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Ökumenischer Kehler Adventskalender 2020

22. Dezember  (Hanna Stecher, kath. Kirchengemeinde)

 

„Heute wird der Heiland geboren!“

100 Jahre und 7 Wochen war sie alt geworden. Sie hatte an den Gräbern ihres Mannes, ihrer drei Kinder und eines Enkels stehen müssen und viele Jahre alleine gelebt. Jetzt war Frau K. in ihrem Zimmer in einem Pflegeheim zuhause. Sie besaß wenig, aber ihr türkisfarbener Rosenkranz gehörte zu ihren Händen wie die krumm gewordenen Finger. Hat sie sich betend daran festgehalten? Als sie mit 99 Jahren nicht mehr leben wollte, hatte ihr der Pfarrer ein Gemeindefest zum 100. Geburtstag versprochen. Es wurde gefeiert, mit ihr und für sie. Und sie hat länger durchgehalten als viele Jüngere.

Und dann nahte Weihnachten, der 24. Dezember. Gegen Mittag besuchte ich sie. Vom Bett aus rief sie mir entgegen: „Heute wird der Heiland geboren!“ Ich setzte mich zu ihr. Sie war anders als sonst, ihr Körper unruhiger. „Was ist denn das“, sagte sie, wenn wieder eine Welle durch sie gerollt war. Eine Freundin ihrer verstorbenen Tochter kam vorbei, sah sie und begann zu weinen. Frau K. schwieg. Aber sie wollte nicht alleine sein. So bin ich einfach bei ihr geblieben. Am Nachmittag verteilte sie die Geburtstagsgeschenke aus ihrem Schrank: „Geben Sie das an … und das an ….“ – es waren ihre letzten Worte. Im Raum war eine tiefe Stille, nur ab und zu unterbrochen von einem ihrer geliebten Marienlieder oder einem kurzen Gebet. Unsere Hände berührten sich. Irgendwann griff sie nach dem Rosenkranz auf dem Nachttisch und legte ihn in meine Hand. „Für mich?“, fragte ich. Sie schwieg. Und zu „Rosenkranzkönigin“ oder zu „Segne du, Maria, segne mich, dein Kind“ ging sie heim, ganz sanft, ihrem - unserem - Heiland entgegen.

Der Rosenkranz? Ich habe ihn bei ihr gelassen. Ich hatte ja keine Zeugen für dieses Herzensgeschenk. Über das Heim, eine Verwandte und unseren Pfarrer gelangte er dann doch dorthin, wohin ich ihn so gerne gebracht hätte - zu ihrer gelähmten Freundin, mit der zusammen sie viele Jahre gebetet hatte. Und das ist auch ein Weihnachtswunder!

Hanna Stecher