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Advent 2024

4. Advent (22.12) - Gedanken zu Lk 1,39-45

Höchste Zeit für Weihnachtspost! Manche wählen inzwischen den Mailverkehr. Einige E-Mails enden mit der Grußfloskel: „Fühl dich umarmt!“, „Ich schenke dir eine Umarmung!“. Oh ja, wir zehren von Umarmungen, wehe dem, der nie umarmt wurde! Das Leben wäre arm und kalt ohne Umarmung! Das Adventsbild heute ist ein Besuchsbild. Lukas rettet die Erinnerung an eine geglückte Begegnung. Die Ostkirche nennt die kleine Szene eines unspektakulären Besuchsdienstes auch das „Fest der Umarmung“, „das Fest des Kusses“. Viele (Ikonen-)Maler haben sich die Begegnung Marias und Elisabets so vorgestellt: eine überschwängliche, typisch orientalische Begrüßung. Maria und ihre Cousine Elisabet umarmen sich, ihre Bäuche berühren sich und darin kommen sich Jesus und Johannes nahe. Das Zusammenkommen einer atemlosen, erschöpften jungen Frau nach vier einsamen Reisetagen durch gefährliches Gelände mit einer älteren Schwangeren ist kein flüchtiges Grußritual im Vorübergehen. Drei Monate wird der Besuch Marias bei Elisabet dauern, ungewöhnlich lang; ein Besuchsdienst Marias in der Hochschwangerschaft der Älteren, die für Gott nicht zu alt ist, und ein Zufluchtsraum für Maria in ihrer Lebenskrise, die meint, sie sei für Gott zu jung. Gottes Heimsuchung durch den Engel hat sie überfordert; ja, was Gott mit ihr vorhat, ist ihr fremd, und sie trägt schwer an ihrer ‚süßen Last‘; darum ‚braucht‘ sie die kleine Heimsuchung und ihr geht auf: Zwischen uns Frauen stimmt die Chemie. Uns beiden geschah ein Wunder. Hier wird ein Geheimnis geteilt. Was die beiden miteinander teilten, geht uns nichts an. Nach drei Monaten geschieht wohl eine ähnliche Umarmung zum Abschied. Elisabet lässt Maria gehen. Ja, wer umarmt, der krallt nicht, der wahrt die Kunst des Lassens, des Loslassens. Haben wir eine Elisabet, zu der wir gehen könnten, wenn alle Stricke reißen? Zu wem würde ich gehen, wenn ich mutterseelenallein und am Ende wäre? Vielleicht sind es in unserem Leben nur ein paar Menschen, die uns jetzt einfallen und die wir besuchen, heimsuchen, anrufen würden in unserer Lebensnot, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Solche Weggefährt/-innen sind ein Wunder; bei ihnen „oute“ ich mich; ihnen liege ich wortlos in den Armen. Es muss heilige Orte, Adventsräume geben, an denen ich auftaue und sagen kann: Macht hoch die Tür! Advent geschieht dann, wenn unsere Kirche und Gottesdienste zu einem „Rasthaus Gottes mit stiller Bedienung“ werden. Wie Maria suchen viele geistig Obdachlose eine Heimat bei einem vertrauten Ohr, in einem geschützten Raum. Mehr denn je brauchen wir adventliche Räume, um auszuruhen, ohne etwas leisten, ja ohne beten zu müssen. Mehr wollen viele Besucher/-innen in den kommenden Festtagen nicht. Ich nenne diesen Weihnachtswunsch: „Umarmungssehnsucht“. Das seltsame Wort Heimsuchung umschreibt das Weihnachtsgeheimnis: ER sucht uns auf, sucht in meinem Leib und Leben seine zweite Heimat. Die Sehnsucht nach diesem Besucher darf mir nie verloren gehen. Das heutige kleine Evangelium an der Türschwelle will nichts von mir, keine schweißtriefenden Aktionen, keinen Vorweihnachtsstress, es fordert nichts Übermenschliches. Hier will der liebe Himmel nichts, was mich klein macht. Hier muss ich nicht unter Beweis stellen, dass ich Gottes Umarmung ‚verdient‘ habe. Er schenkt Begegnung, bietet Geleit an. Nur scheu betrachten wir aus der Ferne die beiden Frauen, bis sie im Haus der Elisabet verschwinden. Ich ahne: Gottes Heimsuchung und Heimfindung geschieht in und zwischen einer solchen alltäglichen Begegnung an der Haustür, im gastlichen Miteinander. Weihnachten werden manche die Kirchen suchen und besuchen, die vielleicht gar nicht viel erwarten von Gott und noch weniger von der Kirche. Hoffentlich werden sie überrascht, erleben auf der Schwelle das Wunder der Gastfreundschaft, durch eine winzige Blickfeldveränderung wird ihnen eine zunächst kaum merkliche Entlastung, die Aussicht auf mehr Licht zuteil. Mein Weihnachtswunsch: dass Sie Gottes gnädige Heimsuchung spüren in manchen Umarmungen der nächsten Tage. Entdecken Sie, dass Er verborgen dazwischen ist. Sie werden von Gott umarmt, ohne es zu ahnen. Ein kühnes Bild: Gott so zu erleben wie einen lieben Besucher, der nie mehr abreist aus meinem Leben, Ihn spüren wie eine zärtliche und freigebende Umarmung!  Beten wir für die unter uns, die sich mutterseelenallein irgendwo im Niemandsland zwischen Nichtglauben und Glauben verirrt haben und ins Leere greifen. Das Heil ist zum Greifen nahe. Manche von uns werden eher scheu, stolpernd, zögerlich an die Krippe treten. Sei’s drum! Hier darf ich Gott auch stumm danken. Umarmungen sind meistens wortlos, im Vorübergehen. Manche Umarmungen kosten Überwindung. Wichtigste Aufgabe einer menschenfreundlich umarmenden Kirche ist es, glauben zu machen, dass unser Leben in den Armen Gottes geborgen ist. Er ist wie eine offene Tür, ein Heim, das für alle Raum hat. Wünschen wir einander das zu Weihnachten: einen Gott, der ohne Berührungsangst dich und mich umarmt, eine Heimsuchung nie rückgängig macht; denn Gott ist ein Besucher, und der Gast, der bleibt.

Alois Balint
3. Advent (15.12) - Gaudete!

Gaudete, freuet Euch allezeit im Herrn ; noch einmal sage ich : Freuet Euch, lasst alle Menschen eure Güte erfahren; denn der Herr ist nahe.   Mit diesen Worten aus dem Brief des Apostel Paulus an die Philipper  eröffneten wir unseren heutigen Gottesdienst zum dritten Adventsontag. Liebe Mitchristen , ich frage Sie,  ist das wirklich eine Freude, eine Freude für jeden von uns?  Freuen Sie sich auf Weihnachten? Was ist der Grund Ihrer Freude? Wenn Sie es jetzt nicht als Zumutung empfinden, liebe Gemeinde, dass ich Sie als Erwachsene  - nach Jahrzehnten der christlichen Erziehung, der Zugehörigkeit zur Kirche -  so nach dem Grund Ihrer Freude frage, und wenn Sie auch nicht sofort zu den eingespielten, aber oft nichts desto weniger leer gewordenen Formeln greifen wie: „weil Christus geboren ist, Mensch geworden ist, uns erlöst hat“  – oder wie sie alle heißen –,  wenn Sie das nicht tun, dann könnte es sein, dass Sie, gefragt nach dem Grund ihrer Freude über Weihnachten, eine ganze Weile schweigen  - und ein wenig erstaunt wahrnehmen, wie dunkel, wie verborgen uns, trotz aller Vertrautheit, das ist, was wir bald feiern werden. Und  - wenn das so wäre -  dann hätte Ihnen das heutige Evangelium besonders viel zusagen. Mitten im Advent dürfen wir heute, am Sonntag Gaudete, einen ersten Blick tun, auf das Geheimnis von Weihnachten. Denn, in dem Gegenüber des Täufers Johannes und der Gestalt Jesu, wie Matthäus sie uns vor Augen malt, da leuchtet Ihnen doch gleich-sam zwischen den Zeilen adventlich alles so ein wenig auf, was Heilige Nacht zu einem Fest so jubelnder Freude macht, dass der ganze Himmel mit den Gestalten der Sterne und Engel  in die kleine, dunkle  - in unsere Welt – hineinsieht.  Seltsamerweise erzählen alle vier Evangelien in auffälliger Detailliertheit von der Begegnung zwischen Jesus und dem Täufer, und wie die beiden später zu einander standen. Um es vorweg zu sagen, liebe  Gemeinde, das rührt daher, dass im Grunde jetzt  in dem Zueinander des Bußpredigers vom Jordan und dem Ausrufen des Gottesreiches  das eigentlich „Evangelische“ des Evangelium, das Frohmachende der Frohen Botschaft sich verbirgt und herauskommt.   Johannes hat den Leuten, gerade den Frommen, unbeirrbar entgegen geschleudert, sie würden alle ins Verderben stürzen, wenn sie nicht endlich aufhörten zu heucheln, und zu Gott umzukehren. Wenn sie nicht wenigstens das an Gutem Menschen Mögliche täten und das Böse in die Grenzen des Unvermeidlichen zurückdrängten. Wenn sie das nicht täten, dann würde Gott handeln, handeln durch den endzeitlichen Richter, den er senden würde, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Gewiss hatte Johannes mit allen Fasern seines Gott-sensiblen Herzens von Anfang an gespürt, dass dieser Jesus auf Heil oder Unheil mit dem von ihm, dem Täufer, angekündigtem Handeln Gottes an der Welt, zu tun hat. Aber dann hat dieser von Gott Kommende auf einmal ganz anders gehandelt als Johannes erwartete. Statt auf der Tenne zu dreschen und aufzuräumen mit dem Unrat, statt dessen zögert er nicht, ausgerechnet den augenscheinlichen, sogar im  Öffentlichen Sündern buchstäblich nachzulaufen, um ihnen zu sagen, dass genau ihnen, den Abgekehrten, den Abgetrennten Gottes Zuneigung besonders gilt. Das hat den Täufer zuinnerst irritiert. Und so lässt er noch kurz vor seiner Hinrichtung aus dem Gefängnis heraus Jesus fragen: „Bist du es, der da kommen soll?  Oder müssen wir auf einen andren warten?“  Jesu Antwort auf diese Anfrage die muss uns erstaunen. Er erwidert nicht einfach: „Ja, ich bin es“, sondern: „Geht, und berichtet Johannes, was ihr seht und hört.“ Und dann zählt er in der Sprache des alten Propheten Jesaja auf, was er tut. Überall wo ihm Menschen begegnen, denen etwas fehlt, denen macht er, macht er ihr beschädigtes Leben wieder gut und heil. Blinde befreit er aus ihrer Aussichtslosigkeit; den Lahmen nimmt er ihre Wankelmütigkeit und lässt sie vorankommen.  Die Aussätzigen holt er aus ihrer Exkommunikation. Die Tauben können wieder die Klänge der Welt und die Lieder der Gäste hören. Sogar ein Dasein, das nicht mehr Leben heißen darf, also tot ist, wird von Neuem aufgerichtet. Und dann kommt  - das Handeln an den Toten noch überbietend -  der Höhepunkt dessen, was Jesus tut: Und den Armen wird das Evangelium verkündet!    Also, Freut euch ihr, die ihr nichts mehr habt und nichts mehr haben müsst, nicht Sachen, nicht  Ansprüche, nicht Süchte, nicht Leistung;  Freut euch , ihr, die ihr leer geworden seid  von all dem, weil ihr entdeckt habt, dass ihr schon alles  besitzt, was ihr braucht und sucht, weil sich schon jetzt Gott  selbst euch geschenkt hat. Freut euch, weil ihr in eurer Armut doch richtig Menschen sein könnt, ohne Angst um euer Dasein. Mit dieser Sorge um die Menschen, und mit einer so bedingungslosen Einladung zum kindlichen Vertrauen auf Gott beginnt also Gottes  - vom Täufer freilich gänzlich anders erwartetes  - Handeln an der vor ihm schuldig gewordenen Welt. Jesus wusste sehr genau, was er damit an Unerhörtem aussprach  -  selig, wer daran keinen Anstoß nimmt!  - will sagen: Verschüttet diesen Neuaufbruch nicht gleich wieder unter euren Erwartungen und Wunschbildern, wie ihr denkt, dass Gott handeln müsste: er ist nicht wie ihr! Nicht einmal die Ehrfurcht gebietende, aus brennender Sehnsucht hervorgebrochene Hoffnung des Täufers ist Gott gerecht geworden.  Damit wertet Jesus den Täufer in keiner Weise ab, liebe Gemeinde; dieser ist kein schwankendes Schilfrohr, also einer, der sein Fähnchen in den Wind hängt und der Gericht predigt, weil gerade Endzeitstimmung angesagt ist. Er ist auch kein weichlicher Typ, der sich für fromme Bedürfnisse einspannen lässt. Statt dessen war er ein Prophet, einer der Gottes Wahrheit und Wille nicht vorher sondern hervorsagt, im buchstäblichen Sinn des Wortes: Gottes Wahrheit und Wille, wie sie sind. Mehr noch, er überragt nicht nur alle Propheten, nein – unter Menschen aus Fleisch und Blut hat es nie einen Größeren gegeben als ihn, sagt Jesus, weil er, der Täufer mit geradezu übermenschlicher Unzweideutigkeit auszusprechen wagte, was einer tun muss, um gerettet zu werden, - und dass er gerichtet werden wird, wenn er es nicht tut.  Johannes ist der Größte unter den Menschen, weil er bis zum Augenblick seiner Ermordung den Maßstab der Humanität hochhält, dessen Menschen eigentlich fähig sein müssten, und dies voneinander erwarten dürfen.  Das alles anerkennt Jesus ganz und gar, aber dann fügt er hinzu: „Doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er, dieser Täufer!“  - und das ist stark. Denn das heißt doch auf einmal: Ich kann mich anstrengen so viel wie ich will, gemessen am Maßstab Gottes, am Himmelreich, ist das Befolgen von Gesetz und Sitte noch immer viel zu wenig. Und warum? Weil selbst strengstes Einhalten von Geboten die Welt noch immer nicht wieder so werden lässt, wie Gott sie gedacht hat. Ja, bisweilen das Unheil sogar noch grösser macht. Und haargenau dieses erfahren wir ja selber Tag für Tag, dass uns das ganz normale Alltagsleben mit seinem Kitsch, mit seinen Verwerfungen, seinen Konflikten gnadenlos darin überfordert, bis zum Grunde gut und allen gut zu sein. So steht es doch um uns. Was also tun? Jesus antwortet uns; Euer Leben wird heil und gut dort, wo ihr euch diesseits der Gleichgültigkeit und des Zynismus mitsamt euerer Ausweglosigkeit Gott anheim gebt. Dann könnt ihr nüchtern anerkennen, dass ihr doch mitsamt euerer KORREKTHEIT und mitsamt eurem Gesetzesgehorsam schuldig werden könnt und auch schuldig werdet. Aber zugleich dürft ihr zu glauben wagen: meine Schuld, mein Versagen zieht mich nicht unentrinnbar hinab, sondern auch das noch ist noch einmal in Gottes Barmherzigkeit aufgehoben, aufgehoben wie weggenommen und leicht gemacht. Dass ich überhaupt lebe, das Recht darauf muss ich mir nicht erst verdienen, nicht einmal durch Moral. Vorweg zu allem, was ich je nur vermöchte aus Eigenem, hat mir einer jetzt schon mein Lebensrecht geschenkt, einer der mich unbedingt bejaht und annimmt, mich bejaht auch noch jetzt, mit dem Geschwür der Bosheit. Nicht um diese verharmlosend gut zu heißen, sondern um sie zu heilen mit seiner anrührenden, seiner bestürzenden und durch nichts zu verbitternden Liebe. Arm-Sein sogar noch an moralischem Tun und immer noch  leben dürfen.  Das ist das Evangelium des Evangeliums, seine frohe Botschaft. Vor dem Hintergrund der herben, menschlich so sympathischen aber dennoch ausweglosen Gesetzespredigt des Täufers, da beginnt Jesu Botschaft aufzuleuchten als das, was sie zuinnerst sein will: Einladung zu einem Leben, das befreit ist von allem Zwang, sich selbst rechtfertigen zu müssen, und das gerade dadurch und dann grenzenlos gut sein kann. Eben dies, liebe Gemeinde hat Jesus unentwegt verkündet, und dieser Botschaft entsprechend hat er selbst gelebt, und zwar so unbedingt, dass er andere, die mit ihm zusammen waren, mit dieser Botschaft gleichsam angesteckt hat. Wo Menschen diese Einladung ergriffen und eindringen ließen in ihren gelebten Werktag, da fühlten sie sich wie neu geboren; sie durften ja noch einmal neu anfangen, wie ein Kind, das die ganze Verheißung eines Lebens vor sich hat. Das ist einzig dadurch, dass sie den Mut hatten, so wie sie waren, ja so wie sie waren, an eine Zuneigung Gottes zu glauben, die so grenzenlos ist, dass sie sich nicht einmal von Bosheit und Schuld abweisen lässt und gerade so mit ihrem liebenden Dennoch entmächtigt. Leer geworden von allen Leistungen und Anstrengungen sind die, die so glauben und zu glauben wagen, voll auf dem Weg, auf dem Weg ihres Lebens, wie es von Gott gedacht und geschenkt ist. Das schönste Sinnbild solch neu geschenkten, unbeschädigten Daseins ist wohl ein neugeborenes Kind. Und deshalb haben die Christen von Anfang an von all dem, also die Geburt dessen, dem sie dieses neue Leben verdanken, besonders liebevoll gesprochen und ihr Geheimnis meditiert. In dem kleinen empfindsamen Kind, das er war, haben sie vorweg im Sinnbild geschaut, was sein innerstes Wesen ausmacht: Neues Licht zu sein für alle. Und in der eigenen Suche nach einem heil und ganz gewordenem Leben treten die christlich Glaubenden bis heute an die Krippe, um selber zu werden, was sie in ihr schauen, ein Gotteskind, begabt mit einem ganz und gar von Gott geschenkten kommenden Dasein. Eben dieses ist es, worüber Christen zu Weihnachten sich freuen: Die Verheißung unserer Menschwerdung, die  -  ohne Wertung als ein unbegreifliches Wunder  -  allein durch den Glauben an den Mensch gewordenen GOTT geschieht. Die sichtbaren Zeichen des Weihnachtsfestes vorzubereiten, dafür scheuen viele von uns in diesen Tagen keine Mühe; uns auf den Grund des Festes vorzubereiten, indem wir uns betend oder mit Bildern und Liedern hineinbegeben in dieses Geheimnis des Lebens, das wäre der Mühe erst recht wert. Dazu ist es Zeit, jetzt!

Winfried Schmitz-Moormann
2. Advent (08.12) - Adventliche Figuren: Josef und Maria

            A) Wenn wir uns ein Bild von Weihnachten vorstellen, so sind in der Krippe neben Ochs und Esel das Jesus-Kind und Maria im Mittelpunkt. Josef steht meist verloren, nachdenklich grübelnd am Bildrand.

            B) Was wohl verständlich ist. Josef hätte sich nicht träumen lassen, dass er einmal in eine solch überirdische Geschichte hineingeraten würde, als er sich mit Maria verlobte. Er war ein geerdeter Handwerker, griechisch: ein Tekton (was wie Techniker klingt) – jemand der präzise mit Stein und Holz umzugehen wusste.

            C) Ich versuche gerade, mich in ihn hineinzuversetzen. Welch innere Erschütterung muss dieser bodenständige Mensch durchgemacht haben, als seine vermeintlich fromme Braut plötzlich schwanger war und ihm auch noch diese unglaubliche Geschichte vom himmlischen Kuckuckskind auftischte.

            A) Es erstaunt, wie beherrscht und anständig er reagierte. Er hätte Maria dem Gericht und der anschließenden Steinigung ausliefern, zumindest sie öffentlich bloßstellen können. Statt dessen plante er, einen Scheidebrief in aller Stille auszustellen.

            B) Sowas bringt auch nur ein Liebender fertig: zeigt er doch Respekt vor dem Schicksal Marias und übernimmt die gesellschaftliche Verantwortung. Er enttäuscht Marias Vertrauen nicht.        

            C) Er war gerecht, heißt es bei Matthäus, jemand, der sein Leben ganz nach Gott ausrichtet.

            A) Seine feine Antenne für das Göttliche wird offenbar, als er sich in einem Traum von einem Engel umstimmen lässt, mit dem Herzen das Geheimnis der Menschwerdung Gottes erfasst und ganz selbstverständlich die Vaterrolle übernimmt:  Er nimmt Maria zu sich und er gibt der Tradition gemäß dem Kind seinen Namen, hier den, den der  Engel nannte: Jesus.

            B) Dieser Name bedeutet: Jahwe schenkt Heil. Damit spricht Josef das erlösende Wort und das ist übrigens die einzige Äußerung, die von diesem schweigsamen Mann überliefert ist. Trotzdem kommt ihm eine zentrale Stelle in der Heilsgeschichte zu. Außerdem erfüllt er als Abkomme des Königs David die Verbindung Jesu mit der alttestamentarischen Verheißung an David und dessen ewigem Königtum. Was schließlich dazu führt, dass Jesus in Bethlehem, dem Geburtsort des könig-lichen Stammvaters, zur Welt kommt.

            C) Dieser Josef wirkt wie eine Art Motor, der die Heilsgeschichte am Laufen hält. Wie ein perfekter Krisenmanager, der in der Folgezeit noch dreimal mitten in der Nacht auf göttlichen Befehl hin aus dem Schlaf gerissen wird, aufsteht und gleich organisiert: zuerst eine Flucht der Familie nach Ägypten, später dann die Rückkehr nach Israel und schließlich nach Nazareth. Ohne die Geistesgegen-wart dieses Mannes wäre die heilige Familie völlig aufgeschmissen gewesen.

            A) Auch für Jesu Kindheit und Jugend muss er ein prägendes Vorbild gewesen sein, denn Jesus kam ja nicht als fertiger Messias auf die Welt. Immerhin hat er den größten Teil seines Lebens in Nazareth verbracht und trat auch beruflich in Josefs Fußstapfen. Mit Sicherheit hat Josef Jesus zu seinem gesunden Selbstbewusstsein und positiven Vaterbild verholfen.

            B) Aber warum wird dann dieser dynamische und zupackende Familienmann auf den meisten Weihnachts- und Krippendarstellungen als Opa dargestellt – ergraut, weißhaarig oder kahlköpfig, oft auf einen Stock gestützt? Um klarzustellen, dass er nicht der biologische Vater ist?

            C) Schuld daran trägt vor allem die frühchristliche Überlieferung. In den Apokryphen, den Schriften, die nicht offiziell in die Bibel aufgenommen wurden, erscheint Josef als alter Witwer mit sechs Kindern, die die Tempeljungfrau Maria heiratet.

            A) Was ihm wohl im Laufe der Geschichte das traditionelle Image als unscheinbares Wesen an der Seite Mariens verpasst hat.

            B) Aber gerade hinter diesem stillen Helden verbirgt sich doch geradezu die Advents-Botschaft an uns: Es sind die Unscheinbaren, die Randfiguren, all jene, die sich mit ihrer Arbeit und Leistung nicht in den Mittelpunkt, sondern in den Dienst anderer stellen.

Frauengruppe RUACH, St. Maria
1. Advent (01.12) - Adventliche Figuren: Joachim und Anna

Anna: Joachim, ich kann es kaum glauben! Bald werden wir Großeltern! Unser kleiner Jesus wird geboren – unser Enkel, unser Licht! Und doch...

Joachim: Und doch, Anna? Sprich, was liegt dir auf dem Herzen?

Anna: Es ist diese Mischung aus Freude und Sorge. Die Freude, weil endlich neues Leben in unsere Familie kommt – aber auch die Sorge um Maria. Sie ist nicht verheiratet, Joachim. Die Leute reden jetzt schon. Sie leben nach den Gesetzen des Mose. Wie können sie sich nur auf dieses Kind freuen, wenn sie wissen, dass Maria in keinem reinen Zustand schwanger ist?

Joachim: Die Leute haben immer geredet. Auch, als wir selbst so lange auf ein Kind gewartet haben. Weißt du noch, wie sie uns ansahen? Als wären wir gestraft, als würde uns Gottes Segen fehlen. Aber was das Gesetz betrifft, Anna, Maria ist doch nicht ohne Grund schwanger. Der Engel des Herrn erschien ihr – sie hat den Willen Gottes angenommen. Und Josef, der als gerechter Mann gilt, hat sie nicht verstoßen, sondern ist ihr beigestanden. Das ist auch ein Zeichen der göttlichen Gnade.

Anna: Oh, ich weiß es nur zu gut. Diese leeren Jahre, die unzähligen Gebete, das Warten, die Tränen... und dann kam Maria. Unsere Maria! Sie war unser Wunder, Joachim. Nach all der Zeit schenkte Gott uns sie. Aber in unseren Augen, in den Augen der Tora, ist es nicht genug, dass Maria von Gott auserwählt wurde. Das jüdische Gesetz verlangt, dass eine Frau nach der Geburt eines Kindes in die mikwe geht, um die rituelle Reinheit wiederherzustellen. Und was wird mit der Eheschließung zwischen Maria und Josef sein? Sie sind noch nicht offiziell verheiratet, nach den Vorschriften des Gesetzes.

Joachim: Die Menschen verstehen nicht, was wir verstehen. Sie kennen die Schriften, Anna, aber sie sehen nicht, was im Herzen geschieht. Das Kind, das Maria erwartet, ist ein Teil des göttlichen Plans. Und Josef? Er wird Maria nicht verlassen, auch wenn das Gesetz es ihm vielleicht erlauben würde. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der wahre Glaube sich nicht nur im Befolgen der Vorschriften zeigt, sondern auch im Vertrauen auf den Willen Gottes. Wir haben schon zu lange auf das Leben gewartet, das Gott uns geben möchte.

Anna: Aber ich habe Angst. Was, wenn sie mit demselben Schmerz leben muss, den wir kannten? Die Menschen haben damals über uns geurteilt, jetzt urteilen sie über Maria. Wird ihr Kind auch unter diesen Vorurteilen leiden müssen? Wird er als der Bastard gelten, als der Sohn der Unreinen? Die Gesetze sind streng, und doch gibt es Menschen, die Maria keinen Glauben schenken werden.

Joachim: Vielleicht. Aber genau wie Maria unser Leben erhellt hat, wird Jesus die Welt erhellen. Wir haben so lange auf Maria gewartet, und sie hat unser Warten mit Freude erfüllt. Vielleicht müssen wir jetzt auf etwas Größeres vertrauen, auch wenn es schwer ist. Wer weiß? Vielleicht sind die strengen Gesetze, die das Volk so sehr festhalten, nicht der Maßstab für das Wunder, das wir erwarten dürfen.

Anna: Du hast recht. Maria war unser Geschenk nach Jahren der Dunkelheit. Und doch fühlt es sich so an, als hätte Gott uns einen Weg gewählt, der alles andere als einfach ist. Warum konnte dieses Kind nicht in einer Umgebung geboren werden, die ihn willkommen heißt, die sich an die Gesetze des Mose hält und ihn als den Sohn einer gereinigten Mutter anerkennt?

Joachim: Vielleicht, Anna, weil das Licht erst dann wirklich hell scheint, wenn es die Dunkelheit durchbricht. Maria und Josef sind stärker, als wir es uns je vorgestellt hätten. Und wenn sie es schaffen, dann wird unser Enkel diese Stärke von ihnen erben. Wir müssen uns erinnern, dass der Messias, den wir erwarten, nicht nur nach den äußeren Gesetzen kommt, sondern nach dem göttlichen Plan, der über das Verstehen der Menschen hinausgeht.

Anna: Du glaubst, dass das alles seinen Sinn hat, nicht wahr?

Joachim: Anna, wie könnten wir daran zweifeln? Gott hat uns Maria geschenkt, als wir dachten, alles sei verloren. Jetzt schenkt er uns durch sie und Josef ein neues Leben. Er fordert unseren Glauben, das stimmt – aber er belohnt ihn auch. Maria wird dem Gesetz des Mose folgen, nach der Geburt in die mikwe gehen und auch die Opfer bringen, die im Tempel erforderlich sind, um sich zu reinigen. Aber über allem steht der Glaube an die Verheißung, die Gott uns gibt.

Anna: Du hast recht. Und vielleicht ist genau das unsere Aufgabe: Maria und Jesus die gleiche unerschütterliche Liebe zu schenken, mit der wir damals auf sie gewartet haben. Wenn das Gesetz uns trennt, soll unsere Liebe die Kluft überwinden.

Joachim: Ja, Anna. Lass uns ihre Stütze sein. Und wenn die Welt über sie urteilt, dann sollen sie wissen, dass wir an ihrer Seite stehen. Unser kleiner Jesus wird ein Licht in der Dunkelheit sein, und wir werden alles tun, um dieses Licht zu schützen. Die Menschen werden durch ihn zur Wahrheit finden, auch wenn sie noch nicht verstehen können, wie dieser Weg verlaufen wird.

Anna: Wir haben Maria damals nicht aufgegeben, und wir werden sie auch jetzt nicht aufgeben. Und mit Jesus werden wir all die Freude erleben, für die wir so lange gebetet haben.

Andrea von Lossau