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Weihnachten 2024

06.01 Erscheinung des Herrn - Epiphanias

Haben Sie heute unsere Krippe in der Kirche angesehen? Heute sind endlich alle angekommen! Heute kommen auch die drei heiligen Könige zum Kind in der Krippe. Wie heißen sie? Kaspar, Melchior und Balthasar! Sind Sie sicher? So heißen sie im Volksmund. Dabei stehen in der Bibel weder ihre Namen noch ihre Zahl, auch nicht, dass sie Könige waren. Üblich geworden ist die Dreizahl, nachweisbar zuerst bei Origenes (+254). Sie „passt“ zu den drei Geschenken. Wie kamen sie zu ihren Namen? Sie heißen ja nicht überall auf der Welt Kaspar, Melchior und Balthasar. Völker, die viel früher als die Germanen christianisiert worden sind, haben ganz andere Namen. Die syrischen Christen, von denen in den letzten Jahren etliche als Flüchtlinge zu uns gekommen sind, nennen sie beispielsweise Larvandad, Hormisdas und Gushnasaph; in Äthiopien heißen sie Tanisuram, Mika, Sisisba oder auch Awnison, Libtar, Kasäd. Die uns vertrauten Namen stehen erst seit dem 6. Jahrhundert auf einem Mosaik der Basilika Sant’ Apollinare Nuovo in Ravenna. Egal, sie sind alle da. Und auch wir sind noch einmal gekommen, sind heute noch einmal aufgebrochen, waren unterwegs und sind angekommen, um im Kind den Mensch gewordenen Gott anzubeten. Gott lädt uns ein, noch einmal eine Stunde an seiner Krippe zu verweilen, in seinem Licht und Segen. Damit wir verändert in den Alltag zurückkehren: gestärkt, getröstet, mit neuer Hoffnung und Zuversicht. Damit wir verändert in den Alltag zurückkehren als Zeugen seiner Liebe. Es ist gut und unheimlich wichtig, geistlich unterwegs zu bleiben. „Der Weg ist das Ziel“ – diesen oft zu hörenden Satz halte ich, mit Verlaub, für Blödsinn. Es ist auch eine schlechte Übersetzung des lateinischen Satzes „in via“ der vom Hl. Aurelius Augustinus stammt. Aufbrechen allein ist zu wenig und für einen Christen inakzeptabel. Denn wir haben ein Ziel: die Begegnung mit Gott am Ende unseres Lebens und schon jetzt. Epiphania, „Erscheinung des Herrn“ feiern wir heute. Gott ist in diese Welt gekommen, kommt in diese Welt, damit wir ihn suchen und finden und nicht einfach herumirren. Gott lässt sich sehen und wir – diese Nebenbemerkung sei mir erlaubt – können uns mit diesem Gott gut sehen lassen. Mit einem Gott, der in einem hilflosen Kind Mensch wird, brauchen wir uns nicht zu verstecken. Ja, liebe Gemeinde, Gott lässt sich sehen und deshalb ist das Aufbrechen, das Suchen, so wichtig. Das ist aber kein Selbstzweck. Wir suchen Gott, um ihn auch in diesen Tagen, in unserer oft so unverständlich furchtbaren Welt zu finden. Und unsere Suche ist nicht hoffnungslos. Es gibt auch in unseren Tagen Zeichen, die uns den Weg weisen. Vielleicht sehen wir sie vor lauter Sternen nicht mehr, doch dass in diesen Tagen Tausende von Kindern Regen, Schnee und Kälte trotzen, um von Gottes Menschwerdung Zeugnis abzulegen und für andere Kinder Geld zu sammeln – ist das kein Zeichen? Was brauchen wir mehr? Es gibt unendlich viel Liebe auf dieser Welt. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, doch Hoffnungszeichen genug, um immer wieder aufzubrechen und nach dem Quell aller Liebe, nach Gott zu suchen. Am Ende des Evangeliums steht der Satz: „sie zogen auf einem anderen Weg heim in ihr Land.“ Dieser letzte Halbsatz ist für mich sehr wichtig. Im Evangelium soll er nur ausdrücken, dass die Sterndeuter auf ihrem Heimweg Herodes aus dem Weg gingen, um ihn nicht auf die Spur Jesu zu führen. Doch für mich hat er eine übertragene Bedeutung. Zunächst sagt er erst einmal aus, dass die Sterndeuter in ihre Heimat zurückkehren. Sie steigen nicht aus dem Alltag aus, sondern wieder ein. Doch – so glaube ich, und das ist für mich die übertragene Bedeutung – sie lassen sich verändert auf ihre Welt ein. Ihre Suche nach dem Mensch gewordenen Kind war kein herausgerissenes Event, sondern eine Etappe des Lebensweges. Das Ziel war die Begegnung an der Krippe, doch zum Aufbrechen gehört auch das Heimkehren: ANDERS heimzukehren, als sie aufgebrochen sind. Sie haben vielleicht viele zurückgelassen. Doch sie haben die Daheimgebliebenen nicht vergessen, sondern – so glaube ich – werden ihnen von dem erzählt haben, was sie erlebt, wer ihnen wie begegnet ist: Gott in einem Kind. Aufgebrochen sind sie mit dem Stern vor Augen; sie kehren heim mit dem Blick für das Kleine, das vermeintlich Unbedeutende; sie kehren heim mit Liebe in ihrem Herzen. Heute, am 6. Januar, endet für unser Empfinden liturgisch die Weihnachtszeit. Viele kehren in ihren Alltag, an die Arbeitsplätze, in die Schule zurück. Kehren wir verändert zurück? Hat das Weihnachtsfest Spuren hinterlassen? Oder ist alles so wie vorher – nur vierzehn Tage später? Niemand muss jetzt erschrecken, er hätte vielleicht eine Gelegenheit zur Veränderung verpasst. Dafür ist es nie zu spät. Und wir können von den Königen (egal wie sie heißen oder was sie waren) immer etwas lernen: innerlich aufbrechen und auf das Unerwartete einlassen; Gottes Zeichen deuten, sein Wort zur Orientierung nehmen; uns klein machen und im Kleinen das Große entdecken. Gott anbeten, ihm alles sagen, Klage und Dank, ihm unsere Gaben anvertrauen: d.h. die Talente, die wir in die Gemeinschaft einbringen können; das Geld, das wir entbehren können – die Sternsinger nehmen es gerne. Liebe Gemeinde! Wir können uns verändern im Vertrauen darauf, dass es letztlich Gott ist, der uns zum Guten wandelt. Ohne ihn wären die Könige nie zur Krippe gelangt, ohne ihn hätten sie in dem Kind nicht den Mensch gewordenen Gott entdeckt, ohne ihn müssen auch wir nicht in den Alltag zurück. Dass Christi Kommen jedem Alter und aller Welt gilt, bestätigen die Sternsinger mit dem Klingeln an unseren Häuser- und Wohnungstüren. Und wichtiger als die legendären Namen ist das Segenswort, das sich an ihre Initialen C-M-B anschließt und das die Kinder reichlich austeilen: Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus. So segne uns der treue, dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Hl. Geist. + Amen. 

Alois Balint
05.01 - 2. Sonntag nach Weihnachten - Gedanken zu Joh 1,1-5

Früher war das ganz ausgeprägt: Feine Leute erkannte man an ihren Händen. An den Händen erkannte man gleich, ob einer zu den einen oder zu den anderen gehörte. Die einen hatten Dreck an den Händen, die anderen nicht. Bei den einen waren die Hände rau von der Scheuerseife, bei den anderen waren sie glatt und weich. Die einen hatten Dreck unter den Fingernägeln, die der anderen waren manikürt, sauber und gepflegt. Die einen waren die Arbeiter, die anderen waren die mit den weißen Kragen, die besseren, gelegentlich sagte man auch, die feinen Leute. Als die Besseren galten die, die sich beim Geldverdienen nicht schmutzig machten, die ihr Geld ohne körperliche Anstrengung und Arbeit verdienten, die andere hatten, die für sie den Dreck wegmachten. Genaugenommen war das nicht nur früher so. Dieses Denken steckt eigentlich immer noch ganz tief drin in unseren Köpfen. „Mein Kind soll es einmal besser haben.“ Sagen Eltern, und ganz häufig meinen sie damit, dass es einmal einen Beruf ergreifen soll, der eben nicht von körperlicher Arbeit, sondern von geistiger Tätigkeit geprägt ist. Manche Kinder sind in der Vergangenheit ja deshalb auch aufs Gymnasium und selbst ins Studium getrieben worden, obschon sie in einem handwerklichen Beruf vielleicht sehr viel glücklicher geworden wären. Sicher, unterstützt wird ja diese Praxis und diese Vorstellung von der Tatsache, dass geistige Tätigkeit bei uns eben auch sehr viel besser bezahlt wird als körperliche Arbeit. Aber warum denn eigentlich? Weil es bestimmte Fähigkeiten bräuchte, um solche Arbeiten ausüben zu können? Die braucht es bei körperlicher Tätigkeit doch mindestens genauso. Ich möchte nicht wissen, wer von unseren Geistarbeitern die schwere körperliche Arbeit in einer unserer Fabriken auf Dauer aushalten würde. Das mit den Fähigkeiten, das kann der Grund deshalb nicht sein. Der Grund für die bessere Bezahlung liegt – denke ich – ganz einfach darin, dass diese Tätigkeiten eben als höherwertig gelten, weil der Geist eben mehr wert sei als alles Körperliche, Leibliche, Materielle. So denkt man bei uns schließlich schon seit Ewigkeiten. Aber auch, wenn man das tut, im Grunde ist es ein grausiges Denken. Es ist ein Denken, das in der Vergangenheit dafür verantwortlich war, dass alles Körperliche und Leibliche letztlich irgendwie in Misskredit geriet. Während der Geist zum Sitz der Tugend hochstilisiert wurde, galt der Leib und das Fleisch als Sitz der Lüste, der rohen Gewalt, letztlich der Sünde. Noch weit bis ins vorige Jahrhundert hinein hat dieses Denken die Köpfe der Menschen und nicht zuletzt die Beichtspiegel unserer kirchlichen Praxis beherrscht: Der Geist allein zählt, das Fleisch ist abgrundtief schlecht. Es muss überwunden werden. Und da hören wir ein paar Tage später die Wiederholung des Weihnachts-Evangeliums: „Das Logos-Gottes wurde Fleisch geworden“. Unglaublich wichtig: Am Anfang war das Wort und das Wort ist FLEISCH geworden. Fleisch, nicht Geist! Durch Goethes Faust ist die erste Zeile des Johannesevangeliums klassisch geworden – aber auch die Schwierigkeit, sie zu übersetzen: „Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?“, fragt Faust, als er den biblischen Text ins Deutsche geben will. „Im Anfang war der Sinn!“, probiert Goethes Faust, um sich erneut skeptisch zu fragen: „Ist es der SINN, der alles wirkt und schafft?“ Mir geht es aber heute nicht um Goethe, sondern um das Johannes-Evangelium: Gott wird leibhaftig. Er spaziert gerade nicht als reiner Geist durch diese Welt, er wird Fleisch und wächst auch noch in einem Handwerksbetrieb heran. Geradeso, als ob Gott selbst diesem klassischen Denken eine Abfuhr erteilen möchte:  Wer Fleisch und Leib als minderwertig betrachtet, der wird hier von Gott selbst ins Abseits gestellt. Und das ist nicht einmal etwas Neues. In der Menschwerdung seines Sohnes macht dieser Gott uns lediglich deutlich, was uns seit Anbeginn der Schöpfung eigentlich klar sein sollte: Die Dinge dieser Welt, die Materie, die Körper, alles Fleisch, sie sind alle von Gott geschaffen worden. Und er selbst hat dazu gesagt, dass sie gut sind. Wir Christen haben dies offensichtlich vergessen oder nie so richtig ernst genommen. Ein Christentum, das eine wie auch immer geartete Leibfeindlichkeit propagieren würde, ein solches Christentum, das hätte seinen Gott nicht verstanden. „Mens sana in corpore sano“ haben die Römer gesagt. So wie ein gesunder Geist einen gesunden Körper braucht, in dem er wohnt, so braucht auch unsere Kirche ein gesundes Verhältnis zu Leib und Körper, Leiblichkeit und Sinnenhaftigkeit, sonst ist der Glaube, den sie verkündet, auch kein gesunder Glaube. Liebe Gemeinde! Das Johannes Prolog war und bleibt eine Herausforderung für uns alle, aber keine Überforderung. Lasst uns am Anfang des Jahres „Sinn geben“ unseres Glaubenslebens, es ist keine Verschwörungsideologie, kein Geheimwissen zur Rettung weniger. Es ist das Gegenteil: Es ist Gottes Weisheit, weil Gottes Wort. Ich bin überzeugt: Alles Streben nach Sinn und Vollendung findet sein Ziel in der Erkenntnis, dass wir alle dazu berufen sind, unser Leben in ehrlicher intellektueller und spiritueller Dankbarkeit zu entdecken. So werden wir, mit Gottes Hilfe die Mitte des Lebens finden und so können wir das neue Jahr des Herrn 2025 anfangen und alles was wir sind und was wir werden in Gottes Hand vertrauensvoll legen.

Alois Balint
01.01.25 Neujahr - Hochfest der Gottesmutter Maria

Ein Meinungsforschungsinstitut hat mal ermittelt, dass die Deutschen, hätten sie die Wahl, am liebsten in den Achtzigerjahren leben würden. Wünschen Sie sich auch zurück in die Achtziger oder irgendeine andere Zeit? In unserer Kirche wärmen sich immer noch viele an ihren Erinnerungen an früher, als die Kirchen noch voll waren, die Kolpingsfamilien und die Frauengemeinschaften stark, die Fronleichnamsprozessionen lang und die Priester zahlreich. Erinnerungen gehören zu uns Menschen. Und unsere Erinnerungen sind nie nur rein faktisch: unsere Erinnerungen sind vor allem emotional, wir erinnern nicht nur Fakten, sondern Stimmungen und Gefühle. Und starke Gefühle prägen sich einfach besser ein. Jean Paul, ein Zeitgenosse von Goethe und Schiller, hat mal gesagt: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können“. Genauso verleiten uns gewisse Gefühle in der Gegenwart gerne dazu, innerlich sozusagen auszubrechen und uns auf eine Reise in die Vergangenheit zu begeben. Naheliegend ist, dass das vor allem in Zeiten geschieht, die als nicht so gut empfunden werden. Es ist furchtbar für mich zu hören, dass fast 60 % der heutigen Rumänen wagen zu sagen, dass die Zeit von Ceausescu besser war (wahrscheinlich weil sie die Diktatur gar nicht gekannt haben, oder davon profitiert haben). Fast das Gleiche höre ich auch von der ehem. DDR. Meines Erachtens scheint heute eher Verunsicherung angesagt. Die wirtschaftliche Lage, die als unzulänglich empfundene Politik, das Unbehagen an der ganzen Weltlage mit ihren Kriegen, Krisen und Flüchtlingen. Und das Klima … Und da beschwören eben viele die Vergangenheit, imaginieren sich Zeiten herbei, die scheinbar besser waren, und kontrastieren damit die Gegenwart. Das fatale: Die Heraufbeschwörung einer angeblich besseren Vergangenheit verbessert die Stimmung nicht, sondern heizt den Frust nur noch mehr an. Und dann werden Sündenböcke gesucht: die Flüchtlinge, die Muslime, die Politiker, die Medien. Und in der Kirche, je nachdem, die Modernisierer, die, die jedem Zeitgeist hinterherlaufen, oder die ewig gestrigen, für die alles mit dem Abschied von der lateinischen Messe anfing. Oder auch, beide Richtungen verbindend: die da oben, die einfach keine Ahnung haben. Jahreswechsel sind einfach beliebte Zeiten für Rück- und Ausblicke, für Bilanzen und dunkle Vorausschauen. Da finde ich es immer wieder wohltuend, wie wenig die Liturgie der Kirche davon beeinflusst ist. Fast wie „business as usual“ geht es da zu. Die Kirche hat den Neujahrstag, der ja zugleich Oktavtag von Weihnachten ist, kurzerhand zum Hochfest der Gottesmutter Maria erklärt. Und da geht es nicht nur um Maria, sondern vor allem um uns. Denn Maria ist sozusagen die erste Glaubende, exemplarisch stellt uns die Bibel in ihrer Person vor, wie Christsein, Leben in der Nachfolge oder im Geist Jesu, geht. Auch Maria denkt über Vergangenes nach. Sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“. Aber Maria benutzt das Erlebte eben nicht, um eine mühsame Gegenwart durch eine vorgeblich bessere Vergangenheit zu denunzieren, sondern für Maria ist das Erlebte, die Vergangenheit nie etwas anderes als ein Grund zum Dank und eine Bestärkung ihres Glaubens. So wie Gott damals da war, wie er das Kind in der Krippe beschützt hat, wird er auch weiter da sein, die Wege dieses Kindes begleiten und alle beschützen, die sich diesem Kind und seinem Weg und Beispiel anschließen. Dieser Glaube trägt Maria durch ihr ganzes Leben, sogar durch Kreuz und Tod. Und er bringt hervor, jenen sechs-Worte-Satz von der Hochzeit zu Kana, in dem sich das ganze Christsein bündelt: „Was er euch sagt, das tut.“ Das ist die Haltung, mit der wir in ein neues Jahr gehen sollen. Kein nervöses Vor- oder Zurückschauen, kein ängstliches Rumgehampel: Schaffen wir das auch? Lassen wir uns nicht fertigmachen. Bleiben wir entspannt wie Maria. Tun wir, wozu sie uns rät und was heute wie seinerzeit notwendig und wichtig ist: Zeigen wir Aufmerksamkeit und Entgegenkommen gegenüber jedermann, leben wir Gelassenheit und Gottvertrauen, Respekt und Hilfsbereitschaft, denn das braucht es in dieser Zeit gegen die fiebrige Unruhe aus den Nachrichten und dem Internet. Wie das neue Jahr wird, was es uns bringt, kann noch keiner sagen. Aber eins ist gewiss: Es wird ein Jahr des Herrn sein, er geht mit uns, und wie wir es gestalten und auf was wir an seinem Ende zurückblicken können, das liegt auch an uns und an unserer Menschlichkeit. Gesegnetes Neues Jahr!

 
Alois Balint
29.12 - 1. Sonntag nach Weihnachten, Fest der Hl. Familie - Gedanken zu Kol 3,12-21

Vielleicht hallen die Sätze aus der Lesung vorhin auch noch in Ihnen nach. Sie lösen heute sicher in vielen Menschen Widerspruch aus. Da heißt es im Brief an die Gemeinde in Kolossä: „Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter!“ und „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem!“ Natürlich könnte ich diesen Sätzen jetzt ausweichen und den Blick lenken auf die Geschichte von Jesus im Tempel von Jerusalem – das ist auch eine wichtige Geschichte. Aber ich will mich heute einmal mit diesen schwierigen Sätzen aus dem Kolosserbrief auseinandersetzen. Als ich im Internet zu den Sätzen von Paulus recherchiert habe, bin ich etwas erschrocken: Denn es gibt offenbar noch etliche christliche Prediger, die genau das bis heute gut und sogar göttlich geboten finden: dass die Frau sich dem Mann unterordnen sollen. Ich lese da Sätze wie diese: „Die willige Unterordnung der Frau sind Kennzeichen von Gottes guter Schöpfungsordnung und seiner Gnade! Die Sünde kam in die Welt, weil Mann und Frau sich nicht nach derSchöpfungsordnung richteten.“ Zitat Ende. Manche meinen also bis heute: Gott will die Unterordnung der Frau. Und auch in der Politik finden oft vor allem Männer Freude an dieser Idee: Frauen haben sich unterzuordnen, einen eigenen Platz einzunehmen. Auch in Verlautbarungen der katholischen Kirche begegnet einem diese Vorstellung: Die Frau hat zwar die gleiche Würde, aber sie hat eben auch ihre eigenen Aufgaben und darf nicht alles, was der Mann darf. Zum Beispiel nicht hier mit einer Stola am Altar stehen. Aber ist das wirklich von Gott gewollt? In Gottes Schöpfungsordnung so vorgesehen? Wenn wir in die Schöpfungsgeschichte der Bibel in Genesis 1 schauen, dann steht da nichts von unterschiedlichen Aufgaben und Plätzen in der Schöpfung. Ganz im Gegenteil geht es dort – in diesem rund 3000 Jahre alten Text – außergewöhnlich gleichberechtigt zu: Frau und Mann sind beide geschaffen als Gottes Bild. Und beide zusammen werden gesegnet und mit den gleichen Aufgaben betraut: Seid fruchtbar und mehret euch, beherrscht und behütet diese Welt. Also: Von der Schöpfungsordnung der Bibel her lässt sich die Unterordnung der Frau sicher nicht begründen. Und dann gibt es natürlich noch viele andere Geschichten der Bibel und auch Briefstellen im Neuen Testament, in denen von der gleichen Würde und den gleichen Aufgaben aller Menschen, weiblich und männlich, die Rede ist. Es gibt die Prophetinnen und Richterinnen des Alten Testaments, die damals schon Aufgaben erfüllen, die bis heute oft mit Männern verbunden werden. Es gibt im Neuen Testament Frauen wie Lydia, die erste Christin Europas, die Tuchhändlerin und Chefin ihres Hauses war.  Auch in den Briefen des Apostels Paulus geht es oft ungewöhnlich gleichberechtigt zu: Er nennt Junia eine Apostelin, er grüßt Phöbe, die Diakonin der Gemeinde von Kenchreä. Und dann gibt es natürlich den berühmten Satz aus dem Galaterbrief (3,28): „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“. Interessanterweise steht in unserem Kolosserbrief ein ganz ähnlicher Satz, unmittelbar vor unserer Lesungsstelle: „CHRISTUS IST ALLES UND IN ALLEN.“ Wie passt der Satz aber zu den Sätzen über die Unterordnung der Frau und den Gehorsam der Kinder? Eine gewisse Widersprüchlichkeit ist offensichtlich. Vermutlich sind diese Mahnungen an Frauen, Kinder und Sklaven eine „Anpassung an den Zeitgeist“. Der aber war in der Spätantike stark von patriarchalen Strukturen und Sklaverei geprägt.  Aber was heißt das für uns heute? Ich denke, es ist klar: Wir wollen keine Sklaven mehr, die den Herren gehorchen. Und wir wollen keine Frauen, die sich den Männern unterordnen, oder Kinder, die die Eltern siezen. Wenn wir heute – wie damals die Nachfolger des Paulus – auf den Zeitgeist reagieren, dann heißt das: Ihr Frauen, lebt gleichberechtigt! Ihr Kinder, hört auf eure Eltern, aber denkt auch selber nach! Und die Sklaverei müssen wir abschaffen, wo es sie heute noch gibt! Das ist dann nicht nur die Anpassung an die heutige, moderne Kultur. Es ist auch, wie der genaue Blick in die Bibel zeigt, eine Anpassung an die Ordnung, wie Gott und wie Christus sie geschaffen haben. Frau und Mann, Menschen egal welchen Geschlechts, sind Bilder Gottes und mit gleicher Würde und gleichem Auftrag in diese Welt gesetzt. Warum ich das alles heute am Fest der Heiligen Familie erzähle? Ich möchte mit einem Beispiel antworten: In dem Spielfilm „Besser geht’s nicht“ (As good as it gets, aus 1997) gibt es eine beeindruckende Szene: Ein Mann (Jack Nicholson) und eine Frau (Helen Hunt) gehen zum Essen. Die Frau ist unsicher, weil der Mann etwas zur Bösartigkeit neigt. Der Mann hat gemerkt, dass er gegenüber der Frau und der Welt anders werden muss, wenn sie ihn wirklich lieben soll. Beim Essen sagt er darum zu ihr: „Ich habe ein tolles Kompliment für Sie; für Sie möchte ich ein besserer Mensch werden.“ Ich finde das herrlich und weihnachtlich; das ist die Nähe des Himmels, der ins Leben eingreift – der Grund aller Hoffnung im Leben, jenseits vom Zeitgeist und alle Gender-Problematik. Ein Mensch erkennt, dass er besser werden kann: barmherziger, gütiger und verzeihend. Das Schönste an Weihnachten ist die Hoffnung, dass der Himmel eingreift, mein Herz ergreift und mich liebevoller macht. Ohne eine Bedingung.

Alois Balint
25.12 - Weihnachtsfest

Es gab vor 14 Jahren ein seltsames Experiment das die serbische Künstlerin Marina Abramovic im Museum für moderne Kunst in New York gestaltet hat. (Davon gibt es einen Dokumentarfilm: „The Artist is Present.“) Drei Monate lang, 736 Stunden, gab sie 1.675 Menschen jeden Tag Gelegenheit, sich ihr gegenüberzusetzen. Sie verharrte dort, ohne wegzugehen, ohne etwas zu essen und zu trinken. Permanent war sie präsent, bot sich an: Seid präsent – vor mir. Kein Gespräch, keine Berührung, nur ein Blickaustausch. Es bildete sich eine lange Warteschlange. So viele Menschen wollten dieser Frau für eine gewisse Zeit in aller Öffentlichkeit ins Auge schauen; in dieser seltsamen Szene mit einem Tisch und 2 Stühlen, manche hielten es nur Sekunden in diesem Gegenüber aus, andere verharrten vor ihr für längere Zeit. Später berichteten viele, wie ihnen dieser Augenblick Energie geschenkt und starke Emotionen ausgelöst hat. Einige fingen in dieser schweigsamen Sitzung an zu weinen, anderen wurde die ungewohnte Situation des Ausharrens unheimlich, und sie spürten bald: Es ist Zeit für mich zu gehen. Finden Sie das seltsam? Die Situation hat sich mit der Zeit auch in diese Richtung entwickelt: Eine ganze Selfie-Kultur lebt trotz aller fragwürdigen Auswüchse von diesem Bedürfnis: Ich habe ein Gesicht, ich möchte ‚geliked‘ werden. Menschen hungern danach, von anderen wahrgenommen zu werden. Ich möchte nicht nur frühmorgens im Spiegel mein unausgeschlafenes, verkniffenes Gesicht sehen. Ich möchte mehr als nur ein Passant sein, eines der unzähligen Gesichter, die man im Nu wahrnimmt und schnell wieder vergisst. Junge Eltern wissen, wie schön der Blickaustausch mit dem Neugeborenen ist, wie überlebenswichtig es für ein kleines Kind ist, dass es seinen Eltern liebevoll ins Auge fällt und in vertraute Gesichter zurücklächeln kann. Viele Krippenszenen leben von dieser zarten Mutter-Kind-Begegnung. Wie viele Gesichter sind schon zu Lebzeiten vergessen. Gerade an Weihnachten suchen wir vielleicht nach Gesichtern von Menschen, die uns so lange im Auge lagen und die wir gerade heute so vermissen. Was ist mit den unzähligen Gesichtern, von denen es kein Foto, kein Porträt, kein Denkmal gibt, mit all den „Gesichtstoten“ der Jahrhunderte? Wer behält sie im Blick? Letztendlich: Wer wird mich einmal auf ewig im Auge behalten? Einer der schönsten Weihnachtslieder auf Deutsch stammt von Paul Gerhard (1653) und J.S. Bach (1736) und heißt: „Ich steh an deiner Krippe hier.“ – „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht sattsehen“ (Gotteslob 256,1.4). Wenn Sie in diesen Tagen vor einer Krippe stehen, dann denken Sie bitte nicht an eine Art „Puppentheater“, sondern wagen Sie in Gedanken dieses leise Bekenntnis: lieber Gott, ICH bin auch hier vor DIR! Ich gerate quasi in die erste Reihe. Denn irgendwann waren die namenlosen Hirten wieder weg; und wir rücken nach. Es wäre Weihnachten, wenn ich wirklich diesen Moment spürte: vis à vis. Ich stellte mich – dir. Ich tauche ein in deinen Augenblick, Gotteskind. Ich glaube, genau das ist das Weihnachtsgeheimnis. ER schenkt Ansehen. Darum liegt dieses Fest uns so am Herzen. Auch all die Zeitgenossen brauchen es, die mit dem Glauben der Kirche nichts mehr anfangen können. Mindestens einmal im Jahr möchten sie beim Krippenbesuch spüren: Gott begegnet uns ‚auf Augenhöhe‘. Ich bin kein Nobody, kein Teilchen einer gesichtslosen Masse. Unter den Augen dieses Einen bin ich willkommen. Vor ihm muss ich mich nicht rechtfertigen, warum ich vielleicht nur ein ‚Weihnachts-Christ‘ bin und so selten zur Kirche komme. Hier muss ich mich nicht schöner und frommer machen, als ich bin. Jedes ‚Müssen‘, dieser verdammte Alltagsdruck, darf hier abfallen. Ich muss nicht einmal Geschenke dabeihaben. Heute wird mir endlich einmal nicht die Litanei ewiger Schuldvorwürfe vorgehalten, die da lauten: Du bist zu ungeduldig, zu egoistisch, zu untätig, du betest zu wenig …  Dem lieben Gott kann ich nichts anderes schenken als meine Armseligkeit, meine leeren Hände, meine staunenden, erwartungsvollen Augen, ja, meine Präsenz. Vor dem Mensch Gewordenen darf ich freilich als Mensch in Erscheinung treten – mit meiner Müdigkeit, meiner Erschöpfung, meiner Unlust, meiner Gleichgültigkeit und meiner inneren Unruhe. Das Weihnachtsfest gehört gottlob nicht der Kirche; sie bestimmt nicht, wer vor Gott Ansehen genießt und wer nicht. ER kommt für alle Welt zur Welt. Und noch etwas, egal wie skurril das klingt: Unter den Augen des Gotteskindes muss ich nicht einmal beten. Wenn mein Innehalten zum Staunen wird, zur Andacht, dann ist diese ‚heilige Wandlung‘ ein stilles Weihnachtswunder, Gottes Geschenk, weil lebendiges Gebet! Deswegen brauche ich unbedingt Weihnachten, weil ich überzeugt bin: Ich bin jemand vor Gott. Er schenkte mir etwas, was nicht auf meinem Wunschzettel stand: Er schenkte mir das Leben. Von ihm werde ich ‚geliked‘, wie manche heutzutage in Neudeutsch sagen.  Er überreicht mir das Weihnachtsgeschenk des Atems in jedem Augenblick meines Daseins. Erlösung auf Augenhöhe! Lassen wir uns umarmen, ummanteln von diesem fremd gewordenen Blick! Ich ahne, dass Weihnachten leider Gottes so folgenlos kommt und geht. Aber Gott verfolgt mich, wenn ich wieder wegtrete in die 364 Tage nach Weihnachten und mein Auge an ganz anderem hängen bleibt als an ihm. Ja, in der stummen Krippe ist das Evangelium, die frohe Botschaft, in diesem Kind taucht etwas in dieser Welt auf, was unfassbar heilig ist und auch dich und mich ‚heilig‘ macht. Deswegen wünsche ich Ihnen von Herzen nicht nur ein gesegnetes, sondern auch ein heiliges Weihnachtsfest!

 Alois Balint