19. Dezember - 4. Advent (Pfarrerin Bettina Kretz)
Der gekreuzigte CHRISTUS wird geboren
Marmorplatte mit Reliefdarstellung der Geburt Jesu (4.-5. Jhdt.)
Marmorplatte mir Reliefdarstellung der Geburt Jesu (13. Jhdt.)
Beide Marmorplatten (Ort: Byzantinisches und christliches Museum Athen) zeigen jeweils ein Relief, das die Geburt Jesu darstellt. Zentral sind die Elemente, wie sie auch für Weihnachtsikonen grundlegend und typisch sind: das Kind in der Krippe mit Ochs und Esel. Ochs und Esel kommen in den Weihnachtsgeschichten der Evangelien nicht vor. Dass sie in späteren Darstellungen in der Nähe der Krippe zu finden sind, ist eine Anspielung auf Jes 1,3: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel kennt’s nicht und mein Volk versteht’s nicht.“ So sind Ochs und Esel im Stall eine unaufhörliche Mahnung an die Kirche, ihren Herrn nicht zu vergessen. In bildlichen Darstellungen nimmt die Krippe gelegentlich die Form eines Altars an oder, noch häufiger, das in Windeln gewickelte Kind hat zusehends die Anmutung des im Grabe liegenden Christus – die beiden Reliefs weisen diese Entwicklung auf. Die Konzentration auf das in Windeln gewickelte Jesuskind bzw. den in Leinbinden gehüllten Christuskorpus setzt eine elementare theologische Einsicht ins Bild: Das im Stall geborene Kind ist der am Kreuz hingerichtete Christus. Auch auf dem Isenheimer Altar in Colmar sind die Windeln des Kindes und das Lendentuch des Gekreuzigten einander analog. Veranschaulicht wird also nicht eine schmuckreiche, unterhaltsame bildliche Erzählung, wie wir sie so gerne hören, sondern der theologische Kern. Die Theologie entfaltet sich weiter in einem zusätzlichen Element der frühen Steinplatte: Rechts ist ein Feigenbaum erkennbar. Die Feige ist die erste Pflanze, die die Bibel in ihrer Art benennt. Sie hat ihren Ort im Garten Eden. Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, werden sie sich ihrer Nacktheit bewusst: Sie binden Feigenblätter zu einem Schurz zusammen, um ihre Scham zu bedecken (Gen 3,7). Der Feigenbaum ist im Orient und im Alten Testament auch der klassische Baum der Fruchtbarkeit; im Doppelbild vom „Weinstock und Feigenbaum“ steht die Feige im Alten Testament für Frieden und Wohlergehen (Micha 4,4; 1. Könige 5,5; 2. Könige 18,31; Jes 36,16; Sach 3,10). So verbinden sich Altes und Neues Testament, der Sündenfall des Menschen und seine Erlösung durch Christi Leiden und Sterben – Geburt und Passion bilden eine theologische Einheit. Vielleicht werden wir dessen bewusst, wenn wir zum 4. Advent den Kaffee- oder Teetisch decken und den symbolträchtigen Christstollen – das Kind liebevoll in Windeln aus Puderzucker gewickelt – anschneiden und vor dem Verzehr vielleicht erst einmal innehalten, uns Frieden wünschen.