Impuls zum 34. Sonntag Christkönigssonntag (21. November) - Gedanken zu Joh 18,33-37
Wir feiern am Ende des Kirchenjahres das Christ-König-Fest seit 1925. Damals hat die Kirche das 1600-jährige Jubiläum vom Konzil zu Nizäa gefeiert. Warum ist das Konzil von 325 in Nizäa so wichtig? Weil wir seitdem unser Glaubensbekenntnis haben. Christus, als Herr und Heiland, verdiente also einen Ehrentitel und „Präsident“ oder „Vorsitzender“ irgendeiner wichtigen Institution klingt überhaupt nicht liturgisch. Das haben sie damals gut gefunden. Und egal, wie altmodisch das uns scheint, auch jetzt sind wir nicht fähig, einen besseren Ausdruck zu finden. Auch heutzutage verdienen die Medien viel Geld mit den Geschichten, besonders jener von der englischen Königsfamilie. Auch von Lesern, die sehr dankbar sind, in einer Demokratie zu leben und keinerlei Sehnsucht nach einer Monarchie spüren. Vielleicht ist es mehr das Mitgefühl oder fast Schadenfreude, wenn man sieht, dass ihre Herausforderungen zwischen Geburt und Tod ganz ähnlich sind wie die vom einfachen Volk. Könige haben in der Geschichte so viele Katastrophen ausgelöst durch Machtkämpfe, die ganze Länder in den Abgrund gerissen haben (denken wir z.B. an den österreichischen Kaiser, der das Schicksal der Millionen Toten des 1. Weltkrieges und alle daraus noch entstandenen Folgen mit einer Unterschrift besiegelt hat). Es gibt die Würde und Bürde von Königen und Königinnen.Es ist schwer einen Begriff zu finden, der die Rolle eines wahren Königs in unserer Zeit verständlich macht. Christus als mächtiger Politiker der UNO? Das klingt schon daneben; würde er mit seinem Programm und Forderungen gewählt werden?Fangen wir lieber mit dem Anfang an: Israel hat sich mit dem Königstitel schwergetan. In Vergleich mit den anderen Zivilisationen ist das Königtum in Israel spät eingeführt worden. Nach der Einwanderung blieb zunächst lange die Grundlage des politischen Zusammenschlusses der Zwölfstämmeverband. Das war ein „egalitärer“, gleichberechtigter Zusammenschluss aller Stämme. Auch Jahwe wird in der ersten Zeit nicht König genannt. Obwohl in der damaligen Welt alle Götter „Könige“ genannt wurden. Andere Titel hat man ihm beigelegt, z.B. Schöpfergott, Gott der Heerscharen – König nicht. Der Grund liegt darin: Israel sollte kein Königtum sein, anders gesagt: Kein Staat wie alle anderen. Jahwe war der einzige Herr in Israel (eine Theokratie, keine Monarchie). Sonst galt nur die Gleichberechtigung. Das erinnert an die französische Revolution: égalité, fraternité…Pfefferminztee (es hat auch nicht überdauert). Auch damals in Israel nicht. Irgendwann um das Jahr 1000 v. Ch. errichtete man einen Staat mit königlicher Zentralinstanz – wie die anderen Völker auch. Und von nun an war Jahwe auch „König“. Die Psalmen nennen ihn jetzt so. War es dann auch in Israel wie bei den anderen Völkern? Jaein! Denn der König dort ist kein absoluter Monarch. Die dortige Monarchie war nicht wie alle anderen. Das drückt sich z.B. darin aus, dass der König eine eigene Abschrift des Gesetzes hat: Nicht er ist das Gesetz, sondern er steht unter dem Gesetz wie das ganze Volk auch, denn Jahwe bleibt der „König der Könige“. Es scheint dann und wann einige gegeben zu haben, die es richtig gemacht haben wie z.B. Joschia, oder David wurde als der Idealkönig hochstilisiert (aber er war es nicht, siehe die Geschichte mit Batshewa), oder Salomon (obwohl er am Ende seines Lebens 300 Frauen hatte und im Tempel schon andere Götter akzeptiert worden sind).Auch Jesus hat sich mit dem Königstitel schwergetan. Jedenfalls hat er ihn selber nicht verwendet. Er wollte nicht sein, was allgemein damit verbunden war: Hirten, die sich selber weiden und die Herde verkommen lassen, Selbstbediener wie überall, bis hinein in die modernen Demokratien, wo man noch mit Impfstoffen und Schutzmasken Geschäfte macht. Pilatus war es, der Jesus schließlich „König“ genannt hat: Die Kreuzesinschrift, wie sie bei Hinrichtungen Brauch war, hält genau diesen Titel fest: INRI (Iesus Nazariensis Rex Iudeorum). Jesus aus Nazareth der König der Juden. Aber eben zum Spott für ihn und für die Juden. Pilatus war ein Spötter. Und alle verspotten ihn, wie er da hängt. Ja, wenn er jetzt herabsteigen könnte, die Nägel herausziehen aus dem Holz, unverletzt herabsteigen und endlich dreinschlagen, ja dann schon. So einen König, ja bitte! Aber solch einen doch nicht, der da hängen bleibt! Anderen zu helfen, genügt nicht, um König zu sein? Das ergibt keine Macht, keine Karriere, und kein Mensch hört dir zu. Auch heute sagen manche Väter: „Was, Sozialarbeiter willst du werden? Lern‘ lieber was G‘scheites!“Wer Gerechtigkeit und Solidarität, Liebe und Wahrheit – Gottes eigentliche Anliegen – einfordert, der wird kaltgestellt: „Jerusalem, dass du die Propheten verfolgst und steinigst ...“ – Aber diese Erfahrung ist nie mit dem Königtum verbunden worden. Das eigentlich Dramatische ist die Verknüpfung von beidem, wie sie ausgerechnet der Römer Pilatus im Kreuzestitel zum Ausdruck bringt. Dass viele darüber spotten, ist eigentlich kein Wunder. Dass es überhaupt einer begreift, DAS ist das Wunder. Allerdings ist das Leben Jesu voll von Geschichten, in denen mit solchen Wundern gerechnet wird: Der Zöllner Zachäus, Maria Magdalena, die Geschichte mit der Ehebrecherin, die Geschichte vom verlorenen Sohn ... Und das Leben der Kirchengeschichte ist auch immer wieder voll von diesem Wunder: Franz von Assisi ist ein Wunder, Johannes XXIII ebenfalls, Mutter Teresa, Rupert Mayer und die ganze Liste der Heiligen ... Ich kenne nur eine einzige, sehr bescheidene Definition vom Reich Gottes. Es sind die Worte Jesu: „Bei euch soll es anders sein!“ Anders heißt hier im Lichte des Evangeliums: dass die Liebe letztlich das Sagen hat, und dass die Güte das letzte Wort hat, und dass Helfen und Dienen tatsächlich etwas Königliches ist.Und wir? Machen wir es uns nicht zu leicht mit diesem Königstitel! Ohne Stolz und katholischen Triumphalismus geht es uns genauso mit diesem Jesus-König, wie es Israel ergangen ist: Wir können uns nicht einfach benehmen wie irgendein Volk auf dieser Erde. Denn bei uns soll es anders sein: Anderen hat er geholfen! Auf IHN schauen und ein bisschen mehr auf den anderen schauen: Nur das bringt sein Königtum in diese Welt.
Alois Balint
Impuls zum 33. Sonntag (14. November) - Gedanken zu Dan 12,1-3
Das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen, was offenbar der Anlass ist, auch an das Ende der Welt zu denken; das legt auf jeden Fall die Auswahl der biblischen Texte des heutigen Tages nahe. Dabei müssen wir beachten: Es gibt in der Hl. Schrift verschiedene literarische Gattungen und Formen, wie etwas dargestellt und erzählt wird. Es gibt die vier Evangelien und die Apostelgeschichte, die Briefe der Apostel und die sogenannte Apokalypse des Johannes. Es gibt Lieder und Gebete, Erzählungen und Gleichnisse, um nur einige Beispiele zu nennen. Es gibt in der Hl. Schrift eine Fülle von solchen Gattungen und Formen, die in der Bibelwissenschaft bestens untersucht und erforscht sind. Eine solche Gattung heißt Apokalyptik. Es gibt sie sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Diese Gattung entstand im 2. Jh. v. Chr. Das jüdische Volk lebte damals in bedrängten Lebensumständen. Fremde Mächte beherrschten das Land, wollten den Juden ihren Glauben verbieten, ihnen eine andere Religion aufzwingen, verfolgten sie. In solch einer Zeit fragt man nach Gottes Verheißungen und seiner Hilfe, hofft, dass Gott endlich eingreift. Man denkt über die Zukunft nach und malt sie aus in uralten Bildern, die wir heute nicht mehr so unmittelbar verstehen. Hinter den Bildern stehen die Erfahrungen von Not und Verfolgung, auch von Kriegen und Zerstörung. Auch zur Zeit Jesu und vor allem Jahrzehnte später gab es solche Erfahrungen. Im Jahr 70 nach Christus wurden Jerusalem und der Tempel zerstört. Es war das Ende des Tempels und des jüdischen Tempelkultes. Das war für das jüdische Volk eine politische und religiöse Katastrophe, die alles in Frage stellte. Wir können uns kaum vorstellen, was dieses Ereignis für die Juden und die Judenchristen bedeutet hat. Das bleibt wohl eine Erfahrung in der Geschichte der Menschheit: in Kriegen und Naturkatastrophen gehen Welten unter, auch wenn Städte und Dörfer danach wiederaufgebaut werden. Auch das ist eine immer wiederkehrende Erfahrung, die sich auch in den Texten der Hl. Schrift niederschlägt. Zerstörung und Krieg gibt es auch heute, in Syrien z. B. oder im Jemen. Für unzählige syrische Menschen ist ihre bisherige Welt zu Ende gegangen, zerschossen und zerbombt. Ihre Welt ging buchstäblich unter, wie bei uns im 2. Weltkrieg (an dessen Opfer wir heute am Volkstrauertag erinnern). Welche Botschaft hat das Evangelium für uns heute, wenn es in eindrucksvollen Bildern vom Ende der Welt und der Wiederkunft Christi spricht? Ganz sicher: Es ist keine naturwissenschaftlich begründete Aussage über die Zukunft der Erde und des Weltalls. Es ist auch kein Tatsachenbericht: So wird es kommen. Was wir im Evangelium hören und lesen ist eine Botschaft des Glaubens, eine Botschaft aus dem Glauben an Jesus Christus, an Jesus als dem Menschensohn, der wiederkommen wird am Ende der Zeiten, wann immer das sein wird. In aller Bedrängnis, die wir Menschen erleben und erleiden, will Markus Mut und Hoffnung machen: Gott führt alles zu einem guten Ende.
Hermann Kast
Impuls zum 32. Sonntag (7. November) - Gedanken zu Mk 12,38-44
Manche Merksprüche vergisst man nie, nachdem man sie einmal gehört hat, z. B.: „Das letzte Hemd hat keine Taschen!“ Dieses Wort konfrontiert jeden Zuhörer mit dem eigenen Tod, denn mit dem letzten Hemd ist das Leichenhemd gemeint. Ob es passend wäre, so etwas anlässlich einer Beerdigung gelegentlich laut auszusprechen? Und doch, darin steckt für manchen eine große Genugtuung, die letzte Gerechtigkeit, die für die einen Trost ins Wort bringt, die in ihrem Leben von Schicksalsschlägen arg gebeutelt waren; Menschen, die immer mit dem Notwendigsten auskommen mussten, die nie das große Geld gemacht haben und sich in ihrem Leben fast nichts leisten konnten. „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Das bedeutet, vor Gott sind alle gleich. Unser Wert als Mensch ist in der Gotteskindschaft begründet und macht sich nicht fest an Äußerlichkeiten. Das Leichenhemd ist in unserer abendländischen Tradition immer weiß. Es erinnert an das weiße Taufkleid. In der Taufe, der sakramental vollzogenen Wiedergeburt in Christus, haben wir Christus angezogen wie ein weißes Gewand. Wir gehören ganz zu ihm. Vom Taufkleid über Kommunion- und Hochzeitskleid bis zum „letzten Hemd“: Wir gehören zu Christus, und nichts, auch nicht der leibliche Tod, kann uns von ihm trennen. – Die arme Witwe im Evangelium wusste das und lebte danach. Wenn sie zwei kleine Münzen in den Opferkasten wirft, dann gibt sie das Allerletzte, was sie hat. Sie trennt sich von dem, was ihr heute und morgen wenigstens noch den Lebensunterhalt sichern könnte. Der Verlust ihres Mannes brachte ihr Armut und Rechtlosigkeit. Jesus beobachtet mit seinen Jüngern eine Frau, die mancher vielleicht als alte Betschwester geringschätzig belächeln würde. Indem sie ihr letztes Hab und Gut opfert, macht sie beispielhaft deutlich, was es heißt, ganz – und eben auch bis zum Letzten – auf Gottes Güte zu bauen und zu hoffen, von ihm ganz angenommen zu sein. Einem solchen Menschen wird das Wort vom letzten Hemd ohne Taschen keinen Schrecken einjagen. Die Witwe macht ihre Liebe und ihr Gottvertrauen mit zwei kleinen Münzen, die sie in den Opferkasten wirft, überdeutlich. Sie erinnert uns ganz nebenbei auch daran, wie wichtig und beruhigend, wie lebenserfüllend es ist, im Tempel, in der Kirche zu sein, der Gemeinde zugehörig zu sein, betend in ihr mitzuwirken und sich an den Aufgaben der Gemeinschaft der Kirche nach Kräften, mögen die noch so klein sein, zu beteiligen. Zum Schluss noch eins: Natürlich sollen wir nicht auf andere schauen und uns darin ergehen, ihr Tun und Lassen zu beäugen und zu bewerten. Wir müssen das im vorliegenden Fall Jesus zugestehen, weil er die geschilderte Situation mit liebendem Blick aufnimmt und zur Belehrung und Ermutigung seiner Jünger verwendet. Wir kennen diese biblische Begebenheit, aber wir sind sicher noch Lernende auf dem Weg zur Ganzhingabe an ihn. Vielleicht hilft uns da doch der Merkspruch: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ So flapsig er klingt, er berührt unseren Glauben und prägt hoffentlich die Art und Weise, wie wir mit den Dingen dieser Welt umgehen.
Robert Jauch
Impuls zu Allerheiligen (1. November) - Gedanken zu Offb 7,2-14
Ein recht bekanntes Experiment aus dem Physikunterricht ist die Lichtbrechung durch ein Prisma. Dabei fällt ein Strahl weißen Lichtes auf ein Prisma, ein optisches Bauelement mit einer besonderen geometrischen Form, und das weiße Licht wird durch das Prisma dann in verschiedene Farben „zerlegt“, in ein breites Farbspektrum von Violett bis Rot. Was hat das mit dem heutigen Hochfest Allerheiligen zu tun? Auch die Heiligen bieten uns sozusagen ein weites „Farbspektrum“. Sie haben unterschiedlich gelebt, an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten, mit unterschiedlichen Lebensaufgaben: einige als Hirten der Kirche, einige als Ordenschristen, einige als Eheleute. Unter den Heiligen finden wir Könige wie den heiligen Ludwig von Frankreich genauso wie Menschen aus sehr einfachen Verhältnissen wie die heilige Bernadette von Lourdes. Die Schar der Heiligen ist so vielfältig, wie die Menschheit vielfältig ist. In der Lesung aus der Offenbarung haben wir gerade gehört von einer großen Schar aus allen Nationen, Völkern, Stämmen und Sprachen (vgl. Offb 7,9). Diese große Schar besteht sicher nicht nur aus den kanonisierten Heiligen, also aus den Menschen, die offiziell heiliggesprochen wurden. Aber auch der Blick auf die kanonisierten Heiligen genügt bereits, um zu sehen, wie vielfältig, wie bunt diese große Schar sein muss. Gott liebt es, das eine Licht, das von ihm ausgeht, in vielfältigen und unterschiedlichen Farben strahlen zu lassen. Gerade in der Vielfalt der Heiligen, in ihrer Fülle und Buntheit zeigt sich Gott. Das Bild vom Prisma zeigt uns aber auch: Bei aller Verschiedenheit gibt es auch bei den Heiligen eine tiefe Einheit. Wie das bunte Licht von dem einen weißen Licht herkommt, so haben auch die Heiligen, so verschieden sie auch sein mögen, eine gemeinsame Quelle, aus der sie schöpfen. In der Lesung aus der Offenbarung wird diese Einheit ausgedrückt durch die weißen Gewänder, die die Erlösten tragen (vgl. Offb 7,9). Vielleicht ist es nicht ganz zufällig, dass diese Gewänder ausgerechnet weiß sind wie das weiße Licht, das in sich die verschiedenen Farben trägt. Zur Fülle der Erkenntnis des einen Gottes kommen wir da, wo wir die ganze Fülle der Heiligen in den Blick nehmen und uns fragen: Aus welcher Kraft haben sie alle gelebt? Was hat sie alle im Tiefsten inspiriert? Die Lesung aus der Offenbarung gibt uns bereits einen ersten wichtigen Hinweis auf die Antwort. Dort heißt es: „Sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht“ (Offb 7,14). Mit diesem Bild drückt die Offenbarung die Erlösung und die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus, das Lamm Gottes, aus. Die tiefe Einheit der Heiligen kommt also daher, dass sich alle durch Jesus Christus erlöst wussten. Ihre gemeinsame Quelle, aus der sie alle schöpften, war die liebende Hingabe Jesu am Kreuz. Je mehr auch wir darauf vertrauen und aus diesem Glauben leben, desto mehr können auch wir Heilige werden – auf unsere je eigene Art, in unserer persönlichen Farbe.
Sebastian Büning
Impuls zum 31. Sonntag im Jahreskreis (31. Oktober) - Gedanken zu Mk 12, 28-34
Jesus bestätigt dem einen aus dem Kreis der Schriftgelehrten, er habe seinen Verstand bemüht, er habe nachgedacht, er habe kritisch seinen Kopf eingesetzt. Und das sei entscheidend, warum er, Jesus, ihm bestätigen könne, dass er nicht weit vom Reich Gottes entfernt sei. Versuchen wir das auf uns zu übertragen. Ich höre daraus die Aufforderung an uns, im Glauben nicht unser Denkvermögen, nicht unsere Vernunft auszuschalten. Unser Denken, unsere „ratio“, unsere Rationalität ist für mehr offen als nur für das, was uns tagaus tagein beschäftigt. Sie ist offen auch für mehr als das, was uns Naturwissenschaften, empirische Wissenschaften, Verhaltenswissenschaften und andere an Wissen bescheren. Unsere Rationalität ist auf mehr angelegt. In unserer Suche, in unserer Sehnsucht nach mehr schaltet unser Verstand nicht ab; werden wir ihm nicht untreu, “verblöden” wir nicht. Sondern wir werden rational wie emotional eingeholt von der größeren Wirklichkeit Gottes, in der unser Leben letztlich gründet. Ein Grund, für uns voll offener Fragen, dem sich unser rationaler Glaube nähert.
Stefan Knobloch
Impuls zum 30. Sonntag im Jahreskreis (24. Oktober) - Gedanken zu Mk 10,46-52
Mit dem heutigen Evangelium betreten wir die Stadt eines Blinden, Jericho, die am tiefsten gelegene und vielleicht älteste Stadt der Welt. Wer diese Oasenstadt am Westende verlässt und die judäische Wüste hinaufsteigt, gelangt nach Jerusalem. Und da will Jesus hin. Ein Blinder stört aber und unterbricht seine „Dienstreise“. Und dadurch kommt es zu einer wunder-vollen Begegnung, einem folgenschweren Wort-Wechsel. Ein feinfühliger Blick, ein Wunder der leisen Berufung und der Nachfolge. Schön, dass wir auch den Namen des Blinden kennen, Bartimäus. Jesus behelligt ihn buchstäblich mit einem Wunder. Das Wunder ist die schönste Glaubenswerbung, ein Wunder ist Liebe, die sich in einer Tat ausdrückt.
Jesus tauft Bartimäus nicht, er belehrt ihn nicht, er lässt diesen Schreier nicht links liegen, obwohl er es eilig hat. Er stülpt ihm auch nichts Fremdes auf, er erkundigt sich, was ihm fehlt (obwohl er es ganz genau wußte). Er will es hören, was der andere zutiefst benötigt. Ohne Zögerung antwortet Bartimäus: Ich möchte doch nur eines: wieder sehen können. Dass Bartimäus seinen alten Mantel, sein altes Leben fallen lässt und diesem wunderlichen Sohn Davids nachläuft hinauf nach Jerusalem, das ist die schöne Zu-Gabe dieser Begegnung.
Heute ist Weltmissionstag. Was heißt aber „Mission“ heute. Missionare gehen nicht mehr auf andere Kontinente (es ist eher das Gegenteil, dass sie zu uns kommen zu missionieren). Es ist auch nicht wie in den Action-Filmen so wie z.B. „Mission impossible“ (mit Tom Cruise oder anderen). Mission, im Sinne Jesu, hat nichts Strategisches, kennt keine Hintergedanken. Der Mission des Evangeliums geht’s nicht um schnelle Jünger-Rekrutierung. Das Wunder „im Vorübergehen“ ist mehr als ein Service des Heilands; dieser seltsame Augenarzt verlangt nicht nach einer Leistung des Blinden. Dieses Dankeschön des Blinden gehört zum Wunder hinzu. Das Wunder ist Neuschöpfung nicht nur der Augen. Jesus gibt dem Geheilten die wundervolle Gelegenheit, nicht nur seine Stimme zu hören, sondern sein Antlitz und (in der Nachfolge) seinen Rücken zu entdecken.
Liebe Gemeinde! Unsere Kirche hat ein Wahrnehmungsproblem. Und darum brauchen wir den Weltmissions-Sonntag, damit wir uns an diesen Urmissionar erinnern, der mein blindes Herz öffnet für seine leise Präsenz. Er will meinen tiefsten Wunsch hören (auch wenn er ihn schon kennt), dass mir wieder die Augen aufgehen und ich neu horche auf seine leise Stimme: die Stimme des heute an mir Vorübergehenden.
Bitte nie vergessen: Nicht wir sind es, die retten und missionieren. Das Licht der Völker, das ist weiß Gott nicht die Kirche, das sind nicht einmal die Apostel. Gott ist es, der heilt und uns dabei hilft „mit dem Herzen zu sehen“. So konkret kommt Gott an in den Augenhöhlen und im Herzen eines Bittenden. Nachfolge ist mehr als die „Rückkehr in eine neue Normalität“. Wünschen wir nicht zu bescheiden! Mission ist die Einladung zu einem Abenteuer: Jesu Blick zu übernehmen und mit Ihm ins Weite zu gehen!
Zum Schluss als „Wort auf den Weg“ möchte ich Ihnen 2 ethnographische Besonderheiten erwähnen. Es gibt eine afrikanische Begrüßung in Swahili, die übersetzt heißt statt „Guten Tag“: ICH SEHE DICH. Dafür gibt es eine schöne deutsche Verabschiedung: AUF WIEDERSEHEN!
Alois Balint
Impuls zum 29. Sonntag im Jahreskreis (17. Oktober) - Gedanken zu Mk 10,35-45
Welches Wort wird wohl in Ihnen nachklingen, bleibt Ihnen im Gedächtnis haften? Ich merke, ich bleibe an dem Wort hängen „Bei euch soll es nicht so sein.“ – „Wie bei den Mächtigen“, müsste ich noch hinzufügen. „Bei euch soll es nicht so zugehen wie sonst in der Welt.“ Der Anlass für dieses Wort ist schon eine erstaunliche Geschichte. Da wollen zwei Jünger die besten Plätze haben in Jesu Reich. So nahe sind die Jünger bei Jesus, leben mit ihm Tag für Tag, schon so lange, von Anfang an, hören, was er sagt, wie er predigt und Gottes Wort auslegt. Und die beiden denken an die ersten Plätze, stellen sich über die anderen zehn, die verständlicherweise ärgerlich reagieren. So soll es nicht zugehen in Jesu Reich, auch nicht in seiner Kirche! „Bei euch soll es nicht so sein.“ Daran bleibe ich hängen. Wie könnten wir diese Weisung Jesu für uns heute verstehen? Ich denke daran, wie wir miteinander umgehen. Aufmerksam, rücksichtsvoll, einander zugetan? Wie reden wir übereinander? „Der hat...“, „die ist doch...“? Grenzen wir jemanden aus? „Mit dem, mit der will ich nichts zu tun haben.“ „Bei euch soll es nicht so sein.“ Ich möchte gerne auf dieser eher persönlichen Ebene bleiben, auch wenn das Wort einen durchaus politischen Hintergrund aufzeigt. Jesus tadelt seine beiden „Ehrgeizlinge“ nicht. Eher denkt er daran, dass die beiden nicht wissen, worum sie bitten. Wenn sie es wüssten, hätten sie wohl geschwiegen. Erstaunlich, dass die beiden Jünger es sich zutrauen, in der Nachfolge Jesu auch Leiden und Kreuz auf sich zu nehmen, vielleicht einen gewaltsamen Tod. Jesus bestätigt, was sie erwarten wird. Dann aber verweist Jesus darauf, dass er die falsche Adresse ist, wenn es um die Verteilung der ersten Plätze im Himmelreich geht. Er korrigiert auch diese Vorstellung nicht, als ob es im Reich Gottes schon wieder eine Rangordnung gäbe wie auf der Erde. Jesus verlangt eine andere, eine neue Einstellung und Haltung. „Bei euch soll es nicht so sein wie sonst in der Welt.“ Jesus ist erstaunlich nüchtern: „Die Mächtigen missbrauchen ihre Macht.“ So ist es, sagt Jesus. Macht wird missbraucht. Dass Macht auch richtig gebraucht werden kann zum Wohl der Menschen, schließt dieses nüchterne Urteil Jesu nicht aus. Freilich: In dieses politische und gesellschaftliche Alltagsgeschäft mischt sich Jesus nicht ein. Er gründet keine politische Partei, er organisiert keinen politischen Widerstand. Jesus wird weder bei Herodes noch bei Pilatus vorstellig. Jesus setzt auf etwas anderes. Jesus liegt daran, dass sich die Menschen in ihrem Verhalten verändern. Wenn sie lernen zu dienen, sich für andere einzusetzen, dann verändert sich auch eine Gesellschaft, vielleicht sogar ein politisches System. Jesus geht mit gutem Beispiel voran. Sich für andere einsetzen. Davon lebt eine Gesellschaft, davon lebt auch unsere Kirche, davon lebt jede Pfarrgemeinde. Das wissen Sie! Wer sich für andere einsetzt, der ist auf dem richtigen Weg. „Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“, versichert Jesus.
Hermann Kast
Impuls zum 28. Sonntag im Jahreskreis (10. Oktober) - Gedanken zu Mk 10,17-30
Das Evangelium dieses Sonntags mag uns auf das erste Hören hin verstört zurücklassen. Die Worte Jesu im Gespräch mit dem Mann und anschließend mit den Jüngern provozieren. Versteht man sie recht, erlangt man ewiges Leben vor allem durch das Einhalten der göttlichen Gebote. Doch ist das nicht alles. Hinzu kommt, dass wir bereit sein müssen, alles, was wir besitzen, abzugeben. So fragen die Jünger mit Recht, wie das geschehen kann, vor allem mit Blick auf einen reichen Menschen. Ist ihm deshalb der Zugang zum ewigen Leben wie ein Nadelöhr versperrt, durch das niemand hindurchgelangt? Und wir? Was können wir mit diesen Worten unseres Herrn Jesus Christus anfangen? Finden wir eine Antwort, die uns bei aller Verstörung doch Frieden ins Herz geben kann? Zunächst eine Ermutigung. In der Geschichte der Kirche hat es immer wieder Menschen gegeben, die dieses Evangelium ernst genommen und folglich radikal umgesetzt haben. Denken wir an den Wüstenvater Antonius, an Franziskus von Assisi, Elisabeth von Thüringen oder Mutter Theresa von Kalkutta. Sie waren reich begabte Menschen, die alles und damit sich selbst zur Verfügung stellten und so in die Heiligkeit Gottes hineingewachsen sind. Mit allen möglichen Fehlern eines Menschen ausgestattet, erklärten sie sich dennoch bereit, jedes Erfordernis eines Tages mit der größtmöglichen Liebe anzunehmen und zu tun. So haben sie das Leben in Christus gefunden, der für uns arm wurde, damit wir reich werden an Leben (vgl. 2 Kor 8,9). Auf diese Weise vermochten sie dem Evangelium ein Gesicht zu geben, das bis heute ausstrahlt. Fragen wir uns nun persönlich: Könnte ich das als Christ heute auch? Diesem Evangelium ein Gesicht geben, so wie es meinem Auftrag als Bruder oder Schwester Jesu Christi entspricht? Ich meine, ja! Lassen wir dafür einmal drei Fragen an uns persönlich heran. Erstens: Bestimmt der Glaube an das ewige Leben mein Leben und mein konkretes Handeln? Zweitens: Bin ich bereit, die Gebote Gottes als Wegweisungen zur Liebe und zur Wahrheit anzunehmen und mich daran zu orientieren? Drittens: Möchte ich mich bemühen, den Reichtum meines Lebens auch in den Dienst für andere zu stellen? Wenn ich im Ansatz dazu bereit bin, ein erstes, vielleicht noch zaghaftes „Ja“ auf diese Fragen zu sprechen, beginne ich bereits, diesem Evangelium ein Gesicht zu geben. Denn dann bezeuge ich, dass letztlich nichts anderes zum Leben führt als das glaubende Vertrauen auf Gott und die tätige Liebe, die nichts für sich behält, sondern zum Schenken bereit ist – so, wie Gott selbst es uns in Jesus Christus gezeigt hat. Haben wir den Mut, wie es Frère Roger Schutz einmal formulierte, das vom Evangelium zu leben, was wir verstanden haben. Dann geben wir der Frohen Botschaft auch heute ein Gesicht.
Alois Balint
Impuls zum 27. Sonntag im Jahreskreis (3. Oktober) - Gedanken zu Gen 2,18-24
Heute hören wir von der Einheit von Mann und Frau. Jesus macht auf die Ursprungsidee aufmerksam: Zwei Menschen werden gewissermaßen eine Person. Sie sind nicht mehr zwei, sondern eins. Die Lesung betont die gegenseitige Ergänzung der Menschen untereinander. In den ersten elf Kapiteln geht es um „begründende Erzählungen“; erzählend wird begründet, warum es in der Welt so zugeht, wie wir es noch heute erleben. Erstmalig nimmt Gott wahr, dass etwas in seiner Schöpfung „nicht gut“ ist. Eine starke Verneinung bringt zum Ausdruck, dass es sogar schlecht ist. Gott nimmt dieses wahr und will eine Korrektur vornehmen. Das von Gott bemerkte Defizit betrifft das Alleinsein. Darin liegt immer eine Gefährdung des Menschen. Weil es Gott um das Wohl des Menschen geht, möchte er in seiner Sorge um den Menschen etwas schaffen, was eine wirkliche Stütze sein kann. In zwei Schritten geht der Schöpfer vor. Der zunächst geschaffene Mensch darf die Tiere der Erde und die Vögel des Himmels betrachten. Gewissermaßen als freundlicher Wildhüter führt Gott alle Lebewesen aus dem Lebensraum des Menschen zusammen; die Wassertiere bleiben deswegen außen vor. Der Mensch soll die Tiere rufen, „benennen“. Das ist geradezu ein Akt des Nachschaffens. Der Mensch tritt so in Gottes Fußstapfen. Was Gott jedoch anzielt, gelingt nicht: Die Tierwelt bietet dem Menschen nicht volle Partnerschaft auf gleicher Ebene – auf Augenhöhe. Der Schöpfer behält sein Anliegen im Blick. Dem „Menschen“ soll ein ihm entsprechender Partner geschaffen werden. Ein außergewöhnliches Agieren ist dazu erforderlich: Von Tiefschlaf ist die Rede; eine konstruierende, formende Tätigkeit, ein „Bauen“ ist vonnöten. Das Resultat ist „ein anderer, ein zweiter Mensch“. Erstmalig taucht dafür das Wort „Frau“ auf. 152mal kommt es im Buch Genesis vor. I-scha, von der Erde genommen, vom „Erdling“, dem „Menschen aus Erde“ genommen, aus seiner Seite. Erst nach dem Auftreten der „Frau“ wird vom „Mann“ gesprochen. Erst parallel mit der Erschaffung der Frau kann auch von einem Mann geredet werden. Beide ergänzen sich, werden geradezu zu „einer Person“. Nahe liegt dieser Gedanke, wenn zwei Menschen sich füreinander entscheiden und den Bund der Ehe eingehen. Wichtig gleichermaßen ist diese Ergänzung für jede und jeden – ob verheiratet oder ledig. Viele Meister des geistlichen Lebens betonen, wie wichtig es ist, als Mann eine Frau, als Frau einen Mann ergänzend, korrigierend und bestärkend in erfahrbarer Nähe zu wissen. Franziskus und Klara, Bonifatius und Lioba sind nur zwei Beispiele. Auch für den Unverheirateten gilt die Warnung: Wehe dem, der allein vor sich hin „brötelt“, also sein eigenes Brot backt! Im Jüdischen gibt es ein treffendes Sprichwort: „Gott hat die Frau nicht aus des Mannes Kopf geschaffen, dass er immer Angst haben müsste, die Vorschläge der Frau könnten sinnvoller sein als seine eigenen, noch aus seinen Füßen, dass er auf die Frau wie auf eine erlegte Trophäe seinen Fuß stellen dürfte für ein Siegerfoto, vielmehr aus seiner Seite, dass sich ein Leben lang zwei Herzen einander nahe sind.“
Konrad Schmidt
Impuls zum 26. Sonntag im Jahreskreis (26. September) - Gedanekn zum Mk 9,38-48
Er ist eine echte Last, 1,4 Tonnen schwer: Der „Mahnende Mühlstein“, ein kreisrunder Stein, der die Inschrift der Matthäus-Übersetzung der heutigen Bibelstelle trägt. Er steht als „Denk-Mal“ und Mahnmal seit Ende 2019 im Vatikan. Papst Franziskus hat ihn von einer deutschen Initiative in Empfang genommen und vor die Audienzhalle platzieren lassen: als Zeichen gegen sexualisierte Gewalt, das daran erinnert, dass hier noch viel an Aufarbeitung, Aufklärung und auch Prävention nötig ist. Damit Kinder und Schutzbefohlene nicht ausgenutzt, ausgebeutet und missbraucht werden von Tätern, die sich sicher fühlen in Strukturen, in denen gedeckt, vertuscht und verschwiegen wird. Der Mühlstein mahnt zur Solidarität mit und zur Gerechtigkeit für die Betroffenen, damit Täter und Mittäter verantwortlich gemacht werden. Ist das Bild nicht zu drastisch? Ein Mühlstein um den Hals? Das Evangelium von heute klingt wie eine Drohung. Doch niemand soll das wörtlich nehmen. Der Mühlstein ist auch ein Bild für die ungeheure Last der todbringenden Schuld. Die Todesstrafe ist nicht damit gemeint – und erst recht kein Aufruf zur Selbstjustiz. Matthäus und Markus hatten auch nicht Missbrauchstäter im Blick, als sie das Evangelium aufgeschrieben haben, jedenfalls nicht direkt. Aber klar ist auch, dass alles, was wir sagen und tun, Auswirkungen hat: im Guten und im Bösen. Wir können in Wort und Tat die Frohbotschaft verkünden, Zeugnis der Frohbotschaft geben, Menschen zum Glauben und guten Leben verhelfen. Und wir können mit Worten und Taten missbrauchen, zur Perversion der Frohbotschaft werden, den Glaubensweg versperren, zum Bösen verführen und Leben zerstören. Das ist das Gegenteil der Frohbotschaft. Das verdunkelt das Evangelium: Es gibt Verbrecher, Mitwisser und Mitläufer, Weggucker, Verdränger und Verdreher – nicht nur im Bereich der sexuellen Gewalt. Aber es gibt ja auch die anderen: die solidarisch mit Betroffenen sind, ihnen glauben; sie nicht allein lassen, darüber reden, ihnen Stimme geben. „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns“, lesen wir im Evangelium. Unser Platz ist solidarisch an der Seite der Bedrängten und Betroffenen! Wenn wir sie und unbequeme Mahner als Gegner sehen, stehen wir auf der falschen Seite! Die „verbeulte Kirche“, von der Papst Franziskus immer wieder spricht, ist kein „Haus voll Glorie“. Wohin ein Schein von Kirche führt, bei dem das eigene Ansehen höher gewichtet wird als das Wohl der Anvertrauten, haben wir schmerzlich gesehen. Haben wir auch daraus gelernt? Wir sollen lieber im übertragenen Sinn „verstümmelt“ und „einäugig“ Leben ermöglichen, als ganz und gar die Hölle bereiten, mahnt uns heute gleich dreimal das Evangelium – und auch das Bild vom Mühlstein. Die Last der Schuld liegt im Weg, wir können nicht leichtfertig daran vorbeigehen. Was wir heute im Evangelium lesen, ist auch Ermutigung, uns zu entscheiden, unseren Platz zu suchen; unsere Seite zu wählen: Wer ist unser Freund, wer Feind? Wer ist für uns, wer gegen uns? Ist unser Platz der richtige? Stehen wir auf der Seite der Frohbotschaft?
Michael Kinnen
Impuls zum 25. Sonntag im Jahreskreis (19. September) - Gedanken zu Mk 9,30-37
Jedes Mal, wenn wir die hl. Messe feiern, feiern wir: Christus ist gegenwärtig unter uns in der hl. Eucharistie. Das heutige Evangelium kann uns klarmachen, was wir tun, wenn wir Christus in der hl. Eucharistie verehren und empfangen. Auf seinem Weg nach Jerusalem will Jesus seine Jünger belehren: Sie sollen verstehen, was geschehen wird. Er bereitet sie vor auf seinen gewaltsamen Tod und seine Auferstehung. Doch den Jüngern ist anscheinend anderes wichtiger: Wer ist der Größte unter ihnen? Als Jesus sie nach ihrem Gespräch fragt, müssen sie es ihm sagen. Jesus macht ihnen keine Vorwürfe, sondern er belehrt sie erneut: darüber, wie es bei ihnen sein soll. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Es ist, als müsse Jesus ganz von vorne anfangen. Das von oben und unten gilt nicht mehr. Oben, Erster zu sein, ist kein mit Jesu Lebensweg verträgliches Ziel. Die Letzten, die Diener aller sollen sie sein. Es geht hier nicht nur um die Jünger von damals. Es geht um die Kirche, die von den Jüngern repräsentiert wird. Jesus macht deutlich: Der Dienst gehört zum Wesen der Kirche. „Kirche, Gemeinschaft der Glaubenden entsteht in dem Maße, in dem sie dient, in dem die in ihr Versammelten zu dienen wagen.“ Kirche, will sie Kirche Jesu Christi sein, muss Jesus entsprechen, der von sich sagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Lösegeld hinzugeben für viele.“ Wie Jesus seine Jünger belehrt, so belehrt er auch uns heute. Aber – haben wir seine Lehre überhaupt nötig? Gibt es bei uns in unserer Gemeinde etwa ein Gespräch darüber, wer der Erste sei? Den Eindruck habe ich nicht. Wird nicht jeder und jede geachtet? Insofern wäre die Mahnung Jesu im heutigen Evangelium für uns also nicht aktuell. Wie aber steht es mit der anderen Mahnung, Diener aller zu sein? Da fällt die Antwort nicht so leicht. Schon manches Mal habe ich darauf hingewiesen, wie viele es sind, die in der Gemeinde irgendeinen Dienst übernehmen. Und das ist gut so. Stellen wir uns vor: Keiner und keine wäre bereit, einen Finger krumm zu machen. Die Gemeinde wäre bald wie tot; die Kirche würde verkommen, der Gottesdienst könnte kaum noch würdig gefeiert werden. Es gäbe keinen Kirchenboten mehr, niemand wäre noch informiert. Keine und keiner würde mehr zu Veranstaltungen kommen, die Verwaltung der Gebäude, die Finanzen der Gemeinde würden nicht mehr geregelt werden, die Außenanlagen, der Kirchengarten würden verwildern. Die Gruppen der Pfarrei gingen ein, weil keiner mehr die Leitung haben wollte. Ein trostloses Bild, das wir uns ausmalen müssten, wäre keiner und keine mehr bereit, in der Gemeinde mitzuhelfen, mitzuwirken. Daran sehen Sie: Ohne Dienst in der Gemeinde geht es nicht. Das wusste Jesus. Manches Mal werden wir müde und mutlos und wünschen: Die anderen sollen mal was tun. Das ist verständlich. Und doch: Lassen wir uns von Jesus ermuntern, das Prinzip seiner Kirche so gut als möglich zu leben: „Kirche, Gemeinschaft von Glaubenden, entsteht in dem Maße, in dem sie dient, in dem die in ihr Versammelten zu dienen wagen.“
Hermann Kast
Impuls zum 24. Sonntag im Jahreskreis (12. September) - Gedanken zu Mk 8,27-35
Die meiste Zeit seines öffentlichen Wirkens war Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg. Aber Jesus hätte niemals gesagt: „Der Weg ist unser Ziel“. Jesus kennt sein Ziel und spricht darüber mit seinen Jüngern. Er wird von den Verantwortlichen seines Volkes abgelehnt werden, sie werden ihn verurteilen und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen. Wahrscheinlich sind alle seine Jünger über diese offene Rede schockiert. Petrus macht Jesus geradezu Vorwürfe. Jesus gibt ihm eine Antwort, die furchtbar hart klingt: „Weg mit dir, Satan, ... du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“. Mit der harten Redeweise Jesu soll ein ganz entschiedener Gegensatz deutlich werden. Jesus will mit seinem ganzen Leben den Willen Gottes erfüllen: Leben für die Menschen. Der Widersacher Gottes will: Tod für die Menschen. Hier wird deutlich, dass es nicht um kleine Meinungsverschiedenheiten geht, sondern um Leben oder Tod. Darum diese harte Formulierung: „Weg Satan“, durch den der Tod in die Welt kam. Im Grunde ist also nicht Petrus gemeint, sondern der Widersacher Gottes, der sich einschleicht in die Art und Weise, wie Menschen denken oder sich verleiten lassen. Und die Zurechtweisung für Petrus „geh mir aus den Augen“ kann noch eine interessante Bedeutung bekommen, wenn wir uns eine sehr wörtliche Übersetzung anhören. Da sagt Jesus zu Petrus ganz einfach: „Geh weg hinter mich!“ Wir könnten sagen, dass an dem Apostel Petrus etwas deutlich wird, was wir immer wieder erleben. Wenn Glaube und Religion schwierig werden, sind wir versucht zu sagen, so kann das doch wohl nicht gemeint sein. Es gibt viele Versuche, unseren Glauben angenehmer zu gestalten als er uns überliefert wurde. Zu gerne möchten wir aussparen, was auf diesem Weg zum Ziel leidvoll ist. Vielleicht könnte auch uns bei solchen Vorstellungen das Wort gelten: Geh weg hinter mich, das soll heißen, dass wir unseren Platz einnehmen und hinter Jesus hergehen, der nicht nur in seiner Kirche, sondern in vielen Menschen, die wir kennen, vor uns hergegangen ist. Auch wenn wir glauben, manches besser zu wissen, können wir uns sehr täuschen. Wir können eigene Wege gehen, die aber nicht dahin führen, wo Jesus das Leben für uns bereithält. Von Petrus wissen wir, dass er mehrfach diese Neigung zu eigenen Wegen hatte. Aber immer wieder hat er sich nach seinem Irrtum oder seinem Versagen hinter Jesus eingereiht und ist selber den Weg bis zum Kreuz gegangen. Wer mit Jesus unterwegs ist kann durchaus seine Zweifel bekommen, weil diese Wege oft so unverständlich sind. Und doch ist dieser Platz hinter Jesus der sicherste, den ein Christ einnehmen kann. Denn Jesus hat gezeigt, dass er zum Leben führt und dass alle Menschen in seiner Nachfolge zum Leben gelangen werden.
Alois Balint
Impuls zum 23. Sonntag im Jahreskreis (5. September) - Gedanken zu Jak 2,1-5
In Artikel 3, Absatz 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.” – Für die meisten von uns ist das wohl selbstverständlich. Niemand darf z. B. vor einem Gericht als minderwertig gegenüber einem anderen Menschen angesehen werden. Alle Menschen sind gleich, egal ob Frau oder Mann; egal welcher Hautfarbe; egal ob Muslim, Christ oder Atheist; egal ob homo- oder heterosexuell. Alle haben die gleichen Rechte und sie sollen vor jedem Gericht auch so behandelt werden, auch wenn in einigen Kulturen, Gruppierungen und Gesellschaften immer noch Unterschiede gemacht werden. Nichts anderes erwartet der Apostel Jakobus von den Christen und den Gemeinden seiner Zeit. Für ihn sind gewisse Grundhaltungen und manche Umgangsformen mit dem Glauben einfach nicht vereinbar: „Haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person.” Für Jakobus sind alle Mitglieder einer christlichen Gemeinde gleich. Das Ansehen oder Aussehen einer Person darf sie weder bevorzugt noch benachteiligt erscheinen lassen. Um das zu verdeutlichen, schildert der Apostel eine ganz konkrete Situation: Ein angesehener, wohlhabender Mann erhält im Gottesdienst oder in der Gemeindeversammlung einen repräsentativen Platz, sozusagen in der vordersten Reihe. Ein Armer aber, einer, der schlechter gekleidet daherkommt, muss sich irgendwo zu den Füßen anderer setzen oder sogar stehen. Der Apostel verurteilt ganz entschieden und energisch, dass solche Unterschiede gemacht werden. Er ruft dazu auf, genauer hinzusehen, nicht nur das Äußere wahrzunehmen. Ja, es gibt ein Ansehen, das mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist. Ein Ansehen, das uns kein Chirurg, keine Schönheitsoperation, keine Beauty-Farm geben oder nehmen kann. Im Gegenteil – das Reich Gottes wird besonders denen verkündet, die ihre Armut vor Gott bekennen und für die das Ansehen, das reine Schauen auf Äußerlichkeiten nichts gilt, die nicht einfach nur gut dastehen wollen. Allzu menschliche Maßstäbe von gutem Ansehen gelten vor Gott nicht viel. Darauf weist uns die Heilige Schrift an allen Ecken und Enden hin. Gott durchschaut uns – auch unser Theater und unsere Bedeutung, die wir immer wieder so gern zur Schau stellen. Er liebt vor allem die Menschen, die ihre Bedürftigkeit, ihren Mangel, ihre Fehler und Schwächen vor ihm offen eingestehen; diejenigen, die umkehren wollen und ihn um Hilfe und Heilung bitten. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass wir selbst bedürftig und vor Gott arm sind. Und die Armen sind es, denen Gott sich besonders zuwendet, die in besonderer Weise Anteil am Reich Gottes haben. Vergessen wir das nicht!
Siegfried Modenbach
Impuls zum 22. Sonntag im Jahreskreis (29. August) - Gedanken zu Jak 1,17-27
Ungefähr 16.000 Wörter spricht jeder Mensch durchschnittlich an einem Tag, wenn man den entsprechenden Untersuchungen glaubt. Einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt es dabei übrigens nicht. Ob schon jemand gezählt hat, wie viele Wörter wir am Tag hören? Gespräche in der Familie oder mit den Nachbarn, Unterricht oder Vorlesung, Meetings und Telefonate, zwischendurch das Radio angemacht oder eine Folge der neuen Serie auf Netflix angeschaut: da kommt einiges zusammen. Noch gar nicht mitgerechnet, was wir dann auch noch lesen – und wenn es nur der Krimi vor dem Einschlafen ist. Am Sonntag in der Kirche kommen dann noch jede Menge Wörter dazu, nicht nur in der Predigt, sondern auch in den Gebeten und den Lesungen aus der Heiligen Schrift. Doch diese letzteren sollen sich von allen anderen Wörtern unterscheiden, die wir hören. Nach den Schriftlesungen bekunden wir feierlich: „Wort des lebendigen Gottes“. Vom „Wort der Wahrheit“ spricht der Verfasser des Jakobusbriefes. Dieses Wort der Wahrheit ist anders als alle anderen Wörter. Zum einen, weil es in uns eingepflanzt ist. Es kann wachsen, wenn wir es erst einmal aufgenommen haben. Entscheidend ist es also, dem Wort Gottes, den Lesungen und dem Evangelium Raum in uns zu geben. Höre nicht nur, sondern nimm es auf, lass es Wurzeln schlagen und wachsen. Ein hilfreiches Experiment ist es, sich vor den Lesungen und dem Evangelium zu sagen: Jetzt höre ich das Wichtigste von all dem, was ich in der gesamten restlichen Woche höre, auch das Wichtigste von dem, was ich in diesem Gottesdienst höre. Alles andere kann ich auch wieder vergessen; mir merken, was mir weiterhilft und wichtig scheint und den Rest beiseitelassen. Aber das Wort Gottes, das ist entscheidend. Hier geht es darum, dass mein Leben sich verändert. Und diese Lebensveränderung ist das Zweite, was den Unterschied macht. Wenn das Wort Gottes in mir wächst, dann bedeutet es auch, dass es wieder nach außen drängt. Dann kommt es darauf an, es eben nicht nur zu hören, sondern auch zu tun, und dann wird das Wort Gottes der Maßstab dafür, wie wir handeln, was wir sagen, wie wir den Menschen begegnen. Als Gottesdienst bezeichnet der Jakobusbrief es, wenn das Wort Gottes in die Tat umgesetzt wird, wenn wir der Not der anderen abhelfen. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Wer hört, ohne zu tun, „betrügt sich selbst“, so haben wir eben gehört. Dessen Glaube wird theoretisch bleiben. Wer handelt, ohne zu hören, der läuft Gefahr, sich in Aktionismus zu verlieren, ohne Ziel und Richtung. Aber wer unter den vielen Wörtern, die gesprochen und gehört werden, das Wort Gottes zu dem einen macht, das er in sich aufnimmt und daran sein Tun und Handeln misst, der wird nicht nur selbst, sondern mit Gott auch die Welt verändern.
Jens Watteroth
Impuls zum 21. Sonntag im Jahreskreis (22. August) - Gedanken zu Jos 24,1-18
Viele kennen die Situation, die oder der einzige in der Familie zu sein, dem der Glaube etwas bedeutet. Nicht selten führt das zu Konflikten. Und wahrscheinlich ist es nicht wenigen schon einmal so ergangen, dass sie an ihrem eigenen Glauben gezweifelt haben. Wer eine Erfahrung mit Gott gemacht hat, weiß auch, dass der Glaube immer wieder auch auf die Probe gestellt werden kann, besonders dann, wenn viele Menschen in unserem Umfeld eben nicht glauben oder sich schwer tun mit dem Glauben. Sie können einfach nicht verstehen, warum wir unser Leben aus dem Glauben gestalten. Und dann ist man schnell der Versuchung ausgesetzt, selbst zu zweifeln. Im Buch Josua hören wir, wie sich das Volk Israel in einer ähnlichen Situation wiederfindet. Die Israeliten sind konfrontiert mit dem Glauben an andere Götter. Und die Frage taucht auf: Wem sollen wir dienen? Die Antwort des Volkes an ihren Führer Josua ist eindeutig: Wir wollen dem Herrn dienen, denn er ist unser Gott. Was das Volk Israel zu dieser Antwort führt, ist die dankbare Erinnerung an das, was Gott für sein Volk getan hat. Dankbarkeit hält unsere Liebe zu Gott wach. Sich immer wieder zu erinnern, wie und mit welcher Macht und Liebe Gott in meinem Leben gewirkt hat, lässt uns eine dankbare Haltung annehmen. Wir können aus der Erfahrung des Volkes Israel lernen. Aus der Erfahrung Gottes erwächst Dankbarkeit und aus Dankbarkeit erwächst Treue. Aus dieser Treue zu Gott, auch in schwierigen Zeiten, entsteht Dienst. „Wir wollen dem Herrn dienen“, sagen die Israeliten. Wenn mein Glaube zu schwinden droht, wenn ich von anderen Göttern umlagert werde, dann bin ich gerufen, mein Vertrauen auf Gott zu setzen. Ich kann darauf vertrauen: Er führt sein Volk, wenn auch nicht selten auf Wegen, die wir nicht verstehen. Es ist oft ein blindes Vertrauen, aber es zahlt sich aus, wie uns die Geschichte des Volkes Israel zeigt. Auch unser Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Aus dieser Haltung heraus lerne ich also, Gott zu dienen. Auch wenn ich vielleicht alleine bin mit meinem Glauben, bin ich gerufen, Gott zu dienen und anderen von seinen großen Taten in meinem Leben zu erzählen. So erwächst aus meiner Dankbarkeit schließlich auch der Dienst an den anderen und eine missionarische Haltung, die mich drängt, anderen von Gottes Größe und Macht und von seiner Liebe zu erzählen. Dankbarkeit, Treue, Dienst und missionarisches Handeln werden somit zu christlichen Grundhaltungen, die unseren Glauben ausmachen. Sie bedingen sich gegenseitig und helfen uns, unseren Weg als Glaubende in dieser Welt zu gehen, sodass auch wir am Ende für Gottes Wirken dankbar sind und sagen können: „Er hat uns beschützt auf dem ganzen Weg, den wir gegangen sind.“
André Kulla
Impuls zum 20. Sonntag: Mariä Aufnahme inden Himmel (15. August) - Gedanken zu Lk 1,39-56
Das Lukasevangelium berichtet heute, an Mariä Himmelfahrt, von dem Treffen zwischen Maria und Elisabeth. Da heißt es in der Heiligen Schrift, Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und brachte mit lauter Stimme ihre Überraschung und ihre Begeisterung zum Ausdruck, dass die Mutter ihres Herrn, also Maria, zu Besuch kam. Man kann sagen, Elisabeth war hin und weg! Diesen Ausdruck gebrauchen wir, wenn wir von etwas besonders entzückt und begeistert sind! Und Maria antwortet mit einem Lobgesang, dem Magnificat, das in der heutigen Liturgie einen festen Platz hat und in dem Gebet der Kirche jeden Tag zitiert, besser gesagt, gebetet wird. Denn die Worte Mariens sind so großartig, dass wir auch heute allen Grund haben, „hin und weg“ zu sein, wenn wir die Bedeutung des Lobgesangs in uns aufnehmen. Der Größe des Herrn ist es zuzuschreiben, dass er derjenige ist, der rettet. Er ist es, der auf den einfachen Menschen schaut, Maria erhöht, so dass sie Vorbild wird. Sie, das unscheinbare junge Mädchen, das ihr Ja zum Plan Gottes gegeben hat. Jedem gibt er seinen gerechten Verdienst. Derjenige, der denkt, ohne diesen Gott auszukommen, den lehrt er das Gegenteil und all jene, die nach diesem Gott hungern, die beschenkt er reich mit seinen Gaben. Er erfüllt die Verheißung, die er unseren Glaubensvätern gegeben hat. Vollstes Vertrauen kommt in diesem Lobgesang zum Ausdruck. Und das bei dem jungen Mädchen, das durch den Heiligen Geist schwanger geworden ist. Die junge Frau, die all ihre persönlichen Pläne aufgeben musste, der sehr wahrscheinlich keine finanziellen Sicherheiten zur Verfügung standen und nach dem damaligen Gesetz sogar die Steinigung drohte, sie preist mit ihrer ganzen Seele, mit ihrem ganzen Sein die Größe des Herrn. Denn sie hat verstanden, welche Gnade ihr zuteilgeworden war. Hätten wir selbst doch auch dieses Gottvertrauen, dass Gott in jeder Situation unseres Lebens die Verheißung aufrechterhält, die er durch unsere Glaubensväter auch uns gegeben hat: Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten, erhöht die Niedrigen und beschenkt uns reich mit seinen Gaben. Maria hat es geglaubt und für diesen Glauben hat Gott sie belohnt. Ja, er hat sie zur Mutter Gottes gemacht und auch zu unserer Mutter. Und wenn man jetzt mal erlaubt, das Sprichwort vom Anfang noch einmal aufzugreifen: Gott hat Maria zu sich „hin und weg“ geholt, nämlich zu sich in den Himmel. Das ist der Lohn für diese außergewöhnliche Frau, für die Mutter Gottes. Man darf gerne hin und weg sein von dieser Frau, die auch uns so gern als Mutter zu Seite stehen möchte.
Kathrin Vogt
Impuls zum 19. Sonntag im Jahreskreis (8. August) - Gedanken zu Joh 6,41-51
Es gibt Sätze in der Bibel, die sind schwer zu verstehen. „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater ihn zu mir führt“ ist so ein Satz, daran bleibe ich hängen. Wenn ich den Satz ernst nehme, drängt sich die Frage auf: Wozu die ganze Aufregung über zurückgehende Zahlen in den Gemeinden, wenn es die Sache Gottes ist, die Menschen zu Jesus zu führen? Wenn es so ist, dann hätten wir uns nicht aufzuregen über die kleine Zahl, aber wir hätten Grund zu erschrecken, zu erschrecken darüber, dass Gott Menschen nicht mehr zu Jesus führt. Zweitrangig wäre dann die Frage, wie Gott die Menschen zu Jesus führt. Vielleicht führt Gott Menschen zu Jesus auf Wegen, die wir gar nicht kennen oder wahrnehmen. Vielleicht sind Menschen näher an Jesus, von denen wir es gar nicht vermuten. Bedrängend erschreckend bliebe die Frage: Führt Gott Menschen nicht mehr zu Jesus? Lässt er sie, lässt er uns, seine Kirche im Stich? Und das kann und will ich nicht glauben! Wenn es aber so wäre, dann müssten wir uns wohl überlegen: Was müsste denn geschehen, damit Gott wieder damit beginnt, Menschen zu Jesus zu führen? Und noch etwas müsste geschehen. Jesus selbst gibt die Antwort: „Alle, die auf den Vater hören und von ihm lernen, kommen zu mir.“ Das ist unsere Seite, unsere Sache: dass wir auf Gottes Wort hören, geduldig und immer wieder, und lernen, daraus zu leben. So führt Gott uns zu Jesus. Durch sein Wort. Deshalb ist es so wichtig, auf Gottes Wort zu hören. Auf einen zweiten Satz aus dem heutigen Evangelium möchte ich auch aufmerksam machen. Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Wir brauchen Jesus zum Leben so notwendig wie das tägliche Brot. Das Problem besteht wohl darin, dass wir den leiblichen Hunger spüren, wenn wir länger nichts zu essen bekommen. Dass wir aber wohl den Hunger der Seele nicht spüren, wenn wir länger Jesus – das Brot des Lebens – nicht empfangen. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass so viele dem Gottesdienst fernbleiben, ob in der katholischen oder in der evangelischen Kirche. Jesus – das Brot des Lebens – er begegnet uns in der hl. Kommunion. Ich wünsche uns, dass wir, die wir heute da sind, dessen eingedenk bleiben und dass viele andere es auch wieder entdecken: Das ist das innerste Geheimnis der Kirche, das ist auch das innerste Geheimnis des sonntäglichen Gottesdienstes. Es geht nicht um eine lästige Pflichterfüllung, die man getrost auch lassen kann. Es geht hier um die Begegnung mit Jesus in der hl. Kommunion, der für uns Brot zum Leben ist. Solange wir dies nicht begreifen, solange wird es um den Besuch unserer Gottesdienste wohl nicht besser werden. Das alles sage ich aber unter dem Vorbehalt des ersten Satzes, den wir bedacht haben. Zu Jesus kommt, den und die Gott zu ihm führt. Bleibt also die Bitte, dass Gott uns und alle Menschen zu Jesus führe und dass wir Menschen auch bereit sind, uns führen zu lassen, damit wir im lebendigen Brot Jesus ewiges Leben empfangen können.
Hermann Kast
Impuls zum 18. Sonntag im Jahreskreis (1. August) - Gedanken zu Joh 6,24-35
Jesus begegnet uns mit einer provozierenden Bemerkung: „Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid (V 26)”. Sicher ist die wunderbare Brotvermehrung – die Speisung der Fünftausend – ein Zeichen, doch die Aussicht, von diesem Wundertäter Jesus eine „Vollpension” zu erhalten und der Alltagssorgen enthoben zu sein, macht blind für so manches Zeichen. Wohlstand und Sicherheit stehen hingegen ganz oben auf unserer Vorzugsliste, und wer uns das garantieren kann, dem laufen wir nach und machen ihn sofort zum König. Unser Menschenbild ist doch sehr irdisch geprägt: „Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?” Jesus zeigt durchaus Verständnis, wenn er sagt: „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben” (Mt 6,31–33). Unsere westliche Kultur huldigt einem einseitigen Menschenbild, dem die volle Würde vorenthalten wird. Jesus entfaltet sein Menschenbild auf Gott hin und verleiht dem Menschen dadurch eine unauslöschliche Würde: “Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird” (V 27). Der Mensch ist also von Gott dazu bestimmt, in Jesus Christus eine höhere Gabe zu empfangen: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben” (V 35). Es geht also darum, dem Menschen seine Würde als Abbild Gottes bewusst zu machen, vor allem den Armen gegenüber, die oft nicht wissen, dass sie überhaupt eine Würde besitzen. Welcher Tag ist nun geeignet, regelmäßig an die Menschenwürde zu erinnern? Ein Tag, an dem wir frei sind von den Abhängigkeiten, die unser Alltagsleben bestimmen, an dem wir „Leben in Fülle”, „Erlösung”, „Auferstehung” feiern und der Schöpfung zu ihrem Recht verhelfen. Keines unter den zehn Geboten hat eine so ausführliche Begründung erfahren wie der Tag des Herrn, das Sabbatgebot, der Sonntag. Auch wenn bei uns ahnungslose Bevölkerungsteile immer wieder daran erinnert werden müssen, dass der Sonntag ursprünglich ein religiöser Festtag ist, eine geheiligte Zeit, in der die Arbeit ruht aus Respekt vor Gottes Schöpfungswerk, so halten es selbst religiös Distanzierte schon aus familienpolitischer Sicht für verhängnisvoll, diese kulturelle Errungenschaft einem fragwürdigen Zusatzgeschäft zu opfern. Die Diskussion um die sogenannten verkaufsoffenen Sonntage macht das deutlich. Dass diesen Tag etwas „Heiliges, Unantastbares“ umgibt, spüren wohl die meisten Zeitgenossen. Das Sonntagsgebot ergreift Partei für den Menschen und lenkt die Aufmerksamkeit auf seine Grundbedürfnisse. Der Tag des Herrn ist zugleich der Tag des Menschen, an dem sich Christus uns als Brot des Lebens reicht, wodurch wir uns der Würde, Abbild Gottes zu sein, bewusst werden.
Athanasius Wedon
Impuls zum 17. Sonntag im Jahreskreis (25.Juli) - Gedanken zu Joh 6,1-15
Wir kennen die Geschichte von der wunderbaren Speisung einer sehr großen Menschenmenge aus allen vier Evangelien. Wir kennen sie so gut, dass es sich lohnt, hier einmal auf das zu achten, was diese eine Version ausmacht, die das Johannesevangelium erzählt. Da ist zunächst der Anlass: Jesus wird nicht gedrängt, die Menge zu speisen, er selbst schlägt es vor. Und dieser Vorschlag ist doppelbödig. Es geht zum einen um die Menschenmenge und ihre Bedürfnisse, für Jesus geht es aber auch um eine Probe, die er seinen Jüngern auferlegt. Jesus will also nicht einfach diese konkrete Menge an Menschen satt machen, er will daran etwas aufzeigen, das bisher nicht sichtbar war. Worin besteht die Probe? Das sagt der Text gar nicht ausdrücklich, es gibt aber Hinweise: Das Pascha-Fest ist nahe. Es ist das Fest, das an die Befreiung Israels erinnert und an dem besonders gegessen wird. Das Pascha-Mahl wird aber nicht gegessen, um satt zu werden. Es erinnert eben daran, dass Gott sein Volk befreit hat. Philippus hat die Probe nicht verstanden, was man ihm aber kaum vorwerfen kann: Er sieht viele Menschen, denen man auch für viel Geld nicht genug Brot kaufen kann. Jesus meint aber etwas anders und das Johannesevangelium deutet das nur für uns Leser*innen an. Jesus spricht ein Dankgebet und alle werden von wenig Brot satt. Das Johannesevangelium lässt Jesus deutlich auf eine zweite Ebene hinter dem Mahl verweisen. Die Lebenskraft, von der Jesus Zeugnis gibt, und die Freiheit, an die das Pascha erinnert, liegen nicht im Brot selbst. Sie sind im Brot, das in Erinnerung an die eigene Geschichte mit Gott, in der Danksagung an diesen Gott und in der Gemeinschaft mit Jesus gegessen wird. Das sichtbare, sinnlich erfahrbare Brot steht nicht für sich, sondern am Brot hängt eine zweite, nicht sichtbare Ebene der Gemeinschaft mit Gott. Der Mensch lebt also nach Jesus nicht vom Brot allein. Das heißt hier ausdrücklich nicht, dass Menschen ohne Nahrung auskommen sollen, wenn sie stattdessen geistliche Nahrung bekommen. Vielmehr ist die körperliche Stärkung die Voraussetzung, dass Gemeinschaft im Brotteilen entstehen kann. Auch gibt es keinen Grund, heute auf ein zweites Speisungswunder zu hoffen. Die Welt kann alle Menschen ernähren, wenn Nahrung gerecht verteilt wird. Aber die Geschichte will auf etwas anderes verweisen. Anhand von Jesus erzählt das Johannesevangelium viel mehr davon, wie das Brot gegessen werden soll: geteilt, in Gemeinschaft und im Dank und in Erinnerung an Gottes Befreiung. Jesus stellt auf die Probe, ob wir beim Erfüllen unserer menschlichen Bedürfnisse sehen, dass er von einer anderen Welt spricht. In welcher Haltung wir essen und andere essen lassen, darauf kommt es an – damit unser Brotteilen selbst wieder Befreiung für andere werden kann.
Benedict Schöning
Impuls zum 16. Sonntag im Jahreskreis (18.Juli) - Gedanken zu Jer 23,1-6
Es soll ja Menschen geben, die freuen sich jetzt im Hochsommer schon auf die ersten Lebkuchen, die wir vermutlich spätestens in zwei Monaten in den Regalen der Supermärkte finden. Wenn wir jetzt im Sommer die Wärme und die langen Tage genießen, draußen unterwegs sind oder in den Urlaub fahren, ist Weihnachten natürlich noch ganz weit weg, aber tatsächlich bringt uns auch die heutige Lesung aus dem Buch Jeremia ein wenig Weihnachten mitten in den Sommer. „Siehe, Tage kommen – Spruch des Herrn –, da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land.“ Zu diesen Worten des Propheten aus dem Alten Testament passen die Bilder der Adventszeit. Bilder, mit denen der Heilsbringer, der Messias angekündigt wird, der Spross aus dem Haus Davids. Bilder, die uns einstimmen wollen auf das Heil, das durch das Kind in der Krippe geschenkt ist. Advent, Ankunft – mitten im Sommer? Vielleicht sollen wir genau jetzt in der Hitze der Tage und Nächte daran erinnert werden, mit wem die Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen ihren Anfang genommen hat. Vielleicht müssen wir immer wieder einmal daran erinnert werden – auch in den scheinbar unpassendsten Momenten, dass Gott Mensch geworden ist, um die Welt zu verändern, um der Welt eine neue Ordnung zu geben. Nicht mehr Zerstreuung, nicht mehr Furcht und Angst sollen sein, sondern Recht und Gerechtigkeit. Keine Vernachlässigung mehr – es wird ein Hirte kommen, der sich um die Schafe sorgt, sich um sie kümmert. Starke Bilder sind das – Bilder in die Zeit hineingesprochen, in der sich Juda auf seinen Untergang zubewegt hat. Juda wird zum Vasallen von Babylon und verliert Stück für Stück seine politische Selbständigkeit, bis von dem einstigen Königreich nichts mehr übrig ist. Selbstüberschätzung, eher in die Macht der scheinbar Großen zu vertrauen, als auf Gott zu setzen, das Volk sich selbst überlassen, anstatt sich ihm in Fürsorge zuzuwenden. Das alles führt zum Untergang. Der Spross aus dem Haus Davids wird das anders machen. Er wird ein gerechter, ein weiser König sein und seinen Anfang nehmen in einem kleinen Kind. Gott ist Mensch geworden in einem kleinen Kind. Das ist die Botschaft, die wir uns gar nicht oft genug in Erinnerung rufen können. Wenn wir den Großen und Mächtigen nachlaufen, wird das zum Untergang führen. Wenn wir uns – auch in den unpassendsten Momenten – immer wieder an dem Kind in der Krippe orientieren, wird das unseren Blick zurechtrücken. Es wird unseren Blick auf das richten, was die Macht hat, die Welt zum Guten zu verändern: Gerechtigkeit, Weisheit, Freisein von Furcht und Angst, umeinander kümmern. In diesem Sinn passt Weihnachten auch mitten in den Sommer. Diese Botschaft passt immer.
Stephanie Rieth
Impuls zum 15. Sonntag im Jahreskreis (11.Juli) - Gedanken zu Mk 6,7-13
Nach dem Tagesevangelium würde ich für die heutige Apostelarbeit nur einen Untertitel vorschlagen: GOTT BRAUCHT DICH und mich und uns alle; warum auch immer (er hätte sicher auch andere „göttliche“ Möglichkeiten, aber er will das so…). Es ist kein einfacher Weg und die Ausrüstung sieht auch nicht (zumindest menschlich gesehen) sehr effizient aus. Für all diejenigen die „barfuß im Herzen“ sind und dieses Abenteuer des Glaubens wagen, schlage ich die heutige 2. Lesung (Eph 1,3-10) als Antwort vor. Die Bibel erklärt die Bibel. Und der hl. Paulus ist mehr als ein Bibelexperte. Er schreibt Folgendes: „Gott hat uns erwählt“. Auserwählt zu sein scheint ein typisches Thema für einen Juden. Das ist nicht unser Fall. Ich verstehe das so: Gott hat Großes mit uns vor. Warum? Weil er Gott ist und so oft wie möglich sprengt Gott jeden Rahmen menschlicher Vorstellung.
Und wozu genau sind wir erwählt? Es steht weiter im Text: „Um heilig und untadelig zu leben“. Autsch! Jesus hat selber das in der Bergpredigt erklärt und was er unter heiligem Leben versteht, heißt Folgendes: „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ Wieder eine semitische Übertreibung: 2 oder mehrere sog. „Vollkommenheiten“ gibt’s ja nicht (nicht einmal das Wort im Wörterbuch). Jesus gibt uns aber klare Beispiele: Radikale Nächstenliebe. Die andere Wange hinhalten. Auch unsere Feinde lieben. Und wir wissen alle: Das schaffen wir nicht. Never ever und nicht in diesem Leben. Wir werden sündigen. Immer wieder. Das ist buchstäblich so sicher wie das Amen in der Kirche.Aber das weiß der liebe Gott auch. Damit Sünde und Tod auf gar keinen Fall das letzte Wort haben, ist Jesus Mensch geworden. Damit Gottes Plan für uns aufgehen kann. Erlösung, Vergebung und Gnade sind die großen Geschenke, mit denen Gott uns überhäuft. Ob wir sie verdient haben oder nicht. Jetzt kommt das Wichtigste: Gottes Gnade, d.h. ein göttliches Geschenk, das wir uns weder verdienen noch erarbeiten müssen oder können. Wenn Leute zu mir kommen und (manchmal genervt) sagen: Ich habe keine Theologie studiert und egal was ich lese, ich verstehe diesen Begriff „Gnade“ überhaupt nicht, ich spüre auch nichts Besonderes in meinem Leben, was ich mit „Gnade“ definieren könnte… OK, dann lasse ich die Terminologie beiseite und bleibe beim Wort „Geschenk“ (das werden alle verstehen!) Ein wahres Geschenk ist immer umsonst, nur so… dafür kann und darf ich keine „Präzedenz-Situation“ erarbeiten!
Das ist vielleicht das eigentliche Geheimnis in der liebevollen Zuwendung Gottes zu uns Menschen: wir verdienen es nicht und brauchen es nicht zu verdienen, er liebt uns bedingungslos, hat uns ins Leben gerufen, läßt uns atmen und wartet auf uns! Ungefähr darüber schreibt Paulus weiter: Gott hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, GOTTESKINDER zu werden. Das ist das heutige zweitwichtigste Stichwort: Gotteskinder! Was heißt das? Das sichtbare Lob seiner Herrlichkeit. OK, aber konkreter? Ich werde versuchen es zu erklären: Gott tritt in Vorleistung, unermesslich groß – noch bevor wir unsererseits irgendetwas Gutes getan hätten, noch bevor wir überhaupt erschaffen waren. Ist das aber uns, Christen, überhaupt bewusst? Und was sollen wir jetzt machen mit diesem unfassbar riesigen Geschenk, das uns vielleicht gar nicht so klar ist? Das wir einfach so bekommen haben, im Voraus, ohne etwas dafür geleistet zu haben? Ich habe für heute ein Beispiel: Kennen Sie die Idee des „Pay it forward“? Es ist eigentlich auch der Titel eines wunderschönen Filmes aus dem Jahr 2000. Der deutsche Titel ist « Das Glückprinzip » (ich weiß gar nicht, ob er irgendwelche Preise gewonnen hat, ich weiß nur, dass Kevin Spacey und Helen Hunt drin gespielt haben und damals wie jetzt bin sehr begeistert von diesem Film). Warum dieser Titel? Ich darf Ihnen einen Satz des Filmes zitieren: „When someone does you a big favour, don’t pay it back. Pay it forward.“ – „Wenn dir jemand einen großen Gefallen tut, dann zahl das nicht zurück. Zahl es weiter!“ Die Idee sieht so aus (sie ist von einem kleinen Jungen in der Schule vorgestellt): Wir machen drei beliebigen Menschen eine Freude und sagen ihnen, sie sollen das nicht uns zurückgeben, sondern ihrerseits drei anderen Menschen einfach so einen Gefallen tun. Glück könnte sich so in Windeseile über die ganze Welt verbreiten. Hinter dem Projekt „Random Acts of Kindness“, unerwartete Nettigkeiten, steckt die gleiche Überzeugung: Wenn Menschen einfach so etwas Nettes widerfährt, ein kleine Hilfestellung, eine Freundlichkeit, ein Lächeln, ein Kompliment, dann stärkt das ihre Bereitschaft, auch anderen Menschen zu helfen, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. So könnte die ganze Welt mit Freundlichkeit erfüllt werden, mit einer kleinen oder gerne auch großen Nettigkeit nach der anderen.
Retten wir so die Welt? Klimakrise, Pandemien, Hunger, Kriege? Mit einem Lächeln hier und einem netten Kommentar da? Vermutlich nicht. Machen wir die Welt damit besser? Oh ja, auf jeden Fall! Die Erfahrung, Freundlichkeit und Hilfe zu erhalten, ohne sie gleich zurückzahlen zu müssen, verändert einen Menschen. Diese Erfahrung schafft Hoffnung. Zu Gotteskindern bestimmt zu sein, Gottesnähe als unser Erbe, ohne dass wir das verdient hätten. Theologisch nennt man das eben Gnade. Vielleicht können wir mit diesem großen und verstaubten Wort mehr anfangen, wenn wir es als riesiges „unerwartete Nettigkeit“ verstehen. Und mit dieser Erfahrung im Rücken könnten wir Freundlichkeit weitergeben, in unzähligen kleinen und großen Akten. Stets heilig und untadelig zu leben, das ist wirklich ein bisschen viel verlangt. Aber den großen Plan Gottes in kleinen Schritten verwirklichen, das kriegen wir hin, oder?
Alois Balint
Impuls zum 14. Sonntag im Jahreskreis (4.Juli) - Gedanken zu Mk 6,1-6
„Daheim und in der Welt zuhause“, das wäre der passende Titel nach dem heutigen Evangelium und es ist gar kein einfaches Thema.Wenn ein Prominenter in seine Heimat zurückkommt, dann ist man gerne stolz auf ihn, man empfängt ihn mit einigem öffentlichen Aufwand, es gibt Einladungen, man zeigt sich gern mit ihm. So ähnlich fängt auch das heutige Evangelium an: Jesus bekommt einen Empfang, eine Art Bühne, er darf in der Synagoge lehren, und die vielen Zuhörer, wohl ein paar mehr als sonst, staunen über seine Weisheit. Sie haben von ihm als Wundertäter gehört. Aber dann passiert etwas. Warum schlägt dieses Staunen plötzlich um? Wie kommt er dazu, nicht wie die anderen Zimmermänner in Nazaret, nicht wie seine Mutter und die aus seiner Verwandtschaft zu sein und so zu reden? Das Staunen schlägt in Ablehnung um. Unbegreiflicherweise sind so die Menschen…„Der Prophet gilt nichts in seiner Vaterstadt“ ist zum gängigen Sprichwort geworden. Aber gerade in unseren Tagen steckt da mehr drin als das Problem, dass ein paar Dörfler einen Ehemaligen nicht verstehen, weil der sich weiterentwickelt hat. Für uns Hörer heute reicht es auch nicht zu sagen: Tja, die haben halt Jesus DAMALS nicht verstanden. Ich frage aber mutig weiter: Ginge es Jesus bei uns hier in Kehl heute anders? Wenn wir in unsere Zeit schauen, unsere Nachrichten aufnehmen, werden wir da nicht an ein weitreichendes aktuelles Problem erinnert: Wie viel Fremdes, wie viel Neues tut uns gut?Ich lasse heute unseren Papst Franziskus predigen.Er greift in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ „über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ gerade diese Spannung auf und wirbt um Verständnis für beide Pole dieses Spannungsfeldes. Dort führt er im vierten Kapitel aus, wie notwendig es ist, einen „Nährboden“ zu haben, „in dem ich fest verwurzelt bin“, der mich „mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität bleiben lässt“. Ich darf ihn heute ein bisschen ausführlicher zitieren:Dieses Zuhause kann aber nur echte Heimat sein, wenn es nicht „... ein folkloristisches Museum ortsbezogener Eremiten (wird)..., die dazu verurteilt sind, immer dieselben Dinge zu wiederholen, unfähig, sich von dem, was anders ist, hinterfragen zu lassen und die Schönheit zu bewundern, die Gott außerhalb ihrer Grenzen verbreitet. Wir müssen auf das Globale schauen, das uns von einem beschaulichen Provinzialismus erlöst. Wenn unser Zuhause nicht mehr Heimat ist, sondern einem Gehege oder einer Zelle gleicht, dann befreit uns das Globale, weil es uns auf die Fülle hin orientiert. Gleichzeitig muss uns die lokale Dimension am Herzen liegen, denn sie besitzt etwas, was das Globale nicht hat: Sie ist Sauerteig, sie bereichert, sie setzt unterstützende Maßnahmen in Gang. ... Man kann jedoch nicht auf gesunde Weise lokal denken ohne eine aufrichtige und von Herzen kommende Offenheit für das Universale, ohne sich von dem, was anderswo geschieht, hinterfragen zu lassen, ohne sich von anderen Kulturen bereichern zu lassen oder sich mit den Nöten anderer Völker zu solidarisieren. Ein solch unguter Lokalpatriotismus ist zwanghaft auf einige wenige Ideen, Bräuche und Gewissheiten beschränkt. Er ist unfähig, die vielen Möglichkeiten und all das Schöne überall auf der Welt zu sehen, und es fehlt ihm an authentischer und großzügiger Solidarität. ... Denn in Wirklichkeit ist jede gesunde Kultur von Natur aus offen und einladend, ja, man kann sagen, dass „eine Kultur ohne universale Werte keine echte Kultur ist“.Soweit das Zitat. Es freut mich sehr, dass ich es öffentlich verkünden kann. Ich bin mir sicher, dass wenige von uns die Amtsblätter vom Vatikan lesen. So können wir alle entdecken wie der Papst eigentlich denkt und, vor allem, wie er unsere Katholizität definiert. Papst Franziskus verherrlicht keineswegs globales Denken. Er schreibt Folgendes: “Es gibt eine falsche Offenheit für das Universale, die von der leeren Oberflächlichkeit derjenigen herrührt, die nicht in der Lage sind, ihr eigenes Heimatland wirklich zu verstehen, oder von denen, die einen nicht überwundenen Groll gegen ihr eigenes Volk hegen“. Es sei hier an die flapsig formulierte Weisheit erinnert: Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Die spannende und spannungsreiche Herausforderung an uns besteht darin, sowohl die Schätze der eigenen Heimat als auch die Schönheit anderer Kulturen als Geschenke Gottes zu erkennen und als gegenseitige Bereicherung zu erleben. DAS heißt „katholisch“! Wir dürfen Kirche, wir können Christentum doch nur „katholisch“ denken. Ansonsten ist sie gar keine Kirche. Damit ist nicht die Konfession gemeint. Das heißt im Griechischen „das Ganze betreffend, allgemein“. Und jeder Austausch mit Christen aus anderen Kulturen bereichert uns doch, weil wir auf einer gemeinsamen Grundlage unsere Verschiedenheit erleben. Bitte das gut speichern, eben weil Sie es heute mit einem netten Akzent von mir hören!
Und noch ein letzter Gedanke:bis jetzt habe ich nichts Gutes über das große Projekt der XXL Großpfarrei 2030 gehört. Ich hasse die Straußvogelpolitik. Deswegen frage ich mich und uns alle: Wenn unsere Pfarreien mit immer mehr anderen Pfarreien zusammengelegt werden, liegen darin nicht auch Chancen, dass wir nicht wie die Nazarener ablehnen, was neu und fremd ist? Dass wir vielmehr unsere Schätze im Vergleich bewusster wahrnehmen und in den Unterschieden zu den anderen auch die Bereicherung erkennen? Dann kann Jesus, liebe Gemeinde, anders als in Nazaret, auch bei uns geistlich Wunder wirken!
Alois Balint
Impuls zum 13. Sonntag im Jahreskreis (27.Juni) - Gedanken zu Mk 5,21-43
Eine spannende Geschichte im heutigen Evangelium. Eine wunderbare Geschichte. Märchenhaft. Denn es klingt wirklich wie ein Märchen. Ein Kind wird schwer krank. Die Eltern versuchen alles, wie alle Eltern. Der Vater ruft Jesus zu Hilfe, aber er kommt nicht mehr rechtzeitig an. Das Mädchen ist bereits tot. Doch was sagt Jesus? „Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur.“ Alle lachen Jesus aus. Gott wird ausgelacht…Die Gläubigen sind oft ausgelacht…Vielleicht gibt es deswegen so viel Scheu in Sachen des Glaubens: Viele vermeiden zu erwähnen, dass sie an Gott glauben, sind geniert, dass sie gesehen worden sind, dass sie überhaupt praktizieren und regelmäßig oder ab und zu in die Kirche gehen. Glauben wird leider zu schnell und zu einfach „privatisiert“. Diejenigen, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben, sind die Eltern, wie alle guten Eltern! Haben sie noch Hoffnung, dass Jesus das Unwahrscheinliche möglich machen kann? Allerdings, sie folgen sie ihm in das Zimmer, wo das Kind liegt. Jesus fasste das Kind an der Hand und sagte 2 Worte zu ihm. Nur 2 einfache, aber mächtige Worte, die Generationen von Christen so beeindruckt haben, dass sie sie immer in der Originalversion, auf Aramäisch jahrhundertelang (bis heute) zitieren „Talíta kum!“ (Mädel, steh auf!) Ist das ein Märchen? In einem Märchen treten Feen und Zauberer auf; oder irgendwelche Magier. Die Kinder genießen das, obwohl sie wissen, dass im echten Leben keine Wunder passieren. Oder doch?Rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis zurück, wie der Evangelist Markus die Begebenheit im Evangelium schildert: Jesus war schon unterwegs, als die schlechte Nachricht kommt: Es ist zu spät, jetzt kann man nichts mehr tun, es ist vielleicht unnötig Jesus zu stören, er müsse nicht unbedingt mehr kommen. Was hat aber Jesus zu Jairus gesagt? Es ist ein wunderschöner Satz: „Fürchte dich nicht! Glaube nur!“ Haltet bitte diesen Satz fest, er ist ganz wichtig. „Tot ist tot“, sagen die Leute, „todsicher“ wird seltsamerweise auf Deutsch auch gesagt.Furchtbar traurig, weil das Kind erst zwölf Jahre alt war.Ob Jaïrus und seine Frau das auch so sehen? Dass man sich eben abfinden muss mit dem Tod? Nein, Jesus wollte zeigen, dass Gott und seine Liebe stärker ist als der Tod: Ein Wunder passiert. Nicht so wie in einem Märchen. Talita kum ist kein…abrakadabra simsalabim, od. Ä. er hat keinen Zauberstab geschwungen. Gleich nachher sagt Jesus: „Gibt ihr etwas zu essen“ (er hat wahrscheinlich gesehen, dass sie schwach war). Das klingt gar nicht wie ein Märchen.Aus welcher Kraft geschah dieses Wunder?Es war die Kraft des Glaubens. Das heutige Evangelium stellt uns eine einfache Familie vor, die sogar an das Unmögliche glaubte. Ein noch stärkeres Zeichen war der Glaube Jesu.Jesus glaubte und vertraute Gott, dem Vater. ER hat Macht über Leben und Tod. Er ist die Kraft für die Kraftlosen.Ich wünsche uns allen, dass wir geistlich einen kleinen Teil dieser Kraft in unsere Herzen bei der Kommunion (oder an einem anderen Moment der Liturgie) spüren können. Wer solche Erfahrungen gemacht hat, wer erlebt hat und weiß, wie leidenschaftlich liebevoll Gott auf Tuchfühlung geht, wie restlos entschieden er für seine Schöpfung eintritt, wie endlos konsequent er liebt und das Leben will, der kann das nicht für sich behalten und der sollte das auch nicht. Nicht die Jünger damals und wir heute auch nicht. Ich weiß nicht wie das auf Aramäisch klingt (das würden wir auch nicht verstehen), aber Jesus lädt auch uns heute ein und sagt in unseren Herzen: habt Vertrauen, lasst den Mut nicht sinken, wenn andere uns auslachen, lasst den Kopf nicht hängen, Mädels und Jungs, steht auf, spirituell gebt nie auf! Oder wie wir in der Liturgie in der Präfation so schön sagen: Erhebet die Herzen! Wir kennen die Antwort. Hoffentlich wird sie auch Grundsatz für unser Christenleben.
Alois Balint
Impuls zum 12. Sonntag im Jahreskreis (20.Juni) - Gedanken zu 2 Kor 5,14-17
Liebe ist keine Einbahnstraße. Wenn Paulus schreibt, dass „uns die Liebe Christi drängt“, dann meint er zweierlei: Gott gibt in seinem Sohn nicht etwas von sich, er gibt sich selbst. Des Weiteren geht es um unsere Antwort auf diese Liebe. Alles, was wir reden, alles, was wir tun, sollte und wird Ausdruck unserer Liebe zu Jesus Christus sein. Die Mitmenschen zu lieben, ganz konkret, ganz alltäglich – das ist nicht immer einfach. Vielleicht hilft hier eine alte Legende. Sie erzählt, dass ein Abt zu einem weisen Mann kam, um ihn um Rat zu bitten. Im Kloster, aus dem der Abt kam, lebten nur wenige Mönche. Und oft gingen sie unfreundlich und misstrauisch miteinander um. Der Abt bat den Weisen, ihm zu helfen, damit die Liebe, die Güte und der Eifer wieder in seine Gemeinschaft einziehen könnten. Der Weise gab ihm den Rat: „Sag deinen Brüdern, dass unter ihnen verborgen der Messias lebt“. Der Abt gab dieses Wort an seine überraschten Mitbrüder weiter. Die nahmen sich das sehr zu Herzen. Von diesem Tag an betrachteten sie einander mit anderen Augen. Jeder versuchte im anderen die guten Seiten zu entdecken: Liebe, Bemühen, Talente, Bedürfnisse und Besonderheiten. Und sie taten alles, um einander zu unterstützen und beizustehen. So wuchsen in der Gemeinschaft wieder Freude, Glück und Zuversicht. Und jeder konnte es deutlich spüren: Der Herr war mitten unter ihnen. Vielleicht probieren wir das einfach mal aus. So könnten wir unseren Mitmenschen begegnen mit der Erwartung, dass Gott selbst in ihnen anwesend ist. Lassen wir uns dabei drängen von der Liebe Christi. Er sieht in jedem Menschen das Gute – weil er uns Menschen unendlich liebt. Unser Bemühen wird gesegnet sein!
Alois Balint
Impuls zum 11. Sonntag im Jahreskreis (13.Juni) - Gedanken zu 2 Kor 5,6-10
„ZUVERSICHTLICH“ ist das „Haupt-Wort“ im heutigen Paulusbrief. Was bedeutet es, zuversichtlich zu sein? Welche Merkmale hat die Zuversicht? Die Antwort suchen wir heute in der Welt der Märchen:Es war einmal ein junger Mann namens Hans. Er lebte in einem Dorf. Eigentlich ging es ihm gut, wenn da nicht immer wieder eine große Sehnsucht an sein Herz klopfen würde. Mit der Zeit wurde die Sehnsucht größer und stärker. Manchmal tat sie sogar weh. Eines Tages nahm er seinen ganzen Mut und vertraute sich der alten weisen Frau des Dorfes an. Diese Frau hörte ihm aufmerksam zu. „Kannst du mir helfen?“ fragte er sie. Die Frau schmunzelte und antwortete: „Dir fehlt die Zuversicht. Dein Herz sehnt sich nach ihr.“ „Die Zuversicht? Wo kann ich sie finden?“ fragte er die Frau. „Gehe in die Stadt und lass dich von dem überraschen, was dir dort begegnet.“ Apotheke:In der Stadt ging er als erstes in die Apotheke. „Mir fehlt die Zuversicht und das macht mir Herzbeschwerden. Haben sie ein Medikament? Die Apothekerin dachte nach. „Leider nein, so eine Tablette habe ich nicht. Mangelnde Zuversicht ist ja streng genommen keine Krankheit. Ich weiß auch nicht, welche Auswirkungen ein dauerhafter Zuversicht-Mangel hat. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie lieber Psycholog*in oder Seelsorger*in. Oder lesen sie als Packungsbeilage den Paulusbrief an die Korinther.“ Bäckerei:Wieder auf der Straße spürte Hans, dass er Hunger hatte. Er ging nebenan in eine Bäckerei. „Bittschön, was darf es denn sein?“ fragte der freundliche Bäcker hinter der Theke. „Ich möchte einen großen Brotlaib Zuversicht.“ „Sorry, so einen Brotlaib habe ich leider nicht. Aber Zuversicht ist für mich, wenn ich nachts in der Backstube darauf vertraue, dass der Brotteig „geht“ und meine Arbeit einen Sinn hat. Weil ich mit meinem Brot viele Menschen satt mache. Probiere dein Glück doch bei der Feuerwehr gleich gegenüber.“ Feuerwehr:Die Feuerwehrmänner waren gerade dabei, ihr Fahrzeug zu reinigen. Auf seine Frage nach der Zuversicht antwortete der Feuerwehrhauptmann: „Zuversicht ist wie die Feuerwehr. Sie ist einsatzbereit und kommt, wenn es brenzlig wird. Sie kann das Feuer nicht verhindern. Aber sie kann helfen, die Feuer-Schicksale unseres Lebens zu lindern, vielleicht sogar zu löschen. Wenn dir meine Antwort zu wenig ist, dann geh doch in den Supermarkt. Dort gibt es so ziemlich alles zu kaufen.
Supermarkt:Hans eilte zum Supermarkt und verlangte die Geschäftsleitung. Ein Herr mit Krawatte begrüßte ihn. Als Hans nach Zuversicht fragte, entgegnete ihm der Chef verlegen: „Zuversicht habe ich leider nicht im Sortiment. Aber Zuversicht ist wie ein großes „gefühlvolles“ Warenlager: Da gibt es die Zuversicht, die hofft, dass sich bestimmte Wünsche erfüllen. Oder dass die Zukunft besser wird. Oder dass Pandemien endlich eingedämmt werden. Es ist nicht leicht, die passende Zuversicht zu finden. Manchmal merkt man erst später, dass es nicht die Zuversicht ist, die man wollte. Glück hat, wer umtauschen kann.“ Blumenladen:Hans stand wieder nachdenklich auf der Straße. „Und was jetzt? Ich staune, welche Merkmale der Zuversicht ich entdeckt habe. Aber (Seufzer) irgendwas fehlt da noch. Wo finde ich dieses Etwas?“ Gedankenversunken ging er in den Blumenladen an der Ecke. Drinnen erwartete ihn ein Meer aus Düften und Farben, die ganze sommerliche Blütenpracht. Er war so verzaubert, dass er gar nicht merkte, wie eine junge Frau nach seinen Wünschen fragte. „Was ist Zuversicht?“ Die Frau antwortete durch die Blume: „Zuversicht ist ein bunter Blumenstrauß. Mal ist sie wie eine Rose, die den Duft der Liebe versprüht. Mal ist sie wie ein Gänseblümchen, welches still und bescheiden in deinem Leben wächst. Dann wieder ein Vergissmeinnicht oder eine Sonnenblume. Die Zuversicht ist überall, wenn du mit wachen Augen und Herzen durchs Leben gehst.Dabei strahlte sie ihn an – Hans strahlte zurück. Das Wort „Liebe“ klang tief in ihren beiden Herzen nach. Die beiden verliebten sich, heirateten und bekamen viele Zuversichts-Kinder.Und weil sie nicht gestorben sind, so leben und lieben sie noch heute – voller Zuversicht. In unseren Herzen. Auch in dir und mir.
Peter Schott
Impuls zum Fronleichnamfest (3. Juni)
In der Verborgenheit Christi Was geschiet, wenn wir Jesus’ Leib essen und wenn wir sein Blut trinken? Das ist eine berechtigte Frage, wenn wir uns jetzt dem Sakrament der Eucharistie nähern, das für uns jedesmal eine Erfahrung des erneuten Glaubens bedeutet. Gehen wir aber vom Einfachsten aus : als Jesus am Gründonnerstag die Eucharistie einführte, wollte er, dass wir dieses Lebensbrot in einem der natürlichsten Handeln unseres Lebens empfangen, in einem Handeln, das wir jeden Tag wiederholen, weil wir uns ernähren und und unseren Durst löschen müssen. Und Jesus ist dessen unerschöplfliche Quelle. Wenn Jesus uns sagt : « Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut »ist das für mich nicht nur mein innigster Glaube, sondern erlebe ich es in meinem ganzen Wesen. Ich glaube, dass was ich einnehme kein Brot mehr ist, sondern wirklich Christi Leib, sein wahrer Leib. Und was ich trinke, ist kein Wein mehr, sondern wirklich Christi Blut, sein wahres Blut. Wir bedürfen Christi Leib und Blut, um am ewigen Leben teilnehmen zu können. Jesus sagt es uns im Wesentlichen : « Wer mein Leib isst und mein Blut trinkt, verharrt in mich und ich in ihn... hat das ewige Leben. » So müssen wir dann zum Abendmahl gehen, damit er in uns verharrt und das sein eigenes Leben unser Eigenes wird. Wie es im Evangelium nach Markus steht, führt uns Jesus dann in die Stadt der Engel und der Heiligen, damit wir zum Saal an den Gipfel unserer Seele gelangen. Dort werden wir von Jesus gereinigt, damit wir den lebendigen Gott verehren. Durch diese Eucharistie wollen wir heute unseren Herrn um diese Gnade bitten.
Dekan Christophe Ribas, Strasbourg-Süd
Predigerinnentag (29./30.5.) in unseren Gemeinden am Dreifaltigkeitsfest 2021
Heute feiern wir den Dreifaltigkeitssonntag. Dazu durften Sie sich ein Bild mitnehmen. Abgebildet ist das Dreifaltigkeitsfresko aus dem 14. Jahrhundert aus der Kirche St. Jakobus in Urschalling am Chiemsee. Es ist ganz besonders, denn der Künstler wollte zeigen, dass Gott in sich Fülle und Vielfalt enthält. Deshalb hat er eine Figur mit drei Köpfen und drei Oberkörpern entworfen, die nach unten hin zu einem Körper verschmelzen. Damit weist er auf die Einheit der drei göttlichen Personen hin. Der Mantel umhüllt sie alle. Es sind nur zwei Hände zu sehen: die eine etwas größer, männlicher? Und die andere etwas kleiner, zartgliedriger, weiblich? Alle drei Köpfe sind mit einem einzigen Heiligenschein versehen, der ineinander übergeht. Und in jedem ist ein Teil des Kreuzes zu sehen. Rechts sehen wir den weißhaarigen Gottvater, links den dunkelhaarigen, bärtigen Sohn und aus der Mitte geht eine dritte Gestalt hervor: der heilige Geist oder die heilige Geistin? Die Gestalt in der Mitte ist eindeutig als Frau zu erkennen. Die heilige Geistkraft hat ein weibliches Gesicht! Und die Hände und Blicke weisen in die Mitte auf die weibliche Seite Gottes. Wie kommt der Künstler darauf? In der Bibel wird der Heilige Geist „Ruach“ genannt. Ruach ist im Hebräischen weiblich. Und das nicht nur grammatikalisch, sondern auch in der Vorstellung ihres Wirkens: sie ist die Kraft, die Leben schafft von Anfang an. Sie inspiriert, motiviert, bewegt und fördert das Leben und lässt den Menschen atmen, leben und handeln. Der Künstler will uns auf diese Weise sagen: Stellt euch Gott nicht einseitig vor. Er ist nicht nur männlich, er ist auch weiblich. Das ist vielleicht für viele gewöhnungsbedürftig, für viele aber auch einfach selbstverständlich. Und es geht jetzt nicht darum, männlich gegen weiblich auszutauschen. Gott ist Gott, er ist alles in allem. Deshalb müssen auch alle Aspekte und Merkmale zur Geltung kommen, männliche wie weibliche. In Lesung und Evangelium haben wir gehört: wir sind alle Kinder und Erben Gottes, und: macht alle Menschen zu meinen Jüngern – Männer und Frauen gleichwertig und gleichberechtigt.
Eigentlich gilt immer noch das Predigtverbot für Laien und Laiinnen. Warum eigentlich? Seit zwei Jahren wird bundesweit von der kfd, dem Verband der Katholischen Frauen Deutschlands, der Predigerinnentag am 17. Mai veranstaltet. Das ist der Gedenktag der Apostelin Junia. Wir von der Gruppe "Frauen bewegen Kirche" schließen uns diesem Aufruf an und predigen heute.
Wer war Junia und warum ist sie so wenig bekannt? Ein einziger Buchstabe im Römerbrief hat die Apostelin Junia zum Verschwinden gebracht. Das war etwa im 13. Jahrhundert. Durch ein angehängtes „s“ wurde aus Junia ein vermeintlicher Mann mit dem Namen Junias, obwohl es diesen Männernamen damals gar nicht gab. Seit 2016 steht in der Einheitsübersetzung der Bibel wieder Junia.
Paulus schrieb im Römerbrief: "Grüßt Andronikus und Junia …" er schreibt weiter "… sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt." Ein Ehepaar, ein Mann und eine Frau als Apostel? Johannes Chrysostomus, Bischof von Konstantinopel schreibt über Junia: "Wie groß muss die Weisheit der Frau gewesen sein, dass sie für den Titel Apostel würdig gefunden wurde." Junia hat mit anderen Apostelinnen und Aposteln mit brennender Leidenschaft die Frohe Botschaft verkündigt. "Nur wer selbst brennt, kann in anderen Feuer entfachen." sagt der Hl. Augustinus.
Bis heute lehnt die Katholische Kirche Weiheämter für Frauen mit der Begründung ab, es habe keine Apostelinnen gegeben. Wurde deshalb damals aus Junia ein Junias gemacht?
Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, er hat ihn als Mann und als Frau erschaffen. In den internationalen Menschenrechten und in unserem Grundgesetz sind Frauen und Männer rechtlich gleichgestellt. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Geist Gottes nie leiten ließ nach den männerherrschaftlichen Vorstellungen von Klerikern und Kirchenrechtlern. Der Geist Gottes weht und wirkt, wo er will, und macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Er verleiht die verschiedenen Charismen, Gnadengaben unabhängig vom Geschlecht eines Menschen.
Einzigartig ist es, schreibt die Bistumszeitung „Konradsblatt“, dass dieses Jahr ein einziger junger Mann im Freiburger Münster zum Priester geweiht wurde. Und - so sagte Erzbischof Burger in seiner Ansprache -, dass es immer wieder Menschen geben werde, die sich auf die Nachfolge Jesu einlassen wollen. Tatsächlich, es gibt diese Menschen, die Priorin Philippa Rath hat in ihrem Buch „Weil Gott es so will“, 150 Frauen zu Wort kommen lassen, die sich zum Diakoninnen- und Priesterinnenamt berufen fühlen, aber aufgrund ihres weiblichen Geschlechtes diese Berufung nicht leben dürfen. Welch eine Verschwendung von Charismen und Begabungen, schreibt Philippa Rath weiter, sollen wir uns nicht von der Erfahrung eines Petrus, dieses Menschenfischers inspirieren lassen, und unsere Netze in unbekannte Gewässer auswerfen, zum Beispiel bei den Frauen in der Kirche.
Ich bin wieder mal wütend, enttäuscht und brauche Trost und Ermutigung und schlage das Neue Testament auf. Da lese ich Gleichnisse von einer hartnäckigen Witwe, die zu Gott betet und schreit und ihr Recht einfordert, ich lese von der blutflüssigen Frau, die sich allen Verboten widersetzt, sich Jesus nähert und Kraft von ihm holt, ich lese von einer Frau, die als Ehebrecherin gesteinigt werden soll, und von Jesus mit den Worten gerettet wird: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Und ich lese bei Markus von einer unbekannten Frau, die in eine geschlossene Männergesellschaft eindringt, eine kostbare Salbenflasche zerbricht und Jesus über den Kopf gießt. Was für eine Verschwendung, sagen die Anwesenden. Zwei Tage vor dem jüdischen Passahfest geschieht dies, Jesu Verhaftung steht kurz bevor, die Männer, die ihn begleiten, sind immer verwirrter und zweifelnder geworden. Und dann kommt diese Frau, verwegen und unverschämt, zugleich aber zart und mitleidend, sie verletzt Traditionen und Anstandsregeln, ja, sie maßt sich eine Männerrolle an: Sie salbt und weiht den Messias, bereitet ihn auf seine Aufgabe vor. Ein doppelter Bruch mit der Männertradition. Auf meine Frage, wo ich, wo wir Frauen die Kraft für Veränderungen hernehmen sollen, geben mir die ungeduldigen, feinfühligen und hartnäckigen Vorschwestern des alten und neuen Testaments ihre Antwort, dass es immer wieder einer neuen Gerechtigkeit bedarf, einer anderen Rollenverteilung als in den überkommenen Strukturen, einer neuen Geschwisterlichkeit. Oder, wie in einem berühmten Text von Teresa von Avila als Schlußsatz steht: "Ich sehe die Zeiten so, dass es keinen Grund gibt, mutige und starke Seelen zu übergehen und seien es die von Frauen."
Elvira Rich-Armas, Helga Schmidt, Anni Fischer
Impuls zum 6. Sonntag im Jahreskreis (14. Februar) - Büttenpredigt zu Mk 1,40-45
Ihr lieben Christen, hört mir zu!
Ich lass euch heute nicht in Ruh. Hält auch Corona uns noch klein, so dürfen wir doch fröhlich sein. So lesen wir bei Markus heute, wie Jesus einen Mann erfreute, der fern von allen leben musste, da er um seine Krankheit wusste. Er war vom Aussatz übersät, für jede Hoffnung war’s zu spät. Doch eilte er dem Herrn entgegen. Er tat es wohl der Heilung wegen. Er warf sich fromm auf seine Knie und bettelte so wie noch nie: „Herr, wenn du willst, kannst du mich heilen, bevor der Tod mich wird ereilen!“ Der Herr sah ihn voll Mitleid an, berührte ihn und sagte dann: „Ich will, sei rein, mein lieber Mann. Ich geb dir, was ich geben kann.“ Der Aussatz war sofort verschwunden, der diesen Menschen hat geschunden. Dann sagt der Herr: „Auf Wiedersehn!“ Er solle noch zum Priester gehn. Der führte das Gesundheitsamt und passte auf, dass nichts verschlampt. Die Heilung wird dort registriert, exakt genau wie es sich ziert Heut machen Priester das nicht mehr. Beamte kommen dafür her. Auch bei Corona sind sie wichtig, meist engagiert, so ist es richtig. Der Mann durft’ keinem was erzählen. Man würde die Verfolgung wählen, denn manche wollten Jesus töten, weil er mit Gott half aus den Nöten. Doch leider konnt’ der Mann nicht schweigen.
Er musste einfach allen zeigen, dass er gesund geworden war durch Jesu Wort so wunderbar. So musste Jesus sich verstecken, in kleinen Orten hinter Hecken. Doch kamen dorthin ganze Scharen, die voll von ihm begeistert waren. Die Sach’ ist heute umgekehrt Der Herr wird öffentlich verehrt. Doch oft tun wir den Mund nicht auf. Die Botschaft nimmt nicht ihren Lauf. Stattdessen reden wir von Dingen, die schlecht und negativ nur klingen. Was sind wir häufig doch für Narren, dass wir in solchem Tun verharren! Bedroht Corona einen jeden, sehr viele von Verschwörung reden, und Fake News machen ihre Runde. Sie kommen aus verquerem Munde.
Der Herr hat uns das Heil geschenkt, hat unser Leben gut gelenkt. Er hat befreit uns von den Sünden. DAS sollten wir der Welt verkünden! Wir können dabei fröhlich sein, in Jubellieder stimmen ein, denn Christsein, das ist wunderbar. Es macht das Leben hell und klar. Ich wünsch euch heut an Karneval
viel Gottessegen überall.
„Helau“ sag ich, „seid froh von Herzen. Vergesst bei allem nicht zu scherzen!“ Vielleicht ist ja im nächsten Jahr der Karneval voll wieder da. Das hoffen wir, ohn’ zu verzagen, auch wenn wir Last und Masken tragen. Es ist nur für gewisse Zeit und leichter mit viel Heiterkeit. Zum Schluss sag ich jetzt wieder Amen an Fasching heut im kleinen Rahmen.
Heinrich Bücker
Impuls zum 5. Sonntag im Jahreskreis (7. Februar) - Gedanken zu Mk 1,29-39
Das heutige Evangelium stellt uns die Heilung der Schwiegermutter des Petrus vor. Es ist wohl die kürzeste Heilungsgeschichte im Neuen Testament. Böse Zungen wagen sogar zu unrecht zu behaupten: Vielleicht hat Petrus deswegen den Heiland verraten… Nein, es ist ein schlechter Witz. Das Evangelium erzählt, ganz im Gegenteil, von einem österlichen Menschen. Diese unbekannte, geheilte Frau ist wirklich ein österlicher Mensch! In der deutschen Übersetzung ist es nicht zu erkennen. Die Leser des griechischen Markus-Evangeliums konnten es sofort verstehen. So wird die Heilung beschrieben: „Jesus ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf.“ Er richtete sie auf. Mit demselben Wort wird am Ende des Evangeliums die Auferweckung Jesu beschrieben: Er wurde aufgerichtet! Auferweckt von Gott. Die Heilung der Frau ist wie eine kleine Auferstehung. Jesus erweckt, richtet auf zu neuem Leben. Wem Jesus begegnet, der und die wird aufgerichtet, ermuntert zu neuem Leben! Das will Markus sagen, wenn er von der Begegnung der Schwiegermutter des Petrus mit Jesus berichtet.Gleich nach der Heilung steht noch eine Bemerkung: „Und sie dient ihnen.“ Markus will damit nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Er will damit viel mehr erzählen: Diese Frau ist Jesus begegnet, der von sich auch sagt: „Ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“. Die Frau begegnet Jesus und tritt in seine Nachfolge. Wer Jesus begegnet, wird leben wie er. Wer seiner Leben schaffenden Macht begegnet, wird dem Leben dienen wie er, auch und gerade im Alltag, im alltäglichen Sorgen füreinander.Von Befreiung ist in diesem Evangelium noch öfter die Rede. Markus erzählt: Am Abend heilt Jesus Kranke und treibt Dämonen aus. Wer sind sie? Es sind dunkle Mächte, die den Menschen schädigen. In neutestamentlicher Zeit hat man sie als Dämonen bezeichnet. Es gibt sie auch heute noch in ganz unterschiedlicher Gestalt und Wirkungsweise. Wir haben heute andere Bezeichnungen dafür. Aber, dass es Kräfte, dunkle Mächte gibt, die Menschen in ihrem Leben schädigen, dafür gibt es vielfältige Erfahrungen. Es sind z.B. Stimmen, die aus früher Kindheit kommen und sagen: Das musst du machen; du musst perfekt sein; du darfst keine Fehler machen; du darfst nicht zornig sein, du darfst dir nichts gönnen, usw. Es sind Stimmen, die das eigene Leben schwer machen und behindern, die, wenn wir sie lange genug gehört und befolgt haben, uns enttäuscht feststellen lassen:„Ich bin zu kurz gekommen in meinem Leben.Was hab‘ ich davon gehabt?“ Es sind Stimmen, die uns die Freude am Leben stehlen. Solche Dämonen beherrschen auch das öffentliche Leben mit ihren bedrohenden Maximen, die wir nur zu gut kennen: „Time is money“. „Hast du was, dann bist du wer“. Oder einfach: „Wachstum“, usw.In ein paar Tagen beginnen wir mit der Vorbereitung auf das Osterfest. Da feiern wir: Gott ist stärker als alle schädigenden und todbringenden Mächte. Im auferstandenen Herrn begegnet uns neues Leben, das dunkle Mächte nicht fürchtet. Aufgerichtet von ihm dürfen wir uns dankbar unseres Lebens freuen. So normal, so alltäglich, so wunderbar wie die unbekannte Frau, die uns das Evangelium als Schwiegermutter des ersten Papstes vorstellt. Sie kann uns allen ein Vorbild sein: „en todo amar y servir“ ist für den Hl. Ignatius von Loyola im „Exerzitienbuch“ (N° 233) eine Grundformel für Glaube und Nachfolge. Nehmen wir diesen Impuls auf und versuchen wir ihn täglich zu verwirklichen.
Alois Balint
Gedanken zu Mariä Lichtmess am 2. Februar
Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich freue mich immer auf diesen 2. Februar, weil man da wirklich spürt, dass die Nächte kürzer und die Tage wieder länger werden.
„Mariä Lichtmess, spinne vergess, bei Dag z' Nacht ess! “, heißt es nicht umsonst.
Wenn wir in der Geschichte etwas zurückwandern, können wir entdecken, dass an diesem Tag die Spinnräder weggepackt wurden, da nun die Arbeit auf dem Feld wieder begann, dass die Bauern ihren Dienstmägden und Knechten ihren Jahreslohn ausbezahlten und diese die Möglichkeit hatten, ihren Dienstgeber zu wechseln. Ein Kommen und Gehen.
Das war es auch, als die beiden hochbetagten Simeon und Hannah den kleinen Jesus empfingen, den seine Eltern in den Tempel brachten. Daher heißt dieser Tag auch „Darstellung des Herrn". Es war ein Treffen, das Generationen zusammenführte und Licht brachte. Da stimmte Simeon ein Lied an, das bis in unsere Gegenwart hinein jeden Abend im Stundengebet gesungen wird: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden, denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,29). Und Hannah? Sie wurde ermutigt, mit 84 Jahren hinauszugehen und allen, die auf die Erlösung warteten, von diesem Kind zu erzählen.
Diese uralte biblische Geschichte fasst all das zusammen, was für uns heute immer noch gilt:
- Generationenübergreifende Begegnungen schaffen Lebendigkeit und erhellen die Seelen.
- Wir brauchen auch heute noch Prophetinnen und Propheten, die in ihr visionäres, Licht bringendes Denken die Lebenserfahrungen von Jung und Alt einschließen.
- Kinder bringen Alte zum Singen und Augen zum Leuchten!
Diese Aktualität bis ins Heute fasziniert mich immer wieder an den biblischen Geschichten.
Ich wünsche uns allen, dass dieser uralte Festtag auch unser modernes Leben erhellt.
Elisabeth Humpert
Impuls zum 4. Sonntag im Jahreskreis (31. Januar) - Gedanken zu 1 Kor 7,32-35
Stimme 1: verkündet diese Statements:
48% der Frauen finden sich nicht attraktiv
61% Prozent der Frauen haben Angst, nicht so gut zu sein wie die anderen
Stimme 2: Aufgrund dieser Ergebnisse einer Studie stellte Prof. Dr. Heiner Keupp, Sozialpsychologe an der Uni München, vor gut 15 Jahren fest: Frauen stehen unter einem enormen Leistungsdruck, sie müssen eine gesellschaftliche Erwartung, ein Idealbild erfüllen, das sie verinnerlicht haben. Wenn sie ihrem inneren Modell nicht genügen, halten sie sich für schwach und minderwertig. Ich denke, das gilt heute noch mehr, und es gilt selbstverständlich nicht nur für Frauen. Hinter diesem Druck zur Selbstinszenierung steckt die große Angst, ein…“Nichts“ zu sein.
Lesung: 1 Kor 7,32-35 aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korínth:
„Schwestern und Brüder! Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet.“
S2: Soll das jetzt die Antwort sein?! Rückzug in die Jungfräulichkeit und Zölibat für alle?
P: Nein, darum geht es nicht. Es geht um Freiheit von Leistungsansprüchen.
S2: Wie bitte? Wir müssen doch überall Leistung bringen, davon ist doch niemand frei.
P: Das liegt auch an uns. Unterwerfen wir uns dem Anspruch, immer perfekt zu sein und auch so auszusehen? Und wer bestimmt eigentlich, was perfekt ist?
S2: Die Schönheitsindustrie vielleicht?
P: Ja, die spielt sicher mit. Sie lebt davon, dass wir uns an Idealen orientieren, die wir in der Realität nie erreichen können. Weil sie uns aber glauben macht, mit ihrer Hilfe könnten wir es trotzdem schaffen, macht sie allein mit Schönheitspflegemitteln in Deutschland einen Umsatz von 13,4 Milliarden Euro. – Kennst du die Geschichte von Shonda Rhimes?
S2: Wer ist Shonda Rhimes?
P: Shonda ist eine sehr erfolgreiche amerikanische Drehbuchautorin. Sie wollte zu ihren Highschool-Zeiten unbedingt so cool sein wie Whitney Houston. Morgens verbrachte sie Stunden vor dem Spiegel, um ihre Haare mit Lockenstab und Tonnen von Haarspray in den Look von Whitney zu verwandeln. Später, als Shonda sich mit ihren eigenen Haaren arrangiert hatte, erzählte sie ihrer Friseurin davon. Die lachte nur und sagte: „Dir ist aber klar, dass Whitney damals eine Perücke trug?“
S2: Damals gab’s nur Fernsehen und Kino. Wir haben Instagram, Facebook, Twitter, usw. Sie spiegeln eine „gefakete“ Realität vor. Da wird alles geschönt und so getan, als könne jeder, der will, entspannt, attraktiv und belastbar sein. Aber was hat das mit…Jungfräulichkeit zu tun?
P: Nochmal: Es geht im Tiefsten nicht um Jungfräulichkeit oder zölibatäres Leben. Es geht um innerliche FREIHEIT. Wofür sind wir frei, woran orientieren wir uns? Du hast ja gesagt, überall werden Idealbilder als Köder ausgeworfen. Wie Paulus sagt: Wenn wir gefallen wollen, sind wir geteilt. Wir unterwerfen uns freiwillig – zum Beispiel einer permanenten Selbstoptimierung, und werden doch nie perfekt sein. Und Paulus fragt: Wie kommt ihr überhaupt dazu, euch selbst permanent zu vergleichen? Wie kommt es, dass ihr euch als so unzureichend empfindet? Wieso nimmst du, Mensch, dir nicht die Freiheit, einfach du selbst zu sein, dich zu entfalten und Freude daran zu haben, so wie jedes Kleinkind das selbstverständlich tut?
S2: Okay, es geht um Freiheit, aber wie kann das deiner Meinung nach gelingen?
P: Ich muss den Köder erkennen. Er ist eine Fata Morgana, ein Bild, das nicht ICH bin. Wenn Paulus sagt, er will, „dass wir uns an den Herrn halten“, dann heißt das doch auch, dass wir vom Herrn seit unserer Geburt einen Wert haben, den uns niemand nehmen kann und niemand geben muss. Wir haben ihn einfach! Wir müssen nicht das Beste aus uns machen. Wir sind schon das Beste.
S2: Das klingt schön und doch recht theoretisch.
P: Ja, das mag sein. Es geht ja um Bewusstheit. Mir immer wieder bewusst zu machen, dass ich selbst es bin, der sich abhängig macht von äußeren Bildern. Es ist eine Haltungsübung. Ich nehme mir immer mehr die Freiheit, zufrieden zu sein mit dem, was ich bin und was ich nicht bin. Okay, sage ich mir, der oder die scheint immer cool und perfekt zu sein; keine Ahnung, ob es stimmt und welchen Preis sie dafür bezahlen, ich gönne es ihnen. Aber ich orientiere mich NICHT an ihnen. Ich bin anders, und das ist gut. Das ist allerdings innere Arbeit. Mit ihr kann ich zur Haltung finden, dass ich wertvoll und nicht allein bin.
S2: Aha, dann wird die heilige Schrift wirklich konkret. Wenn viele das verstehen und umsetzen, dann bildet sich eine WEGGEMEINSCHAFT. Besser als mit dieser Kurzformel kann Christ-Sein nicht beschrieben werden!
Alois Balint
Impuls zum 3. Sonntag im Jahreskreis (24. Januar) - Gedanken zu Mk 1,14-20
Die Begriffe „Umkehr“ und „Bekehrung“ sind heute nicht mehr modern. Man liest sie zwar an zentralen Stellen in der Bibel, sie werden aber nicht weiter ernstgenommen. Den Ruf zur Umkehr weist man eher frömmelnden Gruppen und moralisierenden Sekten zu und sieht darin eine veraltete Pastoral. Kurz: Wer das Wort „Bekehrung“ heute in den Mund nimmt, gilt häufig als unangenehmer, nicht mehr zeitgemäßer Moralapostel. Gleichzeitig wird aber seltsamerweise ein ganz ähnliches Wort in der Gesellschaft großgeschrieben: nämlich das Wort Änderung oder Veränderung. Die einen wollen dünner werden und probieren dazu alle möglichen Diäten aus; die anderen wollen schlauer werden und bevölkern deshalb die Universitäten und Volkshochschulen. Die nächsten wollen ruhiger werden und ziehen sich deshalb aufs Land oder in ein Kloster zurück, wieder andere wollen mächtiger werden und machen sich deshalb… immer nur mehr Stress. Unser ganzes Leben schreit nach Veränderung; sogar die pastorale Situation in unseren Bistümern. Obwohl niemand richtig weiß, wie es gehen soll, ist man sich doch darin (mehr oder weniger) einig, dass sich etwas ändern muss. Nur – wohin geht die Veränderung? Ändert sie wirklich nachhaltig etwas in der Kirche oder in meinem Leben? In dieser Frage kann ein Blick auf den biblischen Begriff der Umkehr hilfreich sein. Umkehr im biblischen Sinn hat natürlich auch etwas mit Veränderung zu tun, geht aber weit darüber hinaus. Sie meint in erster Linie einen Aufbruch auf ein Ziel hin. Und dieses Ziel heißt Gott. Es mag paradox klingen: Der eigentliche Fortschritt des Menschen liegt darin, dass er zu Gott zurückkehrt, dass er sich wiederfindet in Gott. Die beste Selbstfindung, die heute so wichtig ist, liegt darin, Gott zu finden. Bei ihm dürfen wir zuhause sein, bei ihm dürfen und können wir ganz wir selbst sein. Und aus dieser Rückkehr zu Gott entsteht dann konkrete Veränderung, wie es im Beispiel des verlorenen Sohnes der Fall ist, der eine Zukunft geschenkt bekommt und sein Leben ändert, weil er zum Vater zurückgekehrt ist. Bertolt Brecht hat in seinen berühmten „Geschichten von Herrn Keuner“ (Suhrkamp Verlag, Berlin, S. 128, 1971) einen Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, sagen lassen: „Sie haben sich aber gar nicht verändert.“ Woraufhin dieser sich nicht freute, sondern erbleichte. Ja, es wäre tatsächlich schlimm, wenn wir nicht mehr fähig wären, uns zu verändern. Veränderungen im Leben sind wichtig und gehören zum Leben dazu. Auch in der Kirche kann es keine Rückkehr zu alten Formen geben, sorry für die nostalgischen Retro-Katholiken. Aber hinter aller Reform und Veränderung, die (zurecht) angemahnt wird, sollte der Wille stehen, für Gott „formbar“ zu bleiben. Genau um diese Veränderung geht es Jesus. Sein Ruf zur Umkehr meint letztendlich: „Verändert euren Blickwinkel, indem ihr euer Leben auf Gott ausrichtet!“ So gehört es zu einer der wichtigsten Aufgaben der Kirche in der Zukunft, den vielen Veränderungsbestrebungen und -bewegungen in Gesellschaft und Kirche die gute Richtung zu geben: die Richtung auf den lebendigen Gott hin. Ich habe gehofft, dass ein langer Lockdown uns Zeit und Gelegenheit gibt, diese innere Richtung besser zu verstehen. Stattdessen sind viele irgendwie hermetisch und ängstlich der Kirche noch ferner geblieben. Ich weiß nicht, ob sie Gott nähergekommen sind. Wer sich in einer Isolation verbarrikadiert, ist so wie Jona aus unserer heutigen Lesung, vielleicht genau so übelgelaunt, so unbelehrbar untröstlich. Darin bleibt er stecken… es sei denn, jemand hilft ihm von außen. Ich bin überzeugt: Wenn das geschieht, wie auch immer, kommt die Kraft dazu von Gott. Geöffnete Herzen und Hände, zum Guten befreit: darin begegnet er uns, unser Retter und Erlöser. Vielleicht gelingt diese „Bekehrung“ nicht so „automatisch“, routinemäßig, weil wir hier in der Kirche sind. Eben hier können wir trotzdem aufrichtig beten: Unsere verpassten und verpatzten Chancen bringen dich, Gott, nicht in Verlegenheit. Du wirst sogar nicht kapitulieren, wenn ich nur noch dies eine anzubieten habe: nämlich NICHTS. Wenn niemand anders zur Stelle ist als sie, meine Armut, wird sie mir die Tür öffnen. Von ihr begleitet bin ich erst recht willkommen, wir werden eingehen in deine Fülle. Das reiche, volle, gehäufte, überfließende Maß – das schöpfst du aus dem Nichts. Nichts lieber als das!
Alois Balint
Impuls zum 2. Sonntag im Jahreskreis (17. Januar) - Gedanken zu Joh 1,35-42
Bei Gesprächen mit Brautpaaren wage ich manchmal, einiges über deren Liebesgeschichte zu fragen. Wie haben sich die jungen Leute getroffen? War es Liebe auf den ersten Blick? Gab es Momente, wo „Amors Pfeil“ traf, wo „der Blitz einschlug“? Es gibt Erstbegegnungen, die passieren – wie zufällig, beiläufig, unbeabsichtigt. Wie viele Zeitgenossen gehen an mir vorüber und bleiben namenlose Passanten! Es gibt eben Momente, wäre ich genau an diesem Tag X nicht an diesem Ort Y gewesen, dann wären wir uns nie begegnet. Oder, so erzählen viele: wenn mir damals mein Freund diesen Menschen nicht vorgestellt hätte, wenn ich nicht zufällig neben ihr gesessen hätte, wäre nie etwas Gemeinsames aus uns geworden. Sie haben sicher alle auch so eine Zeit gehabt, wo Sie spontan gespürt und gesagt haben: „Dich schickt der liebe Himmel! Ein Glück, dass ich dich damals traf!“
Einen solchen besonderen Moment hält der Anfang des Johannesevangeliums fest. Den glühenden Augenblick, wenn Menschen Jesus entdecken und ihm nicht mehr von der Seite weichen wollen. Diesem Anfang wohnt ein Zauber inne (wie Hermann Hesse so schön geschrieben hat). Es ist eine tolle Überraschung, ich würde sie lieber „Gnade“ nennen: Der Täufer Johannes erkennt, dass es eine Wendezeit ist. Der berühmte Cousin Jesu sieht, was andere nicht sehen: Da läuft das „Lamm Gottes“ an ihm vorbei, wie beiläufig und zufällig; der langerwartete Messias Gottes ist endlich da! Er hat aber gar keinen großen Auftritt. Jesus ist ein Umherlaufender. Er kommt aus einem armseligen Dorf - allein, ohne Gefolge und Fans; er läuft einfach in der Gegend herum. Darauf war keiner vorbereitet und niemand, von dem ganzen AT konnte sich so etwas je vorstellen. Aber es gibt den Kennerblick des Johannes. Diese Augen seines Glaubens machen Johannes den Täufer groß, machen ihn zum echten Seelsorger. Er „nimmt ab“, er lässt den Übertritt zum anderen zu und gibt seine eigenen Leute ab; ein echter Seelsorger will keinen Klub um sich, er zeigt das Ziel! Folgen Sie nicht dem tollen Pfarrer, sondern folgen Sie bitte Jesus!
Auf offener Straße geschieht die Verwandlung von Johannesjüngern in Jesusjünger: still, unaufdringlich, ohne gezielte Annäherungsversuche von Seiten Jesu. Mit diesen paar einfachen Männern, die das „Jesus-Gerücht“ einander weitergeben, setzt eine Kettenreaktion ein, die bis heute anhält. Wir alle wären nicht hier, hätten diese fünf Leute nicht die Faszination und Neugier an uns weitergegeben.
Vor unseren Augen stehen auch die Gesichter all derer, die uns in die Jesusgeschichte hineinverwickelt haben. Gerüchte über ihn haben einst unsere Eltern und Paten, Großeltern und Lehrer, Freunde neugierig gemacht, sozusagen „angesteckt“. Der Evangelist weiß: Jesus ist ein Herzenskenner. Jesus hat diese suchenden Männer zwar längst wahrgenommen, aber er läuft ihnen nicht nach, stellt sie nicht autoritär hinter seinen Rücken, ruft sie nicht in die Nachfolge wie ein Guru. Passen Sie auf den Dialog auf. Es sind wunderschöne Fragen und Antworten. Es steht nicht etwa: Was wollt Ihr? Aha, die ultimative Wahrheit, hier ist meine Visitenkarte. Ihr braucht eine außergewöhnliche Initiation und eine krasse Ausbildung dazu!
Nein, es geht um … wo, also wie wohnst Du eigentlich? Und dann die unerhörte Einladung: Kommt und seht! Ihr sollt Euch selber eine Meinung bilden, eine spirituelle Erfahrung machen. Jesus ruft sie nicht weg von Netzen und Familien. Er feiert nur Vorübergang (Pessah, das hebräische Wort für „Ostern“). Das ist das Wunder der Erschaffung der Jünger, verborgen in einer Zufallsbegegnung. Diese fünf wirken unter sich ansteckend, weil Jesus auf sie ansteckend gewirkt hat! Kardinal Kasper sprach von der „Pandemie der Liebe“, die von Christus ausgeht. Ich muss aber realistisch sehen, dass Jesus immer an uns vorbeiläuft. Man muss die goldene Gelegenheit beim Schopf packen, das, was die Griechen den „Kairos“ nennen, einen nicht wiederkehrenden Moment. Man kann den Vorübergang des Herrn verstreichen lassen – und ich frage mich: Wie oft habe ich Ihn an mir vorübergehen lassen, ohne Ihn anzusprechen, ohne auf Seine Zeugen zu hören, die mich – wie Johannes – auf Ihn aufmerksam machten?
Ein Königreich für eine Frage! Was sucht ihr heute? Was suchen wir eigentlich? Das ist die ewige Frage Jesu, gestern und heute. Sie könnte über jedem Kirchenportal stehen. Kann ich vertrauensvoll ihn innerlich fragen: Wo ist dein Zuhause? Könnte ich heute diese Einladung glauben: Kommt mit und entdeckt mich! Findet mich und lasst euch finden. Kommt und bleibt! Bleibt mit mir im Gespräch! Kommt und bleibt und lauft nicht immer davon. Lernt mich kennen! Kommt in meine geistliche Wohnung, von deren richtiger Innenausstattung ihr keinen blassen Schimmer habt! Kommt und lasst euch überraschen! Wagt den Übertritt! Von der materiellen zur spirituellen Welt. Werdet Überläufer! Denn Jesus zeigt den damaligen und jetzigen Jüngern, wo er im Leben bleibt: Er ist immer dort, wo die Liebe wohnt. Den Aufruf „Kommt und seht“ übersetze ich so: Lasst uns zusammen feiern und sehen, wo uns unser Weg mit Jesus hinführt!