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Geistliche Impulse zu Advent und Weihnachten

Hier finden Sie alle Beiträge zu unserem Adventskalender

mit dem Gruß aus den Teams der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden,

- an dieser Stelle gilt ein ganz besonderes Vergelt's Gott dem Team unseres Jugendkellers für die Aufnahmen und der Schnitt unserer Videos!
 
Weihnachten

Ist euch und Ihnen schon einmal aufgefallen, dass im vertrauten Weihnachtsevangelium kein Mensch auch nur ein einziges Wort spricht? Maria sagt kein Wort, Josef keines und das Jesuskind natürlich auch nicht. Auch die Hirten lassen zunächst kein Wort hören. Angesichts der Menschwerdung Gottes scheinen menschliche Worte fehl am Platz, hilflos zu sein, noch begrenzter als sonst. Da müssen Worte von Engeln her, um zur Sprache zu bringen, was im Betlehem passiert.

Verweilen wir bei den Worten der Engel: „Fürchtet euch nicht“, so lautet der erste gesprochene Satz im Weihnachtsevangelium, gerichtet an die Hirten. Es gibt Bibelkenner, die sagen, dass der Satz „Fürchte dich nicht“ genau 365 mal in der Bibel steht. Dass er uns also für jeden Tag des Jahres einmal zugesprochen wird.
Fürchte dich nicht: Wir alle kennen Menschen, die von der Geißel der Angst geschlagen sind, die manchmal von ihrer Angst völlig niedergedrückt sind. Der einfache Satz: „Fürchte dich nicht“, hilft da auch nicht sofort. So schnell und leicht geht es nicht. Und trotzdem wissen wir alle aus eigener Erfahrung, wie wohltuend es ist, wenn jemand in einer gefährlichen Situation hilfreich neben uns steht und leibhaftig spürbar macht: „Ok., es ist nicht einfach, aber … hab keine Angst!“
Man sagt, dass der heutige Mensch viel mehr Selbstbewusstsein als frühere Generationen habe. Ich bin mir da nicht so sicher, wenn ich nur daran denke, wie schnell uns Kommentare, Fake-News oder Bewertungen verunsichern und aus der Bahn werfen. Deshalb ist die Botschaft der Engel von Betlehem so wichtig: Mensch, du brauchst keine Angst zu haben. Selbst wenn du fällst, tiefer als in Gottes Hände kannst du nicht fallen.

„… denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll“ - Frohbotschaft statt Drohbotschaft, so heißt das Motto der Engel von Betlehem. Es tut so wohl, Gutes zu hören. Es befreit und erleichtert, von Freude zu hören statt von Bosheit oder List. Ich denke an die Worte einer Mutter, die mir (vor Jahren schon) am Ende der Vorbereitung ihres Sohnes auf die Erstkommunion sagte: Mein Junge hat sich in diesem Jahr so gut weiterentwickelt. Ich glaube auch deswegen, weil er in den Gruppenstunden so viel Gutes gehört hat und weil die ständige Zusage, dass Gott uns alle mag, in ihm ganz tief drinnen angekommen ist.
Ich habe mir vorgenommen, bewusst Gutes von anderen Menschen zu erzählen und verabschiede mich von Tratsch und Schimpfereien. Probieren Sie es, und Sie werden bald merken, dass Ihre eigene Lebensqualität zunimmt. Die der anderen erst recht. Ständig Böses zu hören und weiterzuerzählen, das nimmt der Seele den Atem.

„Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“. Die Engel von Betlehem träumen nicht von der „guten alten Zeit“. Sie vertrösten auch nicht auf irgendwann einmal. Nein, sie betonen das Heute und damit auch die Verbindung zu mir, heute, am 24. Dezember 2020, am Ende dieses eigenartigen kranken Jahres, das die ganze Welt auf den Kopf gestellt hat. Dieses „Heute Gottes“ gehört zentral zur Frohen Botschaft von Weihnachten und ist die Herausforderung des christlichen Glaubens: An einem konkreten Tag in einem ganz konkreten Kind wird Gott Mensch; nicht nur in einer Idee oder als Mythos oder wie in den Märchen. Dieses Kind hat wie jedes Kind konkrete Bedürfnisse. Und braucht Windeln. Auch davon reden die Engel, und es ist ihnen kein bisschen peinlich. Windeln sind sogar das Erkennungszeichen!

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ Für diese letzten Engelsworte reicht ein einziger Engel nicht, da muss ein großes himmlisches Heer her, um über den Hirtenfeldern und über alle Welt hin zu rufen und zu singen: „Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis“. So steht es auf vielen Weihnachtskrippen und Bildern, so wurde es hundertfach in festliche Musik gesetzt. Schön und gut, aber … sind diese Worte der Anbetung Gottes und vom Frieden auf Erden noch aktuell oder sollen wir sie besser als alte Träumereien „ad acta“ legen? Wenn man die Welt anschaut, wie sie ist, haben die Engel von Betlehem dann nicht falsch gesungen? Wie passen die Worte vom großen Lobpreis für Gott und vom Weltfrieden überhaupt zusammen? Wer Gott die Ehre gibt und sich dankbar vor Gott verneigt, der braucht sich nicht ständig wie ein eifersüchtiger Hahn zu benehmen. Er oder sie muss nicht ständig mit der Sorge leben: „Bin ich wohl besser als die anderen, der Beste, die Schönste, die Klügste und der Erfolgreichste …?“ Weihnachten ist Gottes absolutes Friedensangebot an die Menschheit. Die Gabe der Weihnacht, nämlich Christus, heilt den einzelnen Menschen, heilt Völker, heilt alle, die Gottes Wohlgefallen erkennen und aufgreifen.

Engel und himmlische Musik werden wir höchstwahrscheinlich nicht hören. Deswegen müssen wir nicht beim „Gloria der himmlischen Heerscharen“ stehenbleiben, sondern auf die Suche nach Gott gehen: jenseits des Glanzes, in den vergessenen und vielleicht stinkenden Winkeln der Welt, den Gebrochenheiten des Lebens (auch mit und trotz Corona und allen anderen Viren).  Nicht nur ein Virus kann mutieren. Eine geistliche Mutation brauchen wir auch. Kein überirdisches Licht weist uns den Weg, nur die Botschaft, die wir im Herzen tragen müssen: um uns zu retten, damit wir ihn ENDLICH verstehen, hat Gott sich klein gemacht. So klein, dass er uns in aller Kleinheit, Dunkelheit, Abgründigkeit des Lebens begegnen will. Wenn wir das akzeptieren, dann heißt Weihnachten: dass sich Himmel und Erde verbinden, mitten in der Welt und mitten in uns.

Ich wünsche uns allen nicht nur ein frohes Weihnachtsfest, sondern auch eine echte, gesegnete Gottesbegegnung in unseren Mitmenschen!

 

Alois Balint, Pfarrer