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Fastenzeit 2023

5. Fastensonntag (26.03) - Gedanken zu Joh 11,1-45

Lazarus ist der Mann, um den sich alles dreht – und der nichts sagt in diesem langen Text voller Gespräche und Befehle. Er bleibt seltsam stumm, spielt nur eine wortlose Nebenrolle. Lasst ihn weggehen! Wohin geht er? Naiv gefragt: Was ist aus ihm geworden? Er, der eigentlich viel zu erzählen gehabt hätte, er, der noch ein-mal davongekommen, und durch das Machtwort eines anderen dem Tod von der Schippe gesprungen ist, und der „Grube“ entkam, soll einfach so weggehen …? Erlitt er durch dieses Ereignis einen „Knacks“? Sollen wir diesem „Gott-helf“ nun beneiden, wo er doch irgendwann, hoffentlich lebenssatt wieder, wie alle Welt, sterben muss? Tut er uns leid, diente er gar nur als Demonstrationsobjekt göttlicher Allmacht? Warum wird er uns nichts davon erzählen, wie es drüben war, so wie uns heute Nahtodpatienten zuweilen ihre „Lazaruserfahrungen“ mitteilen? Hat ihn diese geschenkte Zeit glücklich gemacht? Oder war er nun lebensmüde, hat sich womöglich in dieser Welt trotz seiner Geschwister nicht mehr zurecht und wohl gefühlt? Nichts ist überliefert von Lazarus‘ Grenzerfahrung, und wir erfahren ebenso wenig über sein Weiterleben als Rückgekehrter ins „Jammertal“. Gestern, am 25. März 2023, haben wir das Fest der Menschwerdung Gottes gefeiert. Der Engel besuchte Maria in Nazareth und verkündete ihr die Ankunft des Retters; in ihm kommt der, der die Auferstehung und das Leben für uns ist. Zuweilen glauben Juden, der 25. März sei der Tag der Schöpfung gewesen, als Gott sagte: Es werde Licht! Das heutige vorösterliche Evangelium passt gut zu diesem Fest des Anfangs Jesu. Christus ist die Auferstehung und das Leben, er ist das Licht der Welt. Er verarztet die tiefste Wunde unseres Menschseins, unsere Sterblichkeit. Er brüllt: Lazarus, zurück ans Licht, zu mir! Raus aus der Grabhöhlendämmerung. Es werde Licht in der Nacht deines Todes. Lass dich wecken! Das ist ein Schöpfungsakt am Grab von Bethanien! Der Vorgeschmack eines Ereignisses, das die Todesgerüche vertreibt. Vor wenigen Tagen war Frühlingsbeginn. Manche riechen ihn schon, schnuppern belebende Frühlingsdüfte, wittern die Luftveränderung im Naturjahr und hoffen auf einen Stimmungsumschwung, der allen Verwesungsgestank, den bestialischen Geruch eine Todeswelt, wegfegt. Wir Christen hoffen auf – „Auferstehungs-parfüm“, den „Wohlgeruch Christi (2 Kor 2,14-17). Ostern ist so groß, dass wir kleine Vorspiele brauchen. Und so sollen wir, zwei Wochen vor dem Fest des großen Durchbruchs, das heutige Evangelium hören. Dass die Toten leben, ist das Ungeheuerlichste und Unmöglichste von der Welt. Auf die Wucht dieser Osterbotschaft wollen wir uns vorbereiten. Werden wir Lazarusse die Kraft haben, uns von Ihm wecken zu lassen? Oder wehre ich ab: Lass mich in Ruhe, gönne mir die Todesstille, lass mich auf ewig schlafen? Jesus brüllende Stimme liegt mir mächtig im Ohr: Auf! Raus! Ans Licht! Oh ja! Es duftet schon – nach Ostern!

Kurt Josef Wecker
4. Fastensonntag (19.03) - Josefstag

Kaiserin Maria Theresia hat 1772 das Land Tirol dem Heiligen Josef geweiht. Natürlich hat man sich von ihm besonderen Schutz in den kriegerischen Zeiten erhofft. Bis zu diesem Datum war es der Heilige Georg, der Drachentöter, den das Land als Patron verehrte. Ob die Entscheidung nur ihren Gefühlen entsprang, oder ob es eine lange Diskussion gab, über die Frage wer, warum besser ist, bleibt offen. Auf jeden Fall passt der Heilige Josef sehr gut zur Bevölkerung dieses Landes. Es war harte Arbeit, die großen Familien auf den steilen Hängen zu ernähren. Und jeder hatte Zimmerleute gebraucht, die Stall und Haus aus Holz bauen konnten. Die Geschichte der Bauernkriege in Tirol hat einen eigenen Menschenschlag hervorgebracht, die mit viel Selbstbewusstsein ihre Werte vertreten haben. Auf den Unterschied der Mentalität zum Osten Österreichs wurde ich von einer Bewohnerin von dort aufmerksam gemacht. In Niederösterreich waren Bauern noch einige hundert Jahre als Leibeigene von Fürsten abhängig. Der Heilige Josef ist ein Symbol für eigenständige Entscheidungen, frei von üblichen Erwartungen. Dem eigenen Gefühl vertrauen und einen Weg finden, Probleme zu lösen. Wer würde sich diese Kraft nicht auch wünschen. Auf allen Ebenen, vom einfachen Bewohner bis zur hohen Politik. Das haben sich auch die Bundesländer Kärnten, Steiermark und Vorarlberg gedacht, die ihn ebenso als Patron ausgewählt haben. Manche zur Vorsicht mit einem zweiten himmlischen Beschützer oder der einzigen Landesheiligen, Hemma von Gurk in Kärnten. Die Verehrung von Heiligen hat in unserer Kultur noch immer einen hohen Stellenwert, als Vorbild und Fürsprecher bei Gott. Oft natürlich auch nur aus folkloristischen Gründen. Es würde heute sicher sehr seltsam anmuten, wenn ein Bundeskanzler sein Land einem Heiligen zum Schutz anvertrauen würde, den Reliquienkult eingeschlossen, der in der Geschichte sehr seltsame Formen annahm. Aber im Vergleich zu den ideologischen Streitigkeiten unterschiedlicher Parteien wäre das Wohl des ganzen Landes aus einem himmlischen Blickwinkel betrachtet, eher gesichert. Die Tiroler Landesregierung hat übrigens „zur Sicherheit“ im Jahr 2006 den Heiligen Georg als zweiten Landespatron wieder eingesetzt. Es ist an der Zeit, dem Heiligen Josef für alles zu danken, vor dem er alle Länder, die ihn in Ehre halten, bewahrt hat und um Schutz für die Zukunft zu bitten. In den inneren und anderen Kriegen der Welt.

Elisabeth Ziegler-Duregger
3. Fastensonntag (12.03) - Gedanken zu Joh 4,5-42

In seinem Buch „Wind, Sand und Sterne“ (Originaltitel "Terre des hommes") berichtet der Schriftsteller Saint-Exupéry von seiner Zeit als Postflieger. Einmal musste er in der Wüste notlanden. Er wusste damals, dass er nur überleben konnte, wenn er einen Brunnen fand. Vom Brunnen und dem Wasser, das er dann glücklicherweise fand, schrieb er später: Es ist nicht so, dass man das Wasser zum Leben braucht. Nein, das Wasser selber ist das Leben! Es ist der köstlichste Besitz dieser Erde. Das heutige Evangelium versammelt uns um einen Brunnen. Mensch und Tier mussten zu diesem Platz kommen, sonst gab es kein Überleben. An diesem lebenswichtigen Platz hält auch Jesus an, um auszuruhen und den Durst zu stillen. Dabei kommt er mit einer samaritischen Frau ins Gespräch. Der Evangelist Johannes hat dieses Gespräch kunstvoll gestaltet. Und er hat dabei ein ganz bestimmtes Anliegen gehabt. Er will zeigen, wie die Botschaft von Gott beim Menschen ankommen kann. Wie das im ganz alltäglichen Leben aussehen kann, wenn Gott zum Menschen redet und der Mensch zuhört und nachdenklich wird. Da kommt also eine Frau täglich zum Brunnen, um Wasser zu holen. Sie trifft dort immer mal wieder jemanden, der Geschichten aus der weiten Welt mitbringt. Diesmal trifft sie auf Jesus, der ihr freundlich begegnet. Er erzählt zunächst gar nichts, sondern er hat eine Bitte. Es gibt Leute, die von sich sagen, die schönsten Kontakte ihres Lebens haben mit einer Bitte begonnen. Jesus bittet die Frau um Hilfe, und er achtet sie, er hört ihr zu, wenn sie von ihrem Leben und ihrem Glauben erzählt. Auch von der Geringschätzung ihres Volkes. Es ist so etwas wie religiöse Heimatlosigkeit. Bei der Frau am Jakobsbrunnen können wir erleben, wie die ganze Verunsicherung und Erniedrigung im Gespräch mit Jesus zum Ausdruck kommt. Aber gleichzeitig hat die Frau in der Gegenwart Jesu auch Hoffnung. Sie spürt, dass es für alle Menschen einen Weg geben muss, um die Erfüllung des Lebens zu finden. Es kann doch nicht wahr sein, dass Gott sich nur in Jerusalem finden lässt, oder sich nur dem offenbart, der sich in Gesetzen und Vorschriften auskennt, oder der getauft und katholisch ist. Man könnte auf die Idee kommen, Jesus hätte besondere Sympathie für die Samariter gehabt. Denken wir an sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Da kam es nicht zuerst auf Gesetzestreue an, sondern darauf, dass jemand Herz und Hände frei hatte für den Menschen, der unter die Räuber fiel. Für die Frau am Jakobsbrunnen gipfelt das Gespräch mit Jesus in der Gewissheit: Hier erzählt nicht jemand nur vom Leben, hier versteht jemand was vom Leben, hier ist das Leben selbst. Und in dieser Gewissheit kann sie ihr Leben mit Licht und Schatten ausbreiten und hoffen, dass alles gut wird. Sie hat den getroffen, der das Leben ist und dieses Leben jedem schenkt, der sich danach sehnt.

Alois Balint
2. Fastensonntag (05.03) - Gedanken zu Mt 17,1-9

„Verklärungsbedarf“ – diesen Titel gab der junge Liedermacher Lennart Schilgen bereits 2019 seinem neuen Programm. Verklärungsbedarf sah er schon damals vor dem Hintergrund, dass es zu vieles in der Welt und im Leben gäbe, das – durchaus nicht unberechtigt – die Menschen zur Schwarzmalerei treibe. Dem müsse und dürfe man so manche Schönfärberei entgegenhalten, ansonsten könne man das Leben ja kaum aushalten. Die Erfahrung der Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, Inflation und Energiekrise, die Kontroversen zum Umgang mit dem Klimawandel – all das scheint heute erst recht einen Verklärungsbedarf zu rechtfertigen. Es ist dabei sicher nicht falsch, sich auch seine Rückzugsorte und -zeiten zu nehmen, in denen man den Fokus auf die schönen und angenehmen Seiten des Lebens legt, sich womöglich seinen Wünschen, Träumen und Sehnsüchten nach einem gelingenden, schönen, krisenfesten und angstfreien Leben hingibt und der Phantasie erlaubt, so etwas wie Schönfärberei zu betreiben, weil es sonst kaum auszuhalten ist. Solchen Verklärungsbedarf scheint auch die christliche Tradition zu kennen, wenn es etwa in einem bekannten Osterlied aus dem 19. Jahrhundert heißt: „Verklärt ist alles Leid der Welt, des Todes Dunkel ist erhellt.“ Vermutlich wird dieses Lied auch in der diesjährigen Osterzeit in vielen Gottesdiensten erklingen. Vielleicht bleiben aber auch – angesichts der Häufung von Krisen, Bedrohungen und Nöten, die uns doch näher gekommen sind, – der einen oder dem anderen solche Worte im Hals stecken, drücken sie doch vielleicht noch eine Sehnsucht, aber für viele eben keine Realität mehr aus. Verklärungsbedarf  haben wir sicher, aber vor der Wirklichkeit flüchten, sich wegträumen in Schönfärberei, wie das Unterhaltung und Kunst manchmal dürfen, erscheint dem Christsein im 21. Jahrhundert kaum angemessen. Das heutige Evangelium erzählt eine besondere Verklärungsgeschichte, sie erzählt Verklärung als Erfahrung der Gottesbegegnung. Sie tut dies im Stil der biblischen Tradition: Wie bei Mose und Elia so wird auch für Jesus die besondere göttliche Sendung, der besondere göttliche Auftrag beglaubigt. Mose und Elia sind danach gezeichnet von der Begegnung mit Gott; bei Jesus ist das anders, denn er begegnet nicht Gott, sondern in ihm und durch ihn begegnet Gott der Welt. Er wird nicht erleuchtet (wie die Theologie das manchmal falsch zu erklären versucht), sondern in ihm leuchtet Gott. Mich interessiert aber die menschliche Seite, die drei Jünger, die fassungslos werden und, noch schlimmer, schließlich nichts erzählen dürfen. Die Verklärung Jesu ist ein Schlüsselerlebnis im wahrsten Sinn des Wortes: die Jünger bekommen den Schlüssel gezeigt und mit auf den Weg gegeben, mit dessen Hilfe sie eines Tages den Sinn und die Bedeutung der Person und der Geschichte Jesu zu verstehen in der Lage sein werden. Auf dem Berg können sie nicht bleiben, ansonsten verkäme auch diese Verklärungsgeschichte letztlich zur Schönfärberei. Dort findet sich das Schloss nicht, zu dem dieser Schlüssel passt. Da müssen sie zurück ins Tal, ins Leben, ja mit Jesus durch das Tal der Passion, das Tal von Kreuz und Tod. Erst danach passen in der Botschaft der Auferstehung Schloss und Schlüssel zusammen. Erst dann können sie verstehen, vom Ende her, was sie erlebt haben. Sie haben auch gelernt, vom Ende her zu glauben. Die Verklärung Jesu gibt also einen Ausblick auf eine Zukunft, die sich erst noch vollenden muss. Damit hebt sich diese Geschichte ab von jeder noch so verständlichen Verklärung als Schönfärberei gegen die Schwarzmalerei. Schön und gut, aber was fangen WIR heute damit konkret an in einer Welt und einem Leben, die offensichtlich viele nachvollziehbare Gründe für Schwarzmalerei bereit halten? Der Versuch einer Antwort führt mich zurück auf eine gewisse Form der „Schönfärberei“, die gleichzeitig aber den Anspruch des Denkens und Glaubens vom Ende her einzulösen imstande ist. Ich lasse mich hier noch einmal von der Kunst inspirieren. Schon Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte die österreichische Dichterin Christine Busta ihr Gedicht „An den Wänden meiner heimlichen Kirche“. Sie belebt in ihrer Phantasie die Wände ihrer Kirche mit Gemälden erlöster Menschen und Wesen und bringt so Figuren versöhnt zusammen, die sonst für Gegensatz, Konflikt, Anderssein stehen. So ist etwa der gute Hirt mit dem griechischen Hirtengott Pan gemeinsam zu sehen, der verlorene Sohn spricht mit Odysseus, Franziskus singt mit Orpheus, der heilige Ritter Georg spielt mit dem Drachen und auf dem Altarbild reicht Veronika dem Judas das Schweißtuch „gegen den Strick der Verzweiflung“ – wie es heißt. Ist das Schönfärberei? Träumt sich jemand weg in ein Idyll? Ich glaube es nicht. Ich sehe in den Bildern dieses Gedichtes einen Ausblick auf ein mögliches Ende. Ich sehe darin und dahinter aber vor allem die existentielle Frage für jeden Glaubenden: Was können, was müssen wir tun, was lassen, was zulassen, dass wir spürbar unterwegs sind auf das Ziel einer solchen Verheißung hin im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes? Ich lade in dieser Fastenzeit dazu ein, sich in Gedanken, Worten oder Bildern selbst einmal seine „heimliche Kirche“ auszumalen, sich „auf dem Berg“ der Phantasie, den Wünschen, den Träumen, der Hoffnung auf der Suche nach Umkehr, Versöhnung, Befreiung, Erlösung zu überlassen, dann aber auch wieder herauszukommen, herunterzukommen ins Tal und erste oder nächste Schritte zu tun auf dem beschwerlichen und doch notwendigen Weg der Vollendung entgegen, auf die wir hoffen. 

 Alois Balint
1. Fastensonntag (26.02) - Fastenhirtenbrief

„In der Bedrängnis bin ich bei ihm“ (Ps 91, 15)

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
ein ganzes Jahr nun dauert schon der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und vernichtet weiter jeden Tag Menschenleben und Lebensgrundlagen, schafft weitere Ängste, zerstört Vertrauen und Hoffnung. Dieser Krieg, den viele von uns vor dem 24. Februar letzten Jahres für unmöglich gehalten haben, fordert uns heraus, in vielerlei Hinsicht, politisch, sozial, wirtschaftlich. Auch wenn das Recht auf Selbstverteidigung und die dringend gebotene Unterstützung und Hilfe für die Ukraine unstrittig sind, so stellt sich seit einem Jahr immer wieder neu die Frage, wie wir mit der Forderung nach immer neuen, schwereren Waffensystemen umgehen sollen? Wie können Städte und Kommunen den Flüchtlingen aus der Ukraine in ihrer Not und mit ihren Bedürfnissen gerecht werden? Wie kann dies gelingen, ohne jene, die aus anderen Krisen- und Konfliktregionen zu uns kommen, zu vernachlässigen? So viele in unserem Land, auch in unserer Diözese waren und sind nach wie vor bereit zu helfen. Aber wie lange noch wird ihr Durchhaltevermögen reichen? Mit Beginn dieses Krieges wurden wir auch unserer Abhängigkeiten neu bewusst, besonders was die Energieversorgung und die Lebenshaltungskosten angeht. Dies ist besonders spürbar für jene, die sowieso schon hart in ihrem Alltag rechnen müssen. Denken wir aber auch an jene, die von Getreidelieferungen aus der Ukraine existentiell abhängig sind, in den Ländern Afrikas und anderswo. Die Milliarden, die angesichts des Krieges in der Ukraine für Militär und Waffen ausgegeben werden, fehlen ja am Ende, um dem Hunger und Sterben welt- weit Einhalt zu gebieten. Dazu kommt die gewaltige, in ihren Ausmaßen unvorstellbare Erdbebenkatastrophe in der Türkei und in Syrien. Wieder unermessliches Leid, Tod und Zerstörung, die unsere humanitäre Hilfe und Solidarität erfordern. Über ein weitverbreitetes Gefühl der Verunsicherung, der Überforderung und der Ohnmacht angesichts dieser Ereignisse dürfen wir andere Konflikte und Krisen auf dieser Welt nicht vergessen – allen voran den Klimawandel. Die Schäden an unserem gemeinsamen Haus Erde sind unübersehbar und es trifft ohnehin die Ärmeren am stärksten. In dieser Gemengelage erleben leider auch viele die Situation und Stimmung in unseren Seelsorgeeinheiten und Diözesen als herausfordernd und angespannt. Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt beschäftigt mich auf diözesaner Ebene wie auf der Ebene der Deutschen Bischofskonferenz Tag für Tag; viele sind aktiv eingebunden in Prävention, Intervention und Aufarbeitung. In unserem Erzbistum wird im April dazu der Bericht vorlegt, der Zusammenhänge und Verantwortlichkeiten klar benennen wird. Oder denken wir an den Synodalen Weg. Beim so genannten „Ad-limina- Besuch“ der deutschen Bischöfe in Rom, beziehungsweise in dem nachfolgenden weiteren Schriftverkehr, haben sich die römischen Dikasterien zu dem Prozess und den Themen dieses Synodalen Weges der Kirche in Deutschland eindeutig kritisch positioniert. Und wie lässt sich dieser Synodale Weg in unseren Diözesen verbinden mit dem von Papst Franziskus begonnenen synodalen Prozess, in dem die Anliegen verschiedener kirchlicher Akteure und Länder weltweit zusammengeführt und angegangen werden sollen? Ich bin mir bewusst, wie all diese Themen und Problemstellungen viele von Ihnen mit Sorge erfüllen, Wut auslösen und in wirkliche Bedrängnis bringen. Auf meinen Reisen, die ich in meiner Aufgabe als verantwortlicher Bischof für das bischöfliche Hilfswerk Misereor und für die Caritas in Ländern des so genannten globalen Südens unternehme, berührt und beeindruckt mich eines immer wieder von Neuem: Wie für Menschen, die in großer existentieller Bedrängnis leben, der Glaube an Christus, die Beziehung zu ihm, eine starke und verlässliche Kraftquelle ist. Das Spiel der Kinder vor baufälligen Behausungen oder neben der Müllhalde mögen für einen Moment die prekären Lebenslagen und Alltagsnöte in den Hintergrund drängen und vergessen lassen. Eine unverzichtbare Erfahrung, um dem Leben im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund zu gehen, bietet für viele die gemeinsame Feier des Gottesdienstes. Die Gegenwart des Herrn schafft Communio. Die erlebte, die stärkende Gemeinschaft lässt die Gottesdienst Feiernden zusammenhalten. Was mitgebracht wurde, und sei es noch so bescheiden, wird miteinander geteilt. Diesen Geist des Zusammenhaltens und des füreinander Einstehens, diesen Geist des Miteinanders erbitte ich vom Herrn auch für unser diözesanes Projekt der Kirchenentwicklung 2030, in dem wir uns befinden und in dem wir wichtige Entscheidungen und Weichenstellungen zu treffen haben. Mit diesem Projekt reagieren wir auf Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft, die auch die Lage unseres Erzbistums in vielfacher Hinsicht verändern. Diese Veränderungen lassen sich aber zum Besseren gestalten, wenn wir uns immer wieder an dem orientieren, der diese Kirche gewollt und ins Dasein gerufen hat: Jesus Christus. Oft wird mir die Frage gestellt, wie Kirchenentwicklung 2030 „geistlich“ gestaltet werden kann. Kurz geantwortet, indem wir alle auf Jesus Christus schauen. Stellen wir ihn bei all unseren Überlegungen und Handeln in den Mittelpunkt. So laufen wir nicht Gefahr, uns unsere „eigene“ Kirche zu erträumen, sondern wir entwickeln mit ihm das bereits Vorhandene weiter. Jesus Christus bleibt auch in Zukunft das Zentrum unseres Glaubens und Feierns. Eine Vereinzelung und die Konzentration auf Kleingruppen darf uns nicht genügen. Die gegenseitige Vernetzung und die immer wieder neue Erfahrung, als starke, hoffnungsvolle Glaubensgemeinschaft unterwegs zu sein, bleibt ein wichtiger und wesentlicher Bestandteil unseres Kircheseins.
Wir sind verpflichtet, überkommene, nicht mehr tragfähige Strukturen zu hinterfragen und diese gemeinsam zu verändern. Wir dürfen uns darin gegenseitig bestärken, unser Christsein, unsere Beziehung zu Christus, unsere Beziehungen untereinander zu leben.
Und vergessen wir diejenigen nicht einzubeziehen, die jetzt auf der Suche nach Christus sind. Setzen wir dazu die Prioritäten, die Jesus Christus im heutigen Evangelium benennt, indem er den drei Versuchungen widersteht.
Lösen wir uns zum einen von Allmachtsfantasien, von der Vorstellung, alles selbst machen zu können. Aus Steinen können wir kein Brot machen!
Zum anderen: Verabschieden wir uns von der Illusion, das eigene Leben völlig selbstbestimmt und ohne Rücksicht auf andere, gestalten zu können: Die Engel Gottes sind nicht dazu da, das Leid, das durch einen rücksichtslos gelebten Egoismus entsteht, einfach aufzufangen.
Und zum dritten: Wir wissen doch, dass Wohlstand und Reichtum allein kein glückliches Leben ermöglichen. Das erfahren wir alle früher oder später, wenn wir uns mit gesundheitlichen Problemen auseinanderzusetzen haben. Dienen wir nicht selbstgeschaffenen Götzen. Die Anbetung gilt Gott allein, von dem wir unser Leben geschenkt bekommen haben, und der Dienst unseres Lebens gilt ihm und dem Nächsten.
Diese drei Grundgedanken der Rückbindung an Gott sollen auch unsere Kirchenentwicklung 2030 begleiten. Wir sind in dieser Entwicklung schon einige Zeit unterwegs.
Die Raumplanung steht, das Prinzip der Subsidiarität greift. Denken wir an das Diözesanforum zurück, bei dem der Beschluss gefasst wurde, die Verwaltung mehr an den örtlichen Gegebenheiten auszurichten und dort anzugliedern. Weitere Überlegungen sind nötig, vor allem, um neben diesen sehr administrativen Belangen, die pastorale Arbeit und Neuausrichtung in den Blick zu nehmen. Dazu gehört die Sorge um den Mitmenschen, der auf Hilfe von an- deren angewiesen ist, d. h. der gesamte caritative Bereich, genauso wie die Anliegen derer, die aktiv das Leben in den Gemeinden und in der neuen Pfarrei mitgestalten und prägen. Alle unsere Bemühungen dürfen wir dabei im Vertrauen auf Jesus Christus und ermutigt durch seine Botschaft angehen. Er ermöglicht und befähigt uns zu einem Leben, das von seiner Liebe geprägt ist. Deshalb wünsche ich uns auch, dass wir in der gemeinsamen Feier der Eucharistie immer wieder die Erfahrung seiner lebendigen Gegenwart machen dürfen. Deshalb bleibt die Feier der Eucharistie, in der sich Christus ganz und gar an uns verschenkt, ein unaufgebbares und wesentliches Geschehen, aus dem heraus sich unsere Gemeinden auch in der neuen Pfarrei weiter aufbauen.
Mit dem lebendigen Jesus Christus in unserer Mitte verlieren wir nicht die Orientierung für den gemeinsamen Weg in die Zukunft. Unabhängig aller Bedrängnisse und Schwierigkeiten, die uns auf diesem Weg in die Zukunft begegnen, wir wissen um die Zusage Gottes: „In der Bedrängnis bin ich bei ihm“ (Ps 91, 15).
So segne Sie der dreifaltige Gott, + der Vater und + der Sohn und + der Heilige Geist!

Freiburg im Breisgau, am Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes,
dem 11. Februar 2023
                                                                             Ihr Erzbischof Stephan Burger

Aschermittwoch (22.02) - Gedanken zu Mt 6,1-6.16-18

„Tue Gutes und rede darüber“ – so lautete vor über 50 Jahren der Titel eines viel beachteten Buches, in dem es um gute Öffentlichkeitsarbeit geht (Georg-Volkmar Graf Zedtwitz-Arnim). Durchaus ein biblisches Prinzip, denn in der Bergpredigt empfiehlt Jesus ganz ähnlich: „Man zündet nicht ein Licht an und stellt es unter einen Scheffel. Man stellt es auf den Leuchter! (…) So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (vgl. Mt 5,15f). Gerade in Zeiten, in denen wir als Kirche mit einem fatal schlechten Image zu kämpfen haben, sollten wir uns vielleicht wieder stärker an diese Strategie erinnern. Und im Prinzip versuchen wir es ja, indem wir wider alle Kritik und die erdrückende Last der Kirchenaustritte, gegen die Diskussionen um Abschaffung von Staatleistungen und Kirchensteuer immer wieder auf das Gute verweisen, das die Kirchen doch tun: Kindergärten und Krankenhäuser, Schulen und Jugendarbeit, Caritas und so fort. Aber dann kommt Jesus, und stellt alle diese Strategien mit einem klaren Wort in Frage: „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zu tun, um von ihnen gesehen zu werden, sonst habt ihr keinen Lohn im Himmel zu erwarten!“ (Mt 6,1). Das heutige Evangelium beginnt mit dieser brutal klaren Aussage. So menschlich es ist, dass wir für das Gute, das wir tun, auch Anerkennung und Lob erwarten, so sehr wir uns als Menschen alle nach Anerkennung sehnen: Jesus verurteilt diese Sucht nach Lob und Anerkennung scharf und unmissverständlich – und das nur wenige Abschnitte nach dem schönen Wort vom Licht auf dem Leuchter, und unseren guten Taten, die alle Welt bewundernd sehen soll. In diesem Text, den die Liturgie bewusst Jahr für Jahr an den Anfang der österlichen Bußzeit stellt, macht Jesus deutlich: Christsein ist mehr als eine große globale PR-Strategie. Hier geht es nicht darum, wie wir in den Augen der Menschen, der Welt, wahrgenommen und geachtet werden. Es geht um viel Existentielleres: Es geht um eine neue Weltordnung. Diese Worte stehen im Kontext der Bergpredigt. Dort geht es um das Himmelreich, um das Reich Gottes und darum, dass es unsere Berufung als Christen ist, unsere gemeinsame Berufung als Kirche, am Aufbau dieses Reiches hier und jetzt tatkräftig mitzuwirken. Es geht nicht um uns, und unser Ansehen. Schon gar nicht um unser persönliches leibliches und geistliches Wohlbefinden – wer Fastenzeit versteht als eine Zeit, um sich selbst mal wieder runter zu holen, oder körperlich oder geistig zu entschlacken, hat nichts verstanden. Es geht um eine neue Welt, eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens, gegründet auf den Prinzipien der Seligpreisungen. Es geht nicht um einen Kurs zur spirituellen Runderneuerung meiner selbst in 40 Tagen, sondern um eine neue Welt! Hierzu empfiehlt Jesus drei schlichte Grundübungen: Almosen geben, Gebet und Fasten. An der Stelle wird dann Jesus tatsächlich sehr konkret und lebenspraktisch. Er empfiehlt jetzt keine großen globalen Strategien zur Krisenprävention, Welternährungsprogramme oder Wirtschaftsforen. Eine neue Weltordnung, das macht Jesus hier deutlich, fängt bei mir an. Bei jedem Einzelnen. Eine neue Weltordnung ist nicht der Job der Politiker und Staatenlenker zuerst, sondern sie beginnt im Herzen eines jedes Einzelnen. Deshalb müssen wir zuerst uns verändern, um die Welt zu verändern. Und zwar von Grund auf. Im Grunde sind diese drei Übungen eine Konkretisierung und Einübung in dieses Grundgebot, der Magna Charta für das Reich Gottes: Während ich mich im Gebet auf Gott ausrichte, mich in seiner Liebe festmache, ist das Almosen-geben eine Form der Liebe zum Nächsten und richtet das Fasten schließlich den Blick auf mich selbst. Drei Vorsätze für die Fastenzeit – um anzufangen mit jener Haltung, die eine neue Welt begründen kann.

Alois Balint