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Osterzeit 2022

Pfingsten (5. Juni) - Gedanken zu Apg 2,1-11

„Alles, was Sie zu Pfingsten brauchen, sind Erdbeeren und frischen Spargel.“ So zitiert Prof. Dr. Cornelius Roth eine Werbung unserer Zeit. Mit Pfingsten wird in den wenigsten Fällen etwas Religiöses verbunden. Noch weniger als Weihnachten und Ostern ist es ein Fest, bei dem man weiß, was eigentlich gefeiert wird. Dabei ist es doch der Geburtstag der Kirche. Und das Geschenk für die Kirche ist der Heilige Geist. Nur ist der schwer greifbar. Wie könnte man ihn fassen? Zwei Wirkungen sind es, die mit dem Kommen des Heiligen Geistes verbunden sind; zwei Wirkungen, die es an Pfingsten zu bedenken gilt, weil sie unser Leben als Christen prägen: zum einen die Harmonie, die Universalität, das Verständnis füreinander; und zum anderen der persönliche Aufbruch, das Geweckt- und Gestörtwerden jedes einzelnen. Beides gehört zu Pfingsten. Die Harmonie besteht darin, dass am Ende alle Christen nichts anderes sprechen (sollten) als die Sprache der Liebe, in der Verkündigung der Großtaten Gottes, in Lobpreis und Anbetung.
Dennoch gibt es auch noch eine andere Seite von Pfingsten. Sie zeigt sich in der Pfingsterzählung daran, dass alle „ganz bestürzt“ und „fassungslos vor Staunen“ waren. Wenn wir den Heiligen Geist in unser Leben hineinlassen, ist er nämlich nicht immer der große Versöhner (wenn er auch im letzten Trost spenden will), sondern kann auch ein sehr heilsamer und notwendiger „Störenfried“ sein. Ja, auch das gehört zu Pfingsten: die Bereitschaft, dass ich mich bestürzen lasse; dass ich mich ganz persönlich vom Heiligen Geist anrühren und bewegen lasse; dass ich bereit bin, die Verkrustungen in meinem Inneren aufbrechen zu lassen. Die persönliche Veränderung, die Aufforderung, sein Leben als ein Leben im Geist zu verstehen und, dementsprechend auch mit seinen Charismen umzugehen, ist der eigentliche Auftrag des Pfingstfestes. Mit dem Pfingstfest begann in der Apostelgeschichte die Ausbreitung der Kirche bis an die Enden der Erde, und das war nur möglich durch geisterfüllte Menschen, welche die Freude und die Kraft von oben in ihr Leben einließen. Pfingsten atmet den Geist des Aufbruchs und des Neuanfangs. Wie wichtig ist das auch heute!
Jesus spricht einmal von der Sünde gegen den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden könnte. Was kann das bedeuten? Prof. Roth meint, dass damit Jesus nicht ein konkretes Vergehen nennt, sondern eine grundsätzlich falsche Lebenseinstellung, welche die Wurzel aller Sünde ist, nämlich, dass man sich dem Heiligen Geist gegenüber verschließt, dass man die „Schotten dichtmacht“, die Fenster der Seele schließt und so Gott nicht mehr an sich herankommen lässt. Man gibt Gott sozusagen nicht einmal mehr die Chance, etwas zu verändern. Deswegen ist die Sünde gegen den Heiligen Geist die schlimmste: Wer sich verschließt, der spürt weder etwas von der Gnade noch von der Vergebung Gottes.
So ist das Wichtigste an Pfingsten tatsächlich nicht Erdbeeren und frischer Spargel, sondern die Offenheit und Bereitschaft, sich von Gott berühren zu lassen. Mit Pfingsten beginnt unser Auftrag, das Angesicht der Erde zu erneuern. Und das Schöne dabei ist: Wir müssen es nicht allein tun. Der Beistand von oben, der Heilige Geist ist uns mitgegeben – auch in den Menschen, mit denen wir zusammen heute Kirche sind und gestalten.

 
Alois Balint
Christi Himmelfahrt (26. Mai) - Gedanken zu Lk 24,46-53

„Haus des Elends” klingt nicht gerade einladend. Wohl niemand von uns würde sich einfach so zu einem „Haus des Elends” begeben. Umso erstaunlicher ist es, dass das heutige Evangelium – wie so viele andere Bibelstellen – genau dort spielt. Dieser Schauplatz der heutigen biblischen Ereignisse liegt 15 Stadien, also etwa 2,7 km von Jerusalem entfernt. Die Rede ist von Betanien, was übersetzt „Haus des Elends” bedeutet. Jesus hat in der Nähe bereits übernachtet und für Maria, Martha und Lazarus ist Betanien ihr Heimatort. Darüber hinaus steht auch das Haus Simons des Aussätzigen hier, schließlich ist biblisch überliefert, dass der Esel, den Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem geritten hat, von dort stammte. Betanien, „Haus des Elends”, wird zum Ort der Himmelfahrt Jesu. Was für eine Geschichte, was für eine Entwicklung. Orte, denen man es nicht zugetraut hätte, dass etwas Positives in ihnen geschieht bzw. aus ihnen hervorgeht, können sich als Segensorte, als Orte des Heils entpuppen. Wenn Sie auf die bedeutsamen Orte Ihres Lebens schauen, dann tauchen gewiss nicht nur Schöne und Heilsame auf. Da gibt es vielleicht auch angstbesetzte, traurige und elende Plätze, Häuser und Gegenden, die für dunkle und bittere Erfahrungen stehen?! Diese Orte und die damit verbundenen Erfahrungen haben sich in der Folge oftmals verinnerlicht, so dass allein der Gedanke daran schmerzen kann. Im heutigen Evangelium, wie in vielen anderen Bibelstellen, findet eine Umwertung und Wandlung von Orten, Ereignissen und Menschen statt. Das, was zunächst dunkel und negativ erscheint, wird auf einmal hell und licht. Viele Heilungsgeschichten beginnen mit der Beschreibung von Elend, Sünde, Krankheit und Tod. Aber durch die Begegnung mit Jesus, durch das Wirken Gottes findet die Veränderung hin zu Licht und Leben statt. So auch in Betanien, dem Haus des Elends.
Auch heute kann bei uns in Verbindung mit den Ortsnamen noch etwas von den geschichtlichen Ereignissen mitschwingen, die dort stattgefunden haben. Manchmal sind die Namen sogar synonym für entsprechende Katastrophen, Unglücke und Verbrechen geworden. Ahrweiler, Eschede, Rammstein, Winnenden und Gladbeck sind Namen aus der jüngeren Vergangenheit, die viele Erinnerungen wecken können. Im Gegensatz zu ihnen ist Betanien in vielfacher Hinsicht weit weg.
An Christi Himmelfahrt gilt es sich in Erinnerung zu rufen, dass sich auch unsere inneren und äußeren Orte des Elends wandeln und verändern können. Negative Geschichten müssen nicht für immer sein und aus dem größten Elend kann es durch die Begegnung mit Gott Auswege geben, die Heil schenken und himmlisch genannt werden können.

Thomas Stephan
6. Ostersonntag (22. Mai) - Gedanken zu Joh 14,23-29

Eine modern empfundene Frage des Apostels Judas Thaddäus an Jesus löst nach dem Johannesevangelium bei Jesus Sätze aus, die unser Ohr kaum erreichen. Sie prallen in ihrer Fremdartigkeit irgendwie ab. Unserer Stelle geht die Frage des Judas Thaddäus an Jesus voraus: „Herr, wie kommt es, dass du dich nur uns offenbaren willst und nicht der Welt? (Joh 14,22). Eine interessante Frage. Es ist nicht so, wie eine häufig geäußerte Meinung zum Ausdruck bringt, Religion und Glaube seien in der säkularen Gesellschaft zu ihrem Ende gekommen. Wenn wir nur einen Moment innehalten, kann uns bewusst werden, dass wir uns nicht 24 Stunden täglich in der Tatsächlichkeit unseres Lebens aufhalten. Ca. ein Drittel unseres 24-Stunden-Tages gehört dem Schlaf. Wir schalten ab. Vor uns und in uns laufen alle möglichen Traumbilder und Traumszenen ab. Da berühren wir eine hintergründige Wirklichkeit, die zu uns gehört. In ihr öffnen wir uns einer Wirklichkeit, die anzeigt, dass sich unser Leben nicht in Vernunft- und zielorientierten Entscheidungen erschöpft. In unser Leben spielen immer schon mythologische Elemente Leben hinein. Der gedankliche Sprung mag befremden: Mythologische Elemente begegnen uns auch in den Bildern, die der johanneische Jesus gebraucht. Er spricht von der Liebe und davon, wer ihn liebe, den werde auch sein Vater lieben. Und dann folgt das ausgesprochen mythologische Bild: Er werde zusammen mit seinem Vater kommen und in uns Wohnung nehmen. Darin drückt sich eine Wirklichkeit aus, die unsere Sprache nicht anders als in Bildern festhalten kann. Sie sprechen von einer hintergründigen Wirklichkeit. Von da aus zurück zur Judas Thaddäus-Frage, warum sich Jesus nur ihnen offenbare und nicht der ganzen Welt. Die Antwort, die er erhält, läuft auf das gerade Gegenteil hinaus: Wer sein Leben in Offenheit, in Respekt voreinander, mit einem Wort, in Liebe lebt, mit dem ist Gott unterwegs. Und dies nicht nur im christlichen Glaubensmilieu, sondern im Milieu aller Religionen, auch im Milieu der säkularen Welt. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. Dieses aufrichtende Wort gilt allen Menschen, nicht nur besorgten Christenherzen. Wer in der Wertschätzung des eigenen wie des Lebens anderer lebt, der hat schon etwas vom Geschmack der Offenbarung auf der Zunge. Bis dieser Geschmack intensiver wurde, das dauerte bei den Jüngern. Das darf auch bei uns dauern, aber er wirkt schon - aufgrund von Gottes Gegenwart auch in unserem Leben.

Alois Balint
5. Ostersonntag (15. Mai) - Gedanken zu Joh 13,31-35

Mit dem heutigen Evangelium beginnt eine Reihe von Reden Jesu, die als seine Abschiedsreden bekannt sind. Den Tod vor Augen, spricht Jesus Segen und Ermahnungen aus. Jetzt wendet er sich nicht mehr an die Masse des Volkes, sondern einzig an die Jünger, die sein Werk weiterführen sollen. „Ein neues Gebot gebe ich euch“. Ein neues Gebot? Schon im Alten Testament, bei Levitikus 19,18, steht zu lesen: „Du sollst … keinen Groll gegen die Kinder deines Volkes hegen, sondern deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Dieses Gebot verlangt von den Israeliten lediglich, die Söhne und Töchter des eigenen Volkes zu lieben. Levitikus 19,34 erweitert dann den Geltungsbereich dieses Gebots: „Den Fremden, der als Fremder bei euch lebt … sollt ihr lieben wie euch selbst; denn du hast als Fremder im Land Ägypten gelebt.” Was also ist neu an Jesu Gebot? Jesus macht den Jüngern deutlich, wie er das Gebot der Nächstenliebe versteht: „So wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben“ (V. 34b). Wenn wir Jesu Liebe verstehen wollen, brauchen wir nur sein Leben und Handeln zu betrachten. Die Fußwaschung ist ein Beispiel für den demütigen Dienst, den Jesus von seinen Jüngern erwartet. Sein neues Gebot weist bereits auf die christliche Gemeinde hin: Jesus fordert die Jünger auf, einander zu lieben, was für uns als Kirche bedeutet, unsere christlichen Brüder und Schwestern zu lieben. An anderer Stelle ruft Jesus dazu auf, den Nächsten, ja die Feinde zu lieben. Zugleich stiftet dieses neue Gebot einen neuen Bund: Das Zeichen der Treue zum Alten Bund war der Gehorsam gegenüber der Tora. Das Zeichen der Treue zum Neuen Bund ist die Liebe zu den Brüdern und Schwestern in Christus. „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt” (Joh 13,35). Das Entscheidende ist ein liebevoller Umgang miteinander. Jesus setzt seine Liebe in Taten um - bis zur Hingabe des Lebens. Er fordert uns auf, seinem Beispiel zu folgen. Während es für manche Menschen unmöglich sein mag, Zuneigung zu empfinden, ist es nicht unmöglich, dem anderen in seiner Not beizustehen. Unsere Liebestat ist letztlich ein Werk Christi, der uns geliebt hat bis zum Tod am Kreuz. Er hat uns nach seinem Bild zu einem neuen Volk gemacht. Das christliche Zeugnis kann viele Formen annehmen, doch ist sein Herzstück immer die Liebe. Nach der Auferstehung Jesu wuchs die junge Kirche rasch an, auch oder gerade wegen ihres beispielhaften Zeugnisses der Nächstenliebe. So schreibt der frühchristliche Schriftsteller Tertullian in seiner Apologie: „Die Heiden sagen: Seht, wie sie einander lieben”.

Athanasius Wedon
 
4. Ostersonntag (8. Mai) - Gedanken zu Joh 10,27-30

Was macht einen guten Chef aus? Eine weit über tausend Jahre alte „Stellenbeschreibung“ für einen guten Chef stammt aus dem Kloster vom heiligen Benedikt: Die „Benediktsregel“ ist heute in Managerseminaren wieder voll im Trend. Da gibt es auch klare Ansagen für den Chef selbst: Er soll mehr durch sein Tun als durch sein Reden auffallen. Er soll auch auf den Rat von denen hören, die jünger und nicht so routiniert sind, denn sie haben vielleicht frische Ideen. Wenn der Chef, hier der Abt des Klosters, das berücksichtigt, soll er entscheiden – und alle müssen sich daran halten, damit es kein Chaos gibt. Ein guter Chef muss zuhören und dann klar sein in dem, was er anordnet – konsequent, verlässlich. Nur so entsteht Vertrauen, das schützt und zugleich Freiraum öffnet; das motiviert und aufbaut. Das ist „Dienen von oben nach unten“ – „Servant leadership“, wie es heute in der Management-Theorie heißt. Aber auch die Regel des hl. Benedikt ist keine neue Erfindung. Er selbst steht in langer Tradition. Und das Evangelium von heute vom „Guten Hirten“ klingt in den Ohren. „Dienen“ ist dann nämlich keine vorgeschobene Floskel für Möchtegern-Chefs, sondern anspruchsvoller Alltag. Zur Orientierung braucht es verantwortliche Führung und Führungskraft – im wahren Wortsinn. Wie ein guter Hirte für die Schafe: schützend, stärkend. Das macht eine glaubwürdige Führungskraft aus: Zuhören, das Gute für alle – und nicht nur für sich – im Blick halten und verlässliche, ja lebensdienliche Ansagen machen. Die Kirche ist keine Firma und doch braucht auch sie gute Führung. In der Kirche von heute wünschen sich manche klarere Ansagen – etwa vom Papst. Manche werfen ihm gar Führungsschwäche vor. Andere kritisieren, wenn der Papst etwas sagt, was ihnen nicht passt. Ist der Papst denn ein schlechter Chef, kein guter Hirte? Die Antwort gibt vielleicht eine Kino-Doku: „Papst Franziskus, ein Mann seines Wortes“ (2017). Der Regisseur Wim Wenders hat den Papst in seinem Alltag beobachtet, seine Auftritte, seine Begegnungen mit Menschen etwa im Krankenhaus und im Gefängnis, in großen Audienzen und in persönlichen Momenten. Und er hat ihn interviewt zu dem, was dem Papst wichtig ist: Barmherzigkeit. Glaube als zärtliche Begegnung mit Gott. Menschen an den Rändern und im Abseits in den Blick nehmen. Darüber nachdenken, was das, was wir hier tun und lassen, mit den globalen Fragen von Umwelt, Gerechtigkeit und Frieden zu tun hat. Das Wort – und die Macht der Bilder: das ist seine Führungskraft – mit allen menschlichen Grenzen. Das wirkt sich im besten Fall kräftig auf Mitarbeitende aus, die dann selbstbewusst und selbstverantwortlich gestärkt handeln können und sich nicht hinter „Papa Papst“ verstecken. Das kann ihn zu einem guten Chef, einem guten Hirten in der Nachfolge Jesu machen – und motivieren, es in der eigenen Verantwortung ähnlich zu versuchen: Ohr und Herz bei den Menschen, den Blick auf eine gute, lebendige Zukunft gerichtet, mit (S)einem Wort, das schützt, ermutigt und Kraft gibt: Das wäre und ist (nicht nur) ganz großes Kino!

Michael Kinnen
3. Ostersonntag (1. Mai) - Gedanken zu Joh 21,1-19

Zunächst einmal kann ich die Jünger gut verstehen. Nach Tod und Auferstehung Jesu gehen sie wieder in ihren Alltag zurück. Was sollen sie auch sonst machen? Da sie nichts anderes gelernt haben, gehen Petrus und die anderen Jünger fischen. Aber in dieser Nacht fangen sie nichts. Ihre Arbeit, ihre Mühe ist vergeblich und umsonst. Sie sind von Misserfolg geprägt. Kennen wir dieses Gefühl nicht auch? Da mühen wir uns ab, setzen uns ein, geben alles – und der Erfolg bleibt aus! Da setzen wir uns ein mit Elan und Begeisterung und mit der Zeit lassen die Kräfte nach, vor allem dann, wenn scheinbar alles umsonst war. Vor allem Ehrenamtliche in der Pfarrgemeinde können davon ein Lied singen. Da bereiten Katecheten die Kinder lange auf die Erstkommunion vor und sehen dann, dass nach der Feier eine Woche später kaum ein Kind mehr in der Messe am Sonntag ist. Da bietet die Pfarrei ein Glaubensgespräch an und es kommen nur 3-4 Personen. Vor diesem Hintergrund kann man sich schon die Frage stellen, ob wir alles richtigmachen. Die Erfahrung, die die Jünger machen, lehrt, dass sie auch nach Ostern nicht einfach noch einmal da beginnen können, wo sie vor Ostern aufgehört haben. Sie müssen erkennen, dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Aber gerade in dieser Hilflosigkeit und Ohnmacht können sie die Gegenwart des Auferstandenen erfahren. Ähnlich ist es den Emmausjüngern ergangen. Sie gehen zurück in den Alltag und gerade hier, in ihrer Traurigkeit und Ohnmacht und Leere, erfahren sie die Gegenwart des Auferstandenen. Obwohl alle Jünger den vorösterlichen Jesus so gut kannten, unterscheidet sich ihre Situation nach Ostern nicht wesentlich von unserer Situation heute. Manchmal kann man die Aussage hören, dass die Jünger damals es viel besser hatten als wir heute. Aber dies stimmt nicht. Letztlich können auch sie den Auferstandenen nur mit den Augen der Liebe erkennen. Jesus begegnet auch uns im Alltag. Aber wir können ihn nur mit den Augen der Liebe erkennen. Ostern heißt: Jesus begegnet mir überall dort, wo meine Hilfe gebraucht wird und ich durch meine Liebe im Nächsten Jesus erkennen kann. Ostern heißt: Wo ich mich vergeblich bemüht habe, da will Jesus mir Kraftquelle sein. Er ist als Person nicht zu erkennen, aber er ist die Kraft, die mich trotz aller Vergeblichkeit zum Durchhalten bewegt. Vor diesem Hintergrund ist Ostern nicht an ein festes Datum gebunden, sondern geschieht immer da, wo ich mit den Augen der Liebe durch diese Welt gehe.

Alois Balint
 
2. Ostersonntag (24. April) - Gedanken zu Joh 20,19-31

„Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“. Wie schön klingt das in der traditionellen Auslegung: Da ist der „ungläubige Thomas“. Da sind die Jünger – offenbar „gläubig“. Da ist Jesus, der auch den letzten Ungläubigen noch überzeugt, notfalls mit handfesten Beweisen. Da ist Auferstehung. Und alles ist gut. – Man muss nur (richtig) glauben. Wenn’s denn so einfach wäre! Gerade am zweiten Ostersonntag (Weißer-Sonntag) ist das ja eine beliebte Stelle und Interpretation. Für alle gut einsichtig, klar zu beurteilen und zu entscheiden, was wohl das Bessere, das Erstrebenswerte, das „Richtige“ ist. Und nicht selten auch mit einem unterschwelligen Moralton, dass doch die Zweifel des Thomas, die jede und jeder vielleicht auch mal bei sich selbst entdeckt, dann doch eher ein Makel sind. Wohl dem und der, die es nicht so handfest brauchen wie er, sondern fromm und froh das glauben, was es zu glauben gilt: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ Augen zu und weiter. Aber – wie gesagt – vielleicht ist das viel zu einfach und passt so gar nicht in die reale Glaubenserfahrung.Was im Evangelium von heute gern überlesen wird: Die Jünger haben Furcht, sie haben sich verängstigt zurückgezogen, eingeschlossen, abgeschottet. Sind erschüttert in ihrem Glauben. Und Thomas ganz besonders. Er lebt in der bitteren Enttäuschung des Karfreitag. Nur allzu verständlich. Die anderen Jünger haben ihm nur voraus, dass sie dennoch geblieben sind, sich versammeln, ängstlich zwar, aber immerhin. Lebensfroh gläubig sind auch sie nicht. Alles andere als heile Welt! Das Gegenüberstellen der scheinbar Gläubigen auf der einen und des Ungläubigen auf der anderen Seite taugt nicht. Thomas legt im wahrsten Sinn des Wortes den Finger in die Wunde. Er lässt sich nicht abspeisen mit schnellen Antworten; er bleibt nicht in der Resignation der Angst. Er ist vielleicht aktiver im ganzen Geschehen als die Jünger, die nur so scheinbar im Glauben geblieben sind. Er ringt um den Glauben; er bekennt die Zweifel. Er lässt nicht locker, will den Finger in die Wunde legen. Da hin fassen, wo es weh tut. Das ist hoch aktuell: Den Finger in die Wunde legen, sich nicht abschotten im scheinbar geregelten Glaubensleben mit schnellen und oft gehörten Antworten in der vermeintlich heilen Welt. Die Zweifel zulassen. Sich aussetzen – wie Jesus – und dorthin gehen, wo es weh tut, statt hinter verschlossenen Türen zu verharren. Mit dieser Perspektive ist der scheinbare Gegensatz gar nicht mehr so moralinsauer. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Ja, wohl dem, der das kann. Verständnis aber für alle, die wie Thomas den Finger in die Wunde legen: In den Krankheiten der Kirche; in den Verletzungen des Lebens; in der Not des Alltags. Das überwindet die Abschottung in der eigenen pseudo-heilen Filterblase. So kann der Glaube lebendig bleiben. So kann Totes aufbrechen und zur Auferstehung kommen, auch in der Kirche und im Glaubensleben der Menschen von heute. So kann jede:r Frieden finden und Leben haben in seinem, in Gottes Namen.

Alois Balint
Osterkerze 2022 in der Kirche St. Johannes Nepomuk

„Lasst das Feuer brennen!“

Das Leitmotiv des ökumenischen Gemeindefestes im Juni dieses Jahres ist auch die Grundlage für unsere Gestaltung der diesjährigen Osterkerze.
„Lasst das Feuer brennen!“ An Pfingsten kam der heilige Geist wie mit Feuerzungen auf die Jünger herab, hat sie ermutigt und gestärkt, die Botschaft Jesu weiterzutragen – die Jünger waren für die Botschaft Jesu Feuer und Flamme.
Wie geht es meiner Flamme des Glaubens? Lasse ich sie brennen? Feuere ich sie an? Oder löschen Zweifel das Feuer aus?

Die Hiobsbotschaften in der Welt, aber auch unfassbares Unrecht innerhalb unserer Kirche, die ungelebte Botschaft der Liebe Christi drohen mein Brennen zu ersticken. Die Windböen und der Sturm meines Alltags – halten sie mein Feuer klein?
Es kann sein, dass mein Feuer, meine Begeisterung für den Glauben heruntergebrannt ist – wie hier auf unserer Kerze. Doch das heißt nicht, dass alles zu Ende ist. In der Asche steckt oft noch das eine oder andere Glutnest. Die Hitze ist doch noch zu spüren, und hier und da züngelt ein Flämmchen auf. Die Gewissheit, dass Gott da ist und immer da sein wird, uns immer entgegenkommt, spricht uns im Alten Testament zum Beispiel der Prophet Jesaja zu: Er sagt, dass die Gerechtigkeit durch den Erlöser ihren Platz auf der Erde einnehmen wird. Denn „das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes 42, 3)

Gottes nicht-endende Gegenwart haben wir auf der Kerze dadurch ausgedrückt, dass Alpha und Omega den „Gluthaufen“ des Glaubens gewissermaßen tragen. Sie verdeutlichen, dass wir alle, jede und jeder einzelne, in seiner Hand geborgen sind, was auch kommen mag.
Die Sonne mit dem Kreuz in der Mitte ist ein Zeichen für die Auferstehung und die Hoffnung auf das Leben über den Tod hinaus – auch wenn ihr Licht bisweilen blass wie durch einen Morgennebel erscheint. An dem Strahlenkranz der Sonne, können wir uns immer wieder neu „entzünden“ lassen, unseren Glauben nähren. Diese Kerze soll eine Aufforderung an uns sein, jeden Tag Gottes Angebot wahr-zu-nehmen, uns immer wieder entflammen zu lassen. Unser Beitrag dazu ist es, – sinnbildlich gesprochen – unsere „Holzscheite“ so aufzustellen, dass Gottes Geist unsere Glut wieder zum Feuer anfachen kann.

Kerzenteam 2022: Esther König-Leblond, Michael Beck

 

Ostern 2022

 

Ostergruß des Seelsorgeteams

Hier finden Sie einen kleinen Gruß von unserem Team zum Osterfest.

 
Die Osterbotschaft 2022

Was beeindruckt Sie am meisten an dieser Osterbotschaft? Wo sind Sie mit Ihren Gedanken eben hängengeblieben? Oder, mal ehrlich, denken Sie, wie viele von uns: Na ja, kenne ich alles schon, habe ich schon so oft gehört…

Diese Botschaft von Ostern ist in der Tat nichts Neues, sie ist bereits fast 2000 Jahre alt. Aber dennoch ist es wichtig, dass wir sie Jahr für Jahr von Neuem hören und uns das, was da am Ostermorgen in Jerusalem geschehen ist, neu sagen lassen. Warum? Weil Ostern zum Leben gehört. Ostern verkündet uns das Leben. Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen erzählt man Geschichten, damit sie aufwachen. So ist es auch mit der Ostergeschichte: Sie will uns wachmachen für das Leben, sie will uns aufwecken, damit wir an das Leben glauben. Die Osterbotschaft weckt uns müde und schläfrige Christen immer wieder auf und erinnert uns an die Urkraft des Lebens. Vor 20 Jahren war ich ein Jahr lang in Nordindien. Ich war in Siliguri (nicht weit von Darjeeling) und ich kam ins Gespräch mit einem jungen Mann der sehr gut Englisch sprach (eigentlich besser als ich). Er wusste nicht viel vom Christentum, nur von einem Jesus. Aber er war nun interessiert und fragte mich im Laufe dieses Gesprächs nach dem wichtigsten Fest in unserer Religion. Und ich antwortete ihm selbstverständlich: Ostern. Er dachte eigentlich Weihnachten. Er konnte natürlich mit Ostern nichts anfangen und wollte die ganze Geschichte hören. Dann erzählte ich ihm genau diese Ostergeschichte, die wir gerade gehört haben. Ich spürte, wie er intensiv zuhörte und sich davon ergreifen ließ. Als ich mit meiner Erzählung am Ende war, sagte er mir: wau, das war hochinteressant, aber… glauben sie wirklich daran, dass diese Geschichte auch wahr sei? Eine solche Frage ist mir im Laufe meines Lebens noch nie gestellt worden. Ja, ich glaube daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, und auch, dass er lebt. Ja, ich glaube, dass Ostern kein Geschwätz ist, wie die Apostel es den drei Frauen unterstellt haben. Unser Leben hat mit dem Ostergeschehen eine ganz neue Qualität bekommen und ist lebenswert. Ostern gibt uns ein neues Selbstbewusstsein, denn wir erkennen, dass alles Leid und Elend, alle Krankheit und alle Qual, aller Spott und aller Hohn und sogar der Tod nicht triumphieren, sondern am Ende das Leben steht. LEBEN großgeschrieben. Ich wage sogar zu behaupten, dass seit Ostern wir Christen auch eine sog. Ostersprache entwickelt haben. Diese österliche Sprache lässt uns über das Leben anders sprechen: niemanden ausschließen, immer zum Leben einladen auf eine ewige Perspektive. Die österliche Sprache ist kein Geschwätz, sondern sie ist die Sprache der Liebe, der Hoffnung und der Zuversicht. Österlich sprechen ist die Identifikation mit dem auferstandenen Herrn, der alle Angst nimmt und die Qualität des Lebens garantiert. Gibt es so was, oder ich übertreibe hier alles? Der Jesuitenpater Alfred Delp, der am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee durch die Nazi-Schergen hingerichtet wurde, sagte auf dem Weg zum Galgen dem ihn begleitenden Gefängnispfarrer: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als Sie!“ DAS ist österliche Sprache in aller Hoffnungslosigkeit und Bedrohung, den Tod vor Augen, zu bezeugen, dass das Leben siegt. UNSERE WELT BRAUCHT ÖSTERLICHE MENSCHEN mehr als je! Trauen wir es uns zu, dass wir österliche Menschen sind, egal ob katholisch, evangelisch oder orthodox, trauen wir uns die österliche Sprache zu! Unsere Welt braucht diese Sprache, denn die Sprache der Gewalt und des Todes ist zu laut geworden und will den Menschen versklaven und vernichten. Unsere Welt braucht Zeugen der Auferstehung – keine Schwätzer, sondern Überzeugungsmenschen! Unsere Welt braucht Frauen und Männer, die allem Tödlichen, allen Ungerechtigkeiten, allem, was fesselt und kaputt macht, das Leben entgegenhalten. Die Osterbotschaft ist eine Geschichte, die Menschen aufwachen lässt, vor allem heute, wo unser Christsein oft so schläfrig, oberflächlich, schwach und nicht authentisch, nicht glaubwürdig scheint. Lassen wir uns durch diese Ostertage, in ökumenisches Engagement, in Gebet verbunden mit dem Schwestergemeinden, ergreifen und begeistern. Denn ohne Ostern wäre das Leben nur alltäglich, oft frustrierend und lahm, mit Ostern ist das Leben großartig, lebenswert und dynamisch. Wir sind eingeladen, unsere Trauer in Freude verwandeln zu lassen, unsere Hoffnungslosigkeit in Hoffnung, unsere Angst in Liebe. Deswegen: frohe und gesegnete Ostern!

Alois Balint