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Ökumenischer Gottesdienst am 29.1.2022

Predigt beim Gottesdienst mit der Lund-Liturgie
in der Christuskirche Kehl am 29. Januar 2022 

Es war ein bewegender Augenblick, als am 31. Oktober 2016 Papst Franziskus in den evangelischen Dom in Lund in Schweden einzog, zusammen mit dem Präsidenten und dem Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds. Die drei Männer waren gleich gekleidet mit Albe und roter Stola. Rot ist die liturgische Farbe für den Reformationstag in den lutherischen Kirchen, aber nicht für den 31. Oktober in der katholischen Kirche. Der Papst kam also mit den liturgischen Farben der lutherischen Kirche in den Gottesdienst zum Gedenken an die Reformation, wie ein lutherischer Pfarrer. Was für ein Ereignis! 500 Jahre zuvor hatte sein Vorgänger, Papst Leo X., Luther als Ketzer aus der Kirche ausgeschlossen, wie auch alle seine Anhänger. Die Spaltung der Kirche hat jahrhundertelang zu immer neuem Streit und Konflikt geführt, ja zu Bürgerkriegen wie in Frankreich oder zum Dreißigjährigen Krieg in Deutschland. Doch jetzt war es anders: Der Papst reiste eigens nach Schweden, und gemeinsam mit ihm erinnerten die Evangelischen im mittelalterlichen Dom an die Reformation, in Anwesenheit von Vertretern aller christlichen Kirchen. Man bekam ein Gänsehaut-Feeling und konnte gleichsam den Atem der Geschichte spüren.

Wie ist das möglich geworden? Von den vielen Faktoren, die zu dieser Veränderung geführt haben, greife ich einen heraus: die Begegnung. Während Katholiken und Evangelische jahrhundertelang getrennte Wege gingen, kam es im letzten Jahrhundert zu immer häufigeren Begegnungen. Dabei machten viele die Erfahrung: Wir können in den Menschen aus der anderen Kirche unseren eigenen Glauben wiedererkennen, trotz vieler Unterschiede. Dieses Wiedererkennen des gemeinsamen Ursprungs, dem sich die beiden Kirchen jahrhundertelang verschlossen hatten, veränderte und erneuerte den Blick auf die anderen und auf uns selbst. Die Begegnung führt zur Besinnung: Wir sind allesamt getauft auf den dreieinigen Gott, wir gehören zu ihm durch die Taufe, sind gemeinsam als Brüder und Schwestern seine Kinder, wir bekennen als eine Glaubensgemeinschaft mit unserem Glaubensbekenntnis den gleichen Glauben. Die Begegnungen führten viele zur Erfahrung dessen, was wir in der Schriftlesung aus dem Epheserbrief gehört haben: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller“.

Gott nimmt jeden und jede von uns in der Taufe in seine Gemeinschaft auf, lässt uns nicht mehr los und niemals auf. Es ist der Wille Gottes, dass auch wir so untereinander Gemeinschaft haben, uns wahrnehmen, hochachten, einander beistehen und füreinander sorgen: „Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe“, dazu fordert uns der Epheserbrief auf. Also keine Selbstbehauptung auf Kosten der anderen, keine Beschäftigung mit sich selbst, die die anderen aus dem Auge verliert, kein Rückzug, wenn das Zusammenleben Mühe macht.

„Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ – wenn Menschen in ihren Begegnungen diese Erfahrung machen, dann kommen sie zu der Einsicht: Das, was uns verbindet, ist viel stärker, breiter und weiter als das, was uns trennt. Hinter diese Einsicht können sie nicht wieder zurück. Aber was ist dann mit den Unterschieden, die in der Geschichte zu so viel Streit und Konflikt geführt haben? Hier ist Anlass, eines Mannes zu gedenken, der lange in Kehl-Marlen gelebt hat, von dem aber die wenigsten hier auch nur den Namen kennen: Harding Meyer. Er war viele Jahre Forschungsprofessor am Institut für Ökumenische Forschung in Strasbourg. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat man viel diskutiert, was denn das Ziel der ökumenischen Bewegung sein könnte. Der Weltrat der Kirchen vertrat damals die Vorstellung einer organischen Einheit, in der die Unterschiede der Kirchen zugunsten der Einheit möglichst verschwinden sollten. Harding Meyer hat in Strasbourg ein alternatives Modell entwickelt: Die unterschiedlichen Traditionen der Kirchen sind kostbar, argumentierte er, sie sollen bewahrt werden. Aber sie haben doch in der Vergangenheit immer neu zu Streit zwischen den Kirchen geführt, lautete der Gegeneinwand. Darum, so Harding Meyer, arbeiten wir an der Versöhnung der Unterschiede. Die konfessionellen Traditionen sollen nicht verschwinden, sondern versöhnt werden. Die Unterschiede sollen nicht abgeschliffen werden, wir wollen vielmehr Brücken zwischen ihnen bauen. Die programmatische Formel dafür lautete: „Wir suchen eine Einheit der Kirche in versöhnter Verschiedenheit - Einheit in versöhnter Verschiedenheit!“ Diese Versöhnung fällt aber nicht vom Himmel, sie bedarf gründlicher theologischer Arbeit und des Willens zur Versöhnung. Dem galt Harding Meyers Lebenswerk.

In den letzten 500 Jahren gab es zwischen den evangelischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche viele Konflikte und viele Verwundungen auf beiden Seiten. Was geschehen ist, können wir nicht ändern; ändern können wir aber, unter welchen Vorzeichen wir das Geschehene wachrufen, wie wir das Vergangene vergegenwärtigen und wie wir damit umgehen. Wenn Erinnerungen heilen, kann ein gemeinsamer Weg in die Zukunft eröffnet werden.

Der Gottesdienst in Lund ist die Frucht von mehr als 50 Jahren ökumenischer Begegnungen und Dialoge. Sie haben einen Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft gebahnt. Auf diesem Weg wollen wir auch in Kehl weitergehen; darum feiern wir diesen Gottesdienst. Wir haben vorher zurückgeblickt im Dank für das, was wir von den Reformatoren empfangen haben. „Wir“ – das heißt hier bewusst: Evangelische und Katholiken. Das war das Erstaunlichste an jenem Gottesdienst in Lund, dass Papst Franziskus beten konnte: „O Heiliger Geist! Hilf uns, dass wir uns über die wahrhaft christlichen Gaben freuen, die durch die Reformation in die Kirche gekommen sind.“ Auch die katholische Kirche hat Gutes von der Reformation empfangen und ist durch sie herausgefordert worden; sie wäre heute nicht die, die sie ist, ohne die Reformation. Darum hat unser Gottesdienst mit einem gemeinsamen Dank begonnen; darum können wir uns auf gemeinsame Wege und Neuanfänge besinnen.

Beim Blick zurück werden wir aber auch mit dem Unrecht konfrontiert, das beide Seiten einander angetan haben, sowie mit der Schuld, in die sie geraten sind. Darum bedarf es immer wieder des offenen Bekenntnisses vor Gott und voreinander: „Wir haben gefehlt; wir sind an den anderen schuldig geworden“, und auch immer wieder müssen wir einander um Vergebung bitten. Christen und Christinnen sind oft nicht „in Demut, Sanftmut und Geduld“ miteinander umgegangen. Und tun es auch heute oft nicht. Voraussetzung für einen Umgang miteinander, der die Gemeinschaft sucht, ist, dass die Verschiedenheit versöhnt verschieden sein kann und darf.

Dieser zweifache Blick auf die Geschichte tut not, damit wir mit offenen, einander zugewandten Herzen gemeinsam weiter gehen können auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft, dankbar für das, was die Vorfahren erkannt, gelebt, bewährt und auch erlitten haben; demütig aber auch im Blick auf die Schuld im Umgang miteinander. Das Geheimnis dieser Erinnerung heißt Versöhnung. Damit wir nicht stehenbleiben, sondern auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft weitergehen, werden nachher fünf Impulse gegeben; bei jedem Impuls wird eine Kerze an der großen Christuskerze angezündet. Christus ist der Grund der Kirche, von ihm leben wir, dem einen Herrn; sein Licht erleuchte unseren ökumenischen Weg als Evangelische und Katholiken zusammen mit allen anderen Christen. Die Christuskerze steht neben dem Taufbecken. Die eine Taufe verbindet uns alle in dem einen Leib, der die Kirche ist. „Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller“.

Vor seinem Sterben hat Jesus gebetet, dass alle seine Jünger und Jüngerinnen eins seien. Dieses Gebet Jesu ist noch nicht erfüllt worden. Schließen wir uns dem Gebet unseres Herrn an, dass alle eins seien, öffnen wir unsere Herzen, dass sein Geist uns zur Einheit hinführe, und tun wir immer wieder mutige Schritte aufeinander zu und miteinander! So sei die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes mit euch allen!

Amen.

 
Prof. em. Dr. Theodor Dieter, Kehl