Home  |  Login  |  Impressum  |  Datenschutz  |  Sitemap

Osterzeit 2025

08.06.25 - Pfingstfest

Pfingsten damals: Unerhörtes geschieht! Verschreckte Apostel öffnen mutig die Türen, stellen sich öffentlich hin für das, was sie im stillen Kämmerlein zu ahnen begannen, und sagen ab jetzt aller Welt: Christus lebt! Und das heißt auch: Seine Sicht der Welt und der Menschen gilt, auch seine Sicht Gottes gilt. Seither wird Christus in aller Welt verkündet. In immer neuen Situationen steht da zur Frage: Wie ist Jesu Sicht? Als Ende des 19. Jahrhunderts radikale Veränderungen die Gesellschaft in zwei Klassen spalteten und die Arbeiterschaft um Menschenwürde und Grundrechte brachten, ergriff Papst Leo XIII. Partei für soziale Gerechtigkeit: am 15. Mai 1891, wurde die Enzyklika „Rerum Novarum“ veröffentlicht. Das lateinische „res“ meint „Sache, Ding“, auch „Lage, Ereignis“, und der Pluralbegriff „res novae“ bedeutet „Umsturz“. So erlebte die Arbeiterschaft die Industrialisierung und das „freie Spiel der Kräfte“: Wenige Reiche hatten das Sagen und beuteten die Lohnarbeiter zunehmend aus, analysiert der Papst und mahnt: Würden die Arbeitgeber, das Kapital, nicht bald umdenken, sei durchaus mit Umsturzwünschen zu rechnen. Das bringe allerdings keine Lösung, genauso wenig der vom Marxismus propagierte Klassenkampf oder eine verordnete Gütergemeinschaft. Die Lösung sieht Leo XIII. in einer neuen Haltung der Arbeitgeber und in einer staatlichen Sozialpolitik, die auf Solidarität und Eigenverantwortung setzt. Der Papst macht sich stark für gerechten Lohn (der zum Unterhalt einer Familie ausreicht) und für angemessene Arbeitsbedingungen. Dazu gehören Zeit und Kraft für ein geistig-geistliches Leben und für die Familie, speziell zur Erziehung der Kinder; und selbstverständlich sollen sie sich organisieren dürfen. Leo XIII. hat mit „Rerum novarum“ die Masse der Arbeiterschaft nicht (mehr) für die Kirche gewonnen. Aber er legte mit dieser ersten Sozialenzyklika das Fundament der katholischen Soziallehre, die das gesellschaftliche Leben sehr wohl mitgestalten konnte. Die Enzyklika kann hier nicht eingehender diskutiert werden. Es sollte bloß deutlich werden: Der Heilige Geist schläft nicht. Er befähigt seine Schüler, die Kernfragen einer jeden Epoche aufzugreifen und Antworten zu suchen, die dem Evangelium entsprechen. Keine einzige Problemlösung ist 1:1 in der Bibel oder in der Lehre der Väter zu finden. Neue Zeiten und neue Fragen erfordern neue Lösungen – im Geist Jesu Christi. Und dazu seid ihr fähig, sagt uns das Pfingstfest.

Hans Brunner
01.06.25 - 7. Sonntag in der Osterzeit - Gedanken zu Joh 17,20-26

Was fällt Ihnen alles ein, wenn Sie an „Einssein“ denken? Einheit – das ist das Thema des heutigen Evangeliums. Vielleicht denken Sie an Soldaten in Reih und Glied, oder die Mutter, die ihren Säugling stillt, oder eine Hochzeit?! Die Menschen, die ich befragt habe, meinten: Einssein mit mir heißt, mich mit meinen Ecken und Kanten, mit meinen Stärken und Schwächen anzunehmen und zu lieben. Marius Müller-Westernhagen singt in einem seiner Lieder: „Ich bin völlig eins mit mir …“ Vollmundig! Ich bin oft hin- und hergerissen: zwischen verschiedenen Gefühlen, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Glauben und Zweifeln. Ich kenne aber auch Erfahrungen von Einssein mit der Natur: am Meer, in den Bergen, am Rhein. Und tiefes Einssein mit einem anderen Menschen kenne ich auch. Glücksmomente. „Halt an, wo läufst du hin“, schrieb Angelus Silesius vor 400 Jahren, „der Himmel ist in dir“. Momente des Innehaltens und der Reflexion gehören zu diesem Übungsweg! Jesus betet, dass wir eins sind. In uns selbst und in unserem Miteinander und mit Gott. Ja, das Einssein mit Gott nimmt den Weg über das Einssein mit mir und mit den anderen. Und es ist ein Einswerden und Einssein in Verschiedenheit, in versöhnter Vielfalt. Vor einiger Zeit fiel mir eine etwas freiere Übersetzung einer englischen Bibel in die Hand. Da wurde das Wort „einmütig“ übersetzt mit „in one accord“. Es ist ein Begriff aus der Musik: „in einem Akkord“. Ich glaube, dieser Begriff drückt gut aus, was Jesus meint, wenn er von Einheit spricht. Nehmen Sie das Bild eines Chores. Da ist es ja nicht so, dass alle das gleiche C singen, das wäre auch langweilig. Nein. im Chor singt der eine C, der andere singt E, der dritte G, usw. verschiedene Stimmen vereinen sich zu einem Chorstück. Und als Ganzes kommt ein Klang dabei heraus, ein Akkord, eine Harmonie, welche die Zuhörendenen erfreut. Natürlich, in einem großen Chorwerk kann es auch Dissonanzen geben, Reibungen, wo manchmal ganze Klangblöcke gleichsam aufeinanderprallen. Das muss so sein, darf so sein, auch in einer Gemeinde, auch in der Kirche. Aber wie in einem guten Musikstück sich diese Dissonanzen, diese Reibungen auflösen und hinterher der Klang harmonisch ist, so sollte es auch unter Christen sein. Vielleicht können wir uns die Einheit der Kirche, die Jesus sich vorstellt, auch mit dem Bild eines großen Orchesters vor Augen führen: Es sind viele Musiker und vielfältige Musikinstrumente, die gleichzeitig erklingen. Wenn man vorher gehört hat, wie das ganze Orchester die Instrumente gestimmt hat, jeder seine eigene Stimme, dann klang das wie das Gejaule von Hunden, kaum anzuhören. Aber in dem Augenblick, wo der Dirigent den Einsatz gibt, da kommt auf einmal ein Zusammenklang, eine Harmonie; und jeder freut sich daran. Natürlich gibt es in jedem Orchester einen, der die erste Geige spielt, das gibt’s in unseren Gemeinden auch. Es gibt wie im Orchester auch in jeder Gemeinde Leute, die immer auf die Pauke hauen. So einen, der auf die Pauke haut, braucht das Orchester auch. Aber das Geheimnis einer guten Musik ist es, dass die Person, die die Pauke schlägt, ganz genau weiß, wann sie laut auf die Pauke hauen muss in einem starken Paukenwirbel und wann sie nur zart und leise der Pauke gleichsam einen Ton entlocken darf. Und wer im Orchester die erste Geige spielt, weiß auch ganz genau, wann er dran ist und wann für ihn Pause ist. Sonst spielt er nicht mehr lange die erste Geige. Und ganz wichtig: Alle Orchestermitglieder mit ihren total verschiedenen Instrumenten schauen alle auf einen, nämlich auf den Dirigenten. Der hat das Ganze im Blick, der gibt jeder Stimme den Einsatz, der entscheidet über das Tempo, über den Takt. Nicht der einzelne Musiker, sondern der Dirigent. Und so einen Dirigenten gibt es in der Kirche auch. Nicht der Pfarrer, nicht der Papst, nein, dieser Dirigent ist Jesus Christus, er legt das Tempo fest, gibt die Einsätze, jedem, so wie es für ihn notwendig ist. Und noch etwas ist wichtig, damit dieses Ganze, diese Einheit gelingen kann genau wie bei einem großen Orchesterwerk. Was im Konzertsaal eine Selbstverständlichkeit ist, erleben wir leider in unserenGemeinden nicht. Es ist wichtig, dass alle das gleiche Stück spielen. Stellen Sie sich einmal vor, die erste Geige würde sagen: ich spiele die „Kleine Nachtmusik“ von Mozart, die Trompeten würden aber sich festlegen, die 9. Sinfonie von Beethoven zu spielen, und die Holzblasinstrumente hätten Ravels „Bolero“ auf dem Notenpult. Was dies für das Konzert bedeutet, leuchtet uns sofort ein. Aber innerhalb der katholischen Kirche, und darüber hinaus bei den christlichen Kirchen insgesamt, da spielt jeder gern sein eigenes Stück: Ich bin katholisch, ich bin evangelisch, du bist reformiert, und auch innerhalb jeder Konfession haben viele so ihre eigene Richtung, die sie vertreten. Und scheinbar spielt jeder sein Stück: Die Frauengemeinschaft hat ihr eigenes Jahresprogramm, die KAB hat ihr Programm, die Männergruppe, die Ruachgruppe, jeder spielt sein eigenes Stück und interessiert sich kaum dafür, was die anderen machen. Wie soll dabei eine Einheit herauskommen? Es wäre doch wichtig, dass wir uns gemeinsam als Kirche, als Christen, als einzelne Stimmen in diesem großen Chor oder Orchester gemeinsam darauf einigen: Es gilt, ein Stück zu spielen. Last but not least: Diese Einheit will erbetet sein. Darum sind diese Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten auch Tage, wo wir in der Kirche um die Einheit der Christen beten. Und es ist gleichzeitig die Zeit, wo wir in der Kirche um den Heiligen Geist beten für uns heute, weil er allein uns zusammenbinden kann. Beten wir gemeinsam um diese Einheit, damit die Welt glauben kann:

Ich glaube an den Heiligen Geist, ich glaube,

dass er meine Vorurteile abbauen kann,

dass er meine Gewohnheiten ändern kann,

dass er meine Gleichgültigkeit überwinden kann,

dass er mir Phantasie zur Liebe geben kann,

dass er mir Warnung vor dem Bösen geben kann,

dass er mir Mut für das Gute geben kann,

dass er meine Traurigkeit besiegen kann,

dass er mir Liebe zu Gottes Wort geben kann,

dass er mir Minderwertigkeitsgefühle nehmen kann,

dass er mir Kraft in meinem Leid geben kann,

dass er mir einen Bruder, eine Schwester an die Seite geben kann,

dass er mein Wesen durchdringen kann! Amen.

(Gotteslob 7,4)
 
Alois Balint
29.05.25 - Christi Himmelfahrt

Viele Menschen haben eine ganz andere Bezeichnung für Christi Himmelfahrt, den Feiertag, den wir Christinnen und Christen sechseinhalb Wochen nach Ostern begehen. Für viele ist das einfach der „Vatertag“. Dieser hat sich irgendwann parallel zum „Muttertag“ etabliert. In letzter Zeit hat sich immer mehr auch ein anderer Name herausgebildet: der „Herrentag“. In vielen Gegenden zieht man mit Bollerwägen und Bierkästen durch die Gegend. Wie Sie von meinem Akzent hören, muss ich noch Deutsch weiterstudieren. So habe ich den Ausdruck gelernt: „Das war eine Himmelfahrt!“, damit meint man beispielsweise eine anstrengende, stressige und gefährliche Autofahrt bei Starkregen oder im Sturm. Himmelfahrtskommando – das meint einen besonders gefährlichen, wahrscheinlich Tod bringenden Auftrag. Wie ich sehe, hat dieses Fest keine positiven Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen. Menschen fragen sich wahrscheinlich eher, wohin sie an Himmelfahrt fahren, als danach, wohin denn Jesus gefahren ist. Obwohl Christinnen und Christen im Credo von ihm bekennen: „aufgefahren in den Himmel“, fehlt uns das Verständnis. Vielleicht ist das in anderen Sprachen einfacher; z.B. das Englische unterscheidet „heaven“ als religiöses Wort und „sky“, den atmosphärischen Himmel. Das macht es vielleicht leichter. Was meinen wir, wenn wir heute vom „Himmel“ sprechen? Unseren Verstorbenen wünschen wir nichts intensiver als den Himmel. Doch ist der Himmel für uns jetzt Lebende eine Verlockung? Oder bringt er mich eher in Verlegenheit? Setze ich den Himmel als Ziel auf mein Navi? Oder beschränke ich mich bescheiden auf Ziele im Nahbereich? Und wenn geistlich ich den Himmel als Sehnsuchtsziel in mein inneres Navi eingebe – wie komme ich dahin: fliegend, stolpernd, keuchend, kletternd, auf allen Vieren, wie im Aufzug? Würden Sie den Himmel als das Traumziel Ihres Lebens bezeichnen? Wenn wir den Glauben ernst nehmen, dann ist unser kleines Leben im Hier und Jetzt nur ein kurzes Vorspiel zu dem, was „danach“ kommt. Bin ich neugierig auf das, was mir dann bevorsteht? Ohne apokalyptisch zu klingen, nähern wir uns alle von Sekunde zu Sekunde dem Himmel an. Ich hielte es für etwas überspannt, meinen Lebensweg als eine Reise zum Himmel zu bezeichnen. Das sagen vielleicht fromme Mystiker. Ich muss gestehen, dass ich seltsam sprachlos und verlegen predige über den Himmel. Ja, auch jetzt halte ich mich zurück, Ihnen die schöne Aussicht auf den Himmel allzu konkret auszumalen. Und doch wünsche ich mir, dass es ihn gibt: einen Himmel als eine Welt ohne Grenzzäune und Kontrollen, ohne exklusive Resorts für einige wenige, ohne Gewalt und tödliches Gegeneinander, ohne den zerstörerischen Verbrauch von Ressourcen, ohne Todschweigen und Katzentische, nachtfrei, transparent, ohne Leid, Schmerz, Geschrei, ohne Tränen und Tod. Kurzum: wünsche ich mir eine Welt, die endlich für alle Platz hat. Und doch sind wir im Dazwischen unterwegs und das, woran das Heilige Jahr uns in der katholischen Kirche erinnert: „Pilger der Hoffnung“; unterwegs auf der Abenteuerreise dem Himmel entgegen, einem Ziel, das uns allen bestimmt ist. Ein Gipfel, der nicht nur den Fitten und Beweglichen, den Frommen und Eifrigen als Belohnung winkt; eine schöne Aussicht, die ich mir nicht wie das Ziel einer Traumreise erkaufen kann; eine neue Heimat, die „allen Seelen“ offensteht. Warum klingt das jetzt einfach zu „poetisch“ und unrealistisch? Vielleicht bin ich zu „horizontal“ geworden und müsste ein „gotischer“ Mensch sein, der sich wie Säulen einer Kirche dem Himmel entgegenstreckt, der zumindest die Antenne nach oben ausfährt. Doch diese Antenne scheint müde abgeknickt zu sein, das Leben hier auf Erden wird als die erste und letzte Möglichkeit beschworen, um „Himmelsgefühle“ zu empfinden. Viele Zeitgenossen winken ab: Meine Heimat ist nicht der Himmel. Wenn wir uns nicht hier und heute himmlische Augenblicke bereiten, wann dann …? Wir wurden erdverbundener, bescheidener: uns würde schon reichen „ein bisschen Frieden“ … Oh ja, das heutige Himmelfahrtsfest hat es genauso schwer wie dieser jenseitige Lebensraum, den wir „Himmel“ nennen. „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“, so winkt Heinrich Heine die Vertröstung durch den Himmel ab. Soll man also das Himmelfahrtsfest den wenigen überlassen, die noch etwas damit anfangen können? Nein, ich wage nicht, die „Vaterstagausflüge“ zu ironisieren, ich wünsche all den Zeitgenossen, die heute draußen hier beim „Messdi“ oder unterwegs sind: Recken und strecken Sie sich in die Vertikale! Erleben Sie das Leichte und Helle des kosmischen Himmels, die Vögel, die sich mühelos fliegend und zugleich getragen zwischen Himmel und Erde bewegen, ihr unnachahmliches Gotteslob singen und die unsere Blicke nach oben lenken. Vielleicht spüren wir nicht nur in den Kirchen, sondern auch draußen in der Natur die Sehnsucht nach Leichtigkeit, packt uns die Himmelslust, die Vorfreude auf eine Welt aus Licht, in die uns Jesus vorangegangen ist. Auf die Frage, wo der Himmel ist, antworte ich zum Schluss mit den Worten von Wilhelm Willms, ein Mitbruder, der vor ein paar Jahren verstorben ist: 

„Mensch, weißt du, wo der Himmel ist? Außen oder innen? Eine Handbreit rechts und links. Du bist mitten drinnen.

Weißt du, wo der Himmel ist? Nicht so tief verborgen. Einen Sprung aus dir heraus, aus dem Haus der Sorgen.

Weißt du, wo der Himmel ist? Nicht so hoch da oben. Sag doch ja zu dir und mir, du bist aufgehoben.“

 
Alois Balint
25.05.25 - 6. Ostersonntag - Gedanken zu Joh 14,23-29

Wir alle wissen, was ein Traum ist. Wissenschaftlich handelt es sich um ein psychisches Erleben während des Schlafes. So wird der Traum zu einer besonderen Form unseres Bewusstseins. Während sich der Körper im Ruhezustand befindet, denken wir weiter. Erinnerungen, Gefühle und Empfindungen, Wunsch- und Phantasiebilder erwachen. Es sind Bilder, Szenen und Fiktionen, die irgendwie zu unserem Leben gehören, auch wenn wir sie oft nicht deuten können. Träume sind keine Schäume, sie sind also eine weitere Realität (une „réalité onirique“, wie die Franzosen sagen), eigentlich genauso wie das, was wir tatsächlich erleben, aber auf einer ganz anderen Ebene. Träume beeinflussen unser Leben, ob wir es wollen oder nicht. Die Frage „Traum oder Wirklichkeit“ erübrigt sich also. Träume sind Wirklichkeit, weil sie ja auch Wirkung zeigen und unser Leben bewegen. Traum ist also Wirklichkeit! Das ist eigentlich eine mutige Aussage. Darum geht es im weitesten Sinne auch im heutigen Johannesevangelium. Es liefert uns immer wieder geistige Bilder. Jesus spricht von der Liebe und er stellt den Heiligen Geist als einen Erzieher vor, der uns „alles lehren“ wird, was wir für ein christliches Leben brauchen. Wirklich? Wir wissen, wie schwer das in einer Welt ist, die mehr und mehr „gottvergessen“ scheint. Klingt das heutige Evangelium daher nicht wie ein phantastischer Traum? Wenn der Traum aber tatsächlich eine weitere Realität ist, die zu uns auch gehört, bewegen wir uns im Glauben auf eine völlig andere Wirklichkeit zu als die, die wir derzeit in dieser Welt erleben und eben oft auch erleiden. Daher kommt die wichtige Frage: Auch wenn ich nicht weiß was das für eine Realität ist, welche Wirkung hat unser Glaube also? Seit Ostern vor 2000 Jahren ist unser Traum Wirklichkeit. Und wir dürfen DEN TRAUM NICHT SEINER WIRKLICHKEIT BERAUBEN. Wenn Jesus im 20. Jahrhundert gelebt hätte, würde er wahrscheinlich auch „I have a dream“ proklamieren. Auch wenn das Thema dieses Traumes die allerwichtigste Aufgabe der Liebe ist. Aus Liebe zum Frieden leben und glauben wir, sagt Jesus. Da hat er recht. Leider sagt Jesus nicht, wie das denn immer gehen soll im Alltag. Darum möchte ich Ihnen zunächst eine kleine Alltagsgeschichte erzählen; eine Geschichte von Liebe, Schmerz und Hoffnung auf Frieden. Und dann möchte ich noch überlegen, wie wir den Worten Jesu gerecht werden können in unseren lebendigen und abwechslungsreichen Alltagen. Aber zuerst die Geschichte von Melanie und Sven. Sie beginnt mit Tränen. Die laufen Melanie nämlich über ihre Wangen. Melanie ist vierzig Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Vor zwei Jahren hatte sie einen Schlaganfall. Ihre linke Seite ist jetzt gelähmt. Sie spricht auch nur wenig. Zugenommen hat sie auch. Ihre Tränen haben aber einen ganz anderen Grund. Der heißt Sven und ist ihr Freund. Sie hat ihn in dem Heim kennengelernt, in dem sie jetzt lebt. Leben muss. Alleine leben kann sie nicht mehr. Und ihr Sven sitzt auch im Rollstuhl. Die beiden haben sich lieb. Liebe ist immer; unter allen Umständen. Jetzt aber ist Sven im Krankenaus. Melanie musste zusehen, wie er abgeholt wurde. Ein Abschied von ihm war ihr nicht möglich. Sie konnte kaum hinsehen, so weh tat ihr das. Jetzt fragt sie sich, aus dem Fenster blickend, wie es wohl um Sven stehen mag. Ob Melanie ihn besuchen kann, weiß sie nicht. Wann er wiederkommt, auch nicht. Da muss man doch weinen. Diese Verluste im Leben. Jetzt noch Sven. Vielleicht die letzte Liebe. Liebe ist IMMER. Das Leben kann bitter sein, Liebe hört trotzdem nicht auf. Wenn Melanie und Sven nebeneinander saßen in ihren Rollstühlen, konnten sie sich sehen, streicheln, sogar Küsschen geben. Das sah flüchtig aus, war aber innig. Der Verstand kann leiden, die Liebe bleibt. Immer. Sven war Halt und Stütze. Was Liebe ist. Wegen ihr erträgt man, was kaum zu ertragen ist. Den Rollstuhl, die Arznei. Dass nichts mehr wird, wie es mal war. Eigentlich unerträglich. Mit Liebe erträgt man es. Das weiß Melanie nicht. Aber sie fühlt es. In unseren Alltagen ist viel Liebe; viel mehr, als uns oft bewusst ist. Wenn man die Sinne offen hat, erkennt man, wie sehr Menschen nicht nur der Liebe und des Friedens bedürftig sind, sondern auch danach suchen und sich darum mühen. Ein bisschen wie Melanie und Sven, auch wenn nicht immer so dramatisch sein muss. Und damit sind wir wieder bei Jesus und seinen Worten über die Liebe, den Frieden und seinen und unseren Vater. Auch in den heutigen Worten hören wir, wie Jesus ankündigt: Ich gehe fort. Und was hinterlässt er uns? Große, schöne Worte. Zugleich fehlen aber kleine Hinweise, wie wir die Worte Jesu in unserem Alltag leben sollen. Einen Teil der Antwort geben uns Melanie und Sven. Es geht nicht anders: Liebe, Frieden muss man WOLLEN. Das klingt ein wenig einfältig; aber es ist genauso. Was Jesus sich in seinen Worten wünscht, fällt leider nicht vom Himmel. Selbst bei Jesus nicht. Seine Worte SIND der Himmel, aber der fällt nicht einfach so auf uns. Wir müssen ihn wollen. Das gilt für unser Leben in der Familie, für unser Leben in den Nachbarschaften, den Vereinen, der Kirchengemeinde – es gilt einfach immer. Ohne Wille und ohne Bitte an Jesus geht nichts in Sachen Liebe und Friede. Das war bei Jesus selber auch so. Ohne Bitte lebte er nicht. Wir wissen meistens nicht, in welchen Worten Jesus gebetet hat. Wir dürfen aber vermuten, dass er zu Gott etwa sagte: Gib mir, verleihe mir die Kraft zur Liebe; zum Frieden; und steh mir bei, wenn ich Liebe übe. Aber auch „Liebe üben“ garantiert keinen Erfolg; Im Reich Gottes gibt es keine Garantien auf Erfolg. Oder, um es etwas anders zu sagen: Was ein Erfolg ist, entscheiden nicht wir, sondern Gott. Es kann sein, dass wir scheitern, in unseren Augen. Nicht jeder, nicht jede ist fähig, geliebt zu werden, Liebe anzunehmen und in Frieden zu leben. Manche, Gott sei es geklagt, leben gerne vom Unfrieden, den sie stiften. Da sind wir machtlos… Aber wir lassen uns trotzdem nicht auf deren Unfrieden ein, sondern wenden uns in Frieden von ihnen ab. Friedlich und im Namen Gottes dürfen wir uns auch abwenden. Und dennoch suchen wir weiter unseren Weg zu Frieden und Liebe. Wir sollen, wir müssen es wollen. Das erhofft sich Jesus, wenn er seine Jünger in der Welt zurücklässt. Aber nicht ohne seinen Geist: Den Geist des Liebeübens. Dieser Geist sagt: Ich will keinen Unfrieden; ich will jedem Unfrieden aus dem Weg gehen; ich will Liebe üben oder mich in Liebe abwenden. So anspruchsvoll dürfen wir sein, die wir Gott unseren Vater nennen. Und darauf wird Gott seinen Segen legen. Daran glaube ich. Gott lässt die nicht ohne Segen, die seinen Geist in die Welt tragen wollen – den Geist der Liebe und des Friedens. Nicht, um damit große Erfolge zu erzielen oder Ruhm zu gewinnen, sondern um eines anderen Zieles willen: Das Leben soll lebenswert werden. Gott segnet alle, die seinen Geist lebendig werden lassen. Gott segnet die Mühen, die wir uns machen. Noch ein letzter Gedanke: Der Rat Jesu „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“, mahnt zur Gelassenheit, nicht zur Tatenlosigkeit. Menschen des Geistes haben Wirkung. Wir tun als gläubige Katholiken also gut daran, in Wertschätzung der Welt um uns herum zu leben. Mit dem richtigen Blick für die Wirklichkeit, die der Osterglaube gebietet, finden wir im Mitmenschen, im Nächsten wie im Fernsten, in der Natur und der Sorge um sie, in jeder Bemühung um Frieden und Gerechtigkeit, die Erfahrung von Barmherzigkeit und Vergebung. Der Heilige Geist ist ein Erzieher, der uns „alles lehren“ wird: Auch Gottes Traum zu verwirklichen. Je mehr wir lernen, unseren Glauben authentisch zu leben, umso mehr geben wir Beispiel für andere, umso mehr bauen wir in dieser Welt am Geist Gottes, den Jesus allen verheißen hat.

Alois Balint
18.05.25 - 5. Ostersonntag - Gedanken zu Joh 13,31-35

Wieder ist im Evangelium über die Liebe die Rede. Zunächst aber steht uns diesbezüglich ein sprachliches Problem im Weg. Das Wort „Liebe“, so der Theologe Josef Ratzinger, ist heute zu einem der meist gebrauchten und auch missbrauchten Wörter geworden, mit dem wir völlig verschiedene Bedeutungen verbinden. Erinnern wir uns zunächst an die Bedeutungsvielfalt des Wortes „Liebe“: Wir sprechen von Vaterlandsliebe, von Liebe zum Beruf, von Liebe unter Freunden, von der Liebe zur Arbeit, von der Liebe zwischen den Eltern und ihren Kindern, zwischen Geschwistern und Verwandten, von der Liebe zum Nächsten und von der Liebe zu Gott. Als Echo zum heutigen Evangelium habe ich nun die Frage: Kann man Liebe befehlen? Kann man Menschen verordnen: Liebt euch? – so wie Jesus es gemacht hat?  Liebe ist ja für die meisten Menschen von heute ein Gefühl, eine Empfindung, etwas Spontanes, dass mich überkommt, mich eventuell überwältigt, dass ich gar nichts dagegen machen kann. Wer derartig überwältigt ist von einem Menschen, dem muss man nicht mehr befehlen zu lieben, er – oder sie – kann ja gar nicht anders. Aber was ist, wenn das Gefühl fehlt? Wo nichts „knallt“? Zwischen zwei Menschen nichts knistert? Nichts lodert, kein Feuer brennt? Da wird ein Auftrag zur Liebe auch kaum etwas helfen, Gefühle kann man nicht befehlen. Wenn Liebe nur ein Gefühl ist, kann man sie keinesfalls befehlen; weil Gefühle kommen und gehen. Wenn Jesus dennoch sagt: „Liebt einander!“ und das auch noch als neues Gebot einschärft, dass wir einander so lieben, wie ER uns geliebt hat, also als „das Gebot“ sozusagen, dann stellt sich die Frage: „Was meint er damit?“ Offenbar geht es Jesus hier um mehr als Zweierbeziehungen. Wenn Jesus im Angesicht des Todes von der Liebe redet, dann meint er damit mehr, als dass er hofft, dass seine Nachfolger passende Liebes- und Ehepartner finden. Und Jesus redet nicht von Gefühlen, sondern von Entscheidungen. Sehen Sie, es geht nicht nur um Romantik, nicht nur ums große Glück, sondern ums Menschsein. Sind mir andere Menschen Mitmenschen, oder sind sie nur andere, mit denen ich wenig zu schaffen habe? Ich weiß nicht mehr genau bei wem, aber irgendwo habe ich gelesen, das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Das ist die Herausforderung, in die Jesus uns stellt. Die große Liebe ist ein Geschenk, ein großes Glück, aber wie ich zur Welt mich stelle, ob ich mich mit meinen Mitmenschen verbunden weiß, sie mir zu Herzen gehen oder komplett gleichgültig sind, das ist nicht Romantik, sondern Entscheidung. Auch in dieser Entscheidung geht es um Leidenschaft, die kein Gegensatz ist zur romantischen Leidenschaft der großen Liebe, diese vielmehr – glaube ich – in sich einschließt. Denn, was soll einem, dem alles gleichgültig ist, die große Liebe bedeuten? Denn auch die große romantische Liebe braucht Umstände, unter denen sie blühen kann, Frieden zum Beispiel. Die große Liebe, niemand kann sie befehlen, aber dass Menschen sie finden können, dafür bedarf es des Engagements vieler um ein gutes, gerechtes Miteinander, um Respekt und Harmonie. Ja, es stimmt, die Liebe ist weder zu befehlen noch gibt es einfach so eine Garantie auf sie. Aber ob die Welt um mich herum mir gleichgültig ist, oder ob mir das Miteinander der Menschen und ihr Wohlergehen am Herzen liegt, das kann ich entscheiden. Jesus hat seine Entscheidung gefällt, nicht nur für sich, sondern auch für uns, um uns – sozusagen – herauszufordern: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr hingeht und handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Der Ball liegt jetzt in unserem Spielfeld …

Alois Balint
11.05.25 - 4. Ostersonntag - Muttertag

Ich brauche keinen Muttertag, hat meine Mutter, Jahrgang 1922, immer gesagt. Stimmt ja: Wenn jemand meint, mit dem einen Tag wär‘s getan – wie schäbig. Eine Aufmerksamkeit hat die Mutter aber doch gefreut. Vielleicht hatte ihre Skepsis gegenüber einer besonderen Ehrung ja noch mit dem Widerwillen zu tun, den die Auszeichnung ihrer Müttergeneration ausgelöst hat: Vor 80 Jahren, am 21. Mai 1939, wurde erstmals das „Mutterkreuz“ verliehen: ein als „persönlich“ etikettierter „Dank“ des Führers für die Kinder, die eine Frau „ihm“ geboren hatte. Eine freche Vereinnahmung persönlicher Lebensläufe für eine Ideologie und deren Galionsfigur! Fünf Jahre zuvor, am 3. Maisonntag 1934, wurde der Muttertag erstmals als „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ gefeiert, nachdem man ihn 1933 zum öffentlichen Feiertag erklärt hatte. Das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ war dem Eisernen Kreuz für Soldaten nachempfunden und wurde ebenso dreistufig in Bronze, Silber und Gold verliehen, ab vier, sechs und acht Kindern. Das kühle Schwarz im Feld zwischen den Metallkonturen und dem Strahlenkranz ersetzte hier ein sattes Blau – gewiss nicht zufällig, denn Blau ist die Farbe der Jungfrau Maria. Kreuz und Maria, was will man mehr?! Christussymbol und Madonnenblau – welch perfide Wahl, um die menschenverachtende Ideologie, die dem Guten Hirten und seiner Mutter diametral widerspricht, zu kaschieren, um blankes Heidentum religiös zu bemänteln! Diesmal fällt der Welttag der geistlichen Berufe, der Gebetstag um geistliche Berufe, mit dem Muttertag zusammen. Da drängt sich mir die Frage auf, wofür Geistliche „Kreuz“ und „Blau“ einsetzen: Geht es Exponenten der Kirche zutiefst um das Heil der Menschen? Oder wird einer Ideologie, und sei sie noch so fromm, gedient, der notfalls auch „Menschenopfer“ zu bringen wären? Vielleicht könnte man so fragen: Wie ehrt der Gute Hirte die Mütter? Und wofür möchte der mütterliche Gute Hirte die leitenden Personen seiner Kirche gewinnen?

Hans Brunner
04.05.25 - 3. Ostersonntag - Impuls zu Joh 21,1-19

Wie geht’s weiter nach Ostern? Geht’s österlich weiter, auch wenn es Alltag wird? Was bleibt, wenn Er auferstanden ist und die Welt so weitergeht wie bisher? Irgendwie muss es ja weitergehen, wenn der furchtbar blöde Gruß verklungen ist: „Schöne Ostern gehabt zu haben“. Das Fest ist doch vorbei, abgehakt. Das kannst du bis 2026 wieder vergessen. Es scheint ganz gut weiterzugehen auch ohne ihn. Kirche leidet unter Gedächtnisschwäche und Jesus muss „sich wiederholen“. Er kommt so leise, so unaufdringlich, so traumhaft, fast ein wenig unheimlich. Wäre er nicht gekommen, man hätte ihn beinahe vergessen. Oder er wird zum kaum wahrnehmbaren „Hintergrundgeräusch“ meines Lebens. Er muss sich selbst bemerkbar machen, denn sonst könnte Kirche meinen: Gibt’s ihn noch heute oder ist er der gute Mensch von Nazareth, ein Mann von gestern und wir seine Ersatzspieler? Ist der Osterglaube auf dem Weg „danach“ auf der Strecke geblieben? Das sind einige der Fragen, die uns das Evangelium des dritten Sonntags nach Ostern stellt. An seiner Präsenz hängt alles. Auch ich will ihn wahrnehmen am „Ufer der Ewigkeit“ (Augustinus) – so nah und doch so fern, so unfassbar gegenwärtig wie ein Regenbogen, den ich bestaune, ohne dass ich ihn je in den Griff bekomme.

Kurt Josef Wecker
27.04.25 - 2. Ostersonntag - Gedanken zu Joh 20,19-31

Als ich jung war, nannte man bei uns den 2. Ostersonntag: Sonntag des ungläubigen Thomas. Und bis heute haben wir uns angewöhnt, auf die Bedingung des Thomas, nur bei einem Sehen-und-Fühlen–Können (an) die Auferstehung glauben zu können, mit einem Stirnrunzeln zu belegen. So nach der Art eines Lehrers, der auf eine Frage eine nicht ganz richtige Antwort bekommt. Für mich ist aber Thomas nicht der Kleingläubige, schon gar nicht der Ungläubige. Ich bin dem Apostel Thomas sehr dankbar für seine Frage. Ich sehe in ihm den, der vor allen anderen Aposteln etwas Entscheidendes von Jesus gelernt hat und dies sich nun auch nicht durch irgendein ihm noch unbegreifliches Wunder abkaufen lassen will. Für Thomas hängt der Glaube nicht einfach daran, dass ein Toter aus dem Grab gestiegen ist. Und sei so eine Überraschung auch noch so verlässlich und gut belegt: Für Thomas kann sie den Glauben noch nicht begründen. Denn nicht irgendein Wunder kann den Glauben begründen, sondern allein das Vertrauen, dass der Auferstandene tatsächlich der ist, der gelitten hat, dass der Auferstandene tatsächlich der ist, der unter uns gelebt, der unser Schicksal geteilt, der unsere Not gesehen und am eigenen Leib erfahren hat. Theologisch gesprochen: Dass der auferstandene Christus tatsächlich glaubhaft der irdische Jesus ist. Das ist doch eine uralte Frage und ein alter Vorwurf an Gott, dass er fern sei unserer Not und dem Schreien der Opfer, unberührt von unseren Schicksalen; dass er irgendwo im Jenseits throne und zusehe, ob wir unser Schicksal zu meistern vermögen, wie wir uns am Leben abstrampeln, ohne dass die Mehrheit der Menschen je auf einen grünen Zweig kommt. Nicht nur in der Osterzeit, sondern so oft wie möglich müssen wir uns mit dem Thema unseres Gottesbildes auseinandersetzen. An welchen Gott glaube ich eigentlich?! Schon im Katechismus oder Reli-Unterricht haben wir gelernt, dass Gott allmächtig ist. Einen solchen Gott kann man allenfalls fürchten, natürlich ist er bedrohlich in seiner ewigen, unerreichbaren und unfassbaren Macht und Selbstgenügsamkeit. So ein Gott kann vielleicht ins Leben rufen; er kann vielleicht Leben nehmen; er kann eventuell den einen reich, den anderen bettelarm machen; er kann vielleicht den einen mit Krebs bestrafen, der anderen das Glück ihres Lebens schenken. Aber so ein Gott kann nicht machen, dass man ihn liebt, ihm glaubt, ihm vertraut. Das kann keiner, „der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche“ wie Paulus im Hebräerbrief schreibt, keiner, der nicht wie wir „in allem in Versuchung geführt worden ist“ (Hebr. 4,14f). Vor allem jetzt nach der Passionszeit am Anfang der Osterzeit verstehen wir jedes Jahr, dass unser Gott der ist, der in Jesus einer von uns wurde, ein Gott mit Wunden, ein Gott, der weiß, was Leben ist, der weiß, was Schmerz ist, der weiß, was Angst ist. Unser Gott ist kein unbewegter Beweger, kein unberührter Unberührbarer: Unser Gott ist der Gott, den Jesus mit dem Kosenamen „Abba“ – „lieber Vater“ anredete, an dessen mütterliche, bergende und beschützenden Seiten er erinnerte. Dieser Gott kommt zur Erde, er ist den Leidenden nahe und die Zerschlagenen richtet er auf. „An dem Christus, der nicht das Zeichen des Kreuzes trägt, kann ich mich nicht festhalten“ sagt der heilige Martin der Legende zufolge. „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meine Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ sagt Thomas (Jo 20,25). Das verstehe ich so: Thomas will keinen Geist aus dem Grabe. Thomas will keinen auferstandenen Irgendwen, der alles hinter sich gelassen hat und den Tod und Schmerz nicht mehr berühren und jetzt einfach „tschüss“ sagen will. Thomas will den Christus mit Wunden, denn allein ein Gott, der diese Welt, unser Leben und unseren Tod mit wirklich allem, was dazugehört, kennt, ist ihm des Glaubens, des Vertrauens und der Nachfolge wert. „Ungläubiger Thomas“? Was für ein Unsinn! Thomas ist nicht ungläubig. Gerade weil er Jesus geglaubt hat, weil er von Jesus gelernt hat, was Glaube wirklich bedeutet, will er wissen, was es mit diesem Auferstehungsglauben, von dem ihm die anderen Jünger reden, auf sich hat. Fromme Worte: „Er ist auferstanden!“ sind ihm zu wenig. Ein leeres Grab ist ihm noch nichts. Aber die Wunden des Auferstandenen zeigen ihm: Auf diesen Gott kann ich bauen, denn er ist kein ferner Gott, er ist der Gott, der diese Welt kennt, das Leben, den Schrecken, den Tod. Diesem Gott geht es nicht um sich, dem geht es um mich: Diesem Gott kann man trauen.

Alois Balint
20.04.25 - Ostersonntag

Auch wenn wir als Christen über zweitausend Jahre eine Erzählgemeinschaft mit einem sehr wert- und inhaltsvollem, wie mit einem tiefen Erinnerungspotenzial sind, wissen wir: ohne Inszenierung läuft gar nichts. So zum Beispiel: Wer etwa bei einer anstehenden Wahl Stimmen gewinnen will, der setzt – Amerika hat es wieder gezeigt - auf Show. Dynamische Musik, glanzvolle Szenen, bunte und schrille Inszenierungen, sollen dem einen dienen: dem zu wählenden Kandidaten, wie seiner Partei. Ob unsere liturgischen Feiern der Karwoche in diesem Sinne eine gute Show sind und waren, möchte ich hier nicht beurteilen. Bei unseren Feiern geht es, bei aller Tragik die sie beinhalten, um das Leben und um dessen Sinn, um etwas das nicht übersehen und überspielt werden kann. Es geht nicht um eine Show. Eher geht es um die eine Grundmelodie, - bei alle unserer Gottesdienste und Feiern in der Karwoche, - um das: "Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben." Als ich vor paar Jahren, mitten in der Corona-Pandemie, bei Beisetzungen, oft nur mit dem Bestatter und evtl. mit einem Familienmitglied, an dem Sarg von Verstorbenen stand, dachte ich mehrmals an die Geschichte von Ostern mit Fred, dem Bestattungsunternehmer. Sie erzählt davon, dass der feurige Prediger einer evangelikalen Gemeinde in New York um die Herzen der Gläubigen in österliche Schwingungen zu versetzen - und dabei der Gottesmann fuchtelt mit den Armen durch die Luft, - ruft, ja schreiend beschwört: "Der Tod ist tot, Halleluja!" "Halleluja!" "der Tod ist tot! Halleluja!", und es unter Klatschen hundertfach zurückschallt, sitzt einer und lächelt ruhig zurückgelehnt in der letzten Bank: Fred, der Bestattungsunternehmer. Er summt leise mit und weiß doch, gestorben wird immer (Georg Schwikart). Zuerst habe ich geschmunzelt über diese kleine Story aus New York. Zugleich habe ich mir den Kontrast ausgemalt: Auf der einen Seite die singende und swingende Gemeinde - und auf der anderen Seite der coole, in sich hineinlächelnde Fred. Auf der einen Seite der unbekümmerte Osterjubel - auf der anderen Seite der Bestattungsunternehmer, den die jahrelange Berufserfahrung etwas vorsichtig gemacht hat. Dann ist mir aber sehr schnell klar geworden: New York und unsere Stadt liegen, wenn es um die Aussage dieser Geschichte geht, nicht weit auseinander. Auch bei uns sitzt Fred - vielleicht nur mit einem anderen Namen und mit einem anderen Beruf. Er hört uns - vielleicht nicht ganz so begeistert, aber doch aus voller Kehle – singen: „Christ ist erstanden“ oder "Das Leben hat besiegt den Tod". Er lehnt sich, vielleicht nur innerlich, zurück und denkt: Gestorben wird immer. Wenn unsere liturgischen Feiern der Karwoche in dem Sinne, eine gute Show sind, - dass sie unser Erinnerungspotenzial und den Sinn unserer Osterfreude unterstützen, dürfte ich doch unserer Osterfreude auf den Zahn fühlen, sogar wagen unseren Osterglauben zu überprüfen. Dazu könnte ich vielleicht Fred erzählen, dass Ostern für mich nicht bedeutet, heute Nacht abzuheben und den Karfreitag zu verdrängen. Dass mich die Auferstehungsfeier von Ostern nicht abhält Trauer, Leid und Tod zu sehen, wie es in der Welt da ist, all das zu überspielen und so zu tun, als hätte es keine Bedeutung mehr. Ich würde versuchen, ihm zu sagen: Ja, sein "Gestorben wird immer", das bleibt wahr, aber ich glaube nicht, dass das alles ist, was über unser Leben gesagt werden kann. Ich erlebe auch das andere: "Auferstanden wird immer" sehr konkret. Wenn wir auf Jesus Leben schauen, dann müsste uns dieses "Auferstanden wird immer" auffallen. Auferstehung war nicht nur ein Ereignis jenseits der Todesgrenze Jesu. Sein ganzes Leben war ein Auferstehen, ein Aufstand gegen den Tod in allen seinen Formen, ein Aufstehen für Gerechtigkeit und Güte. Er hat schon zu Lebzeiten Gräber gesprengt, Menschen aus ihren Gräbern befreit. Er hat Menschen aus den Gräbern der Einsamkeit und Enttäuschung, aus den Gräbern der Krankheit, aus den Gräbern der Ausgrenzung, aus den Gräbern der Verzweiflung und des Egoismus geholt. Und heute - an Ostern - feiern wir, dass seine Auferstehung für das Leben weitergeht; dass der Tod sein befreiendes Reden und Handeln nicht auslöschen konnte. Wenn wir uns in unserer Lebenswelt umschauen, dann entdecken wir dieses: "Auferstanden wird immer": immer dort, wo jemand aufsteht gegen Krieg, Gewalt und Unrecht; immer dort, wo jemand sich dagegen wehrt, dass andere in Gräber von Vorurteilen gelegt oder mundtot gemacht werde; immer dort, wo jemand aufrecht geht und sich nicht verkrümmen und verbiegen lässt; immer dort, wo jemand aufwacht und sensibel wird für die Hoffnungen und Nöte der anderen. Bei diesem "Auferstanden wird immer", könnte Fred schon ahnen, dass im Sinn Jesu ein Leben möglich ist. Dass der Tod zwar ins Leben zwar eingreift, es aber nicht endgültig zerstören kann. Vielleicht könnte er dann ahnen, dass unser Leben nicht nach seiner Länge, gemessen wird, sondern an seiner Tiefe, an seiner Liebe. Vielleicht müssen wir Fred, und uns selber, zeigen, dass wir durch alle liturgischen Feiern der Karwoche, und durch die Auferstehungsfeier, zwar den Tod aus der Welt nicht endgültig verbannt haben, aber mit einem Wissen von einem Sieg über den Tod leben. Vielleicht müssen wir Fred, und uns selber, zeigen: Dass wir auch durch die Lieder aus dem Gotteslob, durch die glanzvollen Traditionen und Szenen, durch die bunten und schrillen oder manchmal gar nicht so auffallenden Inszenierungen, Ostern zwar nicht bis zum letzten Geheimnis verstehen können, es aber als das Fest aller Feste, als den Sieg des Lichtes über die Finsternis, den Sieg des Lebens feiern dürfen. Man muss es mitfeiern, - man muss es ausprobieren, - heute und durch ein ganzes Leben. Vielleicht klingt dann die Grundmelodie aller unserer Gottesdienste der Karwoche: "Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben.", bei mir ohne große Show, schon mit. Unsere Rettung und Befreiung durch den Tod und die Auferweckung Jesu kann ruhig Konsequenzen haben, denn "Auferstanden wird immer". Das kann und darf sich auswirken auf unser Leben. Christsein heißt: Sich vom auferweckten Christus zu einem aufgeweckten Leben rufen lassen!

Paul Kollar