisse wache Bereitschaft und Empfänglichkeit. Gottesbegegnungen kitzeln nicht meine Seele. Manchmal ist Gottes Präsenz so unauffällig, dass sie nur ein leises „Hintergrundgeräusch“ meines Lebens ist. Warum ist das so? Weil Gottes Nähe irgendwie schonend ist; ansonsten hätten wir alle Angst wie kleine Kinder vor der Dunkelheit. Wenn wir am 2. Fastensonntag von der Verklärung Jesu hören, dann will sie für uns das sein, was für die Kinder der Lichtspalt am Abend / in der Nacht ist, der durch die Tür des Kinderzimmers fällt. Wir spüren nämlich deutlich die Finsternis der Welt, die uns durcheinanderbringt. Das Leben wird dunkel durch Gewalt und Krieg, zerstörte Hoffnungen und Lebensträume, persönliche Schicksalsschläge. Sicher fallen uns noch viele weitere Krisen ein, die uns manchmal der Verzweiflung nahebringen. Sie machen alle unsicher und lassen uns fragen, woran wir uns orientieren sollen. Wir dürfen dann wissen, dass Gottes Licht in der Finsternis leuchtet und dass die Finsternis es nicht erfasst hat (Joh 1,5). Gott hat die Tür aus seiner Welt auf unsere Erde in Jesus Christus aufgemacht. Er hat unser Schicksal geteilt, hat sich dem Dunkel der Welt gestellt, Leiden, Angst, auch Tod und Grab kennen gelernt. Die Verklärung ist eine Ahnung von Ostern, von ewigem Leben. Wie die Kinder ihre Eltern, so dürfen wir zu Gott rufen und neue Kraft schöpfen, trotz vieler Anfechtungen und Fragen unseren Weg des Glaubens gehen in der Gewissheit: Sein Licht leuchtet und macht uns Mut, sein Licht, d.h. seine Gnade wird auch uns das Gewöhnliche verklären.
Alois Balint
1. Fastensonntag (18.02) - Gedanken zu Mk 1,12-15
Der Erzbischof Heiner Koch von Berlin schreibt über das Leben in unserer Hauptstadt: „Es bewegt mich immer wieder, wenn ich höre oder erlebe, dass sich offenbar viele Menschen mitten unter den 3,6 Millionen Einwohnern Berlins einsam fühlen. Sie arbeiten oftmals in höchstem Maße, mit viel Engagement und Herz. Aber die Zeit nach der Arbeit, die freie Zeit des Wochenendes oder des Urlaubs werden für viele zu einer Katastrophe des Alleinseins.“„Ich bin hoch begehrt als Fachkraft,“ sagte mir ein Manager aus Frankfurt, „aber wie es mir persönlich geht, interessiert hier keinen. Ich weiß nicht, ob mich jemand besuchen würde, wenn ich mal ernsthaft krank wäre.“ Die großen Städte wie Berlin, Frankfurt oder Strasbourg mit ihrer Anonymität erinnern mich an die Wüste im Sinne der Bibel. Wüste meint hier nicht: riesige Sand- und Steinhaufen. Wüste ist hier eine Seelenlandschaft. Da ist der Mensch ganz auf sich zurückgeworfen und ziemlich allein. Er ist nicht da, wo er sein möchte. Und es ist nicht so, wie es sein sollte. Der Mensch in der Seelen-Wüste ist in der Krise. Sein Leben steht für ihn auf dem Prüfstand: Wo will ich hin? Und da kommen die Gegenstimmen: Hör auf. Es hat doch keinen Zweck. Lass es sein. Wüste, das sind schwierige Lebensphasen. Und Gott scheint fern zu sein. Wüste, das sind Phasen und Räume im Leben, die nicht menschenfreundlich sind, die keine Heimat sein können. Manche erleben zurzeit auch die Kirche wie einen Wüsten-Raum, der von Skandalen erschüttert ist, neue Strukturen, die anscheinend keine bekannte Zukunft bieten, ein Lebensraum, der auch nicht besser scheint als der Rest der Welt zu sein. Aber „Wüste“ ist nicht „Hölle“. Wüste ist nicht hoffnungslos. Sie ist nur ein Abschnitt, ein Durchgang, eine Phase im Leben. Eine Zeit der Erprobung, der Klärung und der Krise. Nicht besonders gemütlich und leicht. Aber auch nicht endlos, für immer. Ich finde es ermutigend, dass Jesus seinen öffentlichen Weg in der Wüste beginnt. Er flieht die Wüste nicht, macht keinen Bogen um sie. Er sucht sie auf. Er geht auf Gott zu, auch in der Wüste. Dreimal wurde er versucht. Bedrängend ist vor allem die letzte Versuchung. Der Teufel bietet Jesus wie auf einem Silbertablett alle Reiche dieser Welt dar. Der Preis dafür: Fall vor mir nieder, bete mich an! Die Frage an uns heißt: Wer ist der Herr meines Lebens? Wie brisant diese Frage ist, habe ich erst in Sizilien kapiert. Wir besuchten Palermo und dort auch den armen, heruntergekommenen Stadtteil Brancaccio. Dort hatte vor dreißig Jahren ein mutiger Pfarrer gewirkt: Don Pino Puglisi. Er war 1993 ermordet worden, von der Mafia, die den Stadtteil beherrschte. Der Nachfolger des erschossenen Pfarrers erzählt uns, wie Don Pino Kommunionunterricht gegeben hatte. Auch die Kinder der Mafiosi waren dabei, als der Priester ihnen sagte: „Ihr müsst euch entscheiden – entweder Gott oder Mafia! Entweder – oder. Beides zusammen geht nicht! Man kann nicht zwei Herren dienen!“ Solche Sätze waren wie Sprengstoff in Brancaccio! Das war Christentum in einem Satz! Und das war lebensgefährlich. Wegen solcher Sätze wurde Don Pino im Auftrag der Mafia vor seinem Pfarrhaus erschossen. 2013, schon zwanzig Jahre später, wurde er von der Kirche als Märtyrer seliggesprochen. Ja, so sind Märtyrer: Das erste Gebot (Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!) ist für sie wirklich das Gebot Nummer Eins, in Konflikten machen sie keine Kompromisse. Sie wissen und leben es: Gott ist der Herr und kein Pappkamerad, keine schöne unverbindliche Verzierung aus alten Zeiten. Gott ist in der Mitte und nicht irgendwo am Rand, unter „ferner liefen“. Gott ist der Herr auch meines Lebens. Oder er ist nicht Gott! Er stellt uns vor die Frage: Vor wem gehen wir auf die Knie? Wen oder was stellen wir ganz nach oben? Wen oder was beten wir an? Ist die österliche Bußzeit eine normale Zeitperiode im Kalender oder eine echte geistliche Chance für uns? Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste. Dieses Vorbild greift die Kirche jetzt wieder auf. Aus dieser Zeit der vierzig Tage spricht eine Erfahrung zu uns, die bis in die ersten Jahrhunderte zurückreicht und letztlich bis zu Jesus selbst, ja mehr noch: bis zur uralten Geschichte von der großen Flut, die ebenfalls vierzig Tage dauerte. Wir sind eingeladen, in diesen Tagen unsere Sinne zu schärfen, uns selbst zu erkennen, unseren Platz in der Welt zu finden und auf den Schöpfer zu vertrauen, der mit uns einen Bund des Lebens, des ewigen Lebens, schließen will.
Alois Balint
Aschermittwoch (14.02) - Anfang der Fastenzeit
Heute, am Aschermittwoch, so singt ein Lied, „ist alles vorbei“. Alles? Vorbei ist die Narretei, das Schunkeln, die fröhlichen Lieder. Die Masken sind hoffentlich richtig abgenommen und sie verschwinden wieder im Schrank. Sind sie abgenommen? Wirklich verschwunden? Hören wir den Anfang des Briefes eines jungen Mannes, der ihn dem berühmten Psychologen Tobias Brocher nach einem Vortrag übergab und dann verschwand: „Bitte höre, was ich NICHT sage! Lass dich nicht von mir narren. Lass dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken, die ich fürchte abzulegen. Und keine davon bin ich. So tun als ob, ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Aber lass dich dadurch nicht täuschen, um Gottes Willen, lass dich nicht von mir narren.“ Den gesamten Brief eines unbekannten Studenten (Zitiert nach: Tobias Brocher, Von der Schwierigkeit zu lieben, Kreuz Verlag Stuttgart 1975) können Sie im Internet finden. Es ist eine mutige Beichte. Ist die Schnodderigkeit, ja Unverschämtheit mancher unserer Firmlinge nicht nur Fassade, frage ich mich? Geht es ihnen nicht so, wie diesem jungen Studenten? Vielleicht noch schlimmer, weil sie es nicht so in Worte fassen können wie er? Ist das zufriedene Lächeln der Kundin im Kaufhaus nebenan echt oder verbirgt es nur ihre Unsicherheit? Wie ist es mit Ihren zuhörenden Gesichtern jetzt, heute, hier? Spiegeln sie wider, wie es in Ihnen aussieht, oder sind Sie in Gedanken ganz woanders, beschäftigt? Ich weiß es nicht, und ich weiß, ich werde es nie wissen. Denn frage ich direkt danach, werden Sie die Maske nur noch fester vors Gesicht pressen. Nur wenn jemand freiwillig die Maske ablegt, dann kann ich sein wahres Gesicht sehen? Wirklich? Oder sehe ich dann nur die Maske hinter der Maske? Ich merke, der Wunsch, die anderen sehen zu können wie sie wirklich sind, ist ein unerfüllbarer Wunsch. Er ist ein hochmütiger Wunsch, denn er ist der Wunsch, wie Gott ins Herz sehen zu können. Und er ist, Gott sei Dank, ein unerfüllbarer Wunsch, denn könnte ich das überhaupt ertragen, die anderen so zu sehen, wie sie wirklich sind? Ich habe da meine Zweifel. Der Brief des jungen Mannes rührt mich an, weil ich jedes Mal das Gefühl habe: „So ähnliche Briefe hättest du in manchen Situationen selbst schreiben können. Da ist es dir nicht anders gegangen und wird dir nicht anders gehen als diesem damals.“ Was mir immer wieder aus dieser Verzweiflung herausgeholfen hat, war das Vertrauen darauf, dass es einen gibt, der mich so sieht, wie ich wirklich bin, ohne mich dann auszulachen oder vor mir auszuspucken. Ich weiß: „Toll ist das nicht, was er da sieht. Er hat sich mich anders gedacht. Aber er mag mich trotzdem. Dass ich ihm nah sein kann, hat er sich viel kosten lassen, schließlich sogar das Leben.“ Ich meine Jesus Christus oder eben: Gott in Jesus Christus. Ich habe dieses Vertrauen nicht immer, aber immer wieder. Ich weiß nicht, wie ich daran gekommen bin, und kann nur hoffen, dass es Ihnen geschenkt wird so wie mir. Was ich aber weiß und Ihnen versichern kann: Es ist kein Gedankengebäude oder fromme Selbsttäuschung. Denn Gott lässt mich immer wieder erfahren, dass dieses Vertrauen keine Täuschung ist. Zum Beispiel, wenn ich erlebe, dass Menschen mir zuhören, ohne auf meinen Akzent oder auf einen Fehler von mir zu lauern; wenn meine Mutter mich ansieht und ich entdecke: Sie liebt mich, obwohl sie mich doch gut kennt. Dann sind das seine Botschaften an mich. Seine Botschaften, d.h. Gottes Botschaften an Sie, die gibt es auch – Sie müssen sie nur entdecken und, vor allem, annehmen.
Alois Balint
