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Im Jahreskreis 2025

23.11 - 34. Sonntag im Jahreskreis - Christkönig Fest - Gedanken zu Lk 23,35-43

Mister Rex ist ein berühmter Professor in Cambridge. Stellen Sie sich vor: Ein Mann, der über Könige forscht – und selbst Rex heißt! Richard Rex ist ein bekannter Historiker und er vertritt die These, dass die Menschheit durch drei große Krisen muss: Gott – Kirche – Mensch. Über die Jahrhunderte gab es drei Erdbeben im Glauben: In der arianischen Krise: Wer ist Gott? In der Reformation: Was ist die Kirche? In der Säkularisierung: Wer ist der Mensch? Im 4. Jahrhundert war es eine theologische Frage. Im 16. Jahrhundert eine Kirchenfrage. Und heute haben wir die Menschenfrage. Und das ist, ehrlich gesagt, die kniffligste. Denn über Gott und Kirche konnten sich Theologen noch halbwegs streiten – aber was genau der moderne Mensch ist, darüber sind sich nicht einmal die Philosophen einig. Und spätestens, wenn man abends in irgendeine Talkshow reinschaltet, merkt man: Da wird’s nicht besser.  Also versuchen wir’s heute mal auf die theologische Art – und mit unserem Fest. Vor 100 Jahren, im Dezember 1925, führte Papst Pius XI. das Christkönigsfest ein. Sein Ziel war klar: Christus als Gegenpol zu den zerstörerischen Kräften der Zeit sichtbar machen. Oder anders gesagt: In einer Welt, in der immer mehr Verrückte meinten, sie seien die Herrscher der Welt, erinnerte die Kirche daran: Moment mal – es gibt nur einen echten König. Um diese Entscheidung zu verstehen, hilft ein kleiner Blick in die Nachrichtenlage von damals – oder besser gesagt: Man stelle sich die düsterste Tagesschau vor. Der Erste Weltkrieg hatte eine Spur der Verwüstung hinterlassen: 10 Millionen Tote, 20 Millionen Verletzte, und unzählige Traumatisierte. Die alten Monarchen waren weg, schwache Regierungen kamen, danach machthungrige Typen, die man heute wohl „politische Influencer mit absolutem Machtanspruch“ nennen würde. Kommunismus und Faschismus schossen aus dem Boden. Links brüllte, rechts brüllte, und in der Mitte hatten die Leute Angst. Und in diese Lage führte Pius XI. das Christkönigsfest ein. Ausgerechnet in einer Zeit, in der man Könige gerade abgeschafft hatte! Die Kirche geht oft gern gegen den Trend. Aber in diesem Fall ging es nicht um Nostalgie, sondern um eine Grundfrage: Wer hat eigentlich das Sagen? Wer ist der wahre Maßstab? Und welches Menschenbild verteidigen wir? Mitten in den politischen Wirren bekannte die Kirche ihren Glauben an Jesus Christus – den besten Menschen, und den ganz anderen König eines ganz anderen Reiches. Das heutige Messbuch beschreibt es so schön in der Präfation: ein Reich „der Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und der Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens“. Und, Hand aufs Herz: Wir sehnen uns alle nach solchen Werten – spätestens wenn wir auf Social Media 20 Minuten Kommentare gelesen haben und danach tief durchatmen müssen. Dieses Reich wird dort sichtbar, wo wir uns aus Dunkelheit und Mutlosigkeit herauswagen und Zivilcourage zeigen: in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie, auf dem Fußballplatz, ja sogar im Straßenverkehr – besonders dann, wenn uns jemand die Vorfahrt nimmt und wir trotzdem nicht hupen. Christliche Heiligkeit im Alltag! Kommen wir zum heutigen Evangelium: Das Kirchenjahr endet mit einem befremdlichen Bild – ein König am Kreuz. Das passt ungefähr so zusammen wie „Wellness-Wochenende“ und „Steuererklärung“. Warum also so ein dramatischer Abschluss? Denken wir an die drei, von Professor Rex, deklarierten Krisen: Gott – Kirche – Mensch. Vor 1700 Jahren musste das Konzil von Nizäa entscheiden: Christus ist nicht irgendein begabter Mann, sondern Gott und Mensch. Vor 500 Jahren erkannte das Konzil von Trient: Kirche ist nicht Bürokratie mit Weihrauch, sondern Gemeinschaft der Glaubenden. Und wir heute müssen klären: Was bedeutet Menschsein wirklich? Zwischen KI, Selbstoptimierung, Burnout, Influencer-Kult und Selbstzweifeln. Im Evangelium sehen wir zwei Männer, die neben Jesus gekreuzigt sind. Zwei Reaktionen, zwei Lebenshaltungen, zwei Möglichkeiten – auch für uns heute. Der eine verspottet, der andere bittet. Der eine verschließt das Herz, der andere öffnet es. Der eine vertraut auf sich, der andere wagt Vertrauen auf Christus. Es gibt unendlich viele Zwischentöne im Leben, aber am Ende bleibt die Frage: Wo will ich stehen? Rechts oder links? Ich meine es nicht politisch, sondern im Lichte des Evangeliums: Mit Jesus oder ohne ihn? Und damit sind wir schon bei uns. Christen – zumindest im Idealfall – sind die besten Demokraten. Warum? Weil wir glauben, dass jeder Mensch im Bild Gottes geschaffen ist. Gott hat jedem Menschen ein unsichtbares königliches Siegel mitgegeben. Deshalb sind alle Getauften gleich vor Gott. Und deshalb sind kirchliche Ämter keine Ehrenränge, sondern Dienstämter. Es geht nicht darum, wichtig zu sein, sondern anderen zu helfen, ihre königliche Würde zu leben. Eine größere Ehre gibt es nicht – und das macht unser Menschsein eigentlich erst richtig schön. In dieser Haltung möchten wir Christus nachfolgen. So gehen wir aus diesem Kirchenjahr hinaus und treten – hoffentlich mit etwas mehr Klarheit, Mut und Humor – in das nächste Kirchenjahr ein, das mit dem Advent nächste Woche beginnt.

Alois Balint
 
16.11 - 33. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 21,5-19

Abends sitzt man gemütlich beisammen.
Ein Glas Wein, vielleicht ein paar Chips, gute Stimmung.
Und dann geht’s los:
Die eine erzählt, wie sie völlig genervt ist von der Grundsteuererklärung.
Der andere schimpft über – wie er sagt – „selbsternannte“ Klimaschützer, die sich gestern genau auf seiner Strecke zur Arbeit festgeklebt haben.
Eine weitere erzählt von ihrer Oma, die mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus kam – zum Glück gerade noch rechtzeitig.
Und als der Nächste anfängt, sich über die Schulpolitik aufzuregen, ruft die Gastgeberin dazwischen:
„Oh nee! Können wir mal über was Schönes reden?!“
Stille.
Alle gucken sich an.
„Äh … also neulich …“, fängt einer zögerlich an.
Kennst du das?
Sich aufregen, klagen, schimpfen – das geht ganz leicht.
Aber einfach mal über was Schönes reden? Gar nicht so einfach.
Über Krankheiten, über Politik, über die Behörden – da ist man gleich mitten im Thema.
Klimapolitik, Schule, Rente: Zack, läuft die Sache!
Aber Schönes? Da wird’s still.
Scheint fast, als wären schlechte Nachrichten immer noch die besten Nachrichten.
„Lasst uns mal über was Schönes reden!“
Das sagen im heutigen Evangelium auch ein paar Leute.
Sie zeigen Jesus den Tempel in Jerusalem: „Schau dir mal diese Steine an! Und den Schmuck! Und die Weihegeschenke! So schön!“
Und Jesus?
Freut er sich? Sagt er: „Wow, echt beeindruckend!“?
Nein.
Er merkt: Die wollen sich ablenken. Sie wollen über was Schönes reden, um das Unangenehme nicht anzugucken.
Aber Jesus sagt sinngemäß: Leute, das wird nicht funktionieren.
Jesus ist kein Freund von Jammern – aber auch keiner von Schönreden.
Beides führt am Leben vorbei.
Wer nur jammert, verliert die Hoffnung.
Wer alles schönfärbt, verliert den Kontakt zur Wirklichkeit.
Beides macht blind – fürs Leben und füreinander.
Und wenn wir ehrlich sind: Auch heute ist das ähnlich.
Ein Blick in die Kommentare im Internet oder in manche Leserbriefe – da könnte man meinen, die Welt geht morgen unter.
Und dann gibt’s die andere Seite: die Welt der Hochglanzfotos, Urlaubsparadiese und ewigen Lächelns.
Jesus würde bei beidem wohl den Kopf schütteln.
Sein Thema ist das wirkliche Leben.
Das Hier und Jetzt, mit allem, was dazugehört.
Und was er damals aufzählt, klingt erschreckend aktuell:
Kriege, Unruhen, Naturkatastrophen, Krankheiten …
Und sogar Streit in Familien – ja, das kannten sie schon vor Corona.
Das ist keine Endzeit-Show, sondern Realität.
Und was macht Jesus?
Er sagt: „Verdrängt das nicht – aber lasst euch auch nicht verrückt machen.“
Das ist der Punkt.
Nicht in Angst erstarren.
Nicht den Kopf in den Sand stecken.
Sondern stehenbleiben, durchatmen, vertrauen.
„Bleibt standhaft“, sagt Jesus.
Heißt: Lasst euch nicht von jeder Schlagzeile, von jedem Gerücht, von jeder Angstwelle mitreißen. Bleibt bei euch. Bleibt bei Gott.
Vertraut darauf, dass ihr nicht allein seid.
Das ist echtes Christsein heute:
Vertrauen ausstrahlen.
Gelassen bleiben, ohne gleichgültig zu sein.
Sich nicht aufschaukeln lassen, sondern anderen Halt geben.
Solches Vertrauen kann ansteckend sein – im besten Sinn.
Es hilft, klar zu bleiben, offen, freundlich, menschlich.
Und es schenkt Freiheit: die Freiheit, hinzuschauen, was wirklich ist –
aber auch zu sehen, was gut ist.
Die kleinen Lichtblicke, die Chancen, die Wege, die sich auftun.
Gerade in einer Zeit, in der so viel verdreht wird – „alternative Fakten“, Fake News, Misstrauen überall – braucht die Welt Menschen, die feststehen.
Die ehrlich sind, realistisch, aber nicht hoffnungslos.
Menschen, die glauben, dass Vertrauen stärker ist als Angst.
Wenn uns das gelänge – im Großen wie im Kleinen –
dann hätten wir tatsächlich ein Stück Himmel auf Erden.
Und das wäre ganz im Sinne Jesu.
Lasst uns heute dafür beten. 

Alois Balint
09.11 - Weihetag der Lateranbasiloka - Gedanken zu Joh 2,13-22

An diesem Tag feiert die katholische Kirche das Kirchweihfest der ehrwürdigen Lateranbasilika – vor 1701 Jahren eingeweiht – und das „ersetzt“ (oder, sagen wir ehrlich, verdrängt) jedes Jahr, so auch heuer, den 32. Sonntag im Jahreskreis. Heute ist also ein Festtag, der auf den ersten Blick weit weg scheint von unserem Alltag: die Weihe der ersten Papstkirche in Lateran, damals etwas außerhalb von Rom. Ein altes Gemäuer, viel Geschichte, viel Stein.
Und doch: In diesem Fest steckt etwas, das uns ganz nah kommt – wenn wir uns trauen, genau hinzuhören. Denn im heutigen Evangelium begegnet uns Jesus nicht als der sanfte Tröster oder ruhige Lehrer, sondern ziemlich aufgebracht. Er geht durch den Tempel – und da fliegen sprichwörtlich die Tische. Er wirft Händler hinaus, macht Lärm, sorgt für Aufsehen. Man könnte sagen: Jesus räumt mal ordentlich auf. Nicht mit Besen oder Staubsauger, sondern mit klarer Ansage. Warum? Weil der Tempel – der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren sollten – zu einem Platz geworden ist, wo es mehr um Profit als um Begegnung geht. Mehr um religiöses Geschäft als um gelebte Gottesbeziehung. Und Jesus greift ein. Nicht halbherzig, sondern mit voller Konsequenz. Die Leute verstehen ihn nicht. Sie wollen Beweise, eine Legitimation. Und Jesus antwortet mit einem rätselhaften Satz: „Reißt diesen Tempel nieder – in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Ein Satz, der provoziert. Und doch meint Jesus mehr als Steine und Mauern. Er meint sich selbst – sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung. Der eigentliche Tempel, so sagt Jesus, ist der Mensch, der im Innersten verbunden ist mit Gott und mit anderen.
Und das ist der Kern: Nicht der Ort allein macht den Glauben aus, sondern die gelebte Beziehung – zu Gott und zueinander. Heißt das also: Brauchen wir keine Kirchen mehr? Keine Basilika, keine Bankreihen, keinen Altar? Doch – wir brauchen sie! Aber nicht als Museen, nicht als fromme Kulisse. Sondern als Lebensräume: Als Häuser der Begegnung, wo man atmen kann. Wo man nicht das Gefühl hat, man müsse besonders heilig tun, sondern einfach Mensch sein darf – ehrlich, echt, ungeschminkt. Wir brauchen Orte, wo der Himmel aufblitzt – im Gebet, im Brotbrechen, im Zuhören und im Schweigen.
Aber auch da, wo gelacht wird. Wo Kinder durch die Bänke huschen. Wo jemand nach der Messe sagt: „Komm, wir trinken noch einen Kaffee zusammen.“ Da fängt Kirche an zu leben. Aber: Der Glaube lebt nicht vom Gebäude. Er lebt durch dich. Durch mich. Durch uns. Wir sind der lebendige Tempel – sagt Paulus. Und das ist nicht nur ein schönes Bild, sondern ein Auftrag. Papst Benedikt hat einmal gesagt: „Wer glaubt, ist nie allein.“ Das stimmt. Aber das Evangelium von heute fügt noch hinzu: Wer glaubt, ist gerufen. Gerufen, mitzugestalten. Mitzutragen. Nicht auf der Zuschauertribüne – sondern mittendrin auf dem Spielfeld des Lebens. Glaube ist kein Zuschauersport. Glaube ist ein Mitgehen. Ein Mitbauen. Ein Mit-leben. Wir können Mauern errichten – oder Brücken. Wir können Menschen verurteilen – oder sie in die Mitte holen. Wir können uns hinter Ritualen verstecken – oder sie füllen mit Herz, mit Geist, mit echtem Leben. Also: Lasst uns die Kirche nicht nur besuchen, sondern Kirche sein. Nicht nur in der schönen alten Basilika – sondern überall dort, wo echte Begegnung geschieht. In der Küche, im Büro, im Klassenzimmer, im Pflegeheim oder an der Supermarktkasse. Nicht nur sonntags – sondern mitten im Alltag, auch wenn’s mal stressig oder chaotisch wird. Denn Gott wohnt nicht in Steinen. Gott wohnt dort, wo Menschen sich öffnen – wo sie teilen, glauben, hoffen, lieben. Wo aus dem Ich ein Wir wird. Wo aus Raum ein Zuhause wird. Und manchmal, ganz leise, auch da, wo jemand sagt: „Heute hab ich eigentlich gar keine Zeit – aber für dich schon.“

 Alois Balint
02.11 - Allersselen

Um in der heutigen Zeit gut leben zu können, gehört: sich kraftvoll nach mehr Leben auszustrecken. Die meisten von uns möchten besser leben, länger und sicherer leben, vor allem intensiver leben. Dass es auch ein Sterben gibt, nehmen wir widerwillig zur Kenntnis, vielleicht auch etwas ängstlich, weil sich hier ein Bereich auftut, der uns nicht vertraut ist, uns nicht vertraut sein kann, der uns sogar Schrecken einjagt. Wenn wir uns üblicherweise damit trösten, dass erfreulicherweise unsere Zeit des Sterbens noch nicht gekommen ist, konfrontiert uns das Fest Allerseelen heute doch mit dem Sterben. Am Fest Allerseelen geht nicht nur um den Prozess des Sterbens von mir bejahend anzunehmen, um das Wissen, dass die mir zugedachte begrenzte Zeit, der Tod eine allerletzte Geburt, das Leichentuch unsere letzte Windel, ist. Ja, am Fest Allerseelen geht es gar nicht so sehr um den Tod, sondern eher um die Toten? An einem solchen „Fest", besser: an einem solchen Gedenktag, sind wir Christen etwas schuldig - unseren Toten, und uns selber. Unseren Toten, ihnen etwas schuldig?  - vielleicht - das Gebet um ihre Ruhe in Gott. „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe," so beten wir, wann immer wir der Verstorbenen gedenken. „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe,". So lautet auch das liturgische Gebet der Kirche: beim Begräbnis, beim Requiem, bei allen heutigen Allerseelengottesdiensten. Wenn wir an die hektische Lebenszeit manch unserer lieben Verstorbenen denken, ist es ein sehr sinnvolles Gebet. Zu fragen ist allerdings, ob wir dabei an die richtige Ruhe denken. Nicht gemeint ist die Körperliche Ruhe ihres Lebens. So da, bei dem Gebet „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe" an die Grabesruhe, an die Ruhe des Körpers, an einen Zerfall, das Erkalten, Erstarren, Auflösen und Verwesen zu denken, ist nicht im eigentlichen Sinn gemeint, sondern wir beten, um diese Ruhe in der sich die Seele unserer lieben Toten, Gott uneingeschränkt zuwenden kann. Genauer dann gesagt: „Herr, gib ihr (der Seele) die ewige Ruhe!" Zumeist, im nächsten Gebet, beten wir: „Und das ewige Licht leuchte ihnen!" Was ist das für ein Licht? Jesus sagt selbst, dass wir im Himmel Gott schauen werden (Mt 5, 8). Dass wir Gott in seinem Licht sehen werden. Das heißt nicht, dass wir Gott wie mit diesen unseren irdischen Augen schauen können. Da Gott Geist ist, ist das unmöglich, auch wenn viele Nahtodberichte, Bilder in der Kunst, uns durch solche Darstellungen dieses näher bringen möchten. Gott im Himmel von Angesicht zu Angesicht schauen (Ps 42, 3), das heißt: die Seele wird auf ihre Weise im Jenseits Gott unmittelbar erkennen: sein Dasein, seine Schönheit, seine Güte, seine Liebe (Röm 11, 22). Das beinhaltet das Wort: „Gott schauen (können) von Angesicht zu Angesicht" (Ps 17, 15). Das vermag die Seele jedoch nicht aus eigener Kraft. „Ewiges Licht“ ist das Bild für die Stärkung, die die Seele fähig macht, Gott zu schauen. Gott als ein Gott des Lichtes befähigt dieses Licht zu schauen. Der Psalmist betet: „In Deinem Licht schauen wir das Licht" (Ps 35, 10). Darum ist es sehr passend, wenn wir für die Verstorbenen beten: „Das ewige Licht leuchte ihnen!" Das Gebet schließt: „Herr, lass sie ruhen in Frieden!" Friede - ein Zauberwort, das die Hoffnung und Sehnsucht der Menschen, nicht nur in unseren unruhigen, sondern aller Zeiten, widerspiegelt. Den Frieden mitmenschlichen Verstehens - so erstrebenswert er ist - meint das Gebet jedoch auch nicht. Das würde zu kurz greifen. Vielmehr ist jener innere Frieden angesprochen, der in der totalen Übereinstimmung des Geschöpfes mit Gott besteht. In der Gründonnerstagnacht verspricht Jesus den Jüngern seinen Frieden: „Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch" (Joh 14, 27). Den Aposteln sagt er nach seiner Auferweckung: „Der Friede sei mit euch!" (Lk 24, 36; Joh 20,19. 21. 26). Dieser Friede kennt keine Störung. Er übersteigt alle menschlichen Vorstellungen. Es ist der Friede in der Geborgenheit Gottes, und den wünschen wir den Verstorbenen, wenn wir beten: „Herr, lass sie ruhen in Frieden!" In den Novembertagen kreisen die Gedanken oft (Allerheiligen, Allerseelen, Buß- und Bettag, Volkstrauertag und Totensonntag) um unsere Verstorbenen. Wir besuchen auf dem Friedhof die Gräber von Verwandten und Freunden. Dabei bedürfen die Verstorbenen nicht unseres Trübsinnes, noch unseres späten Lobes. Was sie brauchen ist unser Gebet. Nachhaltig ist auch für uns diese Zeit, wenn wir nicht nur in Wehmut über die fallenden Blätter, verblühende Blumen, verwelkte Menschenleben, sondern, wenn wir als Christen über das Grab hinaus, auf unsere „ewige Ruhe“ auf unsere Frieden im ewigen Licht Gottes, schauen würden. Wie wäre es denn, wenn wir damit anfangen wollten, etwas heiliger zu werden? Dadurch sammeln wir im Himmel Schätze. Wir würden bestimmt mutiger im Gebet und daraus bestimmt größere Hoffnung gewinnen können. Die Antwort auf viele Gebete werden wir erst im Himmel erfahren können. Wir werden alles in Klarheit erkennen und sehen, was kleine unscheinbare Gebete bewirkt haben. Wir werden erkennen, wie wir durch unsere Fürbitten verbindende Zeugen für Gottes Wunder, und mutige Bereiter von unserem eigenen Himmel, geworden sind. Um ewig zu leben, müssen wir sterben können. Du Gott, als Herr über Leben und Tod schenke unseren Verstorbenen – und einst auch uns - Ruhe, Licht und Frieden! Amen.

Paul Kollar 
01.11 - Allerheiligen

„Mein Heiliger heißt Hermann“, hat mir mal jemand erzählt. Heute ist der Tag aller Heiligen. Es gibt viele berühmte Namen und Geschichten. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. Der erste Johannesbrief (3,1) nennt sie „Kinder Gottes“. Allerdings Kinder, die die Welt nicht erkennt. Manche Briefschreiber im Neuen Testament legten große Wert darauf, dass Christen anders sind. Manchmal hat man das Gefühl, die Christen sind damals auch etwas zu kühn und etwas zu laut aufgetreten. Man krempelt die Welt nicht um, weil man meint, etwas besser zu wissen. Man darf nicht auch noch stolz darauf sein, ein „Kind Gottes“ zu sein – und posaunt es am besten auch nicht in die Welt hinaus. Heilige sind eher still. Sie tun ihr Tun der Liebe – sonst aber bilden sie sich auf nichts etwas ein. Allerheiligen ist kein Einbildungstag. Für niemanden. Es ist ein Tag der Dankbarkeit. Gott sei Dank lassen sich Menschen von Gott anstiften. Anstiften zur Hoffnung. Und zur Liebe. „Mein Heiliger heißt Hermann“, hat mir mal jemand erzählt. Er wohnte mal bei mir um die Ecke, sagte mir der Mann. Ich kannte ihn eigentlich nur flüchtig. Bis seine Frau starb. Da lernten wir uns kennen. Beim Kaffee nach der Beerdigung. Hermann hatte Schreiner gelernt, ist dann aber Kraftfahrer geworden. Als er gerade Rentner wurde, ist seine Frau gestorben. Sie wollten noch viel machen. Es gab Pläne. Aber der Krebs war schneller. Hermann hat viel geweint damals. Ein paar Monate nach der Beerdigung seiner Frau war ich dann nochmal bei ihm, erzählte mir der Mann. Da waren seine Tränen etwas weniger geworden. Er hat damals etwas Leises und Schönes gesagt, was ich nie mehr vergessen habe. Seitdem ist er mein Heiliger. Hermann hatte gerade Kaffee eingeschenkt und dann plötzlich gesagt: „Der Schmerz kann dich klein machen, aber die Hoffnung macht dich wieder groß.“ Wie leise er das gesagt hat, wie nebenbei hingeraunt. Und wenn er es irgendwo gelesen hatte, gab er es überzeugend wieder. Als hätte er selber die Hoffnung erfunden. Was wohl manchmal nötig ist. Heilige sind Menschen mit Hoffnung, ob sie berühmt sind oder nicht. Ich habe noch eine Weile bei Hermann gesessen, erzählt mir der Mann. Es tat ihm weh, dass seine Frau tot war. Aber ein Pflänzchen Hoffnung war doch wieder da. Was das war, weiß ich nicht mehr. Ich glaube aber, sagte der Mann, Hermann hatte etwas im Herzen, das ihn beruhigte. Er könnte gefühlt haben, dass Gott ihm nichts Böses tun will. Auch wenn es böse aussieht. Das tat es ja. Seine Frau wurde ihm genommen. Aber irgendwann könnte Hermann ja gedacht haben: Es soll jetzt so gut sein, wie es ist. Meine Frau ist im Himmel versorgt. Sie hat keine Schmerzen mehr. Und ich lasse mir helfen. Von den Kindern. Und den Freunden im Verein. Die sind für mich da. Besonders die eine, sehr liebe Frau. Es soll jetzt so gut sein, wie es ist. Hermann merkte wohl, sagte mir der Mann, wie Hoffnung neu wachsen kann. Vielleicht von Gott gesät. Und sagt dann, was nur ein Heiliger sagen kann: „Der Schmerz kann dich klein machen, aber die Hoffnung macht dich wieder groß.“ „Mein Heiliger heißt Hermann“, sagte der Mann. Und Sie, liebe Gemeinde, kennen Ihre Heiligen. Es können berühmte Heilige oder sogar weltberühmte sein; es können aber auch Unbekannte und sogenannte Unscheinbare sein. Zum Glück gibt es Unscheinbare nur in unserer Sprache – nicht aber im wirklichen Leben. Jeder Mensch strahlt etwas aus. Nicht immer etwas Gutes, Gott sei’s geklagt. Manche aber strahlen Hoffnung aus. Das sind Heilige. Sie bringen Hoffnung in die Welt, in unsere Alltage. Sie bringen, was Gott uns gibt: Zuversicht für das Leben mit ihm. Das ist oft kein leichtes Leben, weiß Gott nicht. Viele Menschen haben Fragen an Gott, auch Vorwürfe wie einst Hiob. Warum, Gott, müssen Menschen leiden? Das fragen Menschen mit Recht. Und erhalten oft keine Antwort oder können eine Antwort nicht verstehen. Aber dann kommt ein Heiliger oder eine Heilige – wie von nebenan. Er oder sie stiftet Hoffnung, bringt Trost, auch etwas Mut. Trost, hat mal jemand gesagt; Trost ist zu 90 % da sein und zu 10 % eine gute Suppe. Im Zuhören und in der Suppe liegen Hoffnung. Heilige sind Menschen, die Hoffnung bringen. Durch Hilfe, durch Lächeln oder Zuhören. Das war in der Geschichte der Kirche schon immer so. Heilige haben Hoffnung – über die Welt hinaus. Keiner von ihnen hatte den Vorsatz, weltberühmt zu werden. Einige wurden es trotzdem. Wir müssen es nicht. Es genügt zu hoffen. Und Hoffnung weiterzugeben. Nicht mit dummen Worten wie „Ach, das wird schon wieder“, sondern mit freundlichem da sein und sich kümmern, soweit nötig und möglich. Fürsorge für Menschen ist Gottesdienst. Einer der schönsten, den wir neben der Eucharistie feiern können. Jeden Tag. Überall. Tun wir es. Seien wir Hoffnung für andere. Dann freuen sich alle Engel. Vielleicht schauen sie auch mal vorbei.

Michael Becker
26.10 - 30. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 18,9-14

Vorne oder lieber hinten sitzen? In unseren Kirchen darf man sich ja meist hinsetzen, wo man möchte. Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht – wo sitzen Sie am liebsten? Ich gebe zu: Wenn ich im Urlaub in eine fremde Kirche gehe, dann setze ich mich lieber weiter hinten hin. Ganz vorne – das fühlt sich irgendwie zu „offiziell“ an. Warum eigentlich? Habe ich Angst, zu nah dran zu sein am Geschehen? Oder will ich vermeiden, dass mir jemand beim Beten zuschaut? Vielleicht auch: Ich möchte einfach etwas Abstand – und einer der Ersten sein, die nach dem Segen wieder draußen stehen. Das heutige Evangelium erzählt auch von zwei Männern, die zum Beten in den Tempel gehen. Beide wollen Gott begegnen – und doch sind sie ganz verschieden. Jesus lässt uns ganz nah hinschauen, fast mitten ins Herz hinein. Zwei beten – aber auf völlig unterschiedliche Weise. Wenn wir ehrlich sind, sehen wir uns selbst ein bisschen in beiden wieder – im stolzen Pharisäer und im schamhaften Zöllner. Und Jesus? Er erzählt das Gleichnis nicht, um uns jemanden madig zu machen, sondern damit wir lernen, wie Gott uns anschaut: liebevoll, barmherzig – ohne diese ständigen Vergleiche. Darum dürfen wir sagen: „Ja, Gott, hier bin ich – mit allem, was ich bin, mit allem, was schiefgeht. Sei du barmherzig mit mir.“ Der heutige Vergleich ist aber gefährlich. Dieses Gleichnis kennen viele von uns seit Kindertagen. Und fast automatisch fühlen wir uns auf der Seite des Zöllners, des Demütigen. Aber Jesus lädt uns ein, auch den Pharisäer ehrlich anzuschauen. Der Pharisäer ist ja kein Böser. Im Gegenteil: ein ernsthafter, frommer Mann, der Gutes tut, der betet, der fastet, der spendet. Aber: Er vergleicht sich. „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie der da hinten.“ Das klingt vielleicht sogar harmlos – wer denkt nicht manchmal so? „Zum Glück bin ich nicht so wie der Nachbar …“ oder „Ich würde das ja nie so machen.“ Und schon hat sich dieser kleine, gefährliche Gedanke einge-schlichen: Ich bin besser. Der Zöllner dagegen hat gar nichts vorzuweisen. Er steht hinten, beschämt, klein, leer. Er kann nur noch sagen: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Und genau das öffnet sein Herz. Er hängt – im wahrsten Sinne des Wortes – am Tropf der Liebe Gottes. Er weiß: Nur Gott kann ihm neuen Wert schenken. Gut und schön, aber die wichtige Frage bleibt: Wie gehen wir heute nach Hause? Ich frage mich: Ja, wirklich wie gehen wir nach diesem Gottesdienst wieder hinaus? So wie wir gekommen sind? Oder vielleicht ein kleines Stück verwandelt? Vielleicht nehmen wir ja etwas mit – eine neue Sicht auf uns selbst. Vielleicht hören wir innerlich diesen Satz: Vergleich dich nicht – Gott schaut dich liebevoll an, so wie du bist. Habe ich während der Messe auf jemanden herabgeschaut? Mich über jemanden geärgert oder besser gefühlt? Dann darf ich das loslassen. Denn vor Gott müssen wir nicht glänzen. Wir dürfen einfach ehrlich sein. Gott braucht keine großen Worte, kein besonderes Auftreten. Er sucht das offene Herz. Und er sieht uns an – freundlich, geduldig, barmherzig. Darum: Legen wir heute innerlich die Waffen nieder – dieses ständige Bewerten, das Schielen nach rechts und links. Schauen wir lieber mit dem Blick Jesu: mit Nachsicht, mit Verständnis, mit Liebe. Denn alle – die Engagierten und die, die sich schwer tun mit dem Glauben – leben von seiner Zuneigung. Und ich wünsche uns, dass dieser barmherzige Blick Gottes uns heute trifft. Dass wir erleichtert nach Hause gehen – mit einem weiten Herzen und einem kleinen Lächeln.

Alois Balint
19.10 - 29. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 18,1-8

Aua – das hat gesessen!
Eine schallende Ohrfeige – natürlich nur im übertragenen Sinn.
Ein mächtiger Richter bekommt plötzlich Gegenwind.
Von einer Frau, die ihm ordentlich auf die Nerven geht.
Diese Witwe steht ihm ständig auf der Matte.
Sie verfolgt ihn – in seinen Gedanken, vielleicht sogar in seinen Träumen.
Und irgendwann denkt er:
„Ich fürchte weder Gott noch Menschen – aber diese Frau bringt mich um den Verstand!
Na gut, soll sie kriegen, was sie will!“
Respekt vor dieser Frau!
Sie hat nichts.
Kein Geld.
Keine Beziehungen.
Kein Ansehen.
Aber sie hat Ausdauer.
Sie glaubt an ihr Recht.
Sie lässt sich nicht einschüchtern.
Und genau das macht sie stark.
Dieses Gleichnis ist ein echter Mutmach-Text.
Für alle, die manchmal denken: „Es hat doch eh keinen Sinn.“
Jesus erzählt es, um uns zu zeigen:
Beharrlichkeit lohnt sich – im Leben, aber auch im Glauben.
Wenn schon ein ungerechter Richter sich erweichen lässt,
wie viel mehr wird Gott das Gebet seiner Kinder hören!
Jesus lädt uns ein, zu beten – aber nicht brav und leise,
sondern leidenschaftlich, ehrlich, unermüdlich.
Betet, sagt er, „Tag und Nacht, hört nicht auf!“
Und genau das fällt uns heute schwer.
Wir leben in einer Welt der Sofort-Ergebnisse.
Ein Klick – und alles ist da.
Aber Gott liefert nicht per Express.
Beten heißt: warten, hoffen, dranbleiben.
So wie die Witwe.
Sie ist das Bild einer unerschütterlichen Hoffnung.
Sie glaubt: Da ist einer, der kann helfen.
Und sie lässt sich nicht abwimmeln.
Vielleicht ist der Richter ja manchmal gar nicht „da draußen“.
Vielleicht ist er in uns selbst.
Diese Stimme, die sagt:
„Du kannst nichts. Du bist nicht wichtig. Du schaffst das nie.“
Diese Stimme verurteilt uns – aber sie hat Unrecht.
Denn Gott spricht anders.
Er sagt: „Du bist mein Kind.
Komm ruhig mit deiner Bitte.
Immer wieder.
Ich höre dich.“
Beten ist kein Schönwetter-Hobby.
Kein frommes Pflichtprogramm.
Sondern ein Ringen.
Mit Gott. Mit dem Leben.
Mit uns selbst.
Und dieses Ringen verändert uns.
Nicht immer die Situation –
aber uns.
Vielleicht erhört Gott unser Gebet nicht so, wie wir es wünschen.
Aber das Gebet selbst verwandelt uns.
Es schenkt Frieden.
Es macht frei –
frei von der Macht anderer,
frei von der Angst,
frei von der Resignation.
Wer betet, tritt ein in einen Raum, in dem Gott wohnt.
Einen Raum der Stille.
Der Freiheit.
Teresa von Ávila nennt ihn „die innere Burg“.
Dort drinnen haben all die zynischen Stimmen keinen Zutritt.
Dort bin ich geborgen.
Auch wenn das Leben draußen tobt.
Am Ende stellt Jesus diese furchtbare Frage:
„Wird der Menschensohn, wenn er kommt, noch Glauben finden?“
Ich höre das so:
Wirst du dranbleiben?
Wirst du weiter hoffen?
Weiter beten, auch wenn scheinbar nichts geschieht?
Die Witwe sagt mit ihrem ganzen Leben:
Ja, ich bleibe dran!
Und vielleicht ist genau das
das schönste Gebet überhaupt.

Alois Balint
12.10 - 28. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 17,11-19

Also, stellt euch vor: Früher, vor dem Schengen-Abkommen, waren Grenzen noch echte Grenzen. Hier in Kehl haben Sie das gut gekannt. Da stand ein Zöllner mit strengem Blick und Uniform, und wenn du „mal kurz rüber“ wolltest, hieß es: „Halt! Ausweis bitte!“ Damit die Kehler mir nicht böse werden, erzähle ich Ihnen eine Geschichte über einen Pfälzer. Er wollte damals ins Elsass – mit einer Schubkarre voller Sand. Die Zöllner denken natürlich: „Aha! Schmuggler!“ Sie durchwühlen den Sand – nix. Nächster Tag: wieder Schubkarre, wieder Sand, wieder nix. Am dritten Tag flippen sie fast aus: „Jetzt sagen Sie endlich, was Sie schmuggeln!“ Der Typ grinst: „Schubkarren.“ Tja, manchmal gucken wir ganz genau hin – nur halt an der falschen Stelle. So kann’s laufen, wenn man immer nur das Problem sucht. Manche finden Probleme an allen Lösungen. Misstrauen ist ja manchmal okay – niemand soll naiv durchs Leben dackeln. Aber zu viel Misstrauen macht das Leben eng und stickig. Man kann sich so in Kontrolle verbeißen, dass man das Menschliche verliert. Und Grenzen? Gibt’s ja überall. Nicht nur zwischen Ländern, sondern auch zwischen Leuten. So Sachen wie: „Die aus der anderen Klasse.“ „Die vom anderen Verein, vom andern Dorf“ „Die, die anders denken, oder die mit einem Akzent reden.“ Je öfter man „die“ sagt, desto weniger bleibt von „wir“. Jesus war ein echter Grenzsprenger. Schon als Baby musste er fliehen – über eine Landesgrenze, um zu überleben. Und am Ende wollten sie ihn draußen vor der Stadt loswerden. Aber Gott so: „Nö. Grenzen? Nicht mit mir.“ – Selbst der Tod wird gesprengt. Im heutigen Evangelium steht Jesus mal wieder an einer Grenze: zwischen Samaria und Galiläa – also so in etwa wie zwischen „den Guten“ und „den Komischen da drüben“. Da kommen zehn Aussätzige – quasi die „Unberührbaren“ von damals. Sie rufen: „Jesus, hilf uns!“ Er macht anscheinend nichts.  Er ruft nur zurück: „Geht zu den Priestern!“ Und während sie loslaufen, werden sie gesund. Wahrscheinlich, weil sie loslaufen. Nicht erst, wenn sie ankommen – sondern schon unterwegs sind sie geheilt. Heilung passiert, wenn man losgeht. Wenn man vertraut. Nur einer kommt zurück, um Danke zu sagen. Und klar – der, von dem es keiner erwartet hätte: ein Samariter, also der „Falsche“. Jesus sagt zu ihm: „Dein Glaube hat dich gerettet.“ Heißt: Nicht deine Herkunft, nicht dein Image, sondern dein Herz, dein Vertrauen zählt. Jesus baut keine Mauern, er reißt sie ein. Er redet mit Leuten, über die sonst nur geredet wird. Und vielleicht ist das die Challenge für uns heute: mal den inneren Schlagbaum hochklappen, die Schranke öffnen, und drüben nachschauen –vielleicht steht da gar kein Schmuggler, sondern einfach jemand, der genauso lachen, leben und glauben will wie du.  Lasst uns nicht wie die Zöllner sein, die im Sand wühlen und das Eigentliche verpassen. Hebt mal den Blick, klappt die Schranke hoch – denn wer immer nur Grenzen sieht, verpasst das Leben dahinter. Grenzen trennen – Vertrauen verbindet. Wenn wir wie Jesus mutig auf Menschen zugehen, werden aus Fremden Freunde und aus Misstrauen neues Leben. Unser Meister ist Jesus; der Erste, der alle Grenzen einfach überquert hat –ohne Pass, ohne Angst, ohne Vorurteil. Mach’s wie er: Lass die Schranke oben –und schmuggle ein bisschen Liebe rüber!

Alois Balint
05.10 - 27. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 17,5-10

Die Welt fühlt sich schwer an. Kriege, die nicht enden. Menschen, die fliehen und ihr Zuhause verlieren. Gesellschaften, die sich spalten in ein „wir“ und „ihr”, „ich“ und „du“, „mein“ und „dein“. Angst, Misstrauen, Härte – nicht nur auf den großen Bühnen der Politik, sondern mitten unter uns: am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, manchmal sogar in unseren Familien. Die eindringliche Bitte der Jünger an Jesus ist für mich nachvollziehbar. Tage, an denen die Welt schwer auf uns lastet, die kleine, ganz eigene Welt, wie auch die große, können durchaus auch zu einer Anfrage an unseren Glauben werden: Ist er in der Lage, uns durch die Zeit der Herausforderung zu tragen? Hat er tatsächlich die Kraft, Dinge zu verändern, so wie es das Evangelium anspricht? Vermag er die Welt in eine neue Richtung zu bewegen und uns selbst mit auf diesen Weg zu nehmen? Auf die Bitte der Jünger antwortet Jesus mit einem schlichten, eingängigen Bild, das deshalb nicht weniger provozierend wirkt: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzele dich und verpflanz dich ins Meer – und er würde euch gehorchen.” Ein starkes Bild, wie ich meine. Ein Baum, der sich aus der Erde reißt und sich ins Meer pflanzt – allein durch das Wort, allein durch den Glauben. – Können wir buchstäblich Bäume mit unserem Glauben versetzen? Hat er die Kraft, Mauern zu überwinden? Kann er unserer Hoffnung einen Grund geben in einer Zeit, die viele von uns nicht gerade zuversichtlich stimmt? Zumindest kann er einen Unterschied machen. Aus einem winzigen Anfang im Glauben kann eine mächtige Veränderung erwachsen. So wie aus einem kleinen Senfkorn etwas Großes entstehen kann. Ein aufbauendes Bild, meine ich. Ein Bild, dem seine Kraft anzuspüren ist. Ein Bild, das Mut macht. Denn auch ein kleiner Glaube kann Berge versetzen, kann die Welt verändern, Schritt für Schritt, Herz für Herz, Leben für Leben. Bei allem, was es über den Glauben zu sagen gibt, gilt eines: Glaube, wie ihn das Evangelium meint, ist zuallererst ein Vertrauen. Dabei ist nicht die Größe des Glaubens entscheidend, vielmehr seine Wahrhaftigkeit, seine Echtheit. Nicht unbedingt das Maß, sondern das Vertrauen auf Gott; ein Vertrauen, das sich selbst übersteigt. Jesus spricht seinen Jüngern Mut zu. Er sagt: Ihr müsst nicht alles können, ihr müsst nicht perfekt sein. Aber wenn ihr den Mut habt zu glauben, dann könnt ihr Dinge bewegen, von denen ihr nie gedacht hättet, dass sie möglich sind. Glaube sei die Entfaltung des Vertrauens in das Unsichtbare, meint Søren Kierkegaard in diesem Zusammenhang. Wenn wir uns in unserer Welt ohnmächtig fühlen – angesichts von Krieg, Klimakrise, Armut und Ungerechtigkeit, und auch angesichts ganz eigener persönlicher Herausforderungen – dann sagt Jesus: Dein kleiner Glaube kann einen Unterschied machen. Dein Einsatz für den Frieden zählt. Dein Mut, die Wahrheit zu sagen, ist nicht umsonst. Dein offenes Herz, das nicht verurteilt, sondern heilt – es verändert das Klima der Gesellschaft, Stück für Stück, von Mensch zu Mensch. Nicht immer sofort sichtbar. Nicht spektakulär. Aber wie ein feiner, wunderbarer Duft, der den Raum erfüllt, bevor man ihn überhaupt bewusst wahrnimmt, so breitet sich auch echter Glaube aus. Glaube wächst aus dem Kleinen. Er geht aus dem Unscheinbaren hervor: Ein tröstendes Wort in einer rauen Welt. Eine ausgestreckte Hand, wo andere sich abwenden. Eine Bitte um Vergebung, wo andere auf ihrem Recht beharren. Christlicher Glaube ist heute radikal aktuell. Er stellt sich gegen die Spirale der Angst und der Gewalt. Er stellt sich an die Seite der Schwachen. Er glaubt daran, dass Menschen sich ändern können. Er traut Gott zu, dass er aus unseren kleinen, brüchigen Versuchen etwas Großes wachsen lässt. Gott selbst ist es, der das Gute vollendet, das wir in seinen Anfängen zustandebringen. „Der wahre Glaube“ sagt Charles Péguy, „ist der Glaube an das Unmögliche, der Glaube, dass wir in den dunkelsten Zeiten der Welt einen Funken der Hoffnung finden können, der uns weiterträgt. Er ist der Glaube, dass wir aus den tiefsten Tälern des Lebens heraussteigen können, solange wir dem Ruf Gottes folgen.“Doch Jesus erinnert auch daran: Unser Glaube ist kein Zauberstab, kein Mittel, um die Welt nach unseren Vorstellungen zu formen. Wir bleiben Diener – Mit-arbeiter auf Gottes Baustelle der Hoffnung. Deshalb: Lasst uns heute nicht klein von unserem Glauben denken. Lasst uns glauben, dass wir durch Christus Bäume versetzen können – Bäume der Bitterkeit, der Ungerechtigkeit, des Hasses. Lasst uns glauben, dass Versöhnung möglich ist, wo Fronten unüberwindbar scheinen. Lasst uns glauben, dass Frieden wachsen kann, wo heute noch Krieg herrscht – in der Welt und in den Herzen. Denn: Der Glaube hat tatsächlich die Kraft, Dinge zu verändern, so wie es das Evangelium anspricht. Er vermag die Welt in eine neue Richtung zu bewegen und uns selbst mit auf diesen Weg zu nehmen. Glaube verändert die Welt, nicht durch laute Worte, sondern durch die Kraft der kleinen Taten, die im Vertrauen auf Gott geschehen. Und wir tragen diesen Glauben in uns. Lasst ihn wachsen, lasst ihn leuchten, lasst ihn in allem, was ihr tut, lebendig werden.

Thomas Diener
28.09 - 26. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 16, 19-31

„Es war einmal …“ – so fängt die Geschichte an, die Jesus erzählt. Fast wie ein Märchen. Nur: das Ende ist kein „Happy End“. Kein „… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Nein, bei Jesus bleibt es offen: Werden die Brüder des reichen Mannes ihr Leben ändern? Wir wissen es nicht. Und ehrlich: Warum sollten sie? Ihnen geht’s doch blendend! Täglich volles Buffet, dicke Autos (damals eben Pferd und Wagen), jede Menge Luxus. Sie haben alles – und sind so satt und zufrieden, dass sie gar nicht merken, dass es noch andere Dinge im Leben gibt. Andere Werte, andere Menschen. Leute, die dringend Hilfe brauchen würden. Aber davon bekommen sie nichts mit.
Die Bibel sagt: So zu leben ist, als würde man das Leben verpassen. Denn echtes Leben heißt nicht: „Ich und mein Spaß, ich und mein Konto.“ Echtes Leben heißt: Teilen, helfen, Liebe weitergeben. Geld und Macht machen oft blind. Sie ziehen dich so sehr in Beschlag, dass du das Wichtigste aus den Augen verlierst. Aber Gott lässt niemanden einfach so laufen. Er gibt uns Regeln, die helfen sollen – seine Gebote. Er schickt Leute, die wachrütteln – Propheten. So wie Amos, der in der ersten Lesung ordentlich schimpft: „Ihr Reichen, wacht endlich auf, sonst kracht es!“ Und schließlich schickt Gott sogar seinen Sohn. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben in Fülle habt.“ Mit anderen Worten: Gott gibt einfach nicht auf!
Und deswegen erzählt Jesus auch diese Geschichte. Er will die Pharisäer erreichen. Doch sie lachen ihn nur aus, als er sagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld.“ – „Na klar, ohne Geld läuft doch nichts!“ denken sie. Deshalb wählt Jesus drastische Worte: eine Geschichte, die so eindrücklich ist, dass man sie nie wieder vergisst:
Da ist dieser Reiche: immer fein gekleidet, Tag für Tag ein Riesenfest – als wär’s ständig Silvester. Vor seiner Haustür liegt Lazarus, arm, krank, aber niemand bemerkt ihn… Nachdem beide sterben, ändert sich die Lage: Zwischen ihm und Lazarus ist ein tiefer Abgrund. Niemand kann hinüber. Auch seine Brüder kann er nicht mehr warnen. Ganz schön drastisch, oder? Jesus erzählt sogar von Höllenqualen – was heute wahrscheinlich kein Prediger so deutlich sagen würde. Aber Jesus meint es ernst: Er will, dass die Leute aufwachen, raus aus ihrer Bequemlichkeit, rein ins Leben!
Und damit meint er nicht nur die Pharisäer – sondern auch uns. Denn mal ehrlich: Wie leben wir denn? Sehen wir den Menschen, der unsere Hilfe braucht – oder schauen wir lieber aufs Handy? Teilen wir etwas von unserer Zeit, oder sagen wir: „Sorry, keine Zeit, muss noch meine Staffel auf Netflix fertig schauen!“ Denken wir manchmal: „Ach, ich habe ja niemandem was Böses getan“ – und merken gar nicht, dass wir den Menschen übersehen, der direkt vor unserer Tür liegt?
Wie die Geschichte des Mannes, der nach dem Tod dem Petrus seine Hände zeigt und sagt: „Siehe, meine Hände sind rein, ich habe nichts Böses getan!“ „Ja“, sagt Petrus, „deine Hände sind rein, aber leer…“
Ja, wir sind oft satt, zufrieden, beschäftigt mit tausend Dingen. Manchmal so sehr, dass wir gar nicht merken, wie sehr wir eigentlich nur um uns selber kreisen. Und trotzdem: Gott gibt uns nicht verloren. Er klopft immer wieder an. Durch sein Wort, durch Menschen, die uns wachrütteln, durch Jesus selbst.
Ja, liebe Gemeinde, die Geschichte, die Jesus im heutigen Evangelium erzählt hat, sagt uns, dass sich Gott immer um uns bemüht und dass Gott unbedingt will, dass wir immer wieder umkehren zum wahren Leben, zu ihm – jetzt, bevor es zu spät ist.

Alois Balint
21.09 - 25. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 16,1-13

Es erstaunt uns nicht wenig, wenn wir im heutigen Evangelium hören, dass Jesus von einem Schurken und seinen Machenschaften spricht, um seinen Zuhörern etwas klar zu machen. Und dabei geht es ihm nicht um Abschreckung. Im Gegenteil: er führt ihnen die Konsequenz dieses untreuen Verwalters sogar als nachahmenswertes Beispiel an. Der Verwalter ist offenbar nicht zu Unrecht der Veruntreuung angeklagt worden. Auf jeden Fall weiß er schon nach der ersten Vorladung, dass er seine Stelle verliert. Was soll er nun tun? Um Erbarmen bitten? Klagen? Zuwarten und auf eine Überraschung hoffen? Die Augen schließen und schlafen? Der Verwalter lässt die noch verbleibende Zeit nicht ungenutzt verstreichen und überlegt, wie er sich eine standesgemäße Zukunft garantieren kann. Er lässt die Schuldner seines Herrn kommen und macht sie zu seinen Komplizen. So werden sie ihm immer zu Dank verpflichtet sein. Diesen durchtriebenen Verwalter stellt nun Jesus seinen Hörern – und uns – als Vorbild hin! Weshalb? Nicht weil er uns zur Gaunerei verführen möchte, sondern weil uns er dieselbe Entschlossenheit wünscht, die dieser Betrüger an den Tag legt. Der Verwalter gibt ein Beispiel, wie jemand in bedrohlicher Lage durch zielbewusstes Handeln seine Zukunft sichert. Er nützt die Zeit, die ihm noch bleibt, um sich eine sichere Basis für später zu schaffen. Muss nicht jeder Mensch, der erfolgreich sein will, etwas von den Charaktereigenschaften dieses Verwalters besitzen? Wer es zu etwas bringen will, geht zielbewusst vor. Wer beruflich aufsteigen will, darf kein Träumer sein, denn es sind doch normalerweise gerade die klugen und entschlossenen Leute, die es zu etwas bringen und damit die besten Aussichten auf eine gute Zukunft haben. Oft – leider all zu oft – schrecken solche Zeitgenossen auch vor unlauteren Mitteln nicht zurück. Wir brauchen nur an all das zu denken, was uns nun schon jahrelang in der Geldwirtschaft begleitet und allgemein belastet wegen der skrupellosen Gier einiger, die nicht reich genug werden können – auf Kosten der anderen. Dieses klare Denken, diese direkte Entschlossenheit fordert Jesus auch, aber nur für ganz andere Ziele. Viele Menschen – wir nicht ausgenommen – stellen sich nämlich dumm an, wenn es um das Ganze ihres Lebens geht. Sie verstehen sich zwar meist darauf, in konkreten Situationen jeweils einen Vorteil für sich herauszuschinden, aber was sie mit ihrem Leben als Ganzem anfangen sollen, wissen sie nicht. Sie leben in den Tag hinein und kommen doch nicht von der geheimen Angst los, sie könnten in ihrem Leben etwas verpassen und letztlich zu kurz kommen. Wir Christen brauchen dabei gar nicht nur an die ‚anderen’ zu denken, die ohne Gott und ohne Kirche aus-kommen wollen, denn wir unterscheiden uns grundsätzlich wenig von ihnen: Auch wir leben oft möglichst angepasst und weichen großen Entscheidungen aus. Aber vielleicht sind unsere klarsten Augenblicke die, in denen uns bewusst wird, wie eigentlich ‚unklar’ unser Leben verläuft. Das Vertrauen auf Gottes uneingeschränkte Liebe und die Hoffnung auf die neue Welt bestimmen und mobilisieren uns kaum. Sonst brächten wir es nicht fertig, Missverständnisse und Beleidigungen jahrelang nachzutragen und einander die Vergebung zu verweigern. Wir könnten dann auch nicht dem verbreiteten Irrtum verfallen, unsere gesicherte Existenz, unsere soziale Anerkennung in Beruf und Familie und unsere vielen Versicherungen gegen alle bösen Überraschungen könnten uns eine gute Zukunft garantieren. Ich habe kürzlich folgenden Satz gelesen, der des Nachdenkens wert ist:

„Vielleicht ist die Trägheit des Herzens, die Bequemlichkeit, die Halbheit, die Uninteressiertheit an den Intentionen Gottes und des Evangeliums eine größere Schuld der Christenheit als die bis in die Gegenwart reichenden Skandale, die sie sich geleistet hat. Vielleicht ist das der größte Skandal!“

Jesus stellt heute jedem von uns den klugen Verwalter als Beispiel vor Augen. Er lädt uns damit ein, einmal intensiv nachzudenken, was wir mit unserem Leben wollen. Lassen wir uns auf seine Sache ein? Nehmen wir ihm ab, dass sein Weg zum guten Ziel führt? Dann müssen wir entschlossen die Konsequenzen ins Auge fassen. Wenn wir dies nicht tun, könnte es sein, dass wir unsere Chancen verpassen. Wir müssten uns dann einmal sagen, dass wir selbst es waren, die unser Leben vertan haben. Wir haben es jetzt noch in der Hand.

Josef Belényesi
14.09 - 24. Sonntag im Jahreskreis - Fest der Kreuzerhöhung

Wie viele Kreuze es wohl gibt?  Allein in der Kirche sind es ganze viele: das Vortragekreuz, das Altarkreuz, die vielen gedruckten Kreuze im Gesangbuch, Kreuze die wir an Halskettchen tragen usw. Aber auch an den Wänden zu Hause, auf Berggipfeln und an Wegekreuzen, auf Sterbebildchen und Kunstbüchern gibt es Kreuze. Als Erkennungszeichen, als Logo, gibt es vermutlich kaum ein anderes Zeichen, das eine solche Verbreitung hat als das Kreuz:  und das rund um die Erde. Die Grundform ist denkbar einfach: die Horizontale, die Vertikale, - fertig. Gemalt, gedruckt, geschnitzt, gegossen, gezeichnet, graviert, tätowiert. Und das Verrückte am Christentum ist, dass die Botschaft vom Kreuz als „Frohe Botschaft“ verkündet wird, denn das ist die Bedeutung des griechischen Wortes »Evangelion/Evangelium« - Frohe Botschaft-. Jesus, der Sohn Gottes, muss die brutalste Hinrichtungsmethode der Römer erleiden. Und seine Anhänger machen ausgerechnet dieses Folter- und Mordinstrument, das Kreuz, zum Symbol ihres Glaubens an den gütigen und barmherzigen Gott. All diese zig Millionen Kreuze weltweit, stellen von der Bedeutung her, einen Zusammenhang, einerseits zu dem einen Kreuz, zum Kreuz Jesu, zu den historischen Balken, die die Römer zusammengebaut hatten um Verurteilte daran zu nageln oder zu binden. Die Millionen Kreuze stellen andererseits einen Zusammenhang her zum Tode Jesu, als einem Wendepunkt in der Geschichte; Kreuz, das den Tod als Durchgang zum Leben bei Gott sehen lässt für alle, deren Leben mit dem Kreuz bezeichnet ist in der Taufe, im Glauben an den Auferstandenen, im Kreuzzeichen beim Gebet. Die Bedeutung des Kreuzes Jesu geht weit über die historischen Holzbalken hinaus. Diese sind verschollen. In früheren Jahrhunderten galten sie aber als heilig, als greifbares Unterpfand, dass der Glaube keine Erfindung ist, sondern die Erlösung durch Jesus am Kreuz, eine greifbare historische Wirklichkeit ist. So hat man Holzsplitter als Reliquien aufbewahrt, und tut es heute noch, als Teil des originalen historischen Kreuzes, an dem Jesu zu Tode gekommen ist. Reliquienverehrung liegt uns heute eher fern, aber die Frage bleibt doch, wie sehr nicht auch wir im Glauben angewiesen sind auf Handfestes, auf Gegenstände, auf Greifbares. Das Christentum ist keine bloße Idee oder Philosophie oder Weltanschauung. Das Christentum hat einen historischen Anker. Es ist geschichtlich verortet in Palästina vor 2000 Jahren, in Jerusalem des Jahres 33 unserer Zeitrechnung" in den Geschehnissen rund um Tod und Auferstehung Jesu. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins scheint ein gutes Gespür gehabt zu haben für den Wert dieser Verankerung des Christentums in der Geschichte. 300 Jahre nach dem Tod Jesu am Kreuz, so wird berichtet, erkennt sie, in der Nähe der historischen Schädelstätte Golgota gefundenen Balken als Originalkreuz an. Und am 14. September des Jahres 335 wird dieser Balken erstmals öffentlich gezeigt als historisches Kreuzesholz, am Tag nach der Einweihung der ersten Kirche, die über dem Grab Jesu erbaut worden war.  Jerusalempilger kennen den Ort. Dieses Zeigen des Originalkreuzes ist der Ursprung des Festes der Kreuzerhöhung: das erste Zeigen, Erhöhen des Kreuzes. Nun aber, wo ist dieses Holz heute? Es wurde in kriegerischen Auseinandersetzungen 628 verloren, an die Perser; dann wiedergewonnen und feierlich wieder an seinen Platz in Jerusalem zurückgebracht. Und dann erfolgte das Aufteilen, das Abnehmen von Splittern, das Verteilen in alle Herren Länder. Und gerade dadurch wird Entscheidendes gewonnen: Nicht nur an einem Ort, nicht nur am historischen Ursprungsort materialisiert sich der Glaube an die Erlösung, sondern überall wo Menschen im Zeichen des Kreuzes leben, wo Menschen im Zeichen des Kreuzes glauben, wo Menschen im Zeichen des Kreuzes hoffen. Die Spur Jesu ist eingegraben in die Geschichte der Menschheit und daraus nicht zu entfernen. So sehr wir uns strecken nach der Unendlichkeit Gottes, so sehr wir ihn außerhalb der Raumzeit uns vorstellen, so sehr ist die Spur Jesu in aller Konkretheit eingraviert in die Menschheitsgeschichte. In dieser Spannung bewegen wir uns als Glaubende zwischen dem handfesten Greifbaren und dem unbegreiflichen Überirdischen. Ecce lignum crucis - Seht das Holz des Kreuzes. So heiß es in der Karfreitagsliturgie. Der heutige Festtag hat einen Bezug zum historischen Kreuz, an dem Jesus mit Haut und Haar, mit Fleisch und Blut gehangen und mit dem Tod gerungen hat. Die Vorstellung, dass Splitter in der ganzen Welt verteilt sind, hat eine eigene Symbolkraft. Wie Salzkörner sich in der Suppe verlieren und diese verändern, so löst sich das Kreuz Jesu auf in die Menschheitsgeschichte, gibt ihr den Geschmack des Erlöstseins, das alle Brutalität und Gewalt hinter sich lässt, und ein Vorgeschmack des Himmels ist, eines Lebens ALLER, in Gottes wunderbarem Garten. Das historisch greifbare Holz ist uns entzogen. Wir verehren nicht Vergangenes, sondern begeben uns im Glauben in diese symbolische Spannung: Wir sind eingebunden zwischen dem, was damals war, und dem, was einmal sein wird und dabei stehen wir ganz im Hier und Jetzt, als Erlöste unter dem Kreuz. Wir sind ganz Leib und wir sind ganz Seele. Wir wissen, wo wir herkommen und sind ganz in die geschichtliche Evolution des Lebens auf der Erde eingebunden; und zugleich sind wir auf den Himmel ausgerichtet, auf das Ziel des Menschseins, auf das himmlische Jerusalem. Aber so sehr wir Christen versuchen uns auszurichten auf die unfassbare Liebe Gottes, die wir in uns tragen, so wenig heben wir ab, sondern bleiben fest in der Spur, die der historische Jesus gelegt hat und von der das Kreuz, das historische Kreuz, Zeugnis gibt. In dieser Spannung stehen unsere Glaubenssymbole: das Kreuz, das Kreuzchen an Ihrer Halskette. Jedes Kreuz steht zwischen Tod und der Verheißung einer Erlösung von allem Leid und allem Tod im Himmelsgold. Das Fest der Kreuzerhöhung ist von seinem Ursprung her, ein Zeigen und ein Anschauen des Kreuzes, ein Wahrnehmen, ein Wahrhaben-Wollen, dass wir als Glaubende Greifbares nehmen, um das Unbegreifliche Realität sein lassen. Wir sind noch unter dem Kreuz und schauen schon hinüber, über das Kreuz – in das Licht des verherrlichten Lebens, wohin wir unterwegs sind. Heilig Kreuz warst wert zu tragen, aller Sünden Lösegeld, du die Planke die uns rettet aus dem Schiffbruch dieser Welt. Lob und Ruhm sei ohne End, Gott dem höchsten Herrn geweiht einen Gott in drei Personen, lobe alle Welt und Zeit. Amen!

Günther-Diether Loch
07.09 - 23. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Phlm 9b-10.12-17

Zuweilen passiert es aus Versehen: Uns flattert ein Brief ins Haus, wir schauen nicht auf den Umschlag, reißen ihn hastig auf, beginnen zu lesen und merken: Er ist gar nicht für uns bestimmt. Mir ist es peinlich, einen Privatbrief zu lesen, der gar nicht an mich gerichtet ist, ich weiß um das Briefgeheimnis und bin doch neugierig. Darf ich in dieses Geheimnis eindringen und eintauchen in eine fremde Korrespondenz? So geht es uns heute mit diesem kürzesten und vielleicht persönlichsten Brief, den Paulus geschrieben hat. Wir geraten in eine fernschriftliche Privatkorrespondenz hinein. Der Kirche flattert ein Schreiben ins Haus, das Paulus wohl im Jahre 56 aus dem Gefängnis oder dem Hausarrest in Ephesus eigenhändig in das nicht so weit entfernte Kolossä zu einem befreundeten reichen Christen namens Philemon geschrieben hat, den Paulus bekehrt hat und der seinen Sklaven Onesimus verloren hat. Paulus hat ihn im Gefängnis kennengelernt und zu Christus und in die Taufe geführt. Der junge Mann wurde ihm zum Freund und Helfer, ist ihm ans Herz gewachsen. Doch der Apostel darf diesen Sklaven nicht „behalten“, er muss ihn „zurückgeben“, sonst macht er sich strafbar, und dem jungen Mann drohen schwerste Strafen. Sklaven galten in der Antike als „beseelter Besitz“. Onesimus ist also rechtmäßiger „Besitz“ des Philemon. Diesen mit Herzblut geschriebenen Brief wird der Apostel dem geflüchteten Sklaven mitgeben, wie ein Empfehlungsschreiben, ein Schutzbrief, ein Bittbrief. Ein sehr sympathisches Schreiben in einem wohlwollenden Ton, in dem Paulus beinahe wie ein Privatmann, gar nicht mit apostolischer Autorität und moralinsaurem Druck und besserwisserischem Anprangern auftritt, sondern werbend, leise appellierend: Briefliche Seelsorge. Bedenke, guter Freund Onesimus, wer du bist – und dein Sklave! Paulus solidarisiert sich mit beiden, dem Sklaven und seinem Herrn. Diese kleine Privatkorrespondenz, die es in die große Heilige Schrift geschafft hat, ist ein Kleinod, ein frühes Beispiel christlicher Ratgeberliteratur. Wir sollten ihn ganz lesen und erkennen: Der Glaube bewährt sich in konkreten Situationen – oder gar nicht! Paulus bittet an Christi statt: Lieber Philemon, dieser junge Haussklave ist dein geistlicher Bruder, er gehört in dein Haus, deine Hausgemeinde, du teilst mit ihm dasselbe Taufgeheimnis. Onesimus, spring über deinen Schatten, entscheide aus Glauben anders, als es das geschriebene Gesetz dir erlaubt, lass dir vom Geist einen Ruck geben, höre auf dein Herz, sei also weitherzig, großzügig, „frei in Christus“ und folge der Stimme des Glaubens. Onesimus ist nicht dein Leibeigener, sondern dein vom selben Herrn geliebter Bruder. Wir gehören alle dem Einen, Christus. Auf uns allen liegt derselbe Glanz von seinem Licht. Lass Onesimus teilhaben an eurer Hausgemeinschaft, eurer kleinen Hauskirche. Im Hören auf diese Lesung ist das Briefgeheimnis aufgehoben. Was geht uns jedoch der Einblick in diese Korrespondenz heute an? Geht das Schreiben uns an, die wir, Gott sei Dank, in einer sklavenfreien Gesellschaft leben? Was kann die aktuelle „Botschaft heute“ darin sein? In diesem winzigen Schreiben wird ein Thema angesprochen, mit dem sich Christen und die christlichen Kolonialmächte nicht mit Ruhm bekleckert haben. Auch Paulus ist Kind seiner Zeit (vgl. 1 Kor 7,20-23), und dieser Brief des prominenten Apostels hat leider nicht die gewünschte Sprengkraft entwickelt und nicht zur Abschaffung des unmenschlichen Menschenhandels und der brutalen Zwangsemigration geführt. Im Gegenteil, in den USA wurde diese Briefstelle oft als Argument für die Sklavenhaltung missbraucht. Wie mühsam war es, im 18. und 19. Jahrhundert das sklavistische System, den gewinnträchtigen afrikanischen Sklavenhandel abzuschaffen? Welche Schuld haben die europäischen Mächte auf sich geladen, als sie geschätzte 12 Millionen Afrikaner unter unmenschlichen Bedingungen als menschliche Frachtgüter über den Atlantik in die „Neue Welt“ deportiert und in Amerika die Ureinwohner versklavt haben?! Als Prediger muss ich aufpassen, dass ich nun nicht moralisiere. Dann fiele ich hinter den wohltuenden Stil des Paulus zurück. Und doch frage ich uns, die wir heute Einblick bekommen in einen uralten Privatbrief: Wie leben wir in unseren Gemeinden zusammen? Auch da gibt es Spannungen und ein unausgesprochen hierarchisches Gefälle, man schaut auf Herkunft, Stellung und Einkommen, macht Statusunterschiede, gewährt Ehrenplätze, Extrawürste, Sonderbehandlungen und Privilegien … Das Ideal einer Hauskirche, an das Paulus Philemon erinnert, ist auch bei uns noch ein „Kirchentraum“. Paulus schärft mein Gewissen. Ich gehöre nicht einem anderen, darf den Nächsten wie einen nützlichen Gegenstand verzwecken und missbrauchen, ich gehöre nicht einmal mir selbst. Sehen wir uns an im Blick Jesu Christi: Gott, wir sind dein Eigentum! In der Taufe geschieht ein Herrschaftswechsel. Im Galaterbrief wird Paulus deutlicher: „Da gibt es keinen Juden noch Griechen, da gibt es keinen Sklaven noch Freien, da gibt es kein Männliches und Weibliches. Denn alle seid ihr Einer – im Messias Christus“ (Gal 3,28).

Kurt Josef Wecker
31.08 - 22. Sonntag in Jahreskreis - Gedanken zu Lk 14,1-14

Das Bild, das uns Jesus in diesem Evangelium vor Augen führt, ist deutlich und deckt sich gewiss auch mit Erfahrungen, die wir selber immer wieder machen. Denn auch heutzutage ist das Gerangel um Aufmerksamkeit nicht zu übersehen. Viele führen diese Spiele der Eitelkeiten, diese Kämpfe um die besten, die vordersten Plätze jeden Tag aufs neue. Sie tragen sie mit großer Hingabe in allen Bereichen des Lebens aus und nicht zuletzt auch in der Kirche, trotz der Warnungen unseres Herrn und Meisters. Es gilt aber zu bedenken, dass dahinter auch etwas sehr Positives steht, ohne dass wir gar nicht leben könnten. Jeder Mensch ist auf der Suche nach dem ihm eigenen Platz. Diese Suche begleitet und prägt uns ein ganzes Leben lang. Es beginnt schon beim Kleinkind. Die Zuwendung und Geborgenheit, die es von den Eltern und allen Angehörigen erfährt, lässt es seinen Platz im Leben finden, zuerst in der Familie, später im Kindergarten und in der Schule. In der Pubertät kann sich die Suche nach diesem eigenen Platz gelegentlich recht schwierig gestalten. Sie geht jedoch weiter, auch im Erwachsenalter. Wo ist mein Platz in der Partnerschaft, im Berufsleben, wie finde ich Anerkennung im Freundeskreis, bei den Nachbarn und Kollegen? Diese Suche nach dem eigenen Platz verschwindet auch nicht mit dem Älterwerden. Wie gehe ich mit der Tatsache um, dass die Grenzen des Möglichen enger werden und vieles, was einmal selbstverständlich war, nicht mehr machbar ist und ich Liebgewonnenes aufgeben muss? Wie und wo findet der Mensch seinen rechten Platz im Leben, jenen Platz, der ihm entspricht und auf dem er zu sich selbst findet?  Er kann ihn nicht finden, wenn er andere brutal behandelt und rücksichtslos deren Platz einnimmt. Dies klarzustellen ist die eindeutige Botschaft des heutigen Evangeliums. Die Ordnung des Reiches Gottes sieht vor: die Armen, die Kranken, die am Rande der Gesellschaft Stehenden haben den Vorrang. Wo diese Ordnung herrscht, da wird das Reich Gottes Realität. Daher gehen mit der Rücksichtsname Haltungen einher, die das Leben des glaubenden Menschen prägen: Nächstenliebe, Solidarität, Mitgefühl, Barmherzigkeit. So lautet Jesu Botschaft und dazu verwendet er des öfteren das Bild vom Festmahl. Alle sind eingeladen, jedem ist sein Platz zugedacht. Ein Abbild dafür ist auch dieser Raum, die Kirche und das, was wir in ihr feiern. Mit der Eucharistie sagt uns Jesus, dass er, der Sohn Gottes, einen Platz unter uns Menschen einnimmt, in der Gemeinschaft mit ihm, die uns die Fülle des Lebens schenkt. Was Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern durch das Gleichnis von den Ehrenplätzen ans Herz legt, lebte er selbst in Vollendung vor. Dies wird am deutlichsten im Abendmahlssaal bei der Fußwaschung an seinen Jüngern sichtbar. Dass Rücksicht und Demut, das heißt, Mut zum Dienen, ein erreichbares Ideal darstellen, bezeugen uns die Heiligen, allen voran die Gottesmutter Maria. Im Magnificat bekennt sie: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!“ Bitten wir sie um ihren Beistand für jeden Tag und um ihre Fürsprache, dass nach ihrem Vorbild, diese Haltung in uns reifen kann. Denn Rücksicht und Demut sind die Ausweise des Christseins in dieser Welt!

Adam Possmayer
24.08 - 21. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 13,22-30

Jesus erzählt oft vom: Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“. Die Jünger, die mit ihm unterwegs waren fragen sich immer wieder, - und das könnte auch heute unsere Frage sein: Gehören wir durch unseren Glauben und mit unserer Treue - in die Nachfolge - zu jenen die „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“? Den Himmel träumen, mein Bild, eine Vorstellung: „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“?  Den Himmel träumen. Diesen Satz habe ich irgendwo gelesen. Ich weiß gar nicht mehr, in welchem Zusammenhang das war. Aber letztlich ist es auch egal. Den Himmel träumen, ein Ort, an den man sich manchmal hinwünscht, ein „Sehnsuchtsort“, so einer wie: „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“. Zu einem Sehnsuchtsort gehört für mich, dass ich dort all dem entfliehen kann, was mich belastet, ich mich aufgehoben und leicht fühle. Das kann ein Sandstrand am Meer, eine Berghütte oder die gemütliche Ecke in meinem Zuhause, ein Ort beim guten Essen und Zusammensein in trauter Gesellschaft, u. ä. sein. Das kann für mich durchaus der Himmel, das „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“, von dem das heutige Evangelium erzählt, sein. Die Frage nur: Gehören wir, gehöre ich, zu diesen die „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“? Jesus erzählt diese Geschichte Menschen, die Angst haben, Menschen, die sich fragen, ob sie zum Reich Gottes dazugehören, ob sie nach ihrem Tod bei Gott in seinem Reich sein dürfen. Sie fragen ängstlich: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ Das heißt, sie befürchten schon, dass sie nicht in das Reich Gottes hineindürfen. Daher ermutigend sein Aufruf: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen“ - zum Reich Gottes zu gehören, - ist für mich die Chance – die gibt es. Wir Menschen möchten irgendwo dazugehören, möchten zu denen zu gehören die ge- und beachtet werden. Einer zu sein, der zur Fußballmannschaft gehört, zu den Coolen, einst in der Klasse und jetzt zu den Freunden, - zu denen zu gehören, die zum Geburtstag eingeladen werden, - oder die zur Klicke dazugehören, - das wäre schön. Das geht nicht nur Kindern so, das ist bei uns, den Erwachsenen, ebenso. Habe ich schon einmal überlegt, welche Möglichkeiten und Chancen wir haben „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“? Welches Bild, welche Lebenseinstellung, welche Überzeugung – oder ist es unser Glaube - der uns versichert „dazuzugehören“? Bei Katastrophenfilmen ist es immer das gleiche Bild, das uns geboten wird. Egal ob die Titanic sinkt, Menschen aus einem Krisengebiet gerettet werden, ein Hobbit im Spiel ist, oder ein Haus brennt, es gibt immer zu wenig Plätze für die zu Rettenden und meistens sind es dann die Egoisten, die sich vordrängeln. Und dann spannend die Fragen: „Wer wird gerettet?“ - „Wer darf hoffen?“ „Wer hat eine Chance?“ Das gilt nicht nur für Filme oder bei Unglücksfällen, das gilt auch für das konkrete Leben. Diese Fragen interessieren alle Menschen, das gilt auch uns persönlich mit einem Glaubensleben. Wie sieht es da aus? Vom Philosophen Peter Sloterdijk gibt es den Satz: „Wir haben ein Problem mit Gott, weil er uns nicht mehr imponiert.“ Vielleicht hat er recht. Gott imponiert uns nicht mehr. Wir wollen uns lieber selbst imponieren.  Und wenn wir heute ständig darüber diskutieren, wie sich die Kirche verändern muss, um im 21. Jahrhundert anzukommen. Wie kann der Glaube eine verunsicherte Gesellschaft von ihrer Angst und Atemlosigkeit befreien? Was kann uns in einer digital optimierten, aber seelisch oft verkümmerten Gegenwart noch Hoffnung geben? Habe ich da, als Christ, schon einmal bedacht, welche Möglichkeiten und Chancen ich habe „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“? Da darf ich mich schon gar nicht für gerettet wissen, weil ich getauft bin, den Gottesdienst besuche und die Gebote und Weisungen der Kirche kenne. Vielleicht eher gefragt: ist es mein Glaube und seine Umsetzung in der Praxis – ein/das Kapitel -, das ich jeden Tag neu in meinem Leben aufgeschlagen habe, um gerettet zu werden? In solchen Momenten der Überlegungen, kann ich die Chancen erahnen, mit dem Gott mich und die Menschen um mich herum ausgestattet hat, gerettet zu werden - „Im Reich Gottes zu Tisch sitzen“. Da darf ich hoffen, da darf ich glauben, dass es eine Rettung gibt, dass ich und wir zur Gemeinschaft mit Gott berufen sind. Wenn ich mich wirklich ehrlich bemühe, dann kann ich auch vertrauen, dass ich gerettet werde, dass mir von Gott, in seiner Gnade, „alles Übrige hinzugeschenkt“ wird. (vgl. Mt 6,33).

Paul Kollar
 
17.08 - 20. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Hebr 12,1-4

Ich möchte Sie einladen, heute ein bisschen Aufmerksamkeit nicht dem Evangelium, sondern der Lesung zu schenken: ein paar heftigen Zeilen aus dem Hebräerbrief. Der Glaube – ein Kampf? Wer will schon kämpfen? Der Hebräerbrief lässt uns eintauchen in eine „Wolke von Zeugen“, die wir um uns haben. Es ist ein sehr interessantes und einmaliges Bild im Neuen Testament. Wieso Wolke? Wolken am Himmel sieht jeder; aber die Wolke von Zeugen, die uns umgeben? Das schöne Bild von der Wolke sagt mir: Zieht den Kreis nicht zu eng! Da gibt es eine Art dicht gedrängte Menge von Glaubenszeugen, die schon am Ziel angekommen sind und die mir beim Leben zuschauen und mich ermutigen, den Langlauf der Nachfolge zu wagen. Aha! Wir sind von guten Mächten wunderbar umgeben. Das heißt: Diese unsichtbare Wolke begleitet uns unmerklich; der Schwarm heiliger Menschen ist verborgen, doch ein bisschen wie die Luft, die uns umgibt. Die Wolke heiliger Menschen ist größer als wir ahnen. Es gab und gibt sie, die großen Vorbilder, leidenschaftlichen Gottsucher, Glaubenshelden des Alltags. Wir, die wir heute zufällig zusammen sind, sind nicht auf uns allein gestellt. Zu allen Zeiten und an allen Orten waren Menschen unterwegs als Pilger der Hoffnung. Das Bild der Wolke tröstet, weil sie mich erinnert: Wer glaubt, glaubt nicht allein. Wir haben Vorläufer und Zeugen, auf deren Schultern wir stehen. Und wir finden sie nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit, nicht nur unter Vorzeigechristen, sondern auch als unscheinbare Zeitgenossen. Es ist gut, dass es Zeugen gibt, Zeugen, die nicht stumm bleiben; Zeugen, die uns die Richtung weisen. Leute, die uns anfeuern, zu laufen, uns einzusetzen, uns nicht gehen zu lassen. Menschen, die unseren Blick konzentrieren und fokussieren auf das eine Ziel, das sich zu erreichen lohnt: an die Quelle, die Christus ist. Ich muss gestehen, dass diese Worte gar nicht einfach sind. Die Lesung legt uns eine Konzentrationsübung nahe. Es fällt schwer, seinen Blick ruhen zu lassen und nicht abzuschweifen. Das ist ganz schön anstrengend, konzentriert und schweigend auf diesen Christus zu schauen, der uns sucht und anblickt. Solche Blicke ermüden vor allem deshalb, weil wir denjenigen nicht sehen, zu dem wir aufsehen sollen. Die Worte von Aurelius Augustinus „in via“ werden oft falsch übersetzt: Unterwegs sind wir noch nicht als Schauende, sondern als Glaubende, für das wandernde Volk Gottes ist nicht der Weg das Ziel. Wenn Christus, das Ziel, aus dem Blick gerät, gerate ich aus der Puste, überfordere ich mich, resigniere, wird mein Christsein nachlässig, vergesslich, gleichgültig und müde. Der Glaube verliert spürbar an Spannkraft. Immer mehr Zeitgenossen sagen: Es geht auch ohne …. Mir fehlt nichts. Es hat keinen Zweck! Lass mich in Ruhe mit deinem Ding! Ich werde oft mutlos, antriebslos, die Lust am Wettkampf des Glaubens auf der Rennbahn der Nachfolge erlahmt. Christsein, so versteht es der Hebräerbrief, ist kein Kurzstreckenlauf, eher ein Dauerlauf, ein Lebensmarathon auf der staubigen Aschenbahn des Lebens und nicht auf einer schön präparierten und stolperfreien Laufstrecke. Christsein ist deshalb so anstrengend, weil es Geduld und Durchhaltevermögen verlangt, den Willen zum Dranbleiben, das entschlossene Handeln, das Standhalten, auch Aushalten, wenn sich Erfolg und Beifall nicht einstellen und man am liebsten abbrechen möchte. Ich schaue lieber von der Tribüne oder dem Fernsehsessel aus anderen Sportlern beim Wettkampf zu und nehme wahr, wie sie sich schinden und doch durchhalten. Ja, ich bewundere die, die beharrlich und vielleicht mit zusammengebissenen Zähnen durchhalten, obwohl das Ziel noch weit entfernt ist, die mit Leib und Seele dabei sind und sich verausgaben. Ich sehe auch die Ambivalenz solcher Wettkämpfe, wo es oft um Leistungssteigerung und Sieg geht, nicht um das Erlernen des Scheiterns, der Niederlage, des fairen Miteinanders. Vielen denken vielleicht, dass die alten Worte des Hebräerbriefes uns, postmodernen Menschen, nichts mehr zu sagen haben. Nein, die heutige Lesung erinnert wunderbar an sportliche Tugenden, an den Wert von Geduld, Selbstdisziplin, Willenskraft, Entschlossenheit, auch an die guten Nerven zum Durchstehen von Durststrecken und notwendigen und vielleicht unlösbaren Konflikten – und, was uns eher fremd liegt – an „Kampf“, das Sich-Einmischen und Leiden. Doch all das ist abzulesen am Geschick Jesu. Dieser Appell zum Durchhalten auch in Durststrecken hört sich uncool an, erinnert an das Aufwärmen einer langweiligen bürgerlichen Tugend. Ja, wir brauchen „Frustrationstoleranz“, wenn das Ziel unseres Lebens aus dem Blick gerät, wenn es so vieles gibt, was uns ablenkt, wenn die frühe Begeisterung verfliegt und wir gute Vorsätze längst wieder aufgegeben haben, wenn wir darum geistlich schlapp machen und mich auf ganz andere Bahnen verführen lassen.  Alles hängt doch daran, dass ich mir die Kraft zu glauben bewahre, durchhalte und den Glaubensweg doch nicht als Leistungskurs, als Rekordjagd missverstehe. Glaube ist keine Einzelsportart. Es geht nicht ohne den anderen, ohne die „Wolke von Zeugen“. Ich brauche Vorläufer und Mitläufer, die mir helfen, den Glauben durchzutragen, die mich anfeuern: Halte durch! Darum sind wir heute hier: Darum brauchen wir das sonntägliche Eintauchen in die heilige Wolke, diese Trainingsstunde mit dem göttlichen Trainer, damit mein Glaube sportlich, manchmal auch kämpferisch bleibt und mir im Gegenwind nicht der lange Atem ausgeht. Deswegen möchte ich mit den Worten der Hl. Theresia von Avila heute schließen: Es ist nicht möglich in der Liebe, im Glauben und Hoffen irgendwo stehen zu bleiben: Wer nicht wächst, schrumpft.

Alois Balint
10.08 - 19. Sonntag im Jahreskreis - Hl. Laurentius

Piktogramme geben Orientierung, auch dort, wo ich die Sprache nicht verstehe. Jede App hat ihr Icon, so finde ich sie schnell auf meinem Smartphone. Städte und Adelsfamilien haben ihr Wappen als Erkennungszeichen. Und viele Heilige haben ein Attribut, das sie „ausweist“. Denn Statuen sehen sich doch oft recht ähnlich, aber so eine „Beigabe“ macht sie eindeutig. Beim Eingang der St. Johannes Nepomuk hier in Kehl haben wir den König David mit der Harfe, die Hl. Cäcilia mit der Orgel, als Schutzpatronen der Musica sacra. In der Kirche haben wir auch die Apostel (einfach zu entdecken der Petrus mit dem Schlüssel und den Paulus mit dem Schwert, weil er enthauptet worden ist; oft sind die Märtyrer mit dem Gegenstand in der Ikonographie geschildert, womit sie getötet worden sind). Im Wappen von Auenheim oder in einer anderen Kirche (zum Beispiel im Münster von Freiburg) haben Sie sicher den riesigen Grillrost entdeckt: Hier steht Laurentius, der heilige Diakon aus der Frühzeit der römischen Kirche. Papst Sixtus II. hat diesen Mann als Verwalter des Kirchenvermögens eingesetzt, denn ihm lag nichts daran, Schätze aufzuhäufen, er bürgte dafür, dass die Mittel in erster Linie zur Linderung von Not eingesetzt werden. Kaiser Valerian sah das anders. Er wollte das Kirchenvermögen für seine Zwecke einkassieren. In einer massiven Christenverfolgung, die vor allem die führenden Personen treffen sollte, ließ er den Papst enthaupten und zwang Laurentius, binnen drei Tagen den Kirchenschatz zu übergeben. Laurentius tat dies – aber zugunsten der Armen. Als er allen Besitz verschenkt hatte, trat er mit Bettlern und Kranken, Blinden und Verkrüppelten, Witwen und Waisen vor die kaiserlichen Beamten. Menschen wie sie, sagte er, sind der „wahre Schatz der Kirche“. Das brachte den Hauptmann in Rage, er ließ ihn mehrfach foltern und schließlich auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. So geschehen am 10. August des Jahres 258. Das kaiserliche Ultimatum versetzt Laurentius nicht in Panik. Obwohl ihm klar sein muss, dass es um sein Leben geht, beweist er erstaunlichen Mut: Es braucht Mut, wirklich alles freizugeben und nichts für eine mögliche bessere Zeit zur Seite zu schaffen. Und statt Gold und Geld die Armen und Elenden als Schatz der Kirche zu präsentieren, ist nicht nur mutig oder frech, es ist „Reich-Gottes-Humor“. So etwas kann nur einem Menschen einfallen, der sich jenseits der Sicherheiten dieser Welt verankert weiß und zugleich zu kreativer Kritik fähig ist. Statt sich zu ducken, verkündet Laurentius Jesu Evangelium. Wie gehen wir heute damit um? Heutzutage kaufen viele Leute mit dem Geld, das sie nicht haben, Sachen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen… Ist das etwa aus unbekannter Angst? „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“, hat Jesus gesagt. Er bietet keine besonderen Waffen und Schutzräume, lediglich eine Zusage: „Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ Das muss man erst mal glauben. Wer das verinnerlicht, in wessen Herz das Raum gewinnt, der wird auch die folgenden Worte nicht als Appell zum bitteren Verzicht, sondern als Einladung hören: „Verkauft euren Besitz und gebt Almosen (gebt das Geld den Armen, hieß es in der früheren Übersetzung)! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt – im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst! Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“  Ja, liebe Gemeinde, was Laurentius geradezu 1:1 gelebt hat – wie könnten wir es umsetzen und verkünden? Ich schaue nochmal auf die Statue hier auf dem Bild vor dem Ambo: Der Rost steht, verstärkt durch die Perspektive, dominant im Vordergrund. Aber davon lässt sich Laurentius nicht irritieren. Er hat ein Buch in der Hand, das Evangelium, und er trägt es nah am Herzen. Jesu Botschaft ist seine Motivation. Sein Blick geht geradeaus, zielgerichtet nach vorne. Das weckt Fragen: Wo gewinnt mein oft so ängstliches Herz Ermutigung und Orientierung? Welches Gewicht haben Jesus und sein Evangelium? Was habe ich vor allem im Auge? Drohendes Unheil, vertane Gelegenheiten, eine vermeintlich bessere Vergangenheit? Oder wage ich es, die Realität zu sehen: dass Menschen arm sind und Hilfe brauchen, dass Reiche die Welt zu ihren Gunsten verändern, dass Machtsysteme knechten? Wage ich es, auch die letzte Realität zu sehen: dass ich keine Schätze oder Leistungsbeweise nach „drüben“ mitnehmen kann, sondern einzig die Liebe, die ich gelebt habe? Sie ist der Schatz, um den es letztlich geht – Jesus, Laurentius und hoffentlich auch mir.

Alois Balint
03.08 - 18. Sonntag im Jahreskreis - Fest der Hl. Lydia

Wie hätte sich die Kirche entwickelt, wenn Lydia, die Purpurhändlerin aus Thyatira in Philippi den Heiligen Paulus nicht bei sich gastfreundlich aufgenommen hätte und mit ihrem ganzen Haus zum Christentum übergetreten wäre? Mich würde die Geschichte hinter dieser Geschichte interessieren. Z.B. wodurch sie zu dieser Entscheidung motiviert wurde. Paulus muss sofort einen guten Eindruck gemacht haben und wahrscheinlich schlummerte in ihr schon die Sehnsucht nach einer neuen Dimension des Lebens. Eine, die über die religiösen Vorstellungen ihrer Zeit hinaus reichte. Sie muss eine materiell unabhängige Frau gewesen sein, die selbst über ihr Schicksal entscheiden konnte und sogar noch über das ihrer Angestellten. Sie muss offen gewesen sein für etwas Neues in ihrem Leben oder sehr unzufrieden über etwas Bisheriges. Wenn ich mir ein ähnliches Geschehen in unserer Zeit vorstelle, gäbe es äußerlich andere Umstände. Nicht ein Gespräch von 2 Männern mit einer Gruppe Frauen sondern vielleicht eine Fernsehdokumentation oder einen Spielfilm über das Leben Jesu und seine Lehre, die gleich hunderttausende interessierte Frauen erreichen könnte. Ich schreibe diese Zeilen nur einen Tag nach dem Begräbnis von Papst Franziskus. Das öffentlich rechtliche Fernsehen in Österreich hatte den Mut, sehr ausführlich über alle seine Botschaften zu berichten. Im Kern sind sie nicht viel anders, als Paulus sie damals Lydia und den anderen vermitteln wollte. Es wäre hoffnungsvoll zu wissen, in wie vielen Herzen der Zuschauerinnen so viel Begeisterung zurückgeblieben ist, dass sie bereit sind, ihr Leben mehr danach auszurichten. Dass sie so viel Vertrauen in den Mensch Papst Franziskus entwickelt haben, dass es Gespräche über den Inhalt in der Familie und Freundeskreis gab. Heute kann eine Chefin nicht mehr über den Glauben der Angestellten bestimmen. Aber einige werden sich von den richtigen Worten vielleicht überzeugen lassen. So wie damals die Geschäftsfrau Lydia in Philippi.

Elisabeth Ziegler-Duregger
27.07 - 17. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 11,1-13

Wenn mich heute jemand bitten würde: „Pater, könnten Sie mir das Christentum in fünf knappen Sätzen erklären und auf den Punkt bringen!“, dann würde ich glatt sagen: „Ja, aber mit einer Einschränkung; nicht ich kann das, der Stifter dieser Religion hat es selbst getan.“ Sie haben eben diese fünf knappen Sätze ge­hört, das kürzere Vaterunser nach Lukas. Das Christentum auf den Punkt gebracht, ist nichts anderes als die Person Jesu Christi, und sein innerster Herzschlag ist das Beten. Das gesamte Leben Jesu ist ein sich selbst entfaltendes Gebet. Deshalb steckt in diesen fünf Sätzen alles drin. Schauen wir sie uns an. Im Grunde ist es schon im ersten Wörtchen drin, „Abba“. Das ist wohl der Originalton Jesu. Matthäus hat das erweitert, mit einer li­turgisch eingespielten Formel: „Vater unser im Himmel.“ Jesus selbst ermutigt, so direkt wie Kinder auf den Papa zuzugehen. Es ist die­ses kindliche Wort „Abba“, auch ein Wort der Ehrenbezeugung, so ähnlich, wie man zu russischen Mönchen „Väterchen“ sagt. Also, die Mitte des Christentums ist nichts anderes als die Gottesbeziehung, das Gottesverhältnis, oder sagen wir: die Gottesvertrautheit, ja, die Gottesintimität Jesu. Das ist der innere Glutkern des Christentums. Sein Gebet beginnt mit einem Lobpreis. Man will fast die Hände hochreißen. Das Lob Gottes ist die alles überwölbende Situation und Realität. „Dein Name“, du selbst sollst heilig, sollst geehrt, sollst hochgehalten werden. Das durchflutet sein Herz. Deshalb gleich die zweite Bitte. Im Urtext steht bezeichnenderwei­se das Verb an erster Stelle: „es komme dein Reich“. Das ist der Abstieg nach unten. Deine Wirklichkeit soll Platz greifen hier auf unserer Erde. Es ist die Bitte um das Handeln Gottes. Schon dieses Verb, das pointiert an den Anfang gestellt ist, „es komme“, zeigt, dass Gott eine dynamische Wirklichkeit ist und dass Gott für dieses dynamische Wirken Menschen braucht. Das zeigen alle Gleichnisse Jesu. Sie sind das Herzstück seiner Ver­kündigung. Im Gleichnis vom Sauerteig steht ein ganz ungewöhn­liches Wort: Die Frau „verbirgt“ es im Mehl, und dann entwickelt es seine Dynamik. Also, die Tiefendimension, den verborgenen Gott, der für Augen des Glaubens wie für den auf den Tod zugehenden Alfred Delp „aus allen Poren der Welt“ quillt, diese Tiefendimensi­on gilt es zu entdecken. Aber nicht nur zu entdecken. Gleichnisse Jesu handeln immer von Kulturpflanzen. erst durch das Mitwirken von Menschen wächst etwas. Das „Vaterunser“ ist das Gebet von aktiven Menschen, nicht von Menschen, die einfach alles dem lie­ben Gott überlassen, sondern die sich von diesem Gott ergreifen lassen, ins Handeln von innen her kommen. „Dein Reich komme!“ In der Person Jesu haben wir das Reich Gottes in Person. Das Gebet Jesu beginnt mit Gott, theozentrisch. Die ersten zwei Sätze sind Lobpreis Gottes und die Bitte um seine Königsherr­schaft. Das ist die alles überwölbende Bitte. Und dann ein Satz, den Sie kennen: „unser tägliches Brot gib uns heute.“ Es steht leider im Urtext so nicht da. Da steht für „täglich“ ein Wort, was nur einmal bei Lukas vorkommt, ein Kunstwort, und die Ausleger fragen sich: Was bedeutet es? Auf Griechisch heißt es „epiousios“. Ein Übersetzungsgenie, der heilige Hieronymus, hat, als er die „Vulgata“, die lateinische, ver­bindliche Bibelübersetzung schuf, dieses Wort bei Lukas mit „cot­tidianum“ übersetzt, „täglich“. Doch im Grunde ist das eine Dop­pelung, denn im Urtext steht „unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag“. In der matthäischen Fassung, genau dasselbe griechische Wort, hat er übersetzt „supra substantialem panem“. „supra“, griechisch „epi“, ist eine Steigerung und „ousia“, lateinisch „sub­stantia“, ist ein philosophischer Fachausdruck und bezeichnet das Sein, das Wesen der Dinge. Das dazugehörige Partizip „ousios“ ist wörtlich das „darüber hinaus Seiende“, das „überwesentliche Brot“. Das soll dem Beter Tag für Tag gegeben werden. In der westlichen Tradition hat sich die lateinische Übersetzung „cottidi­anum“ durchgesetzt. Wir haben das „Vaterunser“ nicht in seiner aramäischen Ursprache. Vielleicht meinte Jesus nicht nur das täg­liche Brot zum Überleben. Das seltsame Partizip zielt vermutlich in die Richtung der Brotrede (Joh 6) beim vierten Evangelisten. „Ich bin das Brot des Lebens“, ich bin das wahre Himmelsbrot, das den gesamten Hunger des Menschen stillt. Ich bin das „super-subs­tantielle“ Brot. In der Bitte um dieses Brot ist natürlich das mate­rielle Brot eingeschlossen. Die Worte Jesu, denken Sie nur an die Gleichnisse, sind oft sehr konkret und gleichzeitig ganz allegorisch gemeint. Die nächste Bitte: „Vergib uns unsere Schuld.“ Auch an dieser For­mulierung hat Lukas vermutlich herumgebastelt. Er schreibt näm­lich: „Vergib uns unsere Sünden.“ Bei Matthäus steht das Wort „Schulden“, ein ganz realer Begriff aus dem Wirtschaftsleben. Der Schuldenerlass nimmt hier eine übertragene Bedeutung an. Der konkrete Begriff „Schulden“ ist im Grunde viel offener und weiter als „Sünden“. Wir alle verdanken und schulden Gott so viel. Wir bleiben immer wieder hinter dem zurück, was wir sein könnten. Deshalb in einem Atemzug die enge Verbindung, zwischen Ver­gebung und Annahme durch Gott und dem zwischenmenschli­chen „wie auch wir vergeben unseren Schuldnern“. Von Herzen vergeben, das können wir oft nicht, weil die Verwundungen so tief sitzen. Doch wir müssen es auch nicht auf Anhieb können. In der aramäischen Ursprache steht eine Verbform, die besagt: Indem wir mit diesen Worten beten, wollen wir vergeben. eine zu schnelle Vergebungsbereitschaft ist weder gesund, noch menschlich, noch christlich. Das Ziel, das langfristige Ziel ist, zur Vergebung durchzu­brechen. nötig ist allein die Bereitschaft und die Bitte an Gott. Das tun wir im Vaterunser. Das Gebet Jesu endet mit dem Notschrei „führe uns nicht in Versuchung“. Auch das müsste man genauer übersetzen oder erläutern. Es heißt eigentlich „führe uns nicht in die Mitte der Versuchung“, im Sinne von „lass uns nicht der Ver­suchung erliegen“. Erprobungen, auch Versuchungen gehören zu uns. Gott will, dass wir sie bestehen und sogar gestärkt daraus hervorgehen. Wenn wir diese fünf kurzen Sätze in ihrer Grundstruktur beden­ken, dann zeigt sich das Gebet Jesu in der ersten Hälfte ganz und gar „theozentrisch“. Gott allein zählt und dieser Gott ist in seiner Welt am Werk und soll immer mehr zum Zuge kommen, durch uns. Dann die zweite Hälfte, die Du-Bitten. Die Grundsehnsüch­te des Menschen, die Sehnsucht nicht nur nach Materiell-sattem, sondern die Sehnsucht nach wirklich erfülltem Leben, nach dem wahren Lebensbrot und schließlich die ganzen Barrieren zwischen Menschen, die durch Schuld, durch Unachtsamkeit, durch Egois­mus aufgerichtet sind, die werden benannt und in die Bitte geklei­det: Gib, dass wir über diese Barrieren hinwegkommen. Lobpreis und sehnsüchtiges, drängendes Bitten sind der Atem seines Ge­bets, wie die anschließenden Sätze zeigen. Lukas stellt abschließend fest: Die Erfüllung aller Bitten ist das Erfülltsein vom heiligen Geist. Vermutlich spielt er auch auf das „wahre Brot“ an. Nicht einfach das Essen und Trinken, sondern der Geist ist es, der die wahre Sehnsucht stillt, weil er uns hinein­nimmt ins Gottesverhältnis Jesu, ja, ins Leben Gottes selbst. Am Ende setzt Jesus ein Zeichen von großer Demut: „Führe uns nicht hinein in die Versuchung“, lass uns ihr nicht erliegen. Auch Jesus kannte, vor allen Dingen am Ölberg, die Versuchung. Er bittet sehr demütig, lass uns der letzten Versuchung, dem Verlust des Glau­bens, nicht unterliegen. Wir haben den Glauben nicht einfach als festen Besitz in der Tasche. Das betet uns Jesus vor. Das kurze Gebet Jesu, ein Gebet, das erweitert werden will, wie es Matthäus macht, ein Gebet, das sich nach dem Notschrei am Ende wieder an den Abba wendet, ein immerwährendes Gebet, ein Gebet für den Alltag; auch ein Gebet, wenn uns das Entsetzen und der Schrecken packen, nach furchtbaren Geschehnissen oder Einbrüchen im Leben. Doch das Vaterunser ist auch ein Gebet, das die Schönheit des Glaubens besingt. „Dein Reich“, das fraglose, erfüllte Dasein vor Gott, manchmal wird es fühlbar, sichtbar. Man kann es „schmecken“. Wenn wir das Christentum, wenn wir unser Leben, wenn wir unse­ren Glauben auf den Punkt bringen wollen, geht es nur um Eines, beten zu können, und zwar so, dass unser Leben ein sich selbst entfaltendes Gebet wird. Deshalb möchte ich uns allen die Bitte der Jünger täglich ans Herz legen: „Herr, lehre uns beten!“

Karl Kern
 
20.07 - 16. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 10,38.42

Der Grund oder Anlass, warum Marta Jesus zu einem Besuch in ihrem Haus eingeladen hatte, wird uns im Evangelium nicht mitgeteilt. Aus Martas Verhalten lässt sich schließen: Sie hat kein besonderes Anliegen, das sie mit Jesus besprechen möchte. Jesus, von dem sie gehört hat oder dem sie vielleicht sogar selbst begegnet ist, soll sich an den Besuch bei ihr und ihrer Schwester Maria gern erinnern, besonders auch an die gute Bewirtung und das üppige Mahl, das Marta auf den Tisch zu zaubern bemüht ist. Während Marta sich mit aller Emsigkeit der Zubereitung eines Mahles widmet und alle Aufmerksamkeit darauf richtet, hat Maria offenbar erspürt, dass Jesus ein Anliegen mitgebracht hat. Er ist unterwegs, um vom Menschen liebenden Gott, dem Vater im Himmel, zu berichten und dessen Willen kundzutun, damit die Menschen sich intensiv auf ihn hin ausrichten. Maria lässt sich auf ein Gespräch mit Jesus ein. Sie nutzt die Chance, unmittelbar von Jesus selbst, aus seinem Munde Kunde über Gott und sein Wesen übermittelt zu bekommen. Dass es sich nicht um ein Plauderstündchen zwischen ihr und Jesus handelt, wird schon dadurch erkennbar, dass Maria sich zu Füßen Jesu setzt. Diese Art des Zuhörens entnimmt Maria dem Verhalten der Schriftgelehrten-Schüler. Sie saßen, wenn es um religiöse Vertiefung ging, zu Füßen des Lehrmeisters, um aufmerksam seinen Worten Gehör zu schenken. Auf seinen Wanderungen durch das Land hatte Jesus grundsätzlich zwei Anliegen, die er den Menschen nahebringen wollte. Als Erstes möchte er ihnen verkünden und bezeugen, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt. Diese Haltung – und das war das zweite Anliegen – sollen auch die Menschen übernehmen. Das Ausschließen oder Abstempeln bestimmter Menschen oder ganzer Gruppen, das im Judentum Praxis war, soll ein Ende finden. Denn das Ausklammern bestimmter Menschen aus der Liebe Gottes ist falsch und entspricht nicht einmal im Ansatz dem tatsächlichen Verhalten Gottes. Gott weicht von seiner Liebe zu allen keinen Millimeter ab. Um dies nicht nur mit Worten zu bezeugen, setzt Jesus zusätzlich ein äußeres Zeichen: Als Erstes nimmt er die Einladung Martas in ihr Haus an. Da Marta und Maria das Haus offensichtlich allein bewohnen, hätte jeder strenggläubige Jude die Einladung abgelehnt. Jesus dagegen nicht. Sodann verhält sich Jesus Maria gegenüber völlig anders, als Rabbinen, die Theologen Israels, es getan hätten. Kein Rabbi hätte vor Frauen als Schülerinnen die Heilige Schrift, also das Wort Gottes, vorgetragen und erläutert. Jesus klammert niemanden als Zuhörer aus, auch wenn er dadurch gegen die Gepflogenheiten der Allgemeinheit und die Gebote der Glaubenshüter verstößt. Jesus lebt, was er mit Worten verkündet und bezeugt. Wenn wir uns nun fragen, „Was möchte Jesus der Marta eigentlich vermitteln?“, dann kommen mir folgende Gedanken: Den Fleiß der Marta möchte Jesus ganz sicher nicht kritisieren. In diesem Punkt könnte sie vielen sogar Vorbild sein. Aber im Gegensatz zu Maria verpasst Marta in ihrem Eifer, von dem sie wohl ständig bestimmt und getrieben wird, sich in das Auskosten der Liebe Gottes zu vertiefen. Ja sie möchte sogar ihre Schwester Maria, die sich – durch Jesu Worte angeregt – darauf eingelassen hat, dazu bewegen, der Arbeit den Vorrang zu geben. Marta wird wohl in der Vergangenheit erlebt haben, dass Fleiß und Eifer ihr vieles eingebracht hat: Lob, Anerkennung, vielleicht sogar Bewunderung. Das hat sie dazu verleitet, Emsigkeit und Rührigkeit als oberste Ziele zu betrachten. Jesus möchte Marta die Augen öffnen und ihr sagen: Fleiß und Eifer sind wertvoll. Aber es gibt noch etwas Wertvolleres im Leben, das darin besteht:

- Gottes Liebe tief in sich verinnerlichen,

- dankbar und ganz bewusst seine Fürsorge und seinen Beistand in den Blick zu nehmen,

- sich von Gott umarmen und ermutigen lassen,

- auskosten, wie wertvoll wir Menschen Gott sind,

- deutlich spüren, welche Kraft uns von ihm zukommt.

Wo dies geschieht, wird Fundament und ein wunderbarer Grundstein in den Menschen gelegt, der den Menschen für das Leben hilfreicher ist als das, was Erfolge aus Eifer, Fleiß und Emsigkeit ihm schenken können. Eifer und Fleiß sind löblich. Aber die Verbundenheit mit Gott ist höher anzusetzen, ist wichtiger. Wie Marta auf die Worte Jesu reagiert hat, wird uns nicht mitgeteilt. Von hier an sollen wir auf uns selber schauen, Jesu Worte für uns bedenken und uns fragen, wie es um uns bestellt ist. Seien wir getrost strebsam und fleißig, genießen wir alle Anerkennung, die uns dadurch zuteilwird. Unser Leben muss sich auch nicht völlig und total ändern. Jesus wirbt bei Marta und Maria nicht um einen ganz neuen Lebensstil. Ihr bisheriges Leben sollen sie getrost weiterführen, aber unter der Beachtung, was das Wichtigste im Leben ist, welchem Tun der Vorrang gebührt, damit sie die Angebote Gottes an uns Menschen nicht auslassen. Es gibt nichts Beglückenderes in dieser Welt als das Auskosten der Liebe Gottes zu uns. Wie wahr diese Überzeugung und Behauptung ist, lässt sich mit Worten nicht belegen, aber eindeutig erproben: von Marta und jedem von uns…

Stefan Máté
13.07 - 15. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 10,25-37

„Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Der Gesetzeslehrer kennt natürlich das Regelwerk jüdischen Glaubens, und schnurrt das „Schema Jisrael“ nur so herunter: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken“ und er fügt ebenfalls ganz selbstverständlich hinzu: „Und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“ Obwohl er das Gebot der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe kennt, möchte er wissen, was das für das Leben des Einzelnen bedeutet. Er fragt also nach der konkreten Auswirkung, nach der praktischen Umsetzung dieser Gebote im täglichen Leben. Er spürt in seinem tiefsten Inneren, dass es nicht bei der Theorie des Glaubens bleiben darf. Und mit einer Beispielerzählung versucht Jesus, ihm zu antworten. Der Weg von Jericho nach Jerusalem war kein einfacher, denn Jericho liegt in der Jordansenke und Jerusalem auf den judäischen Bergen. 1000 Höhenmeter waren zu überwinden, und der Weg, der sich in vielen Serpentinen nach Jerusalem hinaufschraubte, führte durch eine einsame, felsenzerklüftete Gegend, in der Wegelagerer und Räuber ihr Unwesen trieben. Überfälle waren an der Tagesordnung. Und jetzt wurde ein Reisender Opfer einer dieser Räuberbanden, die ihn, nachdem sie ihn ausgeplündert und verprügelt hatten, schwer verletzt und hilflos liegen ließen. Zwei Personen, die dem Verletzten zu Hilfe eilen könnten, gehen aber weiter. Beide, Priester und Levit, leben treu und vorbildlich die Gottesliebe, üben aber die daraus resultierende Nächstenliebe nicht aus! Etwas flapsig ausgedrückt sind sie also hervorragende Theoretiker in Sachen Glauben, aber lausige Praktiker! Nicht die Berufsgruppe der jüdischen Priester und Leviten soll hier diskriminiert werden, sondern die Tatsache, dass die Gottesliebe und Nächstenliebe einander innerlich bedingen und nicht getrennt voneinander gesehen werden können. Ausgerechnet ein Samariter, der nach jüdischem Verständnis nicht voll zu Israel gehörte, tut jetzt das Erforderliche. Er sieht die Not – und handelt! Das Erste-Hilfe-Programm des Samariters wird ausführlich geschildert, er geht dabei überlegt vor, verliert nicht den Kopf, reinigt die Wunden des Verletzten mit Öl, desinfiziert sie mit Wein, verbindet sie und bringt ihn in eine sichere Herberge. Er lässt zwei Denare da – den doppelten Verdienst eines Tagelöhners –, und macht sich am nächsten Tag wieder auf den Weg, um seinen Geschäften nachzugehen. Meinen Nächsten kann ich mir nicht selbst aussuchen, vielmehr ist mir jeder der Nächste, den Gott mir begegnen lässt. Alles theoretische Glaubenswissen, alle Hingabe an Gott bleibt unvollkommen, bleibt gleichsam „verkopft“, wenn es nicht das Herz berührt und mich in Bewegung setzt, um für den Nächsten da zu sein. Dann bricht ein Stück Ewigkeit schon herein ins Hier und Heute unseres Lebens. Eine chassidische Geschichte erzählt davon, wie Gottes- und Nächstenliebe einander durchdringen: Die Chassidim, eine Gruppe des osteuropäischen Judentums, hängen mit großer Liebe und Verehrung an ihrem Rabbi, den sie Zaddik nennen. Nach Meinung der Chassidim ist der Zaddik imstande, durch die Intensität seines Gebetes manches Unheil abzuwenden. Ein solcher Zaddik lebte auch in Nemirow, einer Stadt in der Ukraine. Er pflegte in den Bußnächten, die dem jüdischen Neujahrsfest vorausgehen, zu verschwinden, ohne dass jemand wusste, wohin er ging. In diesen Nächten begeben sich die Gläubigen lange vor Sonnenaufgang in das Gebethaus, um Gott um Verzeihung der Sünden und um ein gutes neues Jahr zu bitten. Der Zaddik erschien nie zu diesen Gebeten, und auch bei sich zu Hause war er nicht. So entstand allmählich die Legende, der Zaddik weile zu dieser Zeit im Himmel. Nun gab es in Nemirow auch Nicht-Chassidim, die über die Wundergläubigkeit der Chassidim spotteten. Einer der Nicht-Chassidim erklärte sich bereit, Aufenthaltsort und Tätigkeit des Zaddik während der Bußgebete persönlich zu erkunden. Er wartete in der Nacht vor dem Haus des Zaddik, und als dieser noch vor der Gebetszeit sein Haus verließ, folgte er ihm. Der Zaddik war wie ein russischer Bauer gekleidet, mit grobem Gewand, hohen Stiefeln, kurzem Pelzmantel, hoher Pelzmütze und einem mit kupfernen Nägeln beschlagenen Gürtel. In der Hand hielt er eine Axt. Er begab sich in einen Wald nahe der Stadt, fällte einen kleinen Baum, hackte das Holz in kleine Stücke, die er zu einem kleinen Bündel schnürte. Mit dem Bündel auf der Schulter kehrte er in die Stadt zurück, zum armseligen Häuschen einer armen und kranken Witwe. Er klopfte an die Türe und sagte auf Russisch, er sei Wassil, der Bauer, und habe Holz billig zu verkaufen. Sie müsse es jetzt nicht bezahlen, sondern irgendein anderes Mal. Er heizte ihr noch den Ofen und summte dabei die Bußlieder vor sich hin, die zur gleichen Zeit im Bethaus gesungen wurden. Dann begab er sich unerkannt nach Hause. Der Nicht-Chassid aber kehrte zu seinen Kollegen zurück, die neugierig auf ihn warteten. „Nun“, fragten sie ihn, „ist er zum Himmel aufgestiegen?“ „Zum Himmel“, antwortete er, „wenn nicht noch höher.“

Josef Belényesi
06.07 - 14. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 10,1-9

Bis hierher war es eine Genusswanderung: Der Forstweg führt sanft ansteigend herauf auf die Alm. Der Lärchenwald öffnet sich, und vor mir liegt die saftig grüne Weide mit ihren unzähligen Farbtupfern in Gelb und Rot und Blau und Lila. Auf der eingezäunten Wiese grast Jungvieh, weiter oben im steilen Gelände bimmeln die Glöckchen der Schafe, ihre Lämmer springen munter umher. Ein reiner Genuss – bis ich das knallrote Schild wahrnehme: Achtung, Wolfsgebiet!!! Echt jetzt? Wie ernst muss man das nehmen? Droht wirklich Gefahr? Für die Tiere oder auch für mich? Was würde ich tun, wenn ein Wolf …? Gab es hier schon einen Zwischenfall, gar einen Wolfsriss? Fragen über Fragen purzeln durch meinen Kopf, das unbeschwerte Genießen der Bilderbuch-Natur hier heroben ist dahin. Ich werde gewarnt: Achtung, Wolfsgebiet. Ich habe keine Ahnung, was zu tun wäre, bin aber angespannt, aufmerksam, spitze die Ohren. Die Warnung wirkt.
Jesus macht es anders, noch krasser: Er warnt nicht nur vor möglicher Gefahr, er sagt sie klipp und klar an. Mehr noch, er schickt seine Jünger direkt hinein in die Gefahrenzone – „wie Schafe unter die Wölfe“. Warum macht er das? So verschreckt er doch seine Leute, statt sie aufzubauen und zu ermutigen. So setzt er doch die Zukunft seines erst im Wachsen begriffenen Unternehmens aufs Spiel. – Was sich anhört wie der Aufruf zu einer Mutprobe, einer verrückten Challenge, ist in Wahrheit eine klare Ansage: So wird es kommen, wenn ihr zu mir haltet. Ihr werdet euch fühlen wie Schafe unter Wölfen. Und möglicherweise wird es euch ergehen wie Schafen unter Wölfen. Die sind in der Überzahl und ihr seid ihnen schutzlos ausgeliefert. Ihr werdet die Schwächeren sein, weil ihr nicht reißt und beißt wie sie. Ihr werdet in die Enge getrieben, weil ihr nicht aggressiv euren Machtbereich ausweitet. Ihr werdet um euer Leben fürchten müssen, weil ihr kein Schreckensregime errichtet … Wer so schutzlos kommt, noch dazu mit einer Botschaft der Befreiung, mit der Ansage einer dauerhaft guten Zukunft, der ist entweder verrückt oder hat wirklich etwas bemerkenswert Neues zu sagen. So ein Mensch lässt sich nicht von Angst lähmen, er bleibt beweglich, geht immer neu auf Menschen zu. Zu zweit schickt sie Jesus los – damit sie einander bestärken, aber auch, damit die Menschen sehen können, ob sie denn nach ihren eigenen Worten leben. Sie sollen nicht als Redner auftreten, die nach der Predigt gleich wieder abreisen. Sie sollen bleiben, bei den Menschen einkehren, nicht in der Wirtschaft, sondern daheim, sollen sich sogar von der Gastfreundschaft ihrer Hörer abhängig machen: Kein Quartier abseits von den Leuten suchen oder gar im Voraus buchen und nicht selbst mitgeschleppten Proviant essen, sondern das, was in den Häusern auf den Tisch kommt. Solche Nähe, verheißt Jesus, kann sogar Kranke gesund werden lassen. Und was geschieht? Die Jünger ziehen wirklich los. Sie trauen sich. Und das waghalsige Experiment gelingt! Sie kommen sogar Dämonen bei, Wesen also, die noch schlimmer sind als Wölfe. Das, sagt Jesus, ist kein Garantieschein für ein nächstes Mal. Garantiert ist einzig, dass „eure Namen im Himmel verzeichnet sind“. Was auch immer geschieht: Dort seid ihr nie vergessen. 
Das rote Schild hat mich irritiert. Es hat mir den Genuss verdorben. Aber nur kurz. Dann habe ich den Tag in der wunderbaren Natur genossen – zu der seit neuestem auch wieder Wölfe gehören. Und ich habe etwas gelernt für mein Leben als Freund Jesu: Trau dich, es deutlich(er) zu zeigen – auch und gerade in einer zunehmend „wölfischen“ Zeit.

Hans Brunner
29.06 - Petrus und Paulus - Gedanken zu Joh 21,15-19

„Heiliger Petrus und heiliger Paulus, Apostel“. So heißt der 29. Juni in unserem kirchlichen Kalender. Unserem deutschen Sprachgebrauch genügt, fast familiär: „Peter und Paul“. Mit ihrem vertrauten Klang sind sie als Vornamen immer noch beliebt. Die meisten von uns kennen Jungen und Männer, die so heißen. Unsere kirchliche Tradition hat Petrus und Paulus eines Tages sogar den Titel „Apostelfürsten“ verliehen. Die Geehrten selbst haben sich allerdings zu Lebzeiten nicht als Fürsten gesehen, brauchten sich nicht zu verhalten wie diese. Peter und Paul wussten: Wir sind nur Apostel. Aber das ist schon mehr als genug. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Sie sind wohl in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Karriere haben sie nicht gemacht, auch keine hohen Ämter bekleidet. Im Gegenteil: Wie Jesus und unzählig viele andere werden sie zum Tode verurteilt und hingerichtet. Als das geschieht, weiß noch niemand, dass sie bald schon zu den Großen der Weltgeschichte gehören werden. Zunächst sind sie Handwerker, verdienen so ihren Lebensunterhalt. Dann aber fängt etwas ganz Neues an. Seitdem sind sie viel unterwegs. Anders als die meisten ihrer Zeitgenossen werden sie sogar Weltreisende. Als Botschafter des Evangeliums Jesu können sie nicht anders. Er lädt sie ein, mit ihm das überschaubare Zuhause ihrer bisherigen Lebensräume zu verlassen. Denn das Wort der jungen Kirche aus dem Hebräerbrief gilt auch für sie: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige“ (Hebr 13,14). Beide wollen nach Rom, in die Hauptstadt des damaligen Weltreiches. Paulus beruft sich sogar darauf: „Ich bin als Römer geboren“ (Apg 22,28). In dieser Stadt haben beide bis zur Vollstreckung der Todesstrafe den letzten Teil ihres Lebens verbracht. Deshalb ist diese Metropole Mittelpunkt unserer katholischen Weltkirche geworden und geblieben. Fels – das ist nicht nur, wie Jesus sagt, Petrus. Auch Paulus ist Urgestein. Und geborene Anführer sind sie, der eine wie der andere. Wohl auch deswegen haben sie es nicht leicht miteinander. Sie treffen sich selten, ihre Verschiedenheit führt auch zu Spannungen und Konflikten. Aber das Wesentliche verbindet sie, hält sie zusammen. Sie sind fasziniert von Jesus Christus. Petrus gehört, zusammen mit der Apostelgruppe, deren Sprecher er wird, zu den nächsten Vertrauten Jesu. So Weggefährte zu sein, das hat Paulus nicht erlebt. Für beide gilt: Sie können nicht damit zufrieden sein, wie sie sich zur Verfolgung Jesu verhalten haben. Ihr Versagen können sie aber selbst nicht wiedergutmachen. „Gott hat Jesus auferweckt“. Einige Frauen sind die ersten, die diese Botschaft verkünden. Nach einigem Zögern gehören auch Petrus und Paulus zu den Männern, die sich überzeugen lassen. Als sie dieses Geschenk annehmen, entdecken diese beiden zugleich, jeder auf seine eigene Weise: Jesus hat sich mit mir versöhnt, mich freigesprochen. Er vertraut mir von neuem an, was ihm am Herzen liegt. Der erste Petrusbrief sagt über das neue Leben, das da zur Welt gekommen ist: „Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus hat uns in seinem großen Erbarmen neu gezeugt zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1 Petr 1,3).Petrus und Paulus haben erfahren: Jesus begegnen, das war das Beste, was geschehen konnte. Sie sind andere Menschen geworden. Und dieses Geschenk können sie nicht für sich behalten, immer noch nicht. Im Teilen entstanden und entstehen weiter Gemeinschaften von Gleichgesinnten, über alle Grenzen hinaus. Da geht ihnen auf: Nicht nur Juden dürfen sich Jesus anschließen. Alle sind eingeladen, Menschen aus allen Völkern und Nationen. Jeder Mensch ist Erdenkind. Mittlerweile zeigt sich aber von Tag zu Tag deutlicher, nicht nur in Klimakatastrophen: Mit allen Menschen, die jetzt auf unserem Planeten wohnen, gefährden wir Mutter Erde, die uns trägt und nährt. Wir wissen längst, schon seit Jahrzehnten, was wir ändern müssten. Aber wir tun es nicht. Dieses Dilemma kennt auch Paulus aus eigener Erfahrung. Offen und persönlich sagt er darüber: „Ich elender Mensch! Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das vollbringe ich“ (Röm 7,20). Auf allen unseren Reisen steht uns seit einigen Jahren ein Begleiter zur Verfügung, den wir nicht mehr missen möchten. Eine solche Reisehilfe konntet ihr, Peter und Paul, euch nicht einmal im Traum vorstellen. GPS wird es genannt, dieses Navigationsnetzwerk aus Satelliten, Überwachungsstationen und all den Geräten, die globale Standortdaten empfangen können. Nur diesen Reisewunsch wird GPS uns nicht erfüllen können, wohl auch nicht mithilfe von KI, der künstlichen Intelligenz: Dort anzukommen, wo wir das Böse nicht mehr gut nennen und das Gute nicht mehr böse (Jes 5,20). Peter und Paul! Als euch Jesus begegnete, kanntet ihr Gott schon längst. Aber dann hat es ihm gefallen, sich zu zeigen, sich euch vorzustellen in diesem Mann, Jesus von Nazareth. Da habt ihr erkannt: Was wir bisher von Gott, seiner Schöpfung und von uns Menschen wussten, dabei braucht es nicht zu bleiben. Wo und wie sich neue Horizonte abzeichnen, habt ihr erfahren: „Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17).

Heinz-Georg Surmund
22.06 - 12. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Gal 3, 26-29

Vielleicht werden Sie sich wundern, warum hier vor dem Altar ein Taufgewand steht. Nein, die Messnerin hat das Gewand hier nicht vergessen. Mit dem Weihwasser am Anfang des Gottesdienstes (früher war der „Asperges me“- Ritus Bestandteil jeder Sonntagsmesse) möchte ich Sie zu einer Tauferinnerung einladen, dank der heutigen Lesung (Brief an die Galater).„Kleider machen Leute“, so heißt es sprichwörtlich in Gottfried Kellers Novelle. Kleider erzählen Geschichten. Mit Kleidern, Kleidungsstücken verbinden wir Zeitenwenden unseres Lebens. Sie sind Ausdruck von mir. Ich oute mich mit meiner „Gewandung“. In der Kleiderwahl bekennen wir uns dazu, wer wir sind. „Dein Kleid kann mich was lehren“, so singen wir Weihnachten vor dem „immergrünen Gewand“ des Tannenbaums. Der regelmäßige Kleiderwechsel erinnert uns daran, dass wir leben und mit der Zeit gehen, dass wir wachsen und Fortschritte machen, dass es Anlässe gibt, an denen wir das Alte und Abgetragene ablegen. Mit Kleidern betreiben wir „Selbstdarstellung“: an festlichen Tagen signalisieren wir mit dem neuen Kleidungsstück: Heute beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt. Soweit wir nicht regelmäßig unseren Kleiderschrank ausräumen, fallen uns Klamotten ins Auge, die uns einmal wichtig waren, mit denen wir Geschichten verbinden, die heute an mir nur noch peinlich wirken würden. Wer sich als reifer Erwachsener wie ein Jugendlicher kleidet, kann zur Witzfigur werden. Kleiderwechsel – das mag in früheren Zeiten noch viel markanter gewesen sein, als man pro Woche nur einmal die Kleidung wechseln durfte, nach dem Bad am Samstagabend. Am Sabbat zog man buchstäblich den alten Menschen aus und legte vor dem Sonntag den neuen Menschen an, änderte sein Outfit. Sehr modebewusste Menschen legen auf ihr Äußeres viel Wert, andere widersetzen sich bewusst dem Druck der Modeindustrie. Egal: Die Kleidung verrät einiges von unserem Innenleben; sie erzählt, wo wir herkommen, was unser Lebensstil ist. Auch wenn sie nur unsere Hautoberfläche bedeckt, erzählt die Kleidung von meinem Innenleben, von unserer Persönlichkeit. Man könnte ein ganzes Leben durch die Aufreihung der Lieblingsklamotten auf einer Kleiderstange darstellen, angefangen von den Textil-windeln und dem ersten Strampelanzug bis, ja, bis zum Totenhemd. Diese beiden Kleidungsstücke werden uns von anderer Hand übergezogen. Und da gibt es das wichtigste, das fast vergessene Kleidungsstück: das Taufkleid, schlicht oder mit Spitzen, zuweilen bedruckt mit Namen und Taufdatum. Auf diesem Kleid liegt der Glanz von Ostern, das porentiefe Weiß des Himmels. Dieses weiße Kleid ist der „Bademantel“ nach dem Taufbad. Zuweilen höre ich beim Taufgespräch, dass Mütter ihr eigenes Kommunionkleid oder Brautkleid umschneidern ließen zum Taufkleid ihres Kindes. Eine wunderbare Kontinuität! In der Stunde, als sich uns Christus annäherte im Taufsakrament, wurde uns das Kleid angelegt. Wir alle trugen gewissermaßen am Anfang dasselbe Utensil; auf jede und jeden von uns hat sich Jesus wie eine zweite Haut gelegt, mit uns allen hat er sich untrennbar verbunden; so wurde er unser Allernächster. „Da gibt es kein Männliches und Weibliches“ (haben wir im Brief an die Galater gehört 3,28). Die Erwachsenen, die in der frühen Kirche nackt in der Osternacht eine Ganztaufe empfingen, wurden danach umhüllt mit dem neuen Kleid und trugen es bis zum „Weißen Sonntag“ wie eine Albe (deswegen heißt bis heutzutage der erste Sonntag nach Ostern „domenica in albis“). Oder denken wir an die muslimischen Mekka-Pilger, die in ihren weißen Pilgergewändern (oft ihr Totenkleid) alle gleich sind vor dem Allmächtigen. Bei der Taufe eines kleines Kindes wird eine wichtige Entscheidung ein wenig verdunkelt: Mir wird der Glaube wie ein Kleid hingehalten, in das ich schlüpfen soll, ein Kleid, das Christus mir reicht, dass ich annehmen und überziehen soll. Ich entscheide mich zum Kleiderwechsel. Paulus erinnert in seinem Brief an die Galater mit diesem Bild an unsere Lebenswahl: „Denn alle, die ihr in den Messias hineingetaucht wurdet – den Messias habt ihr angezogen.“ (das steht auch im Galaterbrief und das wird bei jeder Taufe im Gebet wiederholt). Liebe Gemeinde: Christsein und Christwerden ist wie eine Kleiderwahl! Er, der sich mir schenkt, will auch getragen werden. Uns allen soll man ansehen, dass wir „Christus tragen“ wie ein neues Kleid. Ich bin unheimlich enttäuscht, dass in der Nachbargemeinde seit mehreren Jahren die Erstkommunionkinder keine „Uniform“ tragen müssen. Ich hatte keine Argumente, ich konnte niemanden überzeugen, wie wichtig das in unserer Tradition ist. Da musste ich feststellen, dass sogar in der Kirche viele Symbole systematisch, absichtlich, leider Gottes, ignoriert werden… Ja, dieses Kleid ist gewöhnungsbedürftig, es wechselt nicht mit der Mode. Wir bekommen es nicht zum Schlussverkauf zu Spottpreisen nachgeworfen. Will ich Christus so dicht, so nah an mir tragen? Er rückt mir auf den Leib! Fühle ich mich wohl in seiner Gegenwart? Oder wehre ich mich gegen so viel Nähe? Könnte ich mit dem Kleid Christi auf der Modenschau dieser Welt bestehen? Lasse ich mich gerne mit ihm sehen oder ist Er mir peinlich wie ein aus der Mode geratenes Kleid oder wie mein Erstkommunionanzug, aus dem ich längst herausgewachsen bin (wenn ich überhaupt einen gehabt habe)? Ist es Geschmackssache, ob ich ihn eine Weile trage, dann wieder loswerde und meinen Glauben quasi zur Altkleidersammlung gebe? Der Galaterbrief ergeht auch an uns. Wir wollen mit Paulus bekennen: Jesus, du stehst mir! Diesen Kleiderwechsel lasse ich mir gefallen. Kleidertausch ist immer auch Herrschaftswechsel. Vor 800 Jahren starb der heilige Franziskus von Assisi; er, der Sohn eines Boutiquenbesitzers in Assisi, zog sich im Jahr 1206 auf dem Marktplatz von Assisi vor aller Öffentlichkeit nackt aus, kroch unter den Schutzmantel des Bischofs und trug fortan ein „haubenlerchengraues“ kratziges Gewand. Eine Äußerlichkeit nur, die jedoch den radikalen Wandel in Franziskus‘ Innerem verdeutlicht. Jesus ist mein „Schutzmantelchristus“. Er liegt uns zum Greifen nahe. Er steht uns gut. Kleider machen Leute. Das Taufkleid macht aus uns einen Christenmenschen.

Alois Balint
19.06 - Fronleichnam - Hochfest des Leibes und Blutes Christi - Gedanken zu Lk 9,11.17

„Ich habe Hunger!“ Wie oft schon haben Sie das gesagt, gedacht oder von anderen gehört. Im Hungergefühl kommt eine der grundsätzlichsten Begierden des Menschen zum Ausdruck: Das Verlangen nach Nahrung. Auch wenn die meisten von uns, Gott sei Dank, nie richtigen Hunger leiden mussten, so können wir doch ahnen, wie starker Hunger menschliches Denken und Handeln so sehr bestimmen kann, dass alles andere dahinter zurücktritt. Im heutigen Evangelium spricht Jesus zum Volk vom Reich Gottes. Um die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu bewahren, muss er folglich dieses grundlegende Bedürfnis, ihren Hunger, stillen. Zudem dürfte ihn auch sein Mitleid mit den Menschen dazu bewogen haben, ihnen zu helfen.

Mit der Speisung der Fünftausend geschieht dies auf wundersame Weise. Darüber hinaus geht es in diesem Text zusätzlich um ein größeres Verlangen, eine tiefere Sehnsucht des Menschen. „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot“ (Dtn 8,3) lesen wir im Buch Deuteronomium. Im Johannesevangelium kritisiert Jesus die Menge, weil sie sich nicht wirklich für ihn, sondern für das Brot interessiert, das sie von ihm erhalten hat. „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt.“ (Joh 6,27) Im Tiefsten seines Herzens sehnt sich jeder Mensch nach vollkommener Liebe, beständigem Glück, innigster Geborgenheit, nach einem Leben in Fülle und ohne Ende. Gleichzeitig wissen wir, dass diese Welt und dieses Leben unsere Sehnsüchte nicht stillen können. Wir können noch so viel Brot essen, wir werden trotzdem sterben. Wir können noch so viele glückliche Momente erleben, sie werden vergehen. Wir können uns noch so sehr bemühen, Liebe zu schenken und zu empfangen, wir werden dabei immer an eine Grenze stoßen. Wozu also diese Sehnsucht, wozu dieser Hunger nach mehr, wenn er nicht gestillt werden kann? Für den britischen Schriftsteller C.S. Lewis (1898–1963) ist dieses Sehnen ein untrügliches Zeichen, ein starkes Indiz für die Existenz einer überirdischen Welt und des ewigen Lebens. Hunger ist ein Hinweis darauf, dass es Nahrung gibt, Durst, dass es Wasser gibt. Gäbe es weder Wasser noch Nahrung, wären Hunger und Durst sinnlos. Lewis schreibt in seinem Buch „Pardon, ich bin Christ“: „Wenn wir nun in uns selbst ein Bedürfnis entdecken, das durch nichts in dieser Welt gestillt werden kann, dann können wir daraus schließen, dass wir für eine andere Welt erschaffen wurden.“ Diese andere Welt will Christus uns erschließen, uns darauf vorbereiten. Er will uns nicht bloß den Weg zeigen, sondern er ist selbst der Weg. Er ist es, der nicht nur den Hunger des Volkes nach irdischer Nahrung wendet, sondern auch den Hunger der Menschheit nach ewigem Leben stillen will. Er ist das wahre Brot, das der Welt das Leben gibt. (Joh 6,32f.) Um diese Sehnsucht nach Leben in Fülle, und damit nach ihm, wachzuhalten, und uns gleichzeitig schon ein wenig von dieser Speise kosten zu lassen, damit wir gestärkt unseren Weg gehen können, hat er seiner Kirche die Eucharistie geschenkt, die wir heute an Fronleichnam besonders feiern. Im Schlussgebet dieser Messe heißt es: „Herr Jesus Christus, der Empfang deines Leibes und Blutes ist für uns ein Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit.“ Lassen wir ihn uns also immer wieder schmecken, als Nahrung für Geist und Seele. Bis zur endgültigen Sättigung im Angesicht Gottes.

René Stockhausen
15.06. - Dreifaltigkeitssonntag

Ist es in der heutigen Zeit schwieriger, von Gott zu sprechen, als zur Zeit des Moses? Mit dieser Frage überrascht Gottfried Bachl in seinem Gottesfragebogen. Ich glaube, die Selbstverständlichkeit, mit der Moses und die Apostel vor Gott lebten, ging uns verloren. Das einsilbige Wort „Gott“ ist leicht gesagt, doch ist es noch weltbewegend? „Fremd wie dein Name sind uns deine Wege“, haben wir gesungen („Gotteslob“ 422,1). Ich hoffe, wir freuen uns, in dieser Stunde Gott zu begegnen, vielleicht zum ersten Mal bewusst nach einer eher gottvergessenen Werkwoche. Manchmal erschrecke ich und frage mich: Beginnt Gott für mich der Vergangenheit anzugehören? Wo erfahre ich ihn außerhalb heiliger Orte? Oder bringt er mich in Verlegenheit? Bitte erwarten Sie heute kein theologisches Referat von mir über die Dreifaltigkeitslehre. Heute feiern wir einfach wieder, dass Gott „da“ ist. Ja: Du bist nicht so einfach da, sondern du bist „dreifaltig einer“. Ich spreche nicht „vor“ Gott wie vor einer Götterstatue, sondern ich bete und singe „in“ Gott, aus dem wir nie herausfallen. Bevor ich Gott zu irgendetwas „brauche“, sage ich: Danke, dass es Dich „gibt“ und Du Dich uns gibst. Danke, Gott, dass Du ... Gott bist! Dich wollen wir nennen, anrufen, loben, wirken lassen. Das hört sich anstößig an: Gewissermaßen ist der dreifaltige Gott „unbrauchbar“. Mit ihm können wir nicht rechnen, ihn nicht benutzen. Gottes „Unbrauchbarkeit“ – das hört sich vielleicht schockierend an. Doch Gott ist nicht zu verzwecken, nicht zu verbrauchen, er ist nicht einzupreisen in meine Lebensstrategien. Er ist keine unpersönliche Macht, sondern ein Vertrauter, den wir in unseren Gebeten nicht siezen, sondern duzen. Ist uns schon einmal aufgegangen, dass wir Gott duzen? Ja, Gott, Du bist ein Du. Die Kirche hält die notwendige Nähe dieses DU wach. Darin besteht vielleicht ihre einzige Daseinsberechtigung. Gott darf nicht in den Windschatten der Kirche geraten. Er ist kein Kirchen-, Katholiken-, Gemeinde- und Feiertagsgott. Je länger ich in dieser Kirche arbeite, desto mehr regt es mich auf: Viel zu viel an Kirchen-kram schiebt sich dazwischen, als seien wir als Kirche so fasziniert von uns selbst. Wo bleibt Gott, wenn wir im „Vorletzten“ kleben bleiben? Manchmal kommt es mir vor, als seien wir so auf die „Selbstoptimierung“ und das Überleben der Institution, unser Outfit und die äußeren Abläufe fixiert, dass es eigentlich egal ist, ob es Gott gibt oder nicht. Der leise Gott gerät in all dieser frommen Geschäftigkeit unter die Räder. In meinen Gottesdienstveranstaltungen kann ich so tun, als sei Gott zu managen und zu verwalten; als sei ich ein frommer Verteilungsbeamter, der mit dem Geheimnis des Glaubens hantiert und Gott routiniert in kleinen Portionen austeilt. Warum ist es in der heutigen Zeit schwieriger, von Gott zu sprechen als zur Zeit des Moses? Mose war vor Ihm zur Stelle. Doch mich beunruhigt er zu wenig, dieser Gott Jesu Christi, der der Unbekannte bleibt, zu dem ich ein Leben lang pilgernd unterwegs bin, nach dessen Name ich scheu frage wie Moses vor dem brennenden Dornbusch. Gott darf auch dieser Rätselhafte bleiben, das nie alt werdende Neuheitserlebnis, auf das wir alle zugehen. Mose ist nicht dem niedlichen, „lieben Gott“ begegnet. Etwas von der wilden Fremdheit des Wüstengottes vom Sinai wünschte ich meiner Gotteserfahrung. ER müsste mir auf den Leib rücken wie Mose auf dem sturmumtosten Gottesberg. Gott – nicht zu fassen, unbändig, nicht verfügbar, nahe und doch fern, nicht die Antwort auf meine Fragen, sondern die große Frage an mich. Ich kann ihn nicht beschwören und herbei-zaubern. Auch im nahen Jesus verliert er sich nicht, er bleibt ein Geheimnis, das ich nie lüften kann, das mir nie gehört. Zu Gott steigen wir „Pilger der Hoffnung“ wie auf einen steilen Berg hinauf; zugleich dürfen wir hoffen, dass Er sich uns öffnet, uns entgegenkommt, sich mir zuneigt, weil wir es aus eigener Kraft nie zu ihm schaffen. Moses ruft den Dornbusch-Gott an und bittet um seinen Namen. Wir bitten Gott – um Gott, um seinen Atem, sein gastfreundliches und beziehungsreiches Leben. Unfassbar: Dieser Gott – eine essbare, menschenfreundliche, gebrochene Gabe. Er schenkt sich uns – er, der über uns, bei uns und in uns ist.

Alois Balint
02.03 - 8. Sonntag im Jahreskreis - Büttenpredigt zum Faschingssonntag

Früh klingelt der Wecker,
geduscht, 'n Brötchen vom Bäcker
und ab geht's ans Werk
in Gottes schön' Weinberg.

Schnell einsteig'n in den Wagen,
losdüsen an stressigen Tagen.
Nicht lamentieren,
an der Kreuzung rasieren.
Und wie ich so tanke
kam wieder der Gedanke:
"Wir sollen die Seelsorg optimieren."
"Hey, Leute, ich überdenk es lange,
das geht an die Nieren."

Im Pfarrbüro Probleme?
Kei' Zeit für die Theme.
Ich sag's nur euch vieren:
"Wir werden die Seelsorg optimieren."
Was gibt's an Terminen? Was liegt heute an?
Bin immer am Ball, bin immer nah dran.
3 Messen, 4 Sitzung'n, Bauausschuss -
ich ahne: ein langer Tag mit viel Verdruss.
Für's Projekt einen Flyer,
'n Interview, die alte Leier.-
Miniprobe, 'ne Hochzeit, -
Seelsorg hat viele Seit.
'ne Beichte, 'ne verschobne Taufe,
's ist manchmal zum Haare raufe.
Da hab ich mich ordentlich abgehetzt
und dann hat mich die Semja einfach versetzt.      
Der Text für die Predigt - er ist zu lang.
Was kürzen, was tun? Mir wird ganz bang.
Wir haben Sorgen mit den Gebäuden,
für die Seel ist keine Zeit zu vergeuden.
Der Messner ist krank, Organistin zur Kur,
noch 5 Minuten - was mache ich nur?
Da kannst noch so viel studieren,
im Alltag, da muss man improvisieren. 
So, zum nächsten Ort jagen,
in die Werkstatt den Wagen.
Mittelchen aus der Apotheke gegen Beschwerden,
Mensch muss viel ertragen auf Erden.

Da treff ich Herrn Müller
und das war der Knüller.
"Seh'n gut aus, Herr Pfarrer, und immer gesund,
kein Wunder, Sie arbeiten ja nur sonntags 'ne Stund."
Und eh' ich's recht bedacht,
hab ich wieder 'nen Fehler gemacht:
Ich sah den Herrn Müller,
nicht ihn als Zeitkiller.
Also weiterjagen,
Termine per Handy abfragen.
Beerdigung am X-Ort?
Und wie komm ich pünktlich von dort fort?
Achja, ich will koordinieren
und nicht die Seelsorg optimieren.

Und eh der Abend ist heran
hab ich organisiert und 'nen Plan
und höre aus jedermanns Mund:
"Das mit der Kirche, das läuft nicht rund.
Wir müssen die Seelsorg optimieren."
Sie haben viel Spaß am Endlos-Disputieren....

Hungrig kriech ich nach Haus auf allen Vieren...
"Wir müssen die Seelsorg optimieren."
Der Kopf glühend heiß, die Füße, die frieren.
"Hey, Freunde, ich sag's euch: Das geht an die Nieren."


Ein Stoßgebet, "oh Herrgott, gib,
dass wir nicht werd'n wie'n Großbetrieb.
Die alte Kirche in neuem Gewand, -
das Wichtigste ist, wir bleiben an DEINER Hand.
Lass schauen uns auf die Essenz
und zieh'n die richtige Konsequenz."

Monika Schonert
23.02 - 7. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 6,27-38

Die Blumen vom Valentinstag sind längst verblüht, die Pralinen verspeist. Das war er – der Tag der Liebenden, das Datum, an dem sich einander nahestehende kleine Aufmerksamkeiten und große Worte reichten. Lasst Blumen sprechen! Schoner Slogan. Der Valentinstag war ein Liebesfest, das auch die Zeitgenossen mitfeiern können, die noch nie etwas von Bischof Valentin aus dem umbrischen Terni gehört haben. Groß von der Liebe sprechen und die Liebe feiern – das ist etwas Großes! Aber Jesus funkt mit einer irritierenden Frage dazwischen: „Was tut ihr da Besonderes?“ Solche Liebe ist irgendwie – normal. Jeder liebt – hoffentlich – seinesgleichen. So wird Liebe ausgetauscht, aber nicht vermehrt in dieser Welt. Der Vorrat an Liebe bleibt konstant. Ich liebe den, der mich schätzt, und umgekehrt. Ich liebe die Liebenswerten, mit denen ich es gut kann. Solche Liebe ist wie ein Ringtausch bei der Hochzeit. Es fällt leicht, dem geliebten Partner „durch die Blume“ hindurch Nettes zu sagen. Liebesaustausch – das ist schon schön und gut. Die Welt sähe anders aus, wenn Nächstenliebe die Regel wäre; doch sie ist keine christliche Erfindung und auch nicht das „Wesen des Christentums“. Das kann doch jede und jeder. Nichtchristen und Nichtreligiöse lieben oft ehrlicher, sogar leidenschaftlicher. Mit gutem Willen ist das „leistbar“: den Zeitgenossen gerne zu haben, der mir nahesteht; und die zu erfreuen, mit denen ich gut auskomme und die mir Liebe entgegenbringen. Auch diese Liebe ist, wie jedes Ehepaar ahnt, eine begrenzte Ressource, ein empfindliches Pflänzchen, das man gießen, düngen und geduldig pflegen muss. Es ist schön, wenn wir Liebe teilen und sie weiterfließen lassen – statt uns nur lieben zu lassen und sie zu bunkern im Silo des eigenen Ichs. Auch die Nächstenliebe ist riskant. Es kann geschehen, dass sie ins Leere geht, wenn sie nicht erwidert wird. Mit den meisten Mitmenschen lebt man nebeneinanderher, arrangiert sich. Es funktioniert nicht immer. Erschreckend, wie uns Nächste zu Feinden werden, warum tiefste Zuneigung in Entfremdung und gleichgültige Härte umschlagen kann. Wir stehen ratlos vor dem Phänomen des Hasses. Da wächst Feindschaft zwischen Menschen und Völkern, weil sie sich nicht kennenlernen wollen, obwohl sie sich räumlich einander nahe sind. Was ist da geschehen, dass sich selbst Nächste auseinanderleben, dass die zunächst so liebevolle Stimmung in Ehe und Familie ins Gegenteil umschlagen kann, dass sich mitten in der Zivilgesellschaft eine aggressive Feindseligkeit gegen Fremde entlädt? Das Evangelium erinnert an etwas Besonderes, etwas besonders Verrücktes; das ist verrückter und durchgeknallter als jeder Karneval. Jesus, du bist so anstrengend mit dem Gebot der Feindesliebe! Du konfrontierst uns darin mit der wahren, reinen, GRUNDLOSEN Liebe. Jesus predigt eine Art „Narrenrede“ in der Feldrede; er malt mit Worten eine neue und „verkehrte“ Welt. Ist es eine abgehobene Wirklichkeit für idealistische Traumtänzer, eine Realität mit Verfallsdatum? Das, was Jesus sagt, ist ungeheuerlich, erschreckend neu und unerhört. Wir sollten zusammenzucken darüber, dass Jesu Worte maßlos sind und das Normale sprengen. Er mutet uns mit der Feindesliebe die große, fremde, anstrengende „Schwester“ der Nächstenliebe zu. Diese Liebe lässt sich nicht problemlos unter den Zeichen von Rosen, Konfekt oder Schmuck verschenken. Diese Liebe wird nicht am Valentinstag gefeiert und auch nicht einmal an einem zu harmlos als „Fest der Liebe“ verstandenen Weihnachtsfest. Allein das Wort „Feindesliebe“ fällt wie ein Brocken von einem fernen Stern in mein Denken. Eigentlich möchte ich das Christentum einsichtiger haben, billiger, angenehmer, vernünftiger. Kann ich allen Ernstes die Liebe teilen mit dem, gegen den ich ganz tiefe Abneigung empfinde? Habe ich jemals eine solche grundlose Liebe erfahren, eine Liebe, die Grenzen sprengt und wirklich kreativ ist? Das wäre ein Moment, in dem sich die Liebe kreativ vermehrt in der Welt und nicht nur brav ausgetauscht wird. Dann wäre ich wahrhaftig Gott begegnet mitten in meinem zuweilen verfahrenen Leben. Wem das gelingt, der wird aktiv in der Liebe. Wem das nicht gelingt, der sagt: Lass mich in Ruhe, Herr! Solche diffusen Gefühle will ich lieber gar nicht wahrhaben und will in einem Gottesdienst ungern daran erinnert werden. Ein Gottesdienst soll doch voller Harmonie sein, soll meine zerknitterte Wirklichkeit glattbügeln. Jesus tut uns aber den Gefallen nicht, er rechnet damit, dass wir alle auch Feinde haben und für andere Gegner sind. Das macht diese Stunde zu einem Schrei nach dem, der sich bitte in unsere inneren Angelegenheiten einmische. Vielleicht verstehen wir in so einem Moment was „Dein Reich, Herr, komme“ bedeutet: Gott durchkreuzt die tödlichen Erwachsenenspiele von Schlag und Gegenschlag, die alltäglichen Eskalationen, Hahnenkämpfe, Rechthabereien, Mobbing-Attacken. Dein Reich komme in die ergebnislos verlaufenden Friedensgespräche dieser Welt. Dein Reich komme und bringe mich von der Ellenbogenmentalität ab, mit der ich mich durchsetze auf Kosten des anderen. Dein Reich komme, wo wir uns (genau wie im Theater) auf offener Bühne umarmen und küssen und hinter den Kulissen uns angiften, einander Böses an den Hals wünschen. Feindesliebe muss mir vorgesagt und vorgelebt werden. Ich muss das erfahren, dass da ein Anderer ist, der mich, seinen Feind, liebt. Einer meiner Lieblingssätze der Heiligen Schrift lautet: „Gott hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder, Gottes Feinde waren“ (Röm 5,8.10). Aha! Da ist etwas für uns: Wir lassen uns die Feindesliebe Gottes gefallen. Sie falle in uns auf fruchtbaren Boden, auf dass wir umgekrempelt werden und Resonanz geben. Die Eucharistie ist nicht nur die Versammlung der Freunde Gottes, die es gut miteinander können. Sie ist genauso das Fest der ansteckenden Versöhnung, der maßlosen Gottesliebe. Deswegen möchte ich Schluss machen mit einem Zitat von Martin Buber der den Rabbi Schlomo sprechen lässt: „Ach, könnte ich doch meinen Nächsten so lieben, wie Gott den größten Bösewicht liebt.“

 
Alois Balint
16.02 - 6. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 6,17-26

In den letzten Jahren war ich öfter im Jobcenter in Offenburg, um Flüchtlinge zu begleiten. Da saß ich dann im Warteraum zwischen Leuten, die wir hier in unseren Gottesdiensten und Gemeindetreffen kaum vorfinden. Oft ganz junge, alleinerziehende Mütter mit ihren Babys im Kinderwagen, Ausländer aus allen Teilen der Welt, Ältere, die sich nur schwer in eine Arbeit vermitteln lassen. Fast alle in schwarzen Jogginganzügen. Alle arm oder arm dran. Viele müde, enttäuscht, ausgelaugt vom Leben. Nicht immer ein schöner Anblick. Tja, Armut hat erstmal nichts Anziehendes. Darum wird sie gerne versteckt. Darum verdrängen viele sie aus ihrem Blickwinkel. Niemand will arm sein – wenn man es aber ist, will man das nicht unbedingt zeigen. Armut bleibt gern im Verborgenen: Wer gibt schon gerne zu, auf soziale Unterstützung angewiesen zu sein? Noch häufiger wird die innere Armut, das Unglücklichsein, hinter Masken versteckt. Man spielt Stärke vor, man spielt „Mir geht es gut“. Wie‘ s drinnen aussieht, geht keinen was an. Hauptsache: die Fassade bewahren. Im heutigen Evangelium, vor unzähligen Zuhörern schaut Jesus hinter die Fassaden. Die Leute bekommen zu hören: Selig ihr Armen! Euch gehört das Reich Gottes! Merkwürdige Worte! Den Armen gehört doch etwas? Ja, sagt Jesus. Wir müssen gar nicht so tun, als wären wir gut dran und gut drauf. Wir müssen das Versteckspiel nicht mitmachen. Wir dürfen ehrlich sein. Und wenn wir uns so richtig verloren und mies vorkommen, dann – so sagt Jesus – kann Gott unser Reichtum sein. Er steht zu uns. Nicht, weil wir so toll und so gut sind, sondern weil ER so gut ist. Wenn uns das aufgeht, dann haben wir die Schwelle ins Reich Gottes schon hinter uns. Selig, die ihr jetzt hungert. Ihr werdet satt werden! Auch dieses Wort kann uns Mut machen. Weil wir keine Slums hier haben, Hunger heißt: Sehnsucht. Sehnsucht nach Zuwendung und Geborgenheit, ja oft nur nach einem guten Wort, nach kleinen Zeichen des Wohlwollens. Jesus sagt: „Ihr werdet satt werden!“ Das ist kein leeres Versprechen: In Gott kommt unsere Sehnsucht zur Ruhe. So hat es der große heilige Augustinus erfahren: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir!“ (inquietur est cor nostrum, donec requiescat in te) „Selig, die ihr jetzt weint! Ihr werdet lachen!“ Wenn jetzt Enttäuschungen, Verletzungen, Trauer uns die Tränen in die Augen treiben, lasst sie zu, unterdrückt sie nicht! Aber seid offen für die andere Seite, für die Spuren der Hoffnung, für die Freude, für das Lachen, für die Weite Gottes, der uns niemals ausschließt und der der Trauer nicht das letzte Wort lässt. Solange wir hinter einer Maske leben, verwenden wir viel Kraft darauf, ein Bild von uns zu zeigen, das wir gar nicht sind. Ihr braucht, sagt Jesus, euch selbst und den anderen gar nichts vorzumachen. Ihr könnt hinter der Fassade hervorkommen. Ihr braucht euch nicht selber zu belügen. Wohlgemerkt: Nicht die Armut erklärt Jesus zum Ideal, nicht den Hunger und nicht die Trauer. Das wäre ja auch zynisch: die dunklen Seiten des Lebens schönzureden und hell zu streichen. Jesus preist die Armen und Trauernden selig – also nicht die Zustände, sondern die Menschen, die davon betroffen sind. Die dunklen und wunden Stellen im Leben sollen uns nicht beherrschen, und wir müssen uns nicht auf sie festlegen und fixieren. Ein Bürgergeld-Empfänger, oder ein Depressiver, oder ein Flüchtling ist immer mehr als das – er ist immer ein Mensch mit vielen Facetten. Immer sind wir mehr, als wir scheinen. Die wunden Stellen und die Narben sind nicht das „dicke Fell“, mit dem wir uns panzern und abschirmen. Sie sind im Gegenteil die Stellen, wo das Leben bei uns anklopft und Neues bei uns in Gang kommen kann, ein Wachsen und Reifen – und die Hoffnung, dass Gott „alle Tränen abwischen wird von unseren Augen“ (wie Johannes in der Apk 21 sagt). In scharfem Kontrast zu diesen Seligpreisungen stehen die Weherufe. Wehe den Reichen und Satten und immer nur Spaßhabenden und immer nur mit Beifall und Applaus Bedachten auf der Siegerspur! Passt auf, meint Jesus, dass euer Besitz nicht zu innerer Leere und Langeweile führt. Dass euer Sattsein euch nicht abstumpfen lässt. Dass ihr vom Beifall der anderen nicht abhängig werdet und euch selbst verliert. Sie haben ihren Trost schon weg, weil sie vom Menschen viel zu klein gedacht haben. Als wenn es mit dickem Bankkonto, mit übervollen Kühlschränken, mit Bettaffären und dauerndem Erlebnis – und Spaßmodus schon genug sei für ihn. Wer sich arm und bedürftig fühlt oder wer trauert, der kann diesem größeren Bild vom Menschen näherkommen und auf der Spur sein – mehr als der Satte, der glaubt, er hätte schon alles, er wäre schon am Ziel. Eben darum sind wir hier und bestärken uns im Gottesdienst, von uns Menschen selber nicht zu klein zu denken.

 
Alois Balint
09.02 - 5. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 5,1-11

Wir nehmen so eine altbekannte Geschichte vielleicht mit halbem Ohr zur Kenntnis. Was geht uns der ungewöhnliche Berufswechsel eines Fischereiteams vor 2000 Jahren an? Spüre ich noch, dass das Evangelium mir auf den Leib rückt? Kenne ich noch das große erschreckende Erstaunen über das Schöne, das Gott mir beschert? Oder verstopft, vergiftet eine andere Stimmung mein Ohr: Frust und Resignation, die bittere Erinnerung an gescheiterte Anläufe, die mit zunehmendem Alter wachsende Enttäuschung, sogar das zynische Gerede. Meine Hände – peinlich leere Hände trotz voller Terminkalender – wie leere, von Tang verklebte Netze. Oh ja, wir kennen diese Stimmung erfolgloser Fischer am frühen Vormittag, die verbittert Bilanz ziehen, dem unergiebigen See die Schuld geben, am Ufer schmutzig-leere Netze reinigen und sich dann am liebsten bis zum Abend aufs Ohr legen würden. Der lamentierende Petrus-Sound ist mir allzu vertraut, das resignative Lamento: „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen!“ Solche Stimmen kenne ich, in mir und in meinem Umfeld. Ein Ton, der dem Mollton mancher ernüchterter Bedenkenträger und auch meiner Stimmungslage nahekommt; ein Dreiklang, der da lautet: „Wir werden älter, wir werden ärmer, wir werden weniger …“ Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, dümpelt müde dahin. Der See ist wie leer gefischt. Wir haben uns ein Leben lang redlich gemüht und nun zerbröselt so vieles unter unseren Händen. So viel vergebliche Liebesmüh, so viel verschwendete Zeit, so viele im Sand verlaufen Initiativen und erfolglose Einsätze. So viel Herzblut – und am Ende hat es nichts gebracht. Und dann mischt sich auch noch ein Dahergelaufener ein, der ganz gut predigen kann, aber nichts von unserem Alltagsgeschäft versteht. „Fremder Mann, bleib bei deinen Bibelsprüchen und komm uns nicht mit wirren Zumutungen! Lass uns in Ruhe mit deinen unsinnigen Ratschlägen!“ Resignation und müde Erschöpfung blockieren den Zugang zum Glauben. Diese Widerworte klingen klüger und realistischer als die Vorstellung, dass ausgerechnet ich in sein Netz geraten soll. Warum sollte ich diesem glauben, ihm nachlaufen, der da aufkreuzt und Verrücktes verlangt? Einer, der mir zumutet, Unsinniges zu tun, tagsüber Fischen nachzujagen, die sich tief in der See verstecken. Das ist NO GO, alle werden uns auslachen. Einer, der sogar mehr will: meine Umschulung: Einer, von dem Wunderbares ausgeht und der mir zutraut, mit ihm auf Menschenfang zu gehen. Doch so passiert’s: Am Ufer fängt Kirche an. Sie fängt an mit Jesu Entgegenkommen; er taucht auf am Rand des Ufers und am Rand dieses Tages. Kirche wird geboren im Hören auf seinen Aufruf: Fischt nicht im Trüben, leckt nicht müde eure Wunden, sondern wagt euch wieder und wieder ins Tiefe, Hohe und Weite hinaus! Kirche fängt da an, wo der Nazarener sich einmischt in mein Leben und meine Mitarbeit sucht. Oh ja, Kirche fängt nicht bei meinen tollen Entschlüssen und frommen Aktivitäten an und sie stirbt nicht, wenn ich resigniert nur ins Leere starre und meine Misserfolge beklage. Kirche fängt da an, wo alle Christus zuhören. Jesus wirkt ansteckend. Er motiviert zu einer beruflichen Umorientierung, die verrückter ist als der erneute Fischfang am helllichten Tag. Kann es sein, dass Gott gerade solche Situationen des Misserfolgs und die gewöhnliche Stunde des harten Arbeitsalltags liebt und daran anknüpft? Im Krisenmodus unserer Selbstzweifel ergeht der Ruf in die Nachfolge. In unser: „Wie soll es weitergehen?“ wird die Wegweisung hinter seinem Rücken laut. Wenn es Kirche gibt, dann nur, weil ER dich wie mich immer noch braucht. Im Ruf zur Nachfolge bittet er. Jesus möchte seine Wege, Gottes Wege nicht ohne uns gehen. Ich weiß nicht warum, aber Er braucht uns als Beteiligte, Helfer, Wegbegleiter. Mit uns geht er auf „Fang“. Überlassen wir Jesus die freie Wahl: Er braucht nicht Virtuosen in Sachen Frömmigkeit, keine überdurchschnittlich Begabten, keine Übermenschen oder Übereifrigen. Gebraucht werden „kleine Leute“, die die Erfolglosigkeit leerer Netze aushalten und den Frust vergeblich durchgearbeiteter Nächte durchstehen. Ja, liebe Gemeinde, Gott sucht Alltagsmenschen. Im Gewöhnlichen ereignet sich das Ungewöhnlichste von der Welt. Jesus, Dein Zutrauen macht uns fassungslos! Daher unsere Danksagung heute!

 
Alois Balint
02.02 - Lichtmess - Bräuche für unsere Zeit

Der Titel des Festes „Die Darstellung des Herrn“ kommt mir sehr sperrig vor. Die alte Bezeichnung „Fest der Begegnung“, der Prophetin Hanna und des greisen Simeon mit dem kleinen Christuskind, dem „Licht der Welt“, gefällt mir mehr. Auch an den alten Reinheitsvorschriften für Frauen nach der Geburt habe ich so meine Zweifel. Leben schenken als Unreinheit zu definieren, ist bestimmt keine Sichtweise des Schöpfers. Es ist leider noch gar nicht so lange her, dass auch in unserer ländlichen Berggegend Frauen nach der Geburt eines Kindes zum Pfarrer gehen mussten, um sich „aussegnen zu lassen“. Die „Lichtmess“-Bräuche aus der bäuerlich geprägten Vergangenheit brauchen aktuelle Bezüge. „Licht plus Segen“ kann ich mir gut vorstellen. Früher reichte eine Kerze im Zimmer, um die Dunkelheit zu bannen. In unserer lichtdurchfluteten Welt, ja sogar unseren „lichtverschmutzten“ Orten, könnten wir durch Abschalten sicher mehr zum Kern des Festes gelangen. Es gibt seit 2007 um den 25. März die weltweite „Earth Hour“, weil man in Australien damals erkannt hatte, wie sehr der Lichtüberschuss unseres Lebens durch die Stromerzeugung mit großen Umweltbelastungen einhergeht. Auf der anderen Seite ist es ein Geschenk, künstliches Licht nutzen zu können. Wie es Menschen in den Slums im Süden in den stromlosen Wellblechhütten nur selten haben. Wenn die Sonne untergeht, ist es finster um sie. Daher wäre mein Vorschlag, dass wir zu Lichtmess nicht nur unsere Kerzen segnen, sondern alles Licht, das uns ein angenehmes Leben ermöglicht. Licht ... mit dem wir auch um Mitternacht Unfallopfer gut operieren können, im Winter viele Stunden mehr an dem arbeiten, was uns wichtig ist. Licht zum Lernen, zum Lesen, sich gegenseitig in die Augen zu sehen. Wir könnten „Lichtmess“ als Impuls verstehen, um an mehr „Lichtgerechtigkeit“ zu arbeiten: Wissen verbreiten, Geld in Stromquellen für Slumbewohner investieren, u.a. Damit überall auf der Welt Licht leuchtet, das die Dunkelheit und ihre Ängste vertreibt.

 
Elisabeth Ziegler-Duregger
26.01 - 3. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Lk 1,1-4; 4,14-21

Zu Beginn der Adventszeit hat Papst Franziskus ein außerordentliches Heiliges Jahr ausgerufen, das vom 8. Dezember vergangenen Jahres bis zum 20 November 2016 stattfinden soll. Im Mittelpunkt dieses Heiligen Jahres steht die Barmherzigkeit. Die Tradition der so genannten Heiligen Jahre, hat ihren Ursprung im AT, wo alle 50 Jahre ein Jubel- oder Gnadenjahr ausgerufen wurde. Diese Jubeljahre hatten damals den Sinn die verloren gegangene Gleichheit und Freiheit zwischen allen Söhnen und Töchter Israels, das soziale Gleichgewicht wieder herzustellen, sozusagen ins richtige Lot zu bringen. Im heutigen Evangelium wird uns etwas über den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu berichtet. Wie jeder fromme Jude, geht auch Jesus am Sabbat in die Synagoge und er darf aus den heiligen Schriften vorlesen. Nicht zufällig werden ihm die Texte des Propheten Jesaja in die Hände gespielt. Der Jesajatext ist eine komplexe, vielschichtige Schrift: von Droh- über Ermahnungsreden bis hin zu Trostworten. Jeder dieser Teile hat seinen eigenen Charakter und Eigenständigkeit, so dass man jedem Teil etwas entnehmen kann. Der Text, den Jesus vorträgt ist nicht zufällig gewählt. Denn er ist gleichzeitig auch sein Programm, sein Auftrag, der im Wesentlichen zwei Punkte beinhaltet: Zum einen ruft Jesus Gottes Gnadenjahr aus. Wir erinnern uns: ein Gnadenjahr hat als Schwerpunkt die von Gott gewollte Gleichheit zwischen den Menschen wieder herzustellen. Zum anderen wird seine Priorität, die eindeutige und klare Positionierung für die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, deutlich. Seine Zielrichtung sind die ausgegrenzten, die Menschen am Rande. Den Armen eine gute Nachricht bringen, den Gefangenen die Entlassung verkünden, den Blinden das Augenlicht und den Zerschlagenen die Freiheit zu bringen. Ganz konkrete, lebensnahe Hilfe. Gerade Lukas berichtet viel von den Begegnungen Jesu mit diesen benachteiligten Menschen und über sein heilsames Wirken unter ihnen. Jesus entwirft also kein eigenes Programm, er bringt keine neuen Konzepte und Visionen ins Spiel. Jesus ist vielmehr die Erfüllung der Verheißung, die Gott von Anfang an, seinem Volk und den Menschen gegeben hatte. Jesus entwirft keine neue Religion, sondern handelt im Auftrag Gottes, der von der Schöpfung angefangen die Menschen begleitet, sein mit Abrahams begonnenes Offenbarungswerk vollendet. Er ist der neue Adam, der das Werk Gottes zu einem guten Ende bringt und das Reich Gottes einsetzt.

Diese göttliche Prophezeiung so sagt Jesus zum Schluss, hat sich heute erfüllt. Hier und jetzt, nicht später oder irgendwann. Mit diesem Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu beginnt Gott seinen Heilsplan zu vollenden. Sicher kann man sich bei all dem Elend in dieser Welt berechtigt fragen: Wo soll sich das Ganze „heute“ schon erfüllt haben? Unsere Gegenwart spricht eine andere Sprache und auch die geschichtliche Vergangenheit belehrt uns auch nicht eines Besseren. Wohin auch immer man schaut und blickt sieht man nicht allzu viel vom Reich Gottes. Theologen sprechen in diesem Zusammenhang von einem „schon“ und „noch nicht“. In diesem Spannungsbogen würden wir leben müssen, ihn aushalten. Die Urchristen haben die Wiederkunft des Herrn als unmittelbar bevorstehend geglaubt. Doch inzwischen sind zwei Jahrtausende vergangen und es tut sich nichts. Wir müssen weiter hoffen und warten. Und vielleicht ist ja das der eigentliche Knackpunkt. Wir warten und warten, dass Gott was tun soll. Doch haben wir uns die Frage auch schon mal umgekehrt gestellt? Ob nicht vielleicht Gott letztlich wartet, damit wir selbst etwas tun? Was wäre, wenn wir beginnen würden etwas zu verändern? Wenn wir beginnen würden, das messianische Programm in unserem Umfeld und Alltag fortzuführen, anstatt nur um uns selbst zu kreisen. Wenn wir beginnen würden, die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen und die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, statt uns weiterhin selbst zu beweihräuchern. Wir müssten anfangen unsere Stimme für all jene zu erheben denen man sie genommen hat, statt sie ins Jenseits zu vertrösten. Wir müssten beginnen Partei zu ergreifen für die Entrechteten und für Gerechtigkeit zu kämpfen, statt die Umstände als gottgewollt zu predigen. Wir müssten anfangen auf die Menschen zuzugehen und uns mit ihren Sorgen und Freuden auseinandersetzen, statt unseren Untergang akribisch zu verwalten. Es liegt so vieles in unserer Hand, wir müssten nur aufrichtig und beherzt zupacken. Wir müssen uns dabei Eines immer vor Augen führen und uns fragen: Was würde Jesus tun? Was würde er sagen? Dabei sollte uns nicht bange sein. Denn er hat Präzedenzfälle der Nächstenliebe und Barmherzigkeit geschaffen und wir können uns seitdem nicht mehr billig rausreden. Vielleicht ist ja, das von Papst Franziskus ausgerufene außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit, eine gute Gelegenheit, unser eigenes Christsein zu überdenken und kritisch zu hinterfragen. Vielleicht gelingt uns sogar etwas grundlegend zu verändern. Das Lukasevangelium, das uns in diesem Kirchenjahr begleiten wird, erzählt in vielen Geschichten und Gleichnissen etwas von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Und von Menschen, die sich von Gott berühren ließen und die, durch Werke der Barmherzigkeit, am Aufbau des Reiches Gottes mitgewirkt haben. Ein altes christliches Gebet aus dem 14. Jh. nimmt diesen Gedanken auf. Ein Gebet das für den Auftrag und Aufgabe unserer Kirche kaum aktueller sein könnte und deshalb auch nach so vielen Jahrhunderten so modern anmutet:

Christus hat keine Hände,

nur unsere Hände,

um seine Arbeit zu tun.

Er hat keine Füße,

nur unsere Füße,

um Menschen auf

seinen Weg zu führen.

Christus hat keine Lippen,

nur unsere Lippen,

um Menschen von

ihm zu erzählen.

Er hat keine Hilfe,

nur unsere Hilfe,

um Menschen an

seine Seite zu bringen.

 
Johann Loch-Karl
19.01 - 2. Sonntag im Jahreskreis - Gedanken zu Joh 2,1-11

Die festliche Hoch-Zeit ist zu Ende. Weihnachten ist längst ausgefeiert, die Neujahrssektgläser geleert. Und Sie? Sind Sie schon zu Beginn des Jahres erschöpft, leer, wie ausgebrannt? Oder gelingt es uns, das Weihnachtsfest in den Alltag zu verlängern, so wie ja auch der Hochzeitstag, der ‚schönste Tag des Lebens‘, eine Fortsetzungsgeschichte finden soll in vielen hoffentlich schönen Ehe-Alltagen? Ich hoffe, Ihnen schmeckt das Leben, und es ist nicht alles nur Essig. Doch so manche sind heute ausgepowert sogar beim Gottesdienst. Deswegen sind wir da: Wir wollen auftanken. Viele spüren: Etwas fehlt. In meinem Leben ist die Luft raus! Ich sitze auf dem Trockenen. Wenn es doch nur der Wein wäre, der manchen fehlt?! Vielen fehlt Elementares: Wir haben keinen Mut, keine Lust, keine Zeit, keine Kondition, kein Geld, vielleicht keine Zukunft mehr. Meine Reserven sind aufgebraucht, als hätte ich meine Kräfte schlecht eingeteilt. „Die erschöpfte Gesellschaft“, „Das erschöpfte Selbst“, so nennen das Bücher von Soziologen. Leere Akkus, aufgebrauchte Ressourcen, Mangelerscheinungen finden sich an allen Ecken und Enden. Die Vorratshaltung stößt an ihre Grenzen. Wir können nicht immer für Nachschub sorgen oder das Wenige strecken und den Rest verdünnen. Irgendwann müssen wir zu unserem Mangel stehen und zu dem, was wir nicht ersetzen können. Der Druck auf die Entscheidungsträger wächst: Seht ihr denn nicht die Krise, das Loch, den Mangel? Ihr Macher und Manager und Planer, tut gefälligst was! So liegen wir Politikern, Wissenschaftlern, Ärzten im Ohr. Und die Kirche? Die Kirche lebt – wie lange noch? Von ihrer Substanz: von Traditionen, Brauchtümern, Erinnerungen, Vorräten aus besseren Jahren. Vor uns stehen die geleerten Vorratsbehälter vergangener Zeiten wie leere Steinkrüge und Weinschläuche. Vielleicht ist immer noch etwas drin: liebe Erinnerungen, Sehnsüchte, Wünsche, Bittgebete, auch Tränen und Ängste. Manche Reste von gestern können uns eine Zeit lang trösten, doch unseren Durst können sie nicht stillen. Gestehen wir’s uns ehrlich ein: Wir sind arm und erschöpft geworden. Die barocken Hoch-Zeiten üppiger Selbstdarstellung der Kirche liegen hinter uns. Eine neue Bescheidenheit steht uns gut zu Gesicht, das Eingeständnis der Ratlosigkeit; auch mein Schuldeingeständnis:  Christus der Herr verwandelte Wasser in Wein. Die Prediger seines Evangeliums machen es meist umgekehrt. Sind also unsere guten Worte inzwischen verbraucht und abgenutzt? Wie stehen wir da, wenn wir unsere Mangelerscheinungen nicht mehr kaschieren können? Die Rufe an ‚die da oben‘ werden drängender: Tut was! Rettet die Kirche mit Reformen. Das bekommen die Bischöfe zu hören. Wie sieht ein Glaube aus, der auf dem Trockenen sitzt? Doch auch Bischöfe sind keine Glaubensmacher, sie können keine Wunder wirken. „Bin ich denn Jesus ...?!“, so hört man Leute stöhnen, die man unter Handlungsdruck setzt und denen man zu vieles abverlangt. Gehen wir aber zurück nach Kana! Wir erleben als späte Gäste dieser Hochzeit, wie sich eine große Peinlichkeit zusammenbraut. Ein Gast jedoch besitzt geisterfüllt den siebten Sinn und spürt die kleine Katastrophe. Das ist nicht Jesus, sondern Maria. Ihr steht bereits die erschöpfte Festgesellschaft vor Augen. Sie weiß: Da steht nicht nur eine Party, sondern der gute Ruf der Gastgeber auf dem Spiel. Eine große, großzügige Hochzeit, die sich im Orient oft über eine Woche hinzieht, kostet ein „Vermögen“. Schnell verausgabt man sich. Maria ist mitfühlend und fordert darum beinahe drängelnd den Sohn auf: Tu endlich was! Jesus reagiert zögerlich, fast als würde er sagen: Soll ich die Kraft der Gnade Gottes verschwenden, um eine durstige Hochzeitsgesellschaft bei Laune zu halten? Ja, das Werk Gottes ist verborgen. Und auch der edle Spender hält sich bedeckt: Kein Wort, gar keine Predigt, keine Geste. Gottes Zeichen geschehen unscheinbar, oft unmerklich. Das ist Gottes Stil. Doch alle profitieren von dieser schönen Überraschung, der Rettung eines fast erstorbenen Festes. Und auch das ist Gottes Stil: dieses „Zuviel des Guten“, die Zugabe fließt gewissermaßen bis in unsere heutige Feier hinein. Es reicht auch für dich und für mich. Jesus handelt hier nicht nach dem Prinzip: „Weniger ist mehr“, sondern dem Gottesgesetz des „Mehr als notwendig“. Er hat auch meine Mangelerscheinungen im Blick. Ich habe ihn nötig, der die Freude rettet und den Glauben vor dem Austrocknen bewahrt. ER gibt einen aus; er erwartet dafür kein Glaubensbekenntnis des namenlosen Brautpaares und der Gäste, nicht einmal ein Dankeschön. Dieser zurückhaltende Gast lässt sich nicht als Wundermann, Wohltäter und Nothelfer feiern. Er tut alles umsonst. Das ist Jesu Geschenk. So unmerklich ist er dabei, damals wie heute, und gibt zuletzt sich selbst aus. „Das Gute kommt zuletzt!“ liebe Freunde: Schöpft und werdet selbst schöpferisch, freigiebig! Wenige Wochen nach dem weihnachtlichen Geschenkfest lassen wir uns erneut ein Geschenkwunder schmecken: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“ (wie im Johannes Ev. 1,16 steht). Gott bringe das Fass der Gnade zum Überlaufen. Sein Leben im Überfluss. Warum sollten wir Kostverächter sein?

Alois Balint
12.01.25 Erster Sonntag nach Epiphanias - Taufe des Herrn

Am Fest der Taufe des Herrn stellt sich eine wesentliche Frage: Was ist die Taufe? Ist sie Tradition, wie wir es kennen oder ein seelischer Neuanfang – man nennt „Wiedergeburt“? (Joh 3,7). Die Begriffe haben Wurzeln und genaue Bedeutungen. Tradition bedeutet Verbundenheit und Kontinuität. Um klar zu stellen, sagt Ferenc Sebök (Musiker) dazu: „Die Tradition sollte nicht gepflegt werden, weil sie nicht krank ist; sie sollte nicht bewacht werden, denn sie ist kein Gefangener. Tradition muss gelebt werden, weil sie lebendig und pulsierend ist.“ In diesem Zusammenhang ist die Taufe Jesu doch eine Tradition, „lebendige Tradition“ und „Neuanfang“, eine geistliche Wiedergeburt, die eine lebendige und bewusste Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott bildet. Das ist der Anfang, den Jesus auf ein festes Fundament legte, als er den Aposteln Vollmacht gab: „Darum geht zu allen Völkern, und macht allen Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,19.20). Daher ist die Taufe Jesu und seine Vollmacht (Beauftragung) eine lebendige Tradition, die in jedem Getauften weiterlebt. Diese Kontinuität bedeutet, dass die Getauften bereits hier auf Erden in Gemeinschaft mit Gott durch den Heiligen Geist leben. Für die ersten Christen war die Taufe ein ganz wichtiges, ja das wichtigste Ereignis in ihrem Leben als Christen. Sie bedeutete Aufnahme in die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben. In dieser Gemeinschaft wurde die Taufe vollzogen. Das Symbol dabei war und ist das Wasser. Und der Glaube war stark, dass das Symbol des Wassers etwas bewirkt. Aber wie wir Menschen so sind, haben wir den Inhalt der Taufe wieder verwässert: Die Taufe wurde zu einer netten Familienfeier gemacht. Weil ein Kind geboren ist, will man mit den Angehörigen und Freunden feiern. Dabei ist in der Kirche auch etwas los. „Taufe, das muss halt sein, das gehört dazu. Klar ein Kind muss getauft werden!“ (Ja, tote Tradition). Oft wird auch in der Kirche selber die Taufe eher nebenbei behandelt. Es wird ein unpersönlicher Ritus vollzogen, in dem das Eigentliche der Taufe nicht mehr zum Tragen kommt. Dass die Taufe aber kein unpersönlicher Ritus bleibe, haben wir in unserer Kirchengemeinde Mosbach-Elz-Neckar eine Taufkatechese eingeführt. (Drei Treffen mit den Eltern). Warum? Weil das Fest der Taufe Jesu uns Christen ein starker Anlass ist, unserer Taufe wieder Geist und Feuer zu geben; denn genau das steckt hinter der Lesung und dem Evangelium dieses Festtages: Geist und Feuer.  Schauen wir uns die Taufe Jesu an: Sie bringt uns die tiefsten Aussagen darüber, was auch bei uns in der Taufe geschieht und damals bei meiner Taufe geschehen ist. Die Menschen waren zur Zeit Jesu voll Erwartung, haben Sehnsucht nach einem Messias gehabt. Und da kommen sie nun auf den Gedanken, ob nicht dieser Johannes ihr Messias sein könnte. Er aber gibt ihnen zur Antwort: „Ich taufe nur mit Wasser“ – d. h. ich tue etwas Äußerliches, setze ein Zeichen, aber dahinter ist einer am Werk, der mit Geist und Feuer tauft. Nun Feuer, da ist ein inneres Feuer gemeint, das Schwung, Freude und Begeisterung gibt. Für dieses innere Feuer ist der Heilige Geist zuständig. Und dieser Geist zeigt die Kraft, Freude und das Vertrauen des Vaters in dieser Stimme aus dem Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn. An dir habe ich Gefallen.“ So menschlich geht es zu zwischen Jesus und seinem Vater, und das dürfen wir Menschen mitbekommen. Wie Jesus im Geist diese Liebe Gottes bei seiner Taufe zugesagt bekommt, so sagt uns Jesus im Geist bei unserer Taufe zu, dass wir seine geliebten Schwestern und Brüder sind. Und hier ist die entscheidende Herausforderung für alle Christen: In einer moralisch zerrütteten und identitätslosen Gesellschaft müssen wir die Worte Jesu hören: „Ich hab' dich sehr, sehr gern. Ich setze viel auf dich!“ Das brennt wie Feuer in uns und treibt uns an. Geben wir der Taufe wieder Geist und Feuer, indem wir weiterhin ein schönes Familienfest bereiten, aber uns auch vorbereiten auf die Taufe und dem nachgehen, was in der Taufe geschieht in dieser Zusage Gottes: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter!“ Versuchen wir, die Taufe möglichst hineinzunehmen in eine große Gemeinschaft mit Christen, besonders auch mit Familien und Kindern! Und in der Taufe entdecken wir das Feuer, das in der Liebe steckt! Dann pflegen und tragen wir keine tote Tradition mit uns herum, sondern den lebenspendenden Geist Jesu. So feiern wir die Taufe Jesu als unser Fest; denn darin ist unsere eigene Taufe begründet. Jedes Mal, wenn ich Weihwasser nehme und mich mit dem Kreuz bezeichne, soll dieses Feuer, die Taufe in mir lebendig werden.

Stefan Rencsik