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1. Dezember - Chanukka

Ökumenischer Kehler Adventskalender 2021

1. Dezember (Alois Balint)

 

Chanukka und Weihnachten - unsere Lichtfeste

Jetzt im Advent zünden wir wieder Lichter an: die Kerzen auf dem Adventskranz, die Lichterketten an den Fenstern und zu Weihnachten die Lichter am Weihnachtsbaum. All das ist für die meisten von uns etwas, was zu unserer christlichen Religion einfach dazu gehört. Aber: Ist es wirklich ursprünglich christlich? Wer hat es erfunden?
Dieses Jahr habe ich oft darüber nachgedacht: Woher kommen unsere Traditionen und Feste? Sie haben nämlich meistens Wurzeln, die noch viel weiter zurückreichen als bis zur Geburt Jesu. Es sind jüdische Wurzeln. Auch die Lichter im Advent und an Weihnachten zum Beispiel: Die gibt es so ähnlich nämlich schon im Judentum: an Chanukka.

Chanukka ist das jüdische Lichterfest, es findet auch jetzt im Winter statt, dieses Jahr vom 29. November bis zum 6. Dezember. Und auch da werden Kerzen angezündet, jeden Tag eine mehr. Am Chanukka-Leuchter, der so genannten Chanukkiah. Acht Tage lang wird das jüdische Lichterfest begangen, acht Tage lang wird jeden Tag ein Licht mehr angezündet, bis alle Kerzen an der Chanukkiah brennen. An manchen Orten kann man diese Leuchter in Fenstern sehen oder auch auf öffentlichen Plätzen, in Frankfurt vor der Alten Oper zum Beispiel.

Chanukka geht zurück auf ein Ereignis im 2. Jahrhundert vor Christus, auf den Aufstand der jüdischen Makkabäer gegen die Griechen. Die Bibel erzählt davon im Alten Testament, im 1. Makkabäerbuch (1 Makk 4,35–59). Die griechischen Feinde hatten das jüdische Heiligtum, den Tempel, erobert und geschändet - nun aber konnte Israel den Tempel zurückgewinnen und ihn wieder aufbauen und wieder einweihen. Aber es gab nicht genug Öl für den Leuchter im Tempel. Da geschah ein kleines Wunder: Ein kleines Ölkrüglein reichte aus, um den Leuchter acht Tage lang am Brennen zu halten. Chanukka, das Lichterfest, heißt deshalb auch Tempelweihfest. Und als solches wird es auch im Neuen Testament erwähnt, im Johannesevangelium. Kurz nachdem Jesus von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12) heißt es: Jesus ist in Jerusalem und im Tempel, als das Tempelweihfest, also das Lichterfest, dort gefeiert wird (vgl. Joh 10,22). Er lehrt im Jerusalemer Tempel immer wieder die Menschen. Als Jude ist ihm der Tempel heilig. Er feiert das Tempelweihfest wie auch alle anderen jüdischen Feste und kennt genau die Geschichten dahinter. Wenn er sagt: „Ich bin das Licht der Welt“, dann hat er vermutlich auch das jüdische Lichterfest und die Kerzen auf dem Tempelleuchter im Kopf. Jesus war Jude und hatte jüdische Wurzeln - und deswegen habe auch ich als Christ / als Christin jüdische Wurzeln.

2021 ist ein Festjahr: Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Aus dem Jahr 321 stammt der älteste Beleg jüdischen Lebens in Europa nördlich der Alpen. Der römische Kaiser Konstantin höchst selbst erwähnt da die jüdische Gemeinde von Köln in einem Edikt. Jüdischer Glaube und jüdische Kultur prägen nicht nur seit bald 2000 Jahren unseren christlichen Glauben mit, sie haben auch seit 1700 Jahren das Leben in unserer Region und die Kultur in Deutschland mitgeformt.

Wenn wir uns der engen Bezüge zwischen den beiden Religionen bewusster sind, dann sind wir auch gerüsteter im Kampf gegen Antijudaismus und Antisemitismus. Da, wo wir die jüdischen Wurzeln unseres Glaubens nicht sehen wollten, wo wir geleugnet haben, dass Jesus Jude war - da ist über die Jahrhunderte schrecklicher Judenhass gewachsen, bis zur Katastrophe der Schoah, der Judenvernichtung in Nazideutschland. So etwas darf es nie wieder geben. Jüdinnen und Juden sind unsere Geschwister im Glauben, so haben es Konzil und Päpste in den letzten Jahrzehnten immer wieder gesagt. Gott sei Dank!

Als Geschwister können wir jetzt auch unsere „Lichtfeste“ feiern, Chanukka und Weihnachten. Der Glaube an Gott als unser Licht verbindet uns. Gerade, wenn das Leben finster erscheint, will Gott uns leuchten und Hoffnung geben. Manchmal auf ganz wundersame und zarte Weise: im Wunder des kleinen Ölkrugs bei der Einweihung des Jerusalemer Tempels, der viel mehr Licht entzünden kann als gedacht, und im Wunder des kleinen Kindes im Stall von Betlehem, das die Welt erleuchtet und von dem das Johannesevangelium sagt: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5). Wir können diesen Glauben an Gott und das Licht miteinander teilen und uns gegenseitig gesegnete Festtage wünschen: frohes Chanukka, frohen Advent, frohes Weihnachtsfest!

Alois Balint